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"Ein richtiger Kerl ist überall auf der Welt zu Hause." Das meint zumindest Lisas Mama, die aus Peking stammt. Aber die neunjährige Lisa ist sich da nicht so sicher. Denn als sie mit ihrer Familie nach Deutschland gezogen ist, musste sie ihre beste Freundin und ihre geliebte Schule in Peking verlassen. Außerdem hat Lisa einen Herzenswunsch: Sie möchte in den Ferien zu ihren chinesischen Großeltern fliegen. Und zwar alleine!
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2012
Leela Wang, geboren 1973 in Peking, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Beijng Jiaotong University und Medienkommunikation in Chemnitz. Während ihrer Zeit in Deutschland organisierte sie nebenbei internationale Austauschprogramme für Jugendliche, dolmetschte für verschiedene Kulturveranstaltungen und schrieb für die Chinese European Post. Zusammen mit ihrem deutschen Ehemann und zwei Kindern lebt Leela Wang abwechselnd in Deutschland und in China, zurzeit in Nanjing.
Leela Wang
SOMMERFERIENIN PEKING
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Überarbeitete Neuausgabe der im Baumhaus Verlag erschienenen Hardcoverausgabe
Copyright © 2012 by Baumhaus Verlag in der Bastei Lübbe AG, Köln
Umschlaggestaltung: Tanja Østlyngen unter Verwendung der Covergestaltung von Judith Knabe
E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
ISBN 978-3-8387-1651-0
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Für Alisa,die die Reise nach Peking allein geschafft hat.
Noch vor Weihnachten
Die neue Schule
Der peinlichste Moment meines Lebens
Im Juni kommt das kaiserliche Edikt
Eine gute Vorbereitung
Der Flug nach Peking
Feuer und Bambus
Mi Mi und Chinesisch
Ping und Meister Zhao
Auf dem Gemüsemarkt
Spy Kid
Zhen Zhen, der Panda
Onkel Peter und Sophie
Das Geheimnis der Pekingente
Lei und Abitur
Jiaozi für alle
Kleines China-Glossar
»Was riecht hier so gut? Habt ihr Kekse gebacken?« Papa ist gerade von seiner Arbeit zurückgekommen und steckt den Kopf durch die Küchentür.
»Papa! Papa ist da!« Ricky klettert von seinem Stuhl herunter und schmeißt sich in Papas Bärenarme. Nach einem bärtigen Kuss lässt er meinen Bruder wieder auf den Boden.
»Das hast du ja hübsch gemacht, Lisa«, begrüßt mich Papa lächelnd und schaut auf die Weihnachtsdekoration. Auf dem Tisch steht mein Weihnachtsteller, den ich in der Schule aus Tannenzapfen und roten Beeren gebastelt habe.
»Ich weiß.« Ich lächle zurück und decke weiter den Tisch. Es sind nur noch ein paar Tage bis Weihnachten und Mamas Augen strahlen jetzt schon wie die Lichter am Weihnachtsbaum. »Stell dir vor, wir haben acht verschiedene Sorten Kekse gebacken!«, sagt sie stolz.
Papa ist beeindruckt. »Da wart ihr aber fleißig!«
»Tja«, Mama zuckt nur mit den Achseln, »nicht wirklich. Ich habe heute eine Keksparty veranstaltet. Sieben Feen waren zu Gast und jede hat eine Sorte Plätzchen gemacht.«
Mama zwinkert Ricky und mir zu und streckt Papa eine Dose Kekse entgegen:
»Schau sie dir mal an!«
Papa bekommt große Augen: »Wirklich? Welche Feen?«
Bevor Mama antworten kann, sagt Ricky schon laut und stolz: »Ich weiß es, Papa. Fee Lucy aus Schokoladenland, Fee Susi aus Zuckerland, Fee Althea aus Milchland und … den Rest habe ich vergessen.«
Typisch Mama, denke ich. Sie hat sich mal wieder eine Geschichte ausgedacht. Von Feen, Drachen oder Piraten kann sie erzählen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Und mein Bruder Ricky, der gerade mal drei Jahre alt ist, glaubt alles, was sie sagt. Doch die Keksparty hat Mama bestimmt wieder für den internationalen Klub organisiert. Und dass Tante Lucy in Wirklichkeit aus Kanada kommt, Tante Susi aus Schottland und Tante Althea aus Italien, das weiß ich ganz genau. Ich bin nämlich schon neun. Und Mama hat mir nach der ersten Kochparty des internationalen Klubs alle Länder auf der Weltkarte gezeigt, aus denen die Tanten kommen.
»Aha«, lacht Papa, der bereits an solche Geschichten von Mama gewöhnt ist. »Sind die Florentiner von der Mama Fee?«
Schon beißt er in einen hinein: »Hmm, lecker. Die sind aber wirklich groß!« Das stimmt. Mamas Kekse sind mindestens doppelt so groß wie alle anderen Kekse.
Bevor Papa noch einen weiteren Keks nehmen kann, kriegt er einen Klaps auf die Hand.
Papa zieht die Hand zurück: »Was? Groß ist doch schön – wie der Kaiserpalast, der Große Buddha von Leshan, die Chinesische Mauer …«
»Und meine ehemalige Schule in Peking!«, bringe ich Papas Satz zu Ende.
Mama wirft mir einen kurzen Blick zu, dann kann sie sich ein Kichern nicht mehr verkneifen: »O.K. Aber nimm nicht so viel. Die Kinder haben schon fast eine ganze Keksdose aufgefuttert und ich will doch noch etwas nach Peking schicken.«
Plätzchen backen ist nicht gerade Mamas Stärke. Sie hat es erst in Deutschland von Tante Peggy Morgenstern gelernt, der Mama von Max. Tante Peggy ist Mamas beste Freundin und wir wohnen in demselben Doppelhaus – wir auf der Ostseite und Morgensterns auf der Westseite. Aber dass Tante Peggy und Mama sich so gut verstehen, liegt wohl auch daran, dass Max’ Papa in Peking arbeitet. Meine Mama kommt nämlich aus Peking und nach meiner Geburt haben wir zuerst ein paar Jahre in Deutschland gelebt und sind anschließend nach Peking gezogen. Wir haben dort drei Jahre lang gewohnt. Viel zu kurz, wenn man mich fragt. In Schönau, dem kleinen Vorort, in dem wir jetzt wohnen, gibt es nur eine einzige Chinesin, meine Mama. Und das, obwohl mehr als 1,3 Milliarden Chinesen auf der Welt leben!
Auf jeden Fall ist Tante Peggy oft bei uns – mit Max, natürlich.
Max ist jetzt zehn Jahre alt und geht mit mir in die gleiche Schule. Als wir von China hierher gezogen sind, habe ich ihn gleich wiedererkannt. Er hat immer noch so blonde, lockige Haare. Neu ist, dass er jetzt fast jeden Tag Fußball spielt und einen Golden Retriever, Sandy, hat.
Mama sagt oft: »Was für ein Glück, dass wir Morgensterns neben uns haben …« An manchen schönen Sommerabenden sitzen meine Mama und Tante Peggy einfach nur auf der Treppe vor unserem Doppelhaus und unterhalten sich. So lange, bis sie Abendbrot machen müssen. Dabei kichern sie ab und zu laut – wie zwei kleine Mädchen. Was ich nicht verstehen kann: Wenn die Erwachsenen zusammenkommen, dann unterhalten sie sich nur. Sie reden und reden und spielen nicht mal »Hase und Jäger« oder »Stille Post« miteinander.
Einmal, auch an so einem schönen Abend, lobte Tante Peggy Mamas Kochkunst. Da verriet ihr Mama: »Ich kann keine Kekse backen. Wir Chinesen haben meist gar keine Backöfen zu Hause.«
»Aber Kekse backen ist nicht so schwierig«, hat Tante Peggy erwidert. »Morgen bringe ich ein Rezept und Zutaten mit und wir backen etwas zusammen.« Und so hat Mama Florentiner backen gelernt.
Mama scheint jetzt so richtig zufrieden mit sich zu sein. »Weißt du, ich habe sieben neue Rezepte, die ich ausprobieren kann«, erzählt sie Papa ganz verzückt. »Wir haben nämlich nicht nur gemeinsam Kekse gebacken, sondern auch die Rezepte ausgetauscht und alle sind davon begeistert. Ist die Keksparty nicht eine tolle Idee?«
Papa umarmt Mama: »Eine ganz tolle Idee! Aber was ist mit dem Copyright?«
Haben Keksrezepte auch Copyright? Ich wundere mich.
Mama wird rot. Und Papa schafft es gerade noch, einen dicken Kuss auf ihre Wange zu drücken, bevor ein Kochlöffel auf seinem Kopf landet.
»Yak! Schau mal, Ricky, Papa hat Mama geküsst«, lache ich laut. Ricky schreit aber noch lauter: »Schneller! Mama! Schneller!«
Das ist wirklich eine spannende Jagd: Papa springt über das Sofa und Mama mit dem Kochlöffel hinterher.
»O.K., O.K., du hast gewonnen!« Papa ist ein bisschen außer Atem und hält sich mit beiden Händen den Kopf. Wie immer gibt er zuerst auf. Ich und Ricky klatschen begeistert in die Hände und jubeln laut dazu: »Hurra! Mama hat gewonnen!«
Mama winkt uns mit dem Kochlöffel zu und verbeugt sich elegant.
»Jetzt setzt euch bitte alle an den Tisch. Es gibt Abendessen!«, kommandiert sie wie ein General. Am Tisch frage ich: »War Tante Peggy heute auch da?«
»Ja, sie war auch da«, antwortet Mama, »und stellt euch vor, Max ist gestern allein nach Peking zu seinem Papa geflogen!«
Davon hat Max mir gar nichts erzählt! Ich bin neugierig: »Warum fliegt er allein? Wann kommt er zurück?«
Mama und Papa wechseln einen kurzen Blick und Mama antwortet schnell: »Er bleibt nur über Weihnachten bei seinem Papa.«
»Warum verbringt Max Weihnachten nicht zusammen mit seinen Eltern?«, frage ich weiter. »Früher kam Max’ Papa Jörg doch immer von Peking zurück, um hier Weihnachten zu feiern.«
Mama überlegt, als wäre die Frage sehr schwierig zu beantworten. Als ich zwischen Mama und Papa hin- und herstarre, sagt Papa plötzlich begeistert: »Wow, das ist sehr mutig! Max ist nur ein Jahr älter als Lisa, stimmt’s?«
»Ja. Er hat es auch super geschafft. Ganz allein!«, antwortet Mama. Jetzt nicken die beiden so, als ob Max der beste Junge der Welt wäre. Seltsam. Ich finde Max eigentlich ein bisschen zu frech, wie alle Jungen in der Schule.
»Hast du vergessen, Papi, dass er einmal alle deine Hemden aus dem Schrank herausgezogen und auf den Fußboden geschmissen hat?« Papa lacht und schneidet Fischstäbchen für Ricky. »Er war damals erst vier Jahre alt. Und das hat damit auch gar nichts zu tun.«
»Ricky ist erst drei und macht schon nicht mehr solchen Unfug«, behaupte ich hartnäckig. Leider fängt Ricky gerade in diesem Moment zu brüllen an: »Ich will keine Fischstäbchen! Ich will Kekse essen! So viele noch!« Und dabei streckt er uns alle zehn Finger entgegen.
Na gut, Ricky ist immer noch ein Jahr jünger, als Max damals war. Papa hat damals jedenfalls selbst gesagt: »So ein frecher Junge!«
Mama zwinkert mir zu und sagt: »Da ist wohl jemand ein bisschen eifersüchtig, oder nicht?«
»Natürlich nicht!« Ich bin etwas verlegen, aber dann habe ich plötzlich eine Idee. »Warum sollte ich? Ich fliege in den Sommerferien auch allein nach Peking. Zu Oma und Opa!«
»Wirklich?«, fragen Mama und Papa wie aus einem Mund.
»Ja, bitte! Ist das nicht eine tolle Idee?« Je mehr ich darüber nachdenke, desto begeisterter werde ich. »Ich habe meine Lao Lao und meinen Lao Ye fast drei Jahre nicht mehr gesehen. Wäre es nicht toll, wenn ich bei ihnen die Sommerferien verbringen würde?«
Oma und Opa heißen auf Chinesisch Lao Lao und Lao Ye. Wenn ich das sage, dann wissen alle in meiner Familie, dass ich meine chinesischen und nicht meine deutschen Großeltern meine. Ganz praktisch.
Ich füge hinzu: »Ich könnte auch meine beste Freundin Sophie und Onkel Peter wieder besuchen! Und meine ehemalige Schule und Ms Welsen!« Mein Herz schlägt jetzt viel schneller.
Papa und Mama blicken sich bestürzt an. »Es ist nicht so einfach, wie du denkst. Wir können in den Sommerferien nicht so lange Urlaub nehmen.«
Ich unterbreche sie schnell: »Müsst ihr auch nicht. Ich habe doch gesagt, dass ich allein nach Peking fliegen will!«
Mama seufzt und schaut mir direkt in die Augen. Ihre Stimme ist jetzt zärtlich und leise: »Lisa, du weißt, dass deine ehemalige Schule in Peking dann auch Ferien hat. Niemand in deiner Schule wird da sein.«
Sie weiß, wie ich meine ehemalige Schule vermisse. Sie weiß auch, dass Ms Welsen aus Australien meine Lieblingslehrerin war. Ich senke meinen Blick auf den Teller und presse meine Lippen fest zusammen. »Dann eben keine Schule. Aber ich will zumindest Lao Lao und Lao Ye in Peking besuchen«, sage ich entschlossen.
Papa räuspert sich und fängt vorsichtig an: »Na ja, die Idee ist nicht schlecht, aber … »
Ich stopfe mir die Ohren zu und sage hastig: »Kein ›Aber‹. ›Aber‹ ist nie gut!«
»Lisa!« Mamas Ton klingt diesmal sehr bestimmt. Dann folgt ein Blick, der »Schluss jetzt!« heißt. Ich kenne solche Blicke von Mama und weiß, dass sie auch sehr streng werden kann. Am liebsten hätte ich geschrien: »Es ist so unfair! Du musst doch wissen, wie ich Lao Lao und Lao Ye vermisse!« Aber stattdessen greife ich nach meinem Wasserglas und trinke einen Schluck. Meine Hand zittert dabei ein wenig – und plötzlich fällt mir wieder etwas ein.
Ich sage beschwörend: »Ich kann auch in Peking viel besser Chinesisch üben als am Samstag in deiner Chinesisch-Schule, wo wir jedes Mal nur ein paar Sätze lernen. Das ist viel zu leicht. Außerdem sprechen alle Kinder nach dem Unterricht wieder nur Deutsch miteinander.«
Ich schwöre, Mama ist von meinem Argument schon überzeugt. Das kann ich an ihrem Lächeln sehen. Sie gibt es nur noch nicht zu. Aber so sind die Erwachsenen halt.
Seit wir von Peking nach Deutschland gezogen sind, versucht Mama eifrig, mir Chinesisch beizubringen. Irgendwann kam sie auf die Idee, eine Chinesisch-Schule zu gründen, wo Kinder am Samstagvormittag Chinesisch lernen können. Am Anfang sind nur fünf Kinder von Mamas Freunden zum Unterricht gekommen und das Klassenzimmer war einfach unser Wohnzimmer. Jetzt sind wir schon 15 Kinder und unser Wintergarten ist als Klassenzimmer langsam zu klein. Es wäre eine Katastrophe für Mama, wenn ich später keine schönen chinesischen Bücher lesen könnte.
»Ich will auch nach Peking fliegen!«, schreit plötzlich Ricky, den wir fast vergessen haben. Oh nein!
»Du bist noch zu klein dafür. Du bist doch noch ein Baby!«, sage ich genervt.
Ricky starrt mich mit großen Augen an und schreit noch lauter: »Mama, Lisa sagt, ich bin ein Baby!«
Mama wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu und tröstet ihn: »Nein, du bist natürlich kein Baby, sondern ein großer Junge, der schon Scooter fahren kann!«
»Ja, du bist nämlich der Scooterman!«, kommt Papa jetzt dazu.
»Scooterman?« Ricky guckt irritiert zu Mama. Er ist gerade von Spiderman begeistert und wünscht sich vom Weihnachtsmann nichts sehnlicher als ein Spiderman-Kostüm.
Mama lenkt ein: »Ja, Scooterman. Der beste Freund von Spiderman. Weißt du, es war einmal …«
Da ist mein Chance vorbei. Wenn Mama mit so ausgedachten Geschichten anfängt, dann kann sie ohne Ende erzählen.
»Über die Chinareise reden wir später«, sagt Papa nur knapp. Ich wollte noch protestieren, doch meine Eltern lassen keinen Widerspruch mehr zu. Mama hätte vielleicht gleich zugestimmt – wenn Ricky nicht gestört hätte. Manchmal ist es ganz schön anstrengend, einen kleinen Bruder zu haben.
Als Papa mich und Ricky später ins Bett bringt, erzählt er mit großer Begeisterung: »Heute hat der Vollmond die geringste Entfernung von der Erde. Deswegen ist er auch 30 % heller und 14 % größer als normalerweise und wird auf Englisch ›perigee moon‹ genannt.« Papa hat in England studiert und weiß eben alles, auch zum Beispiel, dass der Leshan Buddha 71 Meter hoch ist und vor über 1 000 Jahren von einem chinesischen Mönch gebaut wurde.
In der Nacht wälze ich mich lange im Bett herum. Der Mond ist heute Abend wirklich so hell und groß, dass ich alles in meinem Zimmer genau sehen kann. An der Wand hängt der rote Libellendrachen, den wir von Peking mitgebracht haben. Er schaut mich mit seinen großen Augen an, als wollte er sagen: »Ich weiß, was dein Herzenswunsch ist.«
Woher sollte er das wissen? Ich wundere mich. Ich habe doch selbst erst jetzt gemerkt, dass ich nach China zu Lao Lao und Lao Ye fliegen möchte.
Als ich die Schatten auf dem Mond anschaue, versuche ich Chang’e, die »Göttin des Mondes«, und ihren Jadehasen zu erkennen. Lao Lao hat mir diese Geschichte oft bei Mondfesten erzählt: »In der Vorzeit gab es zehn Sonnen, in die sich die zehn Söhne des Kaisers Jade verwandelt hatten. Die Erde vertrocknete und die Ernte verdorrte. Hou Yi, der Bogenschütze, schoss alle Sonnen herunter, bis auf die letzte, die bis heute jeden Tag pünktlich auf- und untergeht. Als Belohnung bekam er von der Königinmutter die Pille der Unsterblichkeit geschenkt. Die Königinmutter warnte ihn jedoch: Um unsterblich zu werden, benötigt man nur die Hälfte der Pille. Hou Yi versteckte daraufhin die Pille gut in einem Kästchen und untersagte seiner Frau Chang’e, das Kästchen zu öffnen. Aber Neugier packte Chang’e und sie fand die Medizin genau in dem Moment, als Hou Yi nach Hause kam. Aus Panik schluckte sie die ganze Pille der Unsterblichkeit und schwebte daraufhin zum Mond empor. Seitdem lebt sie dort ganz allein, als Göttin des Mondes. Nur ihr weißer Hase, der Jadehase genannt wird, ist bei ihr. Und manchmal, wenn man genau hinschaut, kann man die beiden erkennen.«
Ich betrachte den Mond noch eine ganze Weile: Heute kann ich die Göttin und ihren Jadehasen besonders gut sehen. »Vollmond, hmm?«, denke ich, das muss doch auch eine Bedeutung haben. Bei Vollmond geht doch bestimmt mindestens ein Herzenswunsch in Erfüllung …
Ich muss zugeben, dass ich ziemlich enttäuscht war, als ich das erste Mal vor meiner neuen Schule in Schönau stand. Durch den Umzug hatte ich die erste Schulwoche verpasst und war ziemlich nervös, aber Mama sagte schon vor unserem Besuch, dass ich die neue Schule mögen würde. Als ich dann das Schulgebäude sah … An diesen Tag erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen.
»Schau mal den kleinen roten Turm und die blühende Clematis an der Wand! Wie romantisch!«, rief Mama und zeigte aufgeregt durch das Autofenster, während Papa parkte. Was ich jetzt sah, gefiel mir gar nicht: Die Schule war im Prinzip nur eine alte Villa mit einem großen Garten. Meine ehemalige Schule in China war riesengroß und modern! Wir hatten zwei gigantische Spielplätze und eine riesengroße Turnhalle. Eine Cafeteria hatten wir auch, und es wurde immer lecker gekocht. O.K., die Schule in Schönau war schon 150 Jahre alt und vorher wohnte da die Familie eines italienischen Künstlers. Na und?
Papa sagte zu mir: »Ich glaube, du kannst sogar in die Schule laufen. Ich schätze mal: Sie ist maximal 20 Minuten von zu Hause entfernt.«
In China fuhr ich mit unserem Schulbus zur Schule, der direkt vor unserer Haustür hielt. Aber man musste lange fahren, besonders wenn es Stau gab, was oft passierte. Zum Glück saß ich im Bus immer neben Sophie, meiner besten Freundin, sodass es mir nie langweilig wurde.
Die holzigen Treppenstufen quietschten laut, als Papa und Mama Ricky in seinem Kinderwagen hochtrugen. Einen Aufzug gab es in so einem alten Haus natürlich nicht.
Als Papa und Mama auf einem weißen Sofa vor dem Büro der Direktorin saßen und warteten, schaute ich mich etwas um: die breiten Sofas, die vielen grünen Pflanzen, die großen Fenster … Ricky saß im Kinderwagen und starrte gebannt auf ein paar bunte Fische, die in einem Aquarium herumschwammen und Mamas Fingerbewegung folgten.
Als ich durch das große Fenster in den Garten schaute, traute ich meinen Augen kaum. »Mama, schau mal. Ist das … ein Pony?« Tatsächlich: Da war ein schneeweißes Pony im Hintergarten, das gerade frisches Gras knabberte.
»Hast du schon unsere Scheddy entdeckt?«, fragte eine Stimme hinter mir. »Wir haben auch noch ein paar Hasen und eine schwarze Ziege.«
Als ich mich umdrehte, sah ich zwei Frauen, die mir die Hand reichten. Es ist hier üblich, dass man sich bei der Begrüßung die Hand gibt. Das habe ich schon kapiert. Also schüttelte ich ihre Hände und sagte höflich: »Hallo.« Mama hatte mir vorher ein paar Mal gesagt, wie wichtig es sei, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen. Aber nun konnte ich unmöglich noch länger mit meiner Frage warten: »Dürfen wir in der Pause auf dem Pony reiten?«
»Nicht in der Pause, aber nach der Schule. Die Pause ist zu kurz fürs Reiten. In der Pause wird Scheddy nur gestreichelt und gefüttert.« Die ältere Dame schaute stolz meine Eltern an und erzählte weiter: »Unsere Kinder kümmern sich selbst um die Tiere.«
Hieß das, wenn ich in diese Schule gehe, darf ich jeden Schultag Scheddy füttern und auf ihr reiten? Mein Herz schlug schneller und ich schaute Mama an. Sie zwinkerte mir spitzbübisch zu, als ob sie damit ausdrücken wollte: »Habe ich nicht gesagt, dass es dir hier gefallen wird?«
Die ältere Dame war Frau Richter, die Direktorin. Die andere Frau war ziemlich jung. Sie trug einen kurzen Rock und Schuhe mit hohen Absätzen!
»Du musst Lisa sein«, sagte sie. »Ich bin Grit und unterrichte in der zweiten Klasse. Ich freue mich, dich kennenzulernen.«
Eigentlich hieß sie Frau Wolf, aber die Kinder durften alle Grit zu ihr sagen. »Frau Wolf« hätte auch gar nicht zu ihr gepasst, da sie so ein sympathisches Lächeln hatte. Ich mochte sie sofort.
Die beiden führten uns nun direkt zu einem Klassenzimmer. An der Tür hing ein großes, von Kindern bunt bemaltes Schild. »Herzlich willkommen«, las ich leise vor mich hin. Merkwürdigerweise fiel mir das Deutschlesen gar nicht so schwer. Das war wie in meiner ehemaligen Schulklasse in China. Damals war ich sogar die Erste, die lesen konnte – allerdings auf Englisch.
In dem Klassenzimmer gab es viele interessante Sachen, sodass ich nicht wusste, wohin ich zuerst schauen sollte: bunte Kinderbilder, lustige Tierfiguren, gebastelt aus Kastanien, eine Kuschelecke mit weichen Kissen und durchsichtige Vorhänge …
»Wo sind die Kinder?«, fragte ich.
»Beim Sportunterricht«, sagte Grit. »Wir haben keine eigene Turnhalle, aber die nächste Sporthalle ist nur zehn Minuten zu Fuß entfernt.«
»Was ist das?« Als ich die vielen Pyramiden aus goldenen Kugeln sah, wurde ich neugierig. Grit sagte: »Damit kann man die Potenzrechnung lernen. Das kommt zwar noch nicht in der zweiten Klasse dran, aber wenn du willst, kann ich es dir kurz zeigen.«
Mit den Pyramiden zu rechnen, war spannend und Grit war genauso nett wie Ms Welsen, fand ich.
Als meine Eltern mit Frau Richter wieder ins Büro gingen, um irgendwelche Formulare zu holen, wartete ich mit Ricky im Flur. Es klingelte plötzlich und viele Kinder stürmten aus den Klassenzimmern heraus. Max war einer davon.
»Hallo, Lisa«, sagte er und lief zusammen mit einem anderen Jungen sofort zu uns herüber. Die anderen Kinder stoppten und schauten mich neugierig an. Ich fühlte mich plötzlich ganz merkwürdig: Was ist, wenn die Kinder mich gar nicht mögen?
Zu meiner Überraschung beugte sich der andere Junge zum Kinderwagen hinunter.
»Ist das dein Bruder?«, fragte er. Er ließ Ricky mit seinen Fingern spielen und lächelte ihn an.
Ich glaubte es nicht. Seit wann mögen Jungen denn Babys? Bevor ich etwas sagen konnte, antwortete Max schon für mich: »Er heißt Ricky. Er ist Lisas Bruder.«
Ricky freute sich über die Aufmerksamkeit und lächelte den Jungen fröhlich an. Vor Aufregung bekam er sogar einen lauten Schluckauf.
»Oh, er hat Schluckauf! Wie süß!«
Jetzt kamen noch einige Mädchen dazu: »Darf ich auch mal seine Hand halten?«, fragten sie mich.
Eine Gruppe Kinder rannte von draußen herein. Bestimmt war das die zweite Klasse, die jetzt vom Sportunterricht zurückkam.
Um mich herum war plötzlich so viel Trubel, dass ich fast nicht gemerkt habe, dass die Kinder im Flur mittagessen mussten, weil die Schule keine Cafeteria hatte.
»Bist du Max’ neue Nachbarin aus China?«, fragte ein Mädchen mit roter Brille. Sie war das einzige Mädchen, das sich im Moment mehr für mich als für Ricky interessierte.
»Ja«, sagte ich. Warum fiel mir nichts ein, was ich noch sagen konnte?
»Wie heißt du denn?«, wollte sie wissen.
»Lisa«, antwortete ich. »Lisa Wang.«
Es ist in China üblich, dass die Frauen nach dem Heiraten ihren Familiennamen behalten. Meine Eltern haben sich bei ihrer Heirat darauf geeinigt, dass sie das auch so machen wollen. Ich glaube, damals hatte jemand vorgeschlagen, dass Mama doch lieber Papas deutschen Namen übernehmen sollte. Weil es dann für Mama leichter wäre und niemand gleich an ihrem Namen merken könnte, dass sie eine Ausländerin ist.
»Aber ich bin doch eine Chinesin. Na und?«, sagte Mama nur. Und da ich das erste Enkelkind von Lao Ye und Lao Lao bin, sollte ich den Familiennamen Wang auch übernehmen. Wenn alles nicht so gewesen wäre, hätte meine Mama meine Klassenlehrerin Grit so begrüßen müssen: »Hallo, Frau Wolf. Ich bin Frau Hase …« Das ist nämlich der Nachname meines Papas. Das wäre doch sehr lustig gewesen.
»Ist Wang auch Chinesisch?«, fragte das Mädchen wieder.
»Ja, Wang heißt König«, versuchte ich zu erklären.
»Aha.« Sie lachte mich mit leuchtenden Augen an: »Lisa König heißt du dann.«
Jetzt musste ich ebenso lächeln.
»Kommst du auch auf unsere Schule?«, fragte sie mich weiter.
»Vielleicht …« Meine Eltern hatten mir gesagt, dass wir uns noch andere Schulen anschauen würden, falls mir diese nicht gefiel. Nach kurzem Zögern sagte ich jedoch: »Ja, ich denke schon.«
Dann sah ich, dass meine Eltern aus dem Büro herauskamen. »Ich muss jetzt gehen. Tschüss!«, sagte ich entschuldigend zu dem Mädchen.
»Tschüss«, sagte sie freundlich zurück. »Bis bald!«
»Die Kinder sind aber sehr nett. Findest du nicht?«, fragte mich Papa begeistert auf dem Weg zum Auto.
»Ja«, antwortete ich nur beiläufig und fragte mich, wie das Mädchen mit der roten Brille wohl heißen würde. Und dann dachte ich, dass so ein nettes Mädchen bestimmt schon ganz viele Freunde in der Klasse hatte, da die Kinder in der zweiten Klasse einander schon ein Jahr lang kannten. Nur mich kannte keiner. Ich war neu.
Sie hieß Emily. Als ich an meinem ersten Schultag ins Klassenzimmer kam, sah ich sie schon: Das Mädchen mit der roten Brille, das mir fröhlich winkte. Ich lächelte ihr zaghaft zu und freute mich, als Grit sagte, dass ich an Emilys Vierertischgruppe sitzen durfte. Ich bekam den Platz neben Nicole, und Emily und Sarah saßen uns gegenüber. Die drei waren offensichtlich schon gute Freundinnen.
Erst im Deutschunterricht wurde mir klar, dass ich noch Schreibschrift lernen musste. Das war ziemlich anstrengend. Ich hatte in China nicht mal gehört, dass es so etwas wie Schreibschrift gab.
»Warum müssen wir das lernen?«, jammerte ich in der Pause.
»Ach, Lisa, das schaffst du schon«, sagte Sarah.
»Chinesisch zu schreiben ist bestimmt viel schwieriger als Schreibschrift«, meinte Nicole.
»Wenn du willst«, schlug Emily vor, »bringe ich dir die Schreibschrift bei und du mir Chinesisch.«
Zum Glück hatten wir gleich danach Kunstunterricht und wir sollten mit Luftballons etwas basteln. Bevor es losging, fragte unsere Kunstlehrerin Frau Zimmermann, was im Innern des Luftballons sei.
»Nichts!«, riefen alle Kinder.
»Überlegt noch mal!«, sagte Frau Zimmermann geduldig und schob ihre Brille hoch.
»Nichts«, war immer noch die Antwort. Viele Kinder schüttelten nun die Ballons und kicherten laut.
»Wirklich nichts?«, fragte Frau Zimmermann nach einer Weile erneut.
Die Art und Weise, wie sie es sagte, gab mir den Eindruck, dass die Antwort nicht so einfach sein sollte. Ich nahm den Luftballon hoch, hielt ihn gegen das Licht und schaute noch einmal hinein. Es gab nichts in dem Ballon. Ich überlegte und plötzlich fiel mir doch eine Antwort ein.
Ich hob meine Hand. Frau Zimmermann drehte sich zu mir und sah ein bisschen überrascht aus: »Ja, Lisa?«
»Luft!« Ich sagte es schnell und laut: »Luft ist in dem Luftballon drin!« Ich merkte, wie die ganze Klasse mich anstarrte.
»Richtig! Gut gemacht, Lisa!« Frau Zimmermann nickte lobend. Ich war wirklich glücklich darüber, dass ich eine richtige Antwort gegeben hatte. Und das sogar an meinem ersten Schultag!
