Sintflut (Historischer Roman) - Henryk Sienkiewicz - E-Book

Sintflut (Historischer Roman) E-Book

Henryk Sienkiewicz

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Beschreibung

Henryk Sienkiewiczs historischer Roman "Sintflut" entführt die Leser in die tumultuöse Zeit der mittelalterlichen Krise Polens. Mit einer meisterhaften Erzählweise verbindet Sienkiewicz historische Fakten und fiktive Erzählstränge, um ein lebendiges Bild jener Ära zu schaffen. Die Konflikte zwischen verfeindeten Nationen und die Herausforderungen des Überlebens stehen im Mittelpunkt dieser Erzählung, die von einer tiefen Menschlichkeit und einem unverkennbaren Sinn für Drama geprägt ist. Sienkiewiczs prägnanter Stil und seine Fähigkeit, Charaktere mit vielschichtigen Emotionen zu zeichnen, verleihen der Geschichte eine faszinierende Tiefe und Lebendigkeit. Henryk Sienkiewicz, Nobelpreisträger von 1905, gilt als einer der bedeutendsten polnischen Schriftsteller. Seine Leidenschaft für die polnische Geschichte und Kultur spiegelt sich in seinen Werken wider. "Sintflut" entstand in einer Zeit, als Polen unter fremder Herrschaft litt, und die Themen von Identität und Widerstand sind tief in Sienkiewiczs Interessen verwurzelt. Seine umfassende Bildung und sein geschichtliches Wissen fließen in die Erzählung ein und verleihen ihr historische Authentizität. "Sintflut" ist ein unverzichtbares Leseerlebnis für Liebhaber historischer Fiction und alle, die sich für die reiche Kultur Polens interessieren. Es regt zum Nachdenken über die Verflechtungen von Geschichte und menschlichem Schicksal an und bietet eine faszinierende Perspektive auf eine Schlüsselperiode in der polnischen Geschichte. Lassen Sie sich von Sienkiewiczs Sprache verzaubern und tauchen Sie ein in ein Meisterwerk der historischen Literatur. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Wilhelm Raabe

Sintflut (Historischer Roman)

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Harald Ziegler
EAN 8596547765745
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Sintflut (Historischer Roman)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Wenn ein ganzes Land im Strudel der Geschichte versinkt, zeigt sich der Charakter des Einzelnen. Henryk Sienkiewiczs Roman Sintflut entfaltet aus dieser Spannung zwischen nationaler Katastrophe und persönlicher Bewährung seine Wucht. Inmitten militärischer Übermacht, politischer Verwerfungen und moralischer Versuchungen fragt das Buch danach, was Treue, Ehre und Verantwortung bedeuten. Zugleich ist es eine Erzählung über Mut, Irrtum und die Möglichkeit der Wandlung. In seinem Kern steht die Prüfung einer Gemeinschaft und derer, die sie tragen sollen. Das Werk eröffnet eine Welt, in der Entscheidungen unter Druck fallen und Geschichte als unmittelbare Erfahrung spürbar wird.

Verfasst wurde Sintflut von Henryk Sienkiewicz (1846–1916), einem der bedeutendsten polnischen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Er veröffentlichte den Roman in den 1880er Jahren als mittleren Teil seiner historischen Trilogie, deren polnischer Originaltitel Potop lautet. Sienkiewicz erhielt 1905 den Nobelpreis für Literatur in Anerkennung seiner epischen Kunst. Die Trilogie entstand in einer Epoche, in der Polen politisch geteilt war, und verknüpft literarische Ambition mit kultureller Selbstvergewisserung. Sintflut erschien 1886 und schließt thematisch an den ersten Teil an, zugleich bereitet es Motive des abschließenden Bandes vor. Das Buch steht damit innerhalb eines groß angelegten Gesamtentwurfs.

Sienkiewicz verlegt die Handlung in die Mitte des 17. Jahrhunderts, in die Zeit des sogenannten Schwedeneinfalls, der die polnisch-litauische Adelsrepublik erschütterte. In mehreren Wellen überziehen Invasionen, Bündnisse und Aufstände das Land; Fronten verschieben sich, Loyalitäten ebenfalls. Die Erzählung greift reale Ereignisse und Schauplätze auf, ohne sich in chronikalischer Vollständigkeit zu verlieren. Stattdessen nutzt sie Geschichte als Bühne, um die Kräfte zu beleuchten, die Gesellschaften in Krisen formen. Städte und Schlösser, Klöster und Felder werden zu Knotenpunkten, an denen private und staatliche Interessen kollidieren. Der historische Rahmen verleiht dem Roman zugleich Weite und Präzision.

Im Zentrum stehen ein junger Adliger und seine Weggefährten, deren Schicksale in die Wirren der Kriegsjahre verstrickt sind. Ihre Wege führen durch belagerte Städte, über befestigte Übergänge und in ländliche Refugien; sie treffen auf Verbündete und Gegner, die ebenso von Pflicht, Ehrgeiz oder Angst getrieben werden. Der Roman entfaltet dabei eine Abfolge von Prüfungen, in denen Mut, Gewissen und Bindungen auf dem Spiel stehen. Liebe und Freundschaft erhalten in der ständigen Gefahr einen besonderen Ernst. Ohne die Wendungen vorwegzunehmen, lässt sich sagen: Entscheidungen fordern ihren Preis, und kein Stand, kein Rang bleibt unberührt.

Sintflut gilt als Klassiker, weil es das Modell des historischen Romans mit epischer Spannweite und psychologischer Genauigkeit verbindet. Sienkiewicz steht in der europäischen Tradition von Walter Scott, doch er verschiebt den Akzent auf nationale Erfahrung und moralische Verantwortung. Die Handlung fesselt mit Tempo und Überraschungen, ohne die historischen Konturen zu verwischen. Figuren sind nicht bloß Träger von Ideen, sondern eigenständige Charaktere mit Schwächen und Kraft. Dadurch entsteht ein Werk, das zugleich historisch informiert und dramatisch zugespitzt ist. Sein Einfluss reicht über die Grenzen Polens hinaus und prägt weiterhin das Bild jener Epoche.

Nachhaltig wirken die Themen, die Sintflut verhandelt: Loyalität und Verrat, Tapferkeit und Skrupel, Gemeinschaft und individuelle Freiheit. Der Roman zeigt, wie Krieg nicht nur Territorien verwüstet, sondern auch Sprache, Sitten und Vertrauen in Mitleidenschaft zieht. Er fragt, was Traditionen wert sind, wenn sie auf die Probe gestellt werden, und wie sich persönlicher Stolz mit Gemeinsinn vereinen lässt. Inmitten von Gewalt hält das Buch an der Möglichkeit von Anstand fest, ohne Pathos zur Pose werden zu lassen. Dieses Gleichgewicht zwischen Ideal und Realität ist eine der Quellen seiner anhaltenden Wirkung.

Stilistisch verbindet Sienkiewicz anschauliche Schilderung mit rhythmischer Erzählkunst. Dialoge sind pointiert, Beschreibungen plastisch, und die Szenen wechseln zwischen weiträumigen Tableaus und konzentrierten Nahaufnahmen. Archaische Farbtöne stehen neben lebendiger Direktheit; Humor und Ironie lockern, wo die Dramatik zu überwältigen droht. Militärische Details, Bewegungen von Truppen und Geräusche der Schlacht sind sorgfältig komponiert, ohne technische Selbstzwecke zu werden. Die Sprache lässt die Welt des 17. Jahrhunderts erfahrbar erscheinen und bleibt doch zugänglich. Diese Mischung aus Anschaulichkeit, Takt und Energie trägt das große Erzählpanorama.

Sienkiewicz stützt seine Darstellung auf historische Quellen, Chroniken und zeitgenössische Überlieferungen, die er literarisch verdichtet. Er nimmt historische Figuren und Ereignisse als Fixpunkte, um darum herum eine fiktive Handlung zu entwickeln, die innere Konflikte sichtbar macht. Topographie, Rangordnungen und Konfliktlinien sind erkennbar, doch die Auswahl folgt stets der Dramaturgie. Dadurch gewinnt der Roman Glaubwürdigkeit, ohne dokumentarische Starre. Er zeigt, wie Geschichte narrativ verstanden werden kann: nicht als Inventar von Daten, sondern als Erfahrungsraum, in dem Handeln Konsequenzen hat und Zufall, Kalkül und Charakter zusammenwirken.

Seit seinem Erscheinen fand Sintflut eine breite Leserschaft und wurde zu einem Werk, das in Polen Generationen prägte. Es gehört zum festen Kanon des historischen Erzählens, wurde in zahlreiche Sprachen übertragen und mehrfach für Bühne und Film adaptiert. Die Figurenlandschaft und die dramatische Struktur erleichtern die Übertragung in andere Medien, doch die Kraft des Romans liegt primär im Wort. Als Teil der Trilogie stärkte er das kulturelle Selbstverständnis in einer Zeit politischer Fremdherrschaft. Dabei verbindet er Identitätsbewusstsein mit Selbstkritik und öffnet den Blick für Grautöne der Geschichte.

Ein besonderer Reiz des Buches liegt in seiner ethischen Nuancierung. Heldentum erscheint nie als makelloses Monument, sondern als Folge von Entscheidungen unter Unsicherheit. Opportunismus hat Konsequenzen, aber nicht jeder Irrtum ist unverzeihlich. So entsteht ein moralischer Resonanzraum, in dem Leserinnen und Leser ihre eigenen Urteile prüfen. Die Handlung konfrontiert mit der Frage, ob Loyalität ohne Urteil blind wird und ob Klugheit ohne Mut genügt. Diese Spannung trägt die Figuren durch Siege und Rückschläge und verleiht dem historischen Stoff eine existenzielle Dimension.

Wer sich erstmals auf Sintflut einlässt, darf ein vielstimmiges Erzählen erwarten. Namen, Orte und Titel entfalten sich in einem weiten Bogen; ein Blick auf Karten oder kurze historische Notizen kann Orientierung geben, ist aber keine Voraussetzung. Wichtig ist, den Wechsel zwischen öffentlichem Geschehen und privaten Entscheidungen wahrzunehmen: Der Roman gewinnt, wenn man die kleinen Gesten neben die großen Schlachten stellt. Die Ausgangssituation genügt, um einzutreten: Ein Land wird überrannt, eine Gemeinschaft sucht Halt, Einzelne werden gefordert. Alles Weitere entfalte der Text in seinem eigenen Takt.

Warum dieses Buch heute lesen? Weil es zeigt, wie Krisen Charakter formen und Gesellschaften verändern, ohne in Parolen zu verfallen. Sintflut erzählt von der Verwundbarkeit staatlicher Ordnung, vom Wert verlässlicher Bindungen und von der Kraft, Fehler zu erkennen und zu überwinden. Seine Sprache besitzt Schwung, seine Komposition Klarheit, sein Blick bleibt menschlich. In einer Gegenwart, die ebenfalls Umbrüche kennt, erinnert der Roman daran, dass Verantwortung nicht delegierbar ist und Mut viele Gesichter hat. Darin liegen seine zeitlosen Qualitäten und seine ungebrochene Relevanz.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Henryk Sienkiewicz’ Sintflut, der zweite Teil seiner historischen Trilogie aus dem späten 19. Jahrhundert, spielt zur Zeit der schwedischen Invasion in das polnisch‑litauische Gemeinwesen (1655–1660). Der Roman verbindet Kriegsereignisse, höfische Intrigen und persönliche Bewährungsproben. Im Zentrum steht der junge Adlige und Soldat Andrzej Kmicic, dessen Weg zwischen Impulsivität und Loyalität verläuft. Sein Verhältnis zur tugendhaften Oleńka Billewiczówna verleiht der Handlung eine emotionale Achse. Sienkiewicz entwirft eine weit gespannte Leinwand, auf der private Ehre, religiöse Bindungen und der Zusammenhalt einer bedrohten Gemeinschaft miteinander ringen, während das Land unter äußerem Druck zu zerbrechen droht.

Zu Beginn zeichnet der Roman Kmicics Rückkehr in eine von regionalen Rivalitäten geprägte Landschaft. Sein Temperament, sein Gefolge und eine Reihe unbedachter Taten bringen ihn rasch in Konflikt mit Nachbarn und Verwandten. Die aufkeimende Bindung an Oleńka, die für Ordnungssinn und moralische Strenge steht, gerät dadurch sofort unter Spannung. Das Umfeld zeigt, wie fragile Loyalitäten und persönliche Rechnungen im Vorfeld der großen politischen Erschütterungen wirken. Kmicics Selbstbild als ehrenhafter Krieger stößt auf Zweifel anderer – ein frühes Signal dafür, dass er sich beweisen und seine Motive schärfen muss.

Mit dem Einmarsch der Schweden verschärft sich die Lage schlagartig. Während Städte kapitulieren und Truppen die Seiten wechseln, gewinnt die Politik der mächtigen Magnaten übergroßen Einfluss. Der litauische Fürst Janusz Radziwiłł bindet sich an die Eindringlinge, was die Kräfte im Nordosten spaltet. Kmicic gerät in den Sog dieser Entscheidung und verknüpft sein Schicksal zunächst mit einem Lager, dessen Ziele bald zwiespältig erscheinen. Die Folgen treffen ihn persönlich: Sein Ansehen sinkt, und der Gegensatz zu Oleńkas Maßstab an Treue und Gemeinwohl vertieft sich. Die private Beziehung spiegelt die nationale Zerrissenheit.

Als sich die wahren Konsequenzen der Bündnisse zeigen, reift in Kmicic die Einsicht, dass Loyalität ohne moralische Grundlage wertlos ist. Eine innere Krise führt ihn von früheren Bindungen weg. Unter einem angenommenen Namen sucht er, unbehelligt von seinem Ruf, einen neuen Anfang und eine Möglichkeit zur Wiedergutmachung. In Begegnungen mit erfahrenen Veteranen – darunter Gestalten wie Michał Wołodyjowski, Jan Skrzetuski und der gewitzte Zagłoba – prallen Skepsis und Hoffnung aufeinander. Kmicic muss Taten vorlegen, nicht Worte, und sich in gefährlichen Unternehmungen bewähren, die sein Urteilsvermögen und seine Standhaftigkeit prüfen.

Im Mittelpunkt des Widerstands steht die Belagerung eines geistlichen Zentrums, dessen Verteidigung weit über den militärischen Nutzen hinausreicht. Die Auseinandersetzung um diesen Ort bündelt Glauben, Patriotismus und kollektive Selbstbehauptung. Kmicic beteiligt sich an waghalsigen Einsätzen, die zwischen Aufklärung, Sabotage und Schutz dienen. Sienkiewicz schildert die Härten des Krieges, den Mangel an Ressourcen und den moralischen Druck, ohne die Figuren auf Heldenbilder zu reduzieren. Die Belagerung wird zum Prüfstein: Sie zwingt die Beteiligten, Vorsicht mit Mut, strategische Vernunft mit innerer Überzeugung in Einklang zu bringen.

Parallel formiert sich ein breiterer Aufstand. Der König kehrt ins Land zurück, erneuert seine Bindung an Untertanen und Glauben und ruft zur Sammlung auf. Bewegliche Verbände unter erfahrenen Anführern führen Schläge gegen die Besatzung. In diesem Umfeld erhält Kmicic neue Chancen, Vertrauen zu gewinnen: als Bote in kritischen Missionen, als Anführer kleiner Trupps, als verlässlicher Partner in Momenten, in denen falscher Eifer und echter Mut auseinanderfallen. Der Roman zeigt, wie aus verstreuten Initiativen ein gemeinsamer Wille entsteht, und wie einzelne Handlungen Symbole für eine mögliche Wende werden.

Doch der Krieg bleibt nicht nur Feldzug und Fahne, sondern auch Ränkespiel. Neben Janusz tritt Bogusław Radziwiłł als geschmeidiger Gegner auf, dessen Pläne Ehrgeiz und Skrupellosigkeit verbinden. Verschwörungen, heimliche Absprachen und Entführungen bedrohen sowohl die staatliche Ordnung als auch persönliche Bindungen. Kmicic bewegt sich in einem Terrain, in dem ein falsches Wort oder ein unbedachter Schritt weitreichende Folgen haben kann. Die Frage, ob persönlicher Vorteil oder Gemeinwohl den Ausschlag gibt, wird in Ratsstuben, an Grenzübergängen und in nächtlichen Treffen entschieden – und fordert stete Wachsamkeit.

Im letzten Drittel verdichtet Sienkiewicz die Ereignisse zu einer Abfolge riskanter Operationen und schweren Gefechte. Marschbewegungen durch widrige Landschaften, kühne Übergänge und belagerte Städte erzeugen ein Gefühl des permanenten Ausnahmezustands. Kmicic sieht sich einer Bewährungsprobe gegenüber, die seinen vergangenen Irrtum, seine gegenwärtige Aufgabe und seine Zukunft miteinander verknüpft. Privatinteressen und die Sache des Landes geraten in eine letzte, zwingende Konkurrenz. Der Roman steigert Spannung, indem er Entscheidungen in Augenblicken größter Unsicherheit verlangt, ohne die Folgen vorwegzunehmen.

Sintflut entfaltet so eine Erzählung über Umkehr, Verantwortung und Zusammenhalt in Zeiten äußerster Bedrohung. Sienkiewicz zeigt, wie individuelle Läuterung und gemeinsames Handeln sich gegenseitig stützen und wie kulturelle Symbole eine Gesellschaft tragen können. Die Geschichte verlangt keine makellosen Helden, sondern verlässliche Charaktere, die aus Fehlern lernen und Verantwortung übernehmen. In der Trilogie bildet der Roman das Panorama einer Krise, deren Nachhall über das Historische hinausweist: Er fragt, worauf Loyalität gründen soll, was Traditionen im Sturm wert sind und wie aus Zerfall ein erneuertes Wir entstehen kann.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Der Roman „Sintflut“ ist im polnisch-litauischen Commonwealth der Mitte des 17. Jahrhunderts angesiedelt, einer ausgedehnten Adelsrepublik, die von der Krone Polens und dem Großfürstentum Litauen gebildet wurde. Zeitlich spiegelt das Werk die Jahre der schwedischen Invasion 1655–1660, die im polnischen Gedächtnis als „Potop“, eben „Sintflut“, bekannt sind. Dominierende Institutionen waren die Wahlmonarchie, der Reichstag (Sejm), die regional starken Magnatenfamilien und die katholische Kirche mit ihren Orden. Geografisch reicht der Rahmen von der Ostsee bis an den Dnjestr, mit Städten wie Warschau, Krakau, Vilnius und dem wichtigen Seehafen Danzig als ökonomischen Knotenpunkten.

Politisch beruhte der Staat auf der „Goldenen Freiheit“ der Szlachta, welche dem Adel weitreichende Mitbestimmung sicherstellte. Die Königswahlen schwächten die dynastische Stabilität, und der Sejm war durch Fraktionskämpfe und Vetorechte blockadeanfällig. Das liberum veto, dessen frühe Anwendung bereits in den 1650er Jahren greifbar wurde, erschwerte kohärente Kriegsführung und Finanzpolitik. Unter König Johann II. Kasimir (1648–1668) prallten Reformbestrebungen auf den Widerstand mächtiger Magnaten. Diese institutionellen Spannungen bilden im Roman den Hintergrund für Loyalitätskonflikte, militärische Mobilisierung und den Kampf zwischen partikularen Interessen und staatlicher Integrität.

International stand das Commonwealth im Schatten des nach dem Dreißigjährigen Krieg aufgestiegenen Schweden. Unter Karl X. Gustav (1654–1660) verfolgte Stockholm eine expansive Ostseepolitik, die auf Kontrolle von Küsten, Handelswegen und Zollpunkten zielte. Bereits vorherige polnisch-schwedische Konflikte um Livland und den Zugang zur Ostsee hatten die Rivalität verhärtet. Zugleich war Schweden militärisch modernisiert, logistischer effizient und durch Kriegsbeute finanziert. Die Verbindung zwischen dynastischen Ansprüchen, wirtschaftlichen Interessen und religiösen Gegensätzen (Lutheraner gegen mehrheitlich katholische Eliten) strukturierte das geopolitische Spannungsfeld, das „Sintflut“ reflektiert.

Die Krise des Commonwealth war nicht nur schwedisch verursacht. 1648 begann der Chmelnyzkyj-Aufstand der Saporoger Kosaken gegen polnische und litauische Herrschaft, getragen von sozialen, konfessionellen und politischen Spannungen auf den ruthenischen Territorien. Verbündet mit Krimtataren und später in einem Bündnis mit dem Moskauer Staat (Perejaslaw 1654), schwächte der Aufstand dauerhaft die militärischen und fiskalischen Ressourcen des Commonwealth. Die im Roman spürbare Erschöpfung, die zersplitterten Loyalitäten und die ländliche Verwüstung lassen sich auf diese Vorbelastung zurückführen, die die Abwehr weiterer Invasionen erheblich erschwerte.

Parallel dazu eskalierte der Krieg mit Russland (1654–1667), der besonders Litauen schwer traf. Russische Truppen besetzten wichtige Zentren wie Vilnius und setzten die litauischen Eliten unter Druck. In diesem Kontext suchten Teile der litauischen Magnaten, allen voran Vertreter der Radziwiłł, zeitweise schwedischen Schutz, was in Kėdainiai 1655 zu umstrittenen Abmachungen führte. Diese Ereignisse offenbaren, wie sehr regionale Machtinteressen, persönliche Patronagenetzwerke und die Angst vor russischer Expansion die Einheit der Adelsrepublik unterminierten. Sienkiewicz nutzt diese Gemengelage, um politische Brüche und die Suche nach einer übergreifenden Loyalität literarisch auszuleuchten.

Die schwedische Invasion von 1655 verlief zunächst rasant. Teile der polnischen Adelsaufgebote kapitulierten, bedeutende Städte wechselten die Seiten, und Brandenburg-Preußen ordnete sich 1656 vorübergehend als schwedischer Vasall ein. Die als „Deluge“ bezeichnete Flut von Besatzungen, Requisitionen und Zerstörungen traf ein Land, das bereits im Osten gebunden war. Der Begriff verweist nicht nur auf militärische Übermacht, sondern auch auf die Erfahrung eines umfassenden Zusammenbruchs von Ordnung und Versorgung. Der Roman greift diese Wahrnehmung als kollektive Traumatisierung auf, ohne die komplexen Ursachen auf einen einzigen äußeren Feind zu reduzieren.

Wirtschaftlich beruhte das Commonwealth auf dem folwark-System großer Gutshöfe, die mit Fronarbeit betrieben und durch die Weichsel nach Danzig auf Export getrimmt waren. Getreide, Holz und Ascheprodukte versorgten den europäischen Markt. Kriegszüge, Besatzung und Plünderungen unterbrachen diese Flüsse, vernichteten Ernten, zerstörten Speicher und zerrissen Kreditketten. Städte litten unter Kontributionen und der Flucht von Handwerkern, zugleich sank die ländliche Produktivität. In manchen Regionen kam es zu massiver Entvölkerung durch Kampfhandlungen, Hunger und Seuchen. Die wirtschaftliche Erosion bildet im Roman den Boden für soziale Härten, lokale Milizenbildung und die Relevanz von Patronagebeziehungen.

Konfessionell war das Reich vielfältig: Katholiken, Orthodoxe, Unierte, Lutheraner, Reformierte und Juden lebten in einem rechtlich differenzierten Rahmen nebeneinander. Seit der Gegenreformation waren katholische Orden und Bischöfe kulturell tonangebend. Der Angriff eines lutherischen Königreichs auf katholische Heiligtümer besaß daher symbolische Sprengkraft. Die Verteidigung des Klosters Jasna Góra in Tschenstochau 1655/56 wurde zu einem identitätsstiftenden Ereignis, und die Lemberger Gelübde von König Johann Kasimir 1656, Maria zur Schutzpatronin des Reiches zu erklären, verstärkten den religiösen Deutungsrahmen. Dieses Spannungsfeld von Glaube, Politik und Krieg prägt die Atmosphäre, die Sienkiewicz beschreibt.

Militärisch trafen unterschiedliche Kriegskulturen aufeinander. Polnische und litauische Truppen stützten sich weiterhin auf bewegliche Kavallerie, einschließlich der ruhmreichen, aber nicht mehr allbeherrschenden Husaren, ergänzt durch leichtere Reiterei. Infanterie und Artillerie gewannen an Bedeutung, doch litten Organisation und Versorgung. Schweden nutzten flexible Infanterietaktiken, koordinierte Feuerdisziplin und effektive Belagerungskunst, unterstützt von einer schlagkräftigen Logistik. Bastionierte Festungen, Feldschanzen und mobile Geschütze prägten das Gelände. „Sintflut“ spiegelt diese Asymmetrien und zeigt, wie lokale Kenntnis, Improvisationskunst und Bündnisse die anfängliche schwedische Überlegenheit allmählich ausgleichen konnten.

Die soziale Ordnung des Commonwealth war stark ständisch geprägt. Die Szlachta dominierte Politik und Ländereien; Bauern waren rechtlich eingeschränkt und an die Güter gebunden; Städte besaßen Autonomien, standen aber wirtschaftlich unter Druck. Jüdische Gemeinden spielten im Zwischenhandel, der Steuerpacht und im Kreditwesen eine wichtige Rolle und waren zugleich Angriffen verschiedenster Kriegsparteien ausgesetzt. Armenier, Tataren und weitere Minderheiten ergänzten das Mosaik. Diese Vielfalt, mit ihren Chancen und Konflikten, bildet in „Sintflut“ den Hintergrund für regionale Unterschiede, lokale Allianzen und die unterschiedlichen Reaktionen auf Besatzungsherrschaft und Befreiungsversuche.

Besonders konfliktträchtig war die Machtstellung einzelner Magnatenhäuser, die eigene Heere, Burgen und Klientelnetzwerke unterhielten. In Litauen stachen die Radziwiłł hervor, deren Entscheidungen 1655 die politische Landschaft erschütterten und deren Rivalen Gegenbündnisse schmiedeten. Solche Privatmacht konnte die königliche Autorität unterlaufen, gleichzeitig aber auch lokale Verteidigung organisieren. Sienkiewicz nutzt diese Konstellation, um Loyalitätsfragen nicht nur als patriotische, sondern als handfeste Auseinandersetzungen um Ressourcen, Ehre und Einfluss zu zeigen. So wird deutlich, wie persönliche Ambitionen die strukturellen Schwächen des Staates vergrößerten und Strategiewechsel erzwangen.

Die Kriegslage verschob sich ab 1656/57 durch neue Allianzen. Brandenburg-Preußen wandelte sich mit den Verträgen von Wehlau und Bromberg 1657 vom schwedischen Verbündeten zum Partner Polens und gewann dafür die volle Souveränität im Herzogtum Preußen. Österreichische Hilfskontingente und dänische Angriffe banden schwedische Kräfte im Norden. Auch Krimtataren und verschiedene polnische Konföderationen wirkten auf dem Feld. Diese bewegliche Koalitionslandschaft, mit rasch wechselnden Fronten und Interessen, bildet im Roman den Resonanzraum für Überraschungssiege, Rückzüge und das Ringen um politische Anerkennungen und Amnestien.

Im Inneren setzte ein Prozess militärischer Selbstmobilisierung ein. Adlige Konföderationen, städtische Milizen und königstreue Truppen formierten eine Widerstandsarchitektur, die lokale Kenntnisse und symbolische Orte nutzte. Der König bemühte sich, Versöhnung zu stiften und Rebellierende wieder einzugliedern, während die Kirche als moralische Instanz wirkte. Dieses Zusammenspiel aus religiöser Symbolik, königlicher Autorität und kommunaler Selbsthilfe war entscheidend, um das Übergewicht der Invasoren aufzubrechen. Sienkiewicz bettet diese Entwicklung in Szenen ein, die kollektive Solidarität beschwören, ohne die Härten der Kriegsökonomie und die Rivalitäten der Eliten zu verschweigen.

Der Krieg endete auf polnisch-schwedischer Ebene 1660 mit dem Frieden von Oliva. Schweden verzichtete auf Ansprüche auf die polnische Krone, behielt aber wichtige Besitzungen im Baltikum. Zugleich hatte Brandenburg-Preußen durch die erlangte Souveränität seine künftige Aufstiegschance gewonnen. Der parallel geführte Krieg mit Russland wurde 1667 im Waffenstillstand von Andrussowo beigelegt: Linksbänkisches Dnipro-Gebiet, Kiew (zeitweilig verlängert) und Smolensk blieben bei Moskau, was das Machtgleichgewicht nachhaltig verschob. „Sintflut“ deutet diese Ergebnisse als kostspielige Rettung der Staatlichkeit, die jedoch tiefgreifende strukturelle Schwächen sichtbar machte.

Alltägliche Kultur und Technik der Epoche prägen die Darstellung. Überlandwege waren schwierig, Flüsse dienten als Haupttransportadern, und die Weichsel verband das Binnenland mit Danzig. Nachrichten verbreiteten sich über Kuriere, Predigten, Flugschriften und die Adelsnetzwerke. Feuerwaffen entwickelten sich vom Luntenschloss hin zu verbreiteteren Steinschlossgewehren, während Säbel, Lanzen und Hellebarden weiterhin präsent blieben. Die bastionierte Befestigungskunst dominierte Städte und Klöster. Diese materiellen Bedingungen erklären im Roman die Bedeutung von Marschtempo, Versorgung, Winterquartieren und die psychologische Wirkung langsamer, aber hartnäckiger Belagerungen.

Henryk Sienkiewicz schrieb „Sintflut“ in den 1880er Jahren, als Polen zwischen Russland, Preußen und Österreich geteilt war. In dieser politischen Lage gewann der historische Roman eine patriotische Funktion. Der Autor formulierte explizit das Anliegen, „die Herzen zu stärken“, indem er eine Zeit nationaler Bewährung beschwor. Die Wahl der Deluge-Jahre erlaubte es, Fremdherrschaft, Opportunismus und Loyalität zu thematisieren, ohne die Zensur direkt herauszufordern. Zugleich orientierte er sich an europäischen Formen des historischen Romans, verband dokumentarische Details mit romantischen Charakterzeichnungen und schuf damit ein populäres, identitätsstiftendes Erzählmodell.

Zeitgenössische Leserinnen und Leser im geteilten Polen erkannten in „Sintflut“ Parallelen zur eigenen Ohnmacht und suchten in der literarischen Vergangenheit Halt. Der Roman wurde breit rezipiert und befeuerte Debatten über nationale Tugenden, religiöse Symbole und die Rolle der Eliten. Kritische Stimmen warnten vor idealisierenden Tendenzen und der Gefahr, komplexe Ereignisse als moralisches Lehrstück zu verengen. Dennoch stärkte das Werk eine gemeinsame Erinnerungsspur, in der Jasna Góra, königliche Loyalität und die Überwindung innerer Spaltungen als positive Bezugspunkte verankert wurden. Diese Wirkung erklärt seine anhaltende kulturelle Resonanz im polnischen Kanon.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Henryk Sienkiewicz (1846–1916) war einer der prägenden polnischen Erzähler der späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In der Epoche der Teilungen, als Polen politisch nicht existierte, verlieh er historischen Stoffen und nationaler Erinnerung neue literarische Kraft. Mit seiner epischen Gestaltung, erzählerischen Klarheit und populären Themen erreichte er ein breites Publikum im In- und Ausland. 1905 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, was seine internationale Stellung festigte. Sein Werk umfasst historische Romane, psychologische Prosa, Novellen und Reiseberichte. Wiederkehrende Motive sind Identität, Pflicht, Glauben und die Spannung zwischen persönlicher Moral und großen geschichtlichen Umbrüchen.

Sienkiewicz wurde in Wola Okrzejska im damaligen Kongresspolen geboren und wuchs in einer mehrsprachigen, vom Zarenreich geprägten Umgebung auf. In Warschau studierte er an der Szkoła Główna und der daraus hervorgegangenen Universität, wobei er sich mit Geschichte, klassischer Philologie und Literatur beschäftigte. Früh wandte er sich dem Journalismus zu und schloss sich dem Warschauer Positivismus an, dessen Programm Arbeit an Bildung und gesellschaftlicher Modernisierung betonte. Literarisch blieb er zugleich der romantischen Tradition und der europäischen Erzähllust verpflichtet. Als Modell historischer Gestaltung diente ihm unter anderem die Schule Walter Scotts, deren Mischung aus Abenteuer, Milieu und Charakterzeichnung er produktiv umformte.

Seine Laufbahn begann in den 1870er-Jahren mit Feuilletons, Kritiken und Reportagen für Warschauer Blätter. 1876 reiste er in die Vereinigten Staaten und berichtete in vielgelesenen Briefen, die als Listy z podróży do Ameryki bekannt wurden, über Gesellschaft, Siedleralltag und Landschaften. Diese Beobachtungsschärfe prägte auch seine Kurzprosa, in der er soziale Spannungen und moralische Prüfungen bündig gestaltete. Zu den bekanntesten Erzählungen zählen Janko Muzykant, Szkice węglem und Latarnik, die rasch weite Verbreitung fanden. Nach der Rückkehr etablierte er sich als national bedeutsame Stimme, die journalistische Genauigkeit mit erzählerischem Schwung und einem starken Sinn für anschauliche Szenen verband.

Seinen Ruhm in Polen begründete Sienkiewicz vor allem mit der sogenannten Trilogie: Ogniem i mieczem, Potop und Pan Wołodyjowski, erschienen in den 1880er-Jahren. Die Romane versetzen Leserinnen und Leser in das 17. Jahrhundert der polnisch-litauischen Adelsrepublik und entfalten auf breiter Leinwand Schlachten, Loyalitäten und persönliche Bewährungsproben. Mit packendem Tempo, eingängiger Sprache und klaren Figurenkontrasten verband er Unterhaltung mit einer mobilisierenden Erinnerungskultur. Die Bücher wurden in Fortsetzungen publiziert, lösten hohe Auflagen aus und festigten sein Image als Erzähler, der nationale Traditionen literarisch erneuert, ohne den Anspruch auf formale Kunstfertigkeit und psychologische Aufmerksamkeit preiszugeben.

Parallel zur Trilogie erweiterte Sienkiewicz sein Spektrum. Mit Bez dogmatu und Rodzina Połanieckich wandte er sich dem zeitgenössischen Milieu und psychologischen Fragen zu. Quo vadis, ein in der frühen Kaiserzeit Roms angesiedelter Roman, brachte ihm weltweiten Durchbruch und wurde in viele Sprachen übertragen. Krzyżacy bot wiederum ein monumentales Panorama des mittelalterlichen Konflikts mit dem Deutschen Orden. Die Vielfalt der Stoffe verband er mit einer klaren, bildkräftigen Prosa und sicheren dramaturgischen Bögen. Seine Bücher fanden früh ein internationales Publikum, regten Übersetzungen, Bühnenfassungen und Verfilmungen an und trugen dazu bei, polnische Themen in die globale Kulturzirkulation einzuschreiben.

1905 erhielt Sienkiewicz den Nobelpreis für Literatur, geehrt als epischer Erzähler von außergewöhnlicher Reichweite. Auch nach dem Preis blieb er produktiv. W pustyni i w puszczy, ein Abenteuerroman für junge Leser, demonstrierte erneut seine Fähigkeit, Landschaft, Handlung und Moral zu verbinden. Reisen – darunter eine Expedition nach Ostafrika – erweiterten seinen Horizont und lieferten Anschauung. Im Ersten Weltkrieg lebte er in der Schweiz und engagierte sich in humanitären Hilfskomitees für die von Krieg betroffenen Gebiete Polens, gemeinsam mit anderen Exponenten des Exils. Dieses Engagement entsprach seinem Werkethos, das literarische Wirkung mit bürgerlicher Verantwortung verknüpfte.

Sienkiewicz starb 1916 im schweizerischen Vevey. Seine sterblichen Überreste wurden später nach Polen überführt. Sein Rang als Klassiker resultiert aus der Verbindung von erzählerischer Energie, historischer Imagination und einer Sprache, die Pathos und Anschaulichkeit balanciert. In Polen prägen die Trilogie, Quo vadis und Krzyżacy bis heute Bildung, Lektürekanon und populäre Vorstellungen von Vergangenheit. International bleibt er vor allem durch Quo vadis präsent. Zugleich werden seine historischen Bilder kritisch befragt, etwa hinsichtlich Idealtypisierungen oder kultureller Perspektiven. Insgesamt gilt Sienkiewicz als Autor, der nationale Selbstvergewisserung mit weltliterarischer Reichweite verband und damit ein nachhaltiges Vermächtnis hinterließ.

Sintflut (Historischer Roman)

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Band
Erstes Buch.
Einleitung.
1. Kapitel.
2. Kapitel.
3. Kapitel.
4. Kapitel.
5. Kapitel.
6. Kapitel.
7. Kapitel.
8. Kapitel.
9. Kapitel.
10. Kapitel.
11. Kapitel.
12. Kapitel.
13. Kapitel.
14. Kapitel.
Zweites Buch.
1. Kapitel.
2. Kapitel.
3. Kapitel.
4. Kapitel.
5. Kapitel.
6. Kapitel.
7. Kapitel.
8. Kapitel.
9. Kapitel.
10. Kapitel.
11. Kapitel.
12. Kapitel.
Drittes Buch.
1. Kapitel.
2. Kapitel.
3. Kapitel.
4. Kapitel.
5. Kapitel.
6. Kapitel.
7. Kapitel.
8. Kapitel.
9. Kapitel.
10. Kapitel.
11. Kapitel.
12. Kapitel.
13. Kapitel.
14. Kapitel.
15. Kapitel.
16. Kapitel.
17. Kapitel.
18. Kapitel.
Zweiter Band.
Viertes Buch.
1. Kapitel.
2. Kapitel.
3. Kapitel.
4. Kapitel.
5. Kapitel.
6. Kapitel.
7. Kapitel.
8. Kapitel.
9. Kapitel.
10. Kapitel.
11. Kapitel.
12. Kapitel.
13. Kapitel.
14. Kapitel.
15. Kapitel.
16. Kapitel.
17. Kapitel.
18. Kapitel.
Fünftes Buch.
1. Kapitel.
2. Kapitel.
3. Kapitel.
4. Kapitel.
5. Kapitel.
6. Kapitel.
7. Kapitel.
8. Kapitel.
9. Kapitel.
10. Kapitel.
11. Kapitel.
12. Kapitel.
Sechstes Buch.
1. Kapitel.
2. Kapitel.
3. Kapitel.
4. Kapitel.
5. Kapitel.
6. Kapitel.
7. Kapitel.
8. Kapitel.
9. Kapitel.
10. Kapitel.
11. Kapitel.
12. Kapitel.
13. Kapitel.
14. Kapitel.
15. Kapitel.
16. Kapitel.

Erster Band

Inhaltsverzeichnis

Erstes Buch.

Einleitung.

Inhaltsverzeichnis

In Smudien lebte das Adelsgeschlecht der Billewicz’, das in der ganzen Gegend von Rosien sehr geachtet wurde und mit dem höchsten Adel des Landes eng verwandt war. Im Staatsdienste hatten die Billewicz’ nicht die ersten Stufen erklommen, aber auf dem Kriegsfelde leisteten sie dem Vaterlande große Dienste und erhielten dafür freigiebig viele Auszeichnungen. Ihr Stammsitz, der noch heutigen Tages unversehrt ist, hieß auch Billewicze, aber sie besaßen außerdem noch viele Güter; in der Gegend von Rosien, auf dem Wege nach Krakinowo, längs der Lauda, Szoja, Niewiaza, bis hinter Poniewiez erstreckten sich ihre Besitztümer. Die Billewicz’ waren so reich und nahmen eine so angesehene Stellung ein, daß selbst die in Litauen und Smudien lebenden Radziwills mit ihnen rechnen mußten.

Das Familienoberhaupt aller Billewicz’ war Heraklus Billewicz, der zur Zeit Johann Kasimirs Oberst und Kammerherr von Upita war. Er wohnte nicht auf seinem Stammgute, das damals im Besitz von Tomasz Billewicz war. Heraklus gehörten die an der Lauda liegenden Domänen Wodokty, Lubicz und Mitruni. In der ganzen Umgegend des Flusses wimmelte es von kleinen Besitzungen des in der Geschichte Smudiens berühmt gewordenen Laudaer Adels.

Alle Laudaer Adligen dienten im Banner des alten Heraklus je nach ihrem Vermögen mit ein oder zwei Pferden. Sie liebten alle das Kriegshandwerk und interessierten sich sehr wenig für die Verhandlungen des Landtages. Es genügte ihnen zu wissen, daß der König in Warschau, Pan Radziwill und Pan Hliebowicz, der Starost, in Smudien und Pan Billewicz in Wodokty lebten. Sie stimmten, wie Pan Billewicz es wünschte, da sie überzeugt waren, daß er ein gleiches wolle wie Pan Hliebowicz, der wiederum mit Pan Radziwill übereinstimmte, der in Litauen und Smudien Vertreter des Königs war; der König aber ist der Gatte der Republik, der Vater des Adelsstandes.

An der ganzen Ostgrenze der Republik entbrannte im Jahre 1654 ein furchtbarer Krieg. Pan Billewicz zog seines hohen Alters wegen nicht mehr in den Kampf, aber alle Laudaer zogen ins Feld. Und da, als die Nachricht kam, daß Hetman Radziwill bei Szklow eine schreckliche Niederlage erlitten und das ganze Laudaer Banner beim Angriff der französischen Söldner fast völlig vernichtet worden war, gab der alte Oberst, vom Schlage gerührt, seinen Geist auf.

Niedergeschlagen, abgemattet und ausgehungert kehrten die Reste der Laudaer in die Heimat zurück, geführt von einem jungen, aber schon berühmt gewordenen Krieger, Pan Michail Wolodyjowski, der an Stelle Pan Heraklus’ die Leute von Lauda geführt hatte. Alle waren erbittert über den Hetman, der, blindlings dem Ruhme seines Namens trauend, sich mit ungenügenden Kräften auf den so zahlreichen Feind geworfen und dadurch das ganze Heer und das ganze Land ins Verderben gestürzt hatte.

Gegen den jungen Oberst Michail Wolodyjowski aber erhob sich keine Stimme. Im Gegenteil, diejenigen von Lauda, die der Vernichtung entgangen waren, hoben ihn bis zum Himmel und erzählten wahre Wunder von seinen Heldentaten und seiner Kriegskunst. Mit Trauer, aber zugleich mit Stolz, hörten alle die, die erst bei Einberufung des Landsturmes sich stellen mußten, diese Erzählungen, und man war entschlossen, falls der Landsturm einberufen werden sollte, wie man allgemein erwartete, einstimmig Pan Wolodyjowski zum Rittmeister des Laudaer Heeres zu wählen. Man wußte, daß man keinen besseren Führer finden konnte. Ganz Lauda trug ihn auf Händen, man riß sich um die Ehre seines Besuches. Von Gut zu Gut mußte er wandern, bis er sich endlich bei Pakocz Gasztowt in Pacunele häuslich niederließ.

Nachdem Heraklus Billewicz beigesetzt worden war, wurde sein Testament eröffnet. Der alte Oberst hatte seine Enkelin Panna Alexandra Billewicz zur Universalerbin all seiner Güter, ausgenommen des Gutes Lubicz, ernannt, und sie selbst bis zu ihrer Verheiratung der Vormundschaft des gesamten Laudaer Landadels unterstellt.

»… Alle, die mich liebten, – so lautete sein Testament, – und die Gutes mit Gutem vergelten wollen, möchte ich bitten, ebenso der Waise gegenüber zu handeln und sie in meinem Namen vor jeglichem Unglück zu behüten. Da in dieser gegenwärtigen Zeit sich niemand vor menschlicher Gewalt sicher fühlen kann, so sollen alle danach trachten, daß meine Erbin ungehindert die Nutznießung aller der ihr vermachten Güter behält. Ausgenommen ist das Landgut Lubicz, das ich Pan Kmicic, dem jungen Bannerherrn von Orsza, vermache. Damit sich aber niemand über mein Wohlwollen dem Pan Andreas Kmicic gegenüber wundere, so wisse jeder, daß ich seit langen Jahren bis zum Tode die brüderliche Liebe des alten Kmicic genossen habe. Seite an Seite focht er mit mir und rettete mir mehrmals das Leben. Vor vier Jahren ging ich, Heraklus Billewicz, Kammerherr von Upita, der jetzt vor dem schrecklichen Richterstuhle Gottes steht, zum alten Pan Kmicic, um ihm meine Dankbarkeit und herzliche Zuneigung zu bezeugen. Wir beide kamen dort überein, den alten christlichen und Adelstraditionen folgend, daß unsere Kinder, sein Sohn Andreas und meine Enkelin Alexandra, sich ehelichen sollten. Dies wünsche ich von Herzen und erwarte, daß sich meine Enkelin Alexandra meinem hier kundgetanen Willen unterwerfen werde. Es sei denn, was Gott verhüten möge, daß der Fahnenträger von Orsza seinen Ruf durch schändliche Taten beflecke und für ehrlos erklärt worden sei. Falls er aber seiner Güter verlustig ginge und auch auf Lubicz verzichtete, so muß ihn trotzdem meine Enkelin heiraten. –

Einzig und allein, wenn meine Enkelin durch besondere Gnade Gottes und zu seinem Ruhme ihre Jungfräulichkeit bewahren und Nonne werden will, so soll man ihr keine Hindernisse in den Weg legen; denn Gottesdienst steht vor Menschendienst.«

So hatte Pan Heraklus Billewicz über sein Hab und Gut und seine Enkelin verfügt, und niemand wunderte sich darüber. Panna Alexandra wußte schon lange, was ihrer harrte, und auch der Landadel kannte die Freundschaft zwischen Billewicz und Kmicic. Endlich waren auch die Gemüter in dieser Zeit durch ernstere Dinge beschäftigt, so daß man bald aufhörte, vom Testamente zu reden.

Inzwischen hatte sich der Krieg weiter und weiter über das Land verbreitet. Nach Radziwills furchtbarer Niederlage konnte keiner mehr rechten Widerstand leisten. Feld-Hetman Gosiewski hatte nicht ausreichende Kräfte zur Verfügung, die Kron-Hetmans kämpften mit den Resten ihrer Heere in der Ukraina, und die Republik, erschöpft durch die Kosakenkämpfe, konnte ihnen keine Hilfstruppen schicken. Der Feind überflutete das ganze Land; nur hier und da leisteten einige Festungen Widerstand, aber schließlich fielen auch diese und unter ihnen Smolensk. Im Smolenskaer Bezirk lagen die Güter der Kmicic’, die man für rettungslos verloren hielt.

Die Kmicic’ genossen in der ganzen Umgegend von Orsza großes Ansehen. Sie besaßen ein bedeutendes Vermögen, waren aber durch den Krieg zugrunde gerichtet. Ihre Äcker, die in Wüsten verwandelt waren, standen öde und verlassen, denn Tausende hatte der Krieg in ihren Domänen dahingerafft. Von dem jungen Pan Andreas Kmicic liefen wunderbare Gerüchte um. Man wußte, daß er mit seinem Banner an der Spitze einer Freiwilligenschar aus Orsza tapfer bei Szklow gefochten hatte. Seit dieser Zeit aber war er verschwunden. Zweifellos war er noch am Leben; denn der Tod eines so edlen, kühnen Ritters konnte nicht unbemerkt bleiben. Aber in solchen Zeiten allgemeiner Verwirrung und Unruhe zerstreuen sich die Menschen wie Blätter, die vom Winde gejagt werden. – Niemand wußte, was aus dem jungen Bannerherrn von Orsza geworden war.

Da der Feind noch nicht bis zur Smudier Starostei vorgedrungen war, konnte sich der Laudaer Landadel allmählich von der Szklower Vernichtungsschlacht wieder erholen. Die älteren Leute von Lauda versammelten sich unter dem Vorsitz der beiden Patriarchen des Kreises, Pan Pakosz Gasztowt und Kassian Butrym; die anderen, die sich durch das Vertrauen des verstorbenen Pan Billewicz sehr geschmeichelt fühlten, schwuren, sein Vermächtnis treu zu erfüllen, und nahmen Panna Alexandra unter ihren väterlichen Schutz. Man nannte sie in der ganzen Gegend nur »unsere Panna«. Und die jungen Mädchen des Kreises erwarteten die Wiederkunft des Pan Kmicic fast ungeduldiger als sie selbst.

Unterdessen kam die erwartete Einberufung des Landsturmes. Der ganze Laudagau kam in Bewegung. Knaben, die kaum das Jünglingsalter erreicht hatten, und Männer, die das Alter noch nicht ganz zur Erde gebeugt hatte, sie alle zogen ins Feld. Man versammelte sich in Grodno, wohin Jan-Kasimir[1] auch gekommen war. Die ersten vom Laudaer Adel, die kamen, waren die schweigsamen Butryms, nach ihnen alle die anderen und zuletzt die Gasztowts. Ihnen, so sagte man, wurde es schwer, sich von den durch ihre Schönheit weit bekannten Pacunellinen zu trennen.

Aus den anderen Gebieten des Landes erschien die Schlachta nur spärlich, und so blieb das Vaterland ohne den rechten Schutz; aus dem frommen Laudagebiet allein war Mann für Mann in den Kampf gezogen. Nur Pan Wolodyjowski blieb daheim; er lag krank auf dem Gute Pan Gasztowts.

Nun war es öde und leer im Laudagau. Still war es in Poniewiez und Upita. Nur Frauen und Greise versammelten sich an den Herden und warteten sehnsüchtig auf Nachrichten.

Panna Alexandra schloß sich in Wodokty ein, und nur ihre Dienerschaft und ihre Laudaer Vormünder bekamen sie zu sehen.

1. Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Man war im Januar des Jahres 1655. Es war ein trockener, strenger Winter. Das heilige Smudien war in einen weißen, ellendicken Pelz eingehüllt. Die Wälder bogen sich und brachen fast unter der Last des Schnees, der an sonnenhellen Tagen die Augen blendete und des Nachts in Millionen verschiedener Farben glitzerte. Die wilden Tiere kamen bis dicht an die menschlichen Wohnungen, und die grauen Vögel klopften mit ihren Schnäbeln an die von Eisblumen bedeckten Fensterscheiben.

Eines Abends saß Panna Alexandra mit ihren Dienstmägden in der Gesindestube. Bei denen von Billewicz’ war es von alters her Sitte, wenn keine Gäste da waren, die Abende mit dem Gesinde gemeinsam zu verbringen. So tat auch Panna Alexandra; denn viele ihrer Mägde waren adlige arme Waisen, andere Bauernmädchen, die sich jedoch nur durch die Sprache von den ersteren unterschieden. Viele von ihnen sprachen überhaupt nicht polnisch.

Panna Alexandra saß mit ihrer Verwandtin, Panna Kulwiec, in der Mitte des Zimmers; ringsherum an den Wänden auf Bänken die Mägde. Alle spannen. Große Kiefernscheite brannten im Kamin, deren Schein die dunklen Wände des sehr großen Raumes und die niedere Balkendecke beleuchteten. Überall hingen von den Balken Strähnen gekämmten Flachses herab. An den Wänden glitzerten gleich Sternen bleierne Gefäße in allen Größen, die auf schweren, eichenen Brettern standen.

Panna Alexandra ließ schweigend den Rosenkranz durch ihre Hände gleiten, und die Spinnerinnen spannen, ohne ein Wort zu wechseln. – An der Tür saß ein zottiger Smudier und drehte mit vielem Geräusch eine Handmühle. Ab und zu, wenn die Mühle nicht in Ordnung war, hörte er laut schimpfend auf. Dann erhob Panna Alexandra, wie aus einem Traume kommend, den Kopf.

Sie war ein hübsches Mädchen, mit edlen Gesichtszügen, mit dichtem, flachsblondem Haar und blauen Augen, die ernst unter den schwarzen Brauen hervorsahen. Das schwarze Trauerkleid gab ihr ein etwas düsteres Aussehen. Sie war ganz in Gedanken versunken und sann über ihre eigene, so unklare Zukunft.

Das Testament des Großvaters bestimmte ihr, der Zwanzigjährigen, einen Menschen zum Manne, den sie seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen hatte. Aus ihren Kindheitstagen hatte sie nur eine sehr unklare Erinnerung von einem halbwüchsigen Hitzkopf, der während des Aufenthalts mit seinem Vater in Wodokty sich mehr mit der Büchse in den Sümpfen herumtrieb, als im Hause war.

»Wo kann er jetzt sein? und wie mag er aussehen?« dachte sie unaufhörlich.

Aus den Erzählungen des Großvaters wußte sie, daß er ein sehr tapferer Ritter war, von sehr heißem Geblüt. Wäre nicht der Krieg gewesen, so hätte er sich schon längst der Braut vorgestellt. Vielleicht sehnte sie sich nach dem unbekannten Bräutigam. In ihrem reinen, von keiner Leidenschaft berührten Herzen wohnte ein tiefes Bedürfnis nach Liebe. Ein Funken würde genügen, um auf diesem Herde ein Feuer zu entflammen, – ein ruhiges, gleichmäßiges, unauslöschliches Feuer.

Oft ergriff sie eine Unruhe, die ihre Seele bald mit süßen Träumereien erfüllte, bald mit schweren Fragen peinigte, auf die sie keine bestimmte Antwort fand. – Wird er mich aus freiem Willen ehelichen? Wird er meine Zuneigung erwiedern? Wird er mich liebgewinnen? – Und eine Gedankenfülle bestürmte sie, wie ein Zug Vögel, der sich auf einen einsam in öder Steppe stehenden Baum niederläßt. – Wer bist du? Wie bist du? Lebst du noch irgendwo in der weiten Welt, oder bist du auf dem Schlachtfelde gefallen? Bist du fern oder nahe? – Das offene Herz der Panna, einem Tore gleich, das zum Einzug lieber Gäste weit offen gehalten wird, rief unwillkürlich den fernen Ländern, den schneebedeckten Wäldern und Feldern zu: »Komm, Ritter! komm! Gibt es etwas Schwereres in der ganzen Welt als die Erwartung[1q]!«

Und plötzlich, gleichsam als Antwort auf ihren Ruf, vernahm man von draußen, aus der schneebedeckten Ferne, Schellengeläut.

Panna Alexandra fuhr zusammen, gleich aber faßte sie sich. Sie erinnerte sich, daß man fast allabendlich aus Pacunele einen Boten nach Heilmitteln für den jungen Oberst schickte. Auch Panna Kulwiec dachte daran, denn sie sagte:

»‘s wird wohl ein Bote von Gasztowts sein.«

Das ungestüme Klingeln eines Glöckchens näherte sich mehr und mehr, bis es schließlich mit einem Male verstummte. Ein Schlitten hielt vor dem Hause.

»Sieh nach, wer gekommen,« sagte Panna Kulwiec zu dem Smudier.

Dieser ging hinaus, kam aber gleich zurück, und indem er seine Arbeit wieder aufnahm, sagte er phlegmatisch:

»Kmicic.«

Die Spinnerinnen sprangen von ihren Plätzen auf, die Spindeln fielen zur Erde.

Panna Alexandra stand auch auf; ihr Herz schlug heftig. Zuerst bedeckte eine helle Röte ihr Gesicht, dann erblich sie. Sie wandte sich absichtlich vom Kamin fort, um ihre Verlegenheit zu verbergen.

In der Tür erschien eine hohe, mit einem Pelz und einer Pelzmütze bekleidete Gestalt. Der junge Mann trat in die Mitte der Stube, und da er bemerkte, daß er sich im Gesindezimmer befand, fragte er, ohne die Mütze abzunehmen, mit helltönender Stimme:

»He! Wo ist denn eure Panna?«

»Hier!« antwortete in ziemlich festem Tone Panna Alexandra.

Der Angekommene nahm die Mütze ab, warf sie zur Erde und verbeugte sich tief.

»Ich bin Andreas Kmicic.«

Panna Alexandra streifte mit einem Blick das Gesicht des Gastes, dann schlug sie die Augen nieder. Sie hatte genügend Zeit gehabt, um das goldblonde Haar, die brünette Gesichtsfarbe, die glänzenden, grauen Augen, den schwarzen Schnurrbart und das junge, adlergleiche, muntere, ritterliche Gesicht Pan Andreas’ zu sehen. –

Er stand mit in die Seite gestützter Hand, drehte mit der rechten seinen Schnurrbart und sprach:

»Ich war noch nicht in Lubicz; schnell wie ein Vogel eilte ich hierher, um der Panna meine Ehrfurcht zu erzeigen. Ein Wind brachte mich geradeswegs vom Lager nach hier – ich hoffe, ein glücklicher.«

»Wußten Sie von dem Tode des Kammerherrn, – des Großvaters?« fragte die Panna.

»Ich wußte es nicht: aber als ich es erfuhr, habe ich ihn mit bitteren Tränen beweint. Er war meinem verstorbenen Vater ein Freund, ein Bruder. Sie wissen wohl, daß er vor vier Jahren bei uns in Orsza war. Damals versprach er mir Ihre Hand; er zeigte mir Ihr Bild, zu dem ich nachts betete. Ich wäre gern früher gekommen; aber der Krieg führt einen nur mit dem Tode zusammen.«

Alexandra errötete leicht ob dieser kühnen Rede, und um das Gespräch auf ein anderes Gebiet zu lenken, fragte sie:

»In Lubicz sind Sie also noch nicht gewesen?«

»Dazu wird es noch immer Zeit sein. Hier liegt meine heiligste Pflicht, hier ist das wertvollste Geschenk Ihres seligen Großvaters, zu dem es mich zu allererst zog. Aber Sie wenden sich so, daß ich Ihnen nicht in die Augen sehen kann. Drehen Sie sich doch um, – so kann ich Sie sehen! So!«

Der kühne Soldat faßte unerwartet Panna Alexandra am Arm und drehte sie zum Feuer. Sie wurde noch verlegener, senkte die Lider und stand ganz bestürzt vor ihm. Endlich gab Kmicic sie frei und klatschte laut in die Hände. »Bei Gott, eine seltene Schönheit. Tausend Messen stifte ich für die Seele meines Wohltäters! – Und wann soll die Hochzeit sein?«

»Gemach! Nicht so bald, noch bin ich nicht die Ihre.«

»Aber Sie werden die meine! Und wenn ich Ihr Haus in Brand setzen müßte! Bei Gott! Sie werden mein! Und ich, Tor, glaubte, Ihr Bild sei geschmeichelt. Jetzt sehe ich, der Maler war ein Stümper, nicht ein Hundertstel Ihrer Schönheit hat er wiedergegeben. Stockschläge verdiente er! Zäune kann er wohl anstreichen, aber er soll seine Kunst nicht an einer blendenden Schönheit versuchen! – Wahrhaftig, ein großartiges Vermächtnis!«

»Der Großvater hatte recht, als er mir sagte, Sie seien ein Hitzkopf.«

»Wir, im Smolenskaer Bezirk[2], wir sind alle so, nicht wie Ihr in Smudien. – Bei uns heißt’s: Eins, zwei, drei! Und alles muß gehen, wie wir es wollen, sonst Tod und Teufel!«

Alexandra lächelte und sah schon etwas beherzter auf ihren Gast.

»So wohnen denn Tataren bei euch?«

»Gleichviel! Sie sind doch mein, dem Willen der Eltern und meinem Herzen nach.«

»Dem Herzen nach? Das weiß ich noch nicht.«

»Nein? Sagen Sie Nein? Dieses Messer stoße ich mir ins Herz.«

»Aber wir sind ja noch immer im Leutezimmer. – Bitte, folgen Sie mir in die anderen Gemächer. Nach dem langen Weg tut Ihnen Ruhe gut.« Und dann wandte sich Alexandra zur Panna Kulwiec:

»Und Sie, Tante, kommen wohl mit uns!«

»Tante?« fragte schnell der junge Ritter. »Was für eine Tante?«

»Hier, meine Tante, Panna Kulwiec.«

»Dann auch die meine,« antwortete Pan Andreas und küßte Panna Kulwiec die Hand. »Bei uns im Banner gibt es einen Offizier mit Namen Kulwiec. Wohl ein Verwandter von Ihnen, Panna?«

»Ja,« sagte die alte Panna und knixte.

Die Hausfrau und der Gast gingen in die Diele, wo Pan Andreas seinen Pelz ablegte, und von dort aus in die Empfangszimmer. Panna Kulwiec eilte, ein Nachtmahl herzurichten, und so blieben Alexandra und Pan Kmicic allein.

Pan Kmicic blickte unverwandt auf Alexandra, und in seinen Augen entbrannte ein tiefes Feuer.

»Es gibt Menschen,« brach er endlich das Schweigen, »die Reichtum über alles in der Welt schätzen, – andere lieben die Kriegsbeute, wieder andere lassen ihr Liebstes für Pferde, – ich aber würde Sie um nichts in der Welt hergeben! Das schwöre ich bei Gott! Je länger ich Sie ansehe, je eher möchte ich Sie zum Altare führen, – am liebsten morgen schon! – Diese Brauen! – Diese Augen! Wie des Himmels Bläue am Sommertage! Ihr Anblick verwirrt mich so, daß ich kaum Worte finde –«

»Mir scheinen Sie gar nicht sehr verwirrt zu sein. Sie sprechen mit mir, daß ich gar nicht weiß –«

»Das ist unsere Smolenskaer Art. – Auf ein Weib und auf den Feind kühn drauf los! – Daran, o Königin, werden Sie sich noch gewöhnen; denn so wird es immer sein!«

»Das, Ritter, werden Sie sich noch abgewöhnen; denn so darf es nicht sein.«

»Mag man mich hängen! Ihnen werde ich mich vielleicht auch unterwerfen. Glauben Sie es oder nicht, aber ich bin bereit, für Sie den Mond vom Himmel herunterzuholen. Für Sie, meine Gebieterin, bin ich bereit, fremde Sitten zu lernen. – Ich weiß, ich bin nur ein rauher Kriegsmann und habe mich mehr im Lager als in Empfangsräumen bewegt.«

»Das tut nichts! Auch mein Großvater war Soldat. – Ich aber danke Ihnen für Ihren guten Willen,« sagte Alexandra und sah Pan Andreas so freundlich an, daß sein Herz erzitterte. »Sie werden mich immer regieren können!« rief er aus.

»O, Sie sehen nicht aus wie einer, der sich beherrschen läßt! Unstete Leute sind am schwersten zu regieren.«

Kmicic lächelte und zeigte eine Reihe weißer, scharfer Zähne.

»Wie! Sollten die heiligen Meister in der Schule noch zu wenig Ruten an mir zerbrochen haben, damit ich lerne, mich gesittet zu benehmen, und die wichtigsten Lebensregeln behalte, – und ich –«

»Nun, welche Regel haben Sie denn am besten behalten?«

»Wenn du liebst, so sollst du zu Füßen fallen, – so –«

Im gleichen Augenblick lag Pan Andreas auf den Knien, und das Mädchen schrie auf und verbarg eiligst ihre Füße unter dem Tisch.

»Um Gottes willen! So etwas lehrt man doch nicht in der Schule! Stehen Sie sofort auf, oder ich werde ärgerlich! Und die Tante kommt gleich!«

Er hob den Kopf und sah ihr fest in die Augen.

»Mag ein ganzes Regiment von Tanten kommen; – sie können mir nicht verbieten, Sie zu lieben.«

»So stehen Sie doch auf!«

»Ich stehe schon auf.«

»Setzen Sie sich!«

»Ich sitze.«

»Sie sind ein Treuloser, ein Verräter!«

»Das ist nicht wahr! – Verräter küssen nicht so aufrichtig! Wollen Sie sich überzeugen!«

»Unterstehen Sie sich nicht!«

Panna Alexandra lachte, und auf seinem Gesicht erstrahlten Jugend und Frohsinn. Seine Nasenflügel bebten leise wie bei einem edlen Araberhengst.

»Oh, oh!« rief er, »diese Augen! Dieses Gesichtchen! Steht mir bei, alle Heiligen, ich kann nicht sitzen bleiben!«

»Man darf die Heiligen nicht anrufen! Vier Jahre haben Sie ruhig sitzen können, ohne mit einem Auge hierher zu blicken. So bleiben Sie nur ruhig jetzt weiter sitzen.«

»Ich habe doch nur Ihr Bild gekannt! Ich werde diesen Taugenichts von Maler mit Teer begießen und dann mit Federn beschütten und auf dem Markt zu Upita herumführen lassen. – Ich werde ganz aufrichtig zu Ihnen sein: Wollen Sie mir vergeben? Vergeben Sie? – Nein? – So reißen Sie mir den Kopf herunter. – Als ich Ihr Bild sah, dachte ich, häßlich ist sie nicht; aber solche laufen eine Menge in der Welt umher, – es hat also keine Eile. Mein seliger Vater drängte, ich solle herreisen. Ich aber blieb dabei, es hat Zeit. Die Pannas gehen nicht in den Krieg und kommen um. Gott ist mein Zeuge. Ich widersetzte mich nicht ganz dem väterlichen Willen, aber ich wollte erst an der eigenen Haut den Krieg spüren. Jetzt erst sehe ich, wie dumm ich war! Konnte ich nicht auch verheiratet in den Krieg ziehen! Und welch ein Glück hier meiner harrte! – Gott sei Dank, daß man mich nicht hingeschlachtet hat! Gestatten Sie, Panna, daß ich Ihnen die Hand küsse.«

»Ich werde es lieber nicht gestatten.«

»So werde ich erst gar nicht fragen. Bei uns in Orsza sagt man: Bitte, und gibt man nicht, so nimmt man von selbst.«

Pan Andreas drückte auf Alexandras Hand einen langen Kuß, und die Panna, um nicht unliebenswürdig zu scheinen, sträubte sich nicht.

In der Tür erschien Panna Kulwiec, und als sie sah, was vorging, schlug sie die Augen gen Himmel. Diese Vertrautheit gefiel ihr nicht, aber sie fürchtete, ihre Unzufriedenheit zu zeigen. Sie bat die beiden zum Abendessen zu kommen.

Im Speisezimmer brach der Tisch fast unter der Last der verschiedenen Gerichte und der mit Schimmel bedeckten Flaschen. Die jungen Leute waren in guter Stimmung, froh und glücklich. Die Panna hatte schon vorher zu Abend gegessen. Pan Kmicic aber aß jetzt mit demselben Eifer, mit dem er zuvor von seiner Liebe gesprochen.

Alexandra sah ihn von der Seite an; sie freute sich, daß es ihm so gut schmeckte.

»Kommen Sie jetzt aus der Gegend von Orsza?« fragte sie.

»Weiß selbst nicht woher. – Heute bin ich hier, morgen dort. Ich schlich mich so dicht an den Feind heran, wie der Wolf an die Schafherde. Und was ich ihr entreißen konnte, das habe ich ihr entrissen.«

»Und Sie haben es gewagt, mit einer Macht zu kämpfen, der selbst der Groß-Hetman weichen mußte?«

»Natürlich habe ich das gewagt. Ich gehe auf alles drauf los. Das ist so meine Natur.«

»Dasselbe erzählte mir auch der selige Großvater…. Es ist nur ein Glück, daß Sie dabei nicht umkamen.«

»Ha, mit Mütze und Helm hat man mich zugedeckt, wie den Vogel im Netz. Heidi! weg war ich. – Ich habe ihnen so mitgespielt, daß sie auf meinen Kopf einen Preis setzten! – Was für einen großartigen Met Sie hier haben!«

»Im Namen des Vaters und des Sohnes!« rief Alexandra mit Schrecken aus und sah voll Bewunderung den Jüngling an, der in einem Atem von dem Preise auf seinen Kopf und dem Met redete. »Sie hatten wohl tüchtige Kräfte zur Seite?« fuhr sie fort.

»Natürlich, ich hatte tüchtige Dragoner; aber im Laufe eines Monats hat man sie mir alle getötet. Dann fing ich mit Freiwilligen an, die ich, ohne wählerisch zu sein, an allen Orten sammelte. Gute Jungens für den Krieg, aber Erzhalunken. Diejenigen, die mit heiler Haut aus dem Krieg kommen, werden alle früher oder später ein Leckerbissen für die Krähen.« Pan Andreas lachte laut und leerte seinen Becher. »Solche Galgenstricke haben Sie noch nie zu Gesicht bekommen. Die Offiziere sind alles Adlige aus guter Familie; was tut’s, daß ein jeder von ihnen mit dem Strafrichter in Konflikt lebt. Jetzt habe ich sie in Lubicz gelassen. Meine Soldaten aber habe ich in Poniewiez und in Upita einquartiert.«

»Und wo trafen unsere Laudaer Leute Sie?«

»Ich wäre auch ohne diese hierher gekommen; denn ich war schon auf dem Wege nach Poniewiez.«

»Haben sie Ihnen von des Großvaters Tode und seinem Testament gesprochen?«

»Sei Gott ihm gnädig, meinem Wohltäter. Haben Sie mir die Boten geschickt?«

»Ganz und gar nicht. Ich lebte nur meinem Schmerze.«

»So erzählten sie mir. – Was für ein stolzes Völkchen diese Laudaer Bauern sind! Ich wollte ihnen ihre Bemühungen belohnen, da fuhren sie hoch und meinten: der Adel vom Orszagau nähme vielleicht Almosen, Laudaer Edle aber nicht! – Ich aber dachte bei mir, wollt ihr kein Geld, so werde ich euch hundert Stockschläge verabreichen lassen.«

Panna Alexandra schlug die Hände über den Kopf: »Jesus, Maria! Und haben Sie das getan?«

Kmicic sah sie verwundert an. »Beruhigen Sie sich, ich habe es nicht getan, obgleich mir die Galle überläuft beim Anblick solcher Edelleute, die sich dünken, uns gleich zu sein. Ich fürchtete aber, sie würden mich bei Ihnen verklatschen und anschwärzen.«

»Das ist ein großes Glück,« sagte Alexandra, tief Atem holend. »Sonst hätte ich Sie nie sehen mögen.«

»Und warum das?«

»Unser Adel ist nur klein, aber alt und berühmt. Mein Großvater liebte ihn und führte ihn in den Krieg sein Leben lang. In Friedenszeiten verkehrte er in seinem Hause. Auch Sie müssen diese alten Bande heilig halten. Sie werden nicht das Herz haben, die Eintracht, in der wir bisher lebten, zu zerstören!«

»Und ich Ahnungsloser, davon habe ich nichts gewußt. Ich muß Ihnen gestehen, dieser barfüßige Adel will mir nicht recht in den Sinn. – Bei uns ist Bauer eben Bauer. Die Adligen sind aus angesehener Familie, die nicht zu zweien das Roß besteigen. Bei Gott! Solche Habenichtse sollten sich nicht mit denen von Kmicic’ und Billewicz’ vergleichen, ebensowenig wie der Gründling mit dem Hecht, obwohl beide Fische sind.«

»Großvater sagte: »Reichtum bedeutet nichts im Vergleich zur Ehrlichkeit.« Und es sind alles würdige Leute. Großvater hätte sie sonst nicht zu meinen Vormündern bestellt.«

Pan Andreas riß vor Erstaunen die Augen weit auf.

»Die – hat der Großvater zu Ihren Vormündern ernannt!? – Die ganze Laudaer Schlachta?«

»Ja, und Sie haben durchaus keine Ursache, verdrießlich zu sein; des Verstorbenen Wille ist Gesetz. – Ich wundere mich nur, daß Ihnen die Boten dies nicht gesagt haben.«

»Ich würde sie! – Aber nein, es kann ja nicht sein; es gibt doch hier viele Adlige, und sie alle sollten Ihre Berater sein! Vielleicht der ganze Landtag auch! Und sie werden über mich zu Gericht sitzen, ob ich ihnen recht bin oder nicht. Ei, scherzen Sie nicht, Panna! Das Blut siedet in mir!«

»Pan Andreas, ich scherze nicht. Was ich sage, ist heilige, aufrichtige Wahrheit! Sie werden Ihretwegen nicht den Landtag einberufen, und wenn Sie sie nicht durch Ihren Stolz verletzen, so werden Sie zugleich ihnen und mir einen Gefallen tun. Sie und ich, wir werden Ihnen unser Leben lang dankbar sein.«

Ihre Stimme zitterte, ihre Brauen waren hochgezogen.

Er brach nicht in Zorn aus, obwohl es auf seinem Gesicht verräterisch zuckte. Schließlich sagte er hochmütigen Tones:

»Das habe ich nicht erwartet. Ich achte den Willen des Seligen, aber ich meine, der Herr Kammerherr hat diesen verbauerten Adel nur bis zu meiner Ankunft zu Ihren Vormündern bestimmt. Sobald mein Fuß aber diese Schwelle betreten hat, wird niemand außer mir Ihr Vormund sein. – Nicht nur diese Habenichtse, selbst die Fürsten Radziwill haben hier nichts zu suchen.«

Panna Alexandra wurde ernst; nach kurzem Schweigen sagte sie:

»Es ist nicht schön, daß Sie so hochmütig sind. – Ich sehe hier nur einen Weg: entweder Sie erkennen Großvaters Vermächtnis bedingungslos an, oder sie verwerfen es ganz, einen anderen Weg gibt es nicht! Die Laudaer werden sich Ihnen nicht aufdrängen. Es sind gute, ruhige Leute, die Ihnen nicht zur Last fallen werden. Ich denke, diese Vormundschaft wird uns nie bedrücken.«

Er schwieg einen Augenblick.

»Es ist wahr, die Hochzeit wird ja alledem ein Ende machen. Hier gibt’s nichts zu streiten. Sie sollen mir nur nicht in die Quere kommen; denn ich schwöre, ich werde mir nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Gestatten Sie mir nur, die Hochzeit zu bestimmen, das wird das beste sein.«

»Während der Trauerzeit paßt es sich nicht, darüber zu sprechen.«

»Und werde ich noch lange warten müssen?«

»Großvater bestimmte selbst nicht mehr als ein halbes Jahr.«

»Bis dahin werde ich wie ein Holzspan verdorren. Nehmen Sie es mir nur nicht übel, Panna. Sie sehen mich so streng an wie der Richter den Angeklagten. Meine Königin, was kann ich dafür, daß meine Natur so ist! Bin ich auf jemand böse, so möchte ich ihn in Stücke zerreißen, nachher freilich möchte ich ihn auch wieder zusammenflicken.«

»Es muß schrecklich sein, mit so einem Menschen Seite an Seite zu leben,« sagte Alexandra heiter.

»Auf Ihre Gesundheit, Panna! Guter Wein und ein Degen sind doch das schönste auf der Welt! Warum sollte es schrecklich sein, mit mir zu leben? Ihre schönen Augen werden mich zu Ihrem Sklaven machen, mich, der sich nie einer fremden Macht gebeugt hat. Reichen Sie mir Ihre Hand, holde Schönheit; ich schwöre, Sie sind mir stark ans Herz gewachsen. – Wer weiß, ob ich den Weg nach Lubicz finden werde?«

»So werde ich Ihnen einen Führer mitgeben.«

»O, ich werde auch so hinkommen. Ich bin gewöhnt, nachts umherzuirren. Auch habe ich einen kleinen Jungen aus Poniewiez mit, der muß den Weg kennen. Und dann erwartet mich Pan Kokosinski mit der ganzen Gesellschaft. – Eine feine Familie – die Kokosinskis, – Er ist seiner Ehren verlustig gesprochen, weil er das Haus von Pan Orniszewski ansteckte, seine Tochter entführte und die Dienerschaft tötete. – Ein feiner Kamerad! Panna, geben Sie mir nochmals Ihr Händchen! – Ach, es ist Zeit, daß ich mich auf den Weg mache.«

Die große Danziger Uhr im Eßzimmer schlug Mitternacht.

»Mein Gott, es ist Zeit, höchste Zeit!« schrie Kmicic auf. »Eins nur bitte ich Sie, Panna, lieben Sie mich ein wenig.«

»Später, – später, – Sie werden mich doch besuchen?«

»Täglich! Selbst wenn die Erde mich zu verschlingen drohte.«

Kmicic stand auf und ging in Begleitung der Hausfrau in die Diele. Sein Schlitten stand schon vor der Auffahrt.

»Gute Nacht, meine Königin,« sagte der Ritter, »schlafen Sie gut. Ich für mein Teil werde kein Auge zutun, immer werde ich an Sie denken.«

»Ich werde Ihnen doch lieber einen Diener mit einer Laterne mitgeben; denn bei Wolmontowicze gibt es viele Wölfe!«

»Bin ich ein Schaf, daß ich mich vor Wölfen fürchte! Der Wolf ist der Freund der Soldaten, oft genug kriegt er von ihm Almosen. Auch habe ich meine Waffe bei mir. – Gute Nacht, meine Teure, gute Nacht!«

»Mit Gott!«

Alexandra ging in das Wohnzimmer zurück, und Pan Andreas trat auf die Veranda. Beim Gehen warf er noch einen Blick auf die halbgeöffnete Tür der Gesindestube. Die Mädchen waren noch auf, um den angekommenen Gast noch einmal zu sehen. Pan Andreas warf ihnen eine Kußhand zu und sprang fröhlich auf den Schlitten. Bald hörte man das Geklingel der Schellen; zuerst laut, dann immer leiser, und zuletzt verlor es sich ganz in der Ferne.

Es wurde still in Wodokty, so still, daß Panna Alexandra sich darüber wunderte. Vor ihren Augen stand noch die stattliche Figur des jungen Mannes, in ihren Ohren klangen noch seine Worte, sie hörte sein aufrichtiges, fröhliches Lachen, – und jetzt, nach diesem Gewirr von Lustigkeit und Lachen, umgab sie eine so seltsame Ruhe. – Alexandra strengte sich an, ob sie nicht noch einen Ton der Glöcklein hören könnte, aber nein, sie klingelten jetzt schon in den Wäldern von Wolmontowicze. Und eine quälende Sehnsucht erfaßte das Mädchen; – noch nie im Leben hatte sie sich so einsam gefühlt.

Sie nahm eine Kerze und ging langsam in ihr Schlafzimmer; hier begann sie zu beten. Fünfmal mußte sie von vorn anfangen, ehe sie das Gebet einmal richtig beendete. – Wie auf Flügeln eilten ihre Gedanken hinter dem Schlitten und der darin sitzenden Gestalt her … Wald auf der einen Seite, – Wald auf der anderen Seite, in der Mitte ein breiter Weg, auf dem er dahinsaust! Zum Greifen deutlich sah Panna Alexandra seinen blonden Schopf, die grauen Augen, die lachenden Lippen und die weißen, scharfen Zähne vor sich. Vergeblich versuchte sie sich selbst zu verheimlichen, wie sehr ihr dieser waghalsige Ritter gefallen habe. Ein wenig hatte er sie beunruhigt, ein wenig erschreckt, aber seine Kühnheit, Fröhlichkeit und Aufrichtigkeit hatten sie doch ganz besiegt. Errötend gestand sie sich, daß selbst sein Hochmut ihr gefiel, wie er mit stolz zurückgeworfenem Kopfe sagte: »Selbst die Fürsten Radziwills[3] haben hier nichts zu suchen.« – Das ist kein schwacher, verweichlichter Mensch. Ein echter Mann und ein Soldat, so recht wie ihn der Großvater liebte, – – – der ist’s wohl wert,« so dachte die Panna. Und bald ergriff sie ein ungetrübtes Glücksgefühl, bald eine Unruhe, aber selbst diese war wohltuend.

Sie begann sich auszuziehen, als die Tür knarrte, und Panna Kulwiec mit einer Kerze in der Hand hereintrat.

»Ihr seid lange beisammen gewesen,« sagte sie. »Ich wollte euch nicht stören, daß ihr euch nach Herzenslust aussprechen konntet. Es scheint ein guter Mensch zu sein. Und was meinst du, Alexandra?«

Panna Alexandra antwortete nicht gleich. Sie lief nur auf die Tante zu, umarmte sie und verbarg ihr Goldköpfchen an ihrer Brust. Dann seufzte sie leise: »Ach, Tantchen, Tantchen!«

»Oho!« murmelte die alte Panna mit gen Himmel geschlagenen Augen.

2. Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Im Herrenhause zu Lubicz, wohin Pan Andreas fuhr, waren alle Zimmer hell erleuchtet, und wüster Lärm ertönte bis auf den Hof hinaus. Beim ersten Klang der Schellen stürzte die ganze Dienerschaft heraus, um ihren neuen Gebieter, Pan Andreas, zu empfangen. Der alte Verwalter stand mit Salz und Brot und machte eifrig tiefe Bücklinge. Kmicic nahm seine Börse und warf sie auf die Schüssel. Erstaunt, daß von seinen Kameraden keiner herausgekommen war, fragte er nach ihnen.

Die aber konnten nicht zu seiner Begrüßung kommen. Seit drei Stunden saßen sie schon am Tische, der mit Bechern und Krügen reich besetzt war. Wahrscheinlich hatten sie bei ihrem Gelage nicht einmal die Ankunft des Schlittens gehört.

Sobald Kmicic das Zimmer betrat, sprangen alle von ihren Plätzen auf und umringten ihn. Er lachte hell auf, als er sah, wie sie es in seiner Abwesenheit in seinem Hause getrieben hatten. Da kam zuerst der Riese, Pan Jaromir Kokosinski, der durch seine Rauf-und Zanksucht bekannt war. Eine fürchterliche Narbe zog sich über sein ganzes Gesicht hin. Es war Kmicic’ »guter Kamerad«. Ihm folgte Pan Ranicki, der des Mordes zweier kleiner Adliger wegen ausgewiesen war. Der dritte, Pan Rekuc, hatte sein Vermögen durchgebracht, teils verspielt, teils versoffen. Er aß seit drei Jahren bei Pan Kmicic das Gnadenbrot. Der vierte, Pan Uglik, war wegen Beleidigung des Gerichtshofes zum Tode verurteilt. Seines Klarinettenspieles wegen genoß er Kmicic’ Schutz. Außerdem waren noch da: Pan Kulwiec und Zend, der Zureiter, ein Mann von zweifelhafter Abkunft, der eine große Fertigkeit besaß, Tierstimmen nachzuahmen, und andere Ritter mehr.