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Bei dieser Geschichte "Sofies unvergessliche Reise" handelt es sich um ein Jugendbuch, das vorrangig Mädchen ab 10 Jahre ansprechen soll. Informativ, aufregend und spannend wird die Urlaubsreise der dreizehnjährigen Gymnasiastin Sofie Sommer geschildert. In einer für die Schülerin fremden und völlig anderen Welt verliebt sie sich zum ersten Mal. Nicht nur ihre Glückshormone spielen verrückt - auch der Orient mit all seinen "Verwunderlichkeiten" zieht das Mädchen in seinen Bann.
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Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Die Neugier wird geweckt
Der erste Flug
Eine andere Welt
Rabat – die Hauptstadt
Volubilis – die römische Residenzstadt
Moulay Idris – die Heilige Stadt
Meknès – die drittälteste Stadt Marokkos
Fès – die Stadt der Färber
Sofie und Max
Die Medina von Fès
Trachom
Schmetterlinge im Bauch
Der Mittlere Atlas
Erfoud
Ein tolles Kompliment
Die Muschel und das kleine Kamel
Der Wüstenritt
Sonnenuntergang in der Sahara
Panik kommt auf
Ausweglos
Ein Hoffnungsschimmer
Abwarten
Der Glücksbote
Freundschaftsbänder
Tausend und eine Nacht
Verliebt bis über beide Ohren
Der Traum
Die Straße der 1000 Kasbash
Die rote Perle des Südens
Mit Sami durch die Souks
Djemma el-Fna Platz
Ein fremdes Mädchen
Der Kuss
Argan – das Gold Marokkos
Der Atlantik
Überglücklich
Das Horoskop
Die einsame Bucht
Überraschung um Mitternacht
Seit Tagen schwärmte die dreizehnjährige Sofie Sommer von Wüsten, Sand und besonders von Kamelen. Somit war es auch nicht verwunderlich, dass es ihr allergrößter Wunsch war, einmal auf einem echten Dromedar durch die endlose Sahara zu reiten. Diese Vorstellung hatte sich fest in Sofies Gedankenwelt eingenistet, seit Frau Schönlein im Klassenzimmer aus ihrem neuen Buch ‚Geheimnisse der Wüste‘ erzählt hatte.
Lustige und erlebnisreiche Schilderungen hatte die Autorin den Schülerinnen und Schülern aus ihrem Erstlingswerk vorgelesen. Frau Schönlein hatte schon mehrere Male die Sahara bereist und alle Abenteuer selbst erlebt. Sämtliche Zuhörer waren von den faszinierenden Wüstengeschichten hellauf begeistert. Die aufgeweckten Jugendlichen malten sich die abenteuerlichsten Bilder in ihren Gedanken aus. Besonders ausgeprägt waren diese Fantasien aber bei Sofie. Das Mädchen war voll und ganz ergriffen vom Zauber der Wüste.
Die ausdauernden und friedvollen Wüstenschiffe, so hatte die Autorin die Dromedare genannt, begleiteten die Schülerin sogar bis in ihre Träume. Selbstverständlich besorgte sich Sofie sofort nach der Lesung das spannende Buch und es war ihr gleichgültig, dass ihr Taschengeld dadurch gewaltig geschmälert wurde. Von nun an griff sie in jeder freien Minute zu ihrer Lektüre und verschlang den Inhalt gierig in wenigen Tagen.
Ging es in den letzten Jahren bei den Sommers um irgendwelche Urlaubsplanungen, egal wohin, so beteiligte sich Sofie kaum daran. Sie zog es vor, die Ferien lieber auf dem Land bei den Großeltern, Oma Traudl und Opa Heiner, zu verbringen. Aber heuer war es anders. Als das Mädchen auf Vaters Schreibtisch einen aufgeschlagenen Katalog über eine Rundreise durch Marokko entdeckte, war sie plötzlich hellwach. Aufgeregt stürmte sie in die Küche.
„Habt ihr etwa vor im Urlaub nach Marokko zu fliegen?“ Papa Berni und Mama Leni, die gerade beim verspäteten Sonntags-Frühstück saßen, blickten sich erstaunt an.
„Wieso? Willst du uns etwa begleiten?“, fragte Papa überrascht.
„Nichts lieber als das! Selbstverständlich! Ich darf doch mit?“, lautete Sofies zweifelnde Anfrage, wobei ihre Augen unsicher zwischen Vater und Mutter hin und her wanderten.
„Natürlich!“, sprudelte es bei Mama und Papa wie aus einem Mund, „wenn es dein Wunsch ist, wir würden uns sehr freuen. Wir haben dich immer gerne bei uns. Das weißt du doch. Deswegen kannst du trotzdem noch vorher zu den Großeltern fahren. Wir wollen sowieso erst Ende August fliegen. Oma und Opa können dich dann kurz zuvor mit zurück ins Allgäu bringen.“
Sofie war einfach glücklich. Es würde möglich sein, ihren Traum zu erfüllen und auch die Großeltern nicht zu enttäuschen.
Schon jetzt schwelgte das Mädchen in den verrücktesten Fantasien, wie sie wohl am ersten Schultag in der Klasse 9 a im Hildegardis-Gymnasium in Kempten ihrer neuen Lehrerin, Frau Schmidburger, und den Mitschülerinnen und Mitschülern ihre aufregende Urlaubsreise schildern würde. Die letzten Schulwochen konnte die Schülerin an nichts anderes mehr denken. Das Reisefieber hatte Sofie erfasst. Die Planungen liefen auf Vollgas. Papas Buchung im Internet wurde bestätigt. Das Urlaubsziel stand fest.
Gleich am ersten Ferientag packte das Mädchen seinen Koffer und fuhr mit dem Zug nach Bamberg. Oma und Opa warteten bereits am Bahnsteig. Sofie eilte winkend auf sie zu und umarmte beide so heftig, dass Oma laut stöhnte: „Mensch hast du eine Kraft, du brichst mir ja meine alten Knochen.“ Herrliche Urlaubstage standen bevor.
Der Aufenthalt in Franken war wie immer lustig und abwechslungsreich. Die Großeltern hatten ein tolles Ferienprogramm vorbereitet. Außerdem hatte Sofie hier viele Freunde und fühlte sich fast wie Zuhause. Aber von Tag zu Tag wurde Sofie aufgeregter. Sie konnte nur noch an Marokko denken.
Zwei Tage vor dem geplanten Reiseantritt fuhren Oma Traudl und Opa Heiner mit ihrer Enkelin nach Kempten. Für die Dauer der vierzehntägigen Ferienreise wollten die Großeltern im Hause der Sommers verweilen. Die letzten Jahre hatte immer eine liebenswerte Nachbarin während der Ferienzeit Haus und Hof versorgt. Doch sie war momentan aus gesundheitlichen Gründen verhindert, und so hatten die Großeltern angeboten, sich um alles zu kümmern. Omi erhielt von Mama schier nimmer endende Hinweise bezüglich Blumenpflege, Tonnenleerung, Postdienst usw. Vor allem die Pflege von Hoppel, Sofies rabenschwarzem Zwergkaninchen, und Anita, dem süßen Hamstermädchen, galt es, zu übernehmen. Die Urlauber konnten getrost wegfahren. Als Mama Leni zum wiederholten Male wichtige Tipps zur Blumenpflege, welche Pflanze wie viel Wasser benötigen würde, gab, erklärte Oma mit einem Seufzer: „Liebe Tochter, du kennst mich doch. Ich werde deine geliebten Blumen schon nicht verdursten lassen, eher kriegen sie nasse Füße. Und außerdem werde ich ihnen gut zureden und sie über deinen Verbleib hinweg trösten.“
Kurz vor der Abfahrt steckte Oma ihrer Enkelin noch eine rosafarbene Herzschachtel mit den Worten: „Viel Glück und kommt alle wieder heil nach Hause“, zu. In Großvaters rechter Hand baumelte ein knallroter Rucksack, in welchen er gerade noch einen pinken Geldbeutel steckte. Dabei grinste er verschmitzt: „Der Inhalt ist für einen Extra-Wunsch unserer Wüstenprinzessin. Ein paar Kleinigkeiten, die eine junge Dame auf Reisen sonst so braucht, hat dir Oma ebenfalls noch dazu gepackt. Viel Spaß damit!“
„Also wirklich, ihr seid die allerallerbesten Großeltern auf der ganzen Welt“, strahlte das glückliche Mädchen. Mit feuchten Augen drückten die beiden ihre Enkelin fest an sich.
„Ihr seid doch hoffentlich nicht traurig, weil ich nicht die ganzen Sommerferien bei euch in Franken verbracht habe?“, fragte Sofie mit vorgerollter Unterlippe.
„Aber woher denn, das sind nur Freudentränen“, meinte Opa gerührt und ein großväterliches Lächeln huschte über sein faltiges Gesicht.
„Bei unserem Wiedersehen werde ich viele großartige Erlebnisse zu berichten wissen und außerdem bringe ich euch eine tolle Überraschung aus Marokko mit“, erklärte das Mädchen tapfer. Am Samstag, dem 27. August 2016, um 16.30 Uhr würde die Maschine der Royal Air Maroc in München, auf dem Franz-Josef-Strauss-Flughafen starten, Flugziel war der Flugplatz Mohammed V. in der Hafenstadt Casablanca im Nordwesten Marokkos. Die Flugnummer lautete: AT 823.
Die drei Sommers, Mama Leni, Papa Bernd und Tochter Sofie saßen gut gelaunt im Alex und genossen entspannt die gemütliche Zugfahrt durch das herrliche Allgäu in Richtung München. Der sonnige Spätsommertag inspirierte die Fahrgäste durch seine feurigen Farben. Einzelne Laubbäume wechselten bereits, wenn auch noch zaghaft, ihr grünes Blätterkleid in herbstlich warme Töne. Auf den saftigen Weiden grasten friedlich Kühe. Am südlichen Horizont begleitete die überwältigende Schönheit des Gipfelpanoramas die kleine Reisegruppe. Majestätisch ragten die Berge der Alpenkette in den azurblauen, wolkenlosen Himmel.
Papa meinte mit hochgezogener Stirn: „Unser grünes Allgäu werden wir hoffentlich in den nächsten Tagen nicht vermissen, meine Lieben.“
Eine freundliche Frauenstimme hallte durch den Lautsprecher: „Nächster Stopp Pasing, Umsteigemöglichkeit für alle Fluggäste. Weiterfahrt mit der S-Bahn auf Gleis 8 zum Flughafen möglich. Danke, dass sie unsere Gäste waren. Wir wünschen angenehme Weiterreise und würden uns freuen, wenn wir Sie bald wieder im Alex begrüßen dürften.“
Gut zwei Stunden vor der offiziellen Abflugzeit warteten die drei Urlauber vor dem Schalter der marokkanischen Fluglinie, Royal Air Maroc, um einzuchecken. Eine junge Dame in adretter Uniform bat Herrn Sommer höflich, die ‚two yellow suitcases‘ aufs Förderband zu stellen. Auf einem eingebauten Display tauchten Zahlen auf. Die uniformierte Frau nickte.
„Gewicht und Größen stimmen.“ Anschließend fragte sie mit einem leicht französischen Akzent: „Wie viele Stücke Handgepäck haben Sie?“ Als Papa Bernd mit zwei antwortete, bat das Fräulein die Sachen auf die Waage zu legen. Die Angestellte war zufrieden. Sofie griff rasch nach ihrem roten Rucksack und Mama nahm ihre schwarze Umhängetasche zurück. Währenddessen klebte die Frau um jeden Koffergriff eine weiße Banderole, die mit Abflugort und Zielflughafen beschriftet war. Das Förderband ruckelte vorwärts. Im Nu verschwanden die Gepäckstücke mit einem lauten Plumps hinter der dunkelgrauen Gummiplane. Papa Sommer erhielt die Pässe zurück und bekam die Bordkarten ausgehändigt. Die drei Sommers saßen in Reihe fünfzehn.
„AngenehmenFlug und schönen Urlaub“, wünschte die junge Dame mit einem freundlichen Lächeln. Im Weggehen rief sie dem Mädchen noch hinterher: „Hallo Sofie, möchtest du eine Anstecknadel unserer Fluggesellschaft?“ Strahlend nahm Sofie das Geschenk an und bedankte sich höflich. Die Frau am Schalter hatte sich ihren Namen gemerkt, die Schülerin war beeindruckt. Mama Sommer klammerte den Anstecker an die Außentasche des leuchtend roten Rucksacks.
Für Sofie war es der erste Flug in ihrem Leben.
„Ich glaube, ich habe doch ein bisschen Flugangst“, gestand sie ihrem Vater hinter vorgehaltener Hand, während sie aufgeregt von einem Bein aufs andere hüpfte. Der prall gefüllte Rucksack hopste dabei wie ein roter Gummiball lustig auf ihrem Rücken hin und her.
Inzwischen gelangten die drei Sommers zur persönlichen Sicherheitskontrolle. Während das Handgepäck auf einem Förderband durch eine Lichtschranke rollte, wurden die Drei der Reihe nach mit einem Körperscanner abgetastet. Auf einem Bildschirm, der den Inhalt aller Taschen zeigte, verfolgte eine junge Frau in der dunkelblauen Uniform des Sicherheitsdienstes aufmerksam die einzelnen Gegenstände.
Als Papa Bernd durch den Türrahmen trat, piepste es. Ein Blinklicht leuchtete auf. Mit ernstem Gesicht forderte der Kontrolleur Herrn Sommer auf, Gürtel und Uhr abzulegen und sogar die Schuhe mussten von den Füßen. Noch einmal wurde er zurückgeschickt und noch einmal musste er die Sicherheitsschleuse passieren. Die abgelegten Dinge rollten jetzt in einer Plastikwanne über das Laufband. Alle starrten gebannt auf das Blinklicht. Nun blieb alles ruhig. Die Sicherheitsbeamten waren zufrieden. Geschafft, Familie Sommer hatte die Absperrung durchschritten und den Sicherheitstest bestanden.
Beim Bummeln durch die exquisiten Läden verging die Zeit wie im Flug. Nun saßen die Sommers auf den grauen Plastikstühlen vor ihrem Gate und warteten auf den Aufruf ihrer Flugnummer.
„Leni und Sofie, wollt ihr nicht noch einmal vorsichtshalber die Toilette aufsuchen?“, fragte Berni-Bärchen mit einem verschmitzten Lächeln. Schmunzelnd nahm Mama ihre Tochter bei der Hand und beide eilten los. Leni drehte sich noch einmal um und ihre mahnenden Worte lauteten: „Pass gut auf, dass unser Beschützer nicht verloren geht.“ In Mamas schwarzer Umhängetasche schlummerte nämlich ihr geschätzter Bethlehem-Engel, den sie vor einigen Jahren von ihrer liebenswerten Nachbarin Heide zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte.
„Schon auf allen Reisen hat mir der treue Begleiter Glück gebracht. Ein betagter Mann aus Bethlehem soll diesen wunderschönen, knienden, im Gebet versunkenen Engel, aus Olivenholz geschnitzt haben. Seine friedlich drein blickenden Augen geben mir immer Wärme, Schutz und Geborgenheit.“
Papa Bernd hatte in der Zwischenzeit mit Argusaugen auf das Handgepäck aufgepasst. In bester Laune empfing er mit seinem stets unwiderstehlichen Charme seine beiden Lieblinge: „Meine Süßen, jetzt kann es losgehen.“ Genau in diesem Moment ertönte aus dem Lautsprecher eine krächzende Stimme mit ihrer Flugnummer AT 823. Ordnungsgemäß reihten sich die Sommers in die bereits gebildete Menschenschlange ein. In kleinen Schritten näherten sie sich dem Abfertigungsschalter. Der Steward warf einen geschulten Blick auf die Bordkarten. Er winkte Frau Sommer und Tochter Sofie durch. Bei Papa verlangte er nochmals den Pass und erst nachdem sein prüfender Blick mehrmals zwischen Ausweis und Papas Gesicht hin und her gewandert war, wurde auch er durchgelotst. Durch einen wackeligen Schlauch gelangten die Sommers zu ihrem Flieger. Sofie meinte belustigt: „So muss man sich fühlen, wenn man im Inneren einer Ziehharmonika spazieren geht.“
„Bonjour“, begrüßte eine dunkelhäutige, attraktive Flugbegleiterin, die Passagiere.
Vermutlich war es die Chefstewardess. Nachdem Papa das Handgepäck in den Fächern über den Sitzreihen verstaut hatte, nahm er neben seinen Mädels Platz. Sofie hatte den Fenstersitz gewählt. Noch während der Steward, es war der gleiche, der die Bordkarten kontrolliert hatte, die Sicherheitsvorkehrungen, das Benutzen der Schwimmwesten und die Notausgänge erklärte, bewegte sich die Boeing 747 bereits über das Rollfeld. Eine weitere Stewardess schlängelte sich durch die Reihen und prüfte, ob alle Fluggäste richtig angegurtet und das Handgepäck sachgemäß verstaut waren.
Begrüßungsworte in mehreren Sprachen klangen durch das Mikrophon. Der Flugkapitän, Monsieur Abdull Sargan, begrüßte im Namen seiner Crew die Fluggäste.
Leni, Bernd und Sofie fühlten sich blendend. Der Pilot steigerte das Tempo des Jumbos. Die Boeing wurde schneller und schneller. Jetzt! Sofie wurde heftig in ihren Schalensitz gepresst. Der Jet hob ab. Sanft stieg die Maschine höher und höher. Ein strahlend blauer, wolkenloser Himmel empfing die Fluggäste. Unter ihnen lag eine Spielzeuglandschaft wie im Märchenbuch. Felder, Wiesen, Häuser, Ortschaften, alles wurde kleiner und kleiner und rückte in die Ferne. Das eine oder andere Ding entschwand Sofies graugrünen Augen.
Der erste Flug!
Faszinierend!
Sie war total begeistert.
Die aufmerksame Urlauberin konnte sich an dem abwechslungsreichen Schauspiel, das sich ihr darbot, nicht satt sehen. Ein tiefblauer See, der soeben noch unter ihr in kräftigem Grün eingebettet lag, verschwand langsam aus ihrem Blickfeld. Jetzt zogen Schäfchenwolken wie eine riesige Herde an ihrem Fenster vorbei.
„Cumulus Wolken sind ein sicheres Zeichen für eine Schönwetterfront. Hoffentlich begleiten sie uns in den Urlaub“, tat Mama ihr Wissen kund. Es schien, als wäre ein übergroßer Schneepflug durch Unmengen von pulvrigem Neuschnee gefahren und hätte enorme Schneeberge in- und übereinander geschoben. Luftig, locker und leicht lagen die aufgeschäumten Wolken da und strahlten von hellstem Weiß bis zu goldenem Gelb. Ganz ganz weit in der Ferne, so hatte es den Anschein, würde ein endloses, verschwommenes Band Himmel und Erde trennen. Die Tragflächen des Jumbos lagen wie auf Daunen gebettet. Dazwischen lockerte immer wieder ein azurblauer Himmel die Wolkenansammlungen auf. Für einen Moment schloss Sofie die Augen. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl machte sich in ihr breit. Sie schien zu träumen. Sie flog wirklich über den Wolken.
„Ich glaube, wir haben unsere vorgeschriebene Flughöhe erreicht“, stellte Papa Bernd sachlich fest. Das Mädchen öffnete die Augen und guckte zum Monitor. Auf ihm wurden in regelmäßigen Abständen, Außentemperatur, Ankunftszeit, Entfernung zum Zielort, Flughöhe und Städte, die gerade überflogen wurden, angezeigt.
Während Sofie in ihrem Rucksack nach einem Stift kramte, entdeckte sie Omis Herzdose. Sie hatte ihrer Großmutter versprochen, diese erst im Flieger zu öffnen. Vorsichtig schraubte sie den Deckel auf und zum Vorschein kam ein in Glas eingeschweißtes vierblättriges Kleeblatt.
Daneben hockte ein sieben gepunkteter Glückskäfer auf einer runden Magnetscheibe. Behutsam nahm das Mädchen den Krabbler vom Untersatz. Vorsichtig setzte die Linkshänderin den Glücksboten auf den rechten Ärmel ihrer Bluse und fuhr unterhalb des Stoffes mit dem Magnet auf und ab. Wie ein echtes Käferchen spazierte der Winzling den Unterarm entlang. Sie freute sich sehr über die beiden Glücksbringer.
„Schau Mama, außer deinem Schutzengel haben wir noch zwei weitere Glücksbringer im Gepäck. Jetzt kann wirklich nichts mehr schief gehen.“
Ganz fest musste Sofie in diesem Moment an Oma Traudl und Opa Heiner denken. Eine winzige Träne kullerte über die Wange und landete in der Herzdose. Nach einer Weile verstaute Sofie die Geschenke wieder in der kleinen Schachtel.
Eifrig machte sie sich an ihre Aufzeichnungen. Stichpunktartig vermerkte die Schülerin wichtige Notizen in ihrem Tagebuch, denn sie wollte am Ende der Reise zu den Fotos einen ausführlichen Urlaubsbericht verfassen. Während sie überlegte, wie sie die bezaubernden Wolkenbilder bezeichnen könnte, entdeckte das aufmerksame Mädchen neben sich ein weiteres Flugzeug. Sein Kondensstreifen hinterließ eine lustige, schaumige Spur wie aus puderzuckerweißem Rasierschaum.
„Wie weit ist dieser Flieger von uns entfernt?“, wollte Sofie von ihrem Papa wissen.
„Hoffentlich weit genug“, lachte Berni, „ich denke mal schon etliche Kilometer. Du kannst ganz beruhigt sein.“
Während die Schülerin noch tüchtig beim Schreiben war, schob eine Stewardess den gefüllten Getränkewagen durch die engen Gänge der Sitzreihen. Jeder Fluggast konnte sich nach Herzenslust aus dem mannigfaltigen Angebot etwas wünschen. Sofie entschied sich spontan für einen Orangensaft, Mama wählte ein stilles Wasser und Papa gönnte sich ein Bierchen. Anschließend rollte das Essen auf einem weiteren Wagen herbei. Zur Auswahl standen Hühnchen oder Fisch mit diversen Beilagen. Nachdem Mama den aufdringlichen Essensgeruch im Flieger sowieso nicht ausstehen konnte, meinte sie: „Ich glaube, ich verzichte heute freiwillig auf das Essen und lege einen Diät-Abend ein.“
„Du solltest aber bedenken, dass wir noch eine ganze Weile unterwegs sind, bis wir im Hotel ankommen werden“, gab Papa zu bedenken. Also fiel bei allen dreien die Wahl auf Hühnchen mit Reis und Gemüse. Für Mamas Nase war es zumindest das kleinere Übel, obwohl sich der penetrante Fischgeruch bereits wellenartig über alle Köpfe der Fluggäste verteilt hatte.
„Wenigstens haben wir etwas im Magen. Öfter bräuchte ich diesen Genuss nicht“, meinte Papa etwas abschätzig, während er lustlos im Essen herumstocherte.
„Mir schmeckt es wirklich gut. Habt ihr schon die leckere Kuchenschnitte mit Mandeln probiert? Also ich kann nicht meckern“, endete Sofie und schob sich ein weiteres Stück Kuchen genüsslich in den Mund. Bald darauf wurden die Tabletts von den Stewardessen abgeräumt und nach Belieben konnte jeder noch Kaffee, Tee oder ein weiteres Getränk bestellen.
Draußen war das Tageslicht nur noch gedämpft wahrzunehmen. Die Konturen des Tages verschwammen langsam in der aufkommenden Dämmerung. Vereinzelt leuchteten erste Lichter auf. Der Jet hatte bereits die Südspitze Spaniens erreicht. Bald würde die Meerenge von Gibraltar erscheinen. Immer mehr und mehr Leuchtkörper waren zu sehen. Entlang der Küste flackerten regelrechte Lichterketten wie strahlende Girlanden an einem Weihnachtsbaum. Ganze Städte funkelten in einem glitzernden Lichtermeer.
Plötzlich, im wahrsten Sinne des Wortes, wie aus heiterem Himmel, sackte der Jumbo ruckartig in die Tiefe, stieg etwas hoch und sackte erneut nach unten. Im gleichen Moment krallten sich Sofies Finger fest in Mamas Unterarme. Ihr Hals schmerzte mit einem Mal vor Trockenheit, ihre Hände fühlten sich eiskalt an und Sofies Wangen glühten. In ihren Ohren hämmerte es fürchterlich. Trotz Hühnchen und Nachtisch fühlte sich ihr Magen hohl an. Ein flaues Gefühl machte sich in Sofies Magengegend breit.
„Mama, Papa, ich glaube, ich habe doch Flug- oder vielleicht sogar Höhenangst“, stammelte das Mädchen bruchstückhaft ihre Worte heraus. Aber sogleich konnte Mama ihren Liebling beruhigen: „Das sind nur ein paar Luftlöcher, mein Schatz. Du brauchst keine Angst zu haben. Das kommt fast bei jedem Flug vor.“
Sofie lehnte sich beruhigt in ihren Sessel zurück. Sie versuchte den Blick auf abertausende von schillernden Lichtern zu genießen. Es schien, als läge heute der Sternenhimmel mitsamt der Milchstraße zu ihren Füßen. Sie war überwältigt. Ihre Nasenspitze hatte bereits vor lauter Neugier an der Fensterscheibe einen kleinen Abdruck hinterlassen. Aus Spaß drückte sie noch einen Kussmund auf das kühle Glas. Insgeheim musste sie schmunzeln. Am äußeren Fensterrand entdeckte die aufmerksame Beobachterin klitzekleine Eiskristalle. Draußen musste es frostig kalt sein. Der Monitor zeigte nun an, dass Casablanca in zwanzig Minuten erreicht werden würde.
Sofie bereitete sich auf die Landung vor.Sieverstaute ihren Rucksack wieder ordnungsgemäß unter dem vorderen Sitz und räumte das Klapptischchen auf. Die Schülerin saß völlig entspannt und angeschnallt auf ihrem Platz Nummer 15 B.
Ein starkes Bremsmanöver des Flugkapitäns zog Sofie unwillkürlich nach vorne. Dann glitt sie zurück in die Sessellinie. Ein zweites Mal wurde sie heftig vorwärts gedrückt und erneut in den Sitz gepresst. Es ruckelte und zuckelte. Der Riesenvogel rollte auf marokkanischem Boden. Nach kurzer Zeit kam die Boeing zum Stehen und die Triebwerke verstummten. Allgemeine Entspannung machte sich breit, als eine grelle Bordbeleuchtung das Ende des Fluges anzeigte.
Die Stewardess bedankte sich bei den Fluggästen in verschiedenen Sprachen und bat alle Passagiere noch sitzen zu bleiben, bis das Zeichen zum Abschnallen erlöschen würde. Wenige Minuten später machte sich hektisches Treiben in der Maschine breit.
Inzwischen hatten sich an den Einreiseschaltern riesige Menschentrauben gebildet. Jeder musste sich in Geduld üben. Obwohl alle Schalter besetzt waren, ging es nur zäh voran. Viele Passagiere hatten auf ihren Formularen, die die Stewardess schon im Flugzeug verteilt hatte, fehlerhafte Angaben gemacht. Wahrscheinlich lag das am Verständnis der unterschiedlichen Sprachen. So musste nachgebessert, ausgestrichen und korrigiert werden. Es war ein mühsamer Prozess. Endlich waren die Sommers an der Reihe. Der Uniformierte knallte mit unheimlicher Wucht mehrere Stempel in die Pässe. Endlich! Die Allgäuer spazierten durch den engen Kontrollgang. Mit dem Handgepäck bewaffnet, suchten sie den Weg zum Rollband für die großen Gepäckstücke.
„Vorsichtshalber noch ein Toilettengang? Die Kofferausgabe kann dauern“, fragte Papa. Schon waren Mutter und Tochter verschwunden. Inzwischen besorgte Berni einen Gepäckwagen. Während die drei Sommers auf ihre Koffer warteten, kam Sofie aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Die unglaubliche Menschenvielfalt, die sich ihren Augen bot, war einfach überwältigend. Saßen im Flieger hauptsächlich europäische Fluggäste, so waren hier Männer, Frauen und Kinder aus aller Herren Länder vertreten. Neben der Hautfarbe hatte sich auch die Kleidung geändert. Ein farbenfrohes Durcheinander an eigenwilligen Gewändern und Trachten bot sich den Neuankömmlingen. Plötzlich tauchte eine große Gruppe von Männern auf, die alle in bodenlange weiße Leinen-Gewändern gehüllt waren und auf den Köpfen schneeweiß gehäkelte Mützen trugen. Sofie war fasziniert. Auf ihren fragenden Blick hin, erklärte ihr Vater:
„Ihrer Kleidung nach zu urteilen, kommen diese Männer vermutlich aus Mekka. Diese Stadt liegt im Nordosten der arabischen Halbinsel. Jeder Muslim sollte mindestens einmal in seinem Leben dorthin gepilgert sein.“ Vater und Tochter musterten die weißen Gestalten.
„Selbstverständlich spielen die finanziellen und gesundheitlichen Umstände dabei eine wichtige Rolle. Solch eine Pilgerfahrt ist natürlich sehr kostspielig. Ich schätze mal einige tausend Euro. Du musst wissen, dass viele arme Gläubige dafür ein Leben lang sparen müssen. In Mekka befindet sich die Kaaba, das größte Heiligtum für Muslime. Diese Kaaba ist ein riesiger Quader aus schwarzem Marmor und bedeutet für Moslems das Haus Gottes. Es ist das zentrale Heiligtum des Islams. Siebenmal muss man dieses Bauwerk im Innenhof der Heiligen Moschee umschreiten.
Diese Pilgerreise gehört zu den fünf Säulen des Islam“, erklärte Papa Bernd mit andächtigen Worten.
„Was sind dann die anderen vier Säulen? Kennst du die auch?“, hakte Sofie gleich neugierig nach.
„Ja, ich glaube, ich kann dir das an Beispielen erläutern. In den nächsten Tagen unserer Reise wirst du viele Moscheen kennenlernen, besonders in den vier Königsstädten Fès, Meknès, Rabat und Marrakesch. Vor Sonnenaufgang, am Mittag, am Nachmittag, am Abend und vor Einbruch der Nacht ruft der Muezzin vom Turm der Moschee zum Gebet. Der Muezzin ist eine Art Vorbeter. Heutzutage wird er oft durch Tonbänder, die immer wieder abgespult werden, ersetzt.“
„Das ist aber schade“, unterbrach Sofie ihren Vater. „Diese Pflichtgebete finden, wie ich schon erwähnt habe, fünfmal am Tage statt. Vor jedem Gebet unterzieht sich der Gläubige einem Waschritual. Egal, wo er sich gerade aufhält, kann er das Gebet sprechen. Dabei richtet er seinen Körper immer zum Hause Gottes nach Mekka.
Die dritte Säule ist das Islamische Glaubensbekenntnis. Wenn z. B. jemand in der Öffentlichkeit bei vollem Bewusstsein im Beisein zweier Zeugen das Glaubensbekenntnis spricht, bestätigt er damit die volle Zugehörigkeit zum islamischen Glauben. Ein weiterer Punkt, nämlich die vierte Säule des Islams, ist die Armenabgabe. Sie kann bis zu 10 % des Einkommens betragen. Damit soll man Kranke, Alte, Bettler und Arme unterstützen.
Die fünfte Säule beinhaltet das Fasten im Ramadan. Dieser Fastenmonat wird von allen strikt eingehalten. Nur Kinder, Kranke, Alte und Schwangere sind davon ausgeschlossen. Der Ramadan dauert von einem Neumond bis zum nächsten. Diese Fastenzeit findet im neunten Monat des islamischen Kalenders statt. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang darf der Muslime nichts zu sich nehmen, auch nicht rauchen. Erst nach Sonnenuntergang darf wieder gegessen und getrunken werden“, endete Papa mit seinen aufschlussreichen Ausführungen.
„Aber was ist mit Menschen, die bei den heißen Temperaturen in der Gluthitze schwere und kräftezehrende Arbeiten vollbringen müssen oder Ziegenhirten, die den ganzen Tag unter der schwülen Sonne auf der Weide stehen? Dürfen die auch nichts trinken? Das kann doch nicht gesund sein. Oder?“, fragte Sofie ihre Mutter achselzuckend.
„Also in Notfällen ist ausnahmsweise ein Glas Ziegenmilch oder eine Dattel erlaubt“, fügte Frau Sommer den Erklärungen ihres Mannes hinzu.
