Sommerdiebe - Annette Moser - E-Book

Sommerdiebe E-Book

Annette Moser

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Beschreibung

Das perfekte Sommerbuch für Kinder ab 10! Als Mo in den Hügeln vor der Stadt nach einer entlaufenen Stute sucht, entdeckt er ein verlassenes Anwesen. Dort stößt er auf Prinz und Fee, die in dem verwunschenen Gemäuer Unterschlupf gesucht haben, und beschließt, den beiden Ausreißern zu helfen. Mo beginnt, ihnen Essen zu bringen, und bald verbringen sie ganze Tage zusammen. Dann stößt auch noch Nell dazu, die den Sommer in der Stadt verbringt – und auch die weiße Stute und zwei Eichhörnchen leisten den Kindern in diesem langen, heißen Sommer Gesellschaft. Doch irgendwann brauchen Prinz und Fee ein richtiges Zuhause …

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Annette Moser

Sommerdiebe

Als Mo in den Hügeln vor der Stadt nach einer entlaufenen Stute sucht, entdeckt er ein verlassenes Anwesen. Dort stößt er auf Prinz und Fee, die in dem verwunschenen Gemäuer Unterschlupf gesucht haben, und beschließt, den beiden Ausreißern zu helfen. Mo beginnt, ihnen Essen zu bringen, und bald verbringen sie ganze Tage zusammen. Dann stößt auch noch Nell dazu, die den Sommer in der Stadt verbringt – und auch die weiße Stute und zwei Eichhörnchen leisten den Kindern in diesem langen, heißen Sommer Gesellschaft. Doch irgendwann brauchen Prinz und Fee ein richtiges Zuhause …

Wohin soll es gehen?

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Vita

1

Mo fährt hoch. Er weiß nicht, ob er wirklich geschrien hat oder bloß im Traum. »Oh Mann …« Verwirrt tastet er nach dem Schalter und knipst das Nachtlicht an. Er blinzelt auf seinen Radiowecker. Kurz vor drei.

Mo seufzt und angelt nach der Flasche am Boden. Igitt, das Wasser ist von vorgestern und genauso schmeckt es auch. Mo würgt die lauwarme Brühe hinunter und lässt sich zurück aufs Kissen fallen. In letzter Zeit passiert das oft, dass er mitten in der Nacht aufwacht. Meistens aus einem wirren Traum, an den er sich anschließend nicht mehr richtig erinnern kann. Zu ärgerlich eigentlich! Denn die Träume sind immer aufregend, mit wilden Verfolgungsjagden, quietschenden Reifen, Gangstern, geheimnisvollen Gängen und lauter solchen Sachen.

Er gähnt. Bis es hell wird, dauert es noch, aber um einfach wieder einzuschlafen, ist Mo jetzt viel zu wach. Da bringt es auch nichts, wenn er die Augen zukneift und weiter dumm im Dunkeln herumliegt. Außerdem ist ihm viel zu warm.

Mo stößt die Decke von sich, tappt zum gekippten Fenster und öffnet es ganz. Die Hitze der letzten Sommertage liegt sogar jetzt noch in der Luft, aber wenigstens geht eine leichte Brise, die über sein erhitztes Gesicht streicht, das tut gut.

Mos Zimmer befindet sich ebenerdig und das Fenster zeigt zum naturbelassenen Teil des Grundstücks. Dorthin, wo die Gärtner seiner Eltern noch nicht alles in einen langweiligen Park aus Schotter und Rollrasen verwandelt haben. Hinter der hüfthohen Mauer fängt gleich der Wald an. Etwas Besseres kann sich Mo gar nicht vorstellen. So kann er unbemerkt von den Blicken seiner Eltern nach draußen klettern und herumstromern, wann immer er will. Sogar nachts.

Mo liebt diese heimlichen Ausflüge besonders. Dann kommt er sich vor wie Mick Smart, der Undercover-Agent aus seinen selbst erfundenen Mystery-Geschichten: immer auf Zack, immer alles unter Kontrolle, immer einen lässigen Spruch auf den Lippen.

Natürlich ahnen Mos Eltern nichts von seinen Streifzügen und er wird aufpassen, dass das auch ja so bleibt. Sonst gäbe das mächtig Ärger.

Kurz entschlossen schnappt Mo sich seine Taschenlampe, schlüpft ohne Socken in seine Turnschuhe und zieht sich mit Schwung aufs Fensterbrett, um dann lautlos auf der anderen Seite in die taufeuchte Wiese zu gleiten. Flüchtig lässt er seinen Blick die Fassade hinauf zum ersten Stock der Villa wandern. In den Zimmern seiner Eltern ist es dunkel – alles andere würde ihn auch wundern. Maman ist gestern nach Paris gereist, zu ihrer Schwester. Und Mos Vater hat sich heute schon nach dem Abendessen zurückgezogen. Mit Kopfschmerzen, von einer seiner Endlossitzungen im Büro. Hat er jedenfalls behauptet. Mo kann sich vorstellen, dass die Mathe-Vier in seinem Zeugnis auch einen gehörigen Beitrag zu den Kopfschmerzen geleistet haben könnte.

Aber jetzt will Mo erst mal gar nicht mehr an Schule denken. Jetzt liegen sechs Wochen Ferien vor ihm: Sommer, Sonne und Freiheit pur! Mo schwingt sich über die Mauer und scheucht dabei irgendein kleines Tier auf, das sich blitzschnell in einer Ritze verkriecht.

Es ist dunstig und am Himmel sind kaum Sterne sichtbar, als Mo in den Wald eintaucht. Erst als er zwischen den Bäumen hindurch die alte Steinbrücke erkennt, knipst er die Taschenlampe aus. Die beiden Laternen, die die Fußgängerbrücke flankieren, lassen ihn auch so genug sehen.

In die feuchte Waldluft mischt sich jetzt der Geruch von Wasser. Mo atmet tief ein. Nur im Hochsommer riecht es hier so – frisch und gleichzeitig auch ein bisschen nach Tang. Beinahe wie am Meer.

Mo tritt bis zur Mitte der Brücke und lässt seinen Blick über die gegenüberliegende Innenstadt und ihre Lichter schweifen. Die Gassen und Plätze sind leer gefegt. Nur am Hafen, auf dem beleuchteten Festschiff, herrscht noch Betrieb. Mo kann einen Kellner an Deck erkennen, der sich auf einen Plastikstuhl fallen lässt und sich eine Zigarette anzündet. Er stiert genau in Mos Richtung, aber es ist unwahrscheinlich, dass er aus dieser Entfernung unterscheiden kann, ob es sich um einen Erwachsenen oder einen zwölfjährigen Jungen handelt. Und wenn doch, wäre es ihm vermutlich egal.

Mo beschließt trotzdem umzukehren und lieber noch einen Abstecher zum Gestüt zu machen, wo die Pferde seiner Eltern untergebracht sind. Er wählt den schmalen Kiesweg am Ufer entlang, der sich nach einer Weile immer weiter vom Fluss entfernt. Im Sommer bleiben die Tiere auch nachts auf der Koppel und Mo kann Luna jederzeit besuchen.

Mos Vater hat Maman die Andalusierstute im vorigen Jahr zum Geburtstag geschenkt. Schneeweiß ist sie und wunderschön. Luna war am Anfang ziemlich schreckhaft, aber Mo hat sie an sich herangelassen. Obwohl er herzlich wenig von Pferden versteht und noch nicht einmal reiten kann.

»Sie mag dich eben, Maurice«, hat Maman gesagt. »Weißt du, Pferde haben ein Gespür dafür, wem sie vertrauen können!«

Das hat Mo irgendwie gerührt und seither besucht er die Schimmelstute, sooft es geht. Dann schnaubt Luna jedes Mal sanft zur Begrüßung und sieht ihn an, mit ihren schönen, klugen Augen, so dass es Mo ganz seltsam im Bauch wird und er sich fragt, ob sie vielleicht seine Gedanken lesen kann.

Bald tragen die leichten Windböen Mo den warmen Duft von Mais und Heu zu. Die Wolkendecke löst sich immer mehr auf, und als endlich die Koppeln und Umrisse der dahinterliegenden Hügelkette auftauchen, erstreckt sich darüber ein sternenklarer Himmel und der Dreiviertelmond scheint so gleißend hell, dass Mo blinzeln muss, wenn er hineinschaut.

Leises Wiehern dringt zu ihm. Mo erkennt Luna sofort. Wie immer steht sie etwas abseits von den anderen und sieht wunderschön aus, wie sie mit leicht erhobenem Kopf Richtung Himmel schaut.

Leise nähert er sich weiter der Koppel und hat schon fast den Zaun erreicht, als er ein Licht aufblitzen sieht.

Mo bleibt stehen und hält den Atem an. Da ist doch eben eine Gestalt an den Außenboxen entlanggehuscht! Zuerst beruhigt er sich damit, dass es bestimmt Carlo ist, der Gestütsleiter. Er und seine Frau haben eine kleine Wohnung auf dem Gestüt. Trotzdem will Mo um diese Uhrzeit lieber nicht entdeckt werden.

Er duckt sich und späht zwischen den hohen Gräsern hindurch. Da ist das Licht wieder! Die Gestalt löst sich von der Stallwand und huscht mit einer Taschenlampe quer über die Koppel zum Zaun. Mo kommt die Sache nun doch reichlich merkwürdig vor. Carlo ist behäbig und dicklich. Der bewegt sich ganz anders.

Mo beobachtet, wie sich die Person hastig an einem der Gatter zu schaffen macht. Erst als ein weiteres Licht auf der anderen Seite der Koppel aufblitzt, begreift er, dass noch eine zweite Person am Zaun herumhantiert.

Mo wird heiß und kalt. Was würde Mick Smart jetzt an seiner Stelle tun? Die beiden überrumpeln? Sie ablenken? Hilfe holen?

Bevor Mo zu einer Lösung gelangt, hört er das Donnern von Hufen. Erschrocken dreht er sich um. Eine riesenhafte Gestalt prescht in rasantem Tempo auf ihn zu. Mo unterdrückt nur mit Mühe einen Schreckensschrei und wirft sich blitzschnell nach vorn ins Gras. Als er einen Blick über die Schulter wagt, ragt ein schwarzes Pferd über ihm auf. Orkus, der Hengst seines Vaters. Er stößt ein markerschütterndes Wiehern aus, dann prescht er in Richtung Wald.

Mos Herz wummert. Als er sich aufrappelt und hinüber zur Koppel starrt, sieht er, dass nun alle Pferde aus den Gattern stieben, eins nach dem anderen.

Luna! Mo blickt hektisch um sich. Wo ist Luna? Sie hat bestimmt Angst. Da, endlich, erblickt er die Stute. Mo will nach ihr rufen, aber er traut sich nicht – aus Angst, entdeckt zu werden. Aber auch, weil ihm Lunas Anblick, wie sie mit wehender Mähne über die mondbeschienene Wiese Richtung Wald flieht, schlichtweg die Sprache verschlägt.

»He, wer ist denn da … Hallo?«

Mos Blick schießt zum Hauptgebäude. Hinter einem geöffneten Giebelfenster geht Licht an und jemand blinzelt hinaus.

»Verdammt …«, hört Mo den Gestütsleiter fluchen. Dann mischt sich auch noch das undeutliche Murmeln seiner Frau dazu und Carlo verschwindet wieder vom Fenster. Mo steht da wie angewurzelt. Die Koppel ist jetzt wie leer gefegt. Keine Pferde mehr, keine aufblitzenden Lichter, keine umherhuschenden Gestalten. Gespenstische Stille. Als wäre das eben alles gar nicht passiert.

Erst als sich knirschende Schritte vom Hauptgebäude her durch den Kies nähern, beginnt Mo zu rennen.

2

»Willst du noch?« Kathie hält Nell den Brotkorb vor die Nase.

»Nein, danke!«

Kathie zuckt die Schultern und widmet sich wieder der Morgenzeitung und ihrem Milchkaffee.

Nell lehnt sich zufrieden auf ihrem Stuhl zurück, zwirbelt an einer schulterlangen blonden Haarsträhne und schaut aus dem kleinen Küchenfenster. In der Fußgängerzone herrscht schon jede Menge Betrieb und die Morgensonne spiegelt sich im Fluss. Ein perfekter Sommertag!

Nell nippt an ihrem Orangensaft und schnappt sich die Werbebeilagen der Zeitung. Es ist ein wortkarges Frühstück, trotzdem fühlt sie sich wohl in Kathies Gegenwart und findet es kein bisschen schlimm, dass ihre Patentante so wenig redet oder es bloß Aufbackbrötchen gibt anstatt zig Brot- und Käsesorten, Obstteller und Müslivarianten wie bei ihr zu Hause. Dafür gibt es nämlich auch keine von diesen Blicken, die Mams und Paps sich jedes Mal zuwerfen, wenn Nell mal nicht so viel Hunger hat. Und auch nicht diese übertrieben unternehmungslustigen Fragen wie: »Was könnten wir denn heute Schönes machen, hm? Magst du nicht mal wieder ein paar Freundinnen einladen?«

Im Radio dudelt leise einer dieser typischen Sommeroldies: Summer in the city … Nell lächelt in sich hinein. Ja, das mit Kathie war eine gute Idee. Sie wusste schon, warum sie die Ferien lieber bei ihr verbringen wollte anstatt mit ihren Eltern auf irgendeinem Bio-Bauernhof. Denn so lieb Nell Mams und Paps auch hat – im Moment wären sechs Wochen unter ihrer ständigen Beobachtung einfach zu viel.

Zum Glück hat Kathie Nells verzweifelten Anruf sofort ernst genommen. Mit einem einzigen Gespräch hat sie dafür gesorgt, dass Nells Eltern nachgaben. Wie genau sie das hingekriegt hat, weiß Nell bis heute nicht. Wahrscheinlich mit einem ihrer Anwalt-Tricks, mit denen sie auch sonst die Leute manipuliert, aber spielt auch keine Rolle! Hauptsache, es hat geklappt.

Ein bisschen, findet Nell, ist Kathie ihr das aber auch schuldig. Immerhin ist ihre Patentante ohne große Vorwarnung umgezogen und wohnt jetzt nicht mehr um die Ecke bei Nells Familie, sondern dreihundert Kilometer weit weg. In dieser Provinzstadt – wenn es auf den ersten Blick auch eine sehr schnuckelige Provinzstadt zu sein scheint.

»Ich will was Eigenes machen, was Sinnvolles. Dafür bin ich ja ursprünglich Anwältin geworden. Nicht, um schmierigen Großunternehmern aus der Patsche zu helfen.«

Das war es. Mehr Erklärungen gab Kathie zu ihrer Entscheidung nicht ab. Als ob sie nicht überall jede Menge Sinnvolles tun und auf alle schmierigen Großunternehmer pfeifen könnte!

Aber wenn Kathie sich was in den Kopf gesetzt hat, dann zieht sie es auch durch. So war sie schon immer, sagt Mams.

Trotzdem hatte sich Nell im Stich gelassen gefühlt, als sie von dem Umzug erfuhr. Und wie!

Immerhin lag Nell vor zwei Monaten noch im Krankenhaus und niemand wusste so genau, wie die Sache mit dieser fiesen Lungenentzündung ausgehen würde.

»Ich schon«, meinte Kathie in ihrer nüchternen Art. »Ich wusste gleich, dass du das packst! Und alles andere kriegst du auch hin, wart’s ab.«

Natürlich hatte Kathie damit recht, wie mit fast allem – jedenfalls, was den ersten Teil betrifft, den mit dem Gesundwerden. Beim zweiten ist sich Nell noch nicht ganz sicher, aber jetzt sind zum Glück sowieso erst mal Ferien und danach … Danach ist noch weit weg.

»So, ich muss dann mal.« Kathie legt die Zeitung beiseite und wirft sich ihren dunkelbraunen Zopf über die Schulter. »Am Vormittag müsstest du allein was unternehmen. Mittags treffen wir uns dann und essen eine Kleinigkeit, unten beim Italiener. Was hältst du davon?«

Nell grinst. »Viel«, antwortet sie. Etwas allein unternehmen … Das klingt wie Musik in ihren Ohren.

»Gut, also, der Hausschlüssel liegt in der Garderobe auf dem Schuhregal. Verlier ihn bloß nicht.«

Nell blickt Kathie hinterher, die ihren Teller mit dem Besteck in die Spüle stellt und dann mit ihrem Kaffeebecher im Arbeitszimmer verschwindet, ohne sich weiter um ihren Besuch zu kümmern. Als wäre Nell hier schon Dauergast.

Als sie die letzten Sachen vom Tisch räumt, fällt Nells Blick auf die oberste Zeitungsseite. Vorgestern Nacht: Mutmaßliche Tierschützer lassen Zuchtpferde frei – einige immer noch vermisst.

Ein Gestüt ist darunter abgebildet und mehrere prachtvolle Tiere. Nell spürt einen Stich in der Brust, als sie an ihren Reitstall zu Hause denkt.

»Hier, den hab ich dir noch besorgt!«

Nell zuckt zusammen. Kathie ist zurückgekommen und hält ihr einen Stadtplan unter die Nase. »Eigentlich überflüssig. Man muss sich schon anstrengen, wenn man in diesem Kaff verloren gehen will!« Kathie zwinkert ihr zu. »Trotzdem viel Spaß beim Erkunden!« Sie dreht sich wieder um. »Ach, und Nell?«

»Hm?«

»Schön, dass du da bist!«

Nell lächelt. »Finde ich auch!«

3

Mo tappt über den Flur und blinzelt verschlafen zur Uhr. Fast halb neun und sein Vater sitzt noch immer beim Frühstück. Das ist ja was ganz Neues. Um diese Zeit befindet sich Patrick Miller sonst längst in seinem Architektenbüro am Hafen. Ob es Neuigkeiten gibt wegen Luna? Der Gedanke lässt Mo schlagartig hellwach werden.

»Hast du was gehört?«, fragt er ohne ein »Guten Morgen«, kaum, dass er das Zimmer betreten hat.

Sein Vater blickt von einem Papierstapel auf und schüttelt den Kopf. »Leider nicht.«

Enttäuscht lässt sich Mo ihm gegenüber an den Platz fallen, an dem ihre Haushälterin Larissa schon gedeckt hat.

»Aber mal was ganz anderes …« Patrick Miller bemüht sich ganz offensichtlich um einen positiven Ton in seiner Stimme. »Hast du in den Ferien schon was vor, Maurice?« Er rührt in seinem Kaffee herum, was Mo seltsam findet, weil die Tasse doch sowieso schon halb leer ist – was verrührt man da denn noch?

»Nö, nicht wirklich. Sind ja fast alle im Urlaub«, erwidert Mo.

Sein Vater nickt. »Mit Urlaub wirds in diesem Jahr bei uns schwierig, das weißt du ja, die vielen Aufträge … Aber vielleicht finden wir ja was anderes, damit dir nicht langweilig wird.«

Mo schnappt sich ein Brötchen und beißt hinein. »Wieso langweilig?«, nuschelt er. »Ich kann doch alles Mögliche unternehmen.«

»Hier?« Sein Vater hebt skeptisch die Augenbrauen.

Mo zuckt mit den Schultern. Warum Erwachsene bloß immer glauben, dass einem langweilig werden könnte, nur weil man Zeit hat?! Als hätten sie schreckliche Angst davor, mal eine Sekunde lang ohne irgendwelche Pläne zu sein. Vielleicht wäre das ein neuer Fall für Mick Smart, überlegt Mo. Die Langeweile taucht in harmloser Gestalt mit Anzug und Krawatte auf und frisst dann heimlich allen Erwachsenen der Stadt ihre Arbeit weg, sodass sie nichts mehr zu tun haben, anfangen zu streiten und sich schließlich gegenseitig …

»Was hältst du von einem Fußballcamp?«, reißt Mos Vater ihn aus seinen Gedanken. »Früher hast du doch immer gerne gespielt. Oder … vielleicht das hier? Kling auch ganz interessant.«

Mo erkennt erst jetzt, dass es sich bei dem Papierstapel um jede Menge Ferienkursbroschüren handelt. Lustlos beugt er sich vor. »Jugend gestaltet Infrastruktur unserer Stadt?« Mo verzieht das Gesicht. »Boah, Papa, bei so was machen doch nur Streber mit. Außerdem sind jetzt Ferien.«

Patrick Miller lacht. »War ja bloß ein Vorschlag, du kannst dir die Sachen ja mal selbst durchblättern!« Dann blickt er zur Uhr, nimmt einen letzten hastigen Schluck Kaffee und steht auf. »Ich muss los.« Er klingt plötzlich gereizt. »Ich treffe jemanden von der Versicherung, wegen dem Pferd.« Bevor er aus dem Zimmer ist, räuspert er sich und dreht sich noch mal zu Mo um. »Du, es wäre vielleicht ganz klug, wenn du Maman noch nichts von der Sache erzählst, falls sie sich meldet. Ich will nicht, dass sie sich … Na ja, du weißt schon … grundlos aufregt.«

Mo will gerade fragen, woher sein Vater denn wissen will, dass Mamans Aufregung grundlos wäre, da klingelt es. Larissa ist schon unterwegs beim Einkaufen, darum öffnet Mos Vater selbst die Haustür, während er gleichzeitig versucht, seine Krawatte zu binden.

»Patrick, dich hätte ich ja nicht erwartet«, hört Mo eine gut gelaunte Männerstimme. Er runzelt die Stirn. Klingt verdächtig nach … Mo springt vom Tisch auf und sprintet zur Tür.

Tatsächlich! Vor dem schmiedeeisernen Tor steht Philipp Benning, sein Deutschlehrer, in Fahrradklamotten. Er ist zwar ganz okay und außerdem ein flüchtiger Bekannter seines Vaters. Trotzdem findet Mo, dass Lehrer grundsätzlich nichts bei einem zu Hause zu suchen haben. Erst recht nicht in den Ferien.

»Tag, Phil, alles klar? Gehts um Maurice?« Wie immer kommt Patrick Miller gleich zur Sache, während er den Öffner drückt.

»Ja, ist nur ’ne Kleinigkeit, und weil ich sowieso unterwegs war … Hi, Mo!« Philipp Benning winkt ihm zu und nimmt mit großen Schritten den Weg zur Haustür. »Ich wollte dir nur das hier geben.« Er reicht Mo einen Flyer, auf dem ein Tintenfass mit Schreibfeder abgebildet ist. »Vielleicht hast du ja Lust mitzumachen. Die Zeitung veranstaltet einen Sommer-Schreibwettbewerb, da hab ich gleich an dich gedacht.« Er wendet sich Mos Vater zu. »Er schreibt wirklich gut, Patrick. Seine Mick-Smart-Storys in der Schülerzeitung sind heiß begehrt, er hat sogar eine richtige Fangemeinde.«

Mo spürt, dass er rot wird. Verstohlen schielt er zu seinem Vater, der nicht sonderlich viel von Mick Smart und Mos Schreiberei hält. Auch jetzt zuckt es eher amüsiert um seine Lippen.

»Tja, leider hat Mo eben erst verkündet, er will sich in den Ferien nicht überanstrengen, stimmts?« Patrick Miller knufft seinen Sohn scherzhaft in die Schulter.

Philipp Benning lacht. »Na, ist ja kein Muss, obwohl Mo sicherlich gute Chancen in der Jugendrubrik hätte.« Er hebt zum Abschied kurz die Hand. »Überlegs dir einfach, okay?« Dann sprintet er zurück zu seinem Rad.

»Ach übrigens, Patrick …« Benning dreht sich noch mal um.

»Hm?«

»Wart ihr eigentlich betroffen? Ich meine, von diesem Einbruch im Gestüt? Ihr habt doch Pferde dort, oder?«

Mos Vater macht eine müde Handbewegung. »Ja, drei. Sie glauben, es waren Tierschützer – irgendwelche Aktivisten.« Er lacht bitter auf. »Was sind das bloß für Typen? Meinen, sie verbessern die Welt und haben keine Ahnung, was sie den armen Tieren eigentlich antun.« Patrick Miller schüttelt den Kopf. »Die meisten Pferde haben sie wieder, aber eine unserer Stuten irrt immer noch da draußen rum. Amelie wird durchdrehen, wenn sie aus Paris zurückkommt.«

Mo kriegt bei den letzten Worten seines Vaters einen Kloß im Hals und Philipp Benning wirft Patrick Miller einen mitfühlenden Blick zu. »Tut mir leid, Patrick. Ich drück euch die Daumen, dass sie wiederauftaucht! Machs gut. Du auch, Mo …« Der Lehrer winkt noch einmal, dann schießt er mitsamt Fahrrad davon.

Mos Vater greift nach seinem Autoschlüssel. »Na gut, also ich fahr dann auch mal … Bis später, Maurice!« Er wuschelt seinem Sohn noch einmal durch die braunen Locken und taucht dann in der Garage ab.

Mo ist allein. Das Ticken der riesigen Standuhr im Flur ist das einzige Geräusch im Haus. Kurz überfliegt er den Flyer in seiner Hand. Eigentlich nett, dass sein Lehrer dabei an ihn gedacht hat. Normalerweise hätte Mo sogar Lust mitzumachen, aber im Moment bleibt ihm für so was leider keine Zeit.

Mo geht in die Küche und schnappt sich noch ein Brötchen und eine Flasche Wasser für unterwegs.

Sein Vater hat zwar keine Ahnung – aber Mo hat sein eigenes Ferienprogramm. Er will Luna finden. Wenn jemand die Stute aufspüren kann, dann er. Davon ist Mo fest überzeugt.

Verraten hat er niemandem etwas davon, dass er vorletzte Nacht am Tatort gewesen ist. Selbst dann nicht, als er die Telefonate seines Vaters mit Carlo und der Polizei belauscht hat. So wirklich was gebracht hätte das ja sowieso niemandem – nur Mo. Und zwar jede Menge Ärger, auf den er gut und gerne verzichtet.

Schon gestern war Mo den ganzen Tag unterwegs – leider ohne die kleinste Spur. Aber er wird nicht aufgeben. Er darf sich gar nicht ausmalen, wie Luna irgendwo da draußen herumirrt. Am Ende sogar verletzt … Aber genauso wenig mag Mo an Mamans Reaktion denken, wenn sie erfährt, dass ihre Lieblingsstute verschwunden ist. Vielleicht haut sie dann noch öfter nach Paris ab. Umso wichtiger, dass Mo Luna findet – und zwar schnell.

Er wartet noch ab, bis sich das Motorbrummen von Patrick Millers Auto weit genug entfernt hat, dann holt er sein neues Mountainbike aus dem Unterstand und radelt los.

4

Fee huscht den schmalen, düsteren Flur entlang und wirft einen letzten Blick ins Wohnzimmer. Sie fröstelt und überhaupt ist ihr plötzlich ganz komisch im Bauch. Aber sie weiß, dass sie jetzt keinen Rückzieher machen darf. Sonst schafft sie es am Ende gar nicht mehr.

Ihr Blick wandert zur Küchenuhr. Halb vier. Höchste Zeit, Prinz zu wecken. Fee geht ins Kinderzimmer. Prinz hat sich auf ihre Betthälfte gewälzt und sein Gesicht in Fees Kissen vergraben. Sie kniet sich aufs Bett und streicht ihm übers zerwühlte Haar.

»Prinz, aufwachen, wir müssen los!«

»Hm? Was?«

Es dauert, bis Prinz seine Augen aufbekommt. Fee drückt ihm Rüssel in den Arm. Der Stoffelefant ist noch ganz warm vom nächtlichen Knuddeln.

»Wir müssen los«, wiederholt Fee.

Prinz gähnt. »Aber es ist doch noch ganz dunkel.«

»Trotzdem. Es muss sein. Komm.«

Prinz blinzelt seine Schwester an. »Wegen Mama und Papa?«, flüstert er. »Und wegen Abraka?«

Fee schluckt. »Ja, genau. Wegen Abraka. Beeil dich!«

Prinz wühlt sich aus dem Bett und Fee hilft ihm beim Anziehen. Er zittert ein bisschen. Vielleicht, weil er noch müde ist. Vielleicht auch, weil er Angst hat. Fee hat ja auch Angst. Aber die wird hoffentlich weniger, wenn sie erst mal unterwegs sind.

»Nehmen wir nur das da mit? Gar nicht mehr?« Prinz deutet auf den vollgestopften Rucksack mit den aufgeschnallten Wolldecken und Schlafsäcken.

»Nein, mehr geht nicht.« Fee schnappt sich die Sachen und zieht die Wohnungstür auf. Plötzlich will sie, dass alles ganz schnell geht und keine Zeit mehr zum Grübeln bleibt.

Im Treppenhaus rümpft sie die Nase. Diesen Geruch nach Feuchtigkeit, kaltem Rauch und Putzmittel wird sie ganz sicher nicht vermissen. Aus Gewohnheit hält Fee den Atem an, als sie hinter Prinz die Stufen vom vierten Stock nach unten sprintet.

Erst draußen holt sie wieder tief Luft. Dann nimmt sie ihren kleinen Bruder an der Hand und sie laufen los. Sie verlassen die schäbige Hochhaussiedlung am östlichen Rand der Stadt, laufen die Felder am alten Rangierbahnhof entlang bis knapp vor die große Umgehungsstraße. Und von dort im Schutz der dichten Bäume querfeldein auf die bewaldete Hügelkette zu, hinter der sich jeden Augenblick die Morgensonne hervorschieben wird.

Fee dreht sich kein einziges Mal um. Von nun an beginnt etwas Neues. Und dieses Neue, da ist sich Fee ganz sicher, liegt ganz bestimmt nicht hinter ihnen.

Als sie den schmalen, holprigen Trampelpfad nehmen, der in die Hügel führt, schielt sie zu Prinz. Ihr Bruder ist eigentlich eine echte Quasselstrippe, aber seit ihrem Aufbruch hat er kaum etwas ge-sagt.

Fee drückt seine kleine Hand. »Alles wird gut«, sagt sie. Einfach, um irgendetwas zu sagen. Und auch, weil sie selbst daran glauben will.

Prinz blickt auf und da, mit einem Mal, huscht ein überraschtes Strahlen über sein Gesicht. »Da«, ruft er und deutet aufgeregt zwischen die Bäume, »schau mal, Fee!«

Und jetzt sieht Fee es auch.

5

Nell gefällt es bei ihrer Patentante. Obwohl sie erst drei Tage hier ist, hat sie schon die gesamte Innenstadt abgeklappert, weiß inzwischen, wo es das beste Pistazieneis gibt, erfährt vom Bäcker um die Ecke die neuesten Neuigkeiten über Leute, die sie kein bisschen kennt, und hat jedes halbwegs interessante Geschäft durchstöbert. Ein paar Shirts und einige Bücher hat sie gekauft und jetzt verbringt Nell die meiste Zeit damit, sich auf einer Decke am Ufer des Flusses zu fläzen, Leute zu beobachten und zu lesen. Obwohl sie sich bemüht, nicht daran zu denken, kommt sie manchmal, ganz plötzlich, doch ins Grübeln, und sie fragt sich, wie das wird, nach dem Sommer. Wenn sie als Einzige aus der Klasse wiederholen muss – wie eine absolute Niete. Sogar der grottenschlechte Raphael hat die Versetzung noch irgendwie hingekriegt. Dann möchte Nell sich am liebsten ganz klein machen und sich wieder zurück ins Bett verkrümeln, wo sie die letzten Wochen so viel Zeit verbracht und all den Stoff versäumt hat – und jede Menge Spaß mit ihren Freunden, die bald alle eine Klasse höher sind als sie. Und natürlich denkt sie dann automatisch auch an Bella. An Bella und ihr kleines Fohlen.

Kathie hat erzählt, dass es hier ein großes Angebot an Ferienkursen für Jugendliche gibt, aber davon will Nell nichts wissen. Allein dieses Sich-Kennenlernen … Nein danke, darauf hat sie im Moment absolut keine Lust, da ist sie lieber allein.

Von Kathies Vorschlag, am späten Nachmittag ein Fahrrad zu kaufen, ist Nell allerdings begeistert.

Kathie hat nämlich erwähnt, dass es den Kanal entlang, ein Stück hinterm Hafen, ein altes Flussbad im Stil der 60erjahre gibt.

Also betreten beide wenig später das einzige Fahrradgeschäft der Stadt, in dem es nach Kettenöl und Gummireifen riecht.

»Was meinst du?« Kathie scannt mit kritischem Blick die vielen blitzenden Räder. »Das da?« Sie steuert gezielt auf ein beige-braunes Mountainbike zu. »Das hat nicht so viel Schnickschnack.«

Nell schaut auf den Preis und hebt entsetzt die Augenbrauen. »Ganz schön teuer für nicht so viel Schnickschnack, oder?«

Ein junger Verkäufer in Sportklamotten und mit gelangweiltem Gesicht schlurft kaugummikauend hinter ihnen her und beginnt, ihnen die technischen Vorteile des Fahrrads runterzuleiern, aber ­Kathie fällt ihm schon beim zweiten Satz ins Wort.

»Ja, ja, schon gut, wir nehmen es, aber nur mit 15 Prozent Rabatt. Nach den Sommerferien wird es sowieso um 20 Prozent runtergesetzt. So haben Sie etwas davon und wir auch.«

Nell schnappt nach Luft und ist sich nicht sicher, ob sie sich in Grund und Boden schämen oder ihre Patentante bewundern soll. Sie entscheidet sich erst mal fürs Rotwerden.

Dem Verkäufer begegnen Kundinnen wie Kathie wohl auch nicht alle Tage. Er starrt sie einen Moment etwas hilflos an, stammelt etwas Unverständliches und verschwindet dann erstaunlich schnell in einer kleinen Nebenkammer. Wahrscheinlich um seinem Vorgesetzten Kathies forsches Angebot zu unterbreiten.

Kathie zwinkert Nell zu und hebt bereits siegessicher den Daumen. Und tatsächlich: Als der Verkäufer zurückkommt, erklärt er ihnen, noch immer leicht verstört und mit respektvollem Abstand zu Kathie, dass er ihnen das Fahrrad ausnahmsweise für den ermäßigten Preis verkaufen kann. »Weil, der Chef hat okay gesagt«, schiebt er noch hinterher.

»Gut!«, erwidert Kathie knapp.

Nell findet das Rad zwar immer noch überteuert, aber schließlich muss sie ja nicht bezahlen, und Kathie sieht zufrieden aus.

»Machst du das immer so?«, fragt Nell, kaum dass sie mit ihrem neu erworbenen Stück aus dem Laden sind. »Ich hab es noch nicht mal fertiggebracht, auf dem Flohmarkt einen Gartenzwerg für Oma runterzuhandeln.«

Kathie sieht ihre Patentochter mit sehr ernster Miene an. »Als ich es neulich im Supermarkt an der Käsetheke probiert habe, hat es auch nicht funktioniert – obwohl der Käse schon uralt war.«

Nell verzieht das Gesicht.

»Und, wie sieht es aus?«, fragt Kathie, »Lust auf ein Eis?«

»Klar, wenn du nicht wieder versuchst zu handeln …«

Als sie sich kurz darauf mit ihren Eishörnchen gegen das Geländer an der Uferpromenade lehnen, ist Kathie richtig redselig und sie haben Spaß daran, die Leute unter die Lupe zu nehmen und sich zu überlegen, was sie wohl für Berufe haben. Ein Spiel, das sie schon gespielt haben, als Nell noch ganz klein war.

»Du bist dran«, sagt Kathie.

Als Nächster joggt ein sportlich aussehender, dunkelhaariger Typ mit Sonnenbrille an ihnen vorbei. Nell schwankt noch zwischen Fitnesstrainer und Immobilienmakler. Aber sie kommt gar nicht dazu, ihren Tipp abzugeben, denn kaum ist der Jogger an ihnen vorüber, stoppt er, trippelt ein paar Schritte rückwärts, nimmt seine Sonnenbrille ab und starrt Nells Patentante ungläubig an. »Kathie? Kathie Link? Ich fass es ja nicht!«

Nell befürchtet schon, er will Kathie umarmen, so wie er die Arme ausbreitet und strahlend auf sie zusteuert. Aber entweder erinnert er sich daran, dass Kathie solche Begrüßungen hasst, oder aber daran, dass er ziemlich verschwitzt ist. Jedenfalls unterlässt er es und bleibt mit etwas Abstand vor ihnen stehen. Trotzdem ist seine Freude nicht zu übersehen.

»Phil Benning!« Nells Patentante reagiert verhalten, aber wenigstens nicht unhöflich. Und vielleicht, denkt Nell, freut sie sich sogar auch ein bisschen, denn ihre Augen leuchten für einen klitzekleinen Moment auf.

Der Mann schüttelt grinsend den Kopf. »Du hast dich kaum verändert – siehst noch genauso hübsch aus wie früher!«

Kathie räuspert sich unbeholfen. »Ja, also … Das hier ist meine Patentochter Nell«, stammelt sie. »Sie verbringt ihre Sommerferien bei mir.«

»Hallo, Nell!« Phil Benning nickt ihr mit einem kurzen, freundlichen Lächeln zu, wendet sich dann aber gleich wieder Kathie zu. »Dann stimmt es also, was der alte Freddie am Zeitungskiosk ausgeplaudert hat? Du bist wieder zurück?«

»Freddie, die Quasselstrippe …« Kathie rollt mit den Augen. »Aber ja, stimmt. Ich bin dabei, hier meine eigene kleine Kanzlei aufzubauen.«

Phil Benning pfeift anerkennend durch die Zähne. »Respekt!« Er deutet an sich herunter. »Ich hab es gerade mal zum Deutschlehrer geschafft, und das auch nur … an unserer alten Schule.«

Kathie reißt die Augen auf. »Echt? Die haben dich genommen?« Dann lächelt sie schief. »Nein, find ich gut, Phil. Passt zu dir!«

Danach schweigen sich beide an und Nell findet die ganze Situation mehr als eigenartig. Nicht bloß, weil sie hier einen alten Bekannten von Kathie getroffen haben. Auch, dass die beiden zusammen hier zur Schule gegangen sein sollen, macht Nell stutzig.

Phil Benning ergreift als Erster wieder das Wort. »Weiß Patrick denn schon, dass du wieder hier bist? Der würde sich sicher auch –«

»Nein!« Kathie fährt ihm so brüsk ins Wort, dass Nell zusammenzuckt. Sie schüttelt den Kopf. »Nein«, wiederholt sie etwas sanfter. »Muss er auch nicht wissen.« Nervös fingert sie an ihrer Eisserviette herum.

»He, wie wärs, wenn Nell und du mal zum Grillen vorbeikommt?«, lenkt Phil das Gespräch in eine andere Richtung. »Ich wohne jetzt in dem kleinen Steinhaus. Du weißt schon, das an der Schleuse.«

Jetzt huscht ein Strahlen über Kathies Gesicht. »Das alte Schleusenhaus? Das wolltest du schon immer!«

Dann tauschen die beiden ihre Nummern aus und verabreden sich locker für einen der folgenden Abende.

Als Phil Benning außer Hörweite ist, reicht ein einziger fragender Seitenblick von Nell.

»Jaaa«, sagt Kathie gedehnt. »Ich bin hier geboren. Phil ging in meine Parallelklasse. Wir hatten eigentlich nicht viel miteinander zu tun, aber dann haben wir uns irgendwie angefreundet. Keine Ahnung, eher zufällig.« Sie blinzelt in die Ferne.

Nell hofft, dass Kathie noch mehr erzählt, aber es kommt nichts weiter und Nell mag nicht nachbohren. Sowohl ihre Kindheit als auch ihre Familie lässt Kathie am liebsten außen vor. Als habe ihr Leben erst mit dem Studium und dem Kennenlernen von Nells Mutter begonnen. Und nicht einmal ihre beste Freundin weiß besonders viel über Kathies Vergangenheit.

»Dein Eis tropft«, stellt Kathie fest und reicht Nell ihre Serviette.

»Oh!« Nell versucht, sich die Eissoße von ihrem neuen T-Shirt zu tupfen. Dann machen sie sich auf den Nachhauseweg.

Noch einmal begegnen sie Phil, der ihnen joggend von der anderen Straßenseite aus zuwinkt.

Nell winkt zurück und schielt zu ihrer Patentante. Aber was hinter Kathies Miene vorgeht, kann sie nicht deuten. Fast kommt es ihr so vor, als habe Kathie sich ein Schild vorgehängt, auf dem steht: Für den Rest des Tages geschlossen!