Singen ist ein bisschen wie Sterben - Inge Lütt - E-Book

Singen ist ein bisschen wie Sterben E-Book

Inge Lütt

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Beschreibung

Oper Erfurt. Kurz vor der „Rosenkavalier“-Premiere sitzt einer der Sänger leblos in seiner Garderobe. Gibt es eine Verbindung zu dem Fall vor wenigen Wochen in Weimar, als eine Tote im Teich lag? Ja, sagt die Kripo, beide hatten Streit mit einer gewissen Swantje Mittersand. Die ist jedoch nicht nur Erfurts Rosenkavalier, sondern auch die Partnerin von Kriminalhauptkommissarin Karin Rogener, die derzeit gemeinsam mit der Bundespolizei nach Schmugglern fahndet. Als hier immer mehr Spuren nach Erfurt und in die Oper weisen, wo Swantje ungerührt weiterprobt, muss sich die Kommissarin fragen, ob das noch rein professionelle Nähe ist, was ihre Frau immer wieder mit einer jungen Sopranistin zusammenbringt. Genau diese Sängerin hatte die beiden mittlerweile Toten verärgert. Dann tauchen auch noch ihre Fingerabdrücke in den Schmuggelakten auf. Karin Rogener ermittelt.

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Seitenzahl: 261

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dieses Buch erzählt eine fiktive Geschichte. Figuren, Institutionen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Lebenden oder bereits Verstorbenen sind rein zufällig.

Erste Auflage März 2024

Lektorat: Marc Lippuner

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung eines Fotos von © pierluigi1956palazzi – Freepik.com.

ISBN 978-3-89656-700-0

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de

Dieses Buch wurde für ML geschrieben.

Alle anderen dürfen es aber auch lesen.

Kapitel 1

Ein Baron stirbt. Und das ist erst der Anfang.

Normalerweise gehe ich gerne zu Einführungsmatineen. Aber gleich nach der Begrüßung zu erfahren, dass ich mir Illusionen gemacht hatte darüber, wer die Hauptperson im Foyer der Oper Erfurt sein würde, stellte doch eine der unangenehmeren Arten dar, den Sonntagmorgen zu beginnen. Selbst wenn es, streng genommen, nicht mehr Morgen war, sondern vom Dom her die Mittagsglocken läuteten.

„Du wirst dich amüsieren“, hatte die Meinige versprochen. Die Meinige? Das ist Swantje Mittersand, ihres Zeichens international gefeierte Mezzosopranistin und meine Lebensabschnittserheiterin. Sie ist recht gut „im Geschäft“, wie sie selbst sagt. Oft genug habe ich unser gemeinsames Haus in Arnstadt eine Woche oder noch länger für mich allein, weil Swantje auf Konzertreise ist oder in Proben steckt. Aber dieser Sommer verlief doch ein wenig anders. Zunächst war es ein Meisterkurs in Weimar, auf den ich sie begleitete und bei dem wir gegen Ende noch froher als ohnehin schon waren, einander zu haben.

Aber das war bereits Vergangenheit. Mittlerweile steckte mein lieber Schwan seit Wochen schon bis abends im nahen Erfurt, wegen eines Angebotes, zu dem sie nicht hatte Nein sagen können: Die Spielzeiteröffnungspremiere an der Oper als Rosenkavalier. Wer würde da bei entsprechender Begabung schon ablehnen? Die Zusage wusste sie jedoch seit der ersten Probe zu bereuen.

„Aber was soll ich machen?“, hatte sie geseufzt, „Octavian Maria Ehrenreich Ferdinand Hyazinth Graf von Rofrano, von seinen Freunden Quin-Quin genannt, warum auch immer sie das tun, ist laut Textbuch ein junger Mann. Wenn ich den nicht bald singe, dann war’s das mit der Rolle für mich.“

Ich hatte wohl reichlich verständnislos dreingesehen, denn Swantje ließ mich nicht lange auf eine Erklärung warten.

„Also, der Rosenkavalier. Der hat zwar einen langen Namen, aber laut Rollenprofil ist er gerade einmal siebzehn Jahre alt. Es ist also eine Frage der Glaubwürdigkeit.“

Meine Swantje ist, was ihre offizielle Biografie gerne verschweigt, nicht allzu weit von ihrem vierzigsten Geburtstag entfernt, und Ageismus ist auch in der Oper ein Thema. Zumindest, wenn es um Sängerinnen geht.

„Er ist siebzehn, ich bin es nicht. Und das schon eine ganze Weile nicht mehr. Der Baron Ochs, der ist ein spezieller Fall. Je älter der ist, umso besser.“

Wie vertraut sind Sie mit dem Standardopernrepertoire? Vorsichtshalber ein bisschen Hintergrund: Vor über einem Jahrhundert haben Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal diesen „Rosenkavalier“ in die Welt gesetzt. Der Plotkern besteht in einem ausgedachten Ritual, das der Hochadel eines sehr fiktiven alten Wiens – kein Wunder, dass 1911 die Uraufführung in Dresden an der königlich-sächsischen Hofoper stattfand und nicht etwa im kaiserlich-königlichen Österreich – zwecks Brautwerbung angeblich betreibt. Wenn mit dem Brautvater alles geklärt ist und das Fräulein Eventualbraut nun auch offiziell gefragt werden soll, darf ein Heiratswilliger von Stand nicht persönlich vorsprechen, sondern hat einen natürlich ebenfalls hochadligen Hilfswilligen vorzuschicken. Das ist der Rosenkavalier, der eine silberne Blume zu überreichen hat. In Abwesenheit des Erziehungsberechtigten. Nun ja. Halten wir davon, was wir wollen. Die Aufgabe wird in der Oper nach einigem Hin und Her von diesem Octavian mit dem langen Namen übernommen.

Bevor er sich jedoch aufmacht, gibt es gleich zu Anfang der Oper eine Bettszene auf offener Bühne. Der Rosen­kavalier in spe ist nämlich nicht nur jung, er hat auch eine Geliebte. Die ist allerdings nicht nur deutlich älter als er, sie ist auch verheiratet und das gründlich. Der Herr Gemahl ist verreist, er steckt irgendwo in den kroatischen Wäldern. Auf Bärenjagd. Nun gut, wenn man das jetzt so nennt …

Jedenfalls, während die beiden noch nicht aufstehen mögen, kommt Besuch. Baron Ochs auf Lerchenau, ein polteriger, älterer Verwandter, will sich verheiraten und sucht nun seinen Brautwerber. Der junge Geliebte übernimmt und verliebt sich ebenso prompt wie unausweichlich in das für den Baron vorreservierte Fräulein. Also im Grunde business as usual, was Opernhandlungen betrifft, wenn sie nicht von Mord und Totschlag, Inzest und anderem Wahnsinn erzählen.

„Ich singe also den jungen Mann.“ Swantje hatte mit den Schultern gezuckt. „Und den Alten mimt der Freckenhagen.“

Der Sänger war zwar nicht in der Titelrolle besetzt, aber immerhin war er die Hauptperson. Fand er.

„Der Held der Geschichte, das bin im Grunde ich, der Baron Ochs auf Lerchenau. Gut, ein trauriger Held, ja, aber wo ich bin, ist wenigstens immer was los. Dieser Schmalspurjüngling Octavian, mit dem kann eine Sophie doch nicht glücklich werden! Wenn ich das schon höre, Quin-Quin! So nennen ihn seine Freunde? Wirklich, Quin-Quin?“

Das klang so affektiert Französisch, dass das Publikum automatisch zu lachen begann.

„Na, sag ich doch. Sophie? Die braucht einen Mann. Einen richtigen Kerl. Einen, der nicht wie ein Hirsch oder Auerhahn nach dem Kalender forciert ist, sondern halt immer kann und mögen sowieso. Einen wie mich braucht sie. Keinen halbwüchsigen Knaben, der gerade die ersten Erfahrungen macht, und das auch noch bei der Frau Tante.“

Der Baron feixte. Baron? Immerhin, im bürgerlichen Leben war Oskar-Maria Freckenhagen sächsischer Kammersänger. Kurz vor der Wende hatte die DDR-Kulturbürokratie ihn noch als verdienten Sänger des Volkes ausgezeichnet. Das war nicht nur mittlerweile über drei Jahrzehnte her, die Zeit hatte sich gegenüber dem inzwischen knapp 60-Jährigen seitdem nicht gerade milde betragen.

Anhand der Besetzungsliste hatte mir Swantje die Rollen erklärt. „Der Freckenhagen? Der geht richtig auf als Baron. Kein Wunder. Was sollte er auch bei Wagner? In den „Meistersingern“, da verlangt der Hans Sachs solides Handwerk, das hat er zwar drauf, aber eben eher für komische Rollen. Den Stimmumfang bekäme er hin für Don Giovanni, aber da ist er nicht elegant genug und für Leporello ist er einfach nicht geschaffen. Dämonisch ist er vielleicht beim Frühstücksbuffet, aber den Holländer bietet ihm sowieso keiner an. Und Jochanaan, dazu ist er zu gemütlich. Den halb verhungerten Bußprediger kauft ihm niemand ab. „Sweeney Todd“ ist Musical, das kann er nicht, dafür bräuchte er mehr Flexibilität, als er jemals zu bieten hatte. Da hat er sich eben auf den Baron spezialisiert und jagt auch im wirklichen Leben alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist.“

Zugegeben, der so gelegentliche wie diskrete Blick in den Opernführer meines Vertrauens ist mir längst zur Gewohnheit geworden. Aber Swantje war gerade in Fahrt gewesen.

„Zum Glück ist er eher ein Feigling. Da muss ich nur ein bisschen böse dreinschauen, schon fängt er an mit ‚ich mein ja nur, war bloß ein Spaß‘ und dergleichen Gemurmel mehr. Ganz wie der Baron Ochs. Den hat der Freckenhagen wirklich verinnerlicht.“ Swantje hatte geseufzt. Dann erzählte sie ein paar Geschichten über den Sänger. So wusste ich also bereits vor der Einführung, dass er sehr gerne vor Publikum redete.

Den Auftritt hier im Foyer genoss er eindeutig. Die Pressesprecherin der Oper Erfurt ging jedoch nicht weiter auf ihn ein. Sie hatte diese Matinee seit Wochen vorbereitet. Eine richtig schöne Veranstaltung sollte es werden, Gespräche mit den Künstlern, der Regisseur würde seine Sicht auf die Handlung schildern, ein paar Gesangseinlagen, im Anschluss ein Umtrunk der Sponsoren mit dem Intendanten und sämtlichen Stars – sie wusste, auf was es ankam. Ein Ochs, der die Szene für sich beanspruchte und sich nicht begnügen wollte mit einem irgendwie schon charmanten Aus-der-Zeit-gefallen-Sein war es mit Sicherheit nicht. Mein Mitleid sparte ich mir dennoch für Swantje auf, der es immerhin gelang, zu Freckenhagens Einschätzung als Schmalspurjüngling keine Miene zu verziehen.

Die anderen Solistinnen auf der Bühne schienen ebenfalls nur mäßig amüsiert. Die Frau Tante, oder genauer, die Sopranistin, die diese Rolle übernommen hatte, trank lediglich einen Schluck Tee. Neben ihr saß Andreea Doina, die laut Besetzungszettel das Fräulein Braut singen würde. Die junge Rumänin war ein paar Tage bei uns gewesen, um abseits vom Probenbetrieb an den gemeinsamen Duetten zu arbeiten. Den Herrn Baron hatten sie und Swantje nicht hinzugebeten. Wie die anderen Beteiligten an dieser Produktion waren auch sie der Meinung, dass die im Probenplan vorgesehenen Interaktionen mit Oskar-Maria Freckenhagen völlig ausreichten und es keiner weiteren bedurfte. Die wichtigeren Teile ihrer Rollen probten sie lieber bei uns, obwohl die Oper Erfurt groß genug ist, um unliebsamen Begegnungen aus dem Weg zu gehen, besonders in der spielfreien Zeit im Sommer. Wegen der arbeitete das Ensemble überhaupt schon so früh auf der großen Bühne und nicht in dem Probengebäude außerhalb.

„Na gut“, hatte Swantje zugegeben, „es ist ja auch toll, wenn sich jemand in seiner Rolle prima auskennt.“

Seit wir zusammen sind, weiß ich, dass die meisten Gesangstalente, wenn es sich um Bühnenaufgaben handelt, mehr über die eigene Rolle wissen wollen, als im Textbuch steht. Allerdings ventilieren nicht viele so gerne ihr Wissen wie der Herr Kammersänger.

„Der Freckenhagen“, hatte Swantje gesagt, „der hat die Rolle seines Lebens gefunden. Solange er noch einigermaßen passabel singen kann, passt er. Der lebt den Lerchenau und er wird wohl auch als Ochs sterben. Vielleicht sogar noch im Kostüm. Zuzutrauen wäre es ihm.“

Dass es ausgerechnet an diesem verregneten Sonntagmorgen im Spätsommer geschehen würde, damit hatte niemand rechnen können. Auch ich nicht. Solche Vorahnungen stehen nicht im Jobprofil für verbeamtetes Kriminalpersonal, und selbst mein Dienstvorgesetzter erwartet es nicht von mir. Wer ich bin? Gestatten, Rogener. Karin Rogener, Kriminalhauptkommissarin bei der Landespolizeiinspektion Gotha, vormals Dienstort Eisenach, dann für eine Ermittlung ausgeliehen an die Arnstädter Polizeistation. Nach der Pensionierung eines dortigen Kollegen bin ich dann als Dauerleihgabe geblieben.

Ob ich dort bis zum Altersruhegehalt ausharren werde? Mit inzwischen 42 Lebensjahren habe ich wohl noch ausreichend Muße, um das zu entscheiden. Das Thema Zeit spielt für mich allerdings bei meinem Ausleihstatus eine wichtige Rolle: Als Arnstädterin wohne ich am Dienstort und muss nicht erst rund sechzig Kilometer fahren, bevor ich mit der Arbeit beginnen kann. Mit dem hiesigen Dienststellenleiter bin ich so weit im Reinen. Er findet es sogar amüsant, dass ich in meiner Freizeit als Statistin an der Oper Erfurt auftrete, besonders, weil ich ihm so diskret Eintrittskarten verschaffen kann, wenn ihm wieder einmal nichts einfällt zum Hochzeitstag. Aber heute saß ich weder als Hobbystatistin noch dienstlich im Opernfoyer. Seit einem unerfreulichen Erlebnis mit einem übergriffigen Fan war es der Meinigen lieber, wenn ich sie begleitete zu Veranstaltungen, die mit einem Meet & Greet enden sollten.

„Manchmal fehlt mir einfach die Geduld für all das Lächeln und Nicken und Eitelkeiten-Hätscheln. All dieses Eichen-Eichen, Muhchen-Kuhchen, das sollte wirklich extra kosten.“

War es die Geduld, die Kraft oder schlicht Lust auf das hundertste Foto mit unordentlichem Haar und müdem Gesicht? Ganz gleich, wie Sie das nennen wollen, was allenfalls in haushaltsüblichen Mengen im Angebot war, in solchen Situationen, wenn sich jemand komplett festquasselte, war nach ein paar Minuten mein Einsatz. Dringend dreinschauen, „Wir müssen, leider“ sagen und mit meinem lieben Schwan unter dem Arm die Flatter machen. Gelegentlich genoss ich die neidischen Blicke sogar.

Endlich dankte die Pressesprecherin allen Sponsoren sowie dem Publikum und lud ins Theatercafé ein. Swantje lächelte, streichelte Egos und war auch sonst ihrem Ruf entsprechend verbindlich-charmant, bis ich wie verabredet eine halbe Stunde später vielsagend auf die Uhr tippte.

Der Herr Baron war immer noch ganz in seinem Element. „Die Damen müssen wirklich schon?“, säuselte er. „Eine Partie, nun ja, sagen wir, Dame spielen?“ Er wackelte anzüglich mit den Augenbrauen und widmete sich dann mit abgespreiztem kleinen Finger wieder seinem Cocktailglas, in dem der orangefarbene Pegel bereits verdächtig niedrig war.

Swantje lächelte. „Hegt da jemand Primanerfantasien?“, raunte sie zurück. „Sie kennen sich doch aus in der Stadt, so als alter Erfurter. Gibt es sie noch, diese Ein-Euro-Kabinen hinter dem Bahnhof?“

Oskar-Maria Freckenhagen lächelte schief. „Touché, meine Beste“, murmelte er und wandte sich ab, wobei er nicht umhin konnte, die Neige aus seinem Glas einen Matineegast aufs Jackett zu tröpfeln.

„Na hörnsemal!“, empörte der sich. Paule Wetzkopf, unser Statistenführer, war zwar an Kummer gewöhnt, was Gaststars am Haus betraf, aber so etwas mochte er sich nun doch nicht bieten lassen.

Versöhnlich legte ihm der Kammersänger die Hand auf die Schulter. „Tschuldigen Sie“, er grinste schief, „die Damen haben mich abgelenkt.“ Schon zog er Paule zur Theke, hinter der ein Barkeeper gerade den Cocktail­shaker klappern ließ.

Swantje schaute den beiden nach. „Ist das etwa der Vadian, da hinter der Theke?“

„Stimmt. Der hat im Sommer die Mixer-Challenge der Thüringer Bars gewonnen.“

„Dann hat er also noch ganz andere Talente, als Regisseure davon abzuhalten, Sänger fertigzumachen.“ Swantje lachte. „Willst du einen Cocktail?“

„So früh am Tag?“

„Na, er kann bestimmt auch alkoholfreie. Ich muss jetzt erst einmal aus dem Kostüm raus.“

Natürlich begleitete ich sie. Ich war froh, das Gedränge in dem doch eher engen Theatercafé hinter mir lassen zu können, und freute mich schon auf die Premierenfeier. Die findet traditionell auf der großen Bühne statt, die gleich nach dem Schlussvorhang bis auf die Hauptkulissen leergeräumt wird.

In der Garderobe wartete bereits die Ankleiderin, die den silberfarbenen Rokoko-Anzug auf seinem Bügel arrangierte.

„Wie versprochen, keine Flecken.“ Swantje reckte sich. „Wenn du schon am Sonntagvormittag arbeiten musst, Gerda …“

Gerda Sägmeister, die Ankleiderin, lächelte. „Du doch auch. Danke schön. Das war so eine Schnaps… Na ja. Die haben sich bestimmt was dabei gedacht, euch alle in voller Montur ins Café zu schicken. Rotwein, Gulaschsuppe, Cocktails, Kaffee, was da alles passieren kann. Und garantiert passiert ist.“ Sie ging mit dem Kostüm über dem Arm auf den Flur hinaus, wo eine rollbare Garderobenstange bereitstand, ein großes Schild mit der Aufschrift „RosKav, Solo“ an beiden Enden.

Swantje sah ihr nach. „Die werden es noch früh genug merken. Ruhm ist jedenfalls nicht das Einzige, mit dem sich der Freckenhagen bekleckert hat.“ Sie stand auf. „Wartest du hier? Ich will die von der Maske nicht noch länger warten lassen.“

Eine gute Viertelstunde später sah sie deutlich blasser aus, nachdem keine Bühnenschminke mehr für einen natürlichen Teint im Scheinwerferlicht sorgen musste. Gerade wollte ich sie in den Arm nehmen, als das Haustelefon klingelte.

„Mittersand“, meldete sich die Meinige. „Ja“, sagte sie, „gut. Ich sag ihr Bescheid. Danke.“ Sie legte auf. „Das war Sigi. Er wollte es nicht über den Lautsprecher …“

Sigi war hier am Haus als Inspizient zuständig für reibungslose Abläufe bei Vorstellungen und all den anderen Veranstaltungen. Wenn der etwas nicht über den Lautsprecher verkünden wollte, konnte das nichts Gutes bedeuten. Und so war es auch.

„Er bittet dich in die Garderobe vom Freckenhagen.“ Swantje setzte sich. „Der ist …“, sie schluckte. „Tot. Tot ist er. So sieht es jedenfalls aus. Sagt Sigi.“

Verdammt, zwei Wochen vor der Premiere, dachte ich und griff nach dem Telefon. „Welche Nummer hat er?“

Swantje wusste es nicht. „Nimm die Pforte, die sollen dich verbinden. Dreimal die Eins.“

Nach einem kurzen Umweg hatte ich Sigi am Ohr.

„Ich habe die Polizei schon gerufen“, versicherte er mir. „Aber wenn du sowieso im Haus bist, denke ich, ist es am besten, dass du rübergehst. Ich kann hier noch nicht weg.“

„Die Polizei? Nicht einen Arzt?“

„Doktor Wachter ist schon dort. Er war bei der Matinee …“

Üblicherweise kommt der Theaterarzt nur zu Vorstellungen ins Haus, doch da die Präsidentin des Fördervereins mit dem Inhaber einer allgemeinmedizinischen Praxis verheiratet ist und der seine Frau zu ihren Repräsentationsterminen zu begleiten pflegt … Ein Fall theaterüblicher Vernetzung. Aber warum war die Polizei gerufen worden?

„Doktor Wachter ist auch der Hausarzt vom Freckenhagen. Zufälle gibt’s.“ Sigi zögerte nur kurz. „Jedenfalls, da kam ihm was ausreichend merkwürdig vor. Also wollte er, dass die Polizei kommt. Aber bis die da ist, geh doch bitte mal rüber, nur um auf der sicheren Seite zu sein …“

„Was machen wir denn jetzt? Ich will nicht, dass du allein hier hockst.“ Swantje sah immer noch blass aus. „Nicht, solange wir nicht wissen, was los ist.“

Natürlich kam sie mit, den Soloflur Damen entlang, an der Maske vorbei zum Soloflur Herren. Dort saß vor der ersten Tür einer der Ankleider. In den zitternden Händen drehte er einen Kaffeebecher mit dem Logo der Domfestspiele. Er sah auf. Sein Gesicht war aschfahl.

„Der Arzt ist noch drin. Aber sonst, hat Sigi gesagt, sonst soll niemand hinein …“

„Genau“, sagte ich, „lassen wir die Tür erst einmal zu. Sie machen das schon richtig.“

Natürlich hatte ich keine Ahnung, ob dem wirklich so war, aber der Mann schien einen Schock zu haben.

In diesem Moment wurden Stimmen laut und Schritte kamen die Treppe herauf. Der Intendant höchstpersönlich führte die Polizei durch das Haus. Ich wollte schon nach meinem Dienstausweis kramen, aber die Kollegen vom Dauerdienst kannten mich, seit einer Begegnung bei den Domfestspielen vor ein paar Jahren. Sie versprachen dem Intendanten, später bei ihm im Büro vorbeizuschauen, wenn sie sich ein Bild von der Lage gemacht hätten. Er stand noch eine Weile unschlüssig auf dem Flur und ging dann endlich. Mir galt kollegiale Höflichkeit und ich durfte einen Blick durch die geöffnete Garderobentür werfen, hinter der Doktor Wachter sich gerade Notizen machte.

Kapitel 2

Der Hauptkommissar ist dem Tod schon begegnet.

Oskar-Maria Freckenhagen war auch im Tod kein schöner Mann. Er saß, noch im Kostüm, vor dem Spiegeltisch. Die Perücke lag wie achtlos zur Seite geworfen neben ihm, halb auf einer Tasse. Ein kleiner dunkelroter Fleck in Brusthöhe zierte die Brokatweste, auf der Tischplatte lag ein Dolch.

Während sich der Theaterarzt mit einem der beiden Kollegen vom Dauerdienst beriet, trat der andere zu uns auf den Flur.

„Und du bist wirklich rein zufällig hier, Karin?“ Kriminalhauptkommissar Friedemann Muskau grinste schief. „Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen. Na, wenn du schon mal da bist … Hast du irgendwelche sachdienliche Beobachtungen machen können?“

Leider nicht. Oder sollte ich ihm berichten, wer reichlich blass aus der Maske zurückgekehrt war? Verdammt. Privates und Dienstliches auseinanderzuhalten war schon im Alltag nicht immer einfach. Und wenn ich mir Swantje so anschaute, hatte sie wieder Bedenken, ob es richtig gewesen war, das Rollenangebot anzunehmen. Andererseits, der Rosenkavalier …

„Und Sie sind …“, wandte sich der Kollege gerade an sie.

„Swantje Mittersand. Ich singe in der gleichen Produktion wie der Kollege Freckenhagen.“

Der würde allerdings nie mehr singen, jedenfalls nicht auf Erden.

„Mittersand … Mittersand“, murmelte der Kriminalhauptkommissar. „Den Namen kenne ich doch.“

Diese Reaktion war Swantje so gewöhnt wie die Bemerkung, die darauf folgte. „Sie sehen aber ganz anders aus. Ich habe Sie auf den Domstufen gesehen, damals.“

Das war die Sache, weshalb mich die Kollegen kannten. Ich war bei einer Vorstellung im Rahmen der Festspiele als Statistin dabei gewesen, als direkt neben mir ein Scheinwerfer den Lockungen der Schwerkraft nachgab. Dass er das nicht ganz freiwillig getan hatte, sondern Sabotage an der Halterung unter anderem mein Leben gefährdete, hatte die Polizei auf die Bühne gebracht, wo Swantje in einer Aufmachung stand, an die sich viele gerne erinnerten. Außer ihrer Totenkopfmaske waren dem Kostümbildner Reifrock und Federboa eingefallen. Auf das hautfarbene, wattierte Trikot hatte sie bestanden, sie wusste, wie kalt es vor dem Erfurter Dom werden kann. Aber weder Rock noch Maske waren auch Jahre später gelegentlich ein Thema. Swantje hatte einen ganz erstaunlichen Gummibusen umgeschnallt bekommen, mit Brüsten, größer als ein Kopf. Jeweils. Kein Wunder, dass der Kriminalhauptkommissar nun staunte.

Die Tür zur Garderobe öffnete sich. Die Polizeikollegen berieten kurz miteinander, während der Theaterarzt zu dem Ankleider trat, der immer noch zitternd auf dem Klappstuhl saß. Dann kam Friedemann Muskau wieder zu uns.

„Wir werden vorsichtshalber die Spurensicherung rufen. So zu erkennen ist jedenfalls nicht, was die Todesursache war.“

Hatte ich nicht dunkle Verfärbungen auf dem Kostüm gesehen?

„Gulaschsuppe, höchstwahrscheinlich.“ Der Kriminalhauptkommissar zuckte mit den Schultern. „Sagt jedenfalls der Arzt. Wie es aussieht, hat der Mann sich bekleckert und wollte es abkratzen. Mit dem Dolch. Vielleicht hatte er ja Todesangst, dass er das Kostüm ruiniert? Möglich ist vieles. Nach der Autopsie wissen wir mehr. Hoffentlich.“ Er sah sich um. „Dieser Doktor ist so sicher, dass das kein normaler Herzkasper sein kann … Anscheinend ist der Tote bei ihm Privatpatient. War er. So einen Hausarzt kann ich mir nur wünschen. Also gut, soll sich die SpuSi mal kümmern. Sicher ist sicher.“

Während Doktor Wachter mit den Kollegen vom Dauerdienst das Eintreffen der Spurensicherung abwartete, sahen Swantje und ich zu, dass wir das Haus so schnell wie möglich verließen.

„Das hab ich jetzt wirklich nicht gebraucht.“ Swantje schüttelte den Kopf. „Der Freckenhagen, der konnte ja nun echt ein Arsch sein. Aber das? Und so? Und dann auch noch zwei Wochen vor der Premiere!“

Je näher eine Aufführung rückt, desto enger wird bei den meisten Opernsänger*innen der Tunnelblick. Zum Glück wusste ich, dass dieses Fokussieren auf die Rolle Swantjes Methode war, mit Alltagsstress umzugehen. Nun gut, eine Leiche ist nicht gerade alltäglich. Mein lieber Schwan war jedenfalls immer noch reichlich blass um die Nase. Verstehen konnte ich es nur allzu gut, denn vor gerade sechs Wochen hatte sie schon einmal wegen einer Leiche Auskunft geben dürfen.

Wie es sich mit der anderen verhielt, dafür muss ich ein wenig ausholen. Nun gut, nicht nur ein wenig. Sie ziehen es vor, eine Zusammenfassung zu erhalten und dann zu entscheiden, ob Sie mehr wissen wollen? Also gut. Wir hatten beim Joggen eine Leiche entdeckt. Einige Begleitumstände machten die Situation deutlich unangenehmer, als uns lieb sein konnte.

Wer da an diesem Morgen einer Fortsetzung unserer körperlichen Ertüchtigung im Weg gelegen hatte, war eine von Swantjes Kolleginnen, obwohl der Begriff hier eher weit zu fassen wäre. Aber es sollte ja die Kurzversion sein, also belasse ich es dabei, dass Zeugen vorangegangene Auseinandersetzungen erwähnten und Swantjes Alibi für den vorläufig angenommenen Todeszeitpunkt in meiner Beteuerung bestand, ich hätte es gewiss mitbekommen, wenn sie mitten in der Nacht aufgestanden wäre. Meinen leichten Schlaf konnten die mit der Untersuchung Betrauten glauben oder nicht.

Ich vermute, das kam jetzt doch ein bisschen plötzlich. Sie können aber beruhigt weiterblättern, hier geht es zunächst um Zwischenmenschliches.

Die meisten sind im Grunde völlig zufrieden, wenn sie ihr Leben lang keiner einzigen Leiche gegenüberstehen, und Swantje macht da keine Ausnahme. Dass die Verbindung zwischen ihr und der Toten im Springbrunnen eine ebenso gegenseitige wie herzliche Feindschaft gewesen war, änderte an dieser grundsätzlichen Einstellung nichts. Zuletzt manifestiert hatte sich die Gegensätzlichkeit zwischen der Meinigen und der Gesangslehrerin Isabeau Braun-Haupt ein paar Tage, bevor wir Letztere tot aufgefunden hatten.

Die Musikhochschule Weimar hatte beide als Dozentinnen für ihre Internationalen Meisterkurse verpflichtet. Bei Isabeau Braun-Haupt handelte es sich um einen sehr berühmten, wenn auch ehemaligen Gesangsstar. Vor gut 30 Jahren, als die CD gerade ihren Siegeszug antrat, hatte sie bei gefühlt 75 Prozent sämtlicher Klassikproduktionen mitgewirkt und nebenher an allen großen Bühnen der Welt gastiert. Inzwischen waren die Gesangsauftritte der Sopranistin zwar schon lange her, ihr Ruhm blieb jedoch ungebrochen. Als Gesangslehrerin war sie ebenfalls berühmt, aber das passendere Adjektiv wäre, wenn ich Swantje glauben durfte, doch eher „berüchtigt“.

„Weißt du“, hatte sie mir anvertraut, „als Lehrerin ist sie schlicht und ergreifend eine Katastrophe. Komplett. Natürlich gehen die Leute zu ihr, der Name zieht immer noch im Lebenslauf. Dass sie die nach Strich und Faden fertigmacht, um sie anschließend, wie ich vermute, wenn die Kohle stimmt, zu kleinen Klons von sich selber zurechtzukneten …“ Swantje hatte geseufzt. „Die allerwenigsten halten das durch. Und es ist in den allermeisten Fällen einfach grottenschade. Ein vergeudetes Talent mehr. Aber mach wer was dran. Solange die Leute glauben, ihnen kann das nicht passieren, hat sie ihre Marktnische.“

Nun gut, mittlerweile hatte. Hatte gehabt. Allerdings war nun nicht nur grammatisch ein Zeitenwechsel angesagt, denn Isabeau Braun-Haupt, Dame Commander of the Order of the British Empire und Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper, Ehrendoktorin diverser Universitäten, bayerische und österreichische Kammersängerin, Ehrenmitglied mehrerer königlicher Musikakademien sowie Trägerin diverser Verdienst- und Ehrenzeichen, hatte am letzten Morgen der Weimarer Meisterkurssaison tot im Delphinbrunnen vor der Orangerie im Schlosspark gelegen, ihr wenige Stunden vorher noch so sorgfältig toupiertes Haar umspült von Entengrütze.

Woher ich wusste, wie ihre Frisur vor dem Kontakt mit dem kaum knietiefen Wasser des Springbrunnens ausgesehen hatte? Für diese Erklärung muss ich nun wirklich weiter ausholen. Wie erwähnt, Sie können ruhig weiterblättern. Ich gehe derweil erst einmal joggen, gemeinsam mit Swantje. Das war es nämlich gewesen, womit wir uns an diesem frühen Sonntagmorgen beschäftigt hatten. Die Dinge, die wir aus Liebe tun … Warum war ich überhaupt mit ihr in Weimar und verbrachte das Wochenende nicht auf unserer Couch in Arnstadt?

Angefangen hatte alles mit einer harmlosen Bitte.

„Du würdest mir wirklich helfen, wenn du dir das antun willst.“

Die Meinige hatte zweifelnd geklungen, aber es stand natürlich außer Frage, dass ich sie bei ihrem diplomatischen Problem unterstützen würde. Die Sache erwies sich im Grunde als banal und nicht einmal ansatzweise war dabei von Isabeau Braun-Haupt die Rede gewesen. Swantje hatte sich nicht sonderlich darum gekümmert, wer außer ihr im Line-up der Weimarer Meisterkurse stand, auch wenn das in diesem Jahr besonders beachtlich ausgefallen war. Ein russischer Geigenstar, eine in der Schweiz lebende Violinvirtuosin aus Georgien, ein bulgarischer Cembalist, ein Hornist aus Australien, ein Pianist aus den USA, ein Liedbegleiter mit Wohnsitz Niederkassel-Mondorf, wo auch immer das im Rheinischen liegen mochte, ein Streichquartett aus Hamburg … die Liste war lang und international besetzt.

Neben den Instrumentalstars, die Workshops für Soli und Kammermusik anboten, gab es auch zwei für aufstrebende Gesangstalente. Mit „Vokaltechnik und Interpretation“ hatte Swantje ihren Kurstitel eher allgemein gehalten, der andere galt dem Lied, also dem klassischen Kunstlied.

Der Rolle des absoluten Stars in der Riege der Kursleitenden hatte sich Isabeau Braun-Haupt angenommen, auch wenn ihre aktive Zeit als Sopranistin eine ganze Weile zurücklag. Bis auf wenige, gelegentliche Meisterkurse gab sie seit Jahren ausschließlich Privatstunden in ihrem Haus am Attersee.

Ihr Ruf als Mozartinterpretin und Liedsängerin war immer noch so groß, dass über die Art, wie sie mit Studierenden umging, eher unter der Hand gesprochen wurde oder nach dem dritten Sauternes. Swantje hatte mir ein paar Anekdoten erzählt und auch berichtet, dass der Star und sie ein einziges Mal in demselben Konzert mitgewirkt hatten. „Da war ich noch ganz am Anfang und wusste es nicht besser.“

Aber so dringlich die Vermeidung von Begegnungen mit Isabeau Braun-Haupt sein mochten, der Grund, weshalb ich mit nach Weimar gekommen war, bestand in einem, nun ja, eher privaten Problem.

„Weißt du“, hatte Swantje gesagt, „unter den Anmeldungen ist jemand, die reist mir seit ein paar Jahren nach …“

„Eine von deinen Superfans?“, hatte ich gefragt und noch gelacht.

„So gibt sie sich gerne. Ja. Das wäre doch auch ganz okay. Es schmeichelt ja durchaus. Selbst wenn ich nach den Vorstellungen sowieso meistens einfach nur noch heim will. Aber das Spalier am Bühneneingang gehört eben zum Job. Ich glaube, ich werde klammheimlich enttäuscht sein, wenn das einmal aufhört.“ Sie hatte geseufzt. „Ach was soll’s. Ich will nicht länger um den Brei herumreden. Der ist sowieso nur lauwarm. Höchstens. Also die Sache ist die …“

Eine ihrer besonders hartnäckigen Fans war aufstrebende Sängerin und erhoffte sich von der Meinigen weitaus mehr als ein weiteres Autogramm. Sie ließ kaum eine Gelegenheit aus, Kontakt zu Swantje aufzunehmen, und besuchte selbstverständlich auch deren Meisterkurse. Wäre es nur um einen Karrierevorschub gegangen, hätte Swantje das mit einem Lächeln abgetan. Sie ist da sehr prinzipiell unterwegs und unterstützt Talente gerne. Aber bei dem Superfan waren wohl auch private Absichten im Spiel. Und wie lässt sich das formulieren, dass es da nichts zu hoffen gibt, ohne zu verletzen, aber dafür mit der Aussicht, in Zukunft eventuell gemeinsam auf einer Bühne stehen zu dürfen und ein entspanntes, kollegiales Miteinander pflegen zu müssen?

Ich würde also mitkommen, um die treusorgende Gattin zu mimen und die letzten Tage meines Urlaubs bei den Meisterkursen absitzen.

„Nimm dir am besten etwas zu lesen mit“, hatte Swantje gesagt.

Gut gewappnet mit dem neuen Roman von Karen-Susan Fessel in der Tasche harrte ich der Dinge, die da kommen mochten oder eher, die ich verhindern sollte.

Die befürchtete Konfrontation fiel allerdings aus, da sich der Superfan nach einem positiven Corona-Test sehr kurzfristig hatte abmelden müssen. Ich blieb dennoch, denn zum einen höre ich Swantje gerne zu, selbst beim Unterrichten. Zum anderen hatte sie wirklich talentierte Studierende, die mich mehr als einmal aufhorchen ließen.

Swantje ging mit allen sehr freundlich um. „Es hat doch überhaupt keinen Sinn, gleich draufzuhauen“, hatte sie mir vor einiger Zeit anvertraut, „Sänger*innen sind nun einmal nachwachsender Rohstoff. Gut, manche bleiben roh, aber veredelt wird nicht an der Wurzel. Sowieso muss sich erst einmal zeigen, wohin sich das Talent neigt, bevor ein Spalier gesetzt werden kann. Eine Stimme lässt sich nun einmal nicht zwingen in ihrer Entwicklung. Die muss selber wissen, wohin sie wachsen will. Fixierung als Rankhilfe funktioniert allenfalls bei Hopfen. Oder bei Bohnen.“

Ich muss nicht weiter ausführen, wer bei uns in Arnstadt im Garten werkelt, nicht wahr? Zurück also nach Weimar, oder genauer, auf den Belvedere oberhalb der Stadt. In den Räumen des dortigen Musikgymnasiums, das gerade seine Sommerferien genoss, veranstaltete die Hochschule „Franz Liszt“ auch in diesem Jahr ihre Meisterkurse.

Da saß ich also und folgte mit gelegentlichem Aufhorchen dem Unterricht. Der lief auch außerhalb des tatsächlichen Singens recht harmonisch ab. Ein einziges Mal hatte ich gespürt, dass Swantjes Geduld endlich war. Eine Studentin, die mit bereits abgeschlossenem Master aus Tokio nach Deutschland gekommen war, um noch ein Studium anzuhängen, wollte die Verkündigungsszene in Händels „Messiah“ unbedingt singen, ohne mehr als die kurzen Orchesterzwischenspiele zum Atemholen zu verwenden. Vielleicht lag es an der Aufregung, aber Fumiko Osokawa verstand weder auf Deutsch noch auf Englisch, dass die Sache so nicht funktionieren konnte und die korrekte Aussprache sich obendrein von dem unterschied, was sie sang.

Eine Weile hörte sich die Meinige das mit stoischer Gelassenheit an. Sie griff erst ein, als sie bemerkte, dass die Sopranistin gegen Ende der reichlich langen Notenlinien immer wieder in Luftnot geriet.

„Atmen“, sagte Swantje.

Die Studentin nickte und versuchte es wieder, mit dem gleichen Ergebnis. Beim dritten Ansetzen griff Swantje nach einem Bleistift und kam zum Notenpult.

„Schauen Sie. Hier, an dieser Stelle, geht das gut mit dem Atmen. Hier auch. Hier könnten Sie innehalten. Und wenn Sie wollen, auch da.“ Swantje zeichnete mit ihrem Bleistift die Stellen an. Leider sah die Japanerin nicht wirklich in die Noten, sodass die Hinweise nicht viel nutzten.

„Hören Sie, Fumiko-san …“

Die Japanerin nickte beflissen.

„Singen ist ein bisschen wie Sterben. Wenn Sie mit dem Atmen aufhören, ist beides schnell vorbei.“

Fumiko Osokawa lächelte höflich.

„Ohne Atem kann niemand singen, jedenfalls nicht lange. Erst verreckt die Stütze, dann der Ton …“

Und zum Schluss Sie selbst, setzte ich den Satz in Gedanken fort. Es handelte sich um einen Kalauer, den Sänger*innen ziemlich lustig finden können. Der Kurs lachte jedenfalls und auch Fumiko stimmte ein.

„Ah so desu“, sagte sie, „mehr Luft. Hai. Wakarimasu.“

„Aber nicht alle auf einmal“, antwortete Swantje. „Pausen sind wichtig. Für das Atmen wie für das Publikum, damit es besser versteht, um was es eigentlich geht. Immer wenn Sie Luft holen, haben die Zuhörenden Zeit, etwas abzuspeichern. Natürlich müssen Sie nicht alle drei Wörter auf das Publikum warten. Aber je mehr Stellen sie wissen, an denen das Atmen möglich sein kann, desto freier werden Sie. Und umso genauer bekommen Sie ein Gefühl dafür, wo es nötig ist. Für Sie wie für das Publikum.“

Die Sopranistin nickte und tippte mit dem Zeigefinger auf Swantjes Markierungen. „Das ist viel, vieles möglich.“

„Und wenn Sie in die Noten schauen, können Sie immer noch entscheiden, ob Sie sterben wollen oder singen.“