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In brütender Hitze stapft Lumikki durch Prag auf ihrer Backpacking-Tour. Als sie von einem Mädchen angesprochen wird, das behauptet ihrer Halbschwester zu sein, scheint ihr Welt kopf zu stehen. Das Mädchen überredet Lumikki, sich ihrem religiösen Kult anzuschließen. Doch das Oberhaupt des Kultes plant einen grausamen Massensuizid und Lumikki muss wieder einmal um ihr Leben rennen. Der Ritus ist nicht ganz sauber und die Unschuld der Kultanhänger alles andere als weiß wie Schnee. Der zweite unwiderstehlich spannende Band der Lumikki-Trilogie von Star-Autorin Salla Simukka.
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2015
Salla Simukka
So weiß wie Schnee
Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat
Weitere Titel von Salla Simukka in dieser Reihe: So rot wie Blut
Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel Valkea kuin lumi bei Tammi Publishers. Copyright © Salla Simukka 2013. German edition published by agreement with Tammi Publishers and Elina Ahlback Literary Agency, Helsinki, Finnland.
1. Auflage 2015 © 2015 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat Nachweis der Quellen: siehe S. 250 Cover: Design by Hot Key Books unter Verwendung von Fotomotiven von © Shutterstock ISBN 978-3-401-80395-1
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Inhaltsverzeichnis
Donnerstag, 16. Juni
1
2
3
Freitag, 17. Juni früher Morgen
4
Freitag, 17. Juni Tag
5
6
7
Samstag, 18. Juni frühmorgens
8
9
Samstag, 18. Juni
10
11
12
13
14
Sonntag, 19. Juni nachts
15
Sonntag, 19. Juni
16
17
18
19
20
Montag, 20. Juni
21
22
23
24
25
Donnerstag, 23. Juni
Epilog
Donnerstag, 16. Juni
1
I’m only happy when it rains.
Die Stimme von Shirley Manson sickerte in Lumikkis Ohren und raunte ihr zu: »Hör nur noch traurige Lieder, lass dich von kühlen Nächten trösten, suhl dich in schlechten Nachrichten.«
Doch vom hellblauen Himmel brannte eine strahlende Sonne, und bei knapp dreißig Grad rann Lumikki der Schweiß über den Rücken. Ihr ganzer Körper war von einem feuchten Film überzogen. Wenn sie ihre Hände jetzt abgeleckt hätte, dann hätten sie bestimmt salzig geschmeckt. Und so schmal die zierlichen Riemen ihrer Sandalen auch waren, sie engten Lumikki trotzdem ein, ihre Füße wollten frei sein.
Sie setzte sich auf eine Mauer, streifte die Sandalen ab, zog ihre Beine an und wackelte mit den Zehen. Eine Gruppe japanischer Touristen starrte sie verwundert an. Hallo? Hatten die noch nie nackte Zehen gesehen? Tag allerseits, ich komme aus Finnland, dem Land der Mumins, und Mumins gehen nun mal barfuß.
Keine einzige Wolke weit und breit. Kein Regen seit fünf Tagen.
I’m only happy when it rains. Den Text mitzusingen, wäre eine glatte Lüge gewesen. Lumikki war glücklich und liebte die Hitze. Sie sehnte sich nicht nach Problemen. Sie fühlte sich nicht bestätigt, wenn etwas schiefging. Sollte Shirley Manson ihre trübe Philosophie für sich behalten. Lumikki stellte die Musik ab und ließ die Geräuschkulisse auf sich einwirken.
Italienisch, Spanisch, amerikanisches Englisch, Deutsch, Französisch, Japanisch, Russisch … Im bunten Durcheinander der vielen Sprachen erkannte Lumikki nur hier und da ein paar Fetzen; ganze Sätze oder gar Gespräche ließen sich in diesem Trubel nicht mitverfolgen. Lumikki war ganz froh darüber, so musste sie sich keine banalen Wortwechsel mit anhören. Sie wusste auch so, worum sich die meisten Alltagsgespräche drehten, und interessierte sich nicht dafür.
Was für ein toller Platz, was für eine Aussicht!
Unter ihr lagen die Häuser und Straßen Prags. Rot gedeckte Dächer, üppiges grünes Laub, Kirchtürme, Brücken, die Moldau, auf deren gekräuselter Oberfläche die Sonne glitzerte. Der Anblick der Stadt verschlug Lumikki den Atem, auch noch am fünften Tag. Bisher war sie jeden Tag an einen Aussichtspunkt gegangen, hatte über das Meer von Häusern und Sehenswürdigkeiten geblickt und eine unbändige Freude verspürt.
Vielleicht war es die Freude der Freiheit, des Für-sich-Seins. Sie war allein, und das im besten Sinn. War niemandem Rechenschaft schuldig. Keiner rief an, keiner wollte wissen, was sie vorhatte. Es gab keine Pflichten. Über das anstehende Abijahr und ob sie am Ende der Sommerferien noch jobben würde – darüber konnte sie sich auch in Finnland noch Gedanken machen, nach ihrem Urlaub. Jetzt gab es nur die verschwenderische Sommerhitze und die Stadt, die an allen Ecken Geschichte atmete.
Es war der 16. Juni. Eine Woche hatte Lumikki noch vor sich. Dann musste sie zurückfliegen und das traditionelle Mittsommerfest feiern, mit ihren Eltern und Verwandten. Dieses Mal in den Schären vor Turku. Und weil ihr Vater nun mal fest mit ihr rechnete, hatte sie es einfach nicht fertiggebracht, Nein zu sagen. Sie hatte ja wohl nichts anderes vor? Fuhr bestimmt nicht mit Freunden auf eine Sommerhütte? Hatte keine Pläne mit irgendjemandem zu zweit?
Nein, hatte sie nicht. Am liebsten wäre Lumikki Mittsommer in ihrer Wohnung in Tampere gewesen, ganz allein mit sich und der Stille. Keine Trinklieder, keine neuen Kartoffeln, kein Hering. Sie hatte absolut keine Lust, die gewissenhafte Oberstufenschülerin zu geben, höflich zu lächeln und Small Talk zu machen, sich Antworten auszudenken auf die Frage nach ihren Zukunftsplänen und ob sie einen Freund hatte, hatte keine Lust, nervige Onkel, mit denen sie nicht blutsverwandt war, nach zu engen Umarmungen wieder auf Abstand zu bringen.
Aber ihr Vater wollte sie dabeihaben. Und ihre Mutter auch, unbedingt. Es war schließlich erst dreieinhalb Monate her, dass Lumikki im Krankenhaus gelegen hatte. Wegen eines Streifschusses. Ihr Oberschenkel hatte heftig geblutet, war aber zum Glück nicht ernsthaft verletzt gewesen. Schlimmer waren die Erfrierungen – sie hatte viel zu lange im Schnee gelegen. Ohne es darauf angelegt zu haben, war Lumikki mitten in einen Kriminalfall geraten und hatte einen einflussreichen Dealer hochgehen lassen. Und einen Polizisten, der heimlich mit dem Dealer zusammenarbeitete und dafür Geld kassierte. Dieser Polizist war der Vater von Lumikkis Schulfreundin Elisa. Mit einer Tüte voll blutiger Geldscheine, die plötzlich in Elisas Garten lag, hatte alles angefangen. Am Ende der Geschichte war Lumikki sogar auf der riesigen Party des Eisbären gewesen, dem legendären Großkriminellen. Sie hatte sich gut verkleidet zum Spionieren hineingeschleust. Dort wurde ihr klar, dass der Eisbär in Wirklichkeit gar kein Mann war, sondern dass zwei Frauen – eineiige Zwillinge – hinter dem Namen steckten. Als Boris Sokolov, Drogendealer und Fadenzieher des Eisbären, Lumikki erkannte, musste sie fliehen. Sokolov war ihr gefolgt und hatte auf sie geschossen.
Am Ende ging alles gut aus. Dank Lumikkis Aussagen kamen Sokolov und Elisas Vater hinter Schloss und Riegel. Der Eisbär, oder besser die Zwillinge, waren allerdings noch immer auf freiem Fuß. Nach diesem turbulenten Winter beschloss Lumikki, sich nie wieder in Geschichten einzumischen, die sie nichts angingen. Immerhin hatte man mehrmals auf sie geschossen, sie immer wieder verfolgt, und ein Mal wäre sie fast in einer eisigen Gefriertruhe erfroren. Vielen Dank, das reichte wirklich. Bitte kein Blut mehr und keine Kälte. Kein Nervenkitzel, keine Verfolgungsjagden auf verschneiten Wegen, auf denen sie mit ihren Doc Martens ständig ausrutschte.
Nach dieser Geschichte verlangten ihre Eltern, dass Lumikki zurück nach Hause zog, nach Riihimäki. Sie wollten sogar Lumikkis kleine Wohnung in Tampere auflösen, doch da stellte Lumikki sich quer. Sie trug morgens vor Schulbeginn Zeitungen aus und stemmte ihre Miete selbst. Die Kunstoberstufe in Tampere erreichte sie mit dem Zug. Anfangs erlaubten ihre besorgten Eltern ihr nur kurze Besuche in der kleinen Wohnung, doch nach und nach fing Lumikki wieder an, zu Hause in Tampere zu übernachten, und brachte immer mehr Zeug zurück in die Wohnung im alten Stadtteil Tammela. Im Mai verkündete sie ihren Eltern, dass sie ihr Kindheitshaus in Riihimäki wieder verlassen und endgültig zurück nach Tampere ziehen würde, Punkt. Ihren Eltern blieb nichts anderes übrig, als die Entscheidung ihrer achtzehnjährigen Tochter hinzunehmen. Die Miete würde Lumikki mit einem Stipendium und Erspartem bezahlen.
Als das Schuljahr zu Ende war und die langen Sommerferien begannen, brauchte Lumikki einen Tapetenwechsel. Sie hatte einen Flug nach Prag gebucht, ein Zimmer in einem günstigen Hostel reserviert und in ihren Rucksack nur das Allernötigste gepackt.
Schon beim Start des Flugzeugs fiel eine Last von ihr ab. Was für eine Erleichterung, endlich rauszukommen, nicht ständig von ihren besorgten Eltern umhegt zu werden. Nicht permanent die Straßen vor Augen zu haben, auf denen sie vor Kriminellen geflohen war und wo sie manchmal auch jetzt noch zusammenzuckte, bloß weil sie zum Beispiel einen schwarz gekleideten Mann sah. Lumikki hatte ihr ganzes Leben lang gegen die Angst ankämpfen müssen. Sie hasste es, Angst zu haben. Als sie in Prag aus dem Flugzeug stieg, löste sich eine schwere Fessel von ihr. Ihre Schultern strafften sich, ihre Schritte wurden selbstbewusster.
Und deshalb war Lumikki glücklich. Deshalb wandte sie ihr Gesicht der Sonne zu, schloss die Augen und lächelte. Atmete genüsslich den Duft einer mitteleuropäischen Metropole ein. Sie holte eine Postkarte aus ihrem Rucksack, auf der die Karlsbrücke in schummriger Beleuchtung bei Nacht abgebildet war. Sie wollte Elisa schreiben. Inzwischen nannte Elisa sich Jenna; nach den schockierenden Ereignissen des Winters hatten sie und ihre Mutter andere Namen angenommen, um vor den Drogenbossen mit ihrem weit verzweigten Business sicher zu sein. Außerdem waren sie aus Tampere weggezogen, ins nordfinnische Oulu. Aber Elisa würde für Lumikki immer Elisa bleiben, trotz all dieser Schutzmaßnahmen.
In Oulu machte Elisa eine Ausbildung zur Friseurin. Ab und zu schrieb sie Lumikki eine Postkarte und erzählte, wie es ihr ging: Sie hatte es endlich geschafft, ihren Vater im Gefängnis zu besuchen, und es war nicht halb so schrecklich gewesen wie befürchtet. Im Gegenteil, es tat ihr offensichtlich gut, ihn zu sehen und mit ihm zu sprechen. Elisas Karten klangen überraschend klug und erwachsen. Der letzte Winter hatte sie reifer und verantwortungsbewusster werden lassen. Die Zeit als Partyqueen und Papas kleine Prinzessin war vorbei, und erstaunlicherweise passte die neue Rolle viel besser zu ihr. Lumikki freute sich, dass es Elisa trotz allem, was passiert war, gut ging.
Die Reise nach Prag war im Grunde ein Geschenk von Elisa. Am Ende des Winters hatte sie Lumikki tausend Euro geschickt, einen Bruchteil der insgesamt dreißigtausend Euro aus der blutverschmierten Tüte, die eines Tages in Elisas Garten aufgetaucht war. Ihren Eltern hatte Lumikki erzählt, dass sie die Reise nach Prag von ihren Ersparnissen bezahlte. Die hatte sie durchaus auch, aber dank Elisa musste sie ihr Erspartes gar nicht antasten. Und Lumikki war ganz froh, das besudelte Geld loszuwerden. Es hatte sich regelmäßig in ihre Gedanken geschlichen, seit Lumikki es im Geheimfach ihrer Kommode versteckt hatte.
Ein Schatten fiel auf ihr Gesicht und holte sie zurück in die Gegenwart. Der geheimnisvolle, steinerne Geruch der Stadt wurde von einer Spur Hanfseife und Räucherstäbchenduft überlagert. Lumikki öffnete die Augen. Vor ihr stand eine etwa Zwanzigjährige in weiten Hosen und langärmeligem Hemd, beides aus Leinen und leuchtend weiß. Die braunen Haare lagen in zwei geflochtenen Zöpfen als Kranz um den Kopf. Die grauen Augen blickten unsicher. Das Mädchen fummelte nervös am Riemen ihrer bernsteinfarbenen Schultertasche.
Lumikki verspürte einen Anflug von Gereiztheit.
Sie hatte dieses Mädchen schon ein paar Mal gesehen und festgestellt, dass sie von ihr beobachtet wurde. Zufälligerweise waren sie immer zur selben Zeit an dieselben Orte gegangen. Das Mädchen wirkte etwas älter als sie und offenbar war auch sie allein unterwegs. Vielleicht ein Hippie oder eine Lebenskünstlerin, die Gesellschaft suchte für philosophische Gespräche bei billigem Rotwein im Park, womöglich über das Universum und wie alles miteinander zusammenhing.
Doch Lumikki war nach Prag gekommen, um allein zu sein. Sie hatte keine Lust auf eine neue Bekanntschaft.
Das Mädchen holte Luft, um etwas zu sagen, und Lumikki überlegte, wie sie den Kontaktversuch höflich, aber kühl abblocken konnte. Kühl, das wirkte immer.
Als das Mädchen seinen Satz sagte, wurde Lumikki wirklich kühl, trotz der Hitze sogar kalt bis in die Knochen, und auf ihren Unterarmen stellten sich die Härchen auf.
»Ich glaube, ich bin deine Schwester«, sagte das Mädchen in gebrochenem Schwedisch.
Ich bin dein Blut. Ich bin dein Fleisch. Du bist mein Blut. Du bist mein Fleisch.
Wir sind eine Familie. Wir sind Mütter und Väter, Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen. In uns fließen dasselbe Blut und derselbe Glaube, der höher ist als jeder Berg, tiefer als jeder Fluss. Gott hat uns als eine Familie erschaffen, als Glieder der einen heiligen Gemeinde.
Brüder und Schwestern, halten wir uns an den Händen. Unsere Zeit kommt. Jesus wird uns rufen, und wir werden ihm antworten. Ohne Zögern, ohne Angst.
Unser Glaube ist stark. Er ist so weiß wie Schnee. Leuchtend und rein, ohne Zweifel. Unser Glaube ist ein Licht, dessen Strahl die Sünder blendet. Die Flamme unseres Glaubens wird die Sünder vernichten.
Wir sind eine einzige große Familie. Wir stehen zusammen. Wir sind die Heilige Weiße Familie und unser Warten und Hoffen wird sich schon bald erfüllen.
2
Der Blick des Mädchens glitt über die Tische des Cafés, die Sonnenschirme, die Gesichter der Touristen. Ihre schmalen blassen Finger wanderten unruhig über das Glas mit Eiswasser, malten durchsichtige Streifen auf das beschlagene Glas. Das Mädchen hatte kaum einen Schluck getrunken. Lumikki hatte die zwei Wassergläser, die sie zum schwarzen Kaffee bekommen hatte, längst geleert.
Sie waren im überteuerten Café im Innenhof der Prager Burg gelandet, weil ihnen auf die Schnelle nichts Besseres einfiel. In Lumikkis Kopf ratterte es rasend schnell und zugleich hallte es vor Leere. Wie sollte sie all die Fragen, die in ihr umherwirbelten, formulieren?
»Ich muss dir vielleicht erklären …«, setzte das Mädchen in unsicherem Schwedisch an.
Aber ja doch, bitte.
Obwohl Lumikki mehr als ungeduldig war, schwieg sie und ließ ihr Gegenüber selber erzählen. Fragen steuerten ein Gespräch nur unnötig.
»Kann ich Englisch mit dir reden? Mein Schwedisch ist … schlecht.«
Lumikki nickte. Dass das Mädchen mit einem starken tschechischen Akzent sprach, war ihr längst aufgefallen. Schwedisch war eindeutig nicht ihre Muttersprache. Dass sie Lumikki trotzdem auf Schwedisch angesprochen hatte, musste einen speziellen Grund haben.
»My name is Lenka. I’m 20 years old.«
Lumikki wartete ab und starrte auf Lenkas Finger, die noch immer über das Wasserglas wanderten. Am Ringfinger der rechten Hand zeichnete sich ein schmaler Streifen ab, der einmal um den Finger wanderte. Als hätte das Mädchen lange einen Ring getragen, vielleicht bis vor Kurzem.
Lenka erzählte, dass sie ihr ganzes Leben in Prag verbracht hatte. Sie war als Einzelkind bei ihrer Mutter aufgewachsen, die starb, als sie fünfzehn war. Ein Unfall, ein nächtlicher Sturz von der Brücke. Lenkas Stimme klang belegt, und sie schaute einen Moment über das Café hinweg zu den Türmen des Veitsdoms, ehe sie weitersprach.
»Danach … haben andere sich um mich gekümmert. Ich habe eine neue Familie gefunden.«
»Du bist verheiratet?«, fragte Lumikki.
Lenka schüttelte heftig den Kopf.
»Nein, das bin ich nicht. Gute Menschen haben mich aufgenommen. Glaubst du an das Gute?«
Die Frage kam so ernsthaft und überraschend, dass Lumikki erst mal einen Schluck von ihrem Kaffee trinken musste.
»Das Gute … das klingt sehr absolut. Ich würde sagen, es gibt gute Taten. Und gute Absichten«, antwortete sie schließlich.
Lenka sah ihr in die Augen. Lumikki konnte den Blick nicht deuten; war er nachdenklich, skeptisch oder feindselig? Sie hoffte, dass Lenka bald zur Sache kam, drängte sie aber nicht.
Als könne sie Gedanken lesen, fuhr Lenka fort: »Als ich kleiner war, hat meine Mutter sich geweigert, mir etwas über meinen Vater zu erzählen, da konnte ich noch so bohren. Du hast keinen Vater, behauptete sie immer wieder. Ich wusste, dass es eine Lüge war, alle haben einen Vater. An meinem zehnten Geburtstag hat sie mir dann doch von ihm erzählt. Im Sommer vor meiner Geburt lernte sie einen Touristen aus Finnland kennen, er gehörte zur schwedischsprachigen Minderheit Finnlands. Peter Andersson.«
Lumikki wurde eiskalt, obwohl die Hitze sie von allen Seiten wie ein stickiger Filz umgab. Unwillkürlich suchte sie Lenkas Gesicht nach Zügen ihres Vaters ab. War die schmale, gerade Nase nicht ziemlich ähnlich? Die dunklen Augenbrauen? Die Form des Kinns? Für einen Moment schob sich das Gesicht ihres Vaters vor Lenkas, dann verschwand es wieder.
»Die Beziehung zu ihm war wohl kurz, aber sehr leidenschaftlich. Der Mann hatte eine Ehefrau in Finnland, ich war ein Versehen. Als meine Mutter merkte, dass sie schwanger war, beschloss sie trotzdem, mich zu behalten. Dem Mann hat sie davon nichts gesagt. Erst, als ich zwei Jahre alt war, schickte sie ihm ein Foto von mir.« Lenka hielt inne und trank von ihrem Wasser, bevor sie weitersprach.
Der Boden unter Lumikkis Stuhl wankte. Sie hörte Lenkas Worte, erfasste deren Bedeutung jedoch nicht. Ihr Vater hatte eine zweite Tochter. Hier, in Prag. Ihre große Schwester.
»Dein Vater wollte uns besuchen, aber meine Mutter hat das nicht zugelassen. Also hat er uns Briefe, Postkarten und Fotos geschickt, kleine Geschenke, manchmal etwas Geld. Meine Mutter hat ihm nie geantwortet, und irgendwann kamen seine Briefe natürlich seltener, schließlich gar nicht mehr. Von diesen Briefen hat meine Mutter mir nie erzählt. Ich fand sie, als ich zwölf war, sie lagen ganz hinten im Wäscheschrank in einer Schachtel. Ich hatte gerade angefangen zu lesen, da platzte meine Mutter rein und kriegte einen Wutanfall. Sie brüllte mich an und verbot mir, in ihren Sachen zu schnüffeln. Die Fotos und Briefe riss sie mir aus der Hand und verbrannte sie im Kamin. Ich habe fast die ganze Nacht geweint.«
Lenka sprach mit tonloser, dünner Stimme, und auch ihre zitternden Hände verrieten, wie schwer es ihr fiel, von diesen Dingen zu erzählen. Sie machte eine lange Pause und schien nicht weiterzuwissen.
Am Nebentisch lümmelten ein paar italienische Schüler und tranken Cola, die Jungs rülpsten um die Wette. Am anderen Nachbartisch motzte ein amerikanisches Pärchen: wie schwierig es war, Euros in Dollar umzurechnen, und dass man nie genau wusste, was man eigentlich ausgab. Lumikki hörte zwar alles, nahm es aber nur als eine ferne Kulisse aus einer anderen Wirklichkeit wahr.
Lenkas Geschichte war das Puzzleteil, nach dem Lumikki so lange gesucht hatte. Seit sie denken konnte, wusste sie, dass es in ihrem Leben eine schmerzhafte Lücke gab. Immer schon hatte sie geahnt und gespürt, dass in ihrer Familie etwas totgeschwiegen wurde. Etwas Wichtiges, an das man nicht rühren durfte und das Lumikkis Zuhause doch angefüllt hatte wie giftiger, eisiger Nebel, der einem das Atmen schwer machte. Papas ernstes Gesicht. Mamas verheulte Augen. Diskussionen, die abbrachen, sobald Lumikki das Zimmer betrat.
Trotzdem konnte Lumikki sich ihren Vater nur mit Mühe in der Rolle des leidenschaftlichen Liebhabers vorstellen. Zu Hause war Peter Andersson ein zurückhaltender, geradezu beherrschter Typ, der sich in jeder Situation korrekt verhielt. Viele Menschen hatten ein öffentliches und ein privates Ich, und nur das private zeigte Müdigkeit und Trauer, Wärme und Impulsivität. Doch Lumikkis Vater zeigte auch zu Hause nur die öffentliche Seite. Peter Andersson war überall gleich. Verbarg sich immer in seiner harten Schale.
Hatte er wirklich hier in Prag dieses wilde Abenteuer erlebt? War er überhaupt in der Lage, Leidenschaft zu fühlen und zu zeigen? Er hatte Lumikki mit keinem Wort gesagt, dass er Prag kannte, hatte ihr keine Tipps gegeben, was sie sich anschauen sollte.
Lenka hatte von einem Peter Andersson erzählt, der Lumikki fremd war. Aber das musste nichts heißen. Wieso sollte ihr Vater nicht Seiten haben, die sie nicht kannte? Konnte man einen anderen Menschen überhaupt jemals durch und durch kennen, und wenn man ihm noch so nahestand?
»Als meine Mutter starb, fürchtete ich, dass die Verbindung zu meinem Vater in Finnland für immer verloren wäre. Ich wusste ja nur den Namen, Peter Andersson, und dass er ein schwedischsprachiger Finne war. Aber der Name ist so verbreitet, dass mir das nicht weiterhalf. Und dann entdeckte ich dich.«
Lumikki konnte nun doch nicht an sich halten. »Woher wusstest du … Du hast mich schließlich vorher nie gesehen!«
Zum ersten Mal lächelte Lenka.
»Bevor meine Mutter alles verbrannt hat, habe ich mir ein Foto eingeprägt, auf dem du drauf warst, als Achtjährige. Auf der Rückseite stand Deine kleine Schwester Lumikki. Ich habe mir jede Einzelheit in deinem Gesicht gemerkt. Als ich dich hier in Prag gesehen habe, dachte ich mir sofort, dass du es bist. Du siehst noch fast genauso aus. Vorsichtshalber habe ich dich noch ein paar Tage beobachtet, um ganz sicher zu sein. Du nimmst mir das hoffentlich nicht übel?«
Lumikki schüttelte den Kopf und versuchte damit, auch etwas anderes zu verneinen. Was genau, konnte sie in dem Moment noch nicht sagen.
Sie wusste nur, dass ab jetzt nichts mehr so war wie vorher.
3
Ihre Haare hatten dasselbe Braun, das eher in ein kühles Grau changierte, auch in der Sonne nie rötlich schimmerte. Lenka trug ihre in langen Zöpfen um den Kopf gelegt, offen mussten sie ihr mindestens bis zur Hüfte reichen. Lumikki trug ihr Haar kurz geschnitten, mal als Pixie-Cut, mal etwas länger, im Stil von Carey Mulligan. Sagte die Haarfarbe wirklich so viel aus? Ein helles Aschbraun war wahrscheinlich die häufigste Haarfarbe in ganz Europa.
Aber die grauen Augen. Bei Lenka nur eine winzige Spur dunkler als bei ihr. Um die Oberlippe derselbe weiche Zug, wenn man genau hinsah. Doch es gab in ihren Gesichtern auch Unterschiede. Lenka hatte die höhere Stirn, Lumikki die zierlichere Nase.
Sie waren fast gleich groß, Lenka vielleicht einen Zentimeter größer. Sie standen nebeneinander vor dem Spiegel der Damentoilette und musterten einander. Lenka legte Lumikki den Arm auf die Schulter, doch das fühlte sich seltsam an. Lumikki mochte es nicht, wenn Fremde sie berührten. Sie schätzte es, einen gewissen Abstand zu wahren, sogar bei Freunden, und erlaubte nur wenigen Menschen, dabei eine Armlänge zu unterschreiten. Lenkas Griff war fest, beinahe klammernd. Ihre Gesichtshaut war genauso blass wie die ihrer Hände, Lumikki dagegen war leicht gebräunt.
Vom Aussehen her konnten sie durchaus Schwestern sein. Aber ebenso gut auch nicht. Die Ähnlichkeit war auf gar keinen Fall so frappierend, dass dieselben Gene im Spiel sein mussten. Und beide sahen Peter Andersson nicht allzu ähnlich.
Lumikki beugte sich über das Waschbecken und ließ kaltes Wasser über ihr Gesicht und ihren Nacken laufen. Erfrischt atmete sie auf, jetzt konnte sie wieder besser denken. Außerdem musste Lenka nun die Hand von ihrer Schulter nehmen.
»Und? Was sagst du?«, fragte Lenka und sah Lumikki erwartungsvoll an. Wie ein kleiner Welpe, der gekrault werden wollte. Am liebsten hätte Lumikki nicht geantwortet. Zu viel Stoff für einen Tag. Zu viele einschneidende Neuigkeiten. Zu viele Offenbarungen. Ihr war noch nicht klar, was für sie daraus folgte. Wusste noch nicht, wie sie sich verhalten würde.
Lumikki hasste es, wenn sie keine Ahnung hatte, was sie als Nächstes tun sollte.
»Das war jetzt … ganz schön viel auf einmal«, sagte sie schließlich und trocknete sich den Nacken mit Papierhandtüchern ab. Ein Tropfen war trotzdem schon den Rücken hinuntergelaufen und kitzelte ihre Wirbelsäule wie eine böse Ahnung.
»Ich weiß. Ich hatte viele Jahre Zeit, das zu verdauen. Du hast es eben erst erfahren.«
»Ja … Mein Vater hat nie etwas in diese Richtung gesagt. Ich – ich hatte keine Ahnung, dass es dich gibt. Mein Vater …«
Jetzt legte Lenka ihre Hand auf Lumikkis Unterarm; offensichtlich dachte sie, Lumikki zögerte, weil sie innerlich so aufgewühlt war, und wollte sie trösten. Lumikkis Gefühle waren in der Tat durcheinander, aber noch wichtiger war ihr, nicht zu viel von ihrem Innenleben preiszugeben. Erst musste sie mehr über diese Geschichte herausfinden.
Denn irgendetwas daran störte sie. Die Geschichte hatte etwas Seltsames, weckte Misstrauen. Und sie klang zu glatt, um wahr zu sein. Dennoch überzeugte sie in ihren Details. In Lumikkis Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander, wollten zu keiner Ordnung finden.
»Tust du mir einen Gefallen?«, fragte Lenka. »Erzähl deinem Vater bitte noch nichts davon. Unserem Vater. Ich möchte nicht, dass er ein zweites Mal durch jemand anderen von mir hört. Ich möchte ihm alles selbst sagen, in einem passenden Moment.«
Lumikki nickte. Das würde ihr nicht weiter schwerfallen. Sie wäre gar nicht auf die Idee gekommen, ihren Vater anzurufen und zu fragen, ob es stimmte, dass er eine Tochter in Prag hatte. So ein Verhalten war in ihrer Familie absolut nicht üblich. Bei ihnen wartete man ab, redete lange um den heißen Brei herum oder versuchte, auf anderen Wegen Gewissheit zu bekommen. Eine Familie voller Geheimnisse. Das klang vielleicht ganz interessant – wie ein spannendes Jugendbuch oder so –, aber in Wahrheit war dieses Modell einfach nur ein bekloppter schwerer Stein, den sie alle mit sich herumschleppten und der es ihnen unmöglich machte, einander aufrecht und gerade in die Augen zu schauen.
»Woher kannst du Schwedisch?«, fragte Lumikki und wechselte nun ins Schwedische.
Lenka lächelte scheu und antwortete ihrerseits auf Schwedisch: »Es hört sich vielleicht albern an, aber als ich erfuhr, dass mein Vater Schwedisch spricht, habe ich es mir selbst beigebracht, mit Büchern und im Internet. Ich habe mir auf YouTube schwedische Kinderprogramme angesehen und die Wörter nachgesprochen. Komischerweise haben sie sich ganz vertraut angefühlt. Smultron. Fånig. Längtan. Pannkaka. Vielleicht hat man die Sprache der Eltern irgendwie in den Genen.«
Lumikki war es zu blöd, darauf etwas zu erwidern. Lenkas Überlegung klang ziemlich albern, fast esoterisch, und hatte rein gar nichts mit Genetik oder Entwicklungspsychologie zu tun. Na ja, sollte sie glauben, was sie wollte.
Eine Touristin betrat die Damentoilette und sah irritiert zu den beiden Mädchen vor dem Spiegel. Von draußen drang der Glockenschlag des Veitsdoms herein – zwei Schläge. Lenka erstarrte.
»Ist es tatsächlich schon zwei Uhr?«, fragte sie.
Lumikki nickte.
Lenkas Blick flackerte, ihre Finger nestelten wieder am Riemen ihrer Schultertasche. Sie wirkte wie ein verfolgtes Tier. Die Wärme und die leise Freude, die sich soeben gezeigt hatten, waren wie weggewischt.
»Ich muss los«, sagte sie. »Lass uns morgen wieder treffen. Um zwölf.«
»Hier am gleichen Ort?«
Lenka blickte sich kurz um.
»Nein, nicht am gleichen Ort. Woanders. Du kennst sicher die Festung Vyšehrad? Südlich der Altstadt, man muss mit der Metro hinfahren. Um zwölf dort, okay?«
Lumikki kam nicht mehr dazu, etwas zu erwidern, geschweige denn einen zentraleren Treffpunkt vorzuschlagen, denn Lenka war bereits verschwunden.
Lumikki starrte ihr Spiegelbild an. Auf ihrer Stirn zeigte sich eine tiefe Falte.
Die Finger der Frau trommelten auf die Tischplatte. Echte Eiche, erst kürzlich abgeschliffen und lackiert, keine Spuren von Abnutzung mehr. Ihr Blick wanderte über die Wände des Zimmers. Da hingen sie. Zeitungsartikel, Diplome, Auszeichnungen. Höhepunkte ihrer Karriere, auf die andere nur neidisch sein konnten. Ihr reichten sie nicht. Nichts reichte, nichts durfte reichen. Nicht auf ihrem Gebiet. Da musste man unersättlich sein, nach Größerem streben, nach Besserem, Aufregenderem, Schockierenderem, Aufwühlenderem, Erregenderem, Begehrenswerterem. Man musste nach Neuem dürsten. Musste am Puls der Zeit sein, ihr voraus sein, man musste zuschlagen, wenn niemand es erwartete. Musste Gesprächsthema sein. In aller Munde. Hier und jetzt. Und morgen.
Sie nahm ihr Handy und wechselte die SIM-Karte. Rief eine Nummer an, von der niemand annahm, dass sie sie besaß.
Der Mann war sofort dran.
»Ist er bereit?«, fragte er.
»Noch nicht.«
»Er darf nicht zu viel erfahren, vergiss das nicht.«
»Schon klar. Ich mache diesen Job lange genug, um die Regeln zu kennen. Er darf nur das Nötigste wissen, so wenig wie möglich. Nur dann sind seine Reaktionen echt. Wir brauchen echte Reaktionen. Echte Gefühle.«
»Dir ist klar, in welche Gefahr wir ihn bringen? Das Risiko einer Verletzung ist hoch, er könnte sogar sterben.«
