Skogland - Kirsten Boie - E-Book

Skogland E-Book

Kirsten Boie

5,0
6,99 €

Beschreibung

Ein Land voller Geheimnisse und ein Spiel, das plötzlich keines mehr ist ... Ausgerechnet die schüchterne Jarven kommt bei einem Film-Casting in die letzte Runde. Die endgültige Entscheidung über die Hauptrolle soll in Skogland fallen. Aber dort wartet auf Jarven eine Überraschung: Sie soll Malena, die Prinzessin von Skogland, bei einem Empfang vertreten. Und dann überstürzen sich plötzlich die Ereignisse und Jarven erkennt, dass sie nur der Spielball in einem heimtückischen Plan ist. Ob sie Malena und dem Jungen Joas helfen kann, die Verschwörung zu zerschlagen? Es geht um Leben und Tod … Abenteuer, Krimi und Thriller in einem - der neue Roman von Kirsten Boie.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 414




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Vorspiel

Skogland trauerte.

Über dem Palast wehte die Flagge auf halbmast und Tausende von Regenschirmen säumten den Prachtboulevard. Im Schritttempo legte der Wagen mit dem Sarg, bedeckt mit unzähligen Blumen in den Farben des Landes und gezogen von sechs schwarzen Pferden, langsam den Weg zum Friedhofshügel zurück.

Hinter dem Sarg ging die kleine Prinzessin: allein, sehr aufrecht und ohne eine Träne. Sie hielt die Schultern gestrafft und sah nirgendwohin. Nicht in die Menge, wo die Menschen alles dafür gegeben hätten, ihren Blick aufzufangen, um sie mit einem aufmunternden Kopfnicken, einem Lächeln zu trösten; und nicht auf den Sarg, in dem ihr Vater seinen letzten Weg antrat.

Niemandem hatte sie erlaubt, sie mit seinem Schirm vor dem Regen zu schützen, der seit dem Morgen gleichmäßig aus einem undurchdringlich grauen Himmel fiel; und ihre nassen Haare verdeckten mit vom Regen schweren, vom Regen dunklen Strähnen ihr Gesicht.

»Das arme Kind!«, flüsterte eine Frau in der zweiten Reihe und drängte sich näher zu ihrem Mann, um mit ihm gemeinsam Schutz unter einem unpassend bunten Schirm zu finden. »Was nützen ihr da ihre Königskrone und ihre Ländereien und ihr Schmuck und was nicht alles, ihr Geld und ihr Gold und …«

»Vom Unglück verfolgt«, murmelte der Mann und hielt den Schirm ein wenig zu ihr hinüber, sodass der Regen ihm nun in den Nacken fiel. »Die ganze Familie. Vom Unglück verfolgt.«

Nur wenige Schritte hinter der kleinen Prinzessin ging, allein wie sie, aufrecht wie sie, der einzige lebende Angehörige, der von jetzt an in ihrem Namen die Regierungsgeschäfte führen würde: Norlin, ihr Onkel. Anders als seine Nichte hatte er einen Hofbeamten im schwarzen Mantel angewiesen, mit einem Schirm zwei Schritte hinter ihm zu gehen. In seinem sorgfältig frisierten Haar, dessen blausilberner Schimmer im Widerspruch stand zu seinem noch jungen Gesicht, lag jede Strähne an ihrem Platz; aber sein Mund war schmerzlich verzogen, und jeder in der Menge konnte sehen, wie sehr auch er trauerte.

»Zum Glück ist wenigstens der noch da«, flüsterte die Frau wieder, während der Trauerzug, die Minister als Nächste, an ihnen vorüberzog. »Wenigstens ist die Kleine nicht vollkommen allein.«

»Weißt du, ob die beiden sich verstehen?«, flüsterte ihr Mann zurück.

Mit einer heftigen Bewegung wischte die Frau seinen Einwand beiseite. »Wenigstens ein Vormund aus der Familie!«, flüsterte sie. »Kein Fremder! Immerhin sind es noch mehr als vier Jahre, bis sie volljährig wird, die kleine Krabbe!«

Ein junger Mann vor ihnen drehte sich um und runzelte die Stirn. »Geht es vielleicht auch ein bisschen ruhiger?«, fragte er. »Finden Sie das passend? Unterhalten Sie sich doch zu Hause!«

Kameras surrten, über dem Trauerzug kreisten zwei Hubschrauber, schon lange war das Kind nicht mehr zu sehen. Und doch stand die Menge starr wie eingefroren, schweigend, bedrückt.

Erst als vom Friedhofshügel die zehn Schuss Salut herüberhallten, die dem Land verkündeten, dass sein König nun in der herrschaftlichen Gruft neben seiner Frau die letzte Ruhe gefunden hatte, ging ein Aufatmen durch die Trauernden.

»Wenn wir uns beeilen, schaffen wir noch den Bus um sechzehn nach«, sagte die Frau, während die Menge sich auflöste. »Und egal, was du sagst, in all diesem Elend ist es ein Segen, dass die Kleine wenigstens ihn noch hat. Wenn ich abergläubisch wäre, würde ich sagen: Über dieser Familie liegt ein Fluch.«

»Da kommt unser Bus!«, rief der Mann und faltete im Laufen den Schirm zusammen. »Den kriegen wir noch!«

Erst als sie sich mit unzähligen anderen Trauergästen in den hinteren Teil des Busses gedrängt und sogar noch einen Platz gefunden hatten, antwortete der Mann.

»Nur gut, dass du nicht abergläubisch bist!«, sagte er. »Ein Fluch – sind wir hier im Märchen? Kummer und Unglück, meine Liebe, bescheren die Menschen sich meistens ganz allein selbst.«

 

»Malena«, sagte Norlin. Er hatte darauf bestanden, dass die Prinzessin und er gemeinsam in der königlichen Limousine zurück zum Palast fuhren. »Malena. Wie kann ich dich denn nur trösten?«

Die kleine Prinzessin saß blicklos, als hätte sie ihn nicht gehört.

»Am besten wird dir der Alltag helfen, kleine Malena«, sagte Norlin. Er war ein wenig von ihr abgerückt, so nass war ihr Mantel. »Heute und morgen wirst du noch im Palast bleiben, um mit mir gemeinsam die Danksagungen für die Beileidsbezeugungen zu unterschreiben.« Er beugte sich vor. »Hörst du mich, Malena? Und danach geht es dann zurück an die Schule. Zurück zu deinen Freundinnen, das wird dich ablenken. Und in zwei Monaten ist auch schon dein vierzehnter Geburtstag.«

Langsam, sehr langsam hob Malena den Kopf. Noch immer war es, als nähme sie ihn nicht wahr. Dann nickte sie ohne ein Wort.

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1. Teil

1.

Die Sonne verschwand hinter einer Wolke, und auf der Terrasse spürten die Mädchen die beginnende Abendkühle. Selbst hier im Norden Deutschlands war es jetzt endgültig Sommer geworden, und das zarte Grün des späten Frühlings verwandelte sich allmählich in den kräftigen Ton des Hochsommers.

Zum ersten Mal in diesem Jahr hatten sie ihre Hausaufgaben im Garten gemacht; jetzt schob Tine ihre Stifte energisch zusammen.

»Hausaufgaben in Kunst sollten verboten werden«, sagte sie und sah mit eingezogenen Mundwinkeln auf das große Blatt Papier, von dessen unterem Rand zaghaft gestrichelt ein Baum nach oben wuchs, unregelmäßig und an vielen Stellen radiert. »Kunst ist eigentlich ein Vergnügungsfach.«

Jarven seufzte. »Weil das jeder denkt, gibt’s die Hausaufgaben ja«, sagte sie. »Die Kunstlehrerin will sich wichtig machen. Nur darum hocken wir jetzt hier, wetten?«

»Jedenfalls wird es mir zu kalt«, sagte Tine. »Und das bedeutet das Ende des Stammbaums, da kann sie morgen meckern, soviel sie will. Drinnen setz ich mich nicht noch mal hin.«

Jarven sah nachdenklich auf ihr Blatt, bevor sie es aufrollte und mit einem Gummi festhielt. »Vielleicht frag ich meine Mutter nachher noch«, sagte sie. »Bei mir ist ja nun wirklich praktisch nichts drauf.«

»Wegen dem Ausländer eben«, sagte Tine, aber dann zuckte sie erschrocken zusammen. »Nee, mein ich ja nicht so, du weißt schon! Ich mein, das ist nur, weil deine Mutter dir nicht sagen will, wer dein Vater ist. Darum kannst du da die ganzen Großmütter und Urgroßmütter und Kram eben nicht eintragen. Kannst du eben nur einen halben Stammbaum abgeben.«

Jarven schüttelte den Kopf. »Und die Mutter-Hälfte auf meiner Zeichnung findest du besonders gelungen, ja?«, sagte sie. »Da hab ich doch eigentlich auch nichts.«

Tines Mutter steckte den Kopf durch die Terrassentür. »Mädels?«, sagte sie. »Es wird zu kalt für euch hier draußen.«

Tine verzog den Mund. »Ach nee«, sagte sie.

»Sei nicht so frech«, sagte ihre Mutter ungerührt. »Abendbrot steht in der Küche. Esst ihr mit?«

Jarven schüttelte den Kopf. »Ich glaub, ich sollte lieber nach Hause gehen«, sagte sie unsicher. »Meine Mutter macht sich immer so schnell Sorgen.«

Tine tippte sich an die Stirn. »Es ist sieben Uhr, Herzchen«, sagte sie. »Da kommt im Fernsehen grade mal das Sandmännchen für die Babys. Deine Mutter war schon immer so panisch. Du musst sie einfach mal ein bisschen erziehen.«

Tines Mutter legte Jarven ihre Hand auf den Arm. »Nein, das sollst du nicht tun«, sagte sie. »Aber schick ihr doch eine SMS, dass du noch bei uns isst. Dann weiß sie, wo du bist.«

Jarven nickte und klappte ihr Handy auf. Natürlich wusste sie, dass Mama ärgerlich sein würde. Töchter schicken ihren Müttern nicht einfach eine Nachricht, um zu sagen, wo sie sind und dass sie länger bleiben. Töchter rufen an, um zu fragen, ob sie länger bleiben dürfen.

»Bin noch bei Tine«, tippte sie ein. Hoffentlich war Mamas Handy überhaupt eingeschaltet. Mama war da immer so nachlässig. »Bin noch im Hellen zurück. Küsschen, Jarven.«

Danach schaltete sie das Handy aus. Sie hatte keine Lust auf eine Nachricht von Mama, dass sie sofort nach Hause kommen sollte.

»So!«, sagte Jarven und ließ sich auf den vierten Küchenstuhl plumpsen. (Kein Benehmen. Man setzt sich langsam und mit geradem Rücken.)

Sie liebte Tines Küche. Immer war sie ein bisschen unaufgeräumt, immer stand ein Rest schmutziges oder gerade gespültes Geschirr auf der Ablage neben der Spüle, und an der Wand hinter dem Esstisch waren an einer Korktafel so viele Zettel aufgespießt, dass ab und zu beim Essen einer in den Aufschnitt fiel: »Der fliegende Pizzabote – Telefonbestellung rund um die Uhr« oder »Reparaturservice für Fernsehen und HiFi – prompt, zuverlässig, günstig« und neulich ein Notfall-Apothekenplan aus dem Jahr 1997, der am Rand schon ganz gelblich aussah. Jarven war sich sicher, dass Tines Mutter noch niemals einen Zettel abgenommen hatte. Nur immerzu neue angepinnt. Mama wäre gestorben.

»Fertig mit den Hausaufgaben?«, fragte Tines Vater.

Auch deshalb liebte Jarven Tines Küche. Tines Haus. Jede Mahlzeit bei Tine.

Weil sie eine richtige Familie waren, Vater, Mutter, Kind. Zwei Kinder, wenn Jarven mitaß. Und weil Tines Vater so war, wie er war: immer freundlich, ein bisschen schusselig, niemals laut. Natürlich hatte sie keine Erfahrung mit Vätern, aber sie war sicher, dass ein guter Vater haargenau so sein musste. Immer gab Tines Vater ihr das Gefühl, dass er sich über ihren Besuch freute.

»Nee, mit den Hausaufgaben heute kann man gar nicht fertig werden!«, sagte Tine und drehte einen Zipfel Leberwurst in den Fingern, bevor sie ihn mit gekrauster Nase wieder auf den Wurstteller fallen ließ. »Stammbaum.«

»Boah!«, sagte ihr Vater. Mama wäre auch an dieser Stelle in Ohnmacht gefallen, dachte Jarven. Ein erwachsener Mann! »Und? Habt ihr was Hübsches gezeichnet?«

Tine tippte sich an die Stirn. »Wie denn wohl?«, fragte sie. »Weißt du vielleicht, wie Oma Bietigheims Eltern hießen?«

Ihr Vater nickte ernsthaft. »Romuald Freiherr von Düttundatt und Bettine Freifrau von D., geborene von und zu Hüftschwung«, sagte er. »Brauchst du die Geburtsdaten?«

Jarven kicherte.

»Vielleicht denk ich mir nachher wirklich noch was aus«, sagte sie. »Ich hab jedenfalls viel zu wenig. Da ist die morgen sonst sauer.«

»Brauchst du ein paar glaubwürdige Namen?«, fragte Tines Vater. Sein Messer ruhte auf dem Brot.

Jarven schüttelte den Kopf. »Wie die eben?«, sagte sie. Dabei wäre es nützlich gewesen. Vor allem ausländische Namen fielen ihr nicht so viele ein, am einfachsten vielleicht noch türkische. Zu ihrem Aussehen würden die ja passen. Aber wahrscheinlich war Tines Vater da auch nicht besonders hilfreich.

Tines Mutter hielt ihr den Brotkorb hin. »Nehmt es nicht zu schwer«, sagte sie. »Noch eine Woche, dann sind Ferien. Bestimmt haben die Zeugniskonferenzen längst stattgefunden, da ist es sowieso völlig egal, was ihr jetzt noch tut. Sollte ich euch natürlich nicht sagen.«

In diesem Augenblick klingelte es.

»Nanu?«, sagte Tines Vater und stand auf. »Erwartet irgendwer irgendwen?«

Natürlich wusste Jarven, wer vor der Tür stand.

* * *

»Wie, verschwunden?«, rief Norlin. »Mein Gott, der Sicherheitsdienst muss doch Leute dort gehabt haben! Das Internat war rund um die Uhr bewacht!«

»Wie es scheint, Königliche Hoheit«, sagte der Beamte und hob die Schultern an, als erwarte er, geprügelt zu werden; aber davon konnte natürlich keine Rede sein, »haben sie gerade zu der Zeit … Ein Ablenkungsmanöver, wie es scheint …«

»Und?«, rief Norlin. Die Vorhänge waren noch nicht vor die Fenstertüren gezogen, und vom Platz vor dem Palast fiel rötlich gelb das Licht der Straßenlaternen in den dämmerigen Raum. »Was sagt die Hausmutter? Der Direktor? Wonach sieht es aus? Sieht es nach einer Entführung aus?«

Der Beamte machte einen vorsichtigen Schritt rückwärts, als erwarte er jetzt endgültig den Zorn des Vizekönigs.

»Etwas anderes kann man sich ja kaum vorstellen, Königliche Hoheit!«, sagte er. »Aber das Sonderbare ist … Das Sonderbare ist …«

»Ja?«, sagte Norlin.

»Das wenigstens beschwören die Männer vom Sicherheitsdienst!«, sagte der Beamte. »Kein Auto weit und breit in den letzten Stunden vor ihrem Verschwinden! Und Sie wissen ja, das Gelände um die Schule herum ist über Meilen gut zu überblicken.«

»Wenn man sich die Mühe macht hinzusehen!«, sagte Norlin. »Ich muss wohl gar nicht erst fragen, ob ein Hubschrauber gesichtet worden ist? Lieferwagen? Pferdekutschen?«

»Nichts, Hoheit!«, sagte der Beamte eilfertig und verbeugte sich. »Die Männer sind sich sicher.«

»Dann haben sie es geschickt angestellt«, murmelte Norlin. Er sah den Boten an und trommelte mit den Fingerspitzen auf seinen Schreibtisch. »Ein unterirdischer Gang? Aber das Gelände ist doch gründlich untersucht worden, bevor mein Schwager Malena damals auf die Schule gelassen hat.«

»Ein unterirdischer Gang ist unwahrscheinlich, Hoheit«, sagte der Beamte und verbeugte sich wieder. »Wegen des felsigen Untergrundes. Der Leiter der Untersuchung …«

Norlin unterbrach ihn. »Ich will ihn sprechen!«, sagte er. »Jetzt! Gleich.«

Der Bote lief gebeugt rückwärts zur Tür. »Natürlich, Hoheit!«, sagte er. »Ich werde ihn sofort …«

»Und noch nichts an die Presse!«, rief Norlin. »Hören Sie? Hören Sie? Zuerst muss ich mehr wissen! Mein Gott, ein falsches Wort, irgendeine dumme Kleinigkeit, alles, hören Sie!, alles könnte jetzt meine Nichte gefährden!« Und er sah aus, als begriffe er erst jetzt, was ihm gerade berichtet worden war.

»Ich gebe es weiter, Hoheit!«, rief der Beamte. Hinter seinem Rücken griff er nach der Türklinke. »Ich werde sofort den Untersuchungsleiter …«

»Und ich brauche Bolström«, sagte der Vizekönig und ließ sich erschöpft in seinen Schreibtischsessel sinken. »Schicken Sie mir Bolström. Egal, wo er sich aufhält.«

»Bolström, natürlich«, sagte der Bote, und jetzt klang seine Stimme nicht nur diensteifrig, sondern auch ein wenig erleichtert. »Ich werde ihn suchen lassen.«

Und während er die Tür hinter sich zuzog, dachte er, wie gut es war, dass Norlin seit dem Tod des Königs so eng mit Bolström zusammenarbeitete. Bolström würde helfen, die Prinzessin zu finden. Bolström eher als die Polizei.

* * *

»Kommen Sie doch schnell für einen Moment rein!«, sagte Tines Mutter. »Wir sitzen in der Küche.«

»Hallo, Mama«, sagte Jarven. Sie sah nicht auf dabei.

Mama stand aufrecht in der Küchentür und lächelte.

Sie ist so schön, dachte Jarven. Das genaue Gegenteil von mir. Blond. Groß. Elegant. Natürlich braucht sie das für ihre Arbeit. Aber ich merke doch jedes Mal, wie sie die Leute einschüchtert, selbst wenn sie nur so dasteht.

»Ich dachte, ich komm und hol dich ab«, sagte Mama und lächelte immer noch. »Ich habe deine SMS gekriegt. Es ist ja nicht mehr so ganz früh. Da ist es mir sicherer.«

Tines Vater schluckte. (Keine zu großen Bissen nehmen. Nicht mit vollem Mund sprechen. Tines Vater hielt sich nie an die Regeln.)

»Wollen Sie sich nicht noch kurz setzen?«, fragte er und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. (Das auch noch.) »Ich hätte Jarven sonst nachher auch gebracht. Aber es ist ja wirklich noch hell. Jetzt im Sommer …«

Mama lächelte und Tines Vater war still. »Natürlich«, sagte sie. »Vielen Dank. Aber ich glaube, wir sollten jetzt gehen.«

Jarven starrte auf den Brotrest auf ihrem Teller. Liegen lassen ging nicht. In den Mund stopfen ging auch nicht. Aber Mama wollte gehen.

Jarven stand auf und nahm das Brot in die Hand. (Das ging natürlich auch nicht.) »Danke für alles«, sagte sie. »Bis morgen, Tine. Ich freu mich auf Kunst.« Sie rollte die Augen.

»Scheiß drauf«, sagte Tine.

»Tine!«, rief ihre Mutter. (Solche Dinge bemerkten sogar Tines Eltern.)

Im Flur lagen Schuhe ungeordnet auf dem Boden, dazwischen eine Plastiktüte, aus deren Öffnung leere Flaschen ragten. Eine Staubfluse schwebte über den Boden.

Sonst bemerkte Jarven das nie.

Jetzt schon.

»Tschaui!«, rief sie, längst im Vorgarten.

Tines Mutter winkte und schloss die Tür.

»Mama!«, sagte Jarven und zog ihren Arm aus dem ihrer Mutter. »Immer musst du mich so blamieren!«

»Du bist vierzehn«, sagte Mama. »Du weißt gar nicht, was jungen Mädchen in einer Großstadt alles passieren kann.«

Noch immer stand die Sonne am Himmel, wenn auch tief. Kinder spielten auf dem Bürgersteig.

* * *

»Bolström!«, sagte Norlin. »Mein Gott, was sollen wir denn jetzt nur tun?«

Der Diener zog lautlos von draußen die Tür zu. Norlin und Bolström waren allein.

»Was hat sie mitgenommen?«, fragte Bolström. Der Raum war inzwischen fast völlig dunkel. Nur der Schein der Straßenlaternen und der grüne Schirm der Schreibtischlampe bildeten Inseln aus Licht, deren Umgebung dadurch nur umso finsterer wirkte. »Hat sie überhaupt etwas mitgenommen?«

»Wie?«, fragte Norlin.

»Hat sie gepackt?«, fragte Bolström. »Hat sie eine Tasche mitgenommen? Wenn sie gepackt hat, mein lieber Norlin, dann ist sie vielleicht überhaupt nicht entführt worden.«

»Wie?«, fragte Norlin wieder.

»Wenn kein Fahrzeug gesichtet wurde«, sagte Bolström. »Überleg mal. Sie könnte doch auch einfach von sich aus verschwunden sein.«

Norlin stand auf. Er ging zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Bolström schüttelte den Kopf und schaltete das Licht ein.

»Also nicht gepackt«, sagte er. »Und ihr Vater ist gerade erst gestorben, Norlin! Weißt du, was in dem Kopf so eines Kindes vor sich geht? Sie ist verzweifelt. Vollkommen durcheinander. Sie erträgt das Leben nicht mehr! Sie …«

»Du meinst, sie könnte sich das Leben genommen haben?«, rief Norlin.

»Bisher ist ja, soweit ich weiß, ihre Leiche nicht gefunden worden«, sagte Bolström. »Was nicht unbedingt viel heißen muss. Aber sie könnte auch einfach nur so verschwunden sein. Ziellos durch die Gegend irren. Hattest du nach der Beerdigung nicht erzählt, sie wäre dir völlig verwirrt erschienen? Alles ist denkbar.«

»Mein Gott!«, rief Norlin.

»Besser als eine Entführung«, sagte Bolström. »Da stimmst du mir doch sicher zu. Hör zu, Norlin. Das Wichtigste ist jetzt, dass die Öffentlichkeit nichts erfährt. Damit gar nicht erst – das können wir dann unter Umständen nicht mehr steuern. Das ist dann erst die wirkliche Gefahr.«

»Mein Gott«, flüsterte Norlin. »Und in der nächsten Woche hat sie auch noch Geburtstag!«

»Ich weiß«, sagte Bolström.

»Wir müssen …«, flüsterte Norlin. »Bolström! Wie können wir denn …«

Bolström legte ihm seinen Arm um die Schulter.

»Ich verstehe ja, dass du erregt bist!«, sagte er. »Deine Sorge ist nur zu verständlich, Norlin. Aber jetzt hast du mich ja gerufen.«

Norlin straffte seinen Rücken.

»Ich verlass mich auf dich, Bolström«, sagte er. »Du weißt, wie sehr das Land die Prinzessin liebt.«

* * *

»Wenigstens deine Eltern!«, rief Jarven. »Du musst doch wissen, wie deine Eltern hießen!«

Mama hatte ihre Schuhe ausgezogen und unter die Garderobe gestellt. Sie hängte ihre Jacke auf einen Bügel und zupfte sie zurecht.

»Ich weiß, wie meine Eltern hießen«, sagte sie dann und strich sich vor dem Flurspiegel eine blonde Strähne aus der Stirn. »Ich weiß, wie meine Großeltern hießen. Ich weiß sogar, wie meine Urgroßeltern hießen. Und meine Ururgroßeltern.« Sie ging ins Wohnzimmer und setzte sich auf den Sessel vor dem Fernseher. »Aber ich halte nichts davon, wenn Lehrer Familien ausspionieren. Nichts anderes ist diese Stammbaumgeschichte nämlich. Sie sollen dir etwas beibringen, und gut. Dein Privatleben geht sie nichts an.«

»Bitte, Mama!«, rief Jarven.

Mama schüttelte den Kopf. »Willst du mit Nachrichten gucken?«, fragte sie.

Jarven knallte die Tür hinter sich zu und verschwand in ihrem Zimmer. (In der Pubertät muss vorübergehend mit Wutausbrüchen gerechnet werden. Für einige Zeit spielt gutes Benehmen selbst bei sonst hervorragend erzogenen Jugendlichen keine Rolle mehr.) Vielleicht hatte ein Kunstlehrer wirklich nicht das Recht, in Mamas Privatleben zu stöbern, aber für eine Tochter galt das nicht. Jeder wollte schließlich gerne wissen, wessen Kind er war, wie der Vater aussah und was er tat, wer die Großeltern gewesen waren.

Jarven ließ sich auf ihr Bett plumpsen. Immer hatte Mama das Gespräch ganz schnell auf etwas anderes gelenkt, wenn Jarven nach ihrem Vater gefragt hatte, und natürlich verstand Jarven sie sogar ein bisschen. Weil das alles so gar nicht zu Mama passte. Zu Mama hätte ein eleganter Mann gepasst, der in einer Bank arbeitete, Anzüge von Armani, handgenähte Hemden; nicht irgendein merkwürdiger dunkelhäutiger Ausländer, dessen sie sich hinterher schämte.

Jarven rollte das Gummiband von der Zeichnung und setzte sich an den Schreibtisch. Nur einmal hatte Mama etwas erzählt, das war an Jarvens letztem Geburtstag gewesen. Sie hatten zur Feier des Tages in einem Restaurant gegessen, Jarven hatte Cola getrunken und Mama Wein, und plötzlich hatte Mama sie von oben bis unten gemustert.

»Du wirst erwachsen«, hatte sie gesagt. »Langsam wirst du erwachsen. Als ich in deinem Alter war …«

Jarven hatte geschwiegen und beinahe die Luft angehalten.

»Gar nicht so viel später habe ich deinen Vater kennen gelernt«, hatte Mama gesagt. Waren es drei Gläser Wein gewesen? »Wir waren so grenzenlos verliebt, Jarven, so grenzenlos, sinnlos verliebt!«

Jarven hatte weiter geschwiegen. Sie wollte nichts verderben.

»Und einmal, als ich Geburtstag hatte, meinen achtzehnten, sind wir einfach geflohen«, hatte Mama gesagt. »Haben die Feier einfach Feier sein lassen und sind ans Meer gefahren, in die Gegend von Sarby. Wir haben am Strand gesessen, es war noch ein bisschen kalt so früh im Jahr, aber ich hatte ja den Schlüssel …«

»Welchen Schlüssel?«, hatte Jarven gefragt und im selben Moment gewusst, dass das ein Fehler war.

Mama war zusammengezuckt. »Ach, egal«, hatte sie gesagt und ihr Glas von sich weg zur Tischmitte geschoben. Danach hatte sie es nicht mehr angerührt. »Also herzlichen Glückwunsch, Jarven! Die Kindheit ist vorbei, und ich wünsche dir eine wunderschöne Jugendzeit.«

Jarven sah auf das fast leere Blatt vor sich auf dem Schreibtisch. Vielleicht würde es sogar Spaß machen, sich Namen auszudenken. Bestimmt würde es das.

Dann stand sie noch einmal auf und schaltete das Licht ein, obwohl es gerade erst begann, dämmerig zu werden. Von draußen war sie jetzt deutlich zu sehen: eine kleine, ein wenig gedrungene Gestalt mit dunklen Haaren, die in einem Zimmer im ersten Stock mit energischen Bewegungen etwas aus einem Regal zog. Erst als sie sich wieder setzte, blieb das hell erleuchtete Rechteck leer.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite zog ein Mann sich in einen Hauseingang zurück und wartete.

2.

Schon in der zweiten großen Pause hatte Jarven die beiden Männer gesehen, die auf der Straßenseite gegenüber dem Schultor Handzettel verteilten.

»Du hast ja noch ordentlich was getan gestern Abend!«, sagte Tine und rückte die Riemen ihrer Tasche auf der Schulter zurecht. Die Schule war zu Ende und das Wochenende lag vor ihnen. »Bis zu den Urgroßeltern hoch, wow! Und sogar bei deinem Vater! Woher hattest du denn die ganzen türkischen Namen?«

Jarven lachte. Die Sonne schien, die Hausaufgaben hielten sich in Grenzen, und in einer Woche begannen die Sommerferien. »Sollen wir Eis essen gehen?«, fragte sie. »Ich hab Gökhan angerufen, der hat mir geholfen. Meine Urgroßeltern väterlicherseits und seine Großeltern mütterlicherseits heißen jetzt ulkigerweise haargenau gleich. Komischer Zufall.«

Tine kicherte. »Und wenn die das merkt?«, fragte sie.

Jarven schüttelte den Kopf. »So genau guckt die nicht nach«, sagte sie. »Die interessiert sich nur dafür, wie schön der Baum gezeichnet ist. Meinen fand sie ein bisschen unübersichtlich. Was verteilen die da eigentlich?«

Tine zuckte die Achseln. Inzwischen hatte sich um die beiden Männer mit den Handzetteln eine Traube von Schülern gebildet. »Jedenfalls kein Eis!«, sagte Tine. »Ich will Eis! Oder glaubst du, da drüben gibt’s was umsonst?«

»Quatsch!«, sagte Jarven. »Lädst du mich ein?« Sie bogen um die Straßenecke und gönnten der Schule keinen Blick mehr. »Zwei Kugeln? Komm schon!«

»Hast du sie nicht mehr alle?«, sagte Tine.

Hinter ihnen hörten sie eilige Schritte.

»Hallo!«, rief ein junger Mann. »Interessiert euch denn gar nicht, was wir hier …« Dann hatte er sie eingeholt.

»Hä?«, sagte Tine.

Der junge Mann lächelte. Er sah gut aus, fernsehmäßig gut.

»Alle kommen in Scharen und holen sich unsere Einladung ab!«, sagte er und hielt Tine einen Zettel hin. »Nur ihr zwei … Da musste ich doch mal gucken, was das für Mädchen sind, die sich so wenig dafür interessieren, Filmstar zu werden!«

»Hä?«, sagte Tine wieder. Aber jetzt klang sie doch schon neugieriger.

»Vor allem, wenn sie aussehen wie ihr beiden«, sagte der junge Mann, und es gab Jarven einen Stich. Es war ja klar, wen er damit meinte. Tine mit ihren blauen Augen und ihrem blonden Haar, schlank und groß. Aber natürlich musste er den Schein wahren. Jetzt gab er auch ihr einen Zettel.

»Wir suchen noch Darsteller für einen Jugendfilm!«, sagte er. »Steht alles drauf. Ganz normale Mädchen. Casting ist heute Nachmittag. Eure Chancen sind nicht schlecht!«, und er zwinkerte Tine zu, bevor er sich umdrehte und wieder zu der Stelle gegenüber vom Schultor lief, an der sein Partner sich in der Zwischenzeit allein standhaft gegen Horden von Mädchen zur Wehr gesetzt hatte.

»Röpers Gasthof«, sagte Tine und schnaubte. »Cooler Ort für ein Casting, muss man ja sagen. Bisschen schäbig. Mädchen zwischen zwölf und sechzehn. Das sind wir, da hat er Recht.«

»Das bist du«, sagte Jarven. »Hast du nicht gemerkt, wie der dich angestarrt hat?«

»Ach was!«, sagte Tine mit der Gleichgültigkeit derer, die bewundernde Blicke gewohnt sind. »Der könnte mein Opa sein, Herzchen. Aber hingehen können wir ja, oder?«

Im Garten des Eiscafés waren viel zu viele Klappstühle um viel zu viele winzige Tische gruppiert, und alle waren sie besetzt. Vom Tresen bis zur Mitte des Rasens wand sich eine Schlange aus Schulkindern.

»Ich glaub nicht, dass meine Mutter das gut finden würde«, sagte Jarven. »Das erlaubt sie nie.«

»Dann frag sie nicht!«, sagte Tine. »Die arbeitet doch dann sowieso! Die merkt das doch gar nicht!«

»Trotzdem«, murmelte Jarven. Die Schlange bewegte sich ein paar Schritte vorwärts auf die Cafétür zu. Sie wollte Tine nicht sagen, dass sie sich das nicht einmal vorstellen konnte: hinter dem Rücken ihrer Mutter etwas zu tun, von dem sie wusste, dass Mama es nicht erlaubt hätte. »Und nachher gibt es Ärger.«

Tine versuchte, an dem Jungen vor ihr vorbei auf die Liste mit den Eissorten zu sehen.

»Schoko-Pfefferminz!«, sagte sie. »Jamjam. Und Krokant auch noch. Das nehm ich. Und du?«

Jarven zuckte die Achseln. Am besten wäre es natürlich, sie würde sich gar kein Eis kaufen. Stattdessen nur einen Apfel oder ein Bund Möhren. Wenn sie irgendwann auch so schlank sein wollte wie Tine. Sie seufzte.

»Ich sag dir mal was, Jarven«, sagte Tine und winkte einer Gruppe älterer Jungen zu, die am Eisgartenzaun entlang in Richtung Bushaltestelle gingen. »Langsam finde ich, deine Mutter unterdrückt dich regelrecht. Du bist vierzehn! Und ständig holt sie dich ab, bevor es dunkel ist, und verbietet dir, irgendwo hinzugehen. Meine Mutter sagt, das ist bei Alleinerziehenden häufig so, die sind öfter mal überängstlich, aber das hilft dir ja nun auch nicht! Ich hab nichts gegen deine Mutter, ehrlich, aber ein bisschen mehr Freiheit könnte sie dir schon gönnen, finde ich.«

»Ich fühl mich nicht unterdrückt!«, sagte Jarven wütend. Sie spürte, wie zu dem Zorn auf Mama jetzt auch noch der Zorn auf Tine hinzukam. Was ging es Tine an, wie Mama sie erzog? Was ging es Tines Eltern an? Bei dem Gedanken, wie sie dort gestern Abend in ihrer unordentlichen Küche noch über Mama und sie geredet hatten, wurde Jarven beinahe übel. So bald würde sie mit denen nicht wieder essen. Doch nicht mit Leuten, die hinter ihrem Rücken schlecht über ihre Mutter redeten. Sie durfte auf Mama wütend sein, sie war schließlich Mamas Tochter, sie war diejenige, um die es ging. Sie allein durfte auf Mama wütend sein und auf Mama schimpfen.

Andere Menschen hatten kein Recht dazu.

»Ich finde Filmstars sowieso bescheuert«, sagte Jarven. »Du kannst alleine zu Röper gehen.«

* * *

Der Bauer beschloss eine Pause zu machen. Seit dem Vortag hatte er auf seinen höher gelegenen Weiden die Trockenmauern ausgebessert, wie er das alle paar Jahre tat, wie es schon sein Vater vor ihm getan hatte und sein Großvater; er hatte Steine aufgeklaubt und abgeklopft und wieder eingesetzt, wo sie durch Unwetter aus der Mauer geschwemmt, durch heruntergefallene Äste herausgeschlagen worden waren, und jetzt am späten Nachmittag war er allmählich zufrieden mit seiner Arbeit. Viel war nicht mehr zu tun.

Er setzte sich in das sattgrüne Gras, lehnte seinen Rücken gegen die unregelmäßigen, von der Sonne aufgeheizten Steine und sah über das Tal. Weiße Wattewolken, deren Unterseiten grau waren wie Asche, zogen über den Himmel und warfen große, unförmige Schatten, die Teile der Landschaft für Augenblicke in ein düster-bedrohliches Licht tauchten.

Der Bauer zog das Päckchen mit dem Tabak aus der Hemdtasche, das Papier dazu, und drehte sich eine Zigarette. Auf der anderen Seite des Tales gab ein Wolkenschatten gerade die Türme der Schule frei, und die Sonne schlug rote Funken aus den Fensterscheiben. Auf der Straße über den Berg fuhr kein Wagen; man hätte glauben können, das alte Gebäude wäre unbewohnt. Aber wenn der Wind richtig stand, das wusste der Bauer, konnte man selbst auf diese Entfernung die Stimmen der Mädchen hören, Lachen und Rufen, und dazwischen manchmal die Trillerpfeife eines Lehrers.

Er lehnte sich zurück, sog tief den Rauch in seine Lungen und schloss die Augen. Gestern war das anders gewesen, sodass er heute Morgen sogar daran gedacht hatte, seinen Feldstecher mitzunehmen. Gestern hatte es auf der Straße ein ständiges Kommen und Gehen gegeben. Wenn er sich nicht täuschte, waren Polizeiwagen dabei gewesen, aber kein Krankenwagen. Ein Unfall konnte es also nicht sein, was die Polizei an diesen abgelegenen Ort geführt hatte. Einen kurzen Augenblick hatte er sich gefragt, ob es jetzt vielleicht doch gefährlich wurde, so nah am nördlichen Sund. Aber dann hätte das Fernsehen darüber berichtet. Und auch an ein Verbrechen konnte er nicht glauben. Die Schule hatte den allerbesten Ruf, sogar die kleine Prinzessin besuchte sie.

»Wenn es nur nicht wegen der kleinen Prinzessin war!«, murmelte der Bauer und öffnete die Augen wieder. »Wenn es nur nicht …« Dann hielt er mitten im Satz inne. Auf der anderen Seite des Tales, weit, weit unterhalb der Schule, bewegte sich etwas in einem Himbeergesträuch.

Der Bauer griff neben sich, wo den ganzen Tag der Feldstecher unbenutzt auf dem Boden gelegen hatte. Schon gestern hatte er das Gefühl gehabt, dort unten hielte sich irgendjemand verborgen, er hatte ein paarmal eine Bewegung zu sehen geglaubt, aber auf die Entfernung war mit bloßem Auge nicht auszumachen gewesen, was es war.

Er hielt das Glas an die Augen und suchte die richtige Stelle. Bäume verschwammen und zogen in Schwindel erregender Geschwindigkeit vorbei, Mauern, dann endlich hatte er die Stelle im Blick.

Der Bauer pfiff durch die Zähne.

»Ein Junge!«, murmelte er.

Der Junge trug eine karierte Jacke, die ihm um einiges zu groß war, und auf dem Kopf eine beigefarbene Kappe. Es sah aus, als hätte er sich zwischen den Himbeersträuchern ein Lager eingerichtet, eine braune Decke lag auf dem Boden und noch allerlei Kleinkram, den der Bauer auf diese Entfernung selbst durch den Feldstecher nicht erkennen konnte.

»Keine schlechte Stelle!«

Er erinnerte sich, wie er vor Jahrzehnten als Kind an genau diesem Ort ein paar Tage ausgehalten hatte, nachdem er von zu Hause ausgerissen war. Sein Vater hielt nicht viel von Worten, und irgendwann, als er dreizehn, vierzehn gewesen war, hatten ihm die täglichen Schläge gereicht und er hatte beschlossen, in die Welt zu ziehen.

Der Bauer lachte leise. »Du kehrst auch noch um, Bengel!«, murmelte er und fixierte den Jungen noch einmal durch das Fernglas. Es gab einen Bach gleich neben dem Gestrüpp, und jetzt, wo bald die Himbeerzeit begann, musste auch niemand Hunger leiden. Trotzdem erinnerte er sich, wie er damals schon nach wenigen Tagen nach Hause zurückgekehrt war, die erste verregnete Nacht hatte genügt. Aber selbst wenn er sich hatte geschlagen geben und seinen Traum von der weiten Welt hatte aufgeben müssen, war seine kurze Flucht schließlich nicht umsonst gewesen. Die Schläge waren danach weniger geworden und auch, so war es ihm vorgekommen, weniger heftig.

»Wollen wir hoffen, dass es dir genauso geht, Bengel«, murmelte der Bauer und legte das Fernglas zur Seite. Dann nahm er einen letzten Zug aus seiner Zigarette, bevor er sie mit dem Absatz im weichen Erdboden austrat und anschließend in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Noch eine Stunde, vielleicht zwei, dann brauchte er sich um die Mauern auf diesem Teil seines Landes für lange Zeit nicht mehr zu kümmern.

Erst als er schon auf dem Weg nach Hause war, zurück zu seinem Hof, fiel es ihm plötzlich ein, und er richtete sein Glas noch einmal auf das Himbeergestrüpp. Was, wenn der Junge nun mit den Polizeifahrzeugen zu tun hatte? Wenn er ein Einbrecher war, ein Dieb, womöglich ein Nordler, der die Schule überfallen hatte, der die Schule überfallen wollte, der die kleine Prinzessin ausspionieren wollte …

Die Sträucher erschienen in seinem Glas; aber jetzt lag der Boden dazwischen verlassen.

Der Bauer griff nach dem Handy in seiner Tasche. Dann ließ er es wieder sinken. Nur weil er einen Jungen gesehen hatte, der von zu Hause ausgerissen war oder sich einfach nur ein paar abenteuerliche Tage in der Einsamkeit machen wollte, musste er schließlich nicht gleich die Polizei alarmieren.

Zumindest wollte er vorher mit seiner Frau darüber reden.

3.

Jarven drückte die Hoteltür auf und lächelte der Frau an der Rezeption zu.

Sie war froh gewesen, als sie endlich ihr Eis aufgegessen hatte. Sie hatte nicht gemütlich in der Sonne sitzen und Eis essen wollen zusammen mit einer Freundin, in deren Familie schlecht über Mama geredet wurde.

Aber sagen konnte sie Tine das natürlich auch nicht.

»Wieso?«, hätte Tine dann vermutlich verblüfft gefragt. »Was ist daran denn schlimm?«

Und Jarven wusste nicht, wie sie Tine erklären sollte, dass sie es immer schlimm fand, sich vorzustellen, dass jemand hinter ihrem Rücken über sie sprach. Außer vielleicht, es war etwas richtig Gutes.

»Ach, Jarven, hallo!«, sagte die Rezeptionistin. »Deine Mutter ist noch hinten. Heute hat sie wieder so eine richtig durchgeknallte Trulla.«

»Danke«, sagte Jarven und machte sich durch die Lobby und das vollkommen menschenleere Restaurant auf den Weg zu den Gesellschaftsräumen.

Es war kein besonders gutes Hotel, das erkannte jeder auf den ersten Blick, aber es war praktisch. Es hatte die Gesellschaftsräume mit dem Saal, die durch eine Schiebetür vom Restaurant abzutrennen waren, und es hatte die Küche. Was immer Mama für ihre Übungen brauchte, konnte ihr schnell gebracht werden.

Schon lange träumte sie von eigenen Räumen, aber wie so vieles im Leben (sagte Mama) war eben auch das eine Frage des Geldes.

»Und die Antwort auf diese Frage lautet leider wieder einmal: Es reicht nicht«, hatte sie zu Jarven gesagt, als sie das letzte Mal darüber gesprochen hatten. »Ich müsste etwas anmieten, mit Küche, und am besten noch mit jemandem, der für unsere Übungsmahlzeiten kocht. Das geht finanziell nicht auf, Jarven. Und so schlecht ist das Hotel ja auch gar nicht.«

Aber Jarven wusste natürlich, dass Mama sich eigentlich etwas ganz anderes für ihre Benimmkurse vorgestellt hätte. Etwas Stilvolleres, mit den passenden Möbeln, dem passenden Geschirr und dem passenden Essen.

Sie blieb stehen und horchte, bevor sie behutsam die Tür zum Saal einen Spalt weit öffnete.

»Ja, wunderbar, Frau Schnedeler!«, sagte Mama freundlich. »Nur noch ein wenig höher das Kinn! Und nun stellen Sie sich noch einmal vor, Sie gingen auf einer Linie, nein, nicht so! Wenn Sie so die Hüften schwenken, Frau Schnedeler, wirkt das leicht ordinär, darauf müssen Sie unbedingt achten. Ja, so ist es gut! Aufrecht, ohne allzu viel Hüftschwung auf einer Linie! Da haben wir ja schon die Ausstrahlung, die wir uns wünschen! Das ist es!«

Jarven atmete möglichst lautlos tief ein. Die pummelige kleine Frau reckte ihr Kinn gen Himmel und lächelte majestätisch.

»Das üb ich zu Hause dann mal in der Diele!«, sagte sie. »Na, da wird mein Karl aber staunen.«

»Ich hatte Ihnen ja schon beim letzten Mal gesagt, es wäre sicher hilfreich, wenn Sie Ihren Mann einmal mitbrächten«, sagte Mama. Sie hatte Jarven entdeckt und runzelte kurz die Stirn. »Jetzt, wo er Vorsitzender des Bürgervereins ist. Da muss er ja doch öfter mal repräsentieren, liebe Frau Schnedeler, und ein kleines bisschen Übung …«

»Ich sag’s ihm ja immer!«, rief die pummelige Frau Schnedeler und ließ sich auf einen der abgewetzten Hotelstühle fallen. (Kein Benehmen. Man setzt sich langsam und mit geradem Rücken.) »Aber mein Karl …«

»Das üben wir jetzt aber noch mal, Frau Schnedeler!«, sagte Mama und lächelte trotz des energischen Tons schon wieder freundlich. »Wie nehmen wir Platz, wenn kein Herr uns mit dem Stuhl behilflich ist?«

Jarven klopfte vorsichtig gegen den Türrahmen. »Darf ich bitte einmal kurz stören?«, fragte sie.

Frau Schnedeler drehte sich um. »Ach, die Jarven!«, sagte sie und ihre Stimme wurde vor Wohlwollen weich. »Immer so höflich! So gut erzogen!« Und sie streckte Jarven ihre Hand entgegen.

»Nicht bei Tisch über die Schulter, Frau Schnedeler, bitte!«, sagte Mama. »Was ist denn, Jarven? Musst du uns unbedingt stören?«

Jarven sah nach unten. »Ich wollte nur fragen, ob ich heute Nachmittag …«, sagte sie. »Da sind so Filmleute an der Schule gewesen …«

»Filmleute?«, fragte Mama, und jetzt sah sie beinahe erschrocken aus. »Wie, Filmleute?«

»Die wollen ein Casting machen!«, sagte Jarven. »Für einen Jugendfilm! Und ich hab gedacht …«

»Ein Casting!«, rief Frau Schnedeler. »Wie aufregend!«

»Das kommt ja gar nicht in Frage!«, sagte Mama, als hätte sie Frau Schnedeler nicht gehört. »Hast du verstanden, Jarven? Ich verbiete es dir! So etwas Vulgäres, darauf lässt du dich bitte nicht ein!«

»Aber du weißt doch gar nicht, ob es vulgär ist!«, rief Jarven. Bis eben war es ihr überhaupt nicht so wichtig gewesen. Nur Neugierde, eigentlich, weil alle gingen. Und natürlich wegen Tine.

Nun spürte sie plötzlich, dass sie unbedingt zu dem Casting gehen musste.

»Film ist in neunzigProzent der Fälle vulgär«, sagte Mama. »Und damit ist das geklärt, Jarven, du hast mich verstanden. Liebe Frau Schnedeler …«

Jarven spürte Wut in sich aufsteigen, aber sie widersprach nicht. (Man streitet sich niemals vor dritten Personen.)

Frau Schnedeler seufzte und lächelte ihr zu. »Deine Mutter wird es wissen!«, sagte sie und zeigte auf einen Teller, der vor ihr auf dem Tisch stand. »Und heute üben wir Salat! Salat ist so schwierig! Aber du kannst das sicher schon, was, Jarven?«

Jarven versuchte zu lächeln wie Mama. »Mama übt mit mir«, sagte sie diplomatisch.

Frau Schnedeler nickte. »Ich hab deine Mutter jetzt schon dreimal weiterempfohlen«, sagte sie. »An meine Damen vom Bowling. Ich hab ihnen gesagt, wie viel Contenance ich ihr verdanke.«

Mama sah Jarven an. »Es wird wieder später heute«, sagte sie. »Eine Klientin brauchte noch dringend kurzfristig einen Auffrischungstermin. Wärm dir das Essen alleine auf, bitte. Ich bin dann gegen neun, halb zehn zurück.«

Jarven nickte. »Auf Wiedersehen, Frau Schnedeler!«, sagte sie. »Ich finde Salat auch schwierig!« Dann zog sie die Tür hinter sich zu.

In der Lobby hauchte die Rezeptionistin auf ihre Fingernägel.

»Wie die das aushält«, sagte sie, ohne Jarven anzusehen. »Deine Mutter. Immer dieses ungehobelte Volk.«

Jarven wusste, was sie sagen musste. Mama hatte es ihr oft genug eingeschärft.

»Es macht ihr Freude, Menschen, die im Leben etwas erreicht haben, Manieren und Stil beizubringen«, sagte sie. »In einem demokratischen Land mit gleichen Möglichkeiten für alle kann es ja schon mal passieren, dass auch Menschen, die in der Jugend nicht darauf vorbereitet worden sind, es zu etwas bringen und plötzlich repräsentieren müssen.«

Die Rezeptionistin lächelte spöttisch. »Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid«, sagte sie. »Aber solange sie ihr Geld damit macht, warum nicht.«

»Tschüs, ich muss los«, sagte Jarven und winkte einmal kurz.

»Freu dich«, sagte die Rezeptionistin.

Jarven fand sie unhöflich.

* * *

Der Polizist hieb nachdenklich in die Tasten. Hier auf dem Lande schrieben sie in den Wachstuben noch auf Schreibmaschinen, und jedes Mal, wenn jemand Anzeige erstattete, schämte er sich dafür. Der Polizist war noch sehr jung.

»Nun ist das natürlich an sich kein Tatbestand, verstehen Sie«, sagte er nachdenklich. »Im eigentlichen Sinne.«

Der Bauer nickte. Seine Frau hatte ihn geschickt. Sie hatte auch gemeint, dass es sich wahrscheinlich nur um einen Ausreißer handelte, der sein Lager zwischen den Himbeeren aufgeschlagen hatte. Aber nachdem ihr Mann ihr am Vorabend von Polizeiwagen auf der Straße zur Schule berichtet hatte, glaubte sie doch, dass die Polizei vielleicht für jede noch so kleine Information dankbar war.

»Und es ist auch keine Vermisstenmeldung eingegangen bei uns, niemand sucht einen Jungen, wie Sie ihn beschreiben. Aber da es gestern oben einen Vorfall gab«, der Polizist zögerte und überlegte, wie viel er wohl preisgeben durfte. Dann entschied er sich, lieber vorsichtig zu sein, als später Ärger zu bekommen. »Ich nehme es zu den Akten und leite es weiter.«

»Einen Vorfall?«, fragte der Bauer und beugte sich weit über den Tresen. »Ja, ich hatte auch gesehen, dass Sie gestern jemanden zur Schule hochgeschickt haben! Was war denn da los?«

Der junge Polizist schob den Wagen der Schreibmaschine ein letztes Mal mit Schwung zur Seite, dann kurbelte er geräuschvoll den Bogen von der Walze.

»Kein Kommentar«, sagte er. In solchen Augenblicken liebte er seinen Beruf.

»Es ist doch nicht – es hat doch nichts mit der kleinen Prinzessin zu tun?«, fragte der Bauer. »Es ist ihr doch nichts passiert?«

Der junge Polizist hob wie entschuldigend seine Schultern. »Kein Kommentar«, sagte er freundlich. »So gerne ich würde.«

Der Bauer nickte. »Verstehe«, sagte er enttäuscht. »Aber sobald Sie irgendwas … Ich meine, vergessen Sie nicht, wer Ihnen den Tipp gegeben hat.«

»Wir melden uns«, sagte der junge Polizist und zog das Telefon zu sich heran. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen.«

Auf einmal hatte er das Gefühl, bald könnte er befördert werden.

* * *

Auf der Straße kickte Jarven gegen eine zerknüllte Brötchentüte. Die Tüte leistete keinen Widerstand und Jarven hatte zu viel Schwung genommen; fast wäre sie gestolpert.

Sie hätte überhaupt nicht zu fragen brauchen. Andere Töchter fragten ihre Mütter auch nicht, ob sie am Nachmittag zu einem Casting gehen durften. Nicht, wenn es hell war. Nicht, wenn tausend andere Mädchen dabei waren (und vielleicht auch Jungs), sodass unmöglich etwas passieren konnte. Wenn die Veranstaltung nicht in einem düsteren Hinterzimmer stattfand, nicht in einer miesen Kaschemme, nirgendwo im Hinterhof, sondern ganz einfach und fast enttäuschend in Röpers Gasthof, dem ältesten Gasthaus im Ort, wo Konfirmationen gefeiert und an Kindergeburtstagen im Untergeschoss Tannenbäume gekegelt wurden.

Und ehrlich war Mama auch nicht gewesen zu ihr. Niemand konnte allen Ernstes behaupten, dass Filme grundsätzlich vulgär waren, nicht einmal jemand, der so großen Wert auf Stil und Formen legte wie Mama. Wenn sie von ihrem Auffrischungstermin wieder zu Hause war, würde Jarven ihr das auch sagen. Wer ging denn abends oft noch in die Videothek, um sich Filme auszuleihen, die Jarven so langweilig fand, dass sie dabei einschlief?

»Überängstlich«, murmelte Jarven. »Allein erziehend und überängstlich.«

Es hatte nichts damit zu tun, dass Mama Filme vulgär fand, das war nur ein Vorwand. Mama war einfach überängstlich, deshalb wollte sie nicht, dass Jarven zum Casting ging, am helllichten Tag und zusammen mit der halben Klasse. Natürlich durften Tines Eltern so etwas nicht sagen: Aber Recht hatten sie trotzdem.

»Merkt sie doch gar nicht«, murmelte Jarven wütend. »Die versaut mir doch echt das ganze Leben, da hat Tine wirklich Recht.«

Als sie aufsah, lag Röpers Gasthof vor ihr. Sie hatte ihn nicht absichtlich angesteuert, sie war selbst überrascht. Und Mama würde nie davon erfahren, weil Jarven sowieso keine Rolle in dem Film bekommen würde. Nicht, wenn sich auch Tine bewarb mit ihren blauen Augen und ihren blonden Haaren.

Zögernd öffnete sie die Tür zum Vorraum. Bestimmt waren die anderen alle zwischendurch zu Hause gewesen, hatten geduscht und sich geschminkt. Nur Jarven kam in ihren Schulklamotten, mit ihrem Schulgesicht, ein bisschen verschwitzt, ein bisschen erschöpft.

Aber es ging ja auch gar nicht darum, eine Rolle zu bekommen. Es ging um etwas ganz anderes.

* * *

»Suchen!«, sagte Bolström. »Suchen Sie diesen Jungen! Es ist bisher der erste Hinweis, den wir haben. Der einzige! Aber machen Sie nicht zu viel Lärm, halten Sie die Medien da raus. Unauffällig, das muss die Devise sein.«

Norlin nickte. »Wenigstens haben wir jetzt einen Ansatzpunkt«, sagte er.

Der Polizeipräsident verbeugte sich. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, den Vizekönig und seinen Berater persönlich zu informieren, aber jetzt schien es ihm doch so, als ob sie dem Hinweis ein wenig viel Bedeutung beimaßen.

»Ich gehe allerdings nicht davon aus, Königliche Hoheit«, sagte er, »dass dieser Junge tatsächlich mit der Entführung zu tun hat. Viel wahrscheinlicher ist doch wohl, dass es sich ganz einfach um einen Ausreißer handelt, der inzwischen längst zu seiner Familie zurückgekehrt ist. Aber wir werden selbstverständlich unser Bestes tun.«

»Natürlich werden Sie das!«, rief der Vizekönig. »Und wenn Sie den Jungen draußen nicht mehr finden, dann durchkämmen Sie eben die Häuser! Sie glauben doch nicht im Ernst, dass es sich hier um ein zufälliges Zusammentreffen handelt! Monatelang werden keine fremden Jungen in der Nähe der Schule beobachtet, aber zufällig, ganz zufällig taucht ausgerechnet dann einer auf, als die Prinzessin entführt wird! Wie sind Sie denn Polizeipräsident geworden, Mann?«

Einen kurzen Augenblick sah der Polizeipräsident aus, als ob er etwas erwidern wolle, dann verbeugte er sich leicht.

»Es wird alles so gemacht, wie Sie es angeordnet haben, Königliche Hoheit«, sagte er steif. »Die geheime Einsatztruppe wird augenblicklich benachrichtigt.« Er ging zur Tür.

Bevor er sie öffnen konnte, legte Bolström ihm eine Hand auf den Arm.

»Nehmen Sie es dem Vizekönig nicht übel!«, sagte er so leise, dass Norlin, der inzwischen an einer der Fenstertüren stand und auf den Prachtboulevard sah, es unmöglich hören konnte. »Er ist in ganz unerträglicher Sorge um seine Nichte. Die letzte Nacht hat er kein Auge zugetan deswegen. Nicht auszudenken, wenn dem Kind etwas zustieße. Ich bitte Sie herzlich, tun Sie, was Sie können.«

Ein bisschen versöhnt drückte der Polizeipräsident die Klinke herunter.

»Das tun wir immer, Bolström«, sagte er. »Ich dachte doch, der Vizekönig hätte aufgrund von uns allen bekannten Tatsachen genügend Erfahrungen mit uns sammeln können. Wenn auch vor längerer Zeit.«

Die Verbeugung, mit der er den Raum verließ, war kaum wahrzunehmen.

Bolström ließ geräuschvoll die Luft zwischen seinen Zähnen entweichen. »Du musst dich besser zusammennehmen, Norlin«, sagte er.

4.

In dem großen Saal hinter der Gaststube, der an Konfirmationssonntagen durch Paravents in viele kleinere Einzelräume geteilt und bei Aufführungen der plattdeutschen Speeldeel, verschiedener Laienspielgruppen und am Tag des Chorfestivals ganz einfach durch Reihen von Stühlen in ein Theater verwandelt wurde, drängten sich etwa fünfzig Mädchen zwischen zwölf und sechzehn. Wer genau hinsah, konnte erkennen, dass sicher auch Elfjährige darunter waren und Siebzehn-, Achtzehnjährige: Keine von ihnen hatte sich die Chance entgehen lassen wollen, auf diese Weise vielleicht einen Einstieg ins Filmgeschäft zu schaffen.

»Jarven!«, rief Tine. Sie saß zusammen mit drei Mädchen aus der Parallelklasse auf dem Bühnenrand vor dem abgewetzten roten Vorhang und trommelte mit den Fersen gegen die Holzverschalung. »Das finde ich ja gut, du!«

»Sie hatte überhaupt nichts dagegen«, sagte Jarven abweisend.

Tine guckte ein wenig verwirrt, dann begriff sie. »Ach so, ja, egal! Willst du noch mal kurz meinen Spiegel?«

Jarven schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass ein Blick in den Spiegel sie eher deprimiert und unglücklich gemacht hätte. Ohne Dusche und Schminke war jetzt ohnehin nicht mehr viel zu ändern.

»Cool, oder?«, sagte Britt aus der Parallelklasse. Sie war mindestens ebenso blond wie Tine und mindestens ebenso schlank, und dazu hatte sie ein fast herzförmiges Gesicht.

»Wie viele brauchen die überhaupt?«, fragte Jarven und ließ ihre Schultasche auf den Boden sacken. Sie überlegte, ob sie sich ein Casting so vorgestellt hatte. Alles wirkte enttäuschend schäbig.

»Das überlegen wir auch schon die ganze Zeit!«, sagte Kerstin. »Vielleicht können ja alle, die nicht ausgesucht werden, wenigstens als Komparsen mitspielen. Wenn man Zeit hat, heißt das. Schließlich fangen ja nächste Woche schon die Ferien an, da ist man ja eigentlich verreist.«

Jarven sagte nicht, dass sie in den Ferien keineswegs verreist sein würde. Mama konnte keine Pause machen bei ihren Benimmkursen, weil sie das Geld brauchten, und alleine hatte sie Jarven nicht fahren lassen wollen. Nicht mit irgendeiner Jugendorganisation und nicht einmal mit Tine und ihren Eltern, als die im Winter angefragt hatten, weil sie ein Ferienhaus buchen wollten. Eigentlich wäre ich darum ja die geeignetste Darstellerin von allen, dachte Jarven und hätte fast gelacht. Nicht schlank, nicht blond, verschwitzt, kein schauspielerisches Talent, aber die nächsten sechs Wochen hab ich Zeit. Da werden die sich freuen.

»Was grinst du?«, fragte Tine misstrauisch.

Aber bevor Jarven antworten konnte, wurde die Tür zum Flur geöffnet und die beiden Männer, die am Morgen vor der Schule gestanden hatten, kamen herein. Derjenige, der Tine und sie angesprochen hatte, trug eine schwere Kamera auf seiner Schulter, der andere einen Scheinwerfer. Hinter ihnen stand eine junge Frau in einem dunkelblauen Kostüm, das bestimmt teuer gewesen war, und ließ ihren Blick über die Mädchengruppe schweifen.

»Wunderbar!«, sagte der junge Mann mit der Kamera. Er lächelte strahlend. Vorher hatte er eine Weile prüfend durch den Raum gesehen. Wahrscheinlich hatte er festgestellt, dass genügend hübsche Mädchen dabei waren. Selbst wenn die Mehrzahl von ihnen sich als schauspielerisch völlig unbegabt erweisen würde, blieben bestimmt immer noch einige, die zu gebrauchen waren. »Vielleicht sollten wir uns zunächst einmal vorstellen! Mein Name ist Hilgard, Tjarks heißt unsere Dame hier, Rupertus mein Kollege.«

»Wir fangen mit der Registrierung an!«, rief die Frau und schwenkte einen Stapel Blätter. »Wir gehen dabei folgendermaßen vor …«

Jarven hockte sich auf ihre Tasche. Mama hätte gefallen, wie organisiert die drei Filmleute waren. Und dass sie gut gekleidet waren und sich mustergültig verhielten, absolut kein Fauxpas.

»… nach unten in die Kegelbahn«, sagte die Frau. »Nachdem ihr bitte zunächst eure Namen leserlich hier in meine Liste eingetragen habt. Unten füllt ihr dann bitte alle eure Anmeldebogen aus: Name, Geburtsdatum, Adresse und so weiter. Anhand der Liste werden wir euch anschließend einzeln nach oben zum Vorsprechen rufen, dazu bringt ihr eure Bogen bitte wieder mit. Verstanden?«

»Ich glaub, ich geh dann wieder«, sagte Jarven und stand auf. Der Zweck ihres Besuches war schließlich erfüllt. Sie hängte sich ihre Tasche über die Schulter. »Ich hab ja sowieso keine Lust auf den Kram.«

Tine sah sie von der Seite an. Sie kannte Jarven viel zu gut. Natürlich durchschaute sie sie.

»Du glaubst nur nicht, dass du ausgesucht wirst!«, sagte Tine. »Feigling! Dabei kannst du viel besser auswendig lernen als ich.«

»Als ob das wichtig wäre!«, sagte Jarven.

»Zum Vorsprechen dann bitte nur in leichter Kleidung hochkommen!«, sagte die Frau gerade. Frau Tjarks. »Wir wollen von euch schließlich nicht nur das Gesicht sehen. Wertsachen könnt ihr solange gegen Quittung hier bei meinem Kollegen abgeben. Wir möchten hinterher nicht hören, dass irgendetwas verloren gegangen ist, das haben wir schon allzu häufig erlebt. Also jetzt bitte in die Liste eintragen, Wertsachen abgeben, Quittung nehmen, in der Kegelbahn warten.«

»Ich hab echt keine Lust!«, sagte Jarven. »Und ich bin viel zu kaputt.«

Vor ihr wollte Tine gerade ihre Armbanduhr abgeben, aber Hilgard winkte ab.

»Nur Taschen und was in den Kleidungsstücken steckt, die du unten ablegst, bevor du zum Vorsprechen kommst«, sagte er. »Handy? Okay.« Dann gab er Tine ihre Quittung.