Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Sonntagsschüsse - Jonas Philipps

Rassige Derbys, feierwütige Fußballspieler, cholerische Spielleiter und einfältige Zuschauer der Kreisklasse -"Sonntagsschüsse" ist ein Buch über die Liebe zum Fußball! Ein Muss für alle Fußballfans! Der junge Amateurfußballer Marco Tanner zieht mit seinen Eltern von Hamburg nach Oberfranken. In seinem neuen Heimatort Weiherfelden macht er sich nicht nur wegen des fußballerischen Talents einen Namen. Während Marco in der schrulligen Kreisklasse Nord die zünftigen Untiefen des fränkischen Wesens erkundet, stolpert er mit sympathischer Naivität von einem Fettnäpfchen ins nächste. Doch plötzlich wird es ernst! Die hoch gehandelte Mannschaft steckt mitten im Abstiegskampf. Marco muss sich entscheiden, was er nach dem Zivildienst mit seinem Leben anfangen möchte. Und die komplizierte Hassliebe zur süßen Annika bringt Marco beinahe um den Verstand. Der Auftakt zu einem turbulenten Saisonfinale! Die episodenhaften Geschichten über den TSV Weiherfelden werden eingefleischte Amateurfußballer mit einem wissenden Schmunzeln an die eine oder andere legendäre Anekdote aus dem eigenen Verein erinnern.

Meinungen über das E-Book Sonntagsschüsse - Jonas Philipps

E-Book-Leseprobe Sonntagsschüsse - Jonas Philipps

Über den Autor

Jonas Philipps wurde im Jahr 1981 in Forchheim geboren. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen im Landkreis Bamberg.

Die Leidenschaft für das Schreiben von Geschichten entdeckte Jonas Philipps im Alter von 18 Jahren durch die Verfassung von Song-Texten für eine Heavy Metal Band.

Nach ersten Gehversuchen im Genre Fantasy fokussierte sich Philipps auf witzige, unterhaltsame Romane rund um Sport und Musik.

„Sonntagsschüsse - Fußballfieber in der Kreisklasse“ ist Jonas Philipps erste Veröffentlichung. In diesem Buch erinnert sich der Vollblutfranke an seine eigenen langjährigen Erfahrungen in der Welt des Amateurfußballs.

Aktuell arbeitet Philipps bereits an einer Fortsetzung.

jonas-philipps@gmx.de

www.jonas-philipps.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Trainingsauftakt

TSC Hersberg – TSV Weiherfelden

DJK Dreientor – TSV Weiherfelden

FC Dreibrücken - TSV Weiherfelden

FC Kohlenmoor – TSV Weiherfelden

TSV Weiherfelden – 1. FC Leimbach

ASV Neundorf – TSV Weiherfelden

SC Hohenstein – TSV Weiherfelden

TSV Weiherfelden – FC Blau-Weiß Forchheim

TSV Weiherfelden - 1. FC Kirchthein

SV Möhrich - TSV Weiherfelden

TSV Weiherfelden – SC Hubertsheim

SV Ebensreus – TSV Weiherfelden

TSV Weiherfelden - FSV Eggenheim

1. FC Hohentannen - TSV Weiherfelden

TSV Weiherfelden – SV Obsthofen

Bergfrieder SV – TSV Weiherfelden

SC Kühnwald - TSV Weiherfelden

Viktoria Settenheim - TSV Weiherfelden

TSV Weiherfelden - BSC Elsen

SpVgg Fahrten - TSV Weiherfelden

TSV Weiherfelden – FC Ambachtal

TSV Weiherfelden - FC Streitenburg

SpVgg Mastberg - TSV Weiherfelden

SG Pfaffbergen / Mallenburg - TSV Weiherfelden

DJK Zangendorf - TSV Weiherfelden

SC Kehlerheim - TSV Weiherfelden

TSV Weiherfelden - SV Möhrich

SC Hubertsheim - TSV Weiherfelden

TSV Weiherfelden - SV Ebensreus

TSV Weiherfelden – SC Hohenstein

1. FC Kirchthein - TSV Weiherfelden

FSV Eggenheim – TSV Weiherfelden

TSV Weiherfelden - 1. FC Hohentannen

SV Obsthofen - TSV Weiherfelden

TSV Weiherfelden - Bergfrieder SV

Spielfrei

TSV Weiherfelden - Viktoria Settenheim

BSC Elsen - TSV Weiherfelden

TSV Weiherfelden - SpVgg Fahrten

FC Ambachtal - TSV Weiherfelden

FC Streitenburg - TSV Weiherfelden

TV Haselberg – TSV Weiherfelden

Epilog

Schlusswort & Danksagung

Vorwort

„Sonntagsschüsse“ ist eine heitere Hommage an den Amateurfußball.

Fernab von Millionengehältern, genialen Supertalenten wie Messi, Ronaldo oder Ribéry, Ernährungsplänen und sportwissenschaftlich ausgefeilten Trainingsplänen, gehen in Deutschland über zwei Millionen Amateurfußballer ihrem zeitintensiven Hobby nach.

„Sonntagsschüsse“ handelt von einem dieser kleinen Dorfvereine. Geprägt durch familiären Zusammenhalt und Kameradschaft wird hier das Fußballspiel in seiner pursten, reinsten Form gelebt. Spaß am Mannschaftssport steht im Vordergrund, wenn uns jeden Sonntag Millionen Amateurfußballer zeigen, dass echte Leidenschaft in keinem Zusammenhang zu Millionengehältern und Medienrummel steht.

Klar, dass bei einem Dorfverein die eine oder andere Koryphäe anzutreffen ist. Im jugendhaften Eifer der feiernden Fußballspieler ereignet sich so manche lustige, spektakuläre Geschichte. Und aufgrund von mangelndem Talent oder einer nicht wirklich sportfreundlichen Spielvorbereitung am Vorabend, funktioniert bei den allsonntäglichen Spielen nicht immer alles wie geplant.

Aufgrund der eher komödienhaften Züge von „Sonntagsschüsse“ werden viele Dinge überzogen dargestellt, sowohl in ihrer Häufigkeit als auch in ihrer Extremität.

Dabei soll „Sonntagsschüsse“ keineswegs den Amateurfußball lächerlich machen oder abwerten. Ganz im Gegenteil! Denn was in den Dorfvereinen mit sehr geringen finanziellen Mitteln allein auf der Basis ehrenamtlicher Vereins- und Jugendarbeit auf die Beine gestellt wird, ist sensationell und verdient allen Respekt!

„Sonntagsschüsse“ ist deshalb für alle ehrenamtlich engagierten Leute, die Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr, unentgeltlich unbezahlbare Arbeit leisten. Ich hoffe, ihr fühlt euch beim Lesen dieses Buches an die eine oder andere Episode aus eurem eigenen Verein erinnert und könnt kopfnickend mit mir schmunzeln.

Zuletzt ist mein Buch auch für all die vielen begeisterten Amateurfußballer. Ich hoffe, ihr werdet an der einen oder anderen Stelle wissend nicken, so dass ich mit den Geschichten über den TSV Weiherfelden ein verschmitztes Lächeln auf eure Lippen zaubern kann.

Denn selbst wenn es sich bei „Sonntagsschüsse“ um einen erfundenen Roman mit fiktiven Charakteren handelt, bin ich felsenfest davon überzeugt, dass es sich beim einen oder anderen Verein genauso hätte abspielen können…

PS: Ach so, noch eine Information für alle Preußen (also alle nördlich von Franken aufgewachsenen Menschen): Da in „Sonntagsschüsse“ einige fränkische Kraftausdrücke verwendet werden, findet ihr auf meiner Homepage unter www.jonas-philipps.de ein Glossar mit Übersetzungen ins Hochdeutsche. Das Glossar ist auf jeden Fall einen Blick wert ;-)

Da es in einem Verein wie dem TSV Weiherfelden natürlich viele Spieler und Koryphäen gibt, haben mir meine Testleser das Feedback gegeben, dass es in den ersten Kapiteln manchmal noch etwas schwerfällt, die vielen Namen zuzuordnen. Aber eine detaillierte Vorstellung aller Charaktere gleich zu Beginn des Buches hätte den Umfang der ersten Kapitel gesprengt. Deshalb habe ich mich für eine andere Form der Hilfestellung für die Leser entschieden. Auf meiner Homepage unter www.jonas-philipps.de findet ihr neben dem Glossar auch die Mannschaftsaufstellung des TSV Weiherfelden und eine kurze Beschreibung der einzelnen Spieler. Wer sich also in den ersten Kapiteln fragt „Wer war das nun wieder?“, kann dieses kleine Nachschlagewerk gern in Anspruch nehmen.

Trainingsauftakt

Ich hatte meine Sporttasche lässig über die Schulter geworfen und betrat das kleine Sportheim. Noch hatte ich keine Ahnung, was mich hier erwartete. Kreisklasse, dachte ich skeptisch. Da bin ich ja mal gespannt, wie das fußballerische Niveau hier sein wird. Ich hatte meine Bedenken. Seit ich laufen kann, habe ich immer gern Fußball gespielt. Im Alter von 5 Jahren hatte ich erstmals die Fußballschuhe geschnürt. Damals hatten wir noch in Hamburg gewohnt. So ganz talentfrei war ich offenbar nicht gewesen. In der B-Jugend und A-Jugend hatte ich schließlich den Sprung in die Junioren-Oberliga geschafft. Keine Bundesliga zwar, aber zumindest höherklassig, mit sehr gut ausgebildeten Trainern, exzellenten Trainingsbedingungen, und nicht zuletzt hartem Konkurrenzkampf mit erlesenen Mannschaftskollegen, was sicherlich auch sehr leistungsfördernd gewesen war.

Nun hatte es meinen Vater also beruflich nach Bayern verschlagen. Nach Franken, um genau zu sein. So viel hatte ich in den ersten Tagen bereits gelernt, dass dies ein kleiner aber feiner Unterschied ist, den man besser beachten sollte, wenn man hier nicht gleich zum Start anecken wollte. Gern hätte ich den Schritt von der A-Jugend in den Herrenbereich in meiner gewohnten Hamburger Umgebung vollzogen. Dort kannte ich die Mannschaften und Vereine. Und ich hätte mit den Referenzen aus der erfolgreichen Juniorenzeit eine ambitionierte Bezirks- oder Bezirksoberligamannschaft gefunden, bei der ich den Sprung in eine sportlich vielversprechende Amateurkarriere mit Potenzial zu einem nicht unerheblichen Nebenverdienst geschafft hätte.

Nun saß ich im ländlichen Franken fest. Natürlich gab es auch hier eine Bezirksliga und eine Bezirksoberliga. Doch mein Vater hatte mir in seiner unendlichen Weisheit geraten, zumindest im ersten Jahr in meinem neuen Heimatort Weiherfelden zu spielen. In der Kreisklasse Nord. Begeistert war ich nicht. Ich hatte mir mehr erwartet von meinem Einstieg in den Herrenbereich. Und ich hatte keine Ahnung, was in der Kreisklasse Nord auf mich zukam.

Aus sportlicher Sicht war es vielleicht nicht die beste Entscheidung meines Lebens. Aus menschlicher Sicht aber war es im Nachhinein betrachtet doch der richtige Weg. Noch wusste ich nicht, dass ich in den nächsten Jahren Amateurfußball pur in seiner reinsten Form erleben würde. Mit all den Ecken, Kanten und liebenswerten Kuriositäten, die den Fußball noch ein kameradschaftliches Hobby sein lassen, bei dem trotz aller Gier nach Siegen, Punkten und Triumphen noch Freundschaft, Zusammenhalt, Spaß und Freude im Vordergrund stehen.

Bekanntschaft mit der zünftigen fränkischen Art hatte ich bereits am Nachmittag gemacht. Sehr nette und freundliche Menschen, diese Franken. Das hatte ich gleich erkannt.

Der erste Tag in der neuen Heimat. Ich brannte darauf, das Dorf zu erkunden. Der sogenannte Ortskern war in etwa so belebt wie eine Seitenstraße eines Hamburger Vorstadtviertels nachts um drei. Ich parkte das Auto, das mir meine Eltern vor knapp einem Jahr zum 18. Geburtstag geschenkt hatten, vor dem „Supermarkt“ und schlenderte über die „Hauptstraße“. Das Dorf war klein, aber dafür ruhig und malerisch. Hier gab es keine riesigen Hochhäuser, grauen Wohnblöcke oder gigantische, vor Menschen wimmelnde Einkaufszentren. Bunte Häuser reihten sich fein säuberlich aneinander, getrennt durch geräumige gepflasterte Hofeinfahrten, die weiter hinten in einen kleinen Rasen oder Garten mündeten. Auch wenn ich St. Pauli und die Große Freiheit vermissen würde, ließ es sich hier in diesem idyllischen Örtchen sicher aushalten.

Als ich von meiner ersten Erkundungstour zum Auto zurückgekehrt war, startete ich den Motor und machte mich auf den Weg zu unserem neuen Zuhause. Plötzlich stand mitten in der Straße ein mächtiger Traktor. Obwohl die Straße eigentlich gar nicht so schmal war, so dass man sich mit seinem Auto ohne große Mühe an einem Traktor hätte vorbeiquetschen können, hatte es der Fahrer geschafft, sein Gefährt so unglücklich in der Mitte der Straße zu platzieren, dass weder rechts noch links ein Weg vorbei führte.

Kein Problem, dachte ich. Ich habe ja Zeit. Und so saß ich hinter dem Lenkrad, starrte gebannt auf das grüne Ungetüm und trommelte immer schneller auf dem Armaturenbrett. An sich bin ich ja ein gemütlicher Mensch. Aber irgendwann war selbst meine Geduld am Ende. Nach einigen Minuten stieg ich aus und blickte mich suchend um. Ein paar Meter den Berg hinauf stand ein junger untersetzter Mann mit einem kugelrunden Gesicht an einen Gartenzaun gelehnt. Genüsslich nippte er an einer Flasche Bier und unterhielt sich in aller Seelenruhe mit einem kleinen Männlein, der mit seinen zotteligen Kopf- und Gesichtshaaren wie eine Kreuzung aus Bär und Yeti aussah.

Da der junge biertrinkende Mann Gummistiefel und dreckige Arbeitsklamotten trug, kombinierte ich folgerichtig, dass ihm der sperrige Traktor gehörte. Tief in ihr Gespräch versunken, bemerkten die Beiden nicht, dass ich mich näherte. Ich konnte sie gut hören, aber ehrlich gesagt verstand ich kein Wort. Sprachen sie wirklich Deutsch? Ich wusste es nicht, musste aber vom Schlimmsten ausgehen.

„Entschuldigen Sie bitte“, begann ich freundlich. „Ist das Ihr Traktor?“

Mit einem verdutzten Gesichtsausdruck drehte sich der junge Bauer zu mir um, plusterte seine dicken Pausbacken auf, die jedem wohlgenährten Baby ernsthafte Konkurrenz machten, und brummte ein unmissverständliches „Hmmmmm“. Dann wandte er sich seiner Bierflasche zu, stieß mit dem Boxbeutel seines zotteligen Kumpanen an und nahm einen tiefen, gluckernden Schluck. Über die Tatsache, dass ein Boxbeutel an einem Werktag gegen 14 Uhr ein recht ungewöhnliches Getränk darstellte, wunderte ich mich erst einige Stunden später. In diesem Augenblick waren all meine geistigen Kräfte auf die Interpretation des vielversprechenden „Hmmmmm“ konzentriert.

Getragen von der Annahme, dass „Hmmmmm“ in Franken so viel bedeuten musste wie „Ja“, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen. „Könnten Sie den bitte zur Seite fahren? Ich komme mit meinem…“

Weiter kam ich nicht.

„Leggst mi fei aweng am Oasch! Der Bulldog blebbt ste!“, fluchte es mir wutentbrannt entgegen.

Auch wenn ich nur wenig verstand, konnte ich doch erahnen, dass es sich um eine lange, oder besser gesagt zünftig-deftige Fassung des Wortes „Nein“ handeln musste.

Eingeschüchtert von den zornesroten Pausbacken des verärgerten Bauernjungen, machte ich auf dem Absatz kehrt, setzte mich zurück in mein Auto und verbrachte einfach noch weitere zehn Minuten damit, ungeduldig auf dem Armaturenbrett zu trommeln. Kurz spielte ich sogar mit dem Gedanken, auf eine andere Route auszuweichen. Aber das war der einzige Weg zurück zu meinem neuen Zuhause, den ich bislang kannte. Und wer wusste schon, ob auf anderen Straßen noch weitere pausbäckige Bauernjungen mit ihren Traktoren lauerten. Womöglich waren diese sogar mit ihren Mistgabeln bewaffnet. Ich wollte nicht vom Regen in die Traufe kommen! Nein, Warten war die beste Alternative.

Dann endlich hatte der junge Bauer sein Bier ausgetrunken, plauderte noch ein paar rasche Sätze mit seinem haarigen Kollegen und kletterte schwerfällig zurück auf den Traktor.

Als ich schließlich weiterfahren konnte, hatte ich meine ersten fränkischen Lektionen gelernt.

Erstens hatte ich erste Erfahrung mit der scharfzüngigen und für Nordlichter wie mich unverständlichen oberfränkischen Sprache gemacht. Ein unvergessliches Erlebnis.

Zweitens hatte ich gelernt, dass der Traktor in Franken Bulldog heißt. War das der Grund gewesen, warum der Bauernjunge so böse auf mich gewesen war?

Drittens sollte ich mir nach diesem erleuchtenden Erlebnis für immer und ewig hinter die Ohren schreiben, niemals einen waschechten Franken beim Biertrinken zu stören oder zu hetzen.

Nach diesem fulminanten Start in mein neues Leben fühlte ich mich beinahe wie ein echter Franke, oder zumindest ein Experte für den Umgang mit charmanten fränkischen Bauernjungen. Ich war also bereit für den Trainingsauftakt beim TSV Weiherfelden und öffnete nervös die Tür zum kleinen Sportheim meines neuen Vereins.

Der erste Mitspieler, der aus dem Wirtschaftsraum kommend hinter mir die Treppe hinuntereilte, zündete sich mit dem glühenden Stummel einer fertig gerauchten Zigarette den nächsten Glimmstängel an. Hier wird ein sportlicher Lebenswandel noch großgeschrieben, stellte ich kopfschüttelnd fest, ließ den fußballspielenden Kettenraucher an mir vorbeiziehen und folgte ihm zur Kabine der Herrenmannschaft. Vor der Tür gönnte er sich noch drei gierige Züge. Dann warf er seine Zigarette auf den Boden, trat sie aus und öffnete die Tür.

Als Erstes überraschte mich die hohe Trainingsbeteiligung. Fast 25 Mann waren in der Umkleidekabine damit beschäftigt, ihre Trainingsklamotten anzuziehen und die Fußballschuhe zu schnüren. Entweder das Training machte mächtig Spaß, oder dieses Team hatte große Ambitionen in der Kreisklasse Nord.

Instinktiv zog es mich zur ältesten Person im Raum. Das war gewiss der Trainer. Fragend blickte mich der kleine Mann, den ich etwa auf Mitte Vierzig schätzte, an.

„Marco Tanner“, sagte ich, und streckte ihm die Hand entgegen. „Wir haben heute telefoniert.“

„Ja, genau“, antwortete er und schüttelte meine ausgestreckte Hand. „Andreas Dietner. Der Trainer dieses Sauhaufens!“

Brummige „Hey, Hey!“-Rufe und deftige Proteste drangen von allen Seiten auf den lachenden Trainer ein.

„Siehst du, genau das mein ich mit Sauhaufen. Kein Respekt vor ihrem Coach!“, murmelte er kopfschüttelnd und bückte sich, um seine Schuhe zuzubinden.

Wie bestellt und nicht abgeholt stand ich mit meiner Sporttasche über der Schulter neben ihm und blickte mich ratlos um. Die Kabine bestand aus zwei Teilen, die durch eine bis in die Mitte des Raumes ragende Wand getrennt waren. Über den meisten Kleiderhaken hingen selbstgebastelte Namensschilder. Ein fester Platz in der Umkleidekabine schien eine Art Statussymbol zu sein. In der Mitte des Hauptraums befand sich eine alte klapprige Massagebank. Nichts Ungewöhnliches bei einem Fußballverein. In der Mitte des Nebenraums hatte jemand eine Eisenstange angebracht, die am Fußboden und in der Decke verankert war. Das durfte man durchaus als ungewöhnlich bezeichnen. Ich wollte gar nicht erst wissen, wozu diese Stange verwendet wurde.

„Such dir einfach einen freien Platz, über dem kein Namensschild hängt“, rief mir ein hagerer Spieler zu, ehe er sich einen Trainingsball schnappte und die Kabine verließ. Ihm war meine anfängliche Unsicherheit scheinbar nicht entgangen.

Ich gab mir einen Ruck und bewegte mich zielstrebig auf einen freien Platz zu, als mich ein großgewachsener blonder Kollege von der Seite anblaffte: „Falscher Raum, mein junger Freund! Das ist die Kabine der 1. Mannschaft. Den Platz hier muss man sich erst verdienen! Neulinge sitzen dort drüben in der Zweitmannschaftskabine.“

Oha! Klassengesellschaft!, schoss es mir durch den Kopf. Aber als Neuling musste man sich solchen Gepflogenheiten fügen. Etwas verwundert war ich natürlich schon. Aber da ich ja am Nachmittag bereits Bekanntschaft mit dem Charme der oberfränkischen Naturburschen gemacht hatte, verdaute ich den ersten Schock schnell und zog mich mit einem knappen „Na dann“ in die Kabine der 2. Mannschaft zurück. Trainer Andreas Dietner hatte die Szene amüsiert aus dem Augenwinkel verfolgt, sagte aber nichts. Seine nachdenkliche Miene war schwer zu deuten.

Das erste Training war unspektakulär. Zum Start spielten wir eine Weile fünf gegen zwei, ein klassisches Aufwärmspiel, bei dem fünf Spieler sich an den Linien eines Vierecks verteilten und sich mit nur einem Ballkontakt den Ball gegenseitig zuspielten, ohne dass die beiden aus der Mitte des Vierecks attackierenden Gegenspieler den Ball berührten. Wer einen Fehler machte, musste anschließend selbst in die Mitte. Da unsere Trainingsbeteiligung zum Auftakt sehr hoch war, hatte der Trainer vier „Eckla“, wie es die Franken nannten, aufgebaut. Die Zuordnung der Spieler erfolgte offenbar nach ihrem Können. Im vordersten „Eckla“ wirkten Tempo und Genauigkeit deutlich höher als dort, wo man einen ungetesteten Neuen wie mich platziert hatte. Dementsprechend war es kein Wunder, dass ich mit meiner soliden technischen Ausbildung unter den Mitläufern der 2. Mannschaft herausstach. Zwei lobende Kommentare des Trainers zeigten, dass ihm meine Ballsicherheit nicht entgangen war.

Nach dieser Aufwärmübung rief Andreas Dietner das Team zu einer kurzen Begrüßungsansprache im Mittelkreis zusammen. Er setzte das Ziel, besser abzuschneiden als mit dem 8. Platz in der Vorsaison, wollte mit etwas Glück vielleicht sogar um die Aufstiegsplätze mitspielen. Dann stellte er die Neuzugänge vor. Ich war keineswegs der einzige Neue. Ein Lehrer namens Stefan war nach Beendigung seines Referendariats nach Oberfranken eingeteilt worden. Deshalb war er ebenfalls vor wenigen Wochen nach Weiherfelden gezogen. Außerdem rückten drei Spieler aus der eigenen Jugendmannschaft in den Herrenkader auf, die somit mein Alter haben mussten. Nachdem der Trainer auch mich vorgestellt hatte, teilte er die 25 Spieler in zwei Teams für ein erstes Trainingsspiel auf. Schnell war klar, dass die 1. Mannschaft auf die 2. Mannschaft traf. Da die Neuzugänge der Kabinenplatzregelung entsprechend der 2. Mannschaft zugeteilt wurden, stellte ich mich auf eine einseitige Begegnung mit reichlich Gegentoren ein.

Trainer Andreas machte für beide Mannschaften die Aufstellung. Als er die Gegner für das Trainingsspiel eingestellt hatte, nannte er unserem Team die Positionen.

„Spielst du eher offensiv oder defensiv?“, fragte er mich.

„Am liebsten defensives Mittelfeld.“

„Gut. Probieren wir dich mal hinten in der Abwehr aus. Kümmer dich um Michael Meister, deinen großen blonden Freund aus der Umkleidekabine“, entschied er mit einem verschmitzten Augenzwinkern.

Ich vermag bis heute nicht zu sagen, welche Erwartungen unser Trainer an dieses Duell hatte. Meine Vermutung ist, dass er mich nach den ersten positiven Eindrücken aus dem „Eckla“ testen wollte, indem er mich gegen seinen gefährlichsten Stürmer stellte. Vielleicht war es aber auch ein Charaktertest gewesen, in dem ich ihm beweisen sollte, dass ich mich nicht vor alteingesessenen Platzhirschen versteckte, sondern dem barschen Verweis in die Zweitmannschaftskabine eine sportliche Antwort entgegenzusetzen hatte.

So schüchtern ich bei meinem ersten Gang in die Kabine auch gewesen war, mein Auftreten auf dem Fußballplatz hatte seit jeher vor Selbstbewusstsein gestrotzt. Ich wusste, was ich drauf hatte, und dieser Michael Meister würde es als erster zu spüren bekommen. Wir verloren das einstündige Trainingsspiel zwar sang- und klanglos mit 1-6, aber Starstürmer Michael Meister hatte nicht einen einzigen Schuss auf unser Tor abgefeuert. Dennoch hatte er mir alles abverlangt. Ausgefuchst setzte er seinen großgewachsenen Körper auf eine kantige Art und Weise ein, so dass ich das Training nicht ohne die eine oder andere kleine Blessur überstand. Trotzdem hatte ich ihn gehörig in seine Schranken verwiesen. Frustriert über die vielen verlorenen Zweikämpfe eilte er grummelnd in die Kabine.

Als ich auf dem Weg in die Umkleide an Trainer Andreas Dietner vorbeilief, nickte er mir anerkennend zu. Das Lächeln auf seinen Lippen machte den Eindruck, als überlegte er bereits, wo er mich am besten in die Aufstellung der 1. Mannschaft einbauen konnte. Nicht der schlechteste Start für das erste Training beim neuen Verein.

TSC Hersberg – TSV Weiherfelden (Vorbereitungsspiel)

Nachdem in der ersten Vorbereitungswoche mehr Wert auf gegenseitiges Kennenlernen gelegt worden war, zog unser Trainer in der zweiten Woche das Tempo gewaltig an. Ich war anstrengendes Training gewohnt, aber trotzdem überraschte mich der Ehrgeiz, mit der eine Kreisklassen-Mannschaft in der Vorbereitungszeit zu Werke ging. Drei harte Trainingseinheiten pro Woche und ein bis zwei Vorbereitungsspiele standen auf dem Trainingsplan. Kein einfaches Programm für viele Spieler, die den ganzen Tag als Maurer, Dachdecker oder Fliesenleger schwere körperliche Arbeit verrichteten. Ich hatte mir die Kreisklasse gemütlicher vorgestellt. Aber in der Mannschaft brannte ein unbändiger patriotischer Wille, sich zu quälen, um dem Heimatverein TSV Weiherfelden viele Punkte zu bescheren.

Am Montag der zweiten Woche stand sogleich ein einstündiger Waldlauf auf dem Programm.

„Grundlagenkondition aufbauen!“, meinte der Trainer.

Kondition sollte nicht die einzige wichtige Grundlage sein, die ich in dieser Trainingseinheit lernte.

Die Trainingsbeteiligung war hoch. 23 Spieler standen um den Mittelkreis, als unser Trainer die Route für den ersten Waldlauf der Saison erklärte.

„Lauft zuerst vom Sportplatz in Richtung Wasserbassin. Dann eine Schleife um die Festwiese, nehmt den Anstieg beim Ruhweg mit und joggt über die Schlittenbahn zum Birkensteinweg. Dort lauft ihr dann einen Bogen um den Wertstoffhof und kommt zurück zum Sportplatz. Das sollten etwa 12 Kilometer sein. Ich erwarte Zeiten unter einer Stunde!“

Alles klar, überlegte ich zerstreut. Abgesehen davon, dass mir keiner der genannten Orte auch nur im Entferntesten etwas sagte, fand ich eine Stunde für 12 Kilometer recht ambitioniert. Spiele ich Amateurfußball in der Kreisklasse, oder bin ich versehentlich einer Interessengemeinschaft fußballinteressierter Leichtathleten beigetreten? Aber Jammern und Zetern half uns nicht weiter. Ich war neu hier, und wie im gesamten Leben zählte auch beim Fußball der erste Eindruck. Wenn der Trainer eine Zeit unter einer Stunde erwartete, dann musste er sie bekommen. Schließlich wollte ich mir beim TSV Weiherfelden schnell einen Namen machen. Das sollte mir mit diesem Waldlauf zweifellos gelingen.

Die Mannschaft setzte sich in Bewegung, ein Pulk trabender Trainingsanzüge in Blau-Gelb. Die meisten Spieler kannten sich untereinander. Bald hatten sich Gruppen mit ähnlich starken Läufern gebildet. Unser Kapitän Harald Gepard war zum Beispiel an vorderster Front dabei. Sie nannten ihn „die Pferdelunge“, und das hohe Tempo, das er gleich zu Beginn vorlegte, machte seinem Ruf alle Ehre.

Ich befand mich im vorderen Mittelfeld. Schnell hatte ich ein Laufpaar mit dem anderen Neuzugang, Stefan Schmidt, gebildet. Er lief in etwa mein Tempo, und in einem Kader, in dem jeder jeden von Kindesbeinen an kannte, war es naheliegend, dass sich die beiden Neuen zusammenrotteten, bis sie einen Zugang zum Rest der Mannschaft gefunden hatten. Stefan war sechs Jahre älter als ich. Er hatte kürzlich sein Staatsexamen als Lehrer bestanden. Daraufhin hatte ihn das bayerische Kultusministerium von Straubing nach Forchheim versetzt. So war Stefan auch hier im beschaulichen Weiherfelden gelandet.

Die Spitzengruppe preschte voran. Stefan und ich waren gut beraten, uns nicht von der mörderischen Geschwindigkeit anstecken zu lassen. Unser Tempo sollte ausreichen, um die Vorgabe des Trainers einzuhalten. Und wir wollten nicht auf dem letzten Kilometer einbrechen. Die hinter uns laufende Gruppe bestand aus den eher erfahreneren Spielern. Routinier Klaus Meier führte diese Laufgruppe an, die mit jeden 100 Metern ein paar weitere Schritte zurückfiel.

Als wir die Festwiese passierten, hatten Stefan und ich ein gleichmäßiges Tempo gefunden, bei dem wir sogar kurze Gespräche führen konnten. Wir tauschten uns über die ersten Eindrücke aus: den Trainer, die Mannschaftskollegen, und den Ort Weiherfelden. Wir waren Beide positiv überrascht. Stefan hatte in Straubing ebenfalls Kreisklasse gespielt und war sehr gespannt, wie das fußballerische Niveau hier in der ländlicheren Gegend in Franken im Vergleich war. Unsere Mannschaft machte spielerisch nach den ersten beiden Trainingseinheiten einen starken Eindruck. Wer weiß, vielleicht war ja sogar der Aufstieg drin!

„Unser Torwart ist nicht schlecht, oder?“, stellte ich fest.

„Ja, wie heißt er noch? Andreas Stieler oder so. Der haut sich echt voll rein!“

„Das stimmt. Ganz schön ehrgeizig. Was hältst du von diesem Niklas?“

„Niklas Dinger, oder? Den kann ich noch nicht richtig einschätzen. Er wirkt auf dem Platz recht wendig und trickreich, aber irgendwie trau ich dem nicht, da er so eine Art Pausenclown zu sein scheint.“

„Aber dieser Bernd Hagen ist ein guter Fußballer, oder?“

„Seine Spielintelligenz ist echt der Hammer, ja. Aber ein bisschen faul, oder?“

„Das schon, aber was der macht, hat Hand und Fuß. Dafür läuft unser Kapitän Harald bestimmt seinen Teil mit.“

„Da hast du Recht. Das ist wirklich ein Tier! Und gegen deinen Freund Michael Meister zu spielen ist auch kein Zuckerschlecken…“

Wir waren inzwischen eine geraume Zeit lang einen schier endlosen Kiesweg entlang gejoggt. Die steile Schlittenbahn hatten wir bereits hinter uns gelassen. Irgendwo muss doch nun dieser verdammte Wertstoffhof kommen. Wir befanden uns auf einem Waldweg. Es waren keine Häuser in Sicht. Stirnrunzelnd blickte Stefan auf seine Armbanduhr.

„Die Stunde ist jetzt gleich vorbei“, keuchte er.

Seltsam, dachte ich. Wir waren an sich ein gutes Tempo gelaufen. Zudem waren wir im vorderen Drittel der Mannschaft, und es war niemand an uns vorbeigezogen. Wenn selbst wir die eine Stunde nicht schafften, würde mehr als die Hälfte der Mannschaft die Vorgabe reißen. Der Trainer kam doch von hier. Er musste doch einschätzen können, welche Zeit für diese Laufstrecke realistisch war.

„Verdammt!“, rief ich schließlich, als ein unguter Verdacht in mir aufstieg.

„Hast du auch das Gefühl, dass wir uns verlaufen haben?“, fragte Stefan besorgt.

„Wir hätten uns wohl besser einer Gruppe mit ein oder zwei Weiherfeldenern an die Fersen heften sollen“, stellte ich seufzend fest.

Es war aber auch dämlich gewesen, dass gerade die beiden Zugereisten, die sich in den Waldgebieten rund um Weiherfelden noch überhaupt nicht auskannten, ein Laufpaar gebildet hatten.

„Was schlägst du vor?“, fragte ich den älteren Stefan in der naiven Hoffnung, dass ein Lehrer wusste, wie man auf den richtigen Weg zurückfand. Aber Stefan war Lehrer, kein Pfadfinder. Das sollten wir noch schmerzlich erfahren.

„Irgendwo muss dieser endlose Weg ja hinführen“, antwortete Stefan achselzuckend.

Da zuckte schließlich auch ich mit den Achseln. In dem Augenblick hatte es sich ganz einfach sinnvoll angehört.

Wir liefen deutlich weiter als die geforderten 12 Kilometer. Beide hofften wir insgeheim, dass der Trainer uns zumindest diesen Eifer hoch anrechnete. Als wir schon den Verdacht diskutierten, dass es sich hier nicht um ein ganz einfaches Dorfwäldchen, sondern um einen weit angelegten Naturpark handeln musste, erblickten wir ein Leuchten am Ende des Weges. Flutlicht! Gott sei Dank!

Wir beschleunigten das Tempo, spurteten um die nächste Wegbiegung, und blieben wie angewurzelt stehen. Ja, es war ein Sportplatz. Aber nicht das Gelände des TSV Weiherfelden. Egal! Die Leute, die hier trainierten, waren aus dem Nachbarort. Sie konnten uns bestimmt sagen, wie wir dorthin zurückkamen.

Verwunderte Blicke durchbohrten uns, als wir uns abgekämpft in den blau-gelben Farben unseres neuen Vereins an den Rand des Platzes stellten. Kurz darauf unterbrach einer der Spieler seine Trainingsübung und schlenderte lässig zu uns herüber.

„Habt ihr euch verlaufen?“, fragte er und begutachtete uns mit einem abschätzigen Blick von oben bis unten. Man kannte sich in den Nachbarvereinen kleiner Ortschaften. Offensichtlich wurde bereits gerätselt, wer diese beiden neuen Spieler der blau-gelben Weiherfeldener waren.

„Wir sind neu beim TSV Weiherfelden und haben uns tatsächlich beim Waldlauf verlaufen“, lachte Stefan mit einer gebührenden Portion Selbstironie.

„Hubert!“, rief der Spieler des Nachbarvereins einem Funktionär zu, der am Spielfeldrand stand und mit Argusaugen das Training beobachtete. „Die beiden Experten aus Weiherfelden haben sich verlaufen. Bring sie doch mal ins Sportheim. Dann können sie schnell in Weiherfelden anrufen und sich abholen lassen.“

Das ist ja nett, dachte ich, und folgte Hubert treu wie ein Hündchen ins Sportheim.

„Meine Güte, ihr seht ja ganz schö verschwitzt aus. Wollt ihr euch schnell umziehen oder duschen? Bis ihr zurück in Weiherfelden seid, is euer Training dort sowieso scho vorbei.“

Das war ein echt tolles Angebot von Hubert. Stefan und ich waren müde. Die Aussicht auf eine heiße Dusche war sehr verlockend.

„Wir haben ja nichts zum Umziehen dabei. Ich denke, wir lassen uns schnell abholen und duschen dann in Weiherfelden“, erwiderte Stefan freundlich.

„Das ist doch kein Problem. Ich zeig euch die Gästekabine und bring euch schnell Handtücher und Trainingsanzüge. Dann könnt ihr euch kurz ausruhen und duschen, während wir in eurem Sportheim anrufen, damit euch eure Kollegen abholen. Die Trainingsanzüge könnt ihr uns ja morgen schnell vorbeifahren.“

Dieser Hubert war ja beinahe aufdringlich. Aber Stefan und ich dachten uns nichts dabei. Der Gedanke an eine warme Dusche war einfach zu verlockend.

Und so führte uns dieser Hubert in die Katakomben des Sportheims. Gastfreundlich zeigte er uns die Gästekabine und die Duschen. Stöhnend zogen Stefan und ich die verschwitzten Trainingsklamotten aus und schlenderten ausgelaugt über den gefliesten Flur zur Dusche. Das heiße Wasser war eine echte Wohltat.

„Oh Mann, das werden wir uns jetzt ewig anhören müssen!“, lachte ich.

„Vermutlich. Aber es gibt Schlimmeres“, kicherte Stefan. Er wusste nicht, wie Recht er hatte.

Hubert hatte uns noch keine Handtücher gebracht. Bestimmt wurden sie in der Gästekabine bereitgelegt. Stefan und ich hatten bereits ausgemacht, die geliehenen Trainingsanzüge gleich morgen Nachmittag zurückzubringen und einen Brotzeitkorb für die hilfsbereite Mannschaft des Nachbarortes zu spendieren.

Erholt öffnete ich die Tür. Zumindest beinahe. Denn sie klemmte.

„Willkommen in der Provinz“, murmelte ich zu mir selbst und dachte mir noch, dass es das bei meinem alten Verein in Hamburg nicht gegeben hätte, dass die Tür zur Dusche derart klemmte. Mit etwas mehr Wucht stemmte ich mich gegen die Tür. Nichts passierte.

Stefan gesellte sich neben mich, drückte gemeinsam mit mir gegen die klemmende Tür, aber sie bewegte sich nicht. Na toll, dachte ich. Das passte zu diesem verhexten Tag. Pleiten, Pech und Pannen! Eigenartig, dass die Tür so einfach aufgegangen war, als wir in die Dusche gestiegen waren. Moment mal… Verdammt!

„Denkst du das Gleiche wie ich?“, fragte mich Stefan, als er in mein schockiertes Gesicht blickte.

„Haben diese Vollidioten uns hier eingesperrt?“, rief ich ungläubig. Aber warum sollten sie das denn tun?

In meiner großstädtischen Naivität wusste ich noch nicht, was mich auf dem fränkischen Dorf erwartete. Von diesem speziellen Nachbardorf ganz zu schweigen. Aber woher hätten Stefan und ich auch wissen sollen, dass dies das Sportheim des SV Obsthofen war. Und welch tiefe, sorgsam über Generationen hinweg gepflegte Feindschaft zwischen den beiden Orten herrschte. Einige Wochen später erzählte mir unser Kapitän Harald Gepard bei einem Bier, dass sich einst bereits die Weiherfeldener und Obsthofener Großväter auf den Äckern gegenseitig mit Steinen beworfen hatten. Das Derby zwischen dem TSV Weiherfelden und dem SV Obsthofen war jedes Jahr für beide Mannschaften das Highlight der Saison.

Hätten wir das alles damals gewusst, Stefan und ich wären lieber umgekehrt und noch einmal ziellos im Wald umhergeirrt, als uns schutzlos in die Höhle des Löwen zu begeben. Nun war es zu spät. Wir konnten nichts weiter machen, als in der feindlichen Dusche auszuharren und abzuwarten, was der SV Obsthofen mit seinen beiden naiven Gefangenen vor hatte.

Nach einigen Minuten, die Stefan und mir wie Stunden vorgekommen waren, klopfte eine Obsthofener Faust unsanft gegen die Tür. Wir hatten verstanden. Also durften wir nun doch herauskommen. Da wollte uns wohl jemand nur einen kleinen Schrecken einjagen. Ein Seufzen der Erleichterung hallte durch die Dusche. Doch das Schlimmste stand uns noch bevor.

Vor der Dusche wimmelte es vor Menschen. Was ist denn jetzt los?, fragte ich mich. Obsthofener Fußballspieler versperrten den nach links führenden Weg zurück zur Gästekabine, wo sich unsere verschwitzten Trainingsklamotten befanden. Wir mussten also nach rechts laufen. Die gesamte Mannschaft des SV Obsthofen stand klatschend zu beiden Seiten des Ganges Spalier. Sie amüsierten sich prächtig. Nackt wie Gott uns schuf, folgten Stefan und ich dem durch das Spalier geformten Durchgang, der uns zu einer Treppe führte. Ich glaube von mir behaupten zu können, dass ich durchaus die Fähigkeit habe, über mich selbst zu lachen. Diese Situation aber war so unendlich peinlich, dass ich nicht mehr darüber lachen konnte. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Auch mein Leidensgenosse Stefan blickte betreten zu Boden, um ja keinem der Obsthofener Spieler in das hämische Gesicht sehen zu müssen.

„Ich hoffe, ich treffe euch mal bei einem Elternabend!“, raunte er leise. Ob er das wirklich wollte, hielt ich für fraglich. Welcher Lehrer hatte schon gern Schüler in seiner Klasse, deren Eltern ihn nackt durch die Katakomben eines Sportheims getrieben hatten? Solche Anekdoten verbreiteten sich in Schülerkreisen schneller als ein Lauffeuer.

Unter dem tosenden Applaus unserer hinterlistigen Peiniger, stiegen wir eine kleine Treppe hinauf, an deren Ende ein ach so freundlicher, diabolisch grinsender Hubert mit gespielter Höflichkeit eine Tür für uns aufhielt. Wir traten durch die Tür - was hätten wir auch anderes tun sollen - und ernteten weiteren Applaus. Das sonderbare Bild, das sich uns beim Verlassen des Obsthofener Sportheims bot, verfolgte mich tagelang in meinen Träumen.

Etwa zwanzig Zuschauer hatten sich auf dem Parkplatz des Sportgeländes versammelt und klatschten kichernd in die Hände. Wann sonst hatte man die Gelegenheit, zwei Vollidioten aus dem verhassten blau-gelben Weiherfelden nackt aus dem Obsthofener Sportheim taumeln zu sehen? Vereinzelte Frauen, die sich unter den johlenden Zuschauern befanden, verglichen lautstark mit obszönen Gestern untermalt, was Stefan und ich zu bieten haben. Mit hochroten Köpfen kamen wir vor einem Turm aus fünf Kästen Bier, drei dicken Laiben Brot und einem gewaltigen Haufen Dosenwurst zum Stehen. Verwundert blickten wir uns um. Was hatte es nun damit auf sich?

„Hier sind eure Klamotten“, bellte aus dem Halbdunkel die missmutige Stimme von Andreas, unserem Trainer. Die drei hinter dem Bierkastenturm verborgenen Mannschaftskollegen konnten sich eine Mischung aus schadenfrohem Grinsen und vorwurfsvoller Miene nicht verkneifen. Trotzdem war ich nie zuvor so froh gewesen, ein Weiherfeldener Gesicht zu sehen.

„Zieht euch an. Wir fahren!“, kommentierte der Trainer trocken, machte auf dem Absatz kehrt und stieg ohne ein weiteres Wort in sein Auto. Gehorsam folgte ich ihm. Stefan kletterte zu Spielleiter Willi in den zweiten Weiherfeldener Wagen.

Die Rückfahrt nach Weiherfelden war still. Niemand wagte zu sprechen. Der Trainer wirkte stocksauer. Wir hatten den TSV Weiherfelden bis auf die Knochen blamiert. Der gesamte Spielkreis würde sich bald über diese Geschichte kaputtlachen. An jenem Tage war mir die Tragweite des merkwürdigen Ereignisses ebenso wenig bewusst wie die Hintergründe, die dazu geführt hatten. Von der tiefliegenden Rivalität mit dem SV Obsthofen erfuhr ich erst einige Stunden später im Weiherfeldener Sportheim. Und auch was es mit den fünf Kästen Bier und der Brotzeit auf sich hatte, verstand ich erst, als Stefan und ich aufgefordert wurden, für unsere Auslöse zu bezahlen. Hubert, der Spielleiter des SV Obsthofen, hatte nämlich wirklich im Weiherfeldener Sportheim angerufen, nachdem er uns in die Dusche gelockt und dort eingesperrt hatte. Das Bier und die Brotzeit waren eine Art fränkisches Lösegeld gewesen.

Zumindest eines meiner hochgesteckten Ziele für die ersten Wochen beim neuen Verein hatte ich in jedem Falle damit erreicht: Ich hatte mir in Weiherfelden rasch einen Namen gemacht.

Im ersten Vorbereitungsspiel beim TSC Hersberg war ich dennoch im Kader der 1. Mannschaft. Hersberg war ein guter Gegner mit einem schönen Sportgelände. Sie zählten zu den Topfavoriten in der Nachbarkreisklasse Süd.

Als wir uns vor dem Spiel in der Umkleidekabine zu einer kurzen Mannschaftssitzung zusammensetzten, blickte Coach Andreas Dietner jedem einzelnen Spieler tief in die Augen. Ich war zutiefst beeindruckt. Unser Trainer schien ein großer Motivator zu sein. Wenn er schon vor einem unwichtigen Vorbereitungsspiel zu solchen Mitteln griff, war ich gespannt, wie Dietner uns auf ein Spiel gegen Obsthofen einstimmte. Woher hätte ich als naiver junger Neuzugang wissen sollen, dass unser Trainer kein versierter Motivator war, sondern sich durch die jahrelange Trainertätigkeit in der Kreisklasse zu einem fleischgewordenen Alkoholdetektor entwickelt hatte? Meine Mannschaftskollegen hatten sogar schon einmal eine Bewerbung an die Fernsehsendung „Wetten dass…“ abgeschickt: Wetten, dass Andreas Dietner aus Weiherfelden allein durch einen kurzen Blick in deren Augen den Promillespiegel seiner Fußballspieler in vier von fünf Fällen genauer einschätzen kann, als ein Verkehrspolizist mit seinem Blasrohr. Leider wurde er nie als Kandidat eingeladen. Er wäre gewiss Wettkönig geworden.

In der ersten Halbzeit schenkte der Trainer seiner etablierten Stammelf das Vertrauen. Aber im zweiten Spielabschnitt kamen die Perspektivspieler aus der 2. Mannschaft und die Neuzugänge zum Zug. Es war ein flottes Spiel, in dem beide Teams zeigten, dass sie über ein hohes spielerisches Potenzial verfügten. Trainer Dietner wechselte mich zur Halbzeit beim Stand von 2-2 auf meiner Lieblingsposition im zentralen defensiven Mittelfeld ein. Für ungeübte Zuschauer meist unspektakulär, konnte man dort Spiele entscheiden. Nicht durch das Erzielen vieler Tore wie ein Stürmer. Ebenso wenig durch spektakuläre Rettungsaktionen vor dem eigenen Tor wie ein starker Abwehrspieler. Unauffällig und doch effizient, konnte man die Angriffe der gegnerischen Mannschaft bereits im Keim ersticken, bevor sich die brenzligen Situationen überhaupt entwickelten.

Alles in allem war mein erster Einsatz für den TSV Weiherfelden ein solides Debüt. In jedem Falle hatte ich bei dem 3-3 in Hersberg eine weitaus bessere Figur gemacht, als bei meinem nackten Irrlauf durch das Obsthofener Sportheim.

DJK Dreientor – TSV Weiherfelden (Vorbereitungsspiel)

Am Donnerstag nach dem Training lernte ich eine der skurrilsten Gestalten meines Lebens kennen. Und bei einem Hamburger Jung, der schon das eine oder andere Mal in St. Pauli feiern gewesen war, soll das etwas heißen!

Die Rede war vom „Don“, dem Wirtschaftsführer des Weiherfeldener Sportheims. Dons wirklichen Namen kannte ich nicht. Nach einigen Jahren in Weiherfelden begann ich sogar daran zu zweifeln, dass „Don“ nicht sein vollständiger amtlicher Name war.

Der Don war angeblich Mitte Fünfzig. Er sah aus wie ein braungebrannter Zuhälter mit Vokuhila-Frisur. Dunkle Brusthaare sprießten unter zwei prolligen Goldkettchen aus seinem aufgeknöpften Hawaiihemd. Auf einem Zahnstocher kauend stand der Don hinter der Theke und schenkte dem aus alten Fußballveteranen bestehenden Stammtisch ein Glas Bier nach dem anderen ein. Noch vor einigen Jahren hatte er für ein großes deutsches Versicherungsunternehmen gearbeitet. Sehr erfolgreich sogar, wie man hörte. Ein befreundeter Kollege aus der Personalabteilung, zuständig für die Verträge der Versicherungsvertreter, hatte ihm eines Tages bei einem Glas Bier erzählt, dass man gerade an einer neuen Richtlinie arbeitete. Es ging darum, altgediente Vertreter, die ihren Zenit überschritten hatten und altersbedingt immer schlechtere Arbeit ablieferten, in bezahlten Vorruhestand zu schicken. Der Don war ein gewiefter Lebemann. Rasch hatte er dieses Insider-Wissen ausgenutzt. Ein riskanter Vertragsabschluss hier, ein ärgerlicher Fehler da – und schon war der Don Frührentner. Bei voller Bezahlung, versteht sich!

Natürlich musste man diese Geschichte mit Vorsicht genießen. Der Don war in Weiherfelden eine Legende, und um Legenden rankten sich so manche ausgeschmückte Gerüchte. Aber wenn man dem Don so zusah, wie er mit verschmitztem Lächeln und stets einem lockeren Spruch auf den Lippen sein Bier ausschenkte, dann war dem Weiherfeldener Gigolo alles zuzutrauen.

An diesem Abend blieb ich nach dem Training länger sitzen als sonst. Ich unterhielt mich bei einem schmackhaften Radler mit meinem Nudisten-Leidenskollegen Stefan. Als die anderen Mannschaftskollegen in Aufbruchstimmung waren, kassierte der Don die Gäste ab, tippte einem auf seinem Stuhl eingeschlafenen Rentner auf die Schulter, und gesellte sich schließlich zu Stefan und mir. Der wankende Rentner, den sie alle „den Regisseur“ nannten, folgte ihm. Seufzend ließen sich die beiden Urgesteine an unserem Tisch nieder.

„Ihr seid also die zwei Helden, die nackert durch das Obsthofener Sportheim rennen?“, fragte der Don grinsend.

Schweigend starrten Stefan und ich einander an.

„Is scho gut, Jungs. Wir haben hier schon ganz andere Sachen erlebt!“

Ich war mir nicht sicher, ob ich das im Detail wissen wollte.

„Du bist der Kleine aus Hamburg, oder?“, wandte sich der Don an mich.

„Ja, genau.“

„Hamburg… tolle Stadt. War ich auch schon mal.“

Bei einem Stilberater am Kiez?, schoss es mir rotzfrech in den Kopf. Das würde so einiges erklären. Ich biss mir auf die Lippen und signalisierte freundlich nickend meine Zustimmung.

„Der Coach hält ja große Stücke auf dich, seit du dem Meisters Michi beim ersten Training den Schneid abgekauft hast!“, lobte der Don anerkennend und musterte mich von oben bis unten.

„Habt ihr früher auch für den TSV gespielt?“, erkundigte ich mich.

„Lange her“, erwiderte der Don nachdenklich. „Sehr lange her.“

„Und der Regisseur? War er euer Spielmacher?“, fragte Stefan.

„Spielmacher? Ne, wieso? Ach, wegen seinem Spitznamen? Der Regisseur?“

„Ja, genau.“

„Nein, der war kein Spielmacher. Beinharter Verteidiger war der!“, erklärte der Don.

Der Regisseur sagte nichts dazu. Volltrunken blinzelte er in sein halbvolles Bierglas und kämpfte mit seinen tonnenschweren Augenlidern.

„Wieso heißt er dann Regisseur?“, wollte ich wissen.

„Des is a lange Gschicht“, lachte der Don und schob seinen Zahnstocher vom rechten in den linken Mundwinkel. „Vor vielen Jahren wurde hier in der Gegend mal a Film gedreht.“

„Und er war der Regisseur?“, platze es ungläubig aus mir heraus.

Der skeptisch-mitleidige Blick, mit dem der Don mich daraufhin bedachte, ließ wenig Zweifel über seine Gedanken zu. Es war wohl eine Mischung aus „Diese beiden Einfaltspinsel haben uns gerade noch gefehlt“ und „Dass sich zwei solche Idioten in ihr Sportheim verlaufen haben, muss den Obsthofenern vorgekommen sein wie Ostern und Weihnachten am selben Tag“.

„Sein Vater hatte eine große Wiese, auf der eine Festszene im Bierzelt gedreht wurde. Als Dank hatte der Regisseur des Films seinem Vater versprochen, dass der junge Sohnemann bei der Szene mitspielen darf“, erklärte der Don. „Aber als dann der große Drehtag gekommen war, hatte sich unser Freund beim Warten auf die Hauptdarsteller bereits so viele Krüge Bier genehmigt, dass der Regisseur ihn nicht mehr gebrauchen konnte. Aus Angst seinen Vater zu verärgern, machte er ihn kurzerhand zum Assistenzregisseur. Unser stolzer Kollege hier war damit hochzufrieden. Immerhin durfte er dem Regisseur des Films seine Jacke und seinen Bleistift hinterhertragen.“

„Gor ned wohr!“, protestierte der Regisseur lallend und legte schläfrig den Kopf auf seinem Bierglas ab.

Der Don wollte etwas erwidern, als plötzlich sein Handy klingelte. Stefan und ich tauschten peinlich berührte Blicke aus, als „You can leave your hat on“ von Joe Cocker erklang.

„Was ist denn?“, meldete sich der Don barsch. „Nein, ich kann des Sportheim noch ned zusperren… Weil die Gäste noch ned heimwollen.“

Während Stefan und ich wild gestikulierten, dass er ruhig schließen konnte, zwinkerte uns der Don abwinkend zu und sprach grinsend in sein Mobiltelefon: „Vielleicht kommt ja noch eine hübsche junge Frau im Sportheim vorbei, gegen die ich dich endlich eintauschen kann.“

Kopfschüttelnd legte der Don auf: „Weiber!“

„Ich glaube, wir gehen dann mal“, stammelte Stefan unsicher und kramte in seinem Geldbeutel, um seine zwei Radler zu bezahlen.

„Ach kommt schon“, sagte der Don. „Der Regisseur trinkt bestimmt auch noch eins mit.“

Zumindest widersprach der mit dem Kopf auf sein Bierglas gepresst schlafende Regisseur nicht. Doch die roten Ränder auf seiner Stirn ließen vermuten, dass diese Position alles andere als bequem war.

„Ich glaube, dem Regisseur tut sein Bett langsam aber sicher auch ganz gut“, antwortete ich und legte meine vier Euro neben Stefans Münzen.

„Alter Schwede, wo sind wir hier nur gelandet“, lachte Stefan ungläubig, als wir unsere Sporttaschen in die vor dem Sportheim geparkten Autos einluden.

„Das wird auf jeden Fall eine unterhaltsame Saison“, stimmte ich zu und fuhr kopfschüttelnd nach Hause.

Zwei Tage später stand ich wieder vor der Eingangstür des sagenumwobenen Weiherfeldener Sportheims. An diesem Vorbereitungswochenende hatte Spielleiter Willi gleich zwei Spiele angesetzt. Beim Heimspiel gegen Tiefensteig erzielten wir einen beeindruckenden Achtungserfolg. Immerhin rangen wir dem bärenstarken Titelfavoriten der Kreisliga ein 1-1 Unentschieden ab. Am Sonntag waren wir schließlich bei der DJK Dreientor zu Gast.

Beim Treffpunkt vor dem Dreientorer Sportheim drückte mir Spielleiter Willi einen Zettel in die Hand: „Da, das solltest du dir mal anschauen. Könnte wichtig sein, gerade für dich als Zivi.“

Ich hatte keine Ahnung, was meine bald beginnende Tätigkeit als Zivildienstleistender mit diesem Zettel zu tun hatte. Deshalb riskierte ich auf dem Weg in die Umkleidekabine einen ersten neugierigen Blick.

„Strafenkatalog“, murmelte ich ernüchtert, und begann den zerknitterten Zettel genauer zu studieren. Einen Strafenkatalog kannte ich aus meiner Jugendzeit. Dort waren kleinere Geldstrafen für undiszipliniertes Verhalten auf dem Spielfeld festgeschrieben gewesen. Da ich mich während den Spielen in der Regel diszipliniert verhielt, hatte ich nur selten Geld in die Mannschaftskasse einzahlen müssen.

Der Strafenkatalog des TSV Weiherfelden aber erwies sich als sehr ungewöhnlich.

Strafenkatalog TSV Weiherfelden

Gelbe Karte wegen Meckern

5 €

Platzverweis wegen Meckern

30 €

Platzverweis wegen Tätlichkeit

50 €

Unentschuldigtes Fehlen beim Spiel

50 €

Zu spät beim Treffpunkt

1 € pro Minute

Respektlosigkeit gegen Zuschauer

10 €

Respektlosigkeit gegen Trainer / Betreuer

1 Kasten Bier

Falscher Einwurf

1 Kasten Bier

Extreme Trunkenheit beim Spiel

1 Kasten Bier

Handybenutzung in der Kabine

5 €

Furzen in der Kabine

5 €

Rauchen im Trikot

5 €

Rauchen in der Kabine

1 Kasten Bier

Biertrinken in der Halbzeit

1 Kasten Bier

Während mir der erste Teil des Blattes durchaus sinnvoll vorkam, wagte ich doch, den zweiten Teil zu hinterfragen. Ich meine, wer rauchte denn in der Umkleidekabine oder holte sich in der Halbzeitpause ein Bier? Aber am meisten staunte ich darüber, dass ein Kasten Bier beim TSV Weiherfelden offenbar als eine Art Währung anerkannt war. Schön, wenn ein sportlicher Lebenswandel von den Offiziellen forciert wurde.

„Was hast du denn da dabei?“, fragte Torwart Andreas Stieler, während wir mit unseren Sporttaschen bewaffnet in die Umkleidekabine schlenderten.

„Den Strafenkatalog“, erklärte ich kopfschüttelnd. „Wer hat sich denn das alles einfallen lassen?“

„Das basiert alles auf Erfahrungswerten der letzten paar Jahre“, rief Kapitän Harald Gepard hinter mir.

„Wollt ihr mir wirklich weismachen, dass das alles schon vorgekommen ist?“, fragte ich verwundert.

„Die Liste wird stetig erweitert, sobald sich wieder mal etwas Spektakuläres ereignet!“

Na wunderbar, dachte ich skeptisch. In jedem Falle würde es bei diesem Verein nie langweilig werden.

„Besonders aufpassen solltest du auf die ungeschriebenen Gesetzte, die nicht im Strafenkatalog stehen. Die können so richtig ins Geld gehen!“, fügte Routinier Klaus Meier mit einem verschmitzten Grinsen hinzu.

Ich wollte gar nicht wissen, was sich hinter diesen ungeschriebenen Gesetzen verbarg. Exhibitionismus auf der Auswechselbank? Geschlechtsverkehr beim Anstoß?

„Du solltest darauf achten, niemals zwei Tore in Folge zu schießen“, begann Klaus die essentielle Lehrstunde.

„Wieso denn das?“, lachte ich, während ich mir den Kopf zerbrach, ob sich meine Kollegen gerade einen Scherz mit ihrem naiven neuen Mitspieler erlaubten.

„Ganz einfach: Wenn du zwei Tore in Folge erzielst, stehen die Chancen bei 90 Prozent, dass du einen Kasten Bier bezahlen musst. Ein lupenreiner Hattrick kostet nämlich einen Kasten Bier.“

Ich war verwirrt. „Aber wenn ich zwei Tore schieße, bin ich doch noch fein raus.“

„Bei uns nicht! Sobald du nach zwei Treffern eine klare Torchance versiebst, musst du den Kasten Bier trotzdem bezahlen: wegen Hattrick-Verweigerung. Als Verweigerung zählt es übrigens auch, wenn du nach zwei Toren in Folge ausgewechselt wirst.“

„Und was ist, wenn jemand anderer nach meinem zweiten Tor ein Tor schießt?“

„Dann muss er den Kasten bezahlen. Schließlich hat er einen möglichen Hattrick zerstört.“

Das alles war mir zu kompliziert. Innerlich beschloss ich, am besten gar kein Tor für den TSV Weiherfelden zu erzielen. Defensiv nichts anbrennen lassen und vorne Zurückhaltung wahren. Das sollte meinen leeren Zivigeldbeutel genug schonen, um über die Runden zu kommen. In der 1. Mannschaft meines Hamburger Heimatvereins bekamen die Spieler Auflauf- und Torprämien. Hier musste man also Bierkästen spendieren, wenn man zu viele Tore schoss. Wie motivierend.

„Muss ich sonst noch auf irgendetwas achten?“

„Ja. Beim 10. Tor in einem Spiel und beim 100. Saisontor gelten die gleichen Regeln.“

„Das heißt, wenn wir mal 99 Saisontore haben sollten, muss jeder, der eine Chance nicht rein macht, einen Kasten Bier zahlen, bis jemand das 100. Tor schießt, für das er natürlich auch einen Kasten Bier spendieren muss?“, fasste ich entgeistert zusammen.

„Cleveres Kerlchen!“, lobte Klaus augenzwinkernd und öffnete die Tür zur Gästekabine.

Die DJK Dreientor hatte nicht den besten Ruf. Schon früh in meiner Fußballerkarriere hatten mir alle Trainer eingebläut, jedem Gegner mit Respekt entgegenzutreten. Fußballspiele wurden größtenteils im Kopf entschieden. Nur so konnte man seine beste Leistung abrufen und enge Spiele gewinnen. Viel Respekt zollten meine Mannschaftskollegen der DJK Dreientor allerdings nicht. Ganz im Gegenteil.

„Ein besseres Torschusstraining!“, meinte Verteidiger Dominik Prien und schüttelte seine lange schafspelzartige Mähne.

„Können wir ned a paar Spieler aus unserer C-Jugend mitnehmen, damit es wenigsten aweng interessant wird?“, fragte Torwart Andreas Stieler, der sich sichtlich Sorgen machte, nicht einen einzigen Ballkontakt abzubekommen.

„Alles unter zweistellig wäre eine Schande“, kommentierte selbst Willi, der es in seiner Funktion als Spielleiter eigentlich besser hätte wissen müssen.

Schließlich meldete sich auch unser Trainer zu Wort: „Jungs, wenn ihr heute ein Gegentor bekommt, dann seht ihr die ganze kommende Woche keinen Ball!“

Die Androhung eines derart exzessiven Lauftrainings hätte vor anderen Spielen ausgereicht, um der gesamten Mannschaft den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben. Nicht so gegen Dreientor. Meine Kollegen saßen da und grinsten sich überheblich an.

„Gegentor“, prustete der junge Abwehrrecke Martin Kruse, als wäre dies das unwahrscheinlichste Ereignis der Welt.

„Und wenn wir zweistellig gewinnen, bekommen wir eine Woche trainingsfrei?“, handelte Flügelflitzer Niklas Dinger mit verschmitzter Miene.

„Trainingsfrei?“, polterte unser Trainer, dem es langsam aber sicher zu bunt wurde. „Da ihr heute so selbstsicher seid, möchte ich eine einwandfreie Leistung sehen, auch wenn der Gegner schwach ist. Wenn nur ein einziger Schuss auf unser Tor abgegeben wird, dann machen wir noch eine kleine aber feine Trainingseinheit nach dem Spiel!“

„Na toll“, stöhnte Bernd Hagen und rollte genervt die Augen. Er war ein herausragender Fußballer mit einer Abneigung gegen Bewegung. „Habt ihr wieder so lange getrommelt, bis ihr uns eine zusätzliche Laufeinheit beschert habt!“

„Noch hat Dreientor ja nicht aufs Tor geschossen. Wir müssen uns ganz einfach konzentrieren, dann darf doch gegen so einen Gegner hinten nichts anbrennen“, beschwichtigte Libero Klaus Meier.

„Haben die nicht einen neuen Trainer?“, fragte Kapitän Harald Gepard beiläufig.

„Irgendjemand aus dem Osten glaub ich“, antwortete Michael Meister.

„Macht euch keinen Kopf! Wenn er einen Trainerjob bei Dreientor annimmt, dann kann er ja nicht so stark sein. Sonst hätte es sicher bessere Angebote gegeben“, grinste Niklas Dinger, der dazu tendierte, alles und jeden auf die leichte Schulter zu nehmen.

Fünf Minuten nach dem Anpfiff führten wir bereits mit 1-0. Michael Meister hatte einen hanebüchenen Fehler der Dreientorer Verteidigung eiskalt ausgenutzt und den Ball am chancenlosen Torwart vorbeigespitzelt. Nach diesen fünf sehr einseitigen Spielminuten waren mir sofort zwei Dinge klargeworden. Erstens war Dreientor noch schlechter, als ich es nach den abfälligen Kommentaren meiner Kollegen erwartet hatte. Aber zweitens war ihr neuer Spielertrainer eine absolute Granate. Er flitzte unermüdlich über den Platz wie ein kleiner kahlköpfiger Duracellhase, spielte Libero und Stürmer zugleich und war überall auf dem Spielfeld zu finden. Das war auch bitter nötig. Denn seine zehn Mannschaftskollegen waren an fußballerischer Unfähigkeit kaum zu überbieten. Als einzig Sehender unter zehn Blinden, mühte sich der arme Spielertrainer redlich, den Spielstand in Grenzen zu halten. Trotzdem gingen wir mit einer komfortablen 6-0 Führung in die Pause.

Und was noch wichtiger war: Dreientor war kein einziges Mal auch nur in die Nähe unseres Tores gekommen. Das angedrohte Sonderstraftraining konnte also noch abgewendet werden.

In der zweiten Halbzeit setzten wir unseren Einbahnstraßenfußball fort. Dreientor hatte nicht den Hauch einer Chance. Der verzweifelte, emsig rackernde Spielertrainer mühte sich vergebens. Es stand 13-0. Und fünf Minuten vor dem Schlusspfiff hatte sich Dreientor noch immer nicht näher als 30 Meter an Torwart Andreas Stieler herantasten können.

Dann aber passierte das Unglaubliche. Routinier Klaus Meier, der technisch versierte Ruhepol in der Abwehrreihe, hatte an der Mittellinie den Ball. Der erfahrene Klaus verfügte über eine ausgezeichnete Spielübersicht. Sein geschultes Auge fand Michael Meister, und jedermann rechnete mit einem präzisen langen Pass. Stattdessen zog Klaus den Ball mit der Fußsohle nach hinten, und der hochmotivierte gegnerische Stürmer, der ungestüm herangeprescht war um das Zuspiel zu unterbinden, taumelte ins Leere. Genial! Klaus legte sich den Ball erneut zurecht, aber der Stürmer ließ nicht locker. Wutentbrannt rannte er auf unseren Libero zu. Klaus fackelte nicht lange und schob dem unbedacht angreifenden Gegner lässig den Ball durch die Beine. Riskant! Aber noch immer hatte der Dreientorer Stürmer nicht genug. Wie eine Dampfwalze steuerte er auf unseren eleganten Libero zu, der mir noch selbstbewusst zuzwinkerte, ehe er mit einem lockeren Hackentrick den Ball zu Martin Kruse weiterspielen und den gegnerischen Stürmer erneut ins Leere taumeln lassen wollte. Überheblich!

Der Ball versprang Klaus aufgrund einer kleinen Unebenheit des Rasens. Fassungslos mussten meine Mannschaftskollegen und ich mit ansehen, wie der Hackentrick genau in den Füßen des überraschten Dreientorer Stürmers landete. Seine Augen funkelten. Er witterte die letzte Chance auf Ergebnisbeschönigung.

Unaufhaltsam rannte der gegnerische Angreifer auf unser Tor zu. Martin brauchte stets ein paar Augenblicke, um sich auf neue Situationen einzustellen. Wertvolle Zeit verstrich, in der zumindest Unglücksrabe Klaus die Verfolgung aufnahm. Der in die Jahre gekommene Filigrantechniker hatte schon einen leichten Bauchansatz und war beileibe nicht mehr der Schnellste. Es war aussichtslos. Zwar hatten wir mit Andi Stieler einen guten Torwart, aber ein Torschuss reichte ja bereits aus, um uns eine zusätzliche Straftrainingseinheit zu bescheren.

Der Stürmer war noch 30 Meter von unserem Tor entfernt. Er hatte freie Bahn.

„Was zum Teufel macht er denn jetzt?“, murmelte ich entgeistert.

30 Meter vor dem Tor setzte der gegnerische Spieler plötzlich ohne jede Not zum Schuss an.

„Nein! Lauf doch weiter!“, rief der bemitleidenswerte Spielertrainer noch, aber es war bereits zu spät.

Der Stürmer holte mit dem Bein aus, als gäbe es kein Morgen mehr. Wir rechneten mit einem bombastischen Gewaltschuss, der gewiss unser Tornetz zerfetzte.

Mit geschätzten fünf Stundenkilometern kullerte der Ball in die Arme unseres prustenden Torwarts Andreas. Immerhin hatte der Dreientorer Stürmer den Ball noch gestreift. Dafür hatte er einen halben Quadratmeter Gras und Erde aus dem Rasen getreten, der in hohem Bogen durch die Luft flog und gefährlicher war als sein Torschuss.

Als der Schiedsrichter kurz darauf das Spiel abpfiff, kam Trainer Andreas Dietner schmunzelnd auf uns zugelaufen.

„Das war doch kein Torschuss, Trainer! Der Ball wäre vor der Torlinie verhungert, wenn Andi ihn nicht gleich aufgehoben hätte!“, protestierte Niklas Dinger.

„Der Stürmer hat geschossen, der Torwart hat gehalten. Das ist für mich die Definition eines Torschusses. Also bringen wir es hinter uns. Alle in einer Linie aufstellen. Steigerungsläufe!“

Und so hatten wir das zweifelhafte Vergnügen, an einem harten Wochenende mit zwei aufeinanderfolgenden Spielen noch eine viertelstündige Sondereinheit dranhängen zu dürfen. Steigerungsläufe, Spurttraining, Huckepack-Tragen – alles, was das Fußballerherz begehrt.

Hochmut kommt eben doch vor dem Fall!

Als ich mich nach dem Duschen abtrocknete, kam Kapitän Harald auf mich zu: „Hey Marco. Auf dem Rückweg von Dreientor liegt ein guter Grieche. Ein paar von uns gehen jetzt noch dort essen. Willst du mitkommen?“

„Klar“, erwiderte ich. Eine gute Gelegenheit, mehr Anschluss in Weiherfelden zu finden. Das griechische Restaurant trug den Namen „Dionysos“ und hatte vorzügliches Essen. Der kleine lebhafte griechische Wirt Yannis stolzierte lächelnd von Tisch zu Tisch und brachte mit seinem spritzigen frivolen Charme alle Gäste sofort zum Lachen.

Wie es sich bei einem Griechen gehört, servierte uns Yannis als Vorspeise eine eiskalte Runde Ouzo. In diesem Augenblick bemerkte ich, dass es sich hier nicht um einen gewöhnlichen Griechen handelte. Denn während ich meinen Ouzo wie üblich in einem Schnapsglas erwartete, bekamen wir unseren Ouzo in einem kleinen Fläschchen gereicht.

„Hier ticken die Uhren ganz einfach anders!“, freute sich Dominik Prien mit glänzenden Augen und stürzte seine hundert Milliliter in einem Zug hinunter.

Wie selbstverständlich trank der unterhaltsame Wirt Yannis an jedem Tisch ein Fläschchen Ouzo mit.

„Man lebt nur einmal!“, lachte er und stolzierte zurück in die Küche, um die köstlich duftenden Platten aufzutragen.

Ich hatte selten zuvor so gut gegessen. Mein Bauch war zum Bersten gefüllt, als Yannis sich mit einer Bouzouki bewaffnete, geschickt auf unseren frisch abgeräumten Tisch hüpfte und mit glasigen Augen ein altes griechisches Volkslied anstimmte.

Vier Ouzo später – meine Augen waren nun beinahe so glasig wie die des Wirts – lagen wir uns mit Yannis in den Armen und tanzten auf dem Tisch einen wilden Sirtaki.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war ich heilfroh, dass mein Zivildienst noch nicht begonnen hatte. An Arbeit wäre an jenem Montagvormittag nicht zu denken gewesen. Ich konnte mich nicht erinnern, wie ich von diesem teuflischen Griechen nach Hause gekommen war. Hämmernde Kopfschmerzen begleiteten mich aus meinem Zimmer. Ein Blick vor die Haustüre beruhigte mich. Mein Auto war nirgendwo zu sehen. Ich war also vernünftigerweise nicht mehr selbst gefahren. Gerade als ich ein erleichtertes „Das ist ja nochmal gut gegangen“ murmeln wollte, ließ ich mir das leckere griechische Essen vom Vortag noch einmal lautstark durch den Kopf gehen.

FC Dreibrücken - TSV Weiherfelden (Pokalspiel)

Erst am Dienstag beim Training erfuhr ich, dass der gute alte Willi die gesamte Truppe mit dem Mannschaftsbus vom Griechen abgeholt hatte.

Nachdem ich mich lautstark in unsere Hofeinfahrt übergeben hatte, begann mein Vater langsam zu zweifeln, ob sein Rat wirklich eine gute Idee gewesen war, im neuen Heimatort Weiherfelden Fußball zu spielen.

„In der Bezirksliga trinken sie bestimmt nicht so viel!“, polterte er.

„Das kann sein. Aber ich muss mich ja in meiner neuen Mannschaft integrieren.“

Nach dem Gelage im Dionysos war mein Vater natürlich alles andere als begeistert, dass am kommenden Wochenende das Trainingslager anstand.

„Ich hoffe, ihr kommt da auch zum Trainieren!“, meinte mein alter Herr skeptisch.

„Der Trainer wird sich sicher etwas Gemeines einfallen lassen.“

„Wo fahrt ihr nochmal hin?“

„Monte Kaolino heißt das, glaube ich. Keine Ahnung, wo das ist“, antwortete ich.

„Ach so, das hört sich gut an.“

Ich wusste noch nicht, was genau der Monte Kaolino war, aber die sichtliche Zufriedenheit meines Vaters machte mich plötzlich nervös.

Bevor es am Freitagnachmittag ins Trainingslager ging, mussten wir am Donnerstag noch ein Pokalspiel absolvieren. Wir wollten uns auswärts für die nächste Pokalrunde qualifizieren. Der Einzug in die Hauptrunde des DFB-Pokals war für den TSV Weiherfelden natürlich ein utopisches Ziel. Dennoch waren die Pokalspiele eine gute Sache. Zum einen hatte man zusätzliche Vorbereitungsspiele unter Wettkampfbedingungen. Noch interessanter als die Spielpraxis aber war die Möglichkeit, in den späteren Pokalrunden auf renommierte Gegner zu treffen, die gut und gerne vier oder fünf Klassen höher spielten. Das waren aufregende, wenn auch meist einseitige Spiele, in denen man mehr lernen konnte als bei einem 13-0 gegen eine völlig überforderte DJK Dreientor.

Der FC Dreibrücken spielte eine Klasse unter uns. Sie hatten einen jungen neuen Trainer. Der ehemalige Bezirksoberligaspieler war erst 29 Jahre alt. Aufgrund einer schweren Knieverletzung musste er seine Karriere früh beenden und war als Trainer zu seinem Heimatverein zurückgekehrt. Neben vielen taktischen Einflüssen aus der Bezirksoberliga, brachte er auch einige befremdliche eigene Ideen mit.

Das Spiel war keine zehn Minuten alt, als Trainer Andreas Dietner unseren Kapitän Harald zu sich rief.

„Jungs, merkt ihr denn nicht, dass ihre Abwehrreihe total unsicher ist? Sag Michael und Stefan, dass sie immer an der Grenze zum Abseits spekulieren sollen. Versucht, sie aus dem Zentrum in Szene zu setzen!“

Harald Gepard war auf dem Platz der verlängerte Arm des Trainers. Rasch informierte er die Mitspieler über die neue Marschroute. Unser Trainer hatte ein gutes Auge für taktische Schwächen des Gegners. In den ersten Minuten war das Spiel ereignislos dahingeplätschert. Wir hatten die Abwehr des FC Dreibrücken noch nicht ernsthaft gefordert. Aber Andreas hatte die Gastgeber scharf beobachtet. Insbesondere die Verteidiger wirkten unsicher, blickten immer wieder fragend zu ihren Nebenmännern und zur Seitenlinie. Als ich bewusst darauf achtete, fiel auch mir auf, wie krampfhaft sie versuchten, auf einer Linie zu bleiben. Die beiden Außenverteidiger schalteten sich konsequent nicht in das Offensivspiel ein, sondern beharrten eisern auf ihren defensiven Posten. Das Defensivverhalten des FC Dreibrücken ließ nur einen Schluss zu: Sie agierten wie eine Mannschaft, die gerade damit begonnen hatte, die Viererkette einzuführen.

Während wir beim TSV Weiherfelden noch altmodisch mit Libero und Manndeckung spielten, war die Viererkette eine moderne Abwehrformation, die auf dem Prinzip der Raumdeckung basierte und im Profifußball gang und gäbe war. Sie war taktisch deutlich flexibler – wenn man sie beherrschte.

Und genau das tat der FC Dreibrücken noch nicht!

In der Umstellungsphase waren Abwehrreihen besonders anfällig. Unsichere Blicke, zögerliches Ausrichten an den Mitspielern, Abstimmungsprobleme bei der Übergabe der Gegenspieler. Das eröffnete uns Räume, die wir durch den Tipp unseres Trainers gezielt ausnutzen konnten.

Hartnäckig behauptete ich mich in einem Zweikampf gegen den Dreibrückener Mittelfeldregisseur. Kaum war der Ball erobert, entdeckte ich eine klaffende Lücke im Abwehrzentrum unseres Gegners. Ein gezielter Pass auf meinen Freund Stefan (unfreiwilliges Nudistendasein schweißt zusammen), und schon stand es 1-0 für den TSV.

Trainer Andreas klatschte begeistert in die Hände und nickte mir anerkennend zu. Er war ein Mann, der es sehr zu schätzen wusste, wenn seine taktischen Finessen auf dem Spielfeld umgesetzt wurden.

Der neue Trainer des FC Dreibrücken schlenderte nachdenklich zur Reservebank, schnappte sich seinen Notizzettel und malte die Spielsituation, die zum frühen Rückstand seiner Schützlinge geführt hatte, auf ein Blatt Papier. In der B-Jugend hatte mein Trainer in Hamburg auch die Viererkette mit uns einstudiert. Ich wusste also aus eigener Erfahrung, wie das ablief. Woche um Woche analysierte der Trainer geduldig die Gegentore an der Taktiktafel, um Schwachstelle für Schwachstelle in der Deckung auszumerzen. Bis die Viererkette endlich die geforderte Stabilität erreicht hatte.