Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 390

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Wer probt hat´s nötig - Jonas Philipps

Es ist ein Meilenstein der Musikgeschichte, als Paul und Mario ihre Band Biersaufesel gründen. Die selbsternannte schlechteste Band der Welt begeistert nicht mit musikalischer Qualität. Doch mit wenig Talent, viel Herz und durchgeknallten Songtexten genießen sie in ihrem Heimatort Kultstatus. Aber reicht das auch für den Sprung auf die große Bühne? Begleiten Sie die vier jungen Männer auf ihrer mitreißenden Reise durch die Welt der Musik, den Anekdoten einer wilden Jugend und der Jagd nach den eigenen Träumen.

Meinungen über das E-Book Wer probt hat´s nötig - Jonas Philipps

E-Book-Leseprobe Wer probt hat´s nötig - Jonas Philipps

Über den Autor

Jonas Philipps wurde im Jahr 1981 in Forchheim geboren. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen im Landkreis Bamberg.

Die Leidenschaft für das Schreiben von Geschichten entdeckte Jonas Philipps im Alter von 18 Jahren durch die Verfassung von Song-Texten für eine Heavy-Metal-Band.

Nach ersten Gehversuchen im Genre Fantasy fokussierte sich Philipps auf witzige, unterhaltsame Romane rund um Sport und Musik.

Nach „Sonntagsschüsse - Fußballfieber in der Kreisklasse“ ist „Wer probt hat´s nötig“ Jonas Philipps zweite Veröffentlichung. In diesem Buch erinnert sich der Vollblutfranke an seine eigene erfolglose Bandkarriere zurück.

Aktuell arbeitet Philipps an einer Fortsetzung seines Debütromans „Sonntagsschüsse“.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Erinnerungen

Das verhängnisvolle Feuer

Der verzweifelte Schreihals

Der Hase und das Rindfleisch

Online

Unplugged wider Willen

Das Loch der Kreativität

Genie und Wahnsinn

Auf gute Nachbarschaft

Zu Gast bei den Göttern

Katzen, Ketchup und Erfolge

When the Children Cry

In fremden Gefilden

Echte Rockstars

Nackert

Pleiten, Pech und Pannen

Fehl am Platz

Der Rächer mit dem Becher

Yankee´s Metal Pub

Klagegesänge einer Katze

Der Weltenbummler

Die Rückkehr der schlechtesten Band der Welt

Fünf Gläser Bauernbrüh

Schlusswort & Danksagung

Vorwort

Dieses Buch widme ich meinen früheren Bandkollegen. Wir haben viel zusammen erlebt, es war echt eine Wahnsinnszeit!

„Wer probt hat´s nötig“ lehnt sich in Grundzügen an die Geschichte unserer Band Biersaufesel an.

Da ich sie einfach großartig finde, habe ich Originaltexte der alten Band wiederverwendet.

Hierfür vielen Dank vor allem an unseren einstigen Schlagzeuger, aus dessen Feder die meisten dieser unvergleichlichen Geistesblitze stammen.

Die Charaktere hingegen sind frei erfunden und spiegeln nicht die ehemaligen Musiker der realen Band wider.

Auch nicht alle Anekdoten aus dem Buch sind genauso passiert. Teile sind auch frei erfunden oder sind anderen Bands oder Musikern passiert. Alles in allem ist und bleibt es eine Geschichte!

Des Weiteren möchte ich dieses Buch allen Musik-Fans, Hardrockern und Metalheads widmen.

Ich wünsche Euch viel Vergnügen auf der wohl ungewöhnlichsten Reise durch die Welt der Musik!

PS: Wer am Anfang des Buchs noch manchmal die Hauptcharaktere bzw. Bandmitglieder verwechselt, findet auf meiner Homepage unter www.jonas-philipps.de unter dem Menüpunkt Wer probt hat´s nötig > Charaktere eine kleine Übersicht, die euch sicher beim Lesen unterstützt ;-)

Erinnerungen April 2016

Es ist ein seltsames Gefühl, die Treppen zum alten Proberaum hinabzusteigen. Alles ist noch wie früher. Der düstere, schmutzige Gang mit den tristen grauen Wänden. Die vier Männer halten einen Augenblick lang inne und saugen den ekelerregenden, entfernt vertrauten Gestank der immer noch total verdreckten Toilette ein.

„Meine Güte, es hat sich wirklich nichts verändert“, raunt Leo Baum mit einem verträumten Lächeln.

Feierlich betrachtet Mario Kirchner das Türschloss eine Weile, ehe er den Schlüssel hineinsteckt und die Tür zu ihrem einstigen Proberaum öffnet.

Die Wucht der Erinnerungen trifft die vier Freunde mit der brachialen Gewalt eines Metallica-Songs von der Platte Kill ´Em All. Es sieht alles noch aus wie früher. Nur das Werbebanner, das in der hinteren Ecke des Raumes über dem dort aufgebauten Schlagzeug prangt, zeigt einen anderen Schriftzug.

„Wirklich nett von Betzn of Death, dass sie uns erlaubt haben, hier zu proben“, meint Paul Bauer anerkennend.

Seine Kollegen nicken stumm und sehen sich mit glänzenden Augen um.

„Lasst uns erstmal kurz besprechen, wie wir das überhaupt angehen wollen“, schlägt Mario vor und zerreißt den behaglichen Moment feierlicher Stille.

„Von mir aus“, nickt Manuel Hase gleichgültig. „Aber lass uns in den Nebenraum gehen. Dort können wir uns noch ein bisschen ausruhen.“

Seine Kollegen schmunzeln. Gemeinsam treten sie durch den Eingang in den schmalen Nebenraum, in dem sich eine verstaubte, dreckige Couch befindet, die drei Viertel des vorhandenen Platzes einnimmt. Manuel lässt sich mit einem zufriedenen Seufzen in das weiche Sofa fallen. Die Staubwolke bringt ihn kurz zum Husten.

Erwartungsvoll blickt Mario Kirchner in die Runde: „Habt ihr euch unsere alten Songs nochmal angehört, damit es heute nicht ganz so ein Fiasko wird?“

Betreten starren die drei angesprochenen Männer zu Boden.

Mario schüttelt frustriert den Kopf. „Hätt ich mir ja denken können… Welche Songs könnt ihr denn überhaupt noch? Wir werden ja sicher nicht mehr alles zusammenbekommen.“

„So schwer war unser Zeug doch auch nicht. Lass uns einfach mal anfangen. Das kommt schon wieder“, antwortet Manuel mit tiefenentspannter Miene.

„Außerdem erwartet sowieso keiner was von uns, oder?“, merkt Leo grinsend an. „Und bei DER Werbung noch weniger!“

Interessiert beobachten Leos Bandkollegen, wie er einen dicken Pack Flyer aus seinem Rucksack zaubert.

Skeptisch starrt Mario auf die kleinen, schwarz-rot bedruckten Handzettel. „Wer probt, hat’s nötig? Die Rückkehr der schlechtesten Band der Welt?“, murmelt er ungläubig.

Leo grinst ihn stolz an: „Geil, oder?“

Pauls Augen ruhen auf dem kotzendenden Esel, der seinen Auswurf über den kompletten Flyer verteilt. „Unser altes Bandlogo“, seufzt er mit belegter, von Nostalgie erfüllter Stimme. „Also ich find´s super geil!“

Manuel nickt aufgeregt. „Die werden uns die Bude einrennen!“

„Vermutlich hast du Recht“, räumt Mario ein. „Ich kann aber beim besten Willen nicht verstehen, warum sie gerade unsere Band für diesen Revival-Abend gewählt haben. Ich meine, so ganz unter uns, wir waren doch grausam. Wer will denn ernsthaft sowas hören?“

Manuel muss lachen. „Mario, du musst endlich mal einsehen, dass Qualität und Talent nicht alles sind! Eine gute Band gefällt dir. Die hörst du dir gerne an. Aber eine richtig grottenschlechte Band, die vergisst du nie!“

„Das wird es sein. Hier in Weiherfelden sind wir immer noch Helden. Die glorifizieren uns ja beinahe. Echt erschreckend!“, bestätigt Leo Baum.

„Da hast du Recht“, stimmt auch Paul Bauer zu. „Erst vor ein oder zwei Wochen waren zwei junge Fußballer am Freitagabend auf ein Bier bei mir. Da sagen die doch tatsächlich allen Ernstes mit Neid und Bewunderung in ihren Stimmen zu meinem Kumpel Niklas: Wahnsinn, du bist echt noch aus der Generation, die Biersaufesel live gehört hat!“

Anstatt sich darüber zu freuen, macht Mario nun erst recht einen besorgten Eindruck. „Mensch, da könnte wirklich die Hölle los sein. Als ich von dem Voting gehört hab, war ich erstmal überrascht, dass wir überhaupt dabei waren.“

„Ja, nach all der Zeit ist es echt ein Wunder, dass sich überhaupt noch jemand an uns erinnert.“

„Es gibt so viele grandiose Bands, die sich inzwischen aufgelöst haben. Wieso wollen sie gerade von uns ein Revival-Konzert hören? Eigentlich hätten wir sang- und klanglos Letzter in diesem Voting werden müssen!“

„Das stimmt!“, stöhnt Mario. „Aber jetzt werden die Leute hohe Erwartungen an uns haben. Sollten wir da nicht etwas öfter als dieses eine Mal proben?“

Aber seine drei Bandkollegen winken sofort ab: „Mario, wer probt, hat’s nötig! Wenn die Leute uns gewählt haben, kannst du dir sicher sein, dass sie wussten, worauf sie sich einlassen. Und hohe Erwartungen passen nun mal nicht zu uns.“

„Genau. Lasst uns einfach die gute, alte, geile Show auf die Beine stellen. Scheiß auf Qualität. Spaß ist angesagt!“

„Recht habt ihr!“, bekräftigt Paul mit einem wahnsinnigen Glanz in den Augen. „Lasst uns erstmal ein Bier aufmachen. Dann legen wir los.“

Marios Körper prickelt, als er sich ächzend hinter das Schlagzeug zwängt. Andächtig hält er die beiden nagelneuen hölzernen Sticks in den Händen, fährt liebevoll mit den Fingerspitzen über die glatte Oberfläche. Es fühlt sich so gut an, wieder hier zu sein. Mit einem breiten Grinsen schmettert er eine Salve Double Bass mit dem Rhythmusgefühl eines Maschinengewehrs mit Ladehemmungen durch den Proberaum.

Leo hat sich inzwischen die Gitarre umgeschnallt. Er schließt das Kabel des Verstärkers an seinem Instrument an. Mit verträumtem Blick in die romantische Ferne, denkt er an das warme Scheinwerferlicht der Bühne. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht klappt es ja diesmal! Die eingerosteten Finger fahren zärtlich über die Saiten. Eine Zehenspitze drückt den am Boden bereitliegenden Knopf des Verzerrers. Und der brachiale Sound der um einen Halbton heruntergestimmten Gitarre dröhnt gegen die Wände.

Manuel stöpselt indes den Bass an und lauscht den konfusen Klängen seiner Kollegen. Dann fliegen seine flinken Finger über die dicken Saiten des Instruments. Es kracht und scheppert. Biersaufesel ist wieder da!

Paul schnappt sich sein Mikrofon und lässt den Blick durch die Runde schweifen: „Durchfall oder Katze?“

„Katze!!!“, kreischt Leo wie ein abgestochenes Tier.

„Also dann: Spielen wir Katze!“, lacht Paul.

Das rhythmische Klopfen von Holz auf Holz ertönt. Mario zählt vier Schläge vor. Erwartungsvolle Stille erfüllt den Raum.

Plötzlich fliegt die Tür zum Proberaum auf. Alle Köpfe wirbeln herum. Was zum Teufel…

Udo Ritter steht in der Tür. Der gute alte Udo. Wie vom Donner gerührt starren die Bandmitglieder ihren treusten und vielleicht einzigen Fan an. Wie in aller Herrgotts Namen hat er schon wieder von dieser Bandprobe erfahren?

Paul, Leo, Manuel und Mario halten bewegt inne. Der alte Proberaum, der unerträgliche Gestank der verdreckten Toilette, die vergessene Vertrautheit der Instrumente. Und jetzt auch noch Udo! Die Wucht der Erinnerungen überwältigt sie. Die alten Bilder ziehen vor ihrem geistigen Auge vorüber: eine unvergessliche Reise durch die Welt der Musik, die legendären Anekdoten einer wilden Jugend, und die Jagd nach den eigenen Träumen. Erinnerungen an damals, als alles begonnen hatte.

Das verhängnisvolle Feuer August 2000 (16 Jahre vorher)

Plötzlich zog Mario Kirchner seine Zunge aus dem Mund des süßen Mädchens mit den langen pechschwarzen Haaren zurück, unter deren T-Shirt seine Hände gerade auf Wanderschaft gegangen waren.

„Was ist denn los?“, hauchte sie überrascht.

„Ich muss mich ums Feuer kümmern!“, erwiderte Mario mit einem pflichtbewussten Unterton.

„Jetzt?“, rief das fassungslose Mädchen vorwurfsvoll.

„Natürlich jetzt! Sonst gehen die Leute ja heim, bevor das Feuer brennt.“

„Dann könnten wir ja auch heim zu dir gehen.“

Schweren Herzens ignorierte Mario den verführerischen Blick. „Nach dem Feuer!“, versprach er und drückte der Enttäuschten einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. Dann raste er davon, eilte die Treppen der Kirche hinunter und verschaffte sich trotz seines volltrunkenen Zustands rasch einen Überblick über die Situation. Die Kerwasburschen warteten bereits auf ihn. Sie lungerten sinnlos am Dorfplatz herum und lechzten förmlich nach Instruktionen.

„Also, auf geht’s!“, rief Mario ihnen von Weitem entgegen.

„Schon fertig?“, prustete Bernd Hagen, und die umstehenden jungen Männer lachten hämisch.

„Lacht nicht, geht lieber das Holz holen, damit das heute nochmal was wird!“

Grummelnd rollten die nicht mehr ganz nüchternen Adressaten mit den Augen.

„Hat sie ihn nicht rangelassen, oder was?“

„Kaum zurück, trägt er schon wieder die Ruhe raus.“

„Elender Sklaventreiber!“

Mario ignorierte die lallenden Proteste seiner Kerwasburschen. Er war schließlich Widerworte gewohnt. Als Chef eines trinkwütigen Sauhaufens musste man ein dickes Fell haben. Zuckerbrot und Peitsche war sein Motto.

„Bernd und Paul, geht ihr bitte hoch zur Scheune und holt zwei Schubkarren voll Holz? Leo, Niklas, geht mit und holt ein paar Kästen Bier, okay?“

Fluchend machten sich die vier Jugendlichen auf den Weg.

„Ist Udo auch noch da?“

„Den kannst du vergessen!“, lachte jemand und deutete auf die unterste Stufe der Kirchentreppe. Dort saß Udo in gequälter, nach vorn gebeugter Haltung auf der Treppe und hatte einen Kasten Bier auf dem Schoß, auf dem er mit dem Gesicht voraus den Kopf abgelegt hatte, um zu schlafen. Mario schüttelte den Kopf. Zu nichts zu gebrauchen!

Wenige Minuten später war das Feuerholz eingetroffen. Sorgfältig baute Mario die Holzscheite in der Feuerwanne auf und zückte sein Feuerzeug.

„Und so findet auch diese Kerwa wieder ihr ruhmreiches Ende!“, verkündete er feierlich, und die umstehenden Zuschauer applaudierten, als er das Feuer entzündete. Die ersten schüchternen Flammen züngelten in den sternenklaren Himmel der kühlen Nacht. Die Kerwasburschen freuten sich auf das wärmende Feuer. Die beinahe 40 jungen Männer öffneten ihre Bierflaschen und setzten sich im tanzenden Schein der Flammen um die Feuerwanne.

Plötzlich erhellte der Lichtkegel eines nahenden Autos die Hauptstraße.

„Alter, schaut mal auf die Uhr. Wer kann denn um diese Zeit noch Auto fahren?“, raunte Leo Baum und stemmte sich tapfer gegen den Würgereiz, als er an seinem nächsten Bier nippte.

Das Auto schoss ins Blickfeld, bremste, und der Fahrer sah sich neugierig um, ehe er im Schritttempo weiterfuhr.

Die Kerwasburschen runzelten die Stirn. Polizei? Was wollten die denn hier? Die Kerwa war doch hiermit offiziell beendet.

Der Wagen fuhr an der Kirchentreppe vorüber, blinkte und parkte links von der Kirchenmauer auf dem Parkplatz.

„Meinst du, die wollen auch ein Bier?“

„Keine Ahnung. Ich würde nicht drauf wetten“, antwortete Mario. Ein Polizist stieg aus dem Wagen und eilte zielstrebigen Schrittes auf das Feuer zu.

„Vielleicht ist dem kalt und er will sich aufwärmen.“

„Schon mal was von Heizung gehört?“

„Naja, in meinem Auto funktioniert die auch nie.“

Mit versteinerter Miene erreichte der Polizist die illustre Runde.

„Was macht ihr denn da?“, bellte er.

Die Kerwasburschen zuckten erschrocken zusammen. Was war denn mit dem los?

„Nach was sieht’s denn aus? Wir schüren ein Feuer“, erwiderte Mario trocken.

„Mitten im Ort? Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?“, donnerte der unfreundliche Polizist.

„Wir passen schon auf. Außerdem haben wir ja eine Feuerwanne.“

Mit zornesrotem Kopf ließ der Polizist seine orkanartige Stimme durch die angespannte Stille peitschen: „Wo ist eure Genehmigung? Wer hat euch das erlaubt?“

„Das ist bei uns an Kerwa Tradition“, erklärte Mario.

„Das interessiert mich nicht! Ich will wissen, wer euch das erlaubt hat!“

„Bleiben Sie doch mal ruhig. Wie gesagt: Das ist bei uns eine Tradition. Machen wir jedes Jahr.“

Grummelnd eilte der Polizist zu seinem Auto, holte einen Stift und einen Block und kehrte an das Feuer zurück. „Mir reicht es jetzt! Ich werde eure Personalien aufnehmen. Einer nach dem anderen bitte. Vortreten und Ausweis zeigen! Aber zackig!“

Mario erhob sich als Erster von der Kirchentreppe. Schließlich war er der Anführer der Kerwasburschen. Pflichtbewusst wie immer hatte er das Gefühl, verantwortungsvoll vorangehen zu müssen. „Mario Kirchner. Ich habe das Feuer angezündet. Und ich bin stolz drauf!“

„Das ist mir wurscht, ob du stolz darauf bist! Deinen Ausweis will ich sehen!“

Stirnrunzelnd fragte sich Mario, ob es denn wirklich ein cleverer Schachzug war, 40 betrunkene Männer, die einfach nur in Ruhe ihr Bier trinken wollten, derart aggressiv und provokant anzubrüllen. Was lernte man eigentlich in der Polizeiausbildung?

„Hier, bitte“, sagte er und überreichte dem Polizisten seinen Ausweis.

„Aha. Mario Kirchner. Wohnhaft in Weiherfelden. Offensichtlich der Rädelsführer hier, nicht wahr?“

Wie ein Rumpelstilzchen sprang der Polizist durch die Reihen, nahm die Personalien auf, verlangte die Ausweise und machte sich einen Freund nach dem anderen.

„Willst du auch einen Schluck? Vielleicht wirst du dann ein bisschen ruhiger…“

„Unerhört! Ich bin im Dienst! Und den nehme ich sehr ernst!“

„Ja, das merkt man“, lallte Udo Ritter sarkastisch, den der Polizist gerade aufgeweckt hatte. Sein gesamtes Gesicht war von den Abdrücken der Bierkapseln übersät, auf denen er stundenlang geschlafen hatte.

„Und was passiert jetzt?“, erkundigte sich Mario im Interesse aller.

„Die Personalien werden im ersten Schritt an die Gemeinde weitergegeben. Dort entscheidet man dann, ob dieses Vergehen zur Anzeige kommt.“

Erleichtert lachte Mario dem Polizisten ins Gesicht. „Ehrlich? Der Gemeinde? Dann hätten Sie sich den ganzen Zirkus sparen können.“

„Das glaube ich nicht“, schnaubte der Polizist wütend. „Wenn die Gemeinde diesen Unfug gutheißt, dann hätte sie es im Vorfeld genehmigt.“

„Wart mal schnell, das haben wir gleich“, erwiderte Mario. Selbstsicher zückte er sein Handy und wählte eine Nummer.

„Verdammt nochmal, es ist 4 Uhr morgens!“, schimpfte eine verschlafene Stimme nach dem zehnten Klingeln ins Telefon.

„Harry, wir haben ein Problem“, erklärte Mario hastig. „Wir haben einen wildgewordenen Polizisten hier…“ Der Polizist brummte missbilligend. „… der will uns verbieten unser Feuer zu schüren.“

„Ja spinnt der? Ich bin schon unterwegs!“

Aufatmend wandte sich Mario wieder an den Polizisten: „Der Bürgermeister ist unterwegs. Dann können wir das gleich auf dem kurzen Dienstweg klären und Sie können wieder abdampfen.“

Ungläubig verdrehte der Polizist die Augen. Der Bürgermeister? Um 4 Uhr morgens? In welchem Ort war er hier bloß gelandet?

Zehn Minuten später fuhr der fette Mercedes des Bürgermeisters vor. Mitten auf der Hauptstraße hielt er an. Dann setzte er schwerfällig ein Bein nach dem anderen auf die Straße und purzelte unbeholfen aus dem Auto. Erst jetzt fiel Mario auf, dass diese Autofahrt gewiss keine gute Idee gewesen war. Der Bürgermeister hatte auf der Kerwa selbst ordentlich getankt und war vor ca. zwei Stunden in großflächigen Schlangenlinien nach Hause gewankt. Dass ihm der Polizist jetzt noch den Führerschein entzog, hatte den Kerwasburschen gerade noch gefehlt. Aber der Ordnungshüter war so überrascht von der unerwarteten Präsenz des Bürgermeisters, dass er dessen Zustand trotz des offensichtlichen Sturzes nicht bemerkte.

„Diese Verrückten hier haben einfach ein Feuer vor Ihrer Kirche angezündet. Das geht so nicht! Sie haben keine Genehmigung. Und zeigen sich äußerst uneinsichtig, erzählen mir irgendwas von Tradition und Kirchweihbrauchtum.“

„Das ist schon OK. Die dürfen das! Das ist wirklich eine Art Tradition an unserer Kerwa.“

Fassungslos starrte der Polizist den Bürgermeister an.

„Ich habe alle Personalien aufgenommen, falls Sie die haben möchten.“

Mit glasigen Augen starrte der Bürgermeister auf das Blatt Papier, das ihm der Polizist stolz entgegenreckte. Das Oberhaupt der Gemeinde Weiherfelden nahm den Zettel mit den Personalien entgegen und knüllte ihn unordentlich in seine Hosentasche.

Der Polizist nickte zufrieden. „So, und das Feuer sollte jetzt wirklich gelöscht werden. Damit nicht noch mehr passiert.“

„Jetzt schon? Um 4 Uhr?“, fragte der Bürgermeister ungläubig. „Kommt nicht in Frage. Es hat doch gerade erst angefangen. Ich bleib hier und pass auf die Jungs auf. Und Sie können nach Hause fahren. Ich hab alles im Griff.“

Geschlagen zuckte der Polizist mit den Schultern und verabschiedete sich fluchtartig in seinen Dienstwagen, während der Bürgermeister mit spitzbübischer Miene den zerknüllten Zettel aus der Hosentasche kramte und in die Flammen warf.

„Warum fährt er denn nicht weg?“

„Vielleicht will er doch noch ein Bier.“

„Glaub ich nicht.“

„War auch nicht ernst gemeint.“

„Ach so.“

Zwei Minuten später kehrte der Polizist mit zornesrotem Kopf zurück. So wütend hatten ihn die Kerwasburschen noch nicht gesehen.

„Wo ist mein Autoschlüssel?“, polterte er völlig außer sich.

Die Kerwasburschen zuckten mit den Schultern. „Das musst doch du wissen.“

„Als ich meine Zettel geholt habe, war er definitiv noch da. Wer hat ihn genommen?“

„Alter, du hast deinen Schlüssel stecken lassen, während du mit uns diskutiert und unsere Personalien aufgenommen hast?“, prustete Leo und machte keinen Hehl daraus, für wie dumm er den Polizisten hielt.

Der Ordnungshüter antwortete nicht. Er starrte Leo einfach nur an. Wenn Blicke töten könnten…

„Wo ist denn eigentlich dein Partner? Dürfen Polizisten überhaupt allein Einsätze fahren? Gerade nachts…“, erkundigte sich Niklas Dinger neunmalklug.

„Ich bin Hundestaffelführer. Da brauche ich keinen Partner!“

„Aber du hast ja gar keinen Hund dabei.“

Wutentbrannt blickte der Polizist zu Boden. Dann explodierte er: „Wenn in 30 Sekunden mein Autoschlüssel nicht im Auto liegt, dann hole ich den Bundesgrenzschutz!“

Niklas Dinger kicherte: „Na klar, weil die kommen, nur weil du dir deinen Autoschlüssel klauen lässt.“

„Außerdem hätten die sowieso keine Chance gegen uns“, lachte Paul Bauer in einem volltrunkenen Anflug von Größenwahn.

Noch volle 15 Minuten lang stiefelte der Polizist wie von der Tarantel gestochen am Feuer entlang. „Ich lass euch alle festnehmen! Ihr werdet euch noch wundern, das sag ich euch!“, grummelte er wütend.

Bis schließlich Max Hölzelein vom Pinkeln zurückkehrte.

„Schaut mal, was ich gerade am Straßenrand gefunden habe.“

Freudestrahlend hielt er einen Autoschlüssel in den Händen. „Ist das vielleicht Ihrer?“

Mit weit aufgerissenen Augen stürmte der Polizist auf ihn zu. „Das wird dich teuer zu stehen kommen, Bürschchen!“

„Was denn? Dass ich den Autoschlüssel gefunden habe, den du verloren hast?“

Schnaubend musste sich der Polizist eingestehen, dass er sich in einer ganz und gar schwachen Position befand. Zumal es seiner Karriere sicher nicht förderlich war, einzuräumen, dass ihm eine Horde volltrunkener Deppen seinen unachtsam im Auto liegengelassenen Autoschlüssel geklaut hatte.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Max grinsend, als er den Autoschlüssel übergab. „Ich habe ihn wohl zu spät gesehen. Da sind ein paar Tropfen drauf gespritzt.“

Erzürnt, gedemütigt und geschlagen zog der Polizist von dannen.

„Harry, das war echt schwer in Ordnung von dir“, huldigten die Kerwasburschen ihrem Bürgermeister. „Bei der nächsten Wahl hast du unsere Stimme!“

Als sich die Aufregung gelegt hatte, wurden die Kerwasburschen von einer plötzlichen Massenmüdigkeit erfasst. Eine halbe Stunde später war die Kirchentreppe von schlafenden und schnarchenden Jugendlichen bedeckt.

Mario saß mit Paul Bauer vor dem Feuer. Beide hatten die Augen geschlossen, das Kinn auf der Brust abgelegt.

Gähnend öffnete Paul ein Auge, blickte Mario fragend an und sprach: „Warst du zufrieden mit deiner Kerwa, Mario?“

Dann fiel Paul in einen tiefen Schlaf und konnte sich nicht mehr an seine eigene Frage erinnern.

Als Mario fünf Minuten später einen Augenblick lang erwachte, meldete sich sein Unterbewusstsein zu Wort und nötigte ihn, die Frage seines schlafenden Kumpels zu beantworten: „Die Kerwa war gut. Aber jetzt bin ich froh, dass sie vorbei ist. Ich muss mich wieder auf meine Ausbildung konzentrieren. Da wird der Weg für Ruhm und Wohlstand geebnet, Paul. Das sag ich dir!“ Sein alkoholverschleierter Blick verlor sich in der Ferne: „Eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, werde ich meine Ausbildung als Jahrgangsbester abschließen. Dann stehen mir alle Türen offen. Erfolg, Geld und Frauen. Ja, eines Tages werde ich mir alle meine Träume erfüllen!“

Mit diesen Worten legte er seinen Kopf auf Pauls Schulter ab und schnarchte im nächsten Moment wieder wie ein Sägewerk.

Zehn Minuten lang schliefen sie Seite an Seite, ehe Paul von dem immer lauter werdenden Schnarchen seines Freundes erwachte. „Erfolg, Geld und Frauen“, gähnte er verschlafen. „Wow, ich muss ja wirklich was Tolles geträumt haben. Mario, komm schon. Lass uns eine Band gründen!“

Paul griff nach seiner Bierflasche. Er bemerkte am Gewicht, dass sie bereits leergetrunken war, musste sich jedoch eingestehen, dass er zu faul war aufzustehen und sich ein neues Bier zu holen. Also legte er sich prompt wieder schlafen.

Kurz darauf erwachte Mario mit einem Glänzen des Wahnsinns in den Augen. „Paul, ich hatte eine Vision. Eine Eingebung. Einen wunderbaren Traum. Lass uns eine Band gründen!“

Ächzend setzte sich Paul zurück in eine aufrechte Position und blickte seinen Kollegen verwundert an: „Eine Band? Wie kommst du denn darauf?“

„Ich weiß auch nicht. Aber ich könnte Schlagzeug spielen.“

„Alter, ich wusste gar nicht, dass du Schlagzeug spielst.“

„Tu ich auch nicht. Noch nicht. Aber mein Onkel war mal Schlagzeuger. Der müsste sogar noch eins haben. Wenn mein Onkel das kann, liegt es mir bestimmt auch im Blut.“

Paul nickte feierlich, so als wäre das die logischste Schlussfolgerung aller Zeiten.

„Aber ich kann nichts.“

„Gar nichts?“

„Gar nichts!“

„Kein Problem, dann singst du eben. Dann brauchst du schon kein Instrument zu lernen.“

Paul dachte etwa drei Sekunden darüber nach, nickte kurz und legte sich wieder schlafen. Verdutzt musterte Mario seinen Kumpel. Dann zuckte er gleichgültig mit den Schultern und rollte sich gähnend auf der vom Feuer angewärmten Kirchentreppe zusammen. Ihr lautes Schnarchen wurde lediglich vom gemütlichen Knistern des Feuers unterbrochen.

Zwei Rockstars waren geboren!

Der verzweifelte Schreihals September 2000

Paul Bauer saß am Frühstückstisch, schaufelte seine Schoko-Cornflakes in sich hinein und blätterte dabei neugierig in einer Zeitschrift. Sein Vater Georg musterte den 18 Jahre alten Sprössling kopfschüttelnd.

„Du kommst jetzt in die 13. Klasse, Paul. Meinst du nicht, du solltest mal anfangen, etwas Vernünftiges zu lesen?“

Paul seufzte. Sein alter Herr war doch tatsächlich der Meinung, dass es nichts Spannenderes gab, als eine Tageszeitung zu lesen. Verdammter Quatsch. Das alles interessierte Paul nicht. Der EMP-Katalog war eine andere Sache. Dafür konnte er sich begeistern. Lustige T-Shirts, Longsleeves von seinen Lieblings-Bands, die neuesten Infos zu den aktuellen Alben aus der Heavy-Metal-Szene. Was wollte man mehr? Alle Informationen, die er brauchte, standen hier drin.

„Dann hör doch auf dem Weg zur Schule wenigstens mal Radio, damit du ein Mindestmaß an Weltgeschehen mitbekommst.“

„Willst du mich foltern? Hast du dir die Musik im Radio mal angehört? Naja, dir gefällt sie vermutlich sogar noch“, kommentierte Paul abfällig und vertiefte sich wieder in seinen Katalog.

„Musst du nicht in wenigen Wochen festlegen, worüber du deine Facharbeit schreiben willst?“

„Jaja“, winkte Paul ab, der keinen Bock auf diese Diskussion hatte. Ihm war selbst klar, dass er endlich ein Thema finden musste, dass er die sechseinhalb Wochen Ferien nutzlos hatte verstreichen lassen. Aber er würde schon noch ein Thema finden. Es waren ja noch ein paar Tage Zeit.

Seufzend erhob sich sein Vater vom Esstisch und trank gehetzt die Tasse Kaffee aus. „Ich muss langsam los. Sonst ist mir wieder zu viel Stau auf der A73.“

Pauls Mutter Pia hatte den Austausch interessiert mitverfolgt, mischte sich aber nicht ein. Wenigstens sie verstand, dass sie Pauls Desinteresse nicht verändern konnte, indem sie ihm täglich die gleiche Standpauke hielt. „Solange er weiter auf einen 2,2er-Schnitt zusteuert, ist doch alles in Ordnung. Uns hat in dem Alter Politik und Wirtschaft auch nicht interessiert“, beschwichtigte sie immer. Pia Bauer schloss die beiden Brotzeitdosen und händigte sie Paul und dem zwölf Jahre alten Sebastian aus.

„Fährst du bei mir mit?“, erkundigte sich Paul.

Sein kleiner Bruder überlegte kurz und nickte schließlich. 15 Minuten später saßen die beiden angezogen und mit geputzten Zähnen in Pauls klapprigem Opel Kadett, dessen Hi-Fi-Anlage mehr wert war als der Rest des Autos.

„Lektion 57: Metallica“, kündigte Paul mit funkelnden Augen an und legte eine CD ein.

„Aber Metallica hatten wir doch schon so oft“, stöhnte Sebastian.

„Metallica ist die größte Band aller Zeiten. Da kann man nie genug von hören. Heute gehen wir back to the roots: Heute zeig ich dir die Kill ´Em All!“

Sebastian rollte mit den Augen. Genau das war der Grund, warum er jeden Tag abwog, ob er lieber mit dem Zug oder doch bei seinem Bruder mitfahren wollte. Musste er in der Schule nicht schon genug lernen? Die Nachhilfestunden zur Geschichte des Heavy Metal gingen dem jungen Mann langsam aber sicher auf die Nerven. Warum musste Paul nur so vehement versuchen, ihn zum Heavy Metal zu bekehren?

„Whiplash!“, tönte es aus den Boxen. Und Paul grölte jede Textzeile von James Hetfield inbrünstig mit.

Am Ende eines ereignislosen Schultages traf sich Paul vor dem Gymnasium mit seinem Bruder.

„Wir haben die Rost als Klassenlehrerin“, schnaubte Sebastian entrüstet.

Paul grinste verwegen. „Hartes Los, kleiner Bruder. Vor allem wenn du den Nachnamen Bauer hast, wirst du es bei der nicht leicht haben.“

Sie stiegen in das Auto und fuhren nach Hause. „Ich muss noch schnell was einkaufen.“

Sebastian bekam glänzende Augen. Denn das Experiment seines Bruders interessierte ihn deutlich mehr als die fürchterliche Knüppel-Musik. „Was steht denn heute auf dem Programm?“

Paul parkte den Kadett auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt in Weiherfelden und zückte eine Liste aus seiner Hosentasche: „Huppendorfer Vollbier und Keesmann Pils aus Bamberg.“

Sebastian nickte andächtig. Eines Tages, wenn er noch zwei oder drei Jahre älter war, wollte er in die Fußstapfen seines Bruders treten und ein ähnliches Experiment wagen.

„Und bei wie viel stehst du schon?“

„832“, antwortete Paul stolz. „Und wenn ich die beiden probiert habe, 834.“

„Und wie viele gibt es insgesamt?“

Paul überlegte kurz. Es war schwer, zu recherchieren, wie viele Biersorten es exakt in Franken gab. Ständig veränderten die Brauereien ihr Sortiment. Und immer wieder tauchten neue kleine Brauereien auf der Bildfläche auf. Aber er war schon weit gekommen.

„So um die 3000“, antwortete er. Somit hatte er beinahe ein Drittel hinter sich gebracht. „Wenn ich jeden Tag zwei Bier trinke, dann brauch ich also noch ca. drei Jahre, bis ich endlich jede fränkische Biersorte probiert hab.“

Feierlich stieg er aus dem Wagen, kaufte sich die zwei Flaschen, die für heute auf dem Programm standen, und fuhr mit seinem Bruder nach Hause, wo ihre Mutter Pia bereits mit dem Mittagessen auf die beiden wartete.

Als er stolze drei Schnitzel verschlungen hatte, wollte er sich gerade in seinem Zimmer vor den Fernseher lümmeln, als sein Handy piepsend die Ankunft einer SMS signalisierte.

„Von Mario? Was will der denn schon wieder…“

Neugierig starrte Paul auf sein Display und las die kurze Nachricht: „Samstag 17:30 erste Bandprobe im Sportheim.“

Völlig perplex runzelte Paul die Stirn. Er konnte sich nur bruchstückhaft an den Kerwa-Montag erinnern. Das Feuer, der polternde Polizist, das seltsame Gespräch mit Mario, bei dem sie abwechselnd immer wieder eingeschlafen waren… Einige wenige Erinnerungsfetzen waren noch da. Bandprobe? Ja, da war was gewesen. Aber Mario konnte das unmöglich ernst meinen. Paul hörte zwar für sein Leben gern Musik, aber ein Instrument zu spielen hatte er nie gelernt. Und singen konnte er auch nicht.

Trotzdem hatte die SMS ihn neugierig gemacht. Den ganzen Nachmittag grübelte er, was er machen sollte. Aber warum eigentlich nicht? Es wird ganz einfach die nächste unsinnige Aktion. Schauen wir doch mal, was Mario vor hat… Er tippte ein kurzes „OK“ in sein Handy und verbrachte den Rest des Nachmittags damit, die Zeit vor dem Fernseher totzuschlagen.

Als Paul vier Tage später kurz nach 17:30 Uhr den Kabinengang des Weiherfeldener Sportheims entlang schlenderte, hatte er keine Ahnung, was ihn erwartete. Er hörte Stimmen und Geklapper. Sie drangen aus der Umkleidekabine der Jugendmannschaft. Neugierig öffnete er die Tür. Mario grinste ihn an. „Ich dachte schon, du kommst nicht.“

Verwundert starrte Paul auf die Uhr: „Ich war doch nur fünf Minuten zu spät.“

Leo schloss gerade seine Gitarre an den gewaltigen Verstärker an, den er mitgeschleppt hatte. „Servus Paul.“

„Baumi, dich hat er also auch breitgeschlagen?“

„Freilich. Bei so einem Unsinn darf ich doch nicht fehlen.“

„Und wer kommt sonst noch?“, wollte Paul wissen.

Mario nahm gerade hinter dem Schlagzeug Platz, das etwas mittelalterlich anmutete und definitiv schon bessere Tage gesehen hatte. „Keiner. Drei reichen doch. Schlagzeug, Gitarre, Gesang. Was brauchst du mehr?“

Paul runzelte die Stirn. Er hatte keine Ahnung. Reichte das wirklich aus, um eine Band zu gründen?

„Was wollen wir denn spielen?“

Die drei jungen Männer starrten sich an. Für einige Sekunden dachten sie nach. Niemand sprach. Dann platzten sie alle drei zeitgleich mit ihren Vorschlägen heraus.

„Metallica!“, rief Paul.

„Nightwish!“, schlug Leo vor.

„Iron Maiden!“, wünschte sich Mario.

Die Freunde grinsten sich an. „Also auf jeden Fall gründen wir hier und heute eine Heavy-Metal-Band“, lachte Leo.

„Aber, ähm, Baumi… Nightwish? Ernsthaft?“

Betreten blickte der künftige Gitarrist der schlechtesten Band der Welt zu Boden. „Ach ja. Wir haben ja gar keine Sängerin. Da wird’s mit Nightwish vermutlich doch a bisserl schwierig.“

„Wir könnten Paul die Eier abschneiden...“

Von diesem Vorschlag war der Sänger ganz und gar nicht begeistert. „Wenn wir Nightwish spielen wollen, brauchen wir keinen Eunuchen, sondern eine ausgebildete klassische Opernsängerin. Ich glaub, davon bin ich meilenweit entfernt.“

„Dann machen wir doch Nägel mit Köpfen und spielen was von Metallica. Das ist, denke ich, für den Anfang leichter zu singen als Iron Maiden“, schlug Mario ungeduldig vor.

Er nahm seine Drumsticks in die Hand und machte sich bereit. „Welches Lied?“

„For Whom The Bell Tolls“, rief Leo in die Runde. „Das hab ich mal im Gitarrenunterricht gespielt. Mit etwas Glück kann ich es noch.“

„Von mir aus“, Mario strotzte vor Selbstbewusstsein. „Paul, ich geh davon aus, du kennst den Text in- und auswendig.“

„Na klar“, bestätigte Paul.

Mit einem Mal flog die Tür auf. Udo Ritter stand in der Tür. Die Abdrücke der Bierkapseln in seinem Gesicht waren verschwunden. Auch er hatte sich offenbar gut von der Kerwa erholt. Und so schaute er die drei Möchtegern-Musiker neugierig an. Er sagte nichts. Nur wenige Weiherfeldener hatten Udo jemals nüchtern sprechen gehört. Obwohl es ein regnerischer, für September-Verhältnisse kühler Tag war, trug Udo wie gewohnt Sandalen.

Leo, Mario und Paul blickten sich an und konnten es nicht fassen. Udo war doch sonst nie im Sportheim anzutreffen. Was zum Teufel machte er hier? Er wirkte beinahe wie jemand, der dazu gehörte, völlig selbstverständlich bei ihrer ersten Bandprobe auftauchte. Fragend blickten Leo und Paul Mario Kirchner an. Der wusste sofort, worauf sie hinauswollten und schüttelte kaum sichtbar den Kopf. Er hatte Udo nicht als vierten Musiker eingeplant. Auch Mario wirkte vollkommen ratlos.

„Hi Udo. Was machst du denn hier?“

Wortkarg zuckte Udo mit den Schultern: „Zuhören.“

Ein ganzer Satz wäre aber auch ganz schön mühsam gewesen.

Die drei Jungs ließen sich von Udo nicht aus der Ruhe bringen. Mario zählte vier vor. Dann brach der Wahnsinn los.

Leo versuchte den Metallica-Song For Whom The Bell Tolls nachzuklimpern und verrenkte sich bei den brachialen Riffs beinahe die Finger.

Mario musste man für seine Improvisationskünste rühmen, doch er offenbarte dennoch kläglich, dass er zweifellos zum ersten Mal hinter einem Schlagzeug Platz genommen hatte.

Aber Paul ließ sich von alledem nicht stören. Er liebte Metallica. Sie waren seine Götter der Musik. Inbrünstig grölte er die Textzeilen: „For Whom The Bell Tolls!“

Der ohrenbetäubende Lärm hatte schnell auch zwei andere renommierte Weiherfeldener angelockt. Die beiden Fußballer Niklas Dinger und Max Hölzelein, die auch bei den Kerwasburschen dabei waren, gesellten sich mit schäumenden Biergläsern zu Udo, der wie angewurzelt am Eingang stand und steckensteif mit dem Fuß wippte.

Amüsiert beobachteten Niklas und Max, wie Paul Bauer alles gab. Er schrie. Er brüllte. Er grölte. Sein hochroter Kopf drohte zu platzen. Jeder Muskel seines Gesichts und seines Halses war zum Zerreißen angespannt. Nur leider hörte man keinen Ton. Das scheppernde Schlagzeug und das gewaltige Dröhnen des für einen Raum dieser Größe völlig überdimensionierten Gitarrenverstärkers steckten seine bemitleidenswerte Stimme locker in die Tasche.

Als das dilettantische erste Lied, ein negativer Meilenstein der Musikgeschichte, endlich beendet war, schnaufte Paul wie ein Postgaul, ehe er heiser krächzte: „Niklas, Max. Was macht ihr denn hier?“

„Wir wollten uns mal umsehen, wer hier so abgrundtief schlechten Lärm macht“, antwortete Niklas grinsend.

„Sag mal, Paul. Meinst du nicht, es wäre besser, wenn du dir einen Gesangsverstärker zulegst?“

„Ich dachte, Mario organisiert das alles“, flüsterte Paul, dessen Stimme sich langsam aber sicher schlimmer anhörte als nachts um 2:30 Uhr nach dem 50. Kerwaslied.

„Wieso denn immer ich?“, polterte Mario entrüstet. „Jedes Mal das gleiche. Nur weil ich der Einzige bin, der hier in diesem Ort was auf die Reihe bekommt, heißt das doch noch lange nicht, dass ich mich um alles kümmern muss!“

„Ist ja gut“, beschwichtigte Max. „Die Standpauke haben wir an der Kerwa doch erst zwanzigmal gehört.“

„Was soll das hier eigentlich werden?“, fragte Niklas kopfschüttelnd. „Ihr wollt das aber nicht professionell machen, oder?“

„Naja, wir haben uns an der Kerwa überlegt, eine Band zu gründen“, erklärte Mario.

Niklas Dinger prustete vor Lachen: „Also wenn ihr es mal als Headliner nach Grunzenbach schafft, dann tanzen Max und ich als Boxenluder auf euren Boxen!“

„Genau!“, schnaubte Max und kugelte sich dabei vor Lachen. „Und beim großen Finale pinkeln wir uns dann auf der Bühne in die Hose!“

Mit dieser vollmundigen Ankündigung hatten sie Marios Ehrgeiz geweckt: „Da nehmen wir euch gerne beim Wort!“

„Aber jetzt lasst uns mal in Ruhe proben. Wir haben´s schließlich nötig“, schaltete sich Leo in die Diskussion ein und drängte Niklas und Max zurück zum Ausgang.

Kichernd verschwanden die beiden Quatschköpfe im Kabinengang. Mit einem vielsagenden Blick forderte Leo Udo auf, es ihnen gleich zu tun. Aber Udo reagierte nicht. Verständnislos blickte er Leo an, so als wollte er fragen, wann sie denn endlich das nächste Lied zum Besten gaben.

„Udo, das gilt auch für dich!“

Aber Udo rührte sich nicht vom Fleck. Er antwortete auch nicht. Er saß einfach nur da, so als gehörte er zur Band dazu.

„Egal“, winkte Mario schließlich ab. „Da es ihm heute sowieso die Sprache verschlagen hat, stört er uns ja nicht weiter. Wollen wir mal versuchen, ob Iron Maiden doch besser klappt?“

„Wenn du meinst…“, kommentierte Leo. „Run To The Hills hab ich auch schon mal im Gitarrenunterricht geübt. Ist aber ein Weilchen her.“

Mario nickte und zählte vier vor. Das Ergebnis war ein noch größeres Desaster als For Whom The Bell Tolls.

„Wie es aussieht, müssen wir noch sehr viel üben“, stellte Mario ernüchtert fest.

„Aber nicht mehr heute“, krächzte Paul, dessen Kopf beinahe zu platzen drohte.

„Dann lassen wir es doch für heute gut sein“, schlug Leo resigniert vor.

„Aber lasst uns nächste Woche nochmal treffen. Und jeder übt zuhause For Whom The Bell Tolls. Paul kümmert sich um einen Gesangsverstärker. Und vielleicht sollten wir darüber nachdenken, ob wir nicht lieber eigene Lieder schreiben wollen, anstatt zu covern.“

„Ja genau“, stimmte Leo begeistert zu. „Dann fällt es keinem auf, wenn wir den letzten Scheißdreck zusammenspielen, weil niemand unsere Lieder kennt!“

„Ja, zumindest für den Anfang“, bestätigte Mario.

„Heut Abend Grunzenbach?“, wollte Leo wissen.

„Ich wär dabei.“

„Ich kann von mir aus fahren“, bot Paul an. Mario und Leo beäugten ihn mit misstrauischen Blicken. Was war denn in ihn gefahren?

„Mir ist nicht mehr nach etwas Kaltem zu trinken. Ich glaub, ich trink heute nur noch Tee“, krächzte der verzweifelte Schreihals.

Pünktlich um 21:30 Uhr stand Paul also mit seinem alten Opel Kadett auf dem Parkplatz der Provinzdisco in Grunzenbach. Es war das Mekka der fränkischen Heavy-Metal-Fans, denn in der Live Musical Hall spielten jeden Samstag die besten Heavy Metal und Hardrock Cover Bands der Region.

„Auf dieser Bühne werden wir einmal spielen. Ein einziges Mal nur! Dann haben wir es geschafft. Und Niklas und Max können uns dann kreuzweise“, kündigte Mario selbstbewusst an.

Udo lief in seinen guten Ausgeh-Sandalen stumm neben den drei frischgebackenen Musikern her, die bereits von der großen Karriere träumten.

Mario und Leo feierten wie wildgeworden die Gründung der Band. Und Udo glaubte, auch beim Feiern mit dazuzugehören. Er stürzte ein Bier nach dem anderen in sich hinein, so lange, bis sich endlich seine Zunge lockerte und er die Sprache wiedergefunden hatte.

„Alter, kaum sagt er mal was, da quatscht er schon irgendwelche Mädels an!“, rief Leo völlig aus dem Häuschen.

Zack! Klatsch!

„Hätte er doch besser den Mund gehalten“, kommentierte Mario trocken und gönnte sich einen genüsslichen Schluck Bier.

Paul sagte gar nichts zu alledem. Seine Stimme versagte und war nicht mehr in der Lage, die laute Musik der Cover-Band zu übertönen.

„Warum haben die dir denn schon nach einer Minute eine gescheuert?“, wollte Mario wissen, als Udo an ihren Tisch zurückkehrte.

„Weiß auch nicht“, meinte Udo zerknirscht. „Ich hab der einen nur gesagt, dass ich es toll finde, dass sie raucht, weil sie sonst ja noch dicker wird. Da haben sie mir beide sofort eine verpasst.“

Minutenlang saß er kopfschüttelnd am Tisch und verstand die Welt nicht mehr. Dabei war sein Kompliment doch so unglaublich charmant gewesen.

„Ich mag nicht mehr“, jammerte Udo niedergeschlagen. „Ich bin voll wie eine Haubitze, hab zwei schallende Ohrfeigen bekommen und bin hundemüde. Paul, gibst du mir bitte den Autoschlüssel? Ich muss mich hinlegen.“

Paul wollte etwas erwidern, aber das ging nicht mehr. Der verzweifelte Schreihals bedeutete Udo, dass er ihn nach draußen begleitete, und brachte den unbeholfenen Möchtegern-Charmeur ins Auto.

Eine Stunde später war Leo bereits zum fünften Mal schlafend von seinem Stuhl gekippt. Seufzend packte Paul den frischgebackenen Gitarristen und schleppte ihn mühsam durch die Menschenmenge zum Parkplatz, wo er ihn ebenfalls ins Auto verfrachtete, um den Schlaf des Gerechten zu schlafen.

Am Ende blieb nur noch Mario übrig. Doch eine halbe Stunde später machte er einen folgenschweren Fehler. Volltrunken und geil wie ein Bock quatschte er ein bildhübsches, allein am Nachbartisch stehendes Mädel an und hatte dabei offensichtlich vergessen, dass ihr Freund, ein muskulöser Bodybuilder mit verschlagenem Gesichtsausdruck, nur schnell Getränke holen war. Als sie ihm eine Abfuhr erteilte und der Muskelmann mit neugierigem Blick vom Ausschank zurückkehrte, bekam Mario es plötzlich mit der Angst zu tun. „Ähm, Paul. Ich bin auch müde. Bringst du mich bitte zu den anderen ins Auto?“

Seufzend begleitete Paul seinen Kumpel ins Auto: „Aber ich geh jetzt noch nicht!“, krächzte er. „In der letzten Runde spielen sie Six Feet Under und Slayer. Das will ich mir nicht entgehen lassen, bloß weil ihr euch in nur drei Stunden komplett aus dem Leben schießen müsst.“

Und so blieb Paul noch anderthalb Stunden eisern allein am Tisch sitzen und hörte sich die brachiale Musik der legendären letzten Runde der Band Silence an.

Als er schließlich müde hinaus auf den Parkplatz trat und die Fahrertür seines Autos öffnete, schlug ihm eine solche Welle des Gestanks entgegen, dass er sich beinahe auf den Fahrersitz übergab.

Udo war auf der Rückbank umgekippt und hatte die Fußmatte hinter dem Beifahrersitz mit einer schwimmenden Lache Erbrochenem dekoriert. Mario hatte das Kunststück fertig gebracht, sich selbst von oben bis unten vollzukotzen. Und Leo hatte sich seine unzähligen Biere mit dem Gesicht an die Fensterscheibe gelehnt noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Ihn wollte Paul als Erstes umbringen. Denn die stinkende Suppe war in jede Ritze seines Fensterhebers gelaufen.

„Na wunderbar“, grummelte Paul kopfschüttelnd. „Nüchtern, heiser ohne Ende, Mitglied der mit Abstand schlechtesten Band der Welt, und jetzt haben mir auch noch drei Leute ins Auto gekotzt. Du kannst was, Paul. Du kannst was… Naja, wenigstens kann es nicht mehr schlimmer werden.“

Aber Paul hatte keine Ahnung, wie sehr er sich täuschen sollte.

Der Hase und das Rindfleisch November 2000

Mit der Trompete in der Hand stand Manuel Hase vor dem Vereinsheim. Er war zufrieden. Es war ein guter Start in seinem neuen Zuhause gewesen. Vergangene Woche war der 19 Jahre alte Blondschopf mit seinem Vater Siggi und seiner Mutter Daniela von Nürnberg aufs Land nach Weiherfelden gezogen. Manuels Eltern hatten ein schönes, großes Häuschen gekauft. Sie waren des wuseligen Stadtlebens überdrüssig geworden.

Um rasch Anschluss im neuen Heimatort zu finden, hatte Manuel an diesem Tag zum ersten Mal eine Probe des örtlichen Musikvereins besucht. Er hatte seine Trompete einige Jahre nicht mehr in der Hand gehalten. Aber bis auf den ausbaufähigen Ansatz war es nicht so schlecht gelaufen. Gelernt ist eben gelernt. Ja, für den Winter könnte ich mir das gut vorstellen, ein bisschen Musik zu machen, dachte er verträumt und schlenderte durch die menschenleeren Straßen. Und im Sommer geht´s endlich wieder raus aus den stickigen Kletterhallen. Freiluftklettern und Kanufahren in der Fränkischen Schweiz. Wenigstens wohn ich jetzt ein paar Kilometer näher an meinen Lieblingsplätzen.

Nach einem entspannenden zehnminütigen Fußmarsch stand er vor der Eingangstür des rot-grau gestrichenen Gebäudes, das sein neues Zuhause war. Er rauchte noch kurz eine Zigarette und grübelte, was er mit dem angebrochen Samstag anfangen sollte. Im Hirsch in Nürnberg spielte eine interessante Band. Aber dazu extra nach Nürnberg fahren? Oder doch lieber chillen? Die Entfernung zum Hirsch war definitiv ein Nachteil des beschaulichen Dorflebens in Weiherfelden. In diesem Provinzkaff wird es sicher keine krachenden Metal-Konzerte geben.

Gedankenverloren beobachtete Manuel seinen neuen Nachbarn, der sichtlich gehetzt durch den Garten eilte und in ein im Hof geparktes Auto sprang. Manuel musterte den jungen Mann, der in etwa sein Alter hatte. Er war großgewachsen, gutaussehend und stand gehörig unter Strom. Wie kann man sich nur so hetzen lassen… In der Ruhe liegt die Kraft!

Dann fiel sein Blick auf das schwarze Heavy-Metal-T-Shirt. Zumindest den gleichen Musikgeschmack scheinen wir zu haben, dachte Manuel, der selbst ein schwarzes T-Shirt von der finnischen Band Dimmu Borgir trug. Manuel nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette, warf sie achtlos auf den Boden und trat sie aus. Der Nachbar hatte den Motor gestartet, schoss rückwärts aus der Hofeinfahrt und brauste los. Manuel kramte in seiner Hosentasche nach dem Haustürschlüssel, als ein plötzliches Quietschen ihn aufschreckte. Der Wagen des Nachbarn war mit einer Vollbremsung zum Stehen gekommen. Mit laufendem Motor sprang der junge Kerl aus dem Auto und steuerte auf Manuel zu. Was zum Teufel ist denn in den gefahren?

„Alter, du hast eine Trompete! Und ein Dimmu-Borgir-T-Shirt! Du bist genau der Mann, den ich brauche!“, rief ihm Mario schon von Weitem zu, als er wie von der Tarantel gestochen auf Manuel zueilte.

Mit gerunzelter Stirn betrachtete Manuel seinen Nachbarn. Ist der nicht ganz dicht? Was zum Geier kommt denn jetzt?

„Ich bin gerade auf dem Weg zur Bandprobe. Und wir suchen noch jemanden.“

„Was für eine Band ist das denn?“

„Wir haben die erste Weiherfeldener Heavy-Metal-Band gegründet“, verkündete Mario stolz. Mehr Details über die musikalische Qualität der Band ließ er besser aus. Schließlich musste man potenzielle Musikgefährten begeistern, bevor sie ihr untalentiertes Geknüppel zum ersten Mal gehört hatten.

„Klingt gut, aber wozu braucht ihr in einer Heavy-Metal-Band einen Trompeter?“

„Haben wir bisher nicht gebraucht. Aber ich hatte gerade eine Eingebung!“

Hat der was genommen?, fragte sich Manuel besorgt. Der Kerl wirkte so hibbelig, gestresst - aber trotzdem irgendwie abgefahren. Heavy Metal mit Trompete? Manuel Hases Neugier war geweckt.

„Eine Eingebung? Erzähl mal…“

„Am besten kommst du mit zum Auto. Dann führ ich dir meine Idee gleich vor.“

Skeptisch folgte Manuel seinem Nachbarn zu dessen Wagen. „Dann lass mal hören.“

Mario schaltete die Zündung an. Das Lied Tears of Time von Crematory dröhnte aus den Lautsprechern. Die beiden jungen Männer hörten sich das Lied vom Anfang bis zum Ende an. Mario blickte Manuel mit begeisterter Miene an: „Und?“

Manuel grübelte. Was wollte er denn jetzt von ihm hören? „Tolles Lied. Kenn ich aber schon.“

„Hast du es denn nicht gehört?“

„Was denn gehört?“

„Na das Keyboard!“

„Natürlich hab ich das Keyboard gehört. Was ist damit?“

„Wir haben in unserer Band kein Keyboard.“

Hat der Typ nicht alle Tassen im Schrank? „Dann müsst ihr eben ein anderes Lied spielen.“

„Nein, werden wir nicht!“

„Hm, dann könnt ihr es aber nicht covern, mein Freund…“

„Doch! Wir verwenden statt einem Keyboard deine Trompete!“

Verwundert blickte Manuel seinen enthusiastischen Nachbarn an. Tears of Time mit Trompete?

„Hast du grad ein bisschen Zeit? Dann können wir das gleich mal ausprobieren.“

Manuel überlegte kurz. „Warum nicht“, meinte er spontan und zog die Beifahrertür hinter sich zu.

Fünf Minuten später standen die beiden in der Umkleidekabine des Weiherfeldener Sportheims, wo noch immer die samstäglichen Proben stattfanden. Leo und Paul warteten bereits ungeduldig auf Mario.

„Dass gerade du Pünktlichkeitsfanatiker mal zu spät kommst“, frotzelte Leo.

„Dafür hab ich euch jemanden mitgebracht. Das ist Manuel Hase. Mein neuer Nachbar. Er verstärkt unsere Band als Trompeter.“

„Als Trompeter? Wozu brauchen wir denn einen Trompeter?“, wunderten sich Paul und Leo wie aus einem Munde.

Mario erklärte seine seltsame Vision. Und zu Manuels Überraschung nickten die beiden Kollegen: „Was soll’s… Schlechter werden wir nicht mehr. Lasst es uns probieren.“

Mario kletterte hinter sein Schlagzeug. Die vier jungen Männer machten sich bereit für einen weiteren Meilenstein der Musikgeschichte.

„Lasst uns vor dem ersten Ton noch feierlich anstoßen: Auf unser neues Bandmitglied Manuel!“, posaunte Paul mit andächtiger Stimme. „Und ich verkünde stolz: Dies ist Bier Nummer 900 in meinem Experiment! Ein Jubiläum sozusagen. Ein U vom Mahrs Bräu in Bamberg!“

Leo schüttelte fassungslos den Kopf. „Bier Nummer 900“, grummelte er. „Du hast doch was am Helm. Alter Biersaufesel!“

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Mario seinen Gitarristen an: „Was hast du gerade gesagt?“

Verdutzt blickte Leo den Schlagzeuger an. Warum war er plötzlich so aufgeregt? „Nur, dass Paul was am Helm hat.“

„Nein, was hast du danach noch zu ihm gesagt?“

„Keine Ahnung. Biersaufesel, oder sowas in der Art.“

„Das ist es! Das ist es!“

Die Bandkollegen schüttelten verzweifelt den Kopf. Was war heute nur mit Mario los?

„Biersaufesel. Das wäre doch der ideale Name für unsere Band!“

Die vier Männer blickten sich einen Augenblick lang schweigend an.

„Na gut!“

„Meinetwegen!“

„Von mir aus!“