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Schlager, Mörder & Mallorca - Vicky ist eine begabte Sängerin mit einem klaren Plan: erst einen Schlager-Contest auf Mallorca gewinnen. Und dann den Schlagern Adieu sagen, um künftig nur noch die eigene Musik machen zu können. Doch das Leben hat anderes mit ihr vor. Völlig überraschend soll sie Millionen erben, von ihrem Vater, den sie nie kenngelernt hat. Aber dessen fieser Bruder will das Erbe auch und hat schon seine Profi-Killer auf die Spur der Konkurrentin gesetzt. Und so kämpft Vicky plötzlich nicht mehr nur auf der Bühne um den Sieg, sondern ganz real und schlicht ums Überleben ...
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Seitenzahl: 371
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Für Philip, Tim, Nico und Kerstin
Teil I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Teil II
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Teil III
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Teil IV
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Ein Krokodil? Im Maschsee?
Herbert fuhr sich erschrocken über das verschwitzte Gesicht.
Er betrachtete die halbleere Weinflasche in seiner Hand.
Daran lag es nicht. So betrunken war er nicht.
›Und wenn du mir die Sonne schenkst ...‹
Das alte Kofferradio neben ihm auf der Bank schickte ihm eine kraftvolle Frauenstimme ins Ohr. Herbert blickte wieder auf den See. Die leise plätschernden Wellen funkelten die Sonnenstrahlen des Frühsommers zu ihm herüber.
›... dann wärmt sie unsere Liebe‹
Nein, das war kein Krokodil.
›... unsere Liiiiebeee‹
Die Stimme des Moderators löste die Sängerin ab.
»Wunderbar! Leute! Ist sie nicht wun – der – bar? Unsere neue Schlagerhoffnung Inga Sommer mit ihrer ersten Single ›Sonnenliebe‹. Sie ist ...«
Herbert schaltete ab. Er stand auf und ging an das grasbewachsene Ufer. Nachdenklich kraulte er seinen verfilzten weißen Bart.
Ein Menschwar das.
Eindeutig.
Seine nackten Arme und Beine und der Hinterkopf waren zu erkennen. Der Körper trieb direkt auf Herbert zu.
Ob jemand mit einem Handyin der Nähe war, um die Bullen zu rufen? So was besaß Herbert nicht. Das wollte er auch nicht, selbst wenn er das Geld dafür gehabt hätte. Viel zu riskant. Die anderen waren scharf auf die Dinger. Um da ranzukommen, würden die ihn kaltmachen, wenn er nachts unter einer Brücke schlief. So schlau war es auch nicht, die Polizei zu holen. Denn was würden die mit ihm machen? Ihn von hier verscheuchen, seinem kühlen Lieblingsort an heißen Tagen? Oder ihn verdächtigen, dass er den Typen ins Wasser gestoßen hatte?
Die Entscheidung wurde ihm abgenommen.
»Hey, seht ihr das? Da treibt einer im Wasser!« Die Stimme gehörte einem jungen Mann mit Sonnenbrille und Jeansshorts, der ein paar Meter neben Herbert ans Ufer lief. Er schoss erst mit dem Handy ein Foto von der Leiche, dann telefonierte er.
»Hallo? Polizei? Hier schwimmt ein ...«
›Toter imMaschsee‹
Hugo Frankenhausers Augen verschlangen die Schlagzeile auf der ersten Seite der HANNOVERSCHEN ALLGEMEINEN ZEITUNG. Er grinste. Der Tag fing gut an.
›Nach ersten Ermittlungen handelt es sich bei dem Toten um den
Bauunternehmer Joachim Frankenhauser (71).‹
Klar war das sein Bruder. Niemand wusste das so gut wie Hugo. Und die Polizei wusste es auch. Einer seiner Kontaktleute bei den Bullen hatte ihm die Identifikation bereits gesteckt. Hugo warf die Zeitung auf den gläsernen Schreibtisch. Er stand auf, krempelte sich die Ärmel seines weißen Oberhemdes hoch und ging in dem abgedunkelten Büro auf und ab.
Joachim. Pah! Was hatte der jetzt von seinem Ingenieursdiplom mit Auszeichnung, seinem Bauimperium, das bis in die USA reichte, und seinen Millionen? Nach seinem finalen Tauchgang gar nichts mehr. Der arrogante Fatzke. Dieser Großkotz. Immer wieder hatte Joachim geprahlt, wie clever er in seinem Business war und wie viele Millionen ihm das eingebracht hatte. Und obendrauf hatte er Hugo gönnerhaft ungefragt Ratschläge gegeben, so wie vor ein paar Wochen im PHILADELPHIA, einem dieser noblen Fresstempel, in die Joachim so gern gegangen war. Wie immer hatte er den Oberlehrer gespielt.
»Hugo, ich weiß doch, dass deine Läden nicht mehr gut laufen. Klar, die Offensiven von BURGER KING und MCDONALDS waren ja auch überwältigend erfolgreich.«
»Du erzählst mir nichts Neues«, hatte Hugo geknirscht. Heiße Wut war in ihm aufgestiegen. Er hatte verstohlen einen Blick auf das Messer neben seinem Teller geworfen. Das war für sein Kalbsfilet gedacht. Aber es war scharf genug gewesen, um problemlos durch Joachims schickes schneeweißes Hemd zu schneiden. Der hatte weiter geschwafelt.
»Warum lässt du die ganze Fast-Food-Geschichte nicht einfach? Kredite bekommst du bei der gastronomischen Konkurrenz momentan sicher nicht. Verkauf doch. Fang an zu leben.«
Joachim hatte gelacht und die Arme ausgebreitet, während Hugo ihn ganz einfach erwürgen wollte. Mit der Krawatte. Das war auch eine Möglichkeit, Joachim am Weiterreden zu hindern.
»Du könntest ja wieder als Anwalt arbeiten. Denn ganz ehrlich, Brüderchen: So schön die Idee mit deinen TASTY-Läden auch war, aber das wirst du nicht mehr schaffen.«
Nur die Anwesenheit der anderen Gäste und des Personals hatte Hugo in diesem Augenblick daran gehindert, sich auf seinen Bruder zu stürzen.
Hugos Handy vibrierte und holte ihn aus der Erinnerung.
Karl rief aus München an.
»Karl! Na endlich. Habt ihr alles erledigt? Ist er tot?«
»Klar, Chef. War kein Problem. Der Typ hatte zwar sechs Bodyguards. Echt! Sechs! Aber die haben wir auch geschafft. Und dieser ... dieser ... äh ...«
Karl hatte die Angewohnheit, die Namen der Leute, die er beseitigte, sofort wieder zu vergessen.
»Makri.«
Im Gegensatz zu Karl würde Hugo den Namen Anatol Makri bestimmt noch eine Weile im Gedächtnis behalten. Immerhin war der lange Zeit sein schärfster Konkurrent in der deutschen Fast-Food-Branche gewesen.
»Drei Schüsse in die Brust, Chef. Aber die hat der weggesteckt. Der ist einfach stehen geblieben und hat uns dumm angeglotzt. Aber dann – Peng! Noch einen zwischen die Augen. Wir wollten das ja nicht in die Länge ziehen.«
»Und die Leichen?«
»Alle weg, Chef. Verbrannt und dann ...«
»Jaja, okay. Das will ich gar nicht wissen. Hauptsache, ihr habt keine Spuren hinterlassen.«
»Nee, Chef. Wir sind doch Profis.«
Hugo seufzte leise.
»Gut. Kommt mit der Bahn zurück, nicht mit dem Flugzeug. Das können die Bullen besser checken, falls die nach euch fahnden. Und hier gibt es dann Bares für euch, wie immer. Alles klar?«
»Verstanden, Chef.«
Hugo unterbrach die Verbindung.
Was für ein Tag! Er schüttelte ein wenig ungläubig den Kopf.
Durch den Tod von Anatol Makri hatte er endlich die Chance, auch die Münchner Region mit seinen TASTY-Schnellrestaurants zuzupflastern. Ein Schritt weiter zu seinem Ziel, Deutschlands Fast-Food-König zu werden.
Hugo verzog das Gesicht. Dumm nur, dass Joachim das nicht mehr miterlebte. Hugo hätte seinem Bruder damit gewaltig ans Bein gepinkelt. Der hätte sein Maul nicht mehr so arrogant aufgerissen. Aber noch war Hugo nicht an der Spitze. Er stand immer noch metertief in den roten Zahlen, weil seine Einnahmen in den vergangenen Jahren brutal eingebrochen waren. Die Verluste gingen mittlerweile in die Millionen.
Er griff noch einmal zur Zeitung und blickte auf die Todesnachricht über seinen Bruder. Wieder schob sich ein Grinsen in Hugos Gesicht. Er schritt zur Fensterfront, blickte hinunter auf die Straße und überließ sich einen Moment den brodelnden Geräuschen der erwachten Stadt. Dann holte er aus einer Schreibtischschublade die Flasche GRAND PLAISIR, die er sich an diesem Morgen zur Feier des Tages besorgt hatte. Er köpfte sie und trank gleich aus der Flasche. Kein besonders guter Champagner, aber Hauptsache Champagner. Schließlich gab es tatsächlich etwas zu feiern.
Denn ab sofort brauchte sich Hugo über seine Miesen auf dem Konto keine Sorgen mehr zu machen – weil er erben würde. Er war Joachims nächster Verwandter. Andere Geschwister oder irgendwelche Kinder gab es nicht. Seine Eltern waren vor über zehn Jahren gestorbenen. Und eine Ehefrau war auch nicht im Spiel. Von der hatte sich Joachim vor ein paar Jahren scheiden lassen. Niemand war da, dem Joachim etwas hinterlassen konnte, außer seinem kleinen Bruder.
Wie viel würde er bekommen? Wenn Joachim ihn nicht enterbt hatte – alles. Und wenn er das gemacht hatte, war mindestens der Pflichtteil drin. Das waren schätzungsweise 8 oder 10 Millionen. Ohne das verhindern zu können, würde sein Bruder die TASTY-Kette und all das retten, was sich Hugo in deren Hinterzimmern aufgebaut hatte. Er würde noch heute seinen Anspruch auf das Erbe anmelden. Und dann würde das Geld bald auf dem verdurstenden Konto landen. Das war Hugos gutes Recht. Daran konnte niemand etwas ändern.
Ein Auflachen schüttelte Hugos kurzen, stämmigen Körper.
Ja, genau. Was sollte jetzt noch passieren?
Was!?
Max trat mit voller Kraft auf die Bremse seines alten hellblauen VW-Busses. Der Wagen kam mit einem Ruck zum Stehen, der Max in den Gurt schleuderte. Zehn Zentimeter weiter, und er wäre in den weißen SUV gerammt, der sich vor ihm geschmeidig in die Parklücke drängelte.
Er legte den Rückwärtsgang ein, um einen anderen freien Parkplatz des Hinterhofes anzusteuern. Diesmal war niemand schneller.
Max schluckte seine Wut hinunter, zumal er aus der Fahrweise und dem Ort des Geschehens schlussfolgerte, wer den SUV fuhr: irgendein breitschultriger Typ auf dem Weg in die Kampfsport-Schule im Erdgeschoss des Gebäudes, das auch Max’ Ziel war. Tatsächlich stieg ein großer, blonder Schönling aus. Seine Muskeln wölbten sich unter dem T-Shirt und der Trainingshose wie kleine Bergketten.
Max verzichtete lieber darauf, den Mann wegen des Parkplatzraubes zur Rede zu stellen. Er war zwar mit seinen 1,90 nicht klein geraten und hatte durch regelmäßiges Joggen und Schwimmen ein paar Muskeln aufgebaut. Aber der kurze Blick des Kraftpaketes in seine Richtung machte unmissverständlich klar: Der hatte kein Problem damit, gleich hier auf dem Parkplatz sein Training mit Max als Punching-Ball zu beginnen, falls er den Mund aufmachte. Der Blonde würdigte den schweigenden Max keines weiteren Blickes und ging hinein.
Max machte sich auf den Weg in die Kanzlei in der dritten Etage. Am Anfang, vor drei Jahren, hatte er sich gewundert, wie das funktionieren konnte: eine Anwaltskanzlei über einer Kampfsport-Schule. Anwälte achteten ja für gewöhnlich auf einen lupenreinen Ruf der Seriosität, der sich in gut situierten Milieus herumsprechen musste, um solvente Klienten anzulocken. Und die herrschenden Vorurteile gegenüber Kampfsportschulen konnten den Versuch einer makellosen Reputation eigentlich nur torpedieren. Doch Max bekam schnell mit, dass die Kanzlei des Anwalts und Notars Dr. Robert wie geschmiert lief. Der Grund: Dr. Robert hatte sich auf ungewöhnliche, oft so gut wie aussichtslose Fälle spezialisiert. Die gewann er regelmäßig, und das hatte sich herumgesprochen. Dafür sorgte Dr. Roberts weitverzweigtes Netzwerk, das alle wichtigen Schaltstellen der Stadt umfasste.
An der Tür der Kanzlei angekommen, ging der Summer, noch bevor Max die Klingel drücken konnte. Im Vorraum wartete Frau Brücken auf ihn, Dr. Roberts Sekretärin, Empfangsdame, Security, allsehendes Auge, allhörendes Ohr.
»Tag, Herr Holmes, gehen Sie bitte gleich durch.«
Dr. Robert bewässerte gerade in seinem lichtdurchfluteten, eschenholzgetäfelten Büro eine seiner beiden chinesischen Hanfpalmen mit einer Gießkanne. Die Pflege seiner Pflanzen, die in jeder Ecke der Kanzlei standen, ließ er von niemand anderem erledigen, selbst von Frau Brücken nicht. Sie waren seine heilige Passion. Er hatte sich sogar auf dem Dach des Hauses, in dem er eine Eigentumswohnung besaß, einen Garten angelegt. Dafür schaufelte er so viel Zeit frei, wie es nur ging.
Und Max half ihm dabei. Denn immer, wenn Dr. Robert einen Ermittler brauchte, um entführte Papageien zu finden oder Ehebrecher zu ertappen, beauftragte er Max. Das funktionierte bislang sehr gut. Und manchmal staunte Max noch darüber, wenn er daran dachte, dass er ja ein ausgebildeter Musiker war und nie zuvor detektivisch gearbeitet hatte.
War der Fall gelöst, schloss Dr. Robert in Sekundenschnelle die Akten. Er überreichte seiner Sekretärin in einer einzigen Bewegung im Rausgehen die Rechnung für den Klienten und die Honoraranweisung für Max, um eine halbe Stunde später glücklich im Humus seines Dachgartens zu wühlen. Dabei konnte sich Max den stets im feinen Anzug auftretenden Dr. Robert kaum in erdbedeckter Gärtnermontur vorstellen.
»Ah, Holmes. Endlich.« Dr. Robert sprach, wie die meisten Leute, Max’ Nachnamen englisch aus. »Wollen Sie eine Zigarre? Wir sind hier unter ...«
Die Telefonanlage schnarrte.
»Ja? Frau Brücken?«
»Wenn Sie unbedingt rauchen müssen, öffnen Sie doch bitte das Fenster. Ich will mir keine Rauchvergiftung holen.«
Ein kurzes Knacken, die Verbindung war unterbrochen.
Dr. Robert schüttelte den Kopf.
»Wie macht sie das? Sie kann nicht durch die Tür sehen.«
»Sie kennt Sie einfach nur sehr gut.«
»Was? Nein, es ist mehr als das. Ich glaube, sie ist eine außerirdische Telepathin.« Er lachte. »Sie kann Gedanken lesen. Garantiert.« Er öffnete eine bunt verzierte Metallschachtel. »Dann lassen Sie uns die Zigarre vergessen und wenigstens ein bisschen Gebäck ... oh, das ist alles aufge...«
Die Tür sprang auf und Frau Brücken stürmte herein, so schnell das mit ihrem über der Hüfte unvorteilhaft eng anliegenden grauen Business-Kostüm ging. In einer Hand balancierte sie ein Tablett mit Eistee und Keksen. In der anderen hielt sie einen roten Aktenordner, den sie Dr. Robert reichte.
»Ich dachte mir, Sie könnten ein wenig Nervennahrung brauchen.« Sie stellte das Tablett auf dem Schreibtisch ab und war drei Sekunden später zur Tür hinaus.
»Ich sag ja: eine Telepathin.« Dr. Robert nahm einen Keks. »Ich vermute, Sie haben von dem Toten im Maschsee gehört? Joachim Frankenhauser?«
Max nickte.
Der Anwalt strich sich durch seine elegant gescheitelten Haare, die trotz seiner erst siebenundfünfzig Jahre bereits vollständig ergraut waren.
»Ich kannte Joachim Frankenhauser. Er hat mir vertraut. Er hat mir alle juristischen Angelegenheiten überlassen und mich damit auch beauftragt, im Falle seines Todes den Nachlass zu regeln.«
Er stand auf und goss die zweite Hanfpalme.
»Frankenhauser war als Bauunternehmer sehr seriös, sehr fair – und sehr erfolgreich. Selbst nach seiner Scheidung blieb er ein reicher Mann, weil er Glück hatte. Frankenhauser war nur drei Jahre mit seiner zweiten Frau verheiratet und musste ihr wegen des Zugewinnausgleichs nur 3 Millionen geben und ein Haus überschreiben. Aber das war für ihn bloß ein tiefer Griff in die Portokasse.«
»Das ist eine ziemlich große Portokasse.«
»Ja, in der Tat. Er besaß nach der Scheidung immer noch rund 32 Millionen Euro, in bar und einiges davon in Wertpapieren. Dazu kommen natürlich viele Immobilien, die meisten in Deutschland und einige im Ausland.«
Max stieß einen Pfiff aus.
»Wow. Und wer erbt das alles?«
Dr. Robert nahm sich eine Tasse Eistee und nickte Max zu, damit auch er sich bediente.
»Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Als Joachim Frankenhauser vor dreißig Jahren sein Unternehmen aufbaute, brauchte er dringend eine größere Summe Startkapital. Allerdings wollte ihm das Geld keiner geben – bis auf seine erste, recht wohlhabende Gattin, die wenig später starb. Das hat er mir mal erzählt.«
Er zog die Augenbrauen zusammen, was sein scharf geschnittenes Gesicht beeindruckend verdüsterte. »Was er mir nicht erzählt hat: Er hatte genau in dieser Zeit eine Affäre. Und aus der ist eine uneheliche Tochter entstanden. Das durfte seine damalige Frau natürlich niemals erfahren. Sie hätte ihm sofort den Geldhahn zugedreht, und Frankenhauser wäre nie ein so überaus erfolgreicher Unternehmer geworden.«
»Woher wissen Sie von der Affäre?«
»Frankenhauser gab mir kurz vor seinem Tod zwei Schriftstücke: Im ersten steht, dass er eine uneheliche Tochter hat und ich diese Tochter finden soll – weil er nicht weiß, wer sie ist und wo sie ist. Ich riet ihm, unter diesen Umständen endlich ein Testament aufzusetzen. Das hat er immer wieder vor sich hergeschoben. Er war zu sehr mit seinem Unternehmen beschäftigt. Wir machten dann einen Termin, aber drei Tage davor ertrank er. Es gibt also kein Testament.«
»Warum ist er gerade jetzt zu Ihnen gekommen?«
»Das habe ich ihn auch gefragt. Er meinte, mit seinen einundsiebzig Jahren sei ihm klar geworden, dass er nicht mehr so viele Jahre haben würde. Er sagte, er habe einiges im Leben versäumt, weil das Unternehmen immer an erster Stelle gestanden hatte. Und er wollte nicht auf dem Sterbebett bereuen, seine Tochter nie kennengelernt zu haben. Deshalb sollte ich sie finden.«
»Was ist mit dem zweiten Schriftstück?«
Dr. Robert holte einen Briefumschlag aus einer Aktenmappe.
»Darin gibt es Hinweise auf die Identität der Tochter. Einen Brief, den Frankenhauser zerrissen hat, vielleicht vor Wut. Die Fetzen aber hat er aufgehoben. Er hatte vielleicht Gewissensbisse. Ich habe die Teile wieder zusammengesetzt. Sehen Sie.«
Er reichte Max aus dem Umschlag eine Fotokopie der verbundenen Papierfetzen, die einen Text mit einigen Lücken ergaben. Die Leerstellen hatte Dr. Robert so ergänzt, dass die Sätze gut lesbar waren:
›Joachim.
Ja, ich sollte dir nie mehr wegen unserem Kind schreiben. Aber ich will, daß du weißt, du hast eine Tochter. Mehr sollst du nicht wissen.
Ich habe dein Schweigegeld genommen, um meine Operation in Holland zu bezahlen. Das Geld hat gereicht. Ich dachte erst, daß mir die OP das Leben gerettet hätte. Auch die Geburt danach lief gut. Ich war glücklich. Aber vor ein paar Monaten kamen die Tumore zurück. Die Operation hat absolut nichts gebracht. Das waren gar keine richtigen Ärzte! Das war Betrug! Die Metastasen sind überall. Es ist bald aus mit mir.
Aber du bekommst mein Kind nicht! Du wirst sie niemals sehen! Sie soll einen Menschen wie dich NIE als Vater haben! Du hast uns aus deinem Leben geworfen, obwohl du wußtest, daß ich schwanger war! Und krank! Was für eine miese Erpressung! Aber es ging um mein Leben und um das Leben meines Babys in meinem Bauch. Unser Kind.
Du wirst sie niemals kennenlernen. Ich gebe meine Tochter lieber in ein Kinderheim!
Sie wird irgendwann erfahren, was für ein Dreckskerl ihr Vater ist. Aber dann bist du hoffentlich schon krepiert.
Schönes Leben noch.
Antje‹
»Puh.« Max gab Dr. Robert den Brief zurück. »Heftig. Also ist Ihr Herr Frankenhauser gar nicht so seriös.«
»Nein. Diese Seite an ihm kannte ich auch noch nicht.«
»Aber warum hat diese Antje so einen Brief an Frankenhauser geschrieben?«, überlegte Max und antwortete selbst darauf: »Klar, sie wollte ihn verletzen, indem sie ihm seine Tochter vorenthielt. Aber vielleicht hoffte sie unbewusst, dass er sich auf die Suche nach seinem Kind machen würde. Hinweise hat er ja von ihr bekommen.«
»Ja, und das hat funktioniert. Schließlich hat er mich beauftragt, seine Tochter zu finden.«
Dr. Robert steckte den Brief zurück in den Umschlag. Den zeigte er Max.
»Sehen Sie: keine Adresse, kein Absender, kein Poststempel. Aber das hier steckte neben dem Brief.«
Dr. Robert gab Max ein Foto. Es zeigte ein drei oder vier Jahre altes Mädchen. Auf der Rückseite stand ein Datum: 16. Juli 1998. Sonst nichts.
»Gibt es sonst noch Erben?«, wollte Max wissen.
»Joachim Frankenhauser hat einen jüngeren Bruder, Hugo Frankenhauser. Der hat sich eine Fast-Food-Kette in ganz Deutschland aufgebaut. Er denkt, dass er auf jeden Fall erben wird, weil er als Bruder der Nächste in der Erbfolge ist. Schließlich ist sonst keine Verwandtschaft mehr bekannt. Joachim Frankenhausers Ehen waren kinderlos. Und die Eltern sind bereits gestorben. Aus Hugo Frankenhausers Sicht ist damit alles klar. Er hat sich an das Amtsgericht gewandt, um das Erbe seines Bruders anzutreten. Aber das hat ihn an mich als Nachlassverwalter verwiesen. Er wird sich bestimmt bald bei mir melden und sein Erbe beanspruchen. Aber das ist nicht Ihr Problem, lieber Max. Ihre Aufgabe ist, die Erbin zu finden – wenn Sie das möchten.«
»Ja, natürlich.« Max musste nicht lang überlegen. Die Aufträge von Dr. Robert waren gerade seine einzige Einnahmequelle.
»Und noch etwas: Bitte beeilen Sie sich. Ich habe eine Ahnung, dass wir Joachim Frankenhausers Tochter schnell finden sollten.«
Keine Stunde später bekam Dr. Robert erneut Besuch, unangekündigt, aber nicht überraschend.
»Joachim hat eine Tochter? Wollen Sie mich verarschen?«
Hugo Frankenhauser schob die Augenbrauen zusammen. Er stemmte sich auf die Lehnen seines Stuhls, als wollte er Dr. Robert anspringen.
Der blieb gelassen hinter seinem Schreibtisch sitzen.
»Ihr Bruder hat mir Dokumente anvertraut, die genau das aussagen.«
»Wer ist sie? Wie heißt sie?« Frankenhauser ließ sich auf den Stuhl zurückfallen. »Und wo ist sie?« Seine Stimme war jetzt ruhiger. Aber auf seiner Stirn erschienen Schweißperlen.
»Das kann ich ihnen nicht sagen. Aber wenn wir sie gefunden haben, dann ...«
»Sie wollen es mir nicht sagen.« Frankenhauser setzte zum erneuten Aufbrausen an. Er fing sich aber und zeigte auf einmal eine weinerliche Miene. »Wissen Sie, sie ist doch jetzt meine einzige überlebende Verwandte, meine Nichte. Ich habe eine Nichte. Das ist so schön ...«
Dr. Robert hoffte, dass der Mann nicht auch noch anfangen würde zu weinen. Zum einen mochte er so etwas in seiner Kanzlei nicht, weil ihn das immer zu sehr berührte. Zum anderen war Frankenhauser ein grottenschlechter Schauspieler.
»Tut mir leid. Ich kann Ihnen nur noch einmal mitteilen, dass wir die Tochter ...«
»Jetzt hören Sie mal zu!« Frankenhauser sprang auf. »Es ist mein gutes Recht, den Namen zu erfahren!«
Dr. Robert schüttelte nur den Kopf, was Frankenhauser noch mehr in Fahrt brachte.
»Ich hetze Ihnen meine Anwälte auf den Hals, wenn Sie nicht mit der Sprache rausrücken! Ich verklage Sie!«
Plötzlich fiel Frankenhausers Blick auf einen Brieföffner auf dem Schreibtisch, eine zwanzig Zentimeter lange Nachbildung eines Samurai-Schwertes. Frankenhauser griff danach. Er beugte sich vor und hielt Dr. Robert das Mini-Schwert vor das Gesicht.
»Spucken Sie es endlich aus: Wer ist meine Nichte? Ich kenne ja jetzt Ihre Kanzlei. Und ich habe noch ganz andere Möglichkeiten, Sie zum Reden zu bringen.«
Er rammte das Schwert in einen Aktenstapel auf dem Tisch. Dann presste Frankenhauser noch ein heiseres »Ich komme wieder« hervor und lief aus dem Büro.
Dr. Robert holte tief Luft. Er griff zum Brieföffner und zog ihn vorsichtig aus den Papieren. Seine Hände zitterten dabei.
Max legte das Notenblatt beiseite, das mit seinen Notizen übersät war. Er setzte den Kopfhörer ab und schaltete das Keyboard aus. Wie gern hätte er weiter komponiert. Doch die Tochter Joachim Frankenhausers wartete darauf, gefunden zu werden. Jetzt war der Auftrag dran, denn irgendwie musste ja Geld reinkommen.
Dennoch konnte Max sich nicht lösen. Sein Blick ging zurück zum Keyboard, streifte die Tasten entlang, eine nach der anderen. Weiß, schwarz, weiß, schwarz, weiß ... und plötzlich erinnerte sich Max wieder an diesen einen Nachmittag, als er fünf Jahre alt war. Er saß zum ersten Mal vor einem Piano auf dem Schoß seines Vaters, der damals Musik unterrichtete. Max staunte: Was waren das für wundervolle Töne! Tief und hoch, springend und schwebend. Sie färbten die Luft, wenn er die geheimnisvollen weißen und schwarzen Tasten drückte!
Die Magie der Töne ließ Max nie wieder los. Sie führte ihn in ein Studium an der Musikhochschule in Hannover, das er als ›Master of Music‹ für Komposition, Klavier und Popmusik mit Auszeichnung abschloss. Und danach: die erste kalte Dusche für Max, als es ans Geldverdienen ging. Denn über seine durchkomponierten Popsongs urteilten die deutschen Musiklabels immer gleich: »Mann, die sind viel zu lang. Und da ist ja null Rap drin. Und die Texte, Mann, die müssen auf Deutsch sein. Echt, das geht so gar nicht. Sorry.«
Der Ausweg zum Geldverdienen war, dass Max sein Talent in Soundtracks von Imagefilmen und Klavierunterricht steckte. Dann kam der Absturz. Erst sprangen einige Klavierschüler ab. Und gleichzeitig setzte eine Wirtschaftsflaute ein, in der sich Unternehmen Imagefilme nicht mehr leisten konnten. Max ging das Geld aus. Doch dann stellte er sich auf einer Party einer jungen Frau vor. Sie lachte.
»Holmes? Wie Sherlock Holmes? Dann muss ich ja aufpassen, dass du mich nicht überführst.«
Ja, genau. Warum nicht als Detektiv arbeiten? Logisch denken konnte er, und deshalb würde das Recherchieren keine großen Probleme bereiten. Außerdem fiel ihm nichts anderes ein. Max meldete sofort ein Gewerbe als Detektiv an und suchte nach Aufträgen. Die bekam er, als er sich auf eine Annonce von Dr. Robert bewarb.
»Mir sind zwei Ermittler abgesprungen. Ich brauche dringend eine helfende Hand«, hatte Dr. Robert beim ersten Gespräch gesagt.
Max beichtete, dass er als Ermittler ein Grünschnabel und eigentlich Musiker war.
»Eine spannende Kombination: Musik und Verbrechen«, sagte Dr. Robert. »Wissen Sie was? Wir probieren es. Sie fangen mit einem kleinen Fall an. Und dann sehen wir weiter.«
Dem kleinen Fall waren größere gefolgt, drei Jahre lang. Bis zu diesem Tag war das problemlos gelaufen. Doch die neue Aufgabe, das Mädchen auf dem Foto zu finden, war so kniffelig wie kein Fall zuvor. Ein Kinderbild, ein Brief und der Vorname der Mutter – eine zu dürftige Sammlung von Spuren, um die Erbin zu finden.
Max wollte seine Gedanken sortieren, am besten auf der Wiese vor dem kleinen Hinterhofhaus, in dem er wohnte. Als er von dort zum azurblauen, wolkenleeren Nachmittagshimmel hinaufblickte, konzentrierte er sich auf die Indizien. Aber seine Gedanken waren immer noch bei seiner Komposition. Er schüttelte den Kopf. Das brachte nichts.
Als er zurück ins Haus ging, klingelte sein Handy.
Dr. Robert.
»Mein lieber Max, ist Herr Waldhaus schon bei Ihnen?«
»Nein ... äh ... Wer ist Herr Waldhaus?«
»Ein hervorragender IT-Experte und Online-Rechercheur, den ich in meinen Diensten habe. Ich habe ihm eine Aufgabe im Erbschaftsfall Joachim Frankenhauser zugewiesen. Und er hat einige besorgniserregende Informationen über seinen Bruder Hugo Frankenhauser zutage gefördert. Der hat mir übrigens einen unerfreulichen Besuch abgestattet und mich bedroht.«
»Bedroht? Und was meinen Sie mit besorgniserregend?«
»Das erzählt Herr Waldhaus Ihnen alles gleich selbst. Ich möchte Sie bitten, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, dass wir die Erbin so schneller finden werden.«
»Ja, aber ...«
»Vielen Dank, Max.«
Ein kurzes Knacken unterbrach die Verbindung. In demselben Moment klingelte jemand. Und nur ein paar Sekunden später schnarrte die Klingel erneut ungeduldig los.
»Ich komme ja schon!«, rief Max.
Vor der Tür stand ein bebrillter, bärtiger Mann. Er war einen halben Kopf kleiner als Max und etwa Mitte dreißig, bekleidet mit einem für seinen ansehnlichen Bauch zu engem rotem T-Shirt, sackartigen, weiten Shorts und Sandalen über weißen Tennissocken. Ein voluminöser Rucksack hing auf einer Schulter. Er streckte Max zwei riesige Schachteln entgegen.
»Hey, ich bin Leo. Magst du Pizza?«
Max setzte sich mit Leo in sein kleines Büro, das ganz pragmatisch nur mit einem weißen Schreibtisch und zwei schwarzen Bürosesseln eingerichtet war. Appetitlos kaute er auf seiner Pizza herum und musterte Leo dabei neugierig aus dem Augenwinkel. Der schickte gerade das letzte Stück Pizza in die Tiefen seines umfangreichen Bauches. Verwundert blickte er zu Max herüber.
»Hast du keinen Hunger? Du hast ja kaum was angerührt. Soll ich dir helfen? Ich meine, wir wollen doch langsam mal mit der Suche nach der Erbin starten.«
Max nahm Leo das Duzen nicht übel. Überhaupt erschien ihm Leo wie jemand, dem man niemals irgendetwas übelnehmen konnte. Max schob die Pizza-Schachtel zur Seite.
»Dr. Robert hat mir berichtet, dass Hugo Frankenhauser ihn bedroht hat.«
»Mit einem Brieföffner. Damit Dr. Robert ihm den Namen der Erbin sagt. Aber das ging ja nicht. Zum Glück ist nichts passiert.«
»Heftig. Und was sind das für brisante neue Informationen über Frankenhauser?«
»Der hat heute nach dem Gespräch mit Dr. Robert eine E-Mail aus der Kanzlei bekommen: Er soll mal schön die Füße stillhalten und abwarten, bis die Erbin gefunden ist – natürlich netter ausgedrückt.« Leo grinste. »Die Mail hatte einen Anhang. Das war zwar nur die elektronische Visitenkarte von Dr. Robert. Aber Frankenhauser hat sie geöffnet – und, ta-dah: Ich konnte mir eine Cola und Popcorn holen und mir die Show ansehen. Ich meine: Ich habe mich in seinem Computer umgesehen. Du glaubst gar nicht, wie leicht man sich in die PCs anderer Leute hacken kann.«
»Und?«
»Nicht lustig. Da sind Abrechnungen drauf und Listen mit Kontakten und Zugängen zu Darknets. Frankenhauser ist in alles Mögliche verwickelt: Glücksspiel, Geldwäscherei, Bandenkriminalität und Prostitution. Und er hat sich in den Darknet-Shops Pistolen, Schlagstöcke und Munition in den Einkaufswagen gepackt.« Leo zog die Augenbrauen zusammen. »Warum? Wofür braucht er das alles? Eine Antwort habe ich vielleicht bei seinen Ausgaben gefunden. Ein Posten läuft unter ›freie Mitarbeiter Hannover‹. Dafür hat er im letzten Jahr knapp über eine Million Euro ausgegeben – für sechs Leute. Warum? Was sind das für Typen? Wofür zahlt er denen so viel Geld?«
»Du meinst, dass die nicht nur das Geld bekommen, sondern auch die Waffen?«
Leo nickte. »Und wer weiß, was die damit alles anstellen.«
»Reicht das alles nicht für eine Anzeige?«, überlegte Max.
»Nein. Das sind ja meistens nur Indizien und viel zu wenig Beweise. Das würde der Polizei nicht reichen. Aber uns.«
»Wofür?«
»Es geht noch weiter. Ich habe Jahresbilanzen und Kontoauszüge auf dem PC gefunden. Und – wow! Frankenhauser ist wegen seiner TASTY-Läden in den Miesen. Aber so was von. Er musste in jeder Stadt ein paar von diesen Pommes-Palästen dicht machen. Und jetzt braucht er dringend einige Milliönchen, um aus dem Loch wieder rauszukommen.«
»Oh, eine Erbschaft zum Beispiel.« Jetzt fügte sich für Max alles zusammen. »Frankenhauser hat bei Dr. Robert so viel Druck gemacht, dass er ihm den Namen seiner Nichte sagt, ...«
»Weil er an das Erbe will. Und wenn ich mir ansehe, welche Connections der in den Darknets hat und was er da so einkauft, dann komme ich ganz schnell darauf, was der mit der Kleinen seines Bruders vorhat. Er will ...«
»... sie beseitigen«, ergänzte Max, »um selbst zu erben. Ansonsten geht er leer aus.«
»Wahrscheinlich ist das so. Jedenfalls meinte Dr. Robert, dass der sonst was anstellen wird, um an seine Nichte ranzukommen. Wir sollen die junge Dame schnell finden ...«
»... bevor Frankenhauser sie in die Finger bekommt.«
Hugo Frankenhauser warf seine halbvolle Flasche GRAND PLAISIR schnaubend gegen die Wand. Sie zerschellte klirrend und verzierte die schwarze Vertäfelung mit einem schäumenden Fleck. Hugo blieb einen Moment reglos stehen. Er hatte die Fäuste geballt, als ob er seine Wut darin festhalten wollte. Nach ein paar tiefen Atemzügen öffnete er die Hände und strich sich einige Male den schmalen braunen Haarkranz seiner Halbglatze glatt.
Dann ging er zur Fensterfront seines Büros in der obersten Etage des Gebäudes, das er sich mit anderen Firmen teilte. Er blickte hinunter auf sein Prunkstück: TASTY I, das erste Restaurant, das er aufgebaut hatte. Aber er nahm nur flüchtig wahr, dass der Parkplatz an diesem Nachmittag mal gut besetzt war. Die Gedanken an seine Nichte beschäftigten ihn komplett.
Joachims Tochter.
Die Erbin.
Dass die überhaupt existierte, war für Hugo ein Problem der Kategorie ›Katastrophe‹. Doch Probleme waren dafür da, sie sich vom Hals zu schaffen. Er griff zum Handy.
»Mick? Wo bist du? Ist Pedro bei dir? Kommt in mein Büro. Sofort.«
Max fuhr seinen PC hoch. Leo setzte sich neben ihn, und beide sahen sich den eingescannten wiederhergestellten Brief und das Foto des Mädchens an. Max machte den Anfang.
»Wir haben nur das hier als Spuren. Außerdem steht auf der Rückseite des Originalfotos ein Datum: 16. Juli 1998. Wahrscheinlich wurde es an dem Tag geschossen.«
Leo las den Brief und schüttelte den Kopf.
»Ermittlungstechnisch ist das nicht der Bringer. Antjes gibt es tausende. In Holland wurden damals bestimmt andauernd sinnlose teure Operationen in irgendwelchen Kellern abgezogen. Und welches Kinderheim meint sie? In welcher Stadt? Das ist echt alles ganz schön dünn.«
Dann betrachteten sie das Bild. Auf dem sah ein blondgelocktes, etwa vierjähriges Mädchen genervt mit ihren blauen Augen in die Kamera. Das Gesicht war gut zu erkennen. Sie trug ein blauweißgestreiftes T-Shirt mit dem verwaschenen Aufdruck einer lachenden Hexe, die auf einem Besen ritt. Der Ansatz der Jeanshose war zu sehen, die Beine waren durch den Bildrand abgeschnitten. Hinter dem Mädchen strahlte ein weißer Sandboden, der zum Eingang eines Blockhauses führte.
»Das sieht nach einem öffentlichen Spielplatz aus«, vermutete Max. »Oder es ist ein Spielplatz in einem Kindergarten. Wir können versuchen, sie über die Bildersuche von Google zu finden. Aber es ist unwahrscheinlich, dass das klappt. Das Bild ist immerhin schon sechsundzwanzig Jahre alt.«
»Lässt du mich da mal ran?«
Max machte Platz am Computer.
»Das könnte gehen«, murmelte Leo nachdenklich und ließ seine Finger über die Tastatur rasen.
»Ich sehe mir das Bild auf meinem Laptop an«, verkündete Max, der sich gerade überflüssig vorkam.
Plötzlich sagte Leo fröhlich: »Hey, du kennst doch bestimmt den ›Terminator‹ mit Arnold Schwarzenegger. Aber den zweiten Teil. Der war cooler als der erste, wegen der Effekte.«
Max hörte nur mit halbem Ohr zu. Er war damit beschäftigt, das Foto auf seinem Laptop Zentimeter um Zentimeter abzusuchen, bis ihm eine grüne Eisenstange auffiel. Die ragte aus dem Hintergrund halb ins Bild und gehörte vermutlich zu einer Schaukel oder einem Spielgerät. Am Stangenende war eine goldene Prägung zu erkennen: GREEN PLAYING. Wahrscheinlich die Produktionsfirma. Max schickte ein paar Suchmaschinen auf die Jagd nach GREEN PLAYING.
Leo redete ungerührt weiter: »Der Typ, der Schwarzenegger ständig zerlegen wollte, der konnte seinen Körper verändern. Das Gesicht, Arme, Beine, alles. Das war allerfeinstes Morphing.«
Max antwortete ihm nicht. Er hatte einen Treffer gelandet: GREEN PLAYING stellte aus ökologisch sauberen Naturmaterialien teure Schaukeln, Wippen, Kletterhäuser und andere Spielplatzgeräte her. Leisten konnten sich das sicher nicht viele Kindergärten. Und schon gar nicht die öffentlichen, die aus den fast leeren Kassen der Kommunen bezahlt wurden. Am ehesten kauften so was private Kitas mit solventen Eltern. Doch GREEN PLAYING existierte nicht mehr. Wahrscheinlich war sie Pleite gegangen. Der ehemalige Firmensitz war Braunlage im Harz. Klar, dort hatten sie alle Baumaterialien direkt vor der Tür. Die Firma war 1992 gegründet worden und hatte sich bis 1996 gehalten.
Der Harz. Natürlich.
Deshalb hatte das Mädchen eine Hexe auf dem T-Shirt. Also war der nächste Schritt: die ehemaligen Betreiber von GREEN PLAYING fragen, wohin sie geliefert hatten. Wahrscheinlich waren etliche Kitas im Harz dabei.
Das war ihre Spur.
Max fütterte die Suchmaschinen mit den Namen der Unternehmensgründer.
»Du kennst doch ›Terminator II‹?«
»Was?« Max hörte immer noch nicht richtig zu.
»Nein. Ja. Ich weiß ich nicht. Warum?«
»Na, wegen des Morphings. Cedric, ein Kumpel von mir, der hat ein super Morphing-Programm geschrieben. Er bastelt jetzt an dem Bild des Mädchens.« Leo gähnte. »Und? Hast du was rausgefunden?«
Max erzählte von GREEN PLAYING und der Hexe auf dem T-Shirt.
»Wow, cool. Super, Mr. Holmes.« Leo lachte. »Hey, Cedric ist fertig. Hier, sieh dir das an.«
Die Bilder von zwölf jungen Frauen erschienen auf dem Monitor.
»Ich habe das Foto der Kleinen durch ein Aging-Programm laufen lassen, das das Alter schätzt. Das spuckte aus: drei bis vier Jahre. Das Foto stammt aus dem Jahr 1998. Demnach ist das Mädel etwa 1994 geboren und heute so ungefähr dreißig Jahre alt. Bis zu diesem Alter hat Cedric das Gesicht des Mädchens altern lassen. Und er hat damit gespielt, wie sie sich entwickelt haben könnte. Es kann ja sein, dass sie so ein Pudding-Dampfer geworden ist oder ein Gerippe oder ganz normal.«
»Sehr gut. Jetzt lohnt sich die Bildersuche über Google.«
»Nicht über Google. Ich kenne da was Besseres.« Leos Finger bearbeiteten die Tastatur. Sie riefen eine Max völlig unbekannte Suchmaschine auf, die sofort sieben Treffer landete.
»Vier Standorte liegen im Harz«, sagte Max. »Es ist jetzt 16:48 Uhr. Da können wir noch telefonieren. Ich schlage vor, dass ich versuche, an die GREEN PLAYING-Gründer ranzukommen. Und du recherchierst die Adressen und Telefonnummern der sieben Damen, die die Suchmaschine gefunden hat.«
Leo nickte nur und legte los.
Max prüfte, was die Suchmaschinen über die GREEN PLAYING-Chefs ausgespuckt hatten. Dabei fand er die Telefonnummer von einem der beiden Chefs. Max rief an und hatte Glück. Er bekam den Mann sofort ans Telefon. Max erklärte ihm grob, dass sie ein ehemaliges Kindergartenkind suchten, und der Mann verstand die Herangehensweise.
»Wir konnten nur ein paar freie Kitas beliefern. Im Harz gab es nicht so viele davon. Deswegen sind wir ja Pleite gegangen.«
Die Kontaktdaten der damaligen Leiterinnen und Leiter hatte der Mann nicht mehr. Eine Sackgasse. Max seufzte enttäuscht. Er schaute zu Leo hinüber, der eifrig telefonierte.
Leo war den Online-Spuren der Bildtreffer gefolgt und auf Social-Media-Plattformen und Dating-Seiten gelandet, die sich auf die Harz-Region begrenzen ließen. Er bekam einige Adressen und Telefonnummern heraus, die er sofort ausprobierte.
»Guten Tag, mein Name ist Waldhaus. Ich rufe im Auftrag der Kanzlei von Dr. Robert in Hannover an. Spreche ich mit Familie Traube?«
»Wie bitte?«, fragte eine raue, alte Männerstimme. »Hier ist Traube. Wer ist denn da? Hallo?«
»Waldhaus. Hier ist Waldhaus. Ich rufe ...«
»Hallo? Wer ist dort?«
»Waldhaus. Ich rufe ...«
»Was wollen Sie denn?«
»Ich würde gern Ihre Tochter sprechen, weil ...«
»Nein. Die ist schon verheiratet. Auf Wiedersehen.«
Nächster Versuch.
»Spreche ich mit Frau Wenzel?«
»Ja. Wer sind Sie? Was wollen Sie?«
»Es geht um eine Erbschaft. Wir suchen die Erbin eines Unternehmers, der gestorben ist.«
Schweigen. Leo hörte nur ein Rauschen in der Leitung.
»Hallo?«
»Wie viel?«
»Was?«
»Wie viel erbt sie?«
»ImMillionenbereich.«
»Okaaay. Ich bin die Erbin. Auf jeden Fall bin ich die Erbin.«
»Das würde ich gern glauben. Aber ich müsste erst wissen, wie alt Sie sind. Und vielleicht können Sie mir auch sagen, welche Haarfarbe und welche Augenfarbe Sie haben.«
»Ach sooo einer bist du! Und jetzt willst du auch noch wissen, was für einen Slip ich trage, oder wie? Perverses Arschloch! Verpiss dich bloß! Maaaann!«
Nächster Versuch.
»Spreche ich mit Familie Meyer?«
»Ja, und? Worum geht’s?«
»Es geht um Geld, viel Geld, Millionen, um genau zu sein.«
»Vergiss es, du Spinner. Ich habe bei keinem Gewinnspiel mitgemacht! Hörst du? Und ruf hier nie wieder an!«
Viermal ging niemand ans Telefon. Alles in allem landete Leo keinen wirklichen Treffer, nur ein paar wahrscheinliche.
Ihm wurde klar: Auf diese Weise ...
»... kommen wir nicht weiter«, sagte Max, als er mit Leo Bilanz zog. Sie standen vor dem Haus, tranken Cola und blickten hinauf zum sternenübersäten Abendhimmel.
»Wenigstens eines ist sicher: Sie war oder ist im Harz«, resümierte Max, »weil die Schaukel von GREEN PLAYING nur irgendwo im Harz gestanden haben kann. Woanders haben die nicht verkauft. Und deine Bildersuche führt da ebenfalls hin.«
»Aber das Rumtelefonieren hat bei mir null gebracht. Die lassen einen ja nicht mal ausreden.«
»Wir sollten mit den Leuten persönlich sprechen. Wenn sich schon jemand die Mühe macht vorbeizukommen, ist das für die bestimmt überzeugender als so ein Typ am Telefon. Klar denken die, dass du ein Call-Center-Agent oder so was bist.«
»Und das heißt«, begann Leo mit einem freudigen, breiten Lächeln, »dass wir morgen in den Harz fahren. Stimmt’s oder habe ich recht? Sehr cool! Den kenne ich überhaupt nicht.«
»Also du meinst, wir ... wir beide fahren morgen in den Harz?«
»Ja, klar. Wieso?« Leo gähnte. »Hast du irgendwo ’ne Couch, auf der ich pennen kann?«
Vicky wurde schwindelig. Trotzdem sang sie weiter:
›Und wenn du mir die Sonne schenkst,
dann wärmt sie unsere Liebe.
Wir gehen Hand in Hand‹
Sie brauchte eine Pause. Drei Stunden proben am Stück, in dieser schwülen Hitze, waren zu viel. Vicky verstummte.
»Also Inga, wirklich. Also wirklich. Schade.« Klaus Nickel, der Regisseur der Schlager-Show, sprach Vicky nur mit dem Namen an, den sie sich als Sängerin zugelegt hatte: Inga Sommer. »Wirklich schade, Inga, einfach mitten im Lied aufzuhören. Bitte. Du warst so gut im Fluss.«
Nickels Stimme durchzog nur eine homöopathische Dosis von Ärger. Und das war bei ihm eine Menge, weil er sonst in jeder Situation eine naturgegebene, unerschütterliche Ruhe ausstrahlte. Selbst in diesem Moment, in dem Vicky unbedingt proben musste. Denn schon am gleichen Abend sollte die Show im Kurhaus von Bad Harzburg über die Bühne gehen. Ein riesiges Party-Event. Sogar der NDR wollte für die Regionalnachrichten ein Kamerateam entsenden.
Vicky wurde übel.
»Sorry, ich brauch ’ne Pause. Mir ist echt schwindelig.«
Der Regisseur nickte. »Ja, natürlich. Kein Problem. Geh ruhig mal nach hinten. Wir machen dann mit den anderen weiter.«
Heiner Hoffmann, einer der ewig aufstrebenden Schlagersänger des Nordharzes, nahm Vicky am Bühnenausgang in Empfang. Verschwommen sah sie seine lila glitzernde Las-Vegas-Jacke, die mühsam seinen Kugelbauch verbarg. Der wurde von zwei Storchenbeinen getragen, die in zwei ebenfalls lila glitzernden Sportschuhen standen. Heiner war schon etliche Jahre auf allen Bühnen im Harz unterwegs. Er hatte die vierzig deutlich überschritten, obwohl er das mit viel Make-up und schwarzer Pomade im reichlich angegrauten Haar zu verbergen versuchte.
Er hielt sich mit seiner sanften Bassstimme für unwiderstehlich und versuchte, mit jeder jüngeren Sängerin anzubandeln, die mit ihm in einer Show auftrat. Auf Vicky hatte er es besonders abgesehen. Mit gierigem Blick musterte er immer wieder ihre schlanke Figur, die langen blonden Haaren, die blauen Augen und das blitzende Lächeln. Bei jeder Gelegenheit drängte er sich nah an sie heran, legte seine Hand auf ihre Schulter, umarmte sie vertraulich, streifte wie zufällig ihren Nacken. Es fehlte nur noch die Hand auf ihrem Hintern oder auf der Brust.
»Oh, Inga, meine Liebe, was ist denn? Geht es dir nicht gut?« Er fasste sie schnell bei den Händen. »Komm, ich bringe dich nach hinten in deine Garderobe.« Sein Parfüm, das nach billigem Himbeerkaugummi roch, schwallte Vicky betäubend entgegen und machte sie noch schwindeliger. Die fettigen Pommes, die sie vor der Probe eilig hinuntergeschlungen hatte, schossen nach oben. Sie sah in Heiners lüsternes Gesicht – und kotzte ihm auf seine Glitzerschuhe.
»Hey, Inga, are you okay?!«
Cary James, Vickys Manager und Produzent, kam auf sie zu. Mit seinem weißen Hemd, dem offenen blauen Jackett und einer edlen weißen Jeans sah er aus, als würde er gleich selbst auf der Bühne singen. Cary zog ein großes blaues Taschentuch aus dem Jackett und reichte es Vicky.
»’tschuldigung«, murmelte sie in Heiners Richtung.
Der riss Cary das Taschentuch aus der Hand und wischte die Schuhe notdürftig ab.
»So ein Dreck. Meine besten Bühnenschuhe!«
Vicky achtete nicht weiter auf ihn. Sie folgte Cary in den Backstage-Bereich zu ihrer kleinen Garderobe. Die war nur mit einem Schminktisch, einem Spind und einem kleinen, alten Sofa ausgestattet. Vicky räumte einige Bühnen-Outfits weg, die darauf verstreut waren, und legte sich hin. Cary brachte ihr ein Glas Wasser.
»Geht es wieder?«, fragte er mit amerikanischem Akzent.
Den hatte er in seinen sechs Jahren in Deutschland liebevoll gepflegt. Er tigerte in Vickys Garderobe hin und her. So, wie er im Grunde ständig in Bewegung war, damit man ja nicht vergaß, dass er da war. Auch in seinem Kopf war pausenlos etwas in Bewegung. Ständig erzählte er von neuen Plänen und Ideen.
»Wenn du wieder fit bist, sollten wir was Neues probieren. Totally new. Du solltest so was machen wie Helene, als sie ist durch den Saal geflogen, you know.« Er schüttelte den Kopf. »Aber das Kurhaus ist dafür zu klein. What a pity.«
Er betrachtete Vickys kunstvoll durchlöcherte Jeans und die enge, rote Bluse, die ihre kokosnussgroßen Brüste aufreizend zur Geltung brachte.
»Really. Der Cow-Girl-Look groovt nicht mehr. Du brauchst mehr Glamour, mehr Show-Style. Something sensational!«
»Wie Helene.« Vicky wusste, dass Cary von Schlager-Queen Helene Fischer hingerissen war. Er wirkte regelrecht verliebt, wenn er von ihr sprach. Sonst stand er aber auf Männer.
»Yes, damn right. Du kennst ja ihr wahnsinniges Outfit in Rot, als sie durch die Arena gesegelt ist. Awesome!«
Seine Augen sprühten.
»Cary, jetzt nicht. Ich muss mich mal ein paar Minuten ausruhen. Lass uns später darüber sprechen. Ich komme gleich wieder raus.«
»No problem, darling. Take your time.«
Cary zwinkerte ihr aufmunternd zu und ging hinaus. Und Vicky atmete tief durch. Der Schwindel verschwand. Wahrscheinlich kam der auch nicht allein vom langen Proben. Schließlich wollte sie morgen nach Berlin zum Casting bei PRECIOUS MUSIC GERMANY fahren, der deutschen Tochterfirma des zweitgrößten Musiklabels der Welt. Und wenn das klappte, ging es weiter zu SCHLAGER ROCKET STARS, dem größten Schlager-Contest in Deutschland.
Das war schon eine größere Nummer als Vickys Auftritte auf Hochzeiten, beim Bad Harzburger Lichterfest, im Bierzelt auf Schützenfesten, in Möbelhäusern oder bei Schlagerpartys im Harzburger Kurhaus mit allen abgehalfterten Schlagerstars, die ganz Norddeutschland zu bieten hatte. Vielleicht war der Auftritt an diesem Abend das letzte Mal, dass sie so etwas machte. Das Casting in Berlin war für Vicky der Türöffner, um davon wegzukommen – und, wenn ihr Plan funktionierte, ganz und gar dem Schlager Adieu zu sagen.
