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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Endlich war das Kind eingeschlafen, den neuen Teddy fest an sich gedrückt. Die blonden Löckchen des kleinen Mädchens vermischten sich mit der flauschigen Pracht des Plüschtieres, dessen funkelnagelneue Schönheit noch nicht unter den Liebkosungen seiner Besitzerin gelitten hatte. Sogar die himmelblaue Halsschleife besaß der Teddy noch. Sie war allerdings bereits ein wenig zerknittert, denn Silvi hatte darauf bestanden, sie herunterzunehmen und selbst frisch zu binden. Valerie Pammer blickte zärtlich auf ihr schlummerndes Töchterchen, dessen rundliche Wangen rosig angehaucht waren, zog die Decke ein Stück höher, knippste die Lampe aus und schlüpfte leise aus dem Kinderzimmer. Doch zugleich mit dem Schließen der Tür erlosch das Lächeln in ihren blauen Augen. Im Wohnraum duftete der Tannenbaum nach Weihnachten, Behaglichkeit und Familienglück. Zerrissenes Geschenkpapier und Goldbänder lagen auf dem Fußboden, auf dem Silvi ihre Päckchen ausgewickelt hatte. Die junge Frau bückte sich mechanisch, hob das Papier und die Bänder auf, zerknüllte alles und warf diese kümmerlichen Überbleibsel des Weihnachtsabends in den Papierkorb, den sie selbst vor ungefähr einem Monat aus einer Waschpulvertonne und einem Tapetenrest gebastelt hatte. Wie heiter und zuversichtlich war sie damals gewesen! Gewiss, sie hatte sparen müssen. Zwei Hemden, eine Krawatte und der selbstgebastelte Papierkorb waren die einzigen Geschenke gewesen, die sie Oskar hatte bieten können, aber er hätte sich darüber gefreut. Er hätte gelacht und sie in die Arme geschlossen. Dann hätte er ihr sein Geschenk in die Hand gedrückt, das sich wahrscheinlich als kostspieliges, überflüssiges und ganz und gar unnützes Ding entpuppt hätte. Valerie setzte sich neben die moderne lederbezogene Wohnzimmerbank, für
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Endlich war das Kind eingeschlafen, den neuen Teddy fest an sich gedrückt. Die blonden Löckchen des kleinen Mädchens vermischten sich mit der flauschigen Pracht des Plüschtieres, dessen funkelnagelneue Schönheit noch nicht unter den Liebkosungen seiner Besitzerin gelitten hatte. Sogar die himmelblaue Halsschleife besaß der Teddy noch. Sie war allerdings bereits ein wenig zerknittert, denn Silvi hatte darauf bestanden, sie herunterzunehmen und selbst frisch zu binden.
Valerie Pammer blickte zärtlich auf ihr schlummerndes Töchterchen, dessen rundliche Wangen rosig angehaucht waren, zog die Decke ein Stück höher, knippste die Lampe aus und schlüpfte leise aus dem Kinderzimmer. Doch zugleich mit dem Schließen der Tür erlosch das Lächeln in ihren blauen Augen.
Im Wohnraum duftete der Tannenbaum nach Weihnachten, Behaglichkeit und Familienglück. Zerrissenes Geschenkpapier und Goldbänder lagen auf dem Fußboden, auf dem Silvi ihre Päckchen ausgewickelt hatte.
Die junge Frau bückte sich mechanisch, hob das Papier und die Bänder auf, zerknüllte alles und warf diese kümmerlichen Überbleibsel des Weihnachtsabends in den Papierkorb, den sie selbst vor ungefähr einem Monat aus einer Waschpulvertonne und einem Tapetenrest gebastelt hatte. Wie heiter und zuversichtlich war sie damals gewesen! Gewiss, sie hatte sparen müssen. Zwei Hemden, eine Krawatte und der selbstgebastelte Papierkorb waren die einzigen Geschenke gewesen, die sie Oskar hatte bieten können, aber er hätte sich darüber gefreut. Er hätte gelacht und sie in die Arme geschlossen. Dann hätte er ihr sein Geschenk in die Hand gedrückt, das sich wahrscheinlich als kostspieliges, überflüssiges und ganz und gar unnützes Ding entpuppt hätte.
Valerie setzte sich neben die moderne lederbezogene Wohnzimmerbank, für die sie noch drei Jahre lang die Raten zu zahlen haben würde und starrte auf die kleine Tanne, die sie am Abend zuvor heimlich und in aller Eile, damit Silvi nichts davon merkte, geschmückt hatte. Jetzt, da Silvi schlief und sie allein war, drohte sie der Kummer zu überwältigen. Sie fühlte sich unendlich einsam und verlassen. Erinnerungen zogen schmerzlich an ihr vorüber. Beschämt dachte sie daran, dass sie Oskar beinahe einmal gehasst hatte. Sie hatte ihm seine Leichtfertigkeit, seine Unbeständigkeit und seine Gewohnheit, nichts und niemanden ernst zu nehmen, stets vorgeworfen. Doch Oskar hatte zu ihren Vorwürfen nur gelacht, sie geküsst und seine Liebe versichert. Oft und oft hatte er ihr versprochen, sich zu ändern, sich dem Ernst des Lebens zu stellen und sich eine ordentliche und vor allem gut bezahlte Arbeit zu suchen. Aber leider war er unfähig gewesen, seine Versprechen zu halten.
Als Valerie ihren Mann vor sechs Jahren kennengelernt hatte, war sie noch nicht zweiundzwanzig und er nur ein Jahr älter gewesen. Oskar hatte damals Theaterwissenschaft studiert, jedoch ohne Aussicht auf einen baldigen erfolgreichen Abschluss. Diese Tatsache hatte er ihr verschwiegen, obwohl sie so in ihn verliebt gewesen war, dass sie ihn unter allen Umständen geheiratet hätte. Und sie hatten geheiratet, knapp zwei Monate, nachdem sie einander zum ersten Mal begegnet waren. Zehn Monate später war dann Silvi auf die Welt gekommen. Es war ein Ereignis gewesen, das der frischgebackene Vater freudig, die Mutter ein wenig zwiespältig begrüßt hatte. Inzwischen war Valerie nämlich bereits klar geworden, dass Oskars Studium ein brotloses Unterfangen war und dass der monatliche Scheck, den er von seinem verwitweten Vater erhielt, drei Personen auf Dauer nicht ernähren konnte. Und dann war Oskars Vater gestorben. Erst später hatte Valerie erfahren, dass ihr Schwiegervater schon längere Zeit krank gewesen war und dass sein Ableben daher für Oskar keineswegs überraschend gekommen war. Dies war der Anlass für ihren ersten Streit mit ihrem Mann gewesen.
»Wenn du gewusst hast, dass dein Vater krank ist – schwer krank ist –, warum hast du dich dann nicht mit deinem Studium beeilt?«, hatte sie Oskar vorgeworfen.
Oskar hatte etwas von widrigen Umständen gemurmelt, von altmodischen Professoren, die bei Prüfungen ausgerechnet das verlangten, was einen jungen aufgeschlossenen Menschen nie und nimmer interessiere, und hatte schließlich erklärt, dass ihm sein Studium ohnedies auf die Nerven ginge und dass er sich nach etwas anderem umsehen würde. Ein halbes Jahr lang hatte er dann einen Programmierkurs besucht, den er jedoch eines Tages trocken und langweilig und seiner Art von Intelligenz nicht würdig gefunden hatte.
»Ich bin eben kein Zahlenmensch«, hatte er zu Valerie gesagt. »Ich halte das nicht länger aus. Eine schöpferische Tätigkeit würde mir viel eher liegen, oder – wenn schon nicht schöpferisch – vielleicht könnte ich es als Schauspieler versuchen?«
Valerie hatte zu dieser Ankündigung resigniert geschwiegen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie noch in München gewohnt, in der alten Wohnung, in die sie nach dem Tod ihres Schwiegervaters gezogen waren, nachdem Oskars älterer Bruder Gottfried ihnen die Wohnung überlassen hatte. Gottfried war Junggeselle. Er hatte bei seinem Vater gelebt und war nach dessen Tod nach Maibach übersiedelt.
Valeries Schwiegervater hatte beiden Söhnen etwas Geld hinterlassen, und Gottfried hatte seinen Anteil in einen Autosalon in Maibach gesteckt, in dem er seitdem als Teilhaber arbeitete. Oskar war hingegen drauf und dran gewesen, seinen Teil der Erbschaft restlos zu verschwenden. Da hatte Valerie durch ihren Schwager von den neuerbauten Eigentumswohnungen in Roggendorf gehört, einem kleinen Ort in der Umgebung von Maibach. Es hatte für sie einen ziemlichen Aufwand an Energie und Überredungskunst bedeutet, Oskar zum Kauf einer solchen Wohnung zu überreden. Insgeheim hatte sie gehofft, dass er in einer neuen Umgebung endlich zu sich selbst finden würde. Sie hatte dem Leben in der Großstadt, Oskars Freunden und Bekannten die Schuld an der Haltlosigkeit ihres Mannes gegeben. Er hatte inzwischen ein paar kleinere Rollen und dann sogar eine Hauptrolle in einem Kellertheater gespielt, aber das finanzielle Ergebnis war gleich Null gewesen. Schließlich hatte er eingesehen, dass es so nicht weitergehen konnte, dass er für seine Familie sorgen musste und dass ihm möglicherweise ein Ortswechsel gut bekommen würde.
So waren sie nach Roggendorf gezogen. Oskar hatte mit dem Plan, eine Bienenzucht zu gründen, geliebäugelt, doch Valerie hatte ihm diese Idee ausgeredet. Oskar war kein halsstarriger Mensch gewesen. Er hatte sich im Gegenteil nur allzuleicht beeinflussen lassen, und leider nicht nur von Valerie. Er war neuen Ideen gegenüber stets aufgeschlossen, doch zugleich sprunghaft und unzuverlässig, jedoch über alle Maßen optimistisch.
Nachdem das von Oskars Vater hinterlassene Geld verbraucht war, hatte Valerie sich gezwungen gesehen, für den Unterhalt der kleinen Familie aufzukommen. Hätte sie sich auf die Einkünfte ihres Mannes verlassen, wären sie wahrscheinlich alle drei verhungert. Oskar hatte der Reihe nach verschiedene Berufe ausprobiert. Er hatte als Reiseleiter, Fotoreporter und Versicherungsvertreter gearbeitet, aber nichts hatte ihm auf die Dauer Befriedigung verschafft.
Valerie, die, um bei ihrem Kind bleiben zu können, eine Heimarbeit angenommen hatte, hatte ihrerseits das Nähen von immer gleichartigen, bereits fertig zugeschnittenen Kleidungsstücken auch nicht gerade sinnvoll und befriedigend gefunden, aber sie hatte sich nicht beklagt. Es hatte zwar Zeiten gegeben, in denen Oskar nicht schlecht verdient hatte, aber dieses Geld war meist rasch ausgegeben gewesen. Valerie hatte längst gelernt, dass Vorwürfe bei ihrem Mann nichts fruchteten. Oskar gab sich dann zwar zerknirscht, aber er schüttelte diese Zerknirschung rasch wieder ab und blickte voll Optimismus in die Zukunft, in der es seiner Ansicht nach von günstigen Gelegenheiten nur so wimmelte.
Noch kurz vor seinem Tod hatte Oskar aufgeräumt davon geschwärmt, dass sich für die Familie bald alles ändern würde. Sie würden reich werden, es würde Geld in Hülle und Fülle da sein, sodass sie sich einen neuen Wagen, ein Motorboot, Reisen und eine Menge anderer Dinge würden leisten können.
Während Valerie jetzt daran dachte, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Nicht deshalb, weil sie um den verlorenen Reichtum trauerte, daran hatte sie sowieso nicht geglaubt, das war nur eines von Oskars Hirngespinsten gewesen, sondern weil die Sehnsucht nach Oskar sie überwältigte. Gewiss, sie hatte es nicht leicht mit ihm gehabt. Sie hatte manchmal geglaubt, angesichts seiner leichtsinnigen Sorglosigkeit zerspringen zu müssen – aber er war trotz allem ihr Mann gewesen. Ohne ihn war das Leben leer und öd.
Valerie schrak zusammen. So durfte sie nicht denken. Sie hatte ja noch Silvi. Dem Kind zuliebe musste sie mit dem Verlust, der sie getroffen hatte, fertig werden. Sie durfte nicht in Trübsinn verfallen. Oskar wäre der Letzte gewesen, der so etwas von ihr gewünscht hätte. Aber er hatte ja auch nicht damit gerechnet, dass er sterben würde. Beinahe bis zuletzt hatte er die Lungenentzündung, die ihn befallen hatte, auf die leichte Schulter genommen und als geringfügige Erkältung abgetan.
Valerie seufzte. Diese Haltung war so typisch für Oskar gewesen. Zuerst war er, nur mit einem dünnen Pullover gekleidet, eislaufen gegangen. Dieser Ausflug hatte von vornherein ihr Unbehagen erregt, denn Oskars Ziel war der zugefrorene Waldsee gewesen, der in den Wäldern zwischen Wildmoos, Bachenau und Roggendorf lag. Valerie hatte befürchtet, dass das Eis noch nicht tragfähig sein würde, aber Oskar hatte ihre Bedenken lachend zerstreut und war mit Silvi losgezogen.
Valerie hatte das Kind in eine warme Jacke eingehüllt, eine Vorsichtsmaßnahme, die Oskar zu gutmütigem Spott veranlasst hatte.
»Du solltest auch etwas Wärmeres anziehen!«, hatte Valerie darauf mit einiger Schärfe reagiert.
Aber Oskar hatte nur gelacht und seine Frau eine überbesorgte Gluckhenne genannt. Daraufhin hatte Valerie geschwiegen und ihren Mann gehen lassen.
Später hatte sie ihre Nachgiebigkeit bereut und sich Vorwürfe gemacht. Warum hatte sie Oskar nicht länger zugeredet, sich wärmer anzuziehen? Aber wie hätte sie ahnen sollen, dass Oskar sich an diesem Nachmittag den Tod holen würde? Er war normalerweise nicht empfindlich, und es war an diesem Tag auch nichts Außergewöhnliches passiert. Das Eis hatte gehalten, Oskar und Silvi waren am späten Nachmittag vergnügt nach Hause gekommen. Erst gegen Abend hatte Oskar über plötzlichen Schüttelfrost geklagt, aber er war weit davon entfernt gewesen, diesem Anzeichen eine ernste Bedeutung beizumessen. Er war am nächsten Tag sogar ziemlich zeitig aufgestanden und nach Maibach gefahren, um seinen Bruder Gottfried zu besuchen. Er hatte sich an diesem Morgen ganz offensichtlich in einer besonderen Hochstimmung befunden.
Valerie biss sich auf die Lippen, als sie sich jetzt die Situation vergegenwärtigte.
»Er muss bereits hohes Fieber gehabt haben. Ich hätte ihn zwingen müssen, im Bett zu bleiben«, sagte sie leise vor sich hin. Sie sah Oskar vor sich, wie er die Zeitung, die sie ihm ans Bett gebracht hatte, plötzlich von sich warf, aufsprang und sie stürmisch umarmte. Das war der Augenblick gewesen, als er von dem künftigen Reichtum gesprochen hatte, ohne ihr allerdings zu verraten, woher dieser Reichtum kommen sollte. Er hatte ein geheimnisvolles Gesicht gemacht und war im Badezimmer verschwunden.
»Es waren Fieberfantasien«, seufzte Valerie und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Dann stand sie auf und rückte einige der halbabgebrannten Kerzen, die sich zur Seite geneigt hatten, zurecht. Dabei fiel ihr Blick auf den mit Wasser gefüllten Eimer, den sie vorsorglich bereitgestellt hatte, um den etwa in Brand geratenden Christbaum damit zu löschen. Wie hätte Oskar über diese Vorsichtsmaßnahme gelacht!
In Gedanken daran lächelte auch Valerie, dann aber stiegen erneut Tränen in ihre Augen. Wie wunderbar waren die vergangenen Weihnachtsfeste gewesen – und wie trostlos dagegen dieser Abend.
Der Wassereimer war für Valerie plötzlich ein Zeichen ihrer eigenen Hilflosigkeit, denn seit Oskars Tod war sie ängstlich und furchtsam und witterte überall neues Unheil. Entschlossen trug sie den Eimer in die Küche und schüttete seinen Inhalt in den Ausguss. Es war nichts geschehen. Keine Kerzen hatten das Zimmer in Brand gesetzt.
Valerie wusch das Geschirr ab und bemühte sich, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Silvi hatte sich über den Teddy und die anderen Geschenke sichtbar gefreut. Morgen würden sie zusammen nach Maibach fahren und sich in einem der Kinos eine Märchenvorstellung ansehen. Sie würden mit dem Bus fahren müssen, denn sie, Valerie, hatte Oskars Auto verkauft.
Aber die Fahrt mit dem Bus hat einen Vorteil, dachte Valerie. Sie dauert länger, und der Kinobesuch wird so den ganzen Nachmittag in Anspruch nehmen. Es wird mir keine Zeit bleiben, an vergangenes Jahr zu denken und Vergleiche zu ziehen.
Valerie zuckte schuldbewusst zusammen. Schon wieder bemitleidete sie sich selbst. Sie spürte, dass dieses Selbstmitleid auf die Dauer falsch war. Sie musste mit ihrem Schicksal fertigwerden. Schließlich besaß sie ein Kind, das ihrem Leben einen besonderen Sinn gab.
Auf Zehenspitzen schlich Valerie in das Kinderzimmer. Durch die offene Tür fiel ein Lichtstreifen auf Silvis Bett. Das Kind hatte sich auf die Seite gedreht und dabei den Teddy losgelassen, der jetzt auf dem Boden lag. Valerie hob ihn auf und setzte ihn vorsichtig neben Silvis Kopfpolster. Dann strich sie die blonden flaumigen Löckchen aus Silvis Stirn. Das Kind murmelte daraufhin etwas Unverständliches und rollte sich zusammen. Valerie blieb regungslos stehen, in die Betrachtung ihres schlafenden Töchterchens versunken.
*
Die Feiertage waren verstrichen. Sie waren schneller vorbeigegangen, als Valerie angenommen hatte. Am Dreikönigstag hatte sie den Weihnachtsbaum abgeräumt und den Glasschmuck in einen Karton verstaut. Dass von dem essbaren Behang nichts übrig geblieben war, dafür hatte Silvi gesorgt.
Drei Tage nach Weihnachten hatte es zu schneien begonnen, und Valerie war mit Silvi ein paarmal rodeln gewesen. Silvi hatte ihre Mutter gedrängt, mit ihr auch eislaufen zu gehen, aber das hatte Valerie nicht über sich gebracht. Obwohl Oskar sich auch bei anderen Gelegenheiten die verhängnisvolle Lungenentzündung hätte zuziehen können und obwohl die Krankheit erst einige Tage später richtig zum Ausbruch gekommen war, hielt Valerie das Eislaufen auf dem Waldsee für die eigentliche Ursache von Oskars Tod.
Valeries Schmerz war nach wie vor groß, aber sie hatte sich mit dem Unabänderlichen abgefunden. Außerdem war da noch Silvi, die unter dem Verlust ihres Vaters mindestens ebenso litt wie Valerie unter dem ihres Mannes. Als Ehemann hatte Oskar einige Fehler gehabt, als Vater hingegen keinen einzigen. Sein mangelhaftes Streben nach beruflichem Erfolg hatte ihm massenhaft Zeit gelassen, sich mit seinem Kind zu beschäftigen. Für Silvi hatte er immer Zeit und Muße gehabt, und das kleine Mädchen hatte in seinem Vater den besten Spielgefährten besessen. Oskar war unbekümmert genug gewesen, auf alle kindlichen Streiche von Silvi vorbehaltlos einzugehen, und diese Eigenschaft fehlte Valerie. Sie war bestrebt, immer für Silvi dazusein und sich mit dem Kind zu beschäftigen, wenn Silvi danach verlangte, doch gleichzeitig musste sie ihre Arbeit termingerecht abliefern. Im Moment gab es Berge von Ballkleidern zu nähen, an denen Valerie bis tief in die Nacht hinein arbeitete. Am Morgen war sie dann unausgeschlafen und konnte nur mit Mühe ihre Gereiztheit unterdrücken. Zum Glück war Silvi folgsam und brav, obwohl sie noch kein Verständnis dafür aufbringen konnte, dass ihre Mutter von der vielen Arbeit überfordert war.
»Warum gehst du nicht schlafen?«, fragte Silvi eines Abends, als Valerie gähnend und mit rot umränderten Augen vor der Nähmaschine saß.
»Ich kann nicht. Ich muss das hier fertig machen. Morgen werden die letzten fünf Ballkleider abgeholt. Und ich muss noch die Reißverschlüsse einnähen und die Träger mit der Hand festnähen.« Valerie verstummte und seufzte. »Hast du dich ordentlich gewaschen und die Zähne geputzt?«, erkundigte sie sich dann.
Silvi nickte.
»Dann geh zu Bett«, sagte Valerie, ohne nachzuprüfen, ob Silvis Hals wirklich sauber war. Dazu war sie diesmal einfach zu müde.
Nachdem die Firma, die Valerie beschäftigte, die Ballkleider hatte abholen lassen, hatte die junge Frau genügend Zeit, sich auszuschlafen. Silvi registrierte diese Tatsache mit Befriedigung, aber Valerie schüttelte besorgt den Kopf. »Nein, ich bin nicht froh, dass ich so wenig zu tun habe«, erklärte sie ihrer Tochter. »Bis nächste Woche habe ich nur zwei Kleider zu nähen, und das ist zu wenig. Davon können wir nicht leben. Sie haben mir zwar versprochen, dass im März, wenn das Frühjahrsgeschäft beginnt, mehr zu tun sein wird, aber bis März dauert es noch lange.«
Valerie stockte. Es war sinnlos, dem Kind von diesen Sorgen zu erzählen. Silvi konnte sie nicht begreifen. Und im Grunde genommen waren es die gleichen Sorgen wie früher. Nur war sie selbst früher von Oskars Optimismus stets irgendwie angesteckt worden. Er hatte sich strikt geweigert, die Möglichkeit, eines Tages keinen Cent mehr im Hause zu haben, überhaupt in Erwägung zu ziehen.
Eines Tages trat jedoch für Valerie ein unvorhergesehener Glücksfall ein. Zuerst erschrak sie, als das Telefon unvermutet läutete. Sie hatte nur wenige Bekannte und erwartete keinen Anruf. Auch als sich am anderen Ende eine wohlklingende Frauenstimme meldete, war sie anfangs ratlos.
»Hier ist das Kinderheim Sophienlust. Von Schoenecker«, sagte die Stimme.
Valerie schwieg und wartete ab.
»Unsere Hausschneiderin ist von einem Tag auf den anderen erkrankt«, fuhr Denise von Schoenecker fort. »Sie hat mir Ihren Namen und Ihre Telefonnummer genannt und gemeint, dass Sie vielleicht für sie einspringen könnten. Es geht vor allem um Änderungen. Außerdem brauchen die Mädchen neue Nachthemden und Morgenröcke. Hätten Sie Lust, herüberzukommen und sich einmal den Stoff anzuschauen? Haben Sie einen Wagen oder soll ich Sie abholen lassen?«
»Ich – ja, bitte. Nein – einen Augenblick«, stotterte Valerie verwirrt. Das Angebot kam ihr äußerst gelegen, obwohl sie sich wunderte, dass die Hausschneiderin von Sophienlust ausgerechnet sie empfohlen hatte. Sie kannte diese Frau nur flüchtig. Mehr als gelegentlich ein paar Worte beim Kaufmann hatte sie nicht mit ihr gewechselt. Aber es war nett von der Frau, sie vorzuschlagen, nur – wo sollte sie Silvi unterbringen? Die von Frau von Schoenecker erwähnten Änderungen setzten häufige Anproben voraus, und sie würde sich die Arbeit kaum mit nach Hause nehmen können. Für einen oder zwei Tage würde sie die Nachbarin bitten können, auf Silvi aufzupassen, aber falls es länger dauern sollte …
»Über die Bezahlung können wir erst reden, wenn Sie sich die Sachen angesehen haben«, unterbrach die Stimme am Telefon Valeries Gedankengang. »Ich weiß ja nicht, was Sie für die Änderungen verlangen.«
»Oh, es ist nicht die Bezahlung«, sagte Valerie, die wusste, dass sie in Sophienlust auf alle Fälle besser bezahlt werden würde als von der Firma, für die sie gewöhnlich arbeitete. »Es ist wegen Silvi. Ich habe nämlich eine kleine Tochter.«
»Ihre Tochter können Sie selbstverständlich mitbringen«, sagte Denise von Schoenecker sofort.
»Aber …, aber wird das Kind Sie nicht stören?«, wandte Valerie ein. »Ich kann nicht gleichzeitig nähen und auf Silvi achten. Sie ist zwar brav, aber …«
