SLUTS - Beth Ashley - E-Book

SLUTS E-Book

Beth Ashley

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Beschreibung

Ein wichtiges, tabuloses Sachbuch, das junge Frauen zu selbstbestimmtem Sex ermutigt Slutshaming ist überall. In der Schule, an der Uni, auf der Straße, im Club und sogar zu Hause. Fast alle Mädchen und jungen Frauen kommen irgendwann damit in Berührung. Vielleicht geht es um deine Kleidung. Oder um die Anzahl deiner Partner*innen. Oder es werden Gerüchte über dich verbreitet. Vielleicht wurdest du belästigt und musstest dann hören, «du hast es doch eigentlich auch gewollt». Vielleicht ist es eine Freundin von dir, die so etwas erlebt, oder du liest es über jemanden in den Sozialen Medien. Slutshaming existiert seit Jahrhunderten und überall auf der Welt. Was können wir tun, wenn es passiert, und wie können wir uns davon befreien? Mit fundierten Recherchen und Statistiken, Interviews aus dem echten Leben und praktischen Tipps gibt uns die Journalistin Beth Ashley Werkzeuge an die Hand, um Slutshaming zu erkennen und damit umzugehen. Ein Buch, das junge Frauen zu radikaler Sex-Positivität ermutigt.

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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Beth Ashley

SLUTS

Die Wahrheit über Slutshaming und was du dagegen tun kannst

 

Aus dem Englischen von Susanne Klein

 

Über dieses Buch

 

 

Slutshaming ist überall. In der Schule, an der Uni, auf der Straße, im Club und sogar zu Hause. Fast alle Mädchen und jungen Frauen kommen irgendwann damit in Berührung. Vielleicht geht es um deine Kleidung. Oder um die Anzahl deiner Partner*innen. Oder es werden Gerüchte über dich verbreitet. Vielleicht wurdest du belästigt und musstest dann hören, «du hast es doch eigentlich auch gewollt». Vielleicht ist es eine Freundin von dir, die so etwas erlebt, oder du liest es über jemanden in den Sozialen Medien. Slutshaming existiert seit Jahrhunderten und überall auf der Welt. Was können wir tun, wenn es passiert, und wie können wir uns davon befreien?

Mit fundierten Recherchen und Statistiken, Interviews aus dem echten Leben und praktischen Tipps gibt uns die Journalistin Beth Ashley Werkzeuge an die Hand, um Slutshaming zu erkennen und damit umzugehen. Ein Buch, das junge Frauen zu radikaler Sex-Positivität ermutigt.

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.fischer-sauerlaender.de

Biografie

 

 

Beth Ashley ist Journalistin und hat sich auf die Themen Sex, Beziehungen und soziale Herkunft spezialisiert. Ihre Arbeit reicht von Reportagen über die Dating-Kultur bis hin zu detaillierten Recherchen über soziale Ungleichheit. Sie war als Beraterin für einen Podcast der Dating-Plattform Bumble tätig und hat Dokumentarfilme für das britische Fernsehen produziert.

Impressum

 

 

Die englische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel «Sluts» bei Penguin Books/Penguin Random House Children's, London.

Erschienen bei Fischer Sauerländer E-Book

 

Copyright für die deutsche Übersetzung © 2025, Fischer Sauerländer GmbH, Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main «Sluts» Copyright © 2024 by Beth Ashley

 

Lektorat: Isabelle Erler

Covergestaltung: Anna Rupprecht, Vignetten: Anna Rupprecht

Coverabbildung: Anna Rupprecht

ISBN 978-3-7336-0917-7

 

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Inhalt

[Widmung]

Einleitung

1 Was ist Slutshaming?

Die vielen Formen des Slutshamings

Slutshaming bei sich selbst

Slutshaming per Kleiderordnung

Sie wollte es doch nicht anders!

Our Schools Now

Bold Voices

Stell dich nicht so an!

Slutshaming in Familien

Üble Nachrede

Calling out and Calling in

Calling out

Calling in

2 Ihr seid niemandem Keuschheit schuldig

Hure oder Heilige

Reinheitskultur ist keine Wissenschaft

Falsche Vorstellung Nummer eins: der Jungfräulichkeitsmythos

Falsche Vorstellung Nummer zwei: der Jungfernhäutchenmythos

Schluss mit den Jungfräulichkeitstests!

Sofia Smith Galer

Karma Nirvana

Waiting, Dating and Mating

Keuschheit bei Promis

Falsche Vorstellung Nummer drei: der Mythos der «Seelenbindung»

Aufklärungsunterricht per Klebeband

Anti-Reinheitskultur-Sexualpädagog*innen

My Body & Yours

The Purity Culture Dropout Program

Brook Sexual Health Services

3 Die wahre Geschichte der Schlampen

Die Erfindung des Patriarchats

Bist du verheiratet oder bist du eine Sexarbeiterin?

Römisches Slutshaming trifft auf Reinheitskultur

Poesie, Rosen und Sexpartys

Wie das Wort «Slut» ins Spiel kam

Anne Boleyn, eine Slut als Königin von England

Verbrennt die Schlampen

Schlampen sind unsauber

Slutshaming rund um den Globus

4 Slutshaming im Internet

Ist es okay, Nudes zu verschicken?

Safe Spaces

«I’m in sexy jail»

Stars, Sexvideo-Skandale und die Doppelmoral der Gesellschaft

«Broken Bitches» – «kaputte Schlampen»

Sex sells, aber das gilt auch für Slutshaming

Die Ära der Sluts

Wie geht es jetzt weiter?

5 Jungs sind eben Jungs, aber Mädchen sind Sluts

Der Gender Gap – die Kluft zwischen den Geschlechtern

Macht euch nicht dreckig

Männer sind Schlüssel und Frauen sind Schlösser

Slutshaming und Dating

«Ich bin nicht wie andere Mädchen»

Warum sind wir immer noch nicht weiter?

Das Monster zur Strecke bringen

6 Slutshaming quer durch die Gesellschaft

Ruiniert der Kapitalismus mein Sexleben?

Kapitalismus und länderübergreifendes Slutshaming

Wie sich die soziale Schicht auf euer Sexleben auswirkt

Wenn Slutshaming in Wahrheit Klassismus ist

Dating außerhalb der eigenen Gesellschaftsschicht

Sozialwohnungen und alleinerziehende Mütter

«Man sollte sie sterilisieren!»

Verinnerlichtes Slutshaming trifft auf verinnerlichten Klassismus

Über Klassismus sprechen

7 Rassismus und Slutshaming

Wenn Slutshaming auf Rassismus trifft

Schwarze Frauen können nur verlieren

«Du lässt uns schlecht dastehen.»

Der Promiskuitätsmythos

Der Islam und die unsichtbare Prüfungskommission

Integrative, sexpositive Angebote

Der Slutwalk

8 Slutshaming in der queeren Community

Eine Ausrede fürs Herumvögeln

HIV und die neue Welle des Slutshamings

Ruby Rare

Terrence Higgins Trust

It Gets Better Project

PrEP-Huren

Sexhass per Gesetz

Positive Veränderungen herbeiführen

Warum sich queere Menschen gegenseitig slutshamen

9 Die tatsächlichen Folgen des Slutshamings

Slutshaming im Gesundheitswesen

Für sich selbst eintreten

Wir alle haben ein Recht auf Abtreibung

Schlampen verdienen keine Gerechtigkeit

Das perfekte Opfer

Echte Veränderungen bewirken

Gesetze in Schweden

Veränderung im Gerichtssaal

Vorträge an Schulen

Künstlerischer Aktivismus

Ihr seid wütend?

Fazit: Die Macht der Sluts

Noch mehr Informationen

Quellenangaben

Danksagung

Für Catherine, meine Lieblings-Slut (und Mutter)

Einleitung

Ich habe Sex schon immer gemocht. Seit ich das erste Mal Sex hatte – worüber ich euch gleich alles erzählen werde –, bin ich fasziniert davon. Sex fühlt sich gut an. Er schenkt mir Freude, Genuss und dringend benötigte Endorphine. Wie viele andere möchte ich dieses wunderbare Gefühl so oft wie möglich genießen.

 

Manchmal ist mein Interesse an Sex aber auch ganz professionell. Als Journalistin für Sex- und Beziehungsthemen habe ich mir über Sex eine Karriere aufgebaut, was ironischerweise weniger sexy ist, als es klingt. Denn es erfordert nicht so sehr echten Sex (obwohl meine Arbeit manchmal inspirierend wirken kann), sondern vielmehr Recherche, kritisches Hinterfragen und diszipliniertes Schreiben.

 

Es ist mit vielen Reisen verbunden, wenn ich überall auf der Welt mit Menschen über ihr Verhältnis zu Sex rede – über Gutes und Schlechtes oder auch über ihr Desinteresse daran.

In Amsterdam zum Beispiel schaute ich mir mit einer Gruppe anderer Journalist*innen ethische Pornofilme an. Diese Art von Pornos haben es sich zum Ziel gesetzt, am Set einen Safe Space für Frauen zu schaffen und weibliche Lust (und Einvernehmlichkeit) in den Videos zu zeigen. Ich bin nach Negril auf Jamaika gereist, habe dort eine Woche in einem Urlaubsclub für Swinger (das sind Menschen, die Gruppensex mögen) verbracht und mit ihnen gelebt. Ich war in Japan, um mich mit der einzigartigen, boomenden Sexindustrie des Landes vertraut zu machen und herauszufinden, wie sie mit der Kultur Japans verbunden ist.

 

Sex hat mir in meinem Leben schon unglaublich viel Freude geschenkt. Ich habe ihn dazu genutzt, um mich selbst besser zu verstehen, um in Kontakt mit anderen Menschen zu treten, um mich zu verlieben, um zu heilen. Durch Casual Sex habe ich entdeckt, wie mein Körper funktioniert und wie man ihn stimulieren kann. Durch Sex mit Ex-Freunden, die heute nicht mehr Teil meines Lebens sind, habe ich gemerkt, was sich gut für mich anfühlt. All meine Sexpartner*innen, meinen Mann eingeschlossen, haben mir dabei geholfen, mein persönliches Wertesystem zu entwickeln: was ich mir beim Sex wünsche, was mich besonders interessiert und was ich definitiv nicht mag.

 

Im Laufe meiner beruflichen Tätigkeit habe ich mit anderen Menschen über ihr Sexleben gesprochen und häufig eine tiefe Verbindung zu ihnen aufgebaut. Ich habe die unterschiedlichsten Aspekte untersucht: von der Frage, warum so viele von uns eine mangelhafte Sexualerziehung erhalten, bis hin zu Verletzungen durch nicht zertifizierte Vibratoren. Ich habe Menschen interviewt, getröstet und zu helfen versucht, die unter sexuellen Dysfunktionen leiden, zum Beispiel unter Vaginismus (unwillkürliche Kontraktionen in der Vagina, die die Penetration erschweren) oder unter Erektionsproblemen. Ich habe mit Menschen gesprochen, deren Partner*innen hinter ihrem Rücken zahllose Affären hatten, aber auch mit denjenigen, die diese Affären auslebten und nicht wussten, warum sie nicht damit aufhören konnten. Ich habe schwule Männer interviewt, bei denen fälschlicherweise Sexsucht diagnostiziert wurde. Ich habe Frauen getroffen, die sexuelle Übergriffe angezeigt hatten und deren Fall abgewiesen wurde, weil sie in der Vergangenheit einvernehmlichen Casual Sex hatten, der aber überhaupt gar nichts mit den Übergriffen zu tun hatte.

 

Diese Geschichten haben mich sehr berührt, und es gibt ein Thema, das sich als roter Faden durch alle Geschichten zieht – ein verstecktes Problem als Kernerfahrung dieser Menschen. Es ist etwas, das sich in unser Bewusstsein schleicht, sich dort einnistet und jeden Aspekt unseres Lebens tangiert: Slutshaming.

Slutshaming bedeutet Herabsetzung, Bloßstellung, Beleidigung oder anderweitiges Schikanieren oder Mobben eines Mädchens oder einer Frau wegen ihres Sexualverhaltens – oder ihres vermeintlichen Sexualverhaltens.

Manchmal bedeutet es einfach nur, jemanden als «Slut» zu bezeichnen. Damit ist (laut den allermeisten Englischwörterbüchern) eine Frau oder ein Mädchen gemeint, die «sexuell promiskuitiv ist oder eine lockere Sexualmoral hat». Das Wort Slut ist eine sexuell geprägte Beleidigung, die seit Hunderten von Jahren überall auf der Welt gebraucht wird. Oft wird es dazu benutzt, um jemanden zu kränken oder herabzusetzen, zusammen mit seinen gleichermaßen unschönen Synonymen: Hure, Nutte, Schlampe, Flittchenund vielen weiteren Begriffen.

 

Einige Menschen haben das Wort Slut für sich zurückerobert. So wie auch das Wort «queer» umgedeutet und von manchen Menschen der LGBTQIA+-Community als Begriff für ihre Selbstermächtigung genutzt wurde. Das Gleiche ist mit dem Wort «fett» geschehen, das einige Plus-Size-Personen wie ein Ehrenabzeichen tragen. Es liegt große Macht darin, sich die Sprache zu eigen zu machen, die normalerweise gegen einen verwendet wird. Viele betrachten es als Akt der Stärke, den Menschen die Wörter zurückzugeben, durch die sie ursprünglich gekränkt wurden.

 

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass noch nicht alle so weit sind. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn ihr euch nicht damit wohlfühlt, das Wort «queer» zu benutzen oder euch «fett» zu nennen. Und viele, auf die die Beschreibung Slut zutrifft, sind gleichfalls nicht bereit, das Wort zu verwenden. Das ist völlig verständlich. Schließlich ist Slut für viele von uns ein schwieriges Wort. Was nicht überraschend kommt. Es hat einen starken Beiklang und eine schmerzhafte Geschichte; es ist ein einziges Stigma. Viele von uns wollen das Wort nicht benutzen und fühlen sich nach wie vor davon gebrandmarkt.

 

Die Rückeroberung des Wortes Slut ist nichts Neues. Während der feministischen Punkrock-Bewegung in den frühen 1990er Jahren, der riot-grrrl-Bewegung, schrieb sich Kathleen Hanna von der Band Bikini Kill mit Lippenstift «SLUT» auf ihren Bauch. Seitdem haben Feministinnen versucht, die Kontrolle über das Wort zurückzuerlangen und es umzudeuten. Heute sehen wir die Erfolge dieser Bemühungen – es gibt die Slutwalks und den Trend der Slut-Ära (siehe auch viertes und siebtes Kapitel). Es gibt Slut-Meet-ups, Slut-Workshops, Slut-Pride-Aktionen und vieles mehr.

 

Und doch sind viele Feministinnen, darunter auch Leora Tanenbaum, Autorin von Slut! Growing Up Female with a Bad Reputation, der Meinung, dass uns die Rückeroberung des Wortes allein nicht weiterbringt. Sie erklärt, dass wir noch immer in einer Welt leben, in der Männer aus Studentenverbindungen Schilder mit der Aufschrift «We love Yale Sluts» hochhalten oder in der Millionen von uns Spam-Mails erhalten, in denen die Verfügbarkeit von «Hot Local Sluts» angepriesen wird. Solange der Begriff in seinem traditionellen «negativen» Sinn verwendet wird – wenn also die Bezeichnung Slut in einer Frau nichts weiter als ein Sexualobjekt sieht – und Männer nicht an den Gesprächen über eine Umdeutung beteiligt sind und den Begriff auch nicht auf die gleiche Weise benutzen, ist laut Tanenbaum nichts erreicht worden.

 

Ich persönlich würde das Wort gern zurückerobern. Auch wenn ich beide Seiten der Debatte sehe. Deshalb verwende ich es in diesem Buch und bin überzeugt: Wenn wir das Wort nur laut genug rufen, wird es irgendwann überwiegend auf die richtige Art benutzt werden. Für mich und viele andere ist die Umprägung des Wortes Slut ein rebellischer Akt der Stärke. Es erlaubt Menschen, ihre Scham abzustreifen, mit den Traumata der Vergangenheit fertig zu werden und ihre Sexualität zu feiern. Für mich bedeutet Slut: «Ich bin es leid, mich zu schämen, und mache jetzt, was mir gefällt.»

 

Ob ihr das Wort nun verwendet oder nicht, ihr seid an allen sexpositiven Anti-Slutshaming-Orten willkommen. Probiert aus, was zu euch passt und wie es euch gefällt. Vielleicht seid ihr überrascht.

 

Ab und zu werde ich auch das Word «promiskuitiv» zur Beschreibung von Slut verwenden. Ich mag den Begriff nicht, aber er wird von den meisten Forschenden benutzt, die sich mit diesem Thema beschäftigen, und wir werden uns eine Menge Studien zusammen anschauen. Der Begriff «promiskuitiv» wird mit Frauen in Verbindung gebracht, die mit vielen verschiedenen Partnern Casual Sex haben. Dies ist aber bei Weitem nicht der einzige Grund, weshalb Frauen mit Slutshaming konfrontiert sind. Zum Slutshaming gehört ebenfalls, dass man eine Person nicht respektiert, weil

sie viel Haut zeigt oder Kleider trägt, die traditionell mit Sexarbeit verbunden wird, zum Beispiel Netzstrumpfhosen, hohe Absätze oder Kleidung mit Animal Prints

sie mit anderen flirtet

sie sexuelle Gefühle hat und/oder diese erforscht und sie offen zeigt

sie mit jemandem befreundet ist oder in Verbindung gebracht wird, der/die stark sexuell orientiert ist

sie bereits in jungen Jahren Kinder bekommt oder Kinder mit verschiedenen Partnern hat

sie eine Vorliebe für bestimmte sexuelle Praktiken hat, die eher nischig oder kinky sind.

Slutshaming ist allgegenwärtig. Leider. Es ist eine Erfahrung, die fast jede Frau und auch jede queere Person gemacht hat. Es kann in der Freizeit passieren oder in der Schule. Vielleicht geschieht es an eurem Arbeitsplatz, vielleicht sogar zu Hause oder in der Öffentlichkeit, wenn ihr die Straße entlanggeht. Oder ihr erlebt es beim Daten.

 

Die meisten Menschen haben ihre ganz eigene Erfahrung mit Slutshaming gemacht, und dieses Buch wird genau untersuchen, wo Slutshaming herkommt und wie es unser tägliches Leben beeinflusst. Wir werden auch zeigen, wie sich Slutshaming insgesamt auf unsere Gesellschaft auswirkt, das Justiz- und Gesundheitswesen auf der ganzen Welt eingeschlossen. Auch wenn Slutshaming für manche Menschen keine große Sache zu sein scheint: Es hat das Potenzial, ernsthaften Schaden anzurichten. Laut der Studie Slutshaming in Adolescence machen knapp 80 Prozent aller Jugendlichen zu irgendeinem Zeitpunkt Erfahrungen mit Slutshaming. Viele Teenager sind dabei jünger als vierzehn Jahre.

 

Abhängig davon, wer mit Slutshaming konfrontiert ist, liegen hinter diesen Statistiken unterschiedliche Erfahrungen. Für Frauen, die aus der Arbeiterschicht stammen oder queer sind wie ich oder für Women of Color, ist Slutshaming ein noch komplizierteres Phänomen als für weiße heterosexuelle Frauen. Damit befassen wir uns später im Buch.

 

Während der vergangenen Jahre ist Sexpositivity – eine feministische Bewegung, die sich für einen positiven, offenen, schamfreien Umgang mit Sex ausspricht – auch im Mainstream angekommen. Im Fernsehen und im Kino werden Sexszenen inzwischen realistischer dargestellt. Die Pornoindustrie wurde dazu gedrängt, nicht nur bei der Art der Darstellung von Sex auf der Leinwand weitreichende Veränderungen vorzunehmen, sondern auch beim Drehen der Pornos. Sexspielzeuge tauchen inzwischen in Supermärkten auf, und überall wurden neue Unternehmen gegründet, die sich um Sex drehen – von Apps, die euer Sexleben verbessern sollen, bis hin zur Veranstaltung von Sexpartys. Diese Veränderungen signalisieren erstmals eine Betonung der weiblichen Lust. Doch trotz der zunehmenden Popularität von Sexpositivity ist es bei den meisten Menschen immer noch Usus, Sex in die «Schmuddelecke» zu stecken. Was dazu führt, dass auch diejenigen in die «Schmuddelecke» gesteckt werden, die Sex lieben: die Sluts, wenn ihr so wollt.

 

Sex standardmäßig zu stigmatisieren, hat Einfluss auf Firmen, und dazu gehören auch Zeitschriften und Social-Media-Plattformen. Wenn das Redaktionsbudget gekürzt wird, so ist der Sexteil das Erste, was verschwindet. Die Social-Media-Algorithmen sind so konzipiert, dass sie automatisch nach Inhalten suchen, in denen viele Farben vorkommen, die Hauttönen entsprechen (in der Annahme, dass hier viel nackte Haut gezeigt wird), und diese Inhalte dann entfernen. Von mir verfasste Artikel wurden nach der Veröffentlichung gelöscht, weil ich von Gruppen angefeindet wurde, die der Meinung sind, dass ich Menschen nicht beibringen sollte, wie man bestimmte sexuelle Handlungen sicher praktiziert. Und während ich das hier niederschreibe, verschwinden Tausende von Accounts zum Thema Sexualaufklärung ohne Vorwarnung von den Social-Media-Plattformen, und zwar dank neuer Richtlinien, die jeglichen sexuellen Inhalt, egal ob rein informativ oder anders geartet, als Anbahnung für käuflichen Sex bewerten.

 

Slutshaming kommt auch in meinem Privatleben immer wieder vor. Kürzlich waren mein Mann und ich mit meiner Mutter und deren Mann abends in einem Pub. Ich unterhalte mich gern mit Fremden und brachte ein paar Leute, die ich draußen vor der Tür kennengelernt hatte, mit an unseren Tisch. Einer von ihnen – ein Mann – fragte nach meinem Beruf. Normalerweise spreche ich nicht gern über meine Erfolge, aber an diesem Abend war ich sehr stolz. Vielleicht lag es am Whisky, den ich getrunken hatte, oder das Hochstaplersyndrom hatte ausnahmsweise mal Ruhe gegeben. Jedenfalls erzählte ich voller Freude von meiner Arbeit.

 

Keine Ahnung, ob der Typ diesen Stolz gespürt hat und ihn im Keim ersticken wollte oder ob er einfach nur geredet hat, ohne vorher nachzudenken. Jedenfalls wandte er sich an meinen Mann, zuckte mit den Schultern und sagte: «Mit der hast du dir aber ganz schön was aufgehalst, Kumpel.»

Ich verstummte.

«Aber besser du als ich», fuhr er fort. Und als ich ihn fragte, was er damit meine, erklärte er, dass ich «sicher mehr als schwer zu bändigen sei».

 

«Schwer zu bändigen», «dreist», «too much», «ein Albtraum» – das sind nur einige von vielen Ausdrücken, mit denen Menschen eine Frau als Slut bezeichnen, ohne das Wort tatsächlich zu gebrauchen. Seit Jahrzehnten sind mir diese Begriffe geläufig. Als Frau, die kein Problem damit hat, einem Mann zu sagen, dass er sich unhöflich benimmt, und als lebhafte, extrovertierte Person mit großen Brüsten, die ich beim Ausgehen gern zeige, gab es schon immer Leute, die mich als Slut bezeichnet haben. Fast so, als ob sie dafür bezahlt würden, genau dann aufzutauchen, wenn ich sie am wenigsten gebrauchen kann, und mich zu demütigen, ehe ich anfange, mich zu wohl in meiner Haut zu fühlen.

 

So wie ich selbst Slutshaming erfahren habe, habe ich aber auch andere Menschen selbst geslutshamed. Als Teenager habe ich andere Mädchen abgewertet, weil ich mit ihnen konkurrierte. Ich habe das Mädchen runtergemacht, mit dem mich jemand betrogen hat. Ich habe Freundinnen geslutshamed, mich selbst, sogar meine Mutter.

 

Vielleicht habt ihr auch schon mal Slutshaming betrieben?

 

In den acht Jahren, die ich als Journalistin für Sex und Beziehungsthemen arbeite, und den gut zehn Jahren, in denen ich mich schon mit Feminismus beschäftige, habe ich mich mit der Tatsache, Slutshaming erfahren und selbst praktiziert zu haben, emotional auseinandergesetzt. Ich habe mich mit dem Wort ausgesöhnt. Statt mich für die Dinge zu schämen, die mir Spaß machen, habe ich begriffen, dass es okay ist, Sex zu lieben, auch jede Menge davon. Statt mich davor zu fürchten, wie die Leute mich und meine Sexualität wahrnehmen, habe ich jetzt freudvolle Beziehungen zu Männern und Frauen (und nonbinären Personen). Statt mir Sorgen zu machen, wie ich aussehe, weiß ich inzwischen, dass ich an meinem Kleidungsstil nichts ändern sollte, nur weil die Leute mich dann als Slut bezeichnen könnten.

Ich bin stolz darauf, eine Slut zu sein.

Und wenn ich meine Freundinnen jetzt Slut nenne, dann ist das als Kompliment gemeint. Ich weiß, wie viel Mut und Selbstermächtigung nötig ist, um eine Slut zu sein.

 

Mein wichtigstes Ziel – für mich selbst, für euch und für dieses Buch – ist Folgendes: Ich möchte, das wir alle zusammen daran arbeiten, eine Welt zu gestalten, in der Sexscham nicht existiert. Und ich glaube wirklich daran, dass wir das erreichen können.

 

Ich möchte, dass ihr voller Selbstliebe und Bewunderung auf euer Sexleben schaut. Ich möchte, dass ihr eure sexuelle Vergangenheit auslotet und denkt: «Wow, ich habe wirklich gelebt!» Ich möchte, dass ihr eure sexuellen Erfahrungen als bereichernd wahrnehmt, genauso, als wärt ihr weit gereist oder belesen. Ich möchte, dass aus dem «Walk of Shame» ein «Walk of Fame» wird.

 

Und falls ihr nicht so viel Sex haben wollt, dann möchte ich, dass ihr auch darauf stolz seid, ohne an euch zu zweifeln. Wir alle sollten empathisch mit unserem sexuellen Ich umgehen und jeden aus unserem Leben verbannen, der versucht, uns irgendwelche Schamgefühle einzureden.

 

Ich hoffe, dass ihr am Ende dieses Buchs eine bessere Vorstellung davon habt, wo Slutshaming herkommt und welche Wirkung es hat. Dass ihr stolz darauf sein werdet, euch sexuell auszuleben, ganz egal, in welcher Form. Ich wünsche mir, dass ihr das Selbstvertrauen und das Wissen habt, Gespräche anzustoßen, die Slutshaming in eurem Alltag hinterfragen, und dass ihr euch meiner Anti-Slutshaming-Revolution anschließt.

1Was ist Slutshaming?

Ich war fünfzehn, als ich zum ersten Mal wirklich als Slut beschimpft wurde. Es fühlte sich anders an als die Gelegenheiten, bei denen meine Freundinnen mir in die Seite pikten und mich Nutte nannten, weil ich an meinem Schwarm vorbeiging und dabei meinen Rock hochzog. Das war ja in Wahrheit Unterstützung, verpackt in Schulmädchengeplänkel. Selbst als ich mit dreizehn die ersten Sexgerüchte über mich hörte, konnte ich das abtun und vergessen. Doch dieser Vorfall traf mich wirklich.

 

In der weiterführenden Schule hatte ich viele Freund*innen, aber die Gruppe, mit der ich die meiste Zeit über abhing, bestand nur aus Jungs: meinem damaligen Freund und all seinen Kumpels. Vor Schulbeginn und in den Pausen trafen wir uns bei den Englischräumen, saßen dort unter der Treppe und schauten uns YouTube-Videos an oder vertrieben uns die Zeit mit blöden Witzen.

 

Wie ihr euch denken könnt, war es für uns zehn unter der Treppe ziemlich eng. Wir saßen quasi übereinandergestapelt und einer der Lehrerinnen – nennen wir sie mal Miss Gillan – gefiel das nicht.

«Ich habe es satt, mitanzusehen, dass du jedes Mal, wenn ich hier vorbeikomme, den Jungs mit aufgeknöpfter Bluse auf dem Schoß sitzt. Du bist besessen von Jungs!», fauchte sie mich an. «Ich werde deine Mutter anrufen und mit ihr über dein Verhalten sprechen müssen.»

Und dann sagte sie es. «Schlampe.»

 

Miss Gillan war nicht einmal meine Lehrerin und wusste gar nichts über mich, aber ich konnte ihre Worte nicht mehr vergessen. Sie gab mir das Gefühl, tatsächlich eine Schlampe zu sein – also genau das, was die Leute die ganze Zeit in mir gesehen hatten. Ihre Worte begleiteten mich durch meine Teenagerzeit, und manchmal beeinflussten sie sogar Entscheidungen in meinem Sexleben. Bis heute denke ich noch ab und zu an Miss Gillan. Manchmal in Form einer Rachefantasie, bei der ich sie im Supermarkt treffe und ihr ein Bein stelle. Oder sie kommt in einen Buchladen und stellt fest, dass ich aus meinem Schlampendasein eine erfolgreiche Karriere aufgebaut habe.

 

Im selben Jahr bezeichnete mich einer der Jungs aus der Gruppe als «dirty sket» (versaute Schlampe). Warum, weiß ich gar nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch an das Wort und dass es mich traf wie ein Stromschlag. Einige Jahre später tat mir ein anderer Junge aus der Gruppe (nicht mein Freund) sexualisierte Gewalt an. Die Bemerkung der Lehrerin spukte mir immer noch im Kopf herum, sodass ich mich fragte: Wäre das nicht passiert, wenn ich nicht selbst dafür gesorgt hätte, als Sexualobjekt wahrgenommen zu werden? Hätte ich mich anders verhalten sollen, um diesen Vorfall zu vermeiden? War der Grund dafür die Tatsache, dass ich ein sexuell aktiver Mensch bin? Unfairerweise brachte diese Lehrerin mich dazu, zu glauben, dass es meine Schuld war. Was nicht stimmte.

 

Miss Gillan konnte es nicht wissen, aber als sie die S-Bombe auf mich warf, hatte ich bereits schlimmes Slutshaming erlebt. Zu der Zeit habe ich es nicht so genannt, aber heute weiß ich, dass es Slutshaming war. Ein männlicher Verwandter, dessen Namen ich nicht nennen kann, hatte eine Überwachungssoftware auf meinem Handy und meinem Computer installiert und las eine Weile lang all meine Nachrichten. Wie ich bereits erwähnt habe, hatte ich zu der Zeit einen Freund. Wir praktizierten Sexting. Wir schickten uns Nacktbilder. Es gab detaillierte Pläne, auf welche Weise wir unsere «Jungfräulichkeit verlieren würden» (mehr dazu später). Bestimmt wäre Miss Gillan vor Scham gestorben, wenn sie diese Nachrichten gesehen hätte.

 

Mein Verwandter druckte unsere Unterhaltungen aus und übergab sie meiner Mutter, als hätte er einen wichtigen Undercover-Auftrag erledigt. Er wollte, dass sie mich verurteilte. Er wollte, dass sie sich für mich schämte, weil ich sexuell aktiv war.

 

Zum Glück stellte meine Mutter klar, dass ich mich für nichts zu schämen brauchte und dass nichts davon meine Schuld war. Sie erklärte mir das Konzept von «Misogynie» – was Hass oder Vorurteile gegenüber Frauen bedeutet – und dass diese Frauenfeindlichkeit Phänomene wie Slutshaming, sexistisches Mobbing und in manchen Fällen sogar Gewalt beinhaltet. Sie half mir dabei, Slutshaming als das zu erkennen, was es wirklich ist: die Kontrolle von Sexualität. Ein Vorgang, bei dem man ein Mädchen oder eine Frau wegen ihres Sexualverhaltens bloßstellt, beleidigt oder herabsetzt, um sie zu unterdrücken. Es ist ein Weg, Mädchen oder Frauen als Sexobjekte statt als menschliche Wesen zu behandeln und ihnen vorzuschreiben, wie sie auszusehen, sich zu verhalten und zu kleiden haben, und dass sie ihre Sexualität verstecken sollen.

 

Slutshaming kann viele verschiedene Gesichter haben. Es kommt nicht immer so offensichtlich wie in Beleidigungen daher, deshalb erkennen wir es manchmal gar nicht. Doch wenn wir uns gründlich damit auseinandersetzen, können wir auch dagegen angehen.

Die vielen Formen des Slutshamings

Slutshaming kann bedeuten:

eine Person als Slut zu bezeichnen

schlecht über eine Person zu reden, weil sie freizügige Kleidung trägt

Gerüchte über das Sexleben einer Person zu verbreiten

eine Person zu kritisieren, weil sie Sex hat

eine Täter-Opfer-Umkehr nach einem sexuellen Übergriff

eine Person wegen einer sexuell übertragbaren Krankheit zu stigmatisieren und anzudeuten, dass ihr Sexleben für die Ansteckung verantwortlich sei

einer Person die Schuld dafür geben, dass Nudes von ihr verbreitet werden

sich über die sexuellen Praktiken und Vorlieben einer Person lustig zu machen

einer Person zu unterstellen, dass sie ihre Outfits danach auswählt, Männern zu gefallen

anders über Mädchen zu sprechen, die Sex haben, als über Jungs, die Sex haben

Dazu gehören auch Phrasen wie:

«Ich hab gehört, dass sie auf einer Party mit vielen Leuten geschlafen hat.»

«Du solltest nicht so freizügig rumlaufen.»

«Wenn es um Sex geht, verhält sie sich wie ein Mann.»

Jede dieser Varianten von Slutshaming kann erhebliche Auswirkungen auf das Leben von Mädchen und Frauen haben. Sie können ihre Freiheit einschränken, ihnen das Gefühl geben, ihren Sex geheimhalten zu müssen, und ihnen den Mut nehmen, über wichtige Themen wie sexuelle Übergriffe zu sprechen. Vielleicht schämen sie sich sogar zu sehr, um Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen. In diesem Buch werden wir die realen Gefahren des Slutshamings untersuchen und warum es so wichtig ist, sich dagegen zu wehren.

Slutshaming bei sich selbst

Eine der häufigsten Folgen von Slutshaming ist, dass man anfängt, sich selbst abzuwerten. Eine Menge Menschen, die Erfahrungen mit Slutshaming gemacht haben, stellen fest, dass sie es verinnerlicht haben. Wenn das passiert, kontrollieren wir unser Sexualverhalten und geben uns Mühe, zu verheimlichen, was wir tun.

 

Das kann zum Beispiel so aussehen:

sich dafür zu schämen, dass man Spaß an Masturbation hat.

sich selbst zu verurteilen oder sich für einen schlechten Menschen zu halten wegen des Sex, den man hatte.

ein bestimmtes Outfit nicht anzuziehen, weil es so wirken könnte, als wolle man sexuelle Aufmerksamkeit.

sich für die Anzahl von Sexualpartner*innen zu schämen.

nicht zu wollen, dass andere über bestimmte Aspekte eurer sexuellen Erfahrungen Bescheid wissen.

vorzugeben, nicht zu masturbieren oder keinen Sex gehabt zu haben, obwohl es der Fall war.

sich von anderen Frauen zu distanzieren, denen solche Dinge nachgesagt werden.

Slutshaming per Kleiderordnung

Genau wie ich werden viele Menschen erstmals in der Schule mit Slutshaming konfrontiert. Eine 2011 durchgeführte Umfrage der American Association of University Women ergab, dass Slutshaming eine der verbreitetsten Formen sexueller Belästigung ist, denen Schüler*innen der Middle- und Highschool in den USA ausgesetzt sind. Ungefähr die Hälfte aller Mädchen macht eine solche Erfahrung.

 

Die Sexualpädagogin Jess Leigh, die für die gemeinnützigen britischen Organisationen Bold Voices und Our Schools Now arbeitet, die sich beide gegen sexualisierte Gewalt in Schulen einsetzen, berichtet mir, dass Slutshaming auch in Großbritannien immer häufiger vorkommt. Und tatsächlich: Ein kurzer Blick auf die Schlagzeilen der Nachrichten verrät uns, dass es ein weltweites Problem ist.

 

2014 machten Schulen in Utah, Florida und Oklahoma von sich reden, als sie den Mädchen untersagten, kurze Röcke zu tragen, weil dies angeblich eine Ablenkung für die Jungs darstellte. Im selben Jahr verwies eine Schule in New York mehr als hundert Mädchen des Unterrichts, die kurze Hosen trugen – obwohl es der heißeste Tag des Jahres war –, und auch hier wurde ihnen gesagt, dass ihre Körper eine Ablenkung wären.

 

2022, acht Jahre später, schafften es zwei Schulen in Australien wegen ähnlicher Formen des Slutshamings in die Nachrichten. Dieses Problem ist also noch immer sehr präsent. Die eine Schule verbot Mädchen, freizügige Kleidung zu tragen, da sie männliche Lehrer (wie abstoßend!) ablenken könnten, die andere verlangte von ihren Schüler*innen, ihre Kleider für den Schulball vorab von den Lehrkräften absegnen zu lassen, um das Tragen zu kurzer und «ablenkender» Kleider zu verhindern. Eine Schule in Großbritannien zog 2023 Aufmerksamkeit auf sich, weil sie Mädchen dazu zwang, während einer Hitzewelle Strumpfhosen zu tragen.

 

Diese Vorgaben nehmen die Mädchen ins Visier und vermitteln ihnen, dass ihr äußeres Erscheinungsbild dafür verantwortlich ist, wie Jungs sich ihnen gegenüber verhalten könnten – und dass es wichtig ist, dass sie ihre Körper bedecken, um nicht wie eine Slut auszusehen, auch wenn sie damit einen Hitzschlag riskieren. Einige Schülerinnen und Schüler störten sich an dieser Doppelmoral hinsichtlich der Kleiderordnung, und sie wehrten sich dagegen.

 

Schülerinnen und Schüler aus Utah, Florida und Oklahoma organisierten große Streiks, um gegen das Slutshaming in Schulen zu protestieren und verbreiteten den Hashtag #iammorethanadistraction im Netz. Schülerinnen in New York wehrten sich ebenfalls, indem sie täglich in «unangemessener Kleidung» in der Schule erschienen, bis die Schule einlenkte und kurze Hosen in der Kleiderordnung erlaubte. Absolute Heldinnen, wenn ihr mich fragt.

 

2021 kam es zu ähnlichen Protesten, als Schülerinnen in Kalifornien gegen das Verbot von Crop Tops in ihrer Schule aufbegehrten, nachdem man ihnen mitgeteilt hatte, sie wären eine Ablenkung für Jungs. Die Protestierenden trugen Crop Tops und schrieben sich Botschaften wie «Ablenkung», «Nicht meine Schuld» oder «Lenke ich dich ab?» auf den Bauch, um die Idee, dass ihre nackten Bäuche den Schulunterricht stören würden, infrage zu stellen.

 

Die Schülerinnen demonstrierten auch mit Schildern, auf denen «Bringt den Jungs bei, sich zu konzentrieren, nicht den Mädchen, sich zu bedecken!» stand und teilten die Höhepunkte der Protestaktion auf TikTok. Eine Schülerin erklärte auf der Plattform: «Die Kleiderordnung ist sexistisch gegenüber Frauen und zementiert die Vergewaltigungskultur. Wir fühlen uns sehr unwohl damit.»

Sie wollte es doch nicht anders!

Es ist enorm wichtig, junge Frauen auf den Zusammenhang zwischen Vergewaltigungskultur und Slutshaming hinzuweisen. Slutshaming kann nämlich durchaus etwas sein, das die Leute als unwichtiges Teenagerproblem abtun. Aber so ist es nicht. Slutshaming kann echten Schaden anrichten.

 

Der Begriff «Vergewaltigungskultur» bezieht sich auf die Normalisierung von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen. Wenn etwas häufig geschieht, selbst etwas so Furchtbares wie Vergewaltigung, akzeptieren wir es möglicherweise mit der Zeit als Teil unseres Lebens und spielen es herunter. Jede dritte Frau auf der Welt wird irgendwann in ihrem Leben vergewaltigt, eine erschreckend hohe Zahl! Jess Leigh führt aus, dass Slutshaming in Schulen eine Vergewaltigungskultur untermauert, die wir dann auch ins Erwachsenenleben und in die «echte Welt» hineintragen.

 

Slutshaming per Kleiderordnung verstärkt dieses Problem noch. Überlegt mal: Wenn ihr damit aufwachst, dass Mädchen und Frauen für das Tragen kurzer Röcke abgewertet werden, wenn man sie beschuldigt, dass sie Jungs und Männer mit ihren Körpern ablenken, wenn ihr miterlebt, wie sie von Lehrer*innen und anderen Schüler*innen herabgesetzt werden, könntet ihr tatsächlich auf die Idee kommen, dass Mädchen und Frauen das Problem sind. Und sobald ihr das glaubt, glaubt ihr vielleicht auch, dass männliche Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen okay wäre.

 

Leigh stellt weiterhin fest, wie verbreitet der Spruch «Sie wollte es doch nicht anders!» mittlerweile in Schulen überall auf der Welt ist. Es ist eine gängige und furchtbar frauenfeindliche Reaktion, wenn ein Mädchen oder eine Frau Opfer eines sexuellen Übergriffs wird, die auch in den Medien häufig auftaucht.

 

Ein Beispiel ist Emily Atack, deren Fans sagten, «sie hätte es doch nicht anders gewollt», als sie ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung öffentlich machte – nur weil sie sich in der Vergangenheit für Männermagazine hatte ablichten lassen. Verbreiten Schulen die Vorstellung, dass ein Mädchen eine Ablenkung darstellt, wenn es sich nicht auf bestimmte Art und Weise kleidet, vermittelt das den Kindern, sie seien selbst daran schuld, falls ihnen etwas Schlimmes zustößt, erklärt Leigh. Wenn sie also an einem brüllend heißen Sommertag kurze Hosen tragen oder ein kurzes Kleid anziehen, weil es ihnen gefällt, dann «wollten sie es nicht anders».

 

Diese Art von Slutshaming setzt sich auch in den Universitäten fort, wo 67 Prozent aller weiblichen Studierenden bereits Slutshaming erfahren haben und die Hälfte aller weiblichen Studierenden in Großbritannien sexuell belästigt oder angegriffen wurde, genau wie ungefähr die Hälfte aller Frauen in den USA und 25 Prozent in Australien.

Kein Mädchen sollte jemals vom Unterricht ausgeschlossen werden, weil ihr Rock zu kurz ist. Man sollte ihr auch nicht einreden, dass sie durch ihre Kleidung für das Verhalten von Jungs verantwortlich ist. Keine Studierende sollte wegen ihres Kleidungs- oder ihres Lebensstils geslutshamed werden. Es ist niemals die Schuld von Mädchen und Frauen, wenn sie angegriffen werden, ganz gleich, was sie anhaben.

Our Schools Now

Die gute Nachricht ist, dass es durch verschiedene Basisbewegungen und soziales Engagement bereits Verbesserungen gibt. Leigh hat die Organisation Our Schools Nowgegründet. In Zusammenarbeit mit Our Streets Now, die gegen Belästigung auf der Straße vorgeht, berät sie Schulen, um das Bewusstsein für die Beziehung zwischen Slutshaming in der Jugend, übertrieben strenger Kleiderordnung und Vergewaltigungskultur zu schärfen – mit dem Ziel, die Lehrkräfte dazu zu bringen, nicht länger Teil des Problems zu sein. Our Schools Now stellt zudem Unterrichtspläne und Lehrmaterialien Verfügung, damit ihre Botschaft auch an die Schülerinnen und Schüler weitergegeben wird.

Bold Voices

Bold Voices setzt sich dafür ein, jegliche Art von sexualisierter Gewalt an Schulen und Unis zu beenden – vom Slutshaming bis hin zu Belästigung und Übergriffen. Auf der Website von Bold Voices sind umfangreiche, aber einfach umzusetzende Aktionspläne für junge Menschen zu finden. Ihr könnt tolle Sticker und Poster mit Sprüchen wie «Not a distraction» und «She did not ask for it» herunterladen und konkrete Tipps bekommen, wie ihr mit euren Altersgenossen über Slutshaming sprechen könnt. Es gibt sogar eine Mustervorlage, die ihr verwenden könnt, wenn ihr an eurer Schule Fälle von Slutshaming und sexueller Belästigung melden wollt und Gegenmaßnahmen fordert.

Unsere Stimme zählt und kann etwas bewirken, solange wir uns trauen, unsere Meinung zu sagen.

Stell dich nicht so an!

Auch wenn es euch vielleicht wie das Gegenteil vorkommt: Prudeshaming ist Teil derselben problematischen Ideologie wie Slutshaming. Prudeshaming geschieht dann, wenn Mädchen und Frauen kritisiert oder runtergemacht werden, weil sie nicht genug Sex haben oder sich nicht wohl dabei fühlen, öffentlich über Sex zu sprechen.

 

Wie viele andere Mädchen habe ich in der Schule sowohl Prudeshaming als auch Slutshaming erlebt. Mit fünfzehn wurde ich das erste Mal geslutshamed. Das Prudeshaming fing hingegen schon ein paar Jahre früher an. Permanent wurde ich beschuldigt, prüde zu sein. Ich erinnere mich an das Gefühl, als ich mich mit dreizehn auf dem Schulhof genötigt fühlte, meinem Freund den ersten Kuss zu geben, weil ein Haufen geifernder Mitschüler und Mitschülerinnen höhnte «ich würde es nicht bringen», weil ich «zu frigide sei».

 

Doch sobald eine Person Sex hat, muss sie den richtigen Sex haben. Zu oft darfst du es nicht tun, dann wärst du eine Slut. Aber wenn du es gar nicht tun willst? Tja, dann bist du eben prüde! Du musst gut beim Sex sein, darfst aber auch nicht so wirken, als gefiele es dir zu sehr, denn das ist nuttig. Du musst deinen Körper mögen und darfst dich nicht über ihn beklagen oder ihn verstecken, darfst ihn aber auch nicht zu offenherzig präsentieren, denn das ist dann auch wieder slutty.

Manchmal fühlt es sich an, als könnte man nichts richtig machen. Wenn ihr kein Thema mit Slutshaming habt, dann eben mit Prudeshaming.

Von klein auf machen Frauen also die Erfahrung, dass sie einfach nur verlieren können. Oft haben sie das Gefühl, sich im Grunde genommen entscheiden müssen, ob sie prüde oder slutty sein wollen. Das erleben wir auch ständig in den Medien. Zu Beginn der 2000er gab es in Onlinemagazinen Tests, mit deren Hilfe Mädchen herausfinden sollten, ob sie «eine Megan Fox oder eine Lindsay Lohan seien». Megan Fox wurde als Slut und Lindsay Lohan als das unschuldige Mädchen von nebenan charakterisiert. Und da war auch das berühmte Musikvideo von Taylor Swift (das leider voller Slutshaming ist), «You Belong With Me», in der eine «slutty Taylor» auftritt, die auf stereotype Art sexy und freizügig gekleidet ist, und eine «jungfräuliche Taylor», die in der Schulband spielt und am Ende den Jungen bekommt. Die Botschaft lautete: Die jungfräuliche Frau gewinnt immer. Wenn wir bedenken, wie oft solche Botschaften in den Medien und überall um uns herum verbreitet werden, ist es kein Wunder, dass wir von klein auf lernen, zu akzeptieren, dass es «nun mal so ist».

Slutshaming in Familien

Oft höre ich von Mädchen und Frauen, dass sie ihre ersten Erfahrungen mit Slutshaming innerhalb der eigenen Familie gemacht haben. Tatsächlich sind gerade die Menschen, die wir am meisten lieben, oft diejenigen, die uns am häufigsten slutshamen.

 

Gina Martin, politische Aktivistin und Autorin aus Großbritannien, spricht darüber in ihrem Buch «No Offense, But …»: How To Have Difficult Conversations for Meaningful Change