Sonnwend - Alexander Pick - E-Book

Sonnwend E-Book

Alexander Pick

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Beschreibung

Ein Sonntag im Juni 2003. Das ganze Land stöhnt unter der mörderischen Hitze des Jahrhundertsommers. In der Asche ihres traditionellen Sonnwendfeuers stoßen die Männer vom Schützenverein auf Überreste eines unbekannten menschlichen Wesens. Nur Stunden später wird im Dorf die Enkelin des ehemaligen Bürgermeisters erstochen aufgefunden. Das Spurenbild in der Tatwohnung gibt Rätsel auf. Die SOKO "Sonnwend" unter Leitung von Leo Bauernfeind steht gewaltig unter Druck. In Sichtweite der Burg Hohenzollern durchlebt ein Team aus schrägen Ermittlertypen neun schicksalhafte Tage. Alexander Pick, Polizeipräsident a.D., nimmt uns mit in die Welt der professionellen Ermittlerarbeit mit allen Finessen der Spurenfahnder, ausgeklügelten Verhörtaktiken und den psychologischen Strategien der Profiler. Ein Krimidebüt, das die menschlichen Abgründe aller Beteiligten offenlegt.

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Seitenzahl: 1039

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Der Autor

Alexander Pick

Prof. Alexander Pick, geb. 1959 in Hechingen, Polizeipräsident a. D.

Als Kriminalistikdozent an der Polizeihochschule Baden-Württemberg in den 90er-Jahren hatte Alexander Pick zusammen mit Studierenden eine Reihe ungeklärter Mordfälle, sogenannte »Cold Cases«, analysiert. Im Laufe eines spannenden Berufslebens wuchs bei ihm das Bedürfnis, kriminalistisches Wissen und reine Lust am Erzählen in einem Roman zu verbinden.

Titel

Alexander Pick

SONNWEND

Kriminalroman

Oertel+Spörer

Impressum

Dieser Kriminalroman spielt auch an realen Schauplätzen.Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2025Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelbild: Alessio Soggetti (von der App »Unsplash«)Gestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Bernd StorzKorrektorat: Sabine Tochtermann Satz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-96555-205-0

Besuchen Sie unsere Homepage und informieren Sie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm: www.oertel-spoerer.de

Mit liebendem Herzen meinen EnkelkindernAlexanderArianaAlinagewidmet.Möge das Schicksal sie gnädig um die Wendepunkte ihres Lebens geleiten!

Unvergessen bleiben dürfte vor allem der Jahrhundertsommer 2003. Besonders im Süden und Südwesten Deutschlands waren die Monate Juni, Juli und August von mehreren Hitzewellen gekennzeichnet. Es herrschten teilweise Verhältnisse wie am südlichen Mittelmeer. Die Mitteltemperaturen der drei Monate lagen bundesweit mit 19,7 Grad Celsius um mehr als ein Grad über dem Wert des bisherigen Rekordsommers im Jahre 1947.

Aus einer Pressemeldung des Deutschen Wetterdienstes

Was weiß die Menschheit denn schon über den Zusammenhang von Raum und Zeit? Und welche Rolle das Licht dabei spielt? Und der Geist? Und die Seele? Und auch das Feuer? Wir schrumpfen die Unendlichkeit zu einer querliegenden Acht und treiben mit ihr Mathematik. Was soll das? Ob bewusst oder unbewusst, produziert unsere Beschränktheit im Sein und im Denken nur lächerliche Symbolik. Für das Wesentliche sind wir blind wie ein Regenwurm. Wir alle sind Idioten und werden Idioten bleiben. »Gott würfelt nicht«, sagte Albert Einstein einmal. Immerhin. Aber ein Idiot war er auch.

Dionys Wallmaier aus Unterlauchingen

Schon irgendwie irre, was hier so alles passiert. In einem solch langweiligen Landstrich, dem man eigentlich nichts Berichtenswertes zutraut.

Kerstin Brändle, Hohenzollernbote

Hechingen, im Juni 2023

Liebe Leonie,

nun ist dein Brief schon einige Monate alt und ich gestehe ganz offen, dass ich ihn bis heute in einer ehemaligen Geldkassette gefangen hielt. Ich nenne die Metallbox mein Gedankenverlies. Sie enthält Dinge, von denen ich mich nicht trennen kann, obwohl sie das Risiko in sich bergen, in meiner Herzgegend eine ganz besondere Art von Schmerz auszulösen, sobald mein Auge auf sie fällt. Ist es ein ziehender Schmerz? Ein bohrender? Ein beißender? Ein stechender? Ein dumpfer? Nein. Keine Beschreibung passt. Vielleicht ist es ja wie beim Essen und Trinken. Jeder kann sich unter süß, sauer, bitter oder salzig etwas vorstellen. Aber umami? Man weiß erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts, dass es diese Geschmacksrichtung gibt. Und bis heute sind vielfältige Umschreibungen notwendig, um sich dem Empfinden von umami mit bloßen Worten anzunähern.

Du fragst mich nach jenen Tagen im Jahrhundertsommer 2003. Nun weiß ich nicht, ob meine Antwort deinen Erwartungen überhaupt gerecht werden kann. Vor allem, wenn jene sich mit dem Anspruch auf pure Wahrheit verbinden. Zwei Jahrzehnte im Kerker der Verdrängung haben ihre Spuren hinterlassen. So ist auch dieses Buch kaum mehr als der dilettantische Versuch einer Rekonstruktion damaliger Geschehnisse. Dort, wo Teile meiner bruchstückhaften Erinnerung fehlen, kommen Fantasiebausteine zum Einsatz. Zusammengehalten wird das wackelige Gebilde von einem Klebstoff aus vermeintlicher Plausibilität, angereichert mit Wunschdenken, Eitelkeit und dem Drang nach Rechtfertigung.

Ich gebe zu: Nachdem ich deinen Brief das erste Mal gelesen hatte, schien es mir ratsam, ihn zunächst einmal in Untersuchungshaft zu nehmen. Dort verbrachte er ein paar Wochen, bis ich den Mut fand, ihn wieder für diese Worte an dich freizulassen. Damit wollte ich mir irgendetwas beweisen. Aber was genau, will mir heute beim besten Willen nicht mehr einfallen. Ich weiß nur, dass dem Entschluss zu diesem Buch eine Flasche Rotwein vorausging, dass Vollmond war und mein altes Gartenhaus so hitzeaufgeladen wie damals, im sogenannten Jahrhundertsommer 2003. Was für ein leichtsinniges Unterfangen! Kaum hatte ich die Metallbox geöffnet, den obenauf liegenden Briefumschlag noch nicht recht wieder in Händen, hüpfte eine wilde Meute verdrängter Dämonen heraus. Fotos, Zeitungsausschnitte, Notizen, Kopien von Ermittlungsberichten machten sich auf meinem Tisch breit. Über Tage und Wochen schienen sie dort wie festgeklebt.

Wie dem auch sei: Deine Zeilen haben mir Anlass gegeben, mich endlich einem besonderen Kapitel im Leben des Leo Bauernfeind zu stellen – meiner persönlichen Sonnenwende. Dafür danke ich dir. Leider geht es in dem Buch mitunter äußerst ordinär zu. So ordinär, wie uns das Leben manchmal begegnet. Diesen Preis der Authentizität habe ich nicht gerne bezahlt. Das musst du mir glauben. Auch dass meine Sprache nach fast fünfundvierzig Jahren Polizei bürokratische Verformungen aufweist, möge man mir verzeihen. Gleiches gilt für meinen unsäglichen Hang zu langatmigen kriminalistischen Ausführungen. Ich konnte diesen beim besten Willen nicht immer unterdrücken. Da ging wohl so etwas wie Berufsehre mit mir durch. Popel Reffrat würde dazu sagen: Das liegt am preußischen Einfluss! Und der Applaus des kleinen Kobolds unter meinem Zwerchfell wäre ihm sicher.

ASCHE UND GLUT

Sonntag, 22. Juni 2003

Für den Ersten Kriminalhauptkommissar Leo Bauernfeind begann alles mit einer SMS. Vor dem Pinkeln hatte er sein Handy eingeschaltet. Dann plötzlich dieser Piepston vom Waschbecken her, so leise, als sei dem Gerät die morgendliche Störung unangenehm. Bauernfeinds rechte Fußspitze war gerade dabei, die Klobrille trocken zu wischen. Er konnte spüren, wie die Feuchtigkeit durch die Socke drang. Drei, vier Tropfen hatten sich in dünne Schlieren verwandelt. Ihnen machte er andächtig in langsamen Kreisbewegungen den Garaus. Er musste unwillkürlich vor sich hinlächeln bei dem Gedanken, Sandra könnte einmal Zeuge dieses Vorganges werden. Es war sein geheimes Ritual, seine heimliche Vergeltung für den Aufkleber auf der Spültaste. Dunkellila Schrift auf hellrosa Grund. Sandras dringender Appell an alle Schwanzträger unter ihren Besuchern, Sitzposition einzunehmen. Verbunden mit einer Strafandrohung in unmissverständlicher Symbolik: ein kleines, verzweifeltes Manneken Pis mit verknotetem Penis und zum Platzen gerötetem Kopf.

Wie tief wir Männer doch gesunken sind, dachte er. Die Toilette als Refugium der einst so stolzen Helden, Krieger, Jäger, Beschützer. Der letzte verbliebene evolutionäre Vorteil. Hier ließ er sich noch zelebrieren. Aber vielleicht war nicht einmal mehr dieser Ort völlig sicher, lauerte bereits Gefahr. Vielleicht in Form einer Videokamera, fies getarnt als Fön oder Haarspraydose. Oder blickte sein Faltengesicht gar in einen venezianischen Spiegel, hinter dem eine Sandra in Henkerskluft mit der Kastrationszange auf ihn wartete?

Gewöhnlich gönnte er sich und seinen Geschlechtsgenossen in Sandras Badezimmer vor dem emanzenfarbenen Aufkleber noch eine paar Happen Selbstmitleid mehr. Doch er spürte schnell, dass es sich an diesem Morgen nicht mit seiner Grundstimmung vertrug.

Die war so gut wie seit Langem nicht mehr. Die gleißend helle Milchglasscheibe kündigte einen strahlenden Sonntagmorgen an. Ein Tag ohne böse Vorzeichen lag vor ihm. Und die vergangene Nacht mit Sandra war wie das Ausruhen nach einer langen Wanderung gewesen, wenn nur noch Atmen, Essen, Trinken und Schlafen zählen. Er liebte sie nicht. Und er spürte, dass auch sie ihn nicht liebte, obwohl sie es sich beim Sex manchmal sagten. Aber sie taten sich stundenlang gut, ohne viele Fragen, ohne Bekenntnisse. Sie hatten schweigend ihr Zweckbündnis im Kampf gegen ihre persönlichen Einsamkeiten geschlossen. Mittlerweile klappte es sogar, das beklemmende Gefühl satten Unerfülltseins am Morgen danach in Grenzen zu halten. Für ein gemeinsames Frühstück ließ die Nacht aber immer noch zu wenig übrig. Und so stahl er sich meist wortlos davon, sorgsam darauf bedacht, nichts zurückzulassen. Kein Unterhemd, keine Zahnbürste, kein Rasierzeug. Und schon gar keine Zettelbotschaft mit Herzchen oder einem lustigen Spontangedicht wie früher, in den ersten Jahren mit Anita.

Er zögerte kurz, ob er sich die Hände waschen sollte, griff sich dann aber doch das Handy vom Spülkasten. Die SMS war die knappste, die er jemals erhalten hatte. Leiche. R. Als Absender hatte sein Rufnummernspeicher Popel hinzugefügt, den Spitznamen seines Dezernatskollegen Markus Reffrat. Mit ihm war er seit vergangen Donnerstag für die Rufbereitschaft eingeteilt. Daneben zeigte das Display 7:12 Uhr. In einem törichten Reflex des Nichtwahrhabenwollens löschte er die Nachricht. Das Eingangsmenü mit der aktuellen Uhrzeit erschien wieder. Demnach musste die SMS fast eine Stunde alt sein. Eine Flutwelle aus Ärger und Scham schoss in ihm hoch. Im Spiegel konnte er sehen, wie seine Stirn unter dem angegrauten Wirrhaar bis in die Geheimratsecken hinein rot wurde.

Mit R war wohl die Bitte um einen Rückruf gemeint. Es konnte auch Reffrat heißen. Egal. Sein Schuldgefühl und die Erahnung eines vermasselten Sonntags machten jedenfalls ein halblautes »Rindvieh!« daraus. Wen er damit eigentlich meinte, blieb ihm zunächst unklar. Am ehesten wohl sich selbst. Und ein bisschen auch Sandra.

»Das Verbrechen kann warten!«, hatte sie in der Nacht mit beschwipster Stimme gesagt, ihm das Handy weggenommen, ausgeschaltet und mit einer Geste der Verachtung in den Wäschekorb neben dem Bett geworfen. Ihre Treffsicherheit war ihm sogar einen kurzen Applaus wert gewesen. Nachdem sie im Taumel aus Alkohol, Adrenalin und Müdigkeit ihre Lust aufeinander gestillt hatten, schaufelte ihn das Sandmännchen blitzschnell bis zur Nasenspitze zu. So war er nicht einmal mehr dazu gekommen, seine Socken auszuziehen, von Zähneputzen ganz zu schweigen. Und als er sich am Morgen daran machte, den elektronischen Tyrannen wieder zwischen Sandras Slips, BHs und Sportklamotten hervorzukramen, hatten mindestens sechs Stunden hinter ihm gelegen, in denen er nicht erreichbar gewesen war. Auf dem Weg ins Badezimmer hatte er sich noch mit dem Gedanken an den bisherigen Verlauf seines Bereitschaftsdienstes zu beruhigen versucht. Die vergangenen Nächte waren alle ereignislos geblieben. Warum sollte es ausgerechnet in dieser Nacht anders gewesen sein? Der Zollernalbkreis war schließlich nicht Chicago.

Doch ein kleiner Piepston hatte seinem Wunschdenken den Garaus gemacht.

»Verdammte Scheiße!«

Unbeherrschtheiten waren sonst nicht Bauernfeinds Art, in peinlichen Situationen aber kamen sie schon mal vor. Mit den zwei Gläsern Barolo und dem unvermeidlichen Grappa beim Italiener gestern Abend hatte er nur an einer roten Linie gekratzt. Das war verzeihlich. Im Bereitschaftsdienst nicht erreichbar zu sein, galt jedoch als eine Art Todsünde. Und hierfür gab es im Zeitalter des Mobiltelefons kaum noch eine taugliche Notlüge.

Dass gerade ihm dies passieren musste! Schließlich galt er in der Kripo des Zollernalbkreises als jemand, der von seinen Leuten ein Höchstmaß an Disziplin und Zuverlässigkeit verlangte. Leo Bauernfeind – der ungnädigste aller Dezernatsleiter, wenn es um die Verletzung der Dienstpflichten ging. Unpünktlichkeit oder Schlendrian waren ihm ein Graus. Selbst wenig bedeutsame Aktenvermerke ließ er nachbessern, wenn sie ihm zu salopp formuliert waren, ihm die Gliederung nicht gefiel oder seinen hohen Maßstäben an die Orthografie nicht Rechnung getragen wurde. Ihm war klar, dass sich dadurch seine Beliebtheit unter den Kollegen in Grenzen hielt. Gleichfalls nahm er nicht ohne Stolz den Respekt wahr, den man ihm entgegenbrachte. »Mach dir nichts daraus! Er steht halt unter preußischem Einfluss«, pflegte Reffrat stets den Opfern seiner Tugendhaftigkeit zu sagen, wenn diese, der Verzweiflung nahe und mit hängenden Köpfen, aus dem Büro ihres Chefs kamen. Popel spielte damit auf Bauernfeinds Angewohnheit an, in Momenten des Nachdenkens an das Bürofenster zu treten und den Blick auf die Burg Hohenzollern schweifen zu lassen. Etwa drei Kilometer Luftlinie waren es bis zu der Preußenfeste, die sich auf ihrem bewaldeten Bergkegel stolz über dem Land erhob.

Popel Reffrat! Das ärgerte ihn am meisten. Ausgerechnet dem Chefzyniker vom Dienst musste er eine solche Steilvorlage liefern. Die hohntriefende Stimme hatte er schon im Ohr, während sich sein Daumen in klammer Feinmotorik dem Rückruf entgegen tippte. Und es kam, wie befürchtet.

»Bist du es wirklich, Leo? Das ist aber eine Überraschung! Was für eine Gnade, dass du dich meldest! Und das nach einer so harten Nacht. Ich hoffe, du hast gut geschlafen? Wir alle hier haben uns schon Sorgen gemacht!«

Ohne Zweifel, Popel war an diesem Morgen wieder in Hochform. Seit seinem vergeblichen Anruf hatte er ein ganzes Arsenal verbaler Giftpfeile geschnitzt und wie ein Schießhund nur darauf gewartet, dass Leos Name auf dem Display seines Handys erscheinen würde.

»Guten …« Bauernfeind wusste, wie hilflos sein Sprechversuch wirkte. Wie konnte er auch nur eine Zehntelsekunde lang annehmen, Reffrat würde ihn so schnell davonkommen lassen?

Der spielte Blitzkrieg und war nicht zu bremsen.

»Gut? Ja, das glaube ich. Würde auch das Odium einer warmen Muschi jedem Leichengestank vorziehen. Leo Bauernfeind: die Verkörperung aller Beamtentugenden! Wackerer Kreuzritter gegen Anarchie und Chaos! Hüter aller Fahrtenbücher und erfolgreichster Kommafahnder aller Zeiten! Wer hätte dies je gedacht? Da bleibt einem glatt die Spucke …«

Bauernfeind hielt sich das Handy vom Ohr, als wäre es ihm zu heiß geworden. Trotz aller Vertrautheit, ja Freundschaft, die ihn mit seinem Kollegen verband, in solchen Augenblicken hasste er ihn. Reffrat konnte im Umgang mit Fehlern anderer einen grenzenlosen Sadismus an den Tag legen. Schon vor über zwanzig Jahren, als sie sich an der Landespolizeischule in Freiburg kennengelernt hatten, war ihm dieser Charakterzug unangenehm aufgefallen. Bauernfeind huschte eine Szene bei der gemeinsamen Schießausbildung durch den Sinn:

Eine Kollegin, relativ klein gewachsen und mit leicht asiatischen Gesichtszügen, hatte beim Ziehen ihrer Dienstwaffe versehentlich den Abzug betätigt und in den Boden geballert. In Reffrats Ohren der Startschuss für eine ganze Lästerorgie. Nach ein paar Schrecksekunden hatte er die arme Frau mit beißendem Hohn überschüttet und sie fortan nur noch Miss Peng genannt. Anderntags war er mit angelegter Schutzweste im Unterricht erschienen. Als sein Opfer den Lehrsaal betrat, hatte er sich unter dem Gelächter der Klasse hinter dem Pult in Deckung geworfen. Eine ganze Serie ähnlicher Boshaftigkeiten schloss sich an und schien kein Ende zu nehmen. Die Frau war bald völlig verzweifelt und alle, außer Reffrat natürlich, bekamen Mitleid mit ihr. Es bedurfte viel Zuredens, um sie davon abzuhalten, ihren Berufswunsch an den Nagel zu hängen. Reffrat wurde von seinen Lehrgangskollegen heftig kritisiert, was ihn aber kaum zu beeindrucken schien. Erst nach gut einer Woche kriegte er sich wieder ein. Wohl weniger aus Einsicht, sondern weil seinem Schandmaul die Munition ausgegangen war.

Reffrat, was konntest du damals schon für ein gnadenloses Arschloch sein, dachte Bauernfeind und war kurz davor, es auch zu sagen.

Genutzt hätte es wohl wenig. Denn als er sich das Handy wieder ans Ohr hielt, war das besagte Arschloch immer noch in seinem Element.

»… sterben Legenden. Die letzte Bastion gegen die Verlotterung unserer Gesellschaft, von den Viren der Dekadenz und Pflichtvergessenheit befallen. Zieht mit fremden Weibern um die Häuser und badet im Prosecco. Huldigt ungeniert allen Sinnesfreuden dieser morschen Welt. Und es juckt ihn überhaupt nicht, ja es ist ihm offenbar scheißegal, wenn sich hier draußen die Toten stapeln. Ich sage da nur noch: Abendland, quo vadis!«

Endlich musste Reffrat Luft holen.

»Guten Morgen, wollte ich sagen. Tut mir leid, dass du mich nicht erreicht hast.« Das musste als Entschuldigung genügen. Bauernfeind war es zuwider, dem Ekelpaket die Ehre langer Demutsbezeigungen anzutun. Er hatte beschlossen, nicht auf die Provokationen einzugehen. Zum einen besaß er hier objektiv die schlechteren Karten. Zum anderen war Reffrat ausgeschlafen und Schlaufuchs genug, um alle möglichen Gegenreaktionen vorauszudenken. Bestimmt standen in zweiter Kampflinie schon weitere verbale Stalinorgeln schussbereit. Wenn sie halbwegs vernünftig miteinander über diesen Sonntag kommen wollten, musste er das Gespräch schnell auf die dienstliche Ebene bringen. Er schluckte daher auch die Frage hinunter, ob und woher Reffrat von Sandra wusste. Oder hatte Popel nur auf den Busch geklopft? Dies würde er schon noch herauskriegen. Aber nicht jetzt.

»Meinem Handy ist über Nacht der Saft ausgegangen. Da muss irgendetwas mit dem Akku nicht stimmen. Was liegt denn an?«

»Wenn nur dir der Saft nicht ausgegangen ist! Und für solche Fälle gibt es auch eine Mailbox. Schon mal was davon gehört? Dann hättest du zwar auch nicht früher von deiner Jagdbeute abgelassen, aber du wüsstest jetzt wenigstens schon mehr.« Reffrat klang nun gefrustet. Offenbar hatte er sich in seiner Streitlust auf längeren Widerstand eingestellt.

Bauerfeind spürte, wie sich seine Laune langsam wieder besserte. Einer der hinterfotzigsten Polizisten unter schwäbischer Sonne hatte seine Ausrede geschluckt. An allem war nur der blöde Akku schuld gewesen. Noch ein paar Stunden und er würde es selbst glauben. Die Leiche konnte kommen.

»Und was ist es, was ich dann mehr wüsste?«

Und dann geschah sie: die wundersame Wandlung vom Kotzbrocken zum Kollegen. Reffrats Stimme bekam den professionellen Klang eines Nachrichtensprechers. »Verbrannte Leichenteile auf der Festwiese von Unterlauchingen. Leute vom örtlichen Schützenverein haben sie heute Morgen entdeckt. Wollten die Reste des Sonnwendfeuers von gestern Abend zusammenschaufeln. Dort drin lag dann das Zeug. Der Notruf ging kurz nach sieben beim Revier Hechingen ein. Ich bin seit gut einer halben Stunde am Fundort, eine Streife des Reviers schon länger. Wir haben großräumig abgesperrt und zunächst mal die Personalien der Leute dort aufgenommen. Eine erste Befragung der Finder läuft. Kriminaltechnik ist auch schon da.« Kein überflüssiger Satz. Es zählte zu Reffrats großen Stärken, Sachverhalte emotionslos auf den Punkt zu bringen. Wenn er es denn wirklich wollte …

»Eine menschliche Leiche? Ist es sicher?« Noch bevor er ausgesprochen hatte, wurde Bauernfeind klar, wie überflüssig seine Nachfrage war. Reffrat hätte es schon in den ersten Sätzen seiner Meldung erwähnt, wenn diesbezüglich auch nur der geringste Zweifel vorhanden gewesen wäre.

»Ja, absolut. Wir haben da einiges, was verdammt nach Mensch aussieht. Und es ist auch etwas verbranntes Muskelgewebe dran. Arg angekokelt zwar, aber eindeutig. Also keine Verarsche wie damals mit den Friedhofsknochen.«

Bauernfeind erinnerte sich an den Sohn eines Totengräbers, der vor acht oder neun Jahren über Nacht das Unterlauchinger Freibad mit allerhand Skelettresten zu einer Art Open-Air-Gruselkabinett umfunktioniert hatte. Vier Totenschädel, die auf dem Beckengrund ein exaktes Quadrat bildeten, waren tagelang Gesprächsthema im ganzen Zollernalbkreis gewesen. Und die Lokalpresse kam zu einem ergiebigen Sommerlochfüller. Das Bad musste ein Wochenende lang geschlossen und das Wasser komplett ausgetauscht werden. Danach war kein Tag vergangen, an dem nicht irgendwelche Kniescheiben oder Rippenbögen im Gebüsch der Liegewiese entdeckt wurden. Badepersonal, Leute der DLRG und Polizisten, die schließlich das gesamte Areal Quadratmeter für Quadratmeter durchsuchten, fanden weitere Knochen und Zähne, die zwei große Eimer füllten. Gemeindearbeiter siebten zu guter Letzt noch den Sand auf dem Spielplatz und stießen hierbei zur Erleichterung aller auf zwei verrostete Sargbeschläge. Sie bestätigten die Vermutung der Polizei, dass das Zeug von Friedhofsgrabungen stammte. Nach etwa einer Woche hatte eine kleine Ermittlungsgruppe der Kripo Hechingen unter der Leitung von Popel Reffrat den Knochenverteiler ermittelt: einen jugendlichen Sonderling aus dem Dorf.

Bauernfeind war zu dieser Zeit mit Anita und den Kleinen auf einer Wohnmobiltour durch Südfrankreich gewesen. Als er nach Rückkehr aus dem Urlaub in sein Büro kam, glotzte ihm aus dem Regal hinter seinem Schreibtisch ein Quartett von Totenschädeln entgegen. Mit frischen Petersiliensträußchen in den Augenhöhlen. An die Kinnlade des einen war mit Tesafilm die Kopie eines Artikels des Hohenzollernboten geklebt: Kripo klärt Morde von Unterlauchingen restlos auf! Es hatte der energischen Androhung eines Disziplinarverfahrens bedurft, um Popel dazu zu bewegen, das schrille Arrangement abzubauen und die Schädel schnellstens der zuständigen Friedhofsverwaltung zurückzubringen. Dagegen war der chronische Nasenpuler ganz von sich aus auf die Idee gekommen, die acht Petersiliensträußchen jeweils mit charmanten Worten an nichtsahnende Schreibkräfte zu übergeben und die Tratschzentren der Dienststelle damit in einen Zustand leichter Verwirrung zu stürzen. Manche der Damen, die mit dem Grünzeug bedacht worden waren, hatten sich in ihrer Dankbarkeit damals fest vorgenommen, ihre reservierte Haltung gegenüber dem Dienststellenclown zu überdenken. Nicht lange allerdings. Denn schon einen Tag später sorgten Polaroidbilder mit den grün verzierten Schädeln samt Rezept für Bodenseefelchen mit Petersilienkartoffeln am schwarzen Brett wieder für ein klares Feindbild.

»Ich bin in zehn Minuten bei euch.«

»Zehn Minuten von Balingen her? Wie willst du das schaffen?«

»Ich schaffe es. Bin schon auf dem Weg. Bis gleich!« Bauernfeind drückte die Austaste. Er war nun wach genug, um nicht auf den Trick hereinzufallen. In Sachen Vernehmungstaktik machte ihm keiner etwas vor. Deshalb ärgerte ihn der plumpe Versuch, aus ihm herauszukitzeln, wo er sich gerade aufhielt. Popel Reffrat hatte nach den gescheiterten Handyanrufen sicherlich versucht, seinen Bereitschaftspartner über Festnetz zu Hause in Balingen zu erreichen. Bauernfeind fragte sich, was ihm Anita wohl gesagt haben mag. Denn sonntags früh um diese Uhrzeit war kaum anzunehmen, dass Popel einen der Jungs an den Apparat bekommen hatte.

Allerdings konnte Anita den schrägen Kripomann nicht leiden. Reffrat zählte zu den wenigen Männern in ihrem Leben, die völlig resistent gegenüber ihren optischen Reizen zu sein schienen. Bauernfeind musste grinsen bei dem Gedanken an den ersten und gleichzeitig letzten Besuch seines Kollegen bei ihnen zu Hause. Schon nach wenigen Augenblicken war seine attraktive, komplimentverwöhnte Gattin am Rande einer Sinnkrise gestanden. Reffrat hatte zwar ihr auffallendes neues Sommerkleid wahrgenommen, jedoch nur nach dessen Preis gefragt. Ohne eine Antwort Anitas abzuwarten, war er sodann auf den Tod der Textilindustrie im Raum Albstadt zu sprechen gekommen, wofür er Billigimporte aus Vietnam verantwortlich machte. Diese Stoffe vom Ausland würden zudem voller Chemie stecken. Viele Leute müssten sich deshalb mit Hautausschlägen herumplagen. Womöglich sei dadurch auch die Entzündung ausgelöst worden, welche Anita an ihrem Dekolleté habe. Sodann zeigte Reffrat ungeniert auf den linken Brustansatz seiner Gastgeberin. Die kreisrunde, kaum quadratzentimetergroße rötliche Stelle hätte allerdings auch von einem simplen Mückenstich herrühren können. »Das ist ja interessant« war das Einzige, was Bauernfeinds zierliche Frau sich zu entringen vermochte. Hierbei wirkte seine sonst so schlagfertige Wortakrobatin wie ein schüchternes Schulmädchen. So viel Unsicherheit in ihrer Stimme hatte Bauernfeind über all die vielen Ehejahre hinweg noch nie wahrgenommen. Anita war daraufhin auch ausgesprochen einsilbig geworden. In den Sessel zurückgelehnt, verfolgte sie noch für wenige Anstandsminuten die Unterhaltung der beiden Männer. Sie hatte dabei ihre Arme so fest vor der Brust verschränkt, dass man meinen konnte, sie würde frieren. Ihren leicht schräg nach unten geneigten Kopf mit dem dezent aufgeblähten linken Nasenloch wusste Bauernfeind als untrügliches Zeichen ihres Ekels zu deuten. Offenbar war sie von den kurzen Ausflügen, die Reffrats Zeigefinger alle paar Minuten in dessen Riechorgan unternahm, nicht sonderlich begeistert. Schließlich stand sie wortlos auf und machte sich in der Küche zu schaffen.

Nachdem Reffrat gegangen war und sie gemeinsam den Wohnzimmertisch abräumten, weigerte sich Anita mit deftigen Worten, dessen Weinglas anzufassen. Sie glaubte, noch Anhaftungen von Rotz daran zu erkennen. Sie nannte Reffrat ein unkultiviertes Ferkel. Nie hätte sie gedacht, dass solch widerliche Typen bei der Polizei herumlaufen.

Bauernfeind erschien es sehr unwahrscheinlich, dass Anita jemanden wie Popel von der Trennung in Kenntnis setzen würde. Falls die beiden miteinander telefoniert hatten, würde es wohl ein sehr kurzes Gespräch gewesen sein. Und was hätte Anita schon sagen können? Dass er von zu Hause ausgezogen war? Von Sandra wusste sie bestimmt nichts. Und wenn, dann war es ja auch egal. Für einen Moment wunderte er sich über seine eigene Ehrenkäsigkeit. Seltsam. Da war vor wenigen Tagen seine Ehe endgültig den Bach heruntergegangen und was ihn in diesem Zusammenhang am meisten nervte, war der Gedanke, Popel könnte schon über alles informiert sein. Ihm kam Anitas Vorwurf in Erinnerung, er wäre unfähig, in seinem Leben die richtigen Prioritäten zu setzen. Sie hatte wohl recht gehabt. Wie meistens.

Vorsichtig öffnete er die angelehnte Schlafzimmertür. Diese gab nicht den geringsten Laut von sich. Der helle Sommermorgen hatte ein paar Lichtstrahlen durch die Ritzen der Jalousie geschickt. Sandra lag bäuchlings und lang ausgestreckt da, ihre nackten Arme verkrampft um das Kopfkissen geschlungen, einer Schiffbrüchigen gleich, die sich fernab aller Ufer schicksalsergeben an Treibgut klammert. Ihre Augen schienen geschlossen. Doch Bauernfeind spürte, dass sie wach war und ihn aus millimetergroßen Lidspalten beobachtete. Er trat leise ein und bückte sich nach dem Kleiderhaufen mit der zerknitterten Jeans und dem Poloshirt. Sein linkes Knie knackte. Sandra sagte nichts. Wie immer.

Als Bauernfeind aus dem Hechinger Wohngebiet in den Zubringer zur B 27 einbog, war sein Ärger über sich selbst noch immer nicht ganz verflogen. Alles schien ihm irgendwie aus den Händen zu gleiten. In einer Zwangsläufigkeit, als stecke ein böser Fluch dahinter. Eine jahrelange Ordnung hatte sich binnen weniger Wochen aufgelöst. Alltägliches erschien plötzlich schwierig und voller Tücken. Einfachste Arbeiten gingen ihm nur mit Mühe von der Hand. Sein Leben war plötzlich voller Barrieren, kleinen und großen. Er musste an das Papier- und Aktenchaos denken, das er in seinem privaten Arbeitszimmer hinterlassen hatte, an die immer noch offene Steuererklärung, den mehrfach verschobenen Zahnarzttermin, den verpassten Elternabend, die Wildnis im Garten seiner gehbehinderten Mutter, den überfälligen TÜV für das Auto. Täglich wuchs der Berg des Unerledigten. Und mit dem Unbehagen darüber bezahlte er den Preis jener Kontinuität, die er bei seinen dienstlichen Leistungen noch aufrechterhalten konnte. Einigermaßen wenigstens. Sein Beruf beanspruchte alle ihm noch verbliebene Energie.

Vor ihm präsentierte sich die Hohenzollernburg auf ihrem sattgrünen Podest als monumentales Ansichtskartenbild. Wie von einem Konturstift nachgezogen, stachen die sandbraunen Gemäuer aus dem blauen Sommerhimmel heraus. Die sonst so malerischen Türme und Zinnen wirkten heute seltsam aggressiv, ihre Blechkronen schossen Lichtblitze in Bauernfeinds Augen. Das Symbol seiner Heimat verweigerte sich ihm als Ankerplatz.

Hinter ihm lagen Tage voller Grübelei. In seinem Kopf spulten sich unablässig kleine Filmsequenzen ab, mit vertrauten Bildern, wirr aneinandergefügt und doch versehen mit dem Echtheitssiegel des wirklich Erlebten. Immer wieder hatte er versucht, diesem Endloskino zu entfliehen, sich abzulenken, mit Arbeit, mit Joggen, mit Alkohol, mit Sex. Vergeblich. Zwar konnte er jeden Film an beliebiger Stelle kurz anhalten, jede Szene einem Datum, einem Geruch, einem Lebensgefühl zuordnen. Aber er war nicht mehr Herr des Programms. In der Abfolge der Sequenzen vermochte er keine Gesetzmäßigkeit zu erkennen. Sie blieben seinem Einfluss völlig entzogen und diese Ohnmacht machte ihn ratlos, nagte an seinem Selbstbewusstsein. Nächtelang hatte er wach gelegen, hatte nach einer Erklärung gesucht, wie sich fünfzehn Jahre Ehe binnen Tagen in ein banales Abwicklungsprojekt verwandeln konnten. Am meisten erschreckte ihn die nüchterne Geschäftsmäßigkeit, mit der alle Beteiligten zu Werke gingen. Wie eifrige Möbelpacker, die vor dem Anrücken des Abrissbaggers ein fremdes Haus leer räumen und in mechanischer Respektlosigkeit dessen Seele zerstören.

Sicher, ihm fielen dutzendweise Gründe ein. Aber sie erschienen ihm alle zu klischeehaft, einer Eheberatungsfibel entnommen. Hatte sich ihre Beziehung einfach abgenutzt? Wie das Trommellager einer alten Waschmaschine? Hatte es an Abwechslung gefehlt, an Aufmerksamkeit, an gegenseitigen Respekts- und Liebesbekundungen? Zu wenige Blumensträuße, zu wenige gemeinsame Kinogänge oder Urlaubsreisen? Zu wenig Anerkennung, zu wenig Zärtlichkeit, zu wenige Orgasmen? Zu viel Arbeit, zu viel Alltagsgenörgel, zu viele Verletzungen, zu viele überhörte Hilferufe? Zuviel Lüge, Heuchelei, Betrug? Oder war es einfach nur der Altersunterschied von fast zehn Jahren? Ein ganzes Bombardement an Erklärungen hagelte aus Richtung Kopf auf Herz und Bauch. Und prallte dort einfach ab. Zurück blieb ein seltsam flaues, unangenehmes Gefühl von Leere.

»Wir sollten uns endlich trennen. Die Kinder werden das schon verkraften. Ein paar Jährchen noch, dann sind sie aus dem Gröbsten raus. Bis dahin möchte ich mit ihnen in dem Haus bleiben, schließlich gehört es meinen Eltern. Wir kriegen das sicher gut geregelt. Auch das Finanzielle. Wir waren immer fair zueinander. Du kannst dir mit deinem Auszug gerne Zeit lassen.«

Es hatte Bauernfeind im Grunde nicht überrascht, was seine Frau ihm eines Abends mit emotionsloser Liquidatorenstimme eröffnete. Seine Antwort war nur ein knappes, leises »Okay« gewesen. Dann hatten sie sich dem Spargel, den Kroketten und dem Weißwein zugewandt. Die Ewigkeit einer Viertelstunde lang waren sie sich schweigsam gegenübergesessen, mit leicht gesenkten Köpfen, paralysiert von der Nüchternheit des Aktes. Bis die Jungs aus dem Fußballtraining kamen und mit der Wucht wilder Hungermäuler den Esstisch zum Schauplatz ihrer Verteilungskämpfe machten. Die folgende Nacht verbrachte Bauernfeind auf der alten Ausziehcouch im Hobbyraum, geplagt von heftigem Sodbrennen, und zermarterte sich den Kopf. Hätte der Schlussstrich unter anderthalb Jahrzehnte Mann-und-Frau-Leben nicht mehr Erhabenheit verdient gehabt? Wo waren die Tränen, die Trauer, die Schreie, der Schmerz und alles, was Verluste adelt? Er konnte sich diese Fragen bis zum heutigen Tag nicht beantworten. Und das bereitete ihm mächtig Verdruss. Ungelöste Rätsel waren ihm schon als Kind ein Graus gewesen.

Er hatte es keineswegs eilig und blieb auf dem rechten Fahrstreifen der vierspurigen Bundesstraße. Vor ihm fuhr gemächlich ein VW-Passat mit zwei Fahrrädern auf dem Dach, die leicht im Fahrtwind zitterten. Der Rentnerhut über der linken Kopfstütze war ständig in Bewegung, was auf eine lebhafte Kommunikation im Fahrzeuginnern schließen ließ. Als junger Polizist vor über zwanzig Jahren hätte er das rollende Verkehrshindernis schon längst überholt, in Gedanken am Tatort, angezogen von einer fremden Kraft, die er sich nie richtig erklären konnte. Es war immer mehr gewesen als nur Neugier oder die Freude an Action. Letzteres gab es dort ohnehin nur selten. Meist wartete ein überdimensionales Stillleben auf ihn und seine Kollegen, umrahmt von rot-weißen Flatterbändern, die der Streifendienst gezogen hatte. Mal war es ein schmuddeliger Kneipeneingang, mal eine Wohnung, ein ganzer Straßenzug, eine Tiefgarage, der Parkplatz einer Diskothek, ein Schulhof, ein Teich samt Uferböschung, ein Wohnwagen, ein Heizungskeller, ein Treppenhaus, eine Müllhalde, ein Waldstück, das Foyer einer Bank, eine Bahnhofstoilette oder ein Schrebergarten unter einer Autobahnbrücke. Der Fluss der Zeit hatte auf einstmals graue, unbedeutende Flächen dieser Erde allerlei geheimnisvolles Menschenwerk geschwemmt und sie zu Schauplätzen gekürt, die den Ermittler in ihren Bann zogen. Er war gefesselt von der Aufgabe, gemeinsam mit der Kriminaltechnik die zu Spuren fragmentierten, oft versteckten und für das bloße Auge unsichtbaren Zeugnisse schicksalhaften Geschehens zu suchen, zu sichern, zu unterscheiden von den falschen, den trügerischen, den fingierten und zu deuten in ihrer Eigenart, ihrer Beschaffenheit, ihrer Lage im Raum. Wie ein besessener Maler, der ganze Nächte über seinen Bildern verbringt, ging er unablässig mit den Befunden um, entrang ihnen die Skizzenstriche eines Geschehens, fügte zusammen, verwarf und begann wieder von Neuem und verwarf wieder, fieberhaft und rastlos.

Er folgte dem Rentnerpassat, der die Ausfahrt Richtung Sigmaringen nahm und nach wenigen Hundert Metern auf dem Zubringer in die B 32 abbog. Vor ihm öffnete sich alsbald das Lauchental mit seinen bewaldeten Traufhängen der Schwäbischen Alb. Gleißend fiel die Morgensonne durch die staubverschmierte Windschutzscheibe.

Kurz vor Unterlauchingen wurde Bauernfeind das Gezuckel vor ihm doch zu viel. Beim Überholen blickt er kurz nach rechts. Der ältere Herr am Steuer, Typ pensionierter Oberamtsrat, hatte ein freundliches Gesicht und war immer noch am Reden und Gestikulieren. Seine sonnenbebrillte Begleiterin lag wie hingegossen neben ihm, die Rückenlehne des Beifahrersitzes weit nach hinten geneigt. In Bauernfeind kam eine Art Neid auf. Bestimmt sind sie auf dem Weg zum Bodensee, dachte er sich. Dort werden sie ein Stündchen am Ufer entlang radeln, zur Mittagszeit auf einer Restaurantterrasse an der Meersburger Promenade sündhaft teure Felchen mit Petersilienkartoffeln genießen, am frischen Roséwein herumschlürfen und ihren Blick über das weite Blau mit seinen vielen Segelbooten schweifen lassen. Sie wird ihre faltige Hand auf seinen schlaffen Unterarm legen und er wird ihr mit zufriedenem Lächeln zuprosten. Sommersonnensonntag.

Unterlauchingen – der Name dieses 1.800-Seelen-Dorfes hatte für Leo Bauernfeind immer noch einen seltsam vertrauten Klang. Mitte der 70er-Jahre war er einen ganzen Sommer lang von Hechingen aus mit seinem hellblauen Mofa ins Lauchental geknattert. Nahezu täglich. Morgens hin, abends zurück. Ein zottelhaariger Schlacks in fleckigen Schlaghosenjeans, picklig, bleich, von lästigen Zufallserektionen geplagt und gänzlich erfasst von der Ungeduld und Rastlosigkeit einer ewig suchenden Jugend. Seither war ihm kein Sommerhimmel je wieder so blau, kein Gräsergeruch so süß und keine Sternennacht so klar und warm erschienen. Und jetzt, beim Passieren des Ortsschildes, fast drei Jahrzehnte später, glaubte er sogar für einen Augenblick wieder Zweitakterqualm zu riechen und das nervöse Lendenkribbeln zu spüren, das ihn auf seinen Fahrten immer begleitet hatte.

Sabine Probeweit, die einzige Tochter des Unterlauchinger Bürgermeisters, hatte er später oft als erste Liebe seines Lebens bezeichnet. Er tat dies salopp und ohne weitere Differenzierung, wie man eben bestimmte Lebenserfahrungen etikettiert, um den biografischen Aktenschrank überschaubar und in Ordnung zu halten.

Sabine war in eine Parallelklasse gegangen und sich ihrer weiblichen Blickfangqualitäten schon früh bewusst geworden. Und was ihr die Natur üppig mitgegeben hatte, präsentierte sie auf dem Schulhof mit erregender Selbstverständlichkeit, fern jeglicher Koketterie. Natürlich hatten viele Oberstufler des Städtischen Gymnasiums mal probiert, bei ihr zu landen. Doch selbst hartnäckigste Annäherungsversuche waren fehlgeschlagen.

Bauernfeind lächelte versonnen vor sich hin, als er in der Ortsmitte von Unterlauchingen Richtung Schützenhaus und Festwiese abbog. Urplötzlich war in seinem Gedächtnis das Bild der Dorfschönheit aufgedämmert und gleich einem frisch geschossenen Polaroidfoto nahm es an Schärfe zu, offenbarte nach und nach markante Einzelheiten: den dicken, blonden Pferdeschwanz, das Gesicht mit den hohen Wangen und den dezenten Grübchen, den spöttischen Blick aus katzenhaften grünen Augen, das kecke Stupsnäschen, leicht umsprengselt von Sommersprossen, den vollen Brigitte-Bardot-Mund mit der dezenten Zahnspange. Und natürlich den prallen Vorbau, immer mit solidem BH abgepanzert und schwerlastig aus einem leichten Hohlkreuz gereckt wie eine trotzig ertragene Bürde. Im Gegensatz zu ihren kindischen, kreischenden und zickigen Freundinnen hatte Sabine an der Schwelle zum Erwachsenwerden nie eine Spur von Unsicherheit erkennen lassen. Alles, was von ihr ausging, war von einer natürlichen Würde begleitet, egal ob sie über den neuesten Kinofilm redete, stundenlang Disco-Fox tanzte, irgendwelche ABBA-Lieder aus dem Kofferradio mitsang oder über die damals gängigen Häschen-Witze lachte.

Seit der junge Leo Bauernfeind sie bei einem Sportfest als Ansagerin für die Jazztanzgruppe des Gymnasiums erlebt hatte, litt er unter einer Art Hörsucht, die sich seiner wochenlang bemächtigte und ihn kaum einen klaren Gedanken fassen ließ. Erst in reiferem Alter, mit aufkommender Weisheit, vermochte er das akustische Erlebnis zu definieren: Es war seine persönliche Ur-Begegnung mit dem göttlichen Zauber der Erotik.

Sabines Stimme fehlten die schrillen Schwingungen, wie man sie von Backfischen kennt, die manchen Frauen bis ins hohe Alter bleiben und mit denen sie zeitlebens ihrer Umgebung das Fürchten lehren. Sie klang dunkel, dezent rau, ohne männlich zu sein, warm und melodiös, ohne künstlich zu wirken, und sie war von einer Klarheit, die auch das an sich harte Unterlauchinger Dorfschwäbisch noch als sanftes Pastell zuließ. Der angehende Abiturient hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, in Hörweite um die Mädchentraube herumzustromern, die sich in den Schulpausen regelmäßig und wie einem Naturgesetz folgend um Sabine bildete. Manchmal war es ihm sogar gelungen, sich unter einem mehr oder weniger klugen Vorwand in das Menschengebilde hineinzuschmuggeln und zu erleben, wie sich die begehrte Stimme eigens ihm zuwandte. Dabei musste er vorsichtig sein, sein wahres Motiv verbergen, den direkten Dialog mit dem Kristallisationskern der Gruppe möglichst vermeiden, auf eine zufallserklärliche Dosierung seiner Anwesenheit achten. Meist gab es für ihn, wenn überhaupt, nur ein oder zwei Sätze von Sabine zu ernten, entsprechend der Banalität seiner Beiträge. Aber danach hatte er sich immer wie im Rausch gefühlt.

Eines Tages war Sabine sogar mit ihrer gesamten Corona direkt auf ihn zugegangen. Auf dem Schulhof hatte sich herumgesprochen, dass der Schauspieler Hardy Krüger tags zuvor an der Tankstelle gesichtet worden sei, die ein Onkel von Leo an der B 27 betrieb. Dort war es damals noch üblich gewesen, die Windschutzscheiben der Kundenautos zu putzen. Die ganze Schule wusste, dass sich Leo damit sein Taschengeld aufbesserte. Und das hatte er tatsächlich auch an jenem Nachmittag getan. Doch ausgerechnet in den fünf Minuten, als Hardy Krüger die Scheibenwaschanlage seines Porsches auffüllen ließ, war der junge Bauernfeind mit einem Pornoheft auf der schmuddeligen Werkstatttoilette gesessen. Erst durch die überraschende Zuwendung von Sabines Aufmerksamkeit war ihm, der sich noch nie etwas aus Kino-Promis gemacht hatte, schmerzhaft vor Augen getreten, welche historische Chance er verpasst hatte. Ob der Fragenflut seiner Göttin und ihres Anhangs reagierte er dann so verdattert, als habe man ihn in aller Öffentlichkeit beim Onanieren erwischt. Nicht einmal seine sonst so rege Fantasie hatte ihm mehr gehorcht, um aus dem Stehgreif eine interessant und authentisch klingende Hardy-Krüger-Begegnungsstory an der Zapfsäule aufbieten zu können. So war er bei einer Art Wahrheit geblieben, wobei ihm ein letztes Watt Kreativität aus dem intellektuellen Notstromaggregat wenigstens die Toilette durch den Motorraum eines angeblich für seinen achtzehnten Geburtstag vorbestimmten Opel Kadett und das Pornoheft durch einen verchromten Doppelrohrauspuff ersetzte. Unmittelbar nach Abzug der enttäuschten Meute hatte sich der Boden unter ihm aufgetan und er war ungebremst in die Hölle der Versager gestürzt, wo man tagelang über den Feuern der Scham brät. Danach hatte er sich wochenlang von seinem Onkel zu Sonderschichten beim Windschutzscheibenputzdienst einteilen lassen. Und auch die Werkstatttoilette war von ihm fortan nur noch zu ihren primären Zwecken benutzt worden. Doch vergebens. Kein Hardy Krüger hatte sich mehr eingefunden, auch kein John Travolta, kein Bruce Lee oder Bud Spencer. Nicht mal ein Otto, Reinhard Mey oder Didi Hallervorden. Sie alle tankten woanders.

Das frische Polaroidbild von Sabine Probeweit hatte seine volle Entwicklungsstufe erreicht, als er an deren Elternhaus vorbeifuhr. Damals noch deutlich außerhalb des Dorfes gestanden, war es mittlerweile von der Wohnbebauung eingeholt worden. Das Relikt bäuerlicher Vergangenheit bildete nun den Abschluss einer Fertighaussiedlung aus den späten Achtzigern. Es lag am Wendehammer einer Tempo-30-Zone, von dem ein schmaler, grob geschotterter Feldweg ausging, der steil und kurvig zur fünfhundert Meter entfernten Festwiese hinaufführte. Bauernfeind warf einen kurzen Blick auf das Anwesen und erkannte es zunächst kaum wieder. Es wirkte auf ihn viel stattlicher, als er es in Erinnerung hatte. Offenbar war das Haus in den vergangenen Jahren grundlegend modernisiert worden. Man hatte die frühere Scheune durch einen schmucken Anbau ersetzt, am Haupthaus das schöne Fachwerk freigelegt, die Fensteröffnungen vergrößert, das steile Dach mit hellroten Biberschwänzen eingedeckt, zwei große Gauben eingezogen und kupferne Dachrinnen und Ablaufrohre angebracht. Der große Hofbereich davor war säuberlich mit Verbundsteinen gepflastert. Die graue, leere Fläche wirkte langweilig und ließ die frühere Dunglege vermissen, aus der an Spätsommertagen immer riesige, in ihrer geballten Fruchtbarkeitssymbolik fast schon obszön wirkende Kürbisse rankten.

Wer da wohl jetzt wohnte? Einen Moment lang war er versucht, anzuhalten und kurz auszusteigen, um neben der Haustür das Klingelschild abzulesen. Obwohl sein Pflichtgefühl siegte und er die Fahrt unverzögert fortsetzte, begann er sich über sich selbst zu wundern. Nicht mal mehr eine Minute vom Leichenfundort entfernt, wähnte er sich immer noch weit weg vom Hier und Jetzt. Statt sich auf die bevorstehenden Aufgaben vorzubereiten und sich an eine gedankliche Checkliste für erste Maßnahmen zu machen, kramte sein Gehirn kindlich unbekümmert in verstaubten, längst verloren geglaubten Erinnerungen herum. Er hatte es immer gehasst, wenn Kollegen mental unvorbereitet an Tatorten erschienen, sich noch an der Leiche über die Fußball-Bundesliga oder ihr letztes Ebay-Schnäppchen unterhielten. Peinlich und deplatziert wirkte all das routinierte Gehabe, mit dem sie ihre Anlaufschwierigkeiten kaschierten. In dieser frühen Ermittlungsphase passierten gewöhnlich die schlimmsten kriminalistischen Fehler. Bauernfeind war sich dessen bewusst, aber seinem Verstand schien die Kontrolle über das restliche Gehirn entglitten zu sein. Noch während seiner ganzen Holperfahrt zur Festwiese stand ihm Sabines Bild vor Augen, das sich plötzlich auch bewegte wie ein salopp gefilmtes Video. Die tänzelnde, lachende, winkende Unterlauchinger Dorfgöttin, unter deren Bauchnabel die Schere des Vergessens alles abgeschnitten hatte. Bauernfeind versuchte sich an Sabines Hüften und Beine zu erinnern. Vergeblich. Doch jene Stimme, die in der Manier eines leicht überdrehten Stadionsprechers aus dem Bild heraus sprach, war ihm sofort wieder vertraut: Nun, meine Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit. Unsere nächste Tanznummer: Lady Bump! Dann Filmriss, ein seltsam wirklicher. Er trat wuchtig auf die Bremse. Etwa zwei Meter vor seinem Zivil-Mercedes sprang ein bekanntes Grinsegesicht in gespielter Hektik zur Seite.

Bauernfeind hatte das rot-weiße Trassenband der Absperrung durchfahren …

»Willkommen, der Herr vom Spurenvernichtungskommando!« Popel Reffrat öffnete mit einer theatralischen Verbeugung die Fahrertür. Offenbar war er alleine, denn in Anwesenheit Dritter hätte er sich das Mätzchen verkniffen. Reffrat würde nie seinen Chef vor anderen bloßstellen. Jedenfalls nicht in der unmittelbaren Situation. Darauf konnte sich Bauernfeind absolut verlassen. Womöglich war es der letzte Rest von Benimm, den sich der krankhafte Nasenbohrer noch bewahrt hatte.

»Guten Morgen, du Verkehrshindernis!« Bauernfeind stieg mit einem kurzen Seufzer aus dem Fahrzeug. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Reffrat würde das Trassenbandmalheur mindestens zehn Tage lang bei jeder Gelegenheit bis auf die Dicke einer Blattgoldschicht auswalzen. Wie damals bei Miss Peng. Bestimmt würde er später noch die zerrissenen Enden sichern, um damit bei der nächsten Jahresabschlussfeier eines seiner gefürchteten Spottgedichte zu illustrieren.

»Wo soll man denn hier Spuren vernichten? Kannst du mir das mal verraten? Ich bin ja auch immer für weiträumiges Absperren. Aber was soll das hier? Und dann auch gleich hinter der Kurve. Oder spielt ihr hier ADAC und veranstaltet eine Art Reaktionstest?«

»Den du dann ja wohl auch nicht bestanden hättest.«

»Wer denkt schon ans Bremsen, wenn er dich vor dem Auto sieht.«

»Ha no, welch unedle Gedanken! Wor wohl a astrengends Nächtle. Mit Verlaub, der Herr Erster Hauptkommissar wirken heute Morgen a bissle derangschiert.« Überkandideltes Hochdeutsch im Wechsel mit nachgeäfftem Albschwäbisch aus einer Berliner Schnauze – ein untrügliches Zeichen, dass Popels Zynismuspegel wieder im Ansteigen begriffen war.

»Ich danke dem Herrn Kollegen für das liebenswürdige Interesse an meinem Befinden.«

Bauernfeind stellte mit fachkundigem Blick fest, dass seine Kritik an der Absperrlinie nicht berechtigt gewesen war. Tatsächlich hatte die Schutzpolizei das Trassenband in dem Bereich angebracht, wo der Weg trichterförmig in einen breiten, ebenfalls geschotterten Parkplatz überging. Dieser hatte etwa die Größe eines halben Fußballfeldes und verjüngte sich nach etwa sechzig Metern wieder zu einem schmaleren Schotterpfad, der weiter bergan in einen hohen Fichtenbestand führte. Von dem Ultraleichtflugzeug aus, das über ihnen mit Gebrumm seine Kreise zog, musste die Wegführung einer albinösen Boa gleichen, die ein gerade erjagtes Riesenkaninchen verdaut.

An die nordöstliche Seite des Parkplatzes grenzte die mehrere Hektar große, leicht zum Dorf hin abfallende Festwiese. Neben einem hellgrünen Schuttcontainer standen dort ein knappes Dutzend Fahrzeuge, darunter ein Streifenwagen, ein roter Unimog sowie der graue Sprinter der Kriminaltechnik. Eine Gruppe von Männern in blaugrauen Arbeitsklamotten, Wanderhemden oder Polizeiuniformen blickte ihnen entgegen, während eine weiß gekleidete Gestalt mit einem langstieligen Gerät in leicht qualmender Asche herumstocherte.

Das ganze markierte Areal war ohne jeden Zweifel spurenrelevant. Und Bauernfreund wusste nicht, ob er sich darüber freuen oder ärgern sollte.

Reffrat gab sich gönnerhaft. »Mach dir nichts daraus, alter Kumpel. Für zwei oder drei Weizenbiere werde ich den Verkehrsrowdy in dir vergessen.«

Der Gefoppte war es plötzlich leid, nach einer originellen Erwiderung zu suchen. In puncto Schlagfertigkeit würde er Popel heute eh nicht mehr Paroli bieten können. Ihre Kommunikation war ihm unangenehm. Wie es bislang aussah, hatten sie es mit einer kriminalistischen Herausforderung zu tun, die nicht gerade alltäglich war. Und anstatt sich konzentriert ans Werk zu machen, alberten sie herum wie obercoole Fernsehkommissare in einer drittklassigen Krimiserie. Psychologisch betrachtet, war dies durchaus kein Widerspruch. Bauernfeind hatte genügend Selbstdistanz, um zu erkennen, dass sich hierin ihrer beider Angst vor Überforderung zeigte. Gewiss, Reffrat war in der ganzen Polizeidirektion für sein Schandmaul bekannt. Doch heute wirkte dieser eine Spur zu überdreht. Und passten nicht seine eigene bummelige Fahrt nach Unterlauchingen und seine unkontrollierten Fantasiesprünge ins Bild? Was hatte sein Gehirn im Jahr 1975 bei Sabine Probeweit verloren gehabt?

Auch Popel war schweigsam geworden. Mit jedem Schritt in Richtung Leichenfundort nahm sein Gesicht ernstere Züge an.

Bauernfeind empfand es nun als Vorteil, dass er sein Fahrzeug gleich an der Absperrung geparkt hatte. So war noch eine kurze Strecke zu gehen und das gab ein bisschen Zeit zum Nachdenken. In ihm keimte ein paar Sekunden lang die Hoffnung auf, für die rätselhafte Angelegenheit könnte es bald eine harmlose, ja sogar lustige Erklärung geben. Er hatte in seiner Polizeilaufbahn schon einige Fälle erlebt, die am Anfang nach dramatischen Verbrechen aussahen und sich nach kurzer Zeit in Wohlgefallen auflösten. So besitzt jede Dienststelle ihre eigene Sammlung skurriler Begebenheiten, die sorgsam im kollektiven Gedächtnis gehütet und bei jeder Erzählung weiter ausgeschmückt werden. Das polizeiliche Anekdotenbuch ist voller Geschichten, wie mit der von dem geistig verwirrten Rentner, der zum wiederholten Male auf der Revierwache seine seit Langem verstorbene Frau als vermisst meldet. Oder von den mafiös aussehenden Partygängern, die vor verdutzten Augenzeugen ihren sturzbesoffenen Kumpel aus kotzprophylaktischen Gründen wie ein Entführungsopfer in den Kofferraum verfrachten, mit quietschenden Reifen davonfahren und dadurch das SEK auf Trab bringen. Oder von dem liebestollen Igelpärchen, dessen Paarungslaute eine ganze Wohnsiedlung in Angst und Schrecken versetzten. Hatte nicht auch Reffrat bei dem Telefonat heute Morgen kurz diese alte Geschichte erwähnt von den Friedhofsknochen im Unterlauchinger Freibad? Vielleicht war ja bei der gestrigen Sonnwendfeier ein Scherzkeks zugange gewesen, der mit Schweinefleisch und irgendwelchen alten Skelettteilen ein bisschen für Furore in dem verschlafenen Kaff sorgen wollte. Würde er womöglich schon heute Abend mit Reffrat, Arafat und den anderen hier in irgendeiner Lauchentaler Dorfkneipe hocken und sich kopfschüttelnd die Peinlichkeit weglachen, wie sie auf einen solchen Unfug hereinfallen konnten?

Bauernfeind wusste, dass er sich etwas vormachte. Denn da war er wieder, sein kriminalistischer Instinkt. Unüberspürbar. Ein eitler Kobold, der im Solarplexus wohnte und bei jedem Sieg über den Verstand mit einem weichen Federkrönchen auf dem Kopf wie ein Derwisch unter der Bauchdecke entlang tanzte. Dieser unbestechliche Wicht hatte ihn nur selten getrogen. Und Bauernfeind war ihm heute Morgen schon einmal begegnet: Nachdem er das Handy angeschaltet und die ankommende Leichen-SMS in seinem tiefsten Innern eigentlich schon geahnt hatte, bevor das Gerät seinen ersten Pieps tat.

Popel Reffrat räusperte sich kurz. Offenbar wollte er die letzten paar Meter noch nutzen, bevor sie in Hörweite der Gruppe kamen. »Wie ich dir schon am Telefon gesagt habe, wurden die Leichenteile um etwa sieben Uhr von zwei Leuten des Unterlauchinger Schützenvereins aufgefunden. Dieser hat die Sonnwendfeier veranstaltet, wie jedes Jahr um die Zeit. Die zwei gehören zu einem Aufräumdienst, der frühmorgens den ganzen Müll aufsammelt, die Brennholzreste zusammenscharrt und das Versorgungszelt abbaut.« Seine Stimme klang jetzt leicht nasal. Offenbar bremste ein pulender Zeigefinger den Atem. »Wie es aussieht, handelt es sich um Überreste einer einzigen Person. Jedenfalls haben wir noch nichts gefunden, was doppelt vorhanden wäre. Bislang hat wohl auch niemand eine Ahnung, wer hier flambiert wurde.«

»Hatte jemand von den Leuten hier in den Tagen zuvor etwas Verdächtiges bemerkt oder so etwas wie Leichengeruch wahrgenommen?«

»Nein. Bisher negativ«, flüsterte Reffrat.

Bauernfeind kannte keinen der Umstehenden, die sein lautes »Guten Morgen!« fast synchron mit dem im Lauchental üblichen, tonlosen, etwas skandinavisch klingenden »Dag!« erwiderten. Die kreisrunde Fläche, auf der knöchel- bis kniehohe Asche lag, war unerwartet groß und erschien noch weiter künstlich ausgedehnt. Offenbar hatte man die Überreste des Feuers auf der Suche nach den Leichenteilen mit Harken oder ähnlichen Werkzeugen auseinandergezogen. An manchen Stellen glomm noch Holz und kleine Rauchsäulen kräuselten sich empor. Es roch brenzlig. Bauernfeind meinte den Geruch von Grillfleisch wahrgenommen zu haben, was er jedoch sofort als Sinnestäuschung abtat. Er schaute eine kurze Zeit dem Mann zu, der in schweren Feuerwehrstiefeln durch das Aschenfeld stapfte.

Arafat schien ihn überhaupt noch nicht bemerkt zu haben. Konzentriert balancierte er ein schwarzbraunes Etwas auf einer Schaufel vor sich her. Mit seiner großen Staubmaske, der weißen Montur und dem schwerfälligen Gang kam er Bauernfeind vor wie ein Astronaut beim Sammeln von Mondgestein. Fehlten nur noch Helm und Sauerstoffflasche. Behutsam ließ der Kriminaltechniker sein Transportgut vom Schaufelblatt in eine der mit Alufolie ausgekleideten Kunststoffwannen gleiten. Im Aufblicken bemerkte er Bauernfeind, trat aus dem Aschenfeld und zog sich die Staubmaske auf den Hals herunter.

»Morgen, Leo! Bist heute wohl nicht so gut aus den Startlöchern gekommen, was? Hast aber nicht viel verpasst. Mit Erster Hilfe und Mund-zu-Mund-Beatmung war da jedenfalls nichts mehr. Was da so in der Asche rumliegt, erinnert eher an die Reste einer kannibalischen Grillorgie.«

Mit seiner makabren Wortwahl unterschied sich Arafat nicht von anderen Kriminaltechnikern auf diesem Planeten. Bauernfeind mochte das pietätlose Gerede nicht und hatte sich nie richtig daran gewöhnen können. Doch er kannte auch die anderen Seiten seines Kollegen: den liebenden Ehemann, den treu sorgenden Familienvater, den sensiblen Kameraden, mit dem man über Gott und die Welt reden konnte und der keinen Geburtstag vergaß. Wenn irgendwo in der Republik ein Polizeibeamter im Dienst sein Leben lassen musste, war es Arafat, der den Trauerflor an die Fahrzeugantennen band und mit einem Hut in der Hand durch die Dienststelle ging, um Spenden für die Hinterbliebenen zu sammeln.

Bauernfeind hatte den etwa gleichaltrigen Kollegen Anfang der 80er-Jahre kennengelernt. Bei Rundflügen um die Burg Hohenzollern waren ein Doppeldecker und ein Motorsegler mit großer Wucht zusammengestoßen. Die sechs Passagiere hatte es in vielen Einzelteilen über einer Wacholderheide am Fuße des Bergkegels heruntergeregnet. So breitflächig, dass eine dreißigköpfige Suchkette anderthalb Tage lang unterwegs gewesen war. Bauernfeind und Arafat hatten die persönlichen Sachen der Toten zu registrieren. Ein Foto aus der damaligen Zeit zeigte die beiden, wie sie sich lachend beim abendlichen Leichenschnaps zuprosteten: der dürre Hänfling von Jungermittler im viel zu engen, viel zu bunten T-Shirt, ein Sonnenbrandgesicht unter kindischer Ponyfrisur, und der etwas ältere Spurenmann mit dem ungebändigten Zottelhaar und der Nickelbrille, das Erscheinungsbild einer Kreuzung aus John Lennon und Klischee-Jesus. Arafat wurde damals noch standesamtlich korrekt Dieter Eisele gerufen. Den Namen des PLO-Führers erhielt er erst Jahre später von seinem lieben Kollegen Reffrat verpasst, als er am Tatort einer tödlichen Schießerei zwischen palästinensischen Exilanten nicht nur Spuren, sondern sich auch die Witwe des Opfers samt deren zwei Kindern sicherte.

Arafat positionierte sich breitbeinig vor seinen weißen Schüsseln und nahm die Stimme eines Fremdenführers an. »Von dem Menschen hier ist nicht mehr viel übrig. Das größte zusammenhängende Stück liegt in der mittleren Wanne. Der Torso ist ganz schön zusammengeschrumpelt. Man sieht noch die Ansätze eines Armes und die beiden Oberschenkel. Unter der dicken Kohleschicht findet sich kaum noch Muskel- und Organgewebe.« Der Kriminaltechniker ließ die Spitze seiner Schaufel von einer Schüssel zur anderen wandern. »Und hier haben wir ein großes Schädelteil mit einem Teil der Kieferpartie. Ein vernünftiger Zahnstatus müsste noch hinzukriegen sein, jedenfalls teilweise. Wäre nicht schlecht für eine Identifizierung. Der komplette Hinterkopf fehlt noch. Das kochende Gehirn hat ihn wohl irgendwann weggesprengt. Von den Extremitäten habe ich bisher nur ein paar Teile gefunden. Zwei Kniegelenke und etwas, das nach verkohltem Unterschenkel mit Fußansatz aussieht. Vieles ist sicher total ausgeglüht und zu Asche geworden. Also Finger oder Zehen gibt es wohl nicht mehr. Allerdings bin ich auch noch lange nicht ganz durch.«

Jetzt erst erkannte Bauernfeind, dass die Behältnisse in der Draufsicht eine Art Schüsselmännchen bildeten. Offenbar sollte dies eine grobe anatomische Zuordnung der Leichenteile ermöglichen.

Während Arafats Vortrag hatte sich ein Ring neugieriger Zuschauer um das kleine Ensemble gebildet.

Bauernfeinds Miene verfinsterte sich. Er fasste Arafat am Arm und wandte sich Reffrat zu, der mit seinem rechten Zeigefinger Richtung Großhirn unterwegs war. »Kommt mal kurz mit!«

Die drei gingen ein Stück die Festwiese hinunter, bis sie außer Hörweite waren. »Sagt mal, was habt ihr euch denn dabei gedacht?« Die Stimme des Dezernatsleiters war ruhig geblieben. Doch sie hatte einen ätzenden Klang angenommen. »Wäre vielleicht jemand mal so freundlich und würde mir erklären, was die ganzen Leute hier sollen? Und es werden scheinbar immer mehr! Wozu habt ihr eine Absperrung eingerichtet, wenn sie keiner überwacht? Wieso stehen die Streifenbeamten um den Fundort herum und halten Maulaffen feil, statt uns die Gaffer vom Hals zu halten?« Mit einer Kopfbewegung deutete Bauernfeind auf das Aschenfeld. »Und dann hätte ich noch ein paar Fragen an meine Kollegen Kriminalisten: Warum glüht es da teilweise noch? Jetzt seid ihr schon eine ganze Weile da und unsere Spuren kokeln munter vor sich hin.« Die nächste Kopfbewegung ging in Richtung des Mannes in Weiß. »Und du, Dieter, stapfst auch noch mit deinen schweren Stiefeln darin herum wie ein Elefant im Porzellanladen. Dabei bist du doch der Tatortexperte von uns!«

Arafat hatte die leicht geduckte Haltung eines gemaßregelten Schulbuben angenommen. Ihm entstieg ein Klanggebilde aus Räuspern und dem Wörtchen »aber«.

Doch Bauernfeind war noch nicht fertig. »Und was soll dieses Puzzlespiel am Fundort? Warum seid ihr die Suche nach den Leichenteilen nicht systematisch angegangen? Und warum wurde nicht alles fotografiert und vermessen? Ach so, ja, natürlich«, jetzt schaltete sich der Zynismusturbo ein, »ihr habt ja mit Schaufeln und Harken selbst dafür gesorgt, dass nichts mehr am ursprünglichen Platz liegt! Und natürlich kam auch keiner auf die Idee, die Gerichtsmedizin vor Ort zu holen? Na, die werden sich aber freuen, wenn wir denen einfach so die Knochensammlung auf den schön polierten Stahltisch kippen!« Bauernfeind war selbstkritisch genug, um zu wissen, dass ein Teil der Schärfe in seiner Stimme von verletzter Eitelkeit herrührte. Nach Popels morgendlichen Spötteleien bot sich ihm nun die Gelegenheit zur Revanche.

»Ich verstehe nicht, warum du dich so aufregst, Leo. Wie man uns gesagt hat, waren gestern Abend schätzungsweise zwei- bis dreihundert Leute hier. Was soll es da noch an guten Spuren geben? Parkplatz und Wiese sind übersät mit Papiermüll, Flaschen, Essensresten, Zigarettenkippen, Kronkorken. Überall findet man Schuh- und Reifenabdrücke. Wenn da heute Morgen ein paar Leute herumstehen, was soll das? Die können nichts mehr kaputtmachen.« Popel Reffrat sah an der Mimik eines Chefs, dass er bei seinem zaghaften Verteidigungsversuch auf eine weitere Tretmine gehüpft war.

»Und wenn jemand unter diesen netten Leuten etwas mit der Sache zu tun hat?«, zischte Bauernfeind ungnädig. »Dann soll er doch bitteschön aus erster Reihe mitkriegen, was wir alles so finden oder nicht finden. Dann soll er hören, was wir sagen, zu welchen Schlüssen wir kommen, was wir weiter vorhaben. Dann soll er in Ruhe bei Tageslicht nach den Dingen suchen dürfen, die er vielleicht hier verloren hat. Was für ein Service! Ich werde euch der Polizeidirektion als Anwärter auf den Preis für bürgernahes Verhalten vorschlagen!« Bauernfeind war mit jedem Satz lauter geworden. Jedes Wort triefte nun vor Gift und Galle. »Und vielleicht ist ja auch egal, ob unter unseren Augen der letzte Rest einer Tätowierung wegschmort, ob wir ein paar Knochen mehr oder weniger finden, ob uns ein Ring oder sonst etwas durch die Lappen geht, was zur Leiche gehört. Aber eines sage ich euch: Mir ist es nicht egal!«

Energischen Schrittes und mit scheuchenden Handbewegungen ging er auf die Leute am Aschenfeld zu. »Ich darf nun alles, was nicht Polizei ist, bitten, diesen Bereich zu verlassen und sich hinter die Absperrung zu begeben. Am besten, Sie gehen heim! Hier gibt es nichts mehr zu sehen. Wir haben Ihre Personalien und werden eventuell noch auf Sie zukommen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!«

Die beiden Kollegen der Schutzpolizei beauftragte Bauernfeind mit der Überwachung der Absperrlinie. Ihm war klar, dass die Nachricht von der Sonnwendleiche im Lauchental bereits die Runde machte. Bald würden scharenweise Neugierige zum Festplatz pilgern.

Bauernfeind sah auf das Dorf hinunter, durch das gerade mit schrillen Pfiffen die schwarze Museumslokomotive der Eisenbahnfreunde Zollernbahn dampfte. Die weißen Fassaden und roten Dächer strahlten in der Morgensonne. Eingekuschelt zwischen Wald und Wacholderheiden bot Unterlauchingen ein idyllisches Bild. Eine Kirchenglocke schlug neun Uhr. Einige Minuten zu früh. Bauernfeind war es, als blicke er auf die künstliche Landschaft einer Modelleisenbahn. Nur, dass dort üblicherweise keine verbrannten Leichenteile herumlagen.

»Sollen wir also die Fundstelle noch von der Feuerwehr ablöschen lassen?« Arafats Stimme hatte den trotzigen Klang eines uneinsichtigen Kindes. »Dann wird das hier aber der reinste Schlamm.«

Bauernfeind deutete auf das Aschenfeld, wo noch vier, fünf kleine Glutnester vor sich hin glommen. »Eine hervorragende Idee. Kommt wohl nur ein bisschen spät.« Sein Ärger war noch nicht verflogen. »Wir lassen es jetzt so. Aber du gehst da nicht mehr rein. Wir holen die Gerichtsmedizin vor Ort. Und dann wird hier alles durchgesiebt.«

»Durchgesiebt«, echote der Kriminaltechniker mit hörbarem Unwillen.

»Ja, durchgesiebt! Und wenn es den ganzen Tag dauert!« Bauernfeind wurde energisch. »Herrgott noch mal, Dieter! Was ist denn los mit dir? Du weißt genau, dass die Befundlage bisher ausgesprochen bescheiden ist. Es kommt auf jede Kleinigkeit an. Wir können uns keine weiteren Fehler leisten!«

Arafat brummte, was von »Ist ja schon gut« und wandte sich seiner Sammlung von Leichenteilen zu.

Popel Reffrat war nach Themenwechsel. »Von keinem der Leute, die wir heute Morgen schon befragt haben, war ein Tipp zu bekommen, um wen es sich handeln könnte. Hier kennt ja jeder jeden.« Diensteifrig blätterte er in seinem Notizbuch. »Laut Datenstation gibt es aus dem ganzen Lauchental nur eine Vermisstenmeldung. Und die ist schon ziemlich alt. Seit dem zwölften August 1980 fehlt ein Wilhelm Kümmerle aus Oberlauchingen. War damals sechsundsechzig. Starker Diabetiker. Außerdem sehbehindert und suizidgefährdet. Hat nach einem Streit mit seinem Sohn das Haus verlassen. Zu Fuß.«

»Um sich dann 2003 als Neunzigjähriger ins Unterlauchinger Sonnwendfeuer zu stürzen«, ergänzte Bauernfeind.

Popel konnte man mit Ironie kaum beeindrucken. »Eher nicht. Er wäre heute zwar erst 89, ist aber damals wohl hier in den Wäldern oder sonst wo verkümmerlet, der Kümmerle. Jedenfalls haben damals die ganzen Suchaktionen nichts gebracht.«

Im weiteren Gespräch mit seinem Kollegen wurde Bauernfeind unweigerlich mit der schlechten Ausgangslage konfrontiert, die ihnen dieser Fall objektiv bot. Der Leichenfundort lag mitten in der Pampa. Das Gelände war für jedermann zu jeder Zeit zugänglich. Festwiese und Parkplatz bargen Hunderte von Gegenständen und Spuren. Falls überhaupt welche mit der Tat in Verbindung standen, würde man sie ihr wohl kaum ohne Weiteres zuordnen können.

Bauernfeind blickte über die Plastikbehälter mit den spärlichen Überresten eines unbekannten menschlichen Wesens. Sie wussten nicht einmal ansatzweise, wann, wo, wie und warum es zu Tode gekommen war. Die Identifizierung der Leiche würde der wichtigste Schlüssel zur Beantwortung aller Fragen sein. Sollte ihnen dies nicht bald gelingen, würde es zweifellos eng werden. Vielleicht bekämen sie ja in den nächsten Tagen eine aktuelle Vermisstenmeldung auf den Tisch. Aber wenn nicht?

Reffrat schien seine Gedanken zu erraten. »Ein Wunder, dass das Zeug überhaupt jemandem aufgefallen ist. Der dicke Klumpen in der Mitte lag plötzlich auf einer Schaufel, als sie die Reste des Feuers zusammenschippten. Der Mann dachte zunächst an ein Spanferkel.«

»Und? Hat er auch gesagt, wo das Stück genau lag?«

»Nein.« Reffrat zögerte. »Nicht direkt.«

»Nicht direkt? Das heißt: Du hast nicht danach gefragt?«

»Hätte ich denn sollen?«

»Nun. Wir hätten vielleicht einen gewissen Anhaltspunkt darüber bekommen, seit wann die Leiche in dem Holz gelegen ist.«

Reffrats Gesicht war ein einziges Nichtverstehen.

Die Stimme des Dezernatsleiters bekam etwas Lehrerhaftes. »Es ist wohl kaum anzunehmen, dass man die Person während der Sonnwendfeier ins Feuer verfrachtet hat. Über zweihundert Zeugen können nicht alle so besoffen sein, dass niemand etwas davon merken würde. Und dass alle unter einer Decke stecken, darf man wohl auch ausschließen. Vielleicht ist im Lauchental das Mittelalter noch nicht so lange vorbei wie anderswo. Aber irgendwelche öffentlichen Brandopfer sind bestimmt auch hier nicht mehr üblich.«

»So weit kann ich dir gerade noch folgen.«

»Theoretisch denkbar wäre auch, dass die Person erst viel später ins Feuer geraten ist, nach Tagesanbruch, so um vier, fünf Uhr, als die Brandwachen im Zelt saßen und praktisch keine Zeugen mehr da waren. Das schließe ich aber aus. Denn zu dem Zeitpunkt war das Feuer schon sehr weit heruntergebrannt und es hätte kaum diese hohe Brandzehrung an den Leichenteilen gegeben.«

»Auch das klingt irgendwie logisch.«

Bauernfeind überhörte die trotzigen Bemerkungen. »Folglich muss der Körper schon vor der Feier in dem Holzhaufen gelegen haben. Fragt sich nur, seit wann.«

»Und was hat diese Frage damit zu tun, wo unsere Grillknochen genau aufgeschaufelt wurden?«

»Soviel ich weiß, wird das Holz für solche Sonnwendfeuer von den Vereinen oft über Monate hinweg zusammengetragen. Meist sind es alte Bretter und Balken aus Abbruchhäusern, Reste von Renovierungen, kaputte Paletten von Speditionen oder was auch immer. In die Mitte kommt ein hoher Mast. Früher hing da immer noch eine Strohpuppe dran.«

»Also doch so etwas wie eine symbolische Hexenverbrennung.«

»Keine Ahnung, ob das heute noch so ist. Jedenfalls wird das anfallende Holz dann kreisförmig um den Mast herum aufgeschichtet. So entsteht ein Kegel, der auf den Termin der Sonnwendfeier hin immer mehr wächst.« Bauernfeind deutete auf das Aschenfeld. »Schaut man sich die verbrannte Kreisfläche an, muss unser Sonnwendfeuer hier außergewöhnlich groß gewesen sein. Das sind ja gut und gerne sechs oder sieben Meter im Durchmesser. Wenn man nun etwas über die Entfernung der verbrannten Leichenteile vom Mittelpunkt wüsste, könnte man wenigstens ganz grob etwas über die Liegezeit hier sagen. Je weiter vom Mittelpunkt entfernt, desto kürzer die Liegezeit.«

Popel ahnte den Vorwurf, auf den die Gedankenkette hinauslief, und ging in Verteidigungsstellung. »Aber das brächte wirklich nur einen ganz groben Anhaltspunkt. Außerdem könnte die Leiche ja mitten in den Holzstoß reingelegt worden sein, als dieser schon fertig war.«

»Das glaube ich eher nicht. Für das Ding hier wurden viele zentnerschwere Balken und Paletten verbaut. Dicht an dicht. Diese gewaltige Holzzwiebel wieder bis zum Zentrum aufzumachen, hätte ungemein viel Zeit und Kraft gekostet. Aber vielleicht könnten wir vom Schützenverein erfahren, wann mit dem Bau des Stapels begonnen und an welchen Tagen besonders viel Holz aufgeschichtet wurde.«

»Trotzdem bliebe letztlich immer noch alles zu ungenau.«

Bauernfeind musste insgeheim zugeben, dass sie sich im Grunde genommen um des Kaisers Bart stritten. Die genauen Fundstellen der Leichenteile waren nicht dokumentiert. Und weitere Befunde, die das Aschenfeld noch preisge