Sinnlicht - Lee Mann - E-Book

Sinnlicht E-Book

Lee Mann

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  • Herausgeber: Epha
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
Beschreibung

Ein erbärmliches Ableben und ein perfider Mord entlarven Doppelmoral, Wohlstandsverwahrlosung und Polit-Intrigen rund um ein (nazi-)geschichtsträchtiges Kleingarten-Idyll vor den Toren Wiens. Die Geschichten von Lee Mann spielen in einer ganz speziellen Kleingartensiedlung im Osten der österreichischen Bundeshauptstadt Wien. Hier am Donau-Oder-Kanal – kurz DOK genannt – liegt eine vordergründig zauberhafte Idylle, in der es allerdings ganz schön hintergründig zugehen kann.

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Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis
I. novembernächtlich
II. regenreglos
III. weihnachtsstimmig
IV. meinungswendig
V. machbarschaftlich
VI. hitzegeständig
nachsäglich

LEE MANN

SINNLICHT

Eine Kleingartenbeklemmung

Kriminalroman

©Lee Mann, Wien, 2017

IMPRESSUM:

Sinnlicht. Eine Kleingartenbeklemmung. Von Lee Mann

©2017 Lee Mann

Über dieses Buch:

Eine einfache Frau kommt Zeit ihres Lebens unter die Räder und schließlich auch noch unter ein Auto. Ein schöner Mann kommt wahrscheinlich doch nicht nach Kanada, aber dafür mit einem sonderbaren Mädchen zu ungeahnten Höhepunkten. Ein Kind kommt in den Himmel, mancher Promi in die persönliche Hölle. Nein, es ist nicht fad in dieser Kleingartensiedlung, in der unter gepflegtem Rasengrün auch noch ein als Gesundheitsverein getarnter Pornoklub, politische Vertuschung und Polemik gegen neue Multikulti-Nachbarn ihre Unkrautwurzeln schlagen. Und der heimliche Schrebergarten-Bürgermeister Gerry Spinnart, Gefängnispsychologe a. D., kriegt alle Hände voll zu tun, um gemeinsam mit der jungen Kriminalbeamtin Nadja Hollerauer Licht ins menschliche Dunkel zu bringen.

 

Über Lee Mann:

Lee Mann hat Wurzeln in Wien, schon einiges von der Welt gesehen und in Wirklichkeit einen viel längeren Namen. Kurz gefasst dafür die Vita: Psychologiestudium, eine lange zurück liegende Tätigkeit im Journalismus sowie eine jüngere berufliche Laufbahn in der Beratung von Klienten an heiklen Schnittstellen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Am Ort des Buchgeschehens, dem Donau-Oder-Kanal östlich der österreichischen Bundeshauptstadt, gehört Mann zu den spät Zugezogenen. Das macht den Blick so scharf, wie es Lee Manns Zunge schon immer war.

 

 

©Lee Mann, Wien, 2017

 

 

Abgesehen vom Donau-Oder-Kanal, der tatsächlich existiert(wenn auch nicht ganz in der beschriebenen Form), ist alles in dieser Geschichte völlig frei erfunden. Besonders natürlich das Böse, Lächerliche und Unanständige.

 

I. novembernächtlich

Müll hat viele Varianten.Trennen lernen Arrivanten.

Heute ist Gelber Sack. Sagt der Müllkalender. Warum der Gelbe Sack ein Sack ist und alles andere eine Tonne, wissen nur Gott und das Umweltreferat der Niederösterreichischen Landesregierung. Überhaupt, die Gesetze des Abfalls. Die kleinste Tonne, die einem hier im Kleingartenidyll um satte Müllgebühren zur Verfügung gestellt wird, ist die braune für Bioabfälle, knapp gefolgt von der anthrazitgrauen für den Restmüll. Letztere ist sogar für die Zweipersonen-Wochenend-Domizile sowas von zu klein, dass die Desperados unter den Anwohnern nachts mit ihrem Haushaltsmist heimlich die Abfallkübel der Marchfeld-Metropole Großleiten verstopfen, zu der die beiden besiedelten Aushub-Becken des liebevoll „DOK“ gekürzelten Donau-Oder-Kanals gehören.

Das größte Volumen bietet der Kübel fürs Altpapier. Herrschaftsseiten! Die Blätter, die in so einem Schreber-Soziotop anfallen, sind grün. Oder braun. Jedenfalls Natur pur, ganz ohne Druckerschwärze. Und wenn doch bedruckt, dann ziemlich Yellow. Aber bestimmt nicht großformatig, vielseitig und rosa.

Ein kreativer Gebühren-Kalkulierer hat sich schließlich die Bürgerverhöhnung der aufpreispflichtigen XL-Tonne einfallen lassen. Das Extra gibt’s aber nur für den Restmüll. Das Mehr an Füllmenge, das man am dringendsten brauchen würde, um Grasmahd, Strauchschnitt & Co. zu verstauen, ist nicht mal für gutes Geld zu haben.

Dafür spendiert uns der Abfallwirtschaftsverbund regelmäßig ein schmuckes Info-Magazin in den Briefkasten. Ein Blatt voller Appelle, Anforderungen und Vorschriften. Termine, zu denen der richtige Kübel in der vorgeschriebenen Weise pünktlichst an der vorgeschriebenen Stelle auf Entleerung zu warten hat. Lange Bullet-Point-Listen, piktogrammgeschmückt, was in welche Tonne darf und was nicht. Komplizierte Anmeldevorgänge für die Sperrgut-Abholung. Ausweispflicht für den Müllplatz. Unsere Staatsgewalten scheitern am grenzüberschreitenden Info-Austausch über Terrorverdächtige und lassen zu, dass globale Großkonzerne weniger Steuern zahlen als lokale Imbissbuden. Aber den Mist einer Schrebergartensiedlung regeln, das können sie. Und zwar 1A.

Nun. Gelber Sack also. Die fünf schwarzen Plastikblumentöpfe, Bastarde jeder sauberen Trenn- und Raumspar-Taktik, noch tief zwischen den ordnungsgemäß flachgedrückten PET-Flaschen versteckt, und raus vor die Gartentür mit dem blassgelben Bündel.

*

Der Mann mit den drei Speicherkarten in der Brusttasche schert sich nicht um Gelber Sack. Für ihn erledigen das Andere. Die Säcke, um die er sich kümmert, sind rot, schwarz, immer öfter auch blau. Sehr selten gibt es Grüne. Und sogar das liberale Pink verheißt vereinzelt Potenzial. Heute hat er einen oberwichtigen Sack vom „Verein Gesundes Wien“ sowie zwei einflussreiche Apothekenbetreiber für die Verwertung aufbereitet.

Die Aufnahmen sind scharf, in jeder Hinsicht.

Zufrieden schließt der Mann das Gartentor und geht zu seinem Wagen.

*

Immer geradeaus, Miri. Geradeaus. Und treten. Treten. Nicht denken. Nicht an die Schmerzen in der Hüfte denken, nicht an das Stechen im Handgelenk.Einfach in die Pedale treten. Links, rechts, links, rechts. Den Weg kennen wir ja. Ist zwar der längere, oben herum um den DOK statt unten durch das Stück Auwald, aber um halb drei, bei Nacht, Regen und Grauem Star, zählt die Berechenbarkeit einer Route mehr als ihre Länge. Die Sattelauflage aus alten Deckenfetzen macht’s dir bequem, nicht? Zahlt sich aus, dass wir die genäht haben, gell, Miri. Und erst die Regenjacke aus dem Altkleider-Container. „Ölzeug“ hat sowas in den Kinderbüchern immer geheißen. Norddeutsche Jugendliteratur, gebaut aus Bubenträumen vom Zur-See-Fahren. Bin zwar ein Mädchen, heute schon ein altes, aber geliebt hab ich sie, die Matrosenabenteuer!Obwohl, unter Ölzeug konnte ich mir nie recht was vorstellen. Jetzt hab ich es an.

Sie ist zu weit, die alte Gummijacke. Aber schön lang dadurch. Auch nicht mehr so schön gelb, wie sie einmal war, als neue. Ziemlich ausgebleicht.Blassgelb. Gelbersackgelb. Aber dicht. Darauf kommt es an.

Da vorn ist die Abzweigung zum Leidner. Der riesige weiße Würfel seiner Gemüsewaschhalle. Das Lagerhaus daneben. Nur Schemen. Wegen dem Regen. Wegen dem Grauen Star. Und wegen der Reste. Miri, Reste darf man nicht verkommen lassen, hat die Oma immer gesagt. Und ich lass nix verkommen. Schon gar nicht so gute Reste wie die von der Schriefner-Feier. Was die Leute sich immer nachschenken lassen, wenn sie es doch eh nicht austrinken.Wahrscheinlich wegen der Mädeln, die der Schriefner zum Servieren hat. Da haben die Herren Apotheker gleich zweimal zu tief geschaut. Und das letzte Schauen ist halt nicht ins Glas gegangen. Und dann sind die Männer gegangen. Mit den Mädeln. Geblieben sind die Gläser. Eins nach dem anderen haben wir dann brav in die Kisten von der Firma gestellt, die alles angeliefert hat. Rest in die Kehle, Glas in die Kiste.Sauber, Miri. Ein Segen, dass mir der Schriefner immer wieder so eine Arbeit gibt. Das Geld ist ein Segen. Dass es die von der Mindestsicherung nicht erfahren, ist ein Segen. Und heut Abend der gute Schnaps, der war auch ein Segen. Wäre schade drum gewesen, auch nur einen Tropfen davon in die Abwasch zu leeren. Ja, weiß schon, wir wollten nix mehr saufen. Eh, Miri. Morgen.

Jetzt aufpassen. Privatstraße Ende, Anfang öffentliche Landstraße. Schon ein Viertel vom Heimweg geschafft. War die Fahrbahn immer schon so schmal? Und rechts der Graben zum Feld immer schon zu nah? Schwenk lieber auf den linken Rand, Miri. Auf den Parkstreifen. Kaum Autos, keiner mehr da um die Jahreszeit. Entgegen kommen wird uns auch niemand um die Zeit. Die Arbeiter vom Leidner fahren erst kurz vor fünf hier durch.

Gelber Sack. Gelber Sack. Gelber Sack. Nix. Nix. Nix. Vergessene Biotonne. Nix. Nix. Vorzeitig rausgestellte Restmülltonne. Nix. Gelber Sack. Gelber Sack. Der Zehn-Meter-Rhythmus der Schrebergarten-Grundstücksbreiten. Sind doch noch ein paar Leute da gewesen, nach dem Rechten sehen im Sommerhaus und den Mist pünktlich rausstellen. Was ist das da vorne? Wenn ich nur besser sehen könnte. Miri, pass auf. Der Rumpler. Auweh, die Hüfte. Schuh rutscht vom Pedal Hand zuckt vom Lenker Bein dreht in die Kurbel Kopf schaut nach unten Blick zieht zum Boden. Sturzbetrunken. Sturz, betrunken. Immer näher kommt das Muster der Pflastersteine, Geometrieverschlingungs-Biedermeier in Gussbeton. Kurbel kreiselt im Nichts Kotflügel kratzt auf Rau-Grau Speiche spleißt Felge filetiert Fußfleisch Nabe nagelt sich in Schenkelfett. Miri, jetzt liegen wir da. Ich und das Rad.

*

„Jetzt hat der Schriefner schon wieder so ein schwachsinniges Event am Laufen und seine verrückte Beleuchtung auf höchste Stufe geschaltet.“ Gerry Spinnart braucht einen Sekundenbruchteil, um zu erfassen, dass sich die Tonart der Stimme vor ihm signifikant verändert. Besser gesagt: Sein Blut braucht etwas Zeit, um auch wieder den Kopf zu versorgen, der diese Wahrnehmung zu verarbeiten hat. Und wo war das wunderbare Wogen des mächtigen Hinterns auf seinen Hüften hin, das weiche Wiegen des Bassgeigen-Rückens im Rhythmus seiner Stöße? Er hätte Ida nun auch einfach rechts um auf den Bauch drehen können, ganz ohne Rausrutschen. Die Wende bringt er physisch noch einwandfrei. Auch die Worte, die eine abgelenkte Geliebte ganz schnell wieder auf den richtigen Fokus lenken. Doch blöderweise hatte sein Hirn so viel Blut abgekriegt, dass auch er die gleißenden Farbspiele schräg gegenüber nicht mehr ausblenden kann.

Sinnlicht. So ein Unsinn! Da war nichts sinnvoll und auch überhaupt nichts sinnlich an diesem knallfarben changierenden Kunstlicht, mit dem Ewald Schriefner sein monströses Haus und den fast vollständig zubetonierten Garten seiner Doppelparzelle illuminiert, um die Lebenssinn spendende Wirkung seiner „Lobaulicht-Lampen“ zu demonstrieren.

Normalerweise war Spinnart ja einer der Besonneneren, wenn es um Schriefners Esoterik-Palast geht. An den Spekulationen um abartige Vorgänge im Tiefgeschoß des Gebäudes beteiligt er sich nicht. Und während die meisten anderen Anrainer in diesem DOK-Abschnitt die – im höchst unöffentlichen Umfeld der nach außen abgeschotteten Privatufer-Grundstücke mehr als bizarr anmutende – Einrichtung des „Zentrums für Aukräuter-Heilkunde und Lobaulicht-Therapie“ nur mehr mit Schaum vor dem Mund kommentieren, vertritt Gerry eher die entspannte „Leben-und-Leben-Lassen“-Minderheitenposition. Dass da immer wieder Veranstaltungen für Ortsfremde abgehalten werden, dass das Schnattern der Gästescharen die intime Beschaulichkeit des DOK-Lebens stört, dass da unter dem Deckmantel eines gemeinnützigen Vereins ein ziemlich diskutables Business läuft: Damit kann Gerry im Allgemeinen kritisch, aber nüchtern umgehen. Im Speziellen jedoch, ganz speziell in dem Moment, als sein Ständer keiner mehr war und lasch aus Ida flutschte, hätte er den Aukräuter-Affen da drüben umbringen können.

Am nächsten Tag, Ida und er sitzen früh beim Frühstück, nachdem sie noch früher nachgeholt haben, was in der Nacht zuvor so mau verdümpelt war, dauert es nicht lang, bis die ein, zwei üblichen Verdächtigen unter den Ganzjahres-Anwohnern bei Gerry Spinnart ihre Erkenntnisse deponieren: Eine Runde Apotheker war es, die Schriefner gestern Abend in einem seiner obskuren Heilungs-Workshops hofierte. Locker bis drei Uhr wäre die Chose gegangen. Einer der beiden Anrufer hat sogar viel später noch Autos wegfahren gehört, als der Schriefner-Palast schon längst im Dunkeln lag. Und im Lauf des Morgens sollte Gerry schließlich noch ganz andere Neuigkeiten erfahren.

*

Die Frau, die wahrscheinlich schon mit einer Perlenkette um den Hals geboren wurde, hat die Fähigkeit des Dämmerns perfektioniert. Denn in dieser Weltverrückung zwischen Schlafen und Wachen, da, wo einem die Träume fast gehorchen, da liebte Konrad sie noch. Wie absurd sein Tod doch war! Lebenslang fit, ernährungsbewusst, von intensiver waidmännischer Naturverbundenheit – und dann rafft ihn in der Blüte seiner Seniorpartner-Jahre der Herzkasperl dahin. Immas Einsamkeit in den acht Jahren seither übertraf die typische Teilzeit-Einsamkeit der heimlichen Geliebten, die sie ihm Jahrzehnte lang von Herzen gerne war, um den Faktor unendlich.

Im Dämmern holt sie ihn zu sich zurück. Wenn die Träume besonders gut gehorchen, kann sie ihn hören, spüren, riechen. Lediglich das Sehen hatte sich ihr bald nach seinem Ableben auf perfide Weise entzogen. Sie ist in der Lage, Details seines Körpers auf ihre innere Leinwand zu bringen, sie kann tausende Szenarien gemeinsamer Erlebnisse heraufbeschwören, sie sieht sich selbst an, neben, unter, vor, über, hinter ihm. Aber sein Gesicht, das bekommt sie nicht scharf. Nur ganz, ganz selten klart es hervor, gibt ihr trügerische Sicherheit von Nun-nie-wieder-Verlieren. Doch so sehr sie das rare Bild festzuhalten versucht – die Träume sind unbarmherzig.

Jetzt dämmert sich Imma gerade nach Schloss Kapfenstein, wo Klaus und sie sich nach einer Kanzlei-Tagung noch eine zusätzliche gemeinsame Nacht gestohlen hatten. Als Primus inter Partner-Pares genoss Prof. Dr. Konrad Wolarsky natürlich das Privileg des schönsten Turmzimmers. Was für ein Schwelgen war das, eingehüllt in dicke Decken auf dem breiten Sims des offenen Fensters dem Nebel über den Weinbergen zuprosten. „Du gehst mit mir noch die Recycling-Verordnung durch, Strasser“, hatte er ihr, der Leiterin des innovativen, neuen Bereichs Umwelt- und Anlagenrecht, damals vor den Kollegen den Weg zum Dableiben geebnet. Juristische Belange fanden dann jedoch wenig Raum in ihren folgenden Stunden.

Interessanterweise drehen sich Immas Dämmerungen selten um sexuelle Eindeutigkeiten. Mag sein, weil ihr das auch in der Realität nie so besonders wichtig gewesen ist. Oder, weil Konrads Erotik soviel sperriger war als sein Lieben diesseits der Erregung. Jedenfalls holt sie sich gerade seine Umarmung, die warme, entschlossene Hand auf ihrer Schulter, seine Stirn an ihrer, den Duft von dezent verstoffwechseltem Hermès am Ende eines langen Tages, das Ritual des weitergereichten Einer-für-Zwei-Bademantels zur Ablöse im Badezimmer und die Innigkeit, mit der er sie zum Einschlafen stets in sich einschlug. Es war selten, dass sie ein Bett teilen konnten. Und daher umso kostbarer.

Bett. Nein, das ist nicht ihr Bett, in dem sie hier liegt. Obwohl die Nacht schon weit fortgeschritten sein muss, das fühlt sie. Wo war sie? Imma braucht einige Momente zur Orientierung. Das funzelige Licht der Küchenbar hilft kaum, erst langsam werden die Konturen klar: Es ist das Sofa ihres DOK-Hauses, aus dem sie gerade ihre dünnen Glieder windet. Das ging früher schon mal flüssiger. Verdammtes Altern. Fast zugeparkt von Kartons und gestapelten Möbeln, resümiert sie: Spätnachmittags wieder eine Fuhre aus der Stadtwohnung rausgebracht, gemeinsam mit ihrem sonderbaren, unheimlichen, aber momentan in mehr als einer Hinsicht sehr nützlichen Halbbruder Nick hier reingeräumt, seinen Bericht in der anderen Angelegenheit gehört, den Bastard nach ein paar verlogenen Nettigkeiten heimgeschickt, dann auf der Couch eingenickt. Und nun war es halb vier Uhr früh. Verdammt. Der Möbelwagen muss zurück. Noch einen Halbtag Miete für den Transporter – solchen Luxus kann sie sich nicht mehr leisten.

*

Auch Nikodem Strasser wachte in diesen wee small hours of the morning. Er hatte wieder mal Stunden im Netz verbracht, leidlich erfolgreich. Nun, noch zu aufgekratzt, um gleich einzuschlafen, rekapitulierte er den Stand des Projektes Bernreich. Target: Edith Bernreich, neue Kollegin im Management-Team seines Arbeitgebers. Mission: ihr möglichst baldiges berufliches Scheitern. Client: Immakulata Strasser, diese ausgedörrte, hölzerne Heuchlerin von Halbschwester.

Was Imma gegen die Bernreich hatte, war klar. Schwesterchen hatte es Nick hasserfüllt hingespien, die Zeitung mit der Karriere-Meldung über den neuen Job ihrer Erzfeindin hysterisch in sein Gesicht wedelnd. „Diese Schlange“, geiferte sie, „diese Schlange ist schuld daran, dass ich aus der Kanzlei geschmissen wurde!“ Die demütigende Kündigung, die folgenden Jahre der Hungerleider-Selbstständigkeit sowie deren fatale Auswirkungen auf die Pensionshöhe, der soziale Abstieg auf dem professionellen Parkett, weil Immas Visitenkarte nun nicht mehr das Logo einer Top-Tier-Sozietät trug – alles wegen Bernreich. Dass das Unheil seine Ursache tatsächlich in Konrad Wolarskys Absägung – offiziell: ehrenvoller Übertritt in den wohlverdienten Ruhestand – hatte, dass Immas Rauswurf lange vor Edith Bernreichs Engagement von Konrads Kronprinz und designiertem Nachfolger vorgeplant war, dass sich die halbe Kanzlei schon seit Jahren über die ungerechtfertigte Protektion den Mund zerriss, die Strasser und ihr unprofitabler Fachbereich dank der Liaison mit dem Chef genossen, dass die Bernreich gar nicht wusste, welchen Abschied ihre Ankunft bedingen würde: alles keine Argumente für Imma. Wie so oft nahm hier eine Frau die andere Frau ins Visier, statt die wahren Schuldigen zu stellen. Ein seltsames Naturgesetz.

Nick hatte persönlich rein gar nichts gegen seine neue Kollegin. Genau genommen war sie nicht mal übel. Weder fachlich noch menschlich. Aber soziale Befindlichkeiten waren keine berechenbaren Ressourcen. Am Screen wie im Leben zählten für Nick nur das Kalkül und die Input-Output-Relation. Und die sprach aus seiner Perspektive halt gegen Bernreich.

Lange Zeit lag es zurück, dass Nick sich tiefere Emotion erlaubte. Etwa 13, 14 Jahre alt musste er gewesen sein, als er erfuhr, wer sein Vater war und dass es da noch einen anderen Teil seiner Familie gab. Den anständigen. Den anerkannten. Den an der guten Adresse. Doch weil der noble Hofrat Strasser, johannistriebig unvorsichtig, noch einen späten Stich gemacht, sein geschwängertes Pantscherl effizient unter Druck gesetzt und die dralldumme junge Frau dazu gebracht hatte, ihr Baby zur kleinbäuerlichen Verwandtschaft ins tiefste Burgenland abzuschieben, war nur Imma die Gnade der hochwohlgeborenen Kindheit zuteil. Sie aß mit silbernen Löffeln. Nick hingegen hatte den Saudreck zwischen den Zehen. Das einzige, was ihn mit seiner um mehr als ein Jahrzehnt älteren Halbschwester und dem Strasser-Stamm sichtbar verband, war seines Vaters Vorliebe für pompöse Vornamen. Immakulata, Nikodem. Was musste Nicks Mutter doch für eine Gans gewesen sein, dass sie sich nicht nur sämtliche Ansprüche ab-, sondern auch noch diese Namensgebung aufschwatzen ließ.

Natürlich hatte der erwachsene MMag. (FH) Nikodem Strasser versucht, zu seinem Recht zu kommen. Doch von Amts wegen war nichts zu machen, moralisch konnte man dem bereits verstorbenen alten Strasser und seiner ebenfalls schon toten Gattin nicht mehr beikommen, und juristische Belangung der einzig offiziell hinterbliebenen Halbschwester scheiterte an den hohen Kosten sowie an der befürchteten zusätzlichen Stigmatisierung, als Bankert nicht nur genetisches Treibgut, sondern in dieser Eigenschaft auch noch aktenkundig oder gar, der Halbprominenz der Hofrats-Sippe geschuldet, medienöffentlich zu sein.

Allerdings punktete Nick schließlich mit einem seiner Talente, das ihm bald zur nahezu einzigen echten zwischenmenschlichen Leidenschaft geriet: Er liebte die Suche nach den Hebeln, mit denen Andere zu knacken waren. „Herausfinden, welche Knöpfe man drücken muss“, nannte er das. War die solchermaßen erforschte Person irrelevant, löschte er sie von seinem Radar. Konnte sie seinen Interessen nützen, wurde ihre Manipulierbarkeit zur kalkulierbaren Ressource. Und genau so hatte er Imma erwischt. Dieses weihrauchwütige, charitybewegte, sozialdünkelgeplagte und vor allem reputationsbesorgte Opfer war ihm glatt reingefallen auf sein herzensrein vorgebrachtes Ansinnen nach emotionaler Familienzugehörigkeit bar jeglichen materiellen Anspruchs.

Und so entstand eine fruchtbare Zweckgemeinschaft: Die verarmte, inoffiziell verwitwete und emotional vereinsamte Imma hatte jemanden, der ihre gallig-traurigen Geschichten anhörte, ihre Lasten schleppte und ihre Karrierekillerin aufs Korn nahm. Nick wiederum nutzte seine Halbschwester als zentralen Knotenpunkt zum Aufbau eines gesellschaftlichen Netzwerks und schaute sich heimlich das eine oder andere Insignum aus dem ungeschriebenen Kanon der gehobenen Herkunft ab, um es, Copy-Paste, zur Verfeinerung seines eigenen Pedigrees zu nutzen.

Außerdem gab es da noch den Deal, der alles rund machte: Grundstück und Haus am DOK würden nach Immas Tod garantiert an Nick gehen. Das Testament unabänderlich, das Veräußerungsverbot im Grundbuch eingetragen. Und saftiger Endvierziger, der er war, hatte Nick alle Hoffnungen, die seit dem Tod ihres Liebhabers seelisch wie körperlich zunehmend hinfällige Anfangssechzigerin bald zu beerben.

Er vermochte gar nicht genau festzumachen, warum ihm so viel an diesem Schrebergarten lag. Vielleicht, weil Leute aus kleinen Verhältnissen nur mit überschaubaren Paradiesen umgehen können? OMG! Ja, du kriegst den Mann aus dem Saudreck. Aber du kriegst den Saudreck nicht aus dem Mann. Anyway. Dafür zahlte es sich jedenfalls aus, sein Netz der Intrigen und Manipulationen um Edith Bernreich zu spinnen.

*

Ob die Mädeln vom Schriefner jetzt noch Apotheker zwischen den Schenkeln haben? Ich hab mein Rad zwischen den Beinen. Ist mir immer noch lieber als so ein besoffener, geiler Weißmantel. Blöd nur, dass bei mir kein weiches Bett drunter ist. Nur harter, nasser Asphalt.Wenn ich mich kleiner mache, zusammen rolle, geht es besser. Den Hals muss ich grad strecken in der Position, sonst macht mein Genick nicht mehr mit. Die Hand tut so weh. Mit der anderen vor den Bauch halten, das hilft. Aufstehen, Miri. Nein, nicht mal versuchen. Chancenlos. Der Kopf will nicht der Körper kann nicht. Ist ja zum Aushalten so. Lieber warten. Nicht mehr treten. Nicht mehr denken. Schlafen vielleicht. Nur nicht denken. Alter Mensch altes Rad rostiges Blech auf ausgeleiertem Fleisch verbogener Draht auf mürben Knochen. Ein Bündel Lebensversagen. Blassgelb.

*

Beim Leidner arbeitest du schwer. Lang, laut, dreckig. Passiert auch immer wieder was mit den Maschinen für das Gemüse. Letztes Mal die Finger von Ondrej. Und natürlich keine Rettung, keine Meldung, kein Krankengeld. Nur der besoffene Altedoktor aus Großleiten für Erstehilfe. Aber du beschwerst dich nicht. Ist ein guter Job, wenn du ein ungelernter Slowake bist, Baumaterial für dein kleines Haus kaufen musst und Ivanka unbedingt euer zweites Kind machen will. Hast sogar den Bus. Immer Donnerstag bis Sonntag. Fahrst die anderen aus Bratislava zur Leidner-Fabrik. Immer um Viertel nach, alle bei Treffpunkt an der Straße zur Grenze, um fünf Uhr dann Ankommen, schnell Umziehen. Kaffee vom Automat in der Früh gratis, aber nur erste zehn Minuten und nur einmal Drücken pro Mann.

Der Regen ist nicht gut. Geht langsam heute. Erst Hainburgdonaubrücke, und schon Zehn nach.

*

Wenigstens auf der Stadtautobahn ist die Beleuchtung besser. Den Weg aus Großleiten bis hierher hat Imma wie in Trance zurückgelegt. Der Regen, der Nebel, der ungewohnt große Wagen. Finster war’s, der Mond schien helle, als ein Wagen blitzeschnelle… Warum dröhnt sie sich das Denkvermögen zu mit dem Morgensterngedicht, schon Kilometer lang? Wie blank gewischt, ihr Hirn. Konzentrier dich, Trampel. Du hast keine Kaskoversicherung mit abgeschlossen. Endlich. Die Abfahrt zum Möbelhaus. Den Parkplatz für die Miettransporter finden, in die Lücke manövrieren, Innenraum-Check, Laderaum-Check, nichts vergessen. Wagenpapiere, das Rückgabe-Formular ausfüllen, Zeitpunkt der Rückgabe: 23.51 Uhr. Merkt ja keiner. Hauptsache, das Auto ist am Morgen ordnungsgemäß retourniert. Unterschreiben, ab damit in die Service-Box.

Imma hat funktioniert. In ihrem Smart spürt sie sich langsam auch wieder. Die Straßen auf ihrem Heimweg sind menschenleer, die eleganten Gründerzeitfassaden lehnen sich entspannt in den Schlafatem sorgloser Bewohner. Es wird ihr das Herz zerreißen, die Innenstadt-Adresse aufzugeben und die Altbauwohnung zu verkaufen, die Mutter und sie aus Vaters Erbe erworben hatten. Mutter war hier gestorben, eine Hand in Immas Schoß, die andere, auf der anderen Seite des Bettes, vom Weihbischof persönlich zu Trost und letzter Segnung für die Frau Hofrat weich umfangen.

Mit der Geneigtheit kirchlicher Würdenträger war es bald vorbei, nachdem Immas finanzielle Verhältnisse ins Trudeln gerieten und sie die großzügigen Wohltätigkeiten nicht mehr aufrecht halten konnte. Ende mit Ehrenämtern in Spendenkommittees, Schluss mit lukrativen Mandaten des Domkapitels, nicht einmal zur Beichte hatte der Weihbischof sie noch angenommen. Inzwischen hatte sie aufgehört, ihn anzurufen, nachdem sie einmal durch Zufall auf dem Weg zu einer Veranstaltung beobachten musste, wie er sie auf dem Handy einfach wegdrückte.

Sie hatte es noch einige Jahre nach Konrads Tod und ihrem Austritt aus der Kanzlei hindurch geschafft, den Eindruck finanzieller Bewegungsfreiheit vor- und in der guten Gesellschaft mitzuspielen. Teure Handtaschen, die sie nicht brauchte, Designerschuhe, die ihren Hallux immer schmerzhafter quälten und Luxusurlaube, die sie gar nicht genoss, gingen dann eben nicht mehr auf Wolarskys Kreditkarte, sondern auf ihre eigene. Bis nichts mehr ging. Damit gingen dann zwar auch die exklusiven Einladungen, die Hobby-Cliquen zwischen Golfplatz und Tiefschnee sowie ihre allesamt konsequent standesbewussten Freunde. Doch immerhin reduzierte das die Notwendigkeit, sichtbaren Aufwand zu betreiben, markant.

Dazu hatte der Mega-Flop ihrer Vermögensveranlagung die Finanzsituation längst über alle Maßen angespannt. Auf Konrads Empfehlungen hin war Immas Erbe fast zur Gänze in riskante Derivatgeschäfte und Devisenspekulationen investiert gewesen. Leider konnte er ihr nicht mehr empfehlen, rechtzeitig auszusteigen. Lehman und die anderen standen noch in voller Blüte, als ihr Lebensmann knickte. Dann krachte die Wall Street, die Blasen platzten – und mit ihnen mutierte das Strassersche Geldmanagement zum grandiosen Desaster. Nun hatte sie fette Kredite zu bedienen, deren Rückzahlungen ihre knappe Pension und selbst die Option eines Vermietungserlöses aus der Stadtwohnung bei weitem überstiegen. Die City-Immobilie verkaufen und an den DOK ziehen war die einzige Alternative.

Imma schlief traumlos. Und das einzige, was ihr ein paar Stunden später dämmerte, war die Ahnung kommender Verzweiflungen.

*

Cӑcat, war das kalt hier! „Magda, wach auf, wir müssen raus hier, bevor die Leidner-Leute kommen.“ So bestimmt wie zärtlich entwendet er sie seinen Armen und hilft ihr, selbst vor Kälte zitternd, unter der Schlafsackdecke ihre Kleider anzuziehen. Er hat die Zeit im Griff. Er hat das Auto. Er hat die Ortskenntnis für einen nahen, aber gut versteckten Parkplatz. Er hat den Nachschlüssel zum Zeugwarthaus des DOK-Bootsvereins. Er hat die Handgriffe und das Kofferraum-Notpaket, um die karge Hütte auf Nord-Ost rasch zur leidlich kuscheligen Höhle umzugestalten. Er hat die Muskeln und die Technik, um sie beide zu verteidigen, wenn es nötig würde. Er ist gut als Beschützer. Das wird auch seine große Karriere, er spürt es genau. Aber nicht jetzt. Jetzt müssen sie sehen, dass sie hier wegkommen. Keiner darf Zeuge ihrer stundenweisen Hausbesetzung werden.

Magda auf dem Beifahrersitz murrt müde. Ist ok. Soll sie ruhig schlafgrantig sein. Umsicht haben, Unbill vermeiden und jedes Unheil von ihr fern halten, das sind seine Aufgaben in ihrer – ja, er will es denken: ihrer Ehe. Der zur Ewigkeit nur die Amtlichkeit fehlt. Alles andere ist ja fix.

Check Zeitanzeige: noch genug Reserve bis Fünf, der Stunde der Leidner-Stechuhr. Blick in den Rückspiegel: keine Scheinwerfer zu sehen, kein Arbeiterbus der Morgenschicht. Früh hochschaltend, damit der getunte Motor nicht lärmt, zieht er zügig durch bis zur Abzweigung Richtung Hauptstraße. Ein, dann noch ein entgegenkommendes Fahrzeug – was tun die hier um die Zeit? – zwingen ihn zu Ausweich-Wellen auf den Parkstreifen, nach denen er jeweils schärfer als nötig links auskurvt, um sich rasch wieder in den Flow des fokussierten Fahrens zu versetzen.

Davide Oreanu, 21, Migrant zweiter Generation aus rumänischstämmiger Großfamilie, und Magda Werdenich-Duàrde, 17, jüngere der beiden Töchter einer kleinen, aber feinen Wiener Unternehmer-Dynastie. Klingt nach Romeo und Julia. Ist es aber nicht.

*

Mein Herz schlägt, meine Lunge zieht Luft, mein Blut pulst. Alles andere wie betäubt. Augen geschlossen lassen. Siehst eh kaum mehr was in der Nacht, Miri. Wer wird uns hier finden, was meinst? Hoffentlich der Gerry, wenn er nur bitte wieder einmal seinen Morgenlauf macht. Der ist einer von den guten Menschen am DOK. Die Leute hier teilen sich für eine wie mich ja in drei Gruppen: die Angeekelten, die nur eine Verwahrlosung sehen. Stirnfalten ziehen Lider einkneifen Lippen pressen. Und hinter meinem Rücken Verachtung zischeln, wenn sie grad mehr als einer sind.Mit denen können wir leben, Miri. Fremdverachtung, Selbstverachtung. Eins wie’s andere. Die schlimmste Gruppe, das sind die Luftblicker. Die, die vorgeben, mich gar nicht zu sehen. Die rechtzeitig in die andere Richtung schauen. Die gerade dann, wenn ich vorbei radle, zu dringend beschäftigt sind, um so etwas wie ein Zunicken auch nur zu überlegen. Einer von den Guten, so einer wie der Gerry Spinnart, der grüßt mich. Immer. Hat oft ein freundliches Wort. Hat mir manchmal auch länger zugehört. Mich sogar in meiner verlotterten Hütte besucht. Meingott, Miri, wie sehr wir uns geschämt haben damals, die Unordnung, der Schmutz, die Flaschen. Im Garten keine einzige ordentliche Blume zwischen dem Unkraut. Aber dem Gerry war nichts peinlich. Im Gegenteil. „Mach dir keinen Kopf, Mädel“, hat er gesagt und mich über das „Mädel“ kichern lassen, „als Gefängnispsychologe hab ich so oft Menschen getroffen, denen die Watschen vom Schicksal ihre Lebensordnung aus der Hand geschlagen haben. Du machst deinen Weg schon.“ Das hat gut getan, Miri, was?

Mit der Häfen-Arbeit hat er dann aber vor der Zeit aufgehört, was ich so weiß. Die Füllmenge für Kaputtes ist beim Menschen anscheinend auch dann begrenzt, wenn’s das Kaputte von Fremden ist. Jetzt betreut der Spinnart nur mehr uniformierte Kollegen. Wird wohl auch die eine oder andere Kollegin behandelt haben. Sonderbehandelt, mein‘ ich. Weißt eh. Frisch und fesch genug dafür ist er ja noch.

Ruhig Blut, Miri, der Gerry wird uns finden. Oder irgendwer. Muss ja jetzt hell werden, bald einmal.

II. regenreglos

Das ist die Hürde beim Verwalten:Oft fehlt die Würde beim Verhalten.

Der fünfte Abschnitt des Donau-Oder-Kanals, kurz DOK V genannt, ist 2,4 Kilometer lang und so zirka 70, 80 Meter breit. Am Südende schließt direkt der Auwald der Lobau an, der winzige öffentliche Badeplatz dort lockt allerdings nur wenige. Das nördliche Ende mit dem neuerdings türkischen Restaurant kratzt an der Hainburger Bundesstraße. Östlich und westlich flankieren die kleinen Gartengrundstücke das grundwasser-gespeiste Becken. Jeweils hinter den Gärten liegen die Zufahrtsstraßen.

Doch so einfach die Lagebeschreibung, so kompliziert das System der Adressierungen: Die bebauten Ufer sind in Segmente unterteilt, Nord-, Mitte- und Süd-Abschnitte auf der Ostseite werden NO, MO und SO gekürzelt, parallel dazu finden sich NW, MW und SW auf der Westseite. Hausnummern wurden, warum auch immer, nicht aufsteigend numerisch vergeben, sondern ergeben sich aus den von Norden nach Süden hin aufeinander folgenden Buchstaben des Alphabets plus Ziffern von 1 bis 9. So kommt es zu Adressen wie DOK V NO C4 – und zu hysterischen Anfällen von Ortsunkundigen, die versuchen, ihren Navis diese Anschriften beizubringen oder auf analoge Art zum Ziel zu finden.

Dann wäre da noch das Reglement der Straßenverkehrsordnungen: NO sowie Teile von MO liegen an einer öffentlichen Landesstraße, die östlich in die Gemüsefelder beziehungsweise zum Leidnerschen Betrieb wegschwenkt. Danach, also an MO und SO, folgt eine im Gemeinschaftseigentum der DOK-Anlieger stehende Privatstraße, die in beide Richtungen befahrbar sein muss, weil sie am südlichsten Zipfel ja im Dickicht des Auwaldes endet. Auf SW die gleiche Situation: Privatstraße, Sackgasse, Gegenverkehr; plus martialische Betonaufsteller und formatfüllende Bodenmarkierungen in Sachen Tempolimit, die der dort wirkende Grundstücks-Großbesitzer und Verpachtungs-Mogul unbeugsam vor Verwitterung und Auswaschung bewahrt. Sowohl Mitte-West als auch Nord-West haben an ihren beiden Privatstraßen-Enden Zu- und Abfahrten, könnten also theoretisch in beide Richtungen befahren werden – mit maximal Tempo 20, wohlgemerkt. Was übrigens durchaus Sinn macht, denn leidenschaftliche GärtnerInnen stürmen schon mal gedankenlos aus den hecken-bewehrten, mit Carports, Werkzeughütten und Komposthaufen vollgestellten Grünstreifen-Miteigentums-Fleckchen jenseits der Privatstraße, Kettensäge oder Spitzhacke im Anschlag, und vergessen vor lauter DIY-Eifer leicht, dass ihnen auf dem Weg zurück in ihren Garten eine Motorhaube oder ein sportlich bewegtes Mountainbike leicht den Grünen Daumen zertrümmern könnte.

Doch während die etwas größere Straßenbreite auf NW Gegenverkehr ermöglicht, herrscht auf MW strikte Einbahnregelung in nördlicher Richtung. Zum Missvergnügen aller DOK V MW A-, B- oder C- Anwohner, die mehrere Kilometer Umweg auf sich nehmen müssen, um zu ihren Häusern zu gelangen. Kein Wunder, dass dieser Umstand regelmäßig die heißesten Diskussionen bei den Kleingartenvereinsversammlungen herauf beschwört und die inhomogene Interessenslage wildeste Lösungsvorschläge gebiert. Zum Beispiel die Idee, in der Mitte des Abschnitts einen lediglich für Fahrzeuge des öffentlichen Dienstes und berechtigte Professionisten-Lkw überwindbaren Schranken zu installieren, damit es wenigstens alle und nicht nur ein paar Anlieger etwas komplizierter haben. Dieser Vorschlag scheiterte schließlich an der Weigerung aller auch nur halbwegs abschnittsmittig adressierten Eigner und Pächter, ihr Grünstreifen-Miteigentums-Fleckchen jenseits der Privatstraße als Umkehrplatz zur Verfügung zu stellen. In Segment A am Anfang und in Segment J am Ende der Straße wären Einzelne dazu bereit gewesen. Hätte aber irgendwie wenig Sinn gemacht, wie eine rare Stimme der Vernunft im tumultösen Wettstreit der passionierten Florianiprinzipienreiter schließlich doch noch vermitteln konnte.

Hübsch auch die Debatte um probate Mittel zur Hebung der Tempo-Moral: Großleitens öffentliche Hand hilft zwar freundlicher Weise bei der winterlichen Schneeräumung, Verkehrsüberwachung auf den DOK-Privatstraßen verdauen die Gemeinde- und Landesbudgets jedoch nicht, und juristisch wäre die Sache auch heikel. Obwohl gemunkelt wird, dass der örtliche Posten, der sich nun leider mit halsbrecherischen Geschwindigkeitskontrollkommandos an der öffentlichen, Tempo-30-limitierten Lobaustraße zufrieden geben muss, durchaus Freude an Laserpistolen-Einsätzen im Schrebergarten-Areal hätte. Zumindest ein bisschen über 20 km/h fährt dort schließlich fast jeder, und geeignete Verstecke für die gepflegte Autolenker-Abzocke gibt’s alle paar Meter hinterm nächsten Liguster oder dem dicken Stamm einer der altehrwürdigen Riesen-Pappeln.

Weil nun also die echte Obrigkeit ausfällt, muss der aufrechte Schrebergärtner einspringen. Man ventiliert Anschaffung und Anbringung von Straßenschwellen. Hartplastik in hübschen Signalfarben, verteilt herbe Rempler an Raser, das aber garantiert fahrwerks-schonend. 2500 Euro pro Stück, Pi-mal-Daumen fünf Schwellen wird man schon brauchen für die gesamte MW-Länge, verteilt auf rund 100 Parzellen macht das somit 125 Euro pro Nase. Geld ist immer ein Thema hier im Verein der – meist – Zweitwohnsitzer mit ihren – meist – überdurchschnittlichen finanziellen Möglichkeiten, die sich zwar locker Gasgriller im Ausmaß von Mittelklassewagen auf die Terrassen stellen, aber „Haltet den Dieb!“ schreien, wenn die jährlichen Verwaltungsgebühren um 12,50 Euro über jenen des Vorjahres liegen. Dennoch sind die Anschaffungskosten nicht primär Gegenstand der Erörterungen. Da geht es vielmehr um die Frage: Wo genau kommen die Schwellen denn hin? Eine Befragung der DOK-Vereinsmitglieder per Email sollte dazu Klärung bringen. Das vorhersehbare Ergebnis: Die Einen sagen so, die Andern sagen so. Und so finden sich nun zum Beispiel besonders rigorose Schwellen-Gegner – das Abbremsen und wieder Anfahren macht Lärm! Ist umweltschädlich! Und das vor unserem Schlafzimmer! – genau zwischen zwei total eingefleischten Schwellen-Befürwortern – mit 20 km/h kann man das ohne Bremsen durchfahren! Und so ein Blödsinn, das mit den Abgasen! – eingekeilt, was für das künftige Miteinander genau zwei Optionen eröffnet: Ewige Feindschaft zwischen Nachbarn diametral entgegengesetzter Überzeugungen, von denen sich nur eine durchsetzt. Oder eben doch keine Schwellen am DOK.

Das heißeste Thema in Sachen Straßenverkehr aber ist zweifellos die Nahtstelle zwischen privater und öffentlicher Verkehrsfläche an NO/MO. Die öffentliche Landesstraße entlang dieses Abschnittes hat zwar, risiko-mildernd, keinen Miteigentums-Grünstreifen jenseits der Fahrbahn, zudem gilt auch hier ein niedriges Tempolimit. Allerdings sind in diesem komplett öffentlichen Bereich viel mehr DOK-Fremde unterwegs, denen die Gepflogenheiten des beschaulichen Schreberns aber sowas von egal sind.

Und so fetzen sie hier alle durch: der örtliche Nahverkehr von und zu den Weilern im Großleitner Umland, der regionale Nachwuchs zum Moped-Austesten, die Lkw vom Gemüsebetrieb Leidner, die Besucher der Schriefnerschen Licht- und Heilkräuter-Seminare, ja, sogar die Anrainer der südlicheren Ost-Abschnitte lassen hier immer wieder mal ihre Vollgas-Hemmungen fallen, denn es ist ja nicht „ihr“ DOK-Teil, den sie damit aus der Ruhe bringen.

Die Polizei könnte hier. Aber: Der Schriefner ist so gut mit dem Bürgermeister, dass der gelegentlich selbst auf ein bisschen Sinnlicht – oder was immer ihm dort sein Leben erhellt – zu Besuch kommt. Der Leidner zahlt relativ viel Steuer, außerdem: die Arbeitsplätze. Und die Dorfjugend warnt einander bei jedem Auftauchen der Uniformierten schon nach Sekunden effektiv per What’sApp. Fazit: Anzeigen Verteilen Fehlanzeige.

Die Gemeinde könnte hier auch. Schwellen einbauen zum Beispiel. Aber: die Interessen der VIPs, siehe oben; minus Faktor Dorfjugend, plus Faktor kommunaler Schuldenstand.

Verzweifelte Versuche der Anrainer, mit Privatinitiativen Verbesserungen zu erzielen, verpufften wirkungslos. Ein aus ausgedienten Leintüchern gefertigtes, über den Liguster gebreitetes Transparent mit der Aufschrift „Gib Acht – geh vom Gas“ schaffte es immerhin zum Mikro-Hype auf Facebook, nachdem der Wind den Stoff gefältelt und die Werbebotschaft auf „Gib eh Gas“ reduziert hatte.

Wahrscheinlich muss es erst einen Unfalltoten geben, damit sich hier was ändert.

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Regen von oben schmeckt frisch. Regen, der vom Boden hochspritzt, schmeckt schal. Regen, den mir zwei Reifen ins Gesicht schleudern, nimmt den Atem. Aber das Schlimmste, Miri, das Schlimmste sind die Reifen, die so nahe am Kopf vorbei zischen, dass das Wasser gar nicht bis zum Gesicht hochkommt, sondern schon auf Bodenhöhe direkt an der Kapuze abprallt. Das ist wie mit Gummihämmern auf den Schädel. Kurz, bevor das Licht komplett ausgeht. Oder wie damals, die Fäuste vom Richard. Man hat’s ja verstehen müssen, so, wie er mit mir ganz und gar nicht zufrieden sein konnte.

Scheinwerfer von vorne, liegen weiter oben. Ist das schon der Bus vom Leidner?Augen zu, Miri. Vorbei. Schon wieder Scheinwerfer von vorne. Komisch, was der da zusammen fährt, schwankt so. Brummen von hinten. Gleich zweimal. Einmal gleichzeitig mit Scheinwerfern von vorne. Fest zukneifen, Miri. Das geht sich aus. Tiefes Brummen und Scheppern. Die Lkw tunken uns komplett ein in ihrem Wasserschwall. Wieder Scheinwerfer von vorne, ganz nah. Ich muss die alle nicht sehen. Das macht nix besser. Aber warum sehen die uns denn nicht?

Wir werden doch nicht unter die Räder kommen. Ach, Miri, das sind wir doch schon längst. Unter die Räder gekommen. Der Maxl. Ja, sicher wäre es ein Maxl geworden und keine Maria, das weiß ich genau.War doch auch dem Richard so so so wichtig, dass es ein Maxl wird. Der Maxl, der wollte halt nicht auf die Welt, hat die Krankenschwester gesagt. Mir hat der Bauch wehgetan. Mir hat das Herz wehgetan. Dem Richard hat der gekränkte Stolz wehgetan. Seine Samen, seine Frucht, seine Frau nur Versager. Rohrkrepierer. Im Rohr unterhalb der Gebärmutter einfach krepiert.

Dabei wäre mit dem Maxl alles gut geworden, sicher. Der Richard hätte nur mehr seine allerbesten Seiten gezeigt. Die, in die ich mich einmal so auf ewig verliebt gehabt hab. Wir wären ein richtiges Wir gewesen, ein Vater-Mutter-Kind-Wir. Nicht so ein Wir, wie wir heute sind, Miri. Ein wirres, verwirrtes Wir, das sich in seiner ganzen einsamen Verlassenheit doch doppelt sieht sich doppelt fühlt sich dreifach schämt sich unendlich verachtet.

Ich glaub, am Ende war die Therese Bernreich an allem schuld. Ist nicht schöner, braver oder fleißiger als ich, ist viel älter als ich, hat keinen ordentlichen Mann wie ich, der nur zu ihr gehört. Und dann kriegt die ohne irgendein Problem ein gesundes Mädel. Vergönnt hab ich’s ihr, dass sie die Kleine nicht daheim bemuttern konnte, sondern sie in eine Tagesbetreuung geben und schnell wieder in der Apotheke bei uns weiter arbeiten musste, weil ohne Vater bringt ja keiner das Geld nach Haus. Ihre versteckten Tränen in der Früh beim Umziehen, billige Wollmäntel aus, weiße Apothekerinnenmäntel an, das schlechte Gewissen der bösen Mama, die nicht selbst auf ihr Kleines aufpassen kann.Alle Nasen lang der verstohlene Blick auf die zwei Babyfotos in der Tasche. Arm? Von wegen. Arm, Miri, arm waren wir. Haben auch einen dicken Bauch geschleppt auch Tritte gespürt auch Pläne gemacht.Und dann ist nichts als Müll herausgefallen.

Wenn’s nur dabei geblieben wäre, dass ich mich mit den Gewissensbissen von der Therese wieder hätte auffüllen können. Aber die musste mir ja jeden Tag erzählen, was die kleine Edith heute wieder Wunderbares gelernt gemacht gelacht geschnauft geniest geschlafen getrunken gegessen gerülpst gekotzt geschissen hat. Sowas von verzärtelt, das Bankert. Wird es schwer haben im Leben, später. Weil da ist es bald aus mit endloser grenzenloser bedingungsloser Liebe. Das merkt die schon noch.

Mir wuchs das Loch im Bauch immer größer. Mir wuchsen die mehreren Miris. Die Miris, die Tabletten zum Fröhlichsein zum Wachsein zum Klarsein zum Schmerzlossein gestohlen haben. Trotzdem war es dann ich, ganz allein ich, die den weißen Mantel ein für alle Mal ablegen und aus der Heimat der gütigen Tabletten endgültig ausziehen musste.Daheim angekommen sind wir dann schon alle. Alle Miris. Mit allem Schnaps, den wir auf dem Heimweg vom letzten Gehalt noch kaufen konnten. Dem Richard waren so viele Miris natürlich auch um alle Miris zu viel. Arbeit weg Mann weg Tabletten weg Geld weg Wohnung weg Hoffnung weg Leben weg. Alles nur die Schuld von der Therese.

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Alojz Petek hatte zwei sichere Zeichen für Monatsende: Erstens Ivanka, die ihm unwiderstehlich kokett seine letzten Münzvorräte abschwatzt, weil das Haushaltsgeld mal wieder nicht reicht. Zweitens: Gelber Sack. Heute war Gelber Sack und gleichzeitig der erste von vier Arbeitstagen, an denen er nur den einen Kaffee bekommen würde, den der Automat gratis ausspuckt. Die Münzen, um die Maschine zu füttern, würde seine verehrte Fee in Rübengemüse für das Kind und billige Sättigungsbeilagen für sich und ihren Solotänzer umwandeln.

Verehrte Fee und Solotänzer. So hatte es begonnen zwischen ihnen beiden, als Alojz hoffnungsfroh auf der Großbaustelle eines entfernten Verwandten eingestiegen war und Ivanka gerade zum x-ten Mal ihren Schulabschluss feierte – ein guter Grund zum Feiern ist schließlich mehrfach verwendbar –, ehe ihr Ernst des Lebens als Bürokraft in einer Versicherungsgesellschaft beginnen sollte. Sie: eine natürliche Schönheit der unspektakulären, gerade deshalb umso anziehenderen Sorte. Brünettes, keck kurz geschnittenes Haar, weiche Züge, feste Wangen, klein und voll der Mund, riesig, haselnussbraun und hungrig die Augen. Gerade groß genug, um ihn eine Idee weit zu überragen, wenn er sich nicht straff aufrecht hielt, gerade richtig gepolstert, um nicht üppig, sondern appetitlich zu wirken. Ständig war sie angeregt und quicklebendig, hinternwippte hier, fingerschnippte da, wangenküsste dort. Aber nicht hektisch, sondern fließend, perlend, kullernd. Wie Quecksilber.

Alojz hingegen war nicht gerade der Schönste. Der Größte, Stärkste oder Klügste definitiv auch nicht. Und der Reichste schon gar nicht. Er weckte ihre Aufmerksamkeit damit, wie er tanzte. Bratislava meets Havanna, der lässige Lendenschwung einer naturtalentierten Körpermitte. Ihr Interesse erarbeitete er sich mit der selbstbewussten, Konkurrenz wie Körbe locker wegsteckenden Beharrlichkeit seines Werbens. Ihre Liebe schließlich gewann er damit, dass er ihr Glück, ihren Genuss und ihr Lachen glaubhaft zum Sinn seines Daseins machte.

Ivankas kleine Garconniere beherbergte bald ihren gemeinsamen Haushalt, doch die Routinen eines Alltags zwischen Wecker um halb sieben und endlich mal wieder Staubsaugen konnten ihren Mann-Frau-Märchenflug nicht entzaubern. Sie kochten, rochen und schmeckten beide gerne, sie lachten über die gleichen Filme, ja, sogar ein gutes Fußballmatch war ihnen bestes Paar-Programm. Sie führten einander die Geschichten ihrer Kindheits- und Jugendabenteuer ebenso begeistert vor wie Phantasiekostüme, die sie sich aus den Inhalten ihres Wäsche- und Kleiderschranks erfanden. Eine Stunde gemeinsam in der abgeschlagenen Emailbadewanne, bei Kerzen und Wein, schien ihnen wie Luxusurlaub, wechselseitige Fuß- und Rückenmassagen ersetzten jeden Wellnessaufenthalt. War Alojz müde, animierte Ivanka seine Lebensgeister mit Geschichten von tropischen Trauminseln mit verborgenen Wasserfall-Pools und heißen Sonnenstrahlen, die sie zwischen ihre Schenkel scheinen ließe. War Ivanka frustriert, fingerbemalte Alojz ihre Lippen, ihren Hals, ihre Schultern, ihre Brüste, ihren Bauch und die seidigen Seiten ihrer Scham mit Orangenschokolade, von der am satten Ende der Behandlung kein Hauch mehr übrig war.

War es schön und warm draußen, vögelten sie im Freien. Trafen sie einander bei brütender Hitze in der City, überraschte Ivanka ihn gerne damit, dass sie seine Hand unter ihren Rock und direkt in ihre unbekleidete, nasse Spalte führte. Beide liebten es, mit diesem exklusiven Wissen und dem Geruch an seinen Fingern geruhsam durch die Altstadt zu flanieren. Auch für schlechtes Wetter hatten sie ihre Optionen. Etwa einen Shoppingausflug in den ersten der endlich auch in ihrer Gegend nicht mehr schmuddeligen Erotik-Läden. Vieles nahmen sie in ihrer Phantasie mit heim, manchmal leisteten sie sich tatsächlich eine kleine Erwerbung. Die rosa Plüsch-Handschellen zum Beispiel, den Cockring, oder den hübschen, zarten Klitoris-Stimulator, der Alojz fast eifersüchtig machte, so sehr fuhr seine Fee darauf ab.

Kurz gesagt: Ihr Leben vor und nach Dienstschluss war ein einziges faunisches Spiel. Und niemand zweifelte an dessen Fortsetzung, als Alojz und Ivanka ihren Hochzeitstanz eröffneten.

Mit dem nächsten vermeintlichen Glück kam die erste Belastung: Ivankas verstorbene Großmutter hatte ihr ein Haus in den Hügeln östlich von Bratislava vererbt. Genau genommen: ein Häuschen. Ganz präzise: eine baufällige Keusche. Doch gegen den Nestbautrieb war kein Kraut gewachsen, also sparten sie von ihren beiden Verdiensten, was ging, um Material zu beschaffen und begannen mit der Renovierung.

Als nächstes schlug bei Ivanka der Fortpflanzungstrieb zu. Alojz wäre das nicht so wichtig gewesen, doch Ivanka versprach ihm, das Kind mit Hilfe ihrer Mutter und ihrer Schwester so reibungslos zu managen, dass sie bald wieder in die Versicherung zurück gehen und ihr gemeinsames Ehe-Einkommen somit auf sicherem Stand halten würde.

Eineinhalb Jahre später: das Haus noch immer unverputzt, das Kind ausschließlich in mütterlicher Versorgung, die Mutter offiziell arbeitslos, der Kontostand im Krisenmodus. Und Ivanka träumte vom zweiten Baby, während Alojz von Montag bis Mittwoch weiterhin am Bau und von Donnerstag bis Samstag, der besseren Bezahlung und des für die sonntäglichen Materialtransporte unverzichtbaren Ford-Busses wegen, in Leidners Großleitner Gemüsehallen schuftete.

Doch, doch: Alojz verehrte sie weiterhin, seine Fee. Nur, dass er jetzt nicht mehr erregt war, wenn er heim kam. Sondern nur mehr erschöpft.

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