Sophienlust 112 – Familienroman - Judith Parker - E-Book

Sophienlust 112 – Familienroman E-Book

Judith Parker

5,0

Beschreibung

Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. Die beiden sind echte Identifikationsfiguren. Dieses klare Konzept mit seinen beiden Helden hat die zu Tränen rührende Romanserie auf ihren Erfolgsweg gebracht. Tiefblau wölbte sich der Himmel über der alten Lagunenstadt. Die Fassaden der Paläste spiegelten sich im dunklen Wasser des Canale Grande. Sinnend blickte der schwarzhaarige Gondoliere mit den glutvollen schwarzen Augen auf das Paar vor sich in die Gondel. Dann fing er an zu singen. Seine kraftvolle Tenorstimme übertönte das leise Plätschern des Ruderschlages und trug die zu Herzen gehende Melodie des venezianischen Volksliedes weit über die Dächer hinweg. Nella lehnte ihren Kopf an Lukas' Schulter und überließ sich mit einem glücklichen Lächeln der verliebten Stimmung. Endlich hatte sich ihr Wunsch erfüllt. Endlich gehörte Lukas ihr. Anbetungsvoll blickte sie zu dem geliebten Mann auf, in dessen schiefergrauen Augen sie nichts als Liebe las. Süße Schauer liefen ihr über die Haut, als er sie an sich zog und küsste. ­"Nella, geliebte kleine Nella", flüsterte er und küsste sie wieder. "Nella, ich liebe dich seit einer Ewigkeit. Nella …"

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Sophienlust –112–

Endlich die richtige neue Mutti!

Roman von Judith Parker

Tiefblau wölbte sich der Himmel über der alten Lagunenstadt. Die Fassaden der Paläste spiegelten sich im dunklen Wasser des Canale Grande. Sinnend blickte der schwarzhaarige Gondoliere mit den glutvollen schwarzen Augen auf das Paar vor sich in die Gondel. Dann fing er an zu singen. Seine kraftvolle Tenorstimme übertönte das leise Plätschern des Ruderschlages und trug die zu Herzen gehende Melodie des venezianischen Volksliedes weit über die Dächer hinweg.

Nella lehnte ihren Kopf an Lukas’ Schulter und überließ sich mit einem glücklichen Lächeln der verliebten Stimmung. Endlich hatte sich ihr Wunsch erfüllt. Endlich gehörte Lukas ihr.

Anbetungsvoll blickte sie zu dem geliebten Mann auf, in dessen schiefergrauen Augen sie nichts als Liebe las. Süße Schauer liefen ihr über die Haut, als er sie an sich zog und küsste. ­»Nella, geliebte kleine Nella«, flüsterte er und küsste sie wieder. »Nella, ich liebe dich seit einer Ewigkeit. Nella …«

In diesem Augenblick wurde die Schläferin etwas unsanft aus dem Land der Träume in die Wirklichkeit zurückgerufen.

»Nella! Nella! So wach doch auf! Nella, so hör doch! Draußen ist das herrlichste Wetter«, erklang Uschis helle Stimme.

Cornelia Engelbert, genannt Nella, fand sich nur schwer zurecht. Als ihr klar wurde, dass ihr Beisammensein mit Lukas in der Gondel nur ein Traum gewesen war, hatte sie das Gefühl, etwas Unwiederbringliches verloren zu haben.

Was soll’s, dachte sie und lächelte das ungefähr achtjährige Mädchen, das vor ihr stand, an. »Ist es denn schon so spät?«, fragte sie verwundert.

»O ja, es ist gleich sieben Uhr. Thomas und ich sind heute schon ganz früh aufgestanden. Wir waren schon im Garten. Auch Theo ist schon auf. Und Lisa bereitet schon das Frühstück zu. Wir wollen doch gleich nach dem Frühstück losfahren. Thomas und ich können es kaum erwarten, wieder die Tiere im Tierheim Waldi & Co. zu besuchen. Tante Andrea hat gesagt, sie würde auch Nick, Pünktchen und Henrik zu sich einladen und …«

»Halt erst einmal die Luft an, Uschi«, unterbrach Nella lachend den Redeschwall des Kindes. »Ich muss erst einmal zu mir kommen.« Sie stieg aus dem Bett und trat ans Fenster. »Es ist tatsächlich herrliches Wetter. Ich werde mich beeilen«, versicherte sie.

»Fein, Nella. Und dann frühstücken wir gleich. Die alte Gunda steht ja noch lange nicht auf.«

»Uschi, bitte, so darfst du nicht von deiner Stiefmutter reden«, ermahnte Nella das Mädchen.

»Pah, du kannst sie ja auch nicht leiden. Oder kannst du sie leiden?« Uschi sah ihre Tante prüfend an. Dabei blitzte es in ihren dunkelblauen Augen aufsässig auf.

»Bitte, Uschi, lauf jetzt nach unten, damit ich mich anziehen kann«, wich Nella einer Antwort aus. Natürlich konnte sie Lukas’ zweite Frau nicht leiden. Gunda hatte ihr von Anfang an nicht gefallen.

Uschi lächelte Nella verschmitzt an, als wollte sie sagen: »Na ja, ich verstehe dich auch so.« Sie warf Nella noch eine Kusshand zu und flitzte dann aus dem Zimmer. Etwas unsanft fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. »Entschuldige, Nella, das war nicht absichtlich!« Rasch steckte Uschi den Kopf noch einmal ins Zimmer. Danach schloss sie die Tür ganz leise.

Nella lachte herzlich auf. Noch keine Stunde hatte sie bereut, dass sie nach dem frühen Tod ihrer um vier Jahre älteren Schwester Ingeborg in die luxuriöse Wiesbadener Villa, die ihr Schwager Lukas Grundner von seinen Eltern geerbt hatte, übersiedelt war, um die Erziehung ihrer Nichte Uschi und ihres Neffen Thomas zu übernehmen. Ein Leben ohne die Kinder konnte sie sich nicht mehr vorstellen.

Beim Tod ihrer Schwester war Uschi vier und Thomas fünf Jahre alt gewesen. Von Anfang an hatten die beiden Kinder sich geweigert, sie Tante Nella zu nennen. »Du siehst ja selbst noch wie ein Kind aus«, hatte Lukas lächelnd erklärt, als sie ihm das erzählt hatte. »Kinder stellen sich eine Tante älter und respektvoller vor.«

»Ich bin aber doch schon zwanzig«, hatte sie gerufen.

»Das ist allerdings ein beachtliches Alter.« Er hatte ihr amüsiert zugezwinkert.

Bei der Erinnerung daran schlich sich Wehmut in Nellas Herz. Ja, das war der Augenblick gewesen, in dem sie sich in ihren Schwager verliebt hatte. Von diesem Tag an war sie eitel geworden. Aber zu ihrem Kummer hatte sie immer wieder feststellen müssen, dass sie mit ihren unregelmäßigen Zügen und der etwas zu großen Nase niemals eine Schönheit werden würde. Das einzig Hübsche an ihr waren ihre übergroßen dunklen Augen mit den unwahrscheinlich langen Wimpern. Na ja, und der Mund war auch ganz hübsch. Auch hatte sie eine recht passable Figur.

Nella schlüpfte aus ihrem Nachthemd und eilte in das Badezimmer, das zu ihrem Zimmer gehörte. Als sie sich unter die Dusche stellte, dachte sie an Ingeborg.

Ja, Ingeborg war wunderschön gewesen. Ein ganz anderer Typ als sie. Sie hatte sehr schöne blonde Haare gehabt und grüne Augen. Und ihre Züge waren ebenmäßig gewesen. Schon als kleines Mädchen war immer nur ­Ingeborg bewundert worden, während man sie meist gar nicht beachtet hatte.

Aber nun war Ingeborg tot. Fünf Jahre lag sie schon in der Familiengruft der Grundners auf dem Wiesbadener Friedhof.

Nella seufzte und stieg aus ihrer Badewanne, um sich abzutrocknen. Die letzten fünf Jahre waren ihr wie im Flug vergangen. In den ersten vier Jahren hatte sie noch immer gehofft, dass Lukas für sie mehr Interesse zeigen und in ihr nicht nur die kleine Schwester seiner verstorbenen Frau sehen würde. Aber dann hatte er Gunda Elgner geheiratet.

Das junge Mädchen verscheuchte die quälenden Gedanken. Lukas hatte sich nun einmal für das bildhübsche Mannequin entschieden und sollte nun auch zusehen, wie er mit Gunda fertig wurde.

Nella wählte für diesen Tag, den sie mit Uschi und Thomas in Bachenau verbringen wollte, lange weiße Hosen und einen ärmellosen weißgrün gestreiften Pulli. Dazu nahm sie eine Wolljacke mit.

Mit der Bürste fuhr sie sich schnell noch einmal über ihr kastanienbraunes Haar. Wie ein glänzender Helm lag es um ihren schmalen Kopf. Vielleicht sollte ich es länger tragen, überlegte sie, als sie noch einen letzten Blick in den Spiegel warf. Gunda trägt es auch länger. Sie hat wirklich herrliches Haar. Rote Haare, grüne Augen! Das war früher einmal mein Ideal. Wäre ich so schön wie Gunda, hätte Lukas …

»Hör endlich zu spinnen auf«, befahl Nella sich selbst laut. »Ich hätte auch hässlicher werden können. Außerdem ist Lukas für mich verloren. Er liebt Gunda.« Aber tat er das wirklich? Doch was ging sie das an?

Nella steckte ihrem Spiegelbild blitzschnell die Zunge heraus und eilte dann aus dem Zimmer. Leichtfüßig lief sie die Treppe hinunter, die in die Wohnhalle führte. Sie hörte das fröhliche Lachen der Kinder und ging ihm nach.

Uschi und Thomas, die einander so auffallend ähnlich sahen, saßen bereits an dem gedeckten Frühstückstisch auf der Terrasse. Der weißgepunktete rote Sonnenschirm war aufgespannt und warf einen rötlichen Schatten auf die weißen Fliesen.

»Endlich!«, rief Thomas und erhob sich, um Nella einen Guten-Morgen-Kuss zu geben. Für seine zehn Jahre war er auffallend groß.

Nella gab ihm einen liebevollen Klaps auf seine pralle Hinterseite und erklärte: »Thomas, mir scheint, du bist wieder gewachsen. Wenn du so weiterwächst, überragst du mich bald.«

»Ich bin ja auch ein Mann.« Stolz warf er sich in die Brust.

»Aber ich wachse auch, Nella.« Mit einer ungebärdigen Bewegung warf Uschi den Kopf in den Nacken, sodass ihre dunkelblonde Mähne nach hinten flog.

»Aber ja, Uschi.« Nella setzte sich.

Im gleichen Augenblick erschien der Butler Theo mit der Kaffeekanne. »Guten Morgen, Fräulein Engelbert«, begrüßte er sie formell und schenkte ihr Kaffee ein.

»Guten Morgen, Theo«, erwiderte Nella liebenswürdig. Dabei unterdrückte sie ein Lächeln. Obwohl sie nun so viele Jahre in dieser Villa lebte, hatte sie sich noch immer nicht an Theos steife Vornehmheit gewöhnt. Aber er würde sich gewiss auch nicht mehr ändern mit seinen sechzig Jahren, dachte sie.

»Du, Nella, ob Vati bald wiederkommt?«, fragte Uschi kauend.

»Man spricht nicht mit vollem Mund, Uschi. Ja, er wird wohl am Dienstag aus London zurückkommen. Ihr wisst ja, dass er als Werbefachmann ein stark engagierter Mann ist.« Nella bestrich das noch warme Toastbrot, das Theo ihr gereicht hatte, mit goldgelber Butter und biss dann herzhaft hinein.

»Ich werde auch einmal Werbefachmann«, erklärte Thomas. »Darf ich noch einen Toast haben, Nella?«

»Aber ja, Thomas«, erlaubte sie lachend. »Dein Vater hofft ja auch sehr, dass du in seine Fußstapfen trittst, Thomas.«

»Ich weiß das, Nella. Ich werde dann auch später seine Werbeagentur übernehmen.«

»Zuerst wirst du wohl bei ihm arbeiten«, meinte Nella. »Dein Vater ist ja noch jung und …«

»Jung? Das finde ich nicht«, bemerkte Uschi. »Vati wird doch schon achtunddreißig. Er hat auch schon ein paar graue Haare.«

»Deshalb braucht man noch nicht alt zu sein.« Nella lachte hellauf. Doch plötzlich spürte sie instinktiv, dass sie beobachtet wurde. Sie riskierte einen schnellen Blick nach oben und sah einen roten Haarschopf, der eben von einem Fenster des oberen Stockwerks zurückwich.

Also war Gunda schon wach. Glücklicherweise brauchte sie unendlich viel Zeit für ihre Morgentoilette, sodass sie wohl kaum vor einer halben Stunde unten sein würde. Bis dahin würden sie Wiesbaden schon verlassen haben, überlegte Nella.

Zehn Minuten später ging sie mit den Kindern vergnügt plaudernd zu den Garagen.

»Ich bin froh, dass wir Gunda nicht mehr begegnet sind«, machte Thomas seinem Herzen Luft. »Sie benimmt sich wie eine dumme Gans.«

»Thomas!«, rief Nella gespielt ärgerlich.

»Ist doch wahr. Schon am frühen Morgen zieht sie sich wie eine Modepuppe an. Meine Schulfreunde lachen über sie, weil sie sich so geziert benimmt. Hast du ihre letzten neuen Schuhe gesehen?«

»Ja, ich habe sie gesehen. Sie haben ganz hohe Sohlen und hohe Absätze. Und wenn Gunda damit umherstolziert, sieht sie wie ein aufgetakelter Pfau aus«, erklärte Uschi kichernd.

Ich müsste ihnen verbieten, so über Lukas’ Frau zu sprechen, dachte Nella. Aber sie brachte es einfach nicht fertig, die Kinder deswegen abzukanzeln.

*

»Steigt ein!«, rief sie und öffnete die Tür ihres Volkswagens. »Sonst kommen wir nie fort!«

Im gleichen Augenblick, da Nella mit den Kindern das Grundstück verließ, streckte sich Gunda noch einmal behaglich in ihrem französischen Bett aus.

Etwas Besseres hätte mir an diesem Tag nicht passieren können, überlegte sie. Obwohl sie Nella oft zum Teufel wünschte, fand sie sie doch manchmal recht brauchbar. Denn Kinder waren ihr von jeher ein Greuel. Lukas’ Kinder fand sie obendrein sehr schwierig. Sie zeigten deutlich ihre Abneigung gegen sie. Aber Lukas hing sehr an seinen Kindern. Gunda war überzeugt, würden die beiden weit vom Schuss sein, würde ihre Ehe sicher bedeutend besser sein.

Aber letzten Endes verfiel Lukas doch immer wieder ihren Reizen und tat das, was sie wollte. Mehr wollte sie ja auch eigentlich nicht. Lukas war immens reich und bot ihr ein unvorstellbar luxuriöses Leben. Spielte es da eine Rolle, ob er sie liebte? Eigentlich nicht, dachte sie.

Dass sie sich wegen seines seit kurzem veränderten Wesens Sorge machte, wollte sie sich nicht eingestehen. Denn seine anfangs so große Leidenschaft für sie hatte sich in letzter Zeit stark abgekühlt. Woran das lag, konnte sie sich nicht erklären. Sie hatte Lukas in ihrer einjährigen Ehe noch niemals betrogen. Gelegenheiten dafür hätte sie allerdings genug gehabt. Aber sie war viel zu klug, um ihr so sorgloses Leben wegen einer Liebesaffäre aufs Spiel zu setzen.

Kurz streiften Gundas Gedanken noch die Zeit mit Hubert. Dann aber dachte sie wieder an Lukas und an sich selbst.

*

Die weiße Villa des Tierarztes Dr. Hans-Joachim von Lehn schimmerte einladend im hellen Sonnenlicht, als Andrea von Lehn in Begleitung ihrer vier Dackel aus der Haustür trat. Sie beschattete ihre Augen mit der Hand und lächelte, als sie drei Radfahrer den Kiesweg heraufkommen sah.

Als Erster erreichte Nick die Villa. Sein windzerzaustes schwarzes Haar hing ihm in die Stirn. Übermütig lachten seine dunklen Augen, als er sich vom Rad schwang, es an die Hauswand lehnte und dann seiner hübschen Stiefschwester einen schnellen Kuss gab. »Da sind wir!«, rief er und wandte sich zu den beiden anderen Kindern um, dem elfjährigen Pünktchen und seinem kleinen Bruder Henrik.

Pünktchens rundes Gesicht mit der Stupsnase und den unzähligen Sommersprossen wurde umrahmt von langen rotblonden Haaren, die sich an den Spitzen kringelten. Die großen tiefblauen Augen strahlten Nick und dann Andrea an. »Guten Morgen«, begrüßte sie die junge Frau des Tierarztes. »Wir sind gleich nach dem Frühstück von Sophienlust losgeradelt. Sind die Grundners schon da?«

»Nein, Pünktchen. Aber sie werden wohl auch bald eintreffen. Ich freue mich sehr über deinen Besuch«, entgegnete Andrea freundlich.

»Ich besuche dich sehr gern, Andrea«, erwiderte Pünktchen.

»Henrik, was ist denn mit dir los?«, rief Andrea ihrem kleinem Bruder zu, der sich intensiv mit seinem Fahrrad beschäftigte.

»Guten Tag, Andrea«, begrüßte der Kleine sie endlich. »Ich glaube, mein Rad ist kaputt.« Er deutete auf den Schlauch des Hinterrades. »Ich muss mir einen Nagel eingefahren haben.«

»Herr Koster wird es nachher reparieren. Kommt erst mal ins Haus«, bat Andrea die drei. »Peterle hat gerade seine Flasche bekommen und ist noch wach.«

»Dann wollen wir ihn schnell begrüßen!«, rief Pünktchen und folgte Andrea auf die Terrasse.

Vor dem Stubenwagen saß eine riesige schwarze Dogge. Sie erhob sich, als die Kinder erschienen, und begrüßte sie leise winselnd.

»Severin, du bist ein Braver«, sagte Nick und strich der Dogge über den Kopf. Dann blickte er auf seinen Neffen. Er war sehr stolz auf Andreas Sohn, aber er sprach es nicht aus.

Pünktchen dagegen tat ihren Gefühlen keinen Zwang an. »Andrea, Peterle wird immer niedlicher!«, rief sie begeistert. »Später möchte ich auch so ein süßes Baby haben!«

»Fräulein Engelbert und die Grundner-Kinder sind da!«, meldete in diesem Augenblick das Hausmädchen Betti von der Terrassentür her. »Sie sind soeben vorgefahren.«

Die Kinder begrüßten schnell Betti und flitzten dann um das Haus herum, um Nella, Uschi und Thomas zu begrüßen. Andrea folgte ihnen langsamer, obwohl sie es den dreien am liebsten nachgemacht hätte. Aber so etwas schickte sich nicht für die Frau eines Tierarztes.

Seit Jahren waren Cornelia Engelbert und Andrea von Lehn befreundet. Nella, wie alle sie riefen, war zwar etliche Jahre älter als Andrea, benahm sich aber oft noch wie ein Kind.

»Hallo, Andrea!«, rief sie, als sie aus dem Auto stieg. »Ich freue mich sehr auf den heutigen Tag.«

»Ich auch.« Die Freundinnen umarmten sich. Dann begrüßte Andrea Uschi und Thomas, Nella dagegen die drei Kinder von Sophienlust.

»Wir laufen gleich zum Tierheim!«, bestimmte Nick als Ältester. »Ihr seid doch damit einverstanden?«

»O ja!«, riefen die anderen Kinder begeistert. Thomas blickte den großen Jungen bewundernd an. So wie Nick, so wollte er auch einmal werden, nahm er sich, wie schon so oft, wieder einmal vor.

Uschi fühlte sich dagegen mehr zu Pünktchen hingezogen. Hand in Hand lief sie mit ihr hinter den Jungen her. Henrik folgte ihnen allen mit seinem Fahrrad, das er mühsam über den holprigen Weg schob, denn inzwischen war die Luft ganz aus dem Schlauch herausgegangen.

Helmut Koster, der Tierpfleger im Tierheim Waldi & Co., versprach dem Jungen, den Schlauch nachher gleich auszuwechseln. Dann ging er mit den Kindern ins Tierheim.

Uschi blieb die ganze Zeit an Pünktchens Seite. »Du, ich wollte dich schon lange etwas fragen«, sagte sie, als sie vor dem Käfig mit den beiden Schimpansen standen. Wie stets, wenn sie Zuschauer hatten, zeigten Luja und Batu alle Kunststücke, die sie gelernt hatten.

»Was wolltest du mich fragen?« Pünktchen blickte die etwas kleinere Uschi fragend an.

»Wieso du Pünktchen heißt. Thomas hat gesagt, du heißt in Wirklichkeit Angelika …«

»Angelina«, verbesserte Pünktchen. »Ja, ich heiße Angelina Dommin. Als Nick mich fand, kannte kein Mensch meinen richtigen Namen. Nick taufte mich Pünktchen wegen meiner vielen Sommersprossen. Wenn ich einmal erwachsen bin, werden sie bestimmt ganz verschwunden sein«, meinte Pünktchen hoffnungsvoll. Denn die Sommersprossen waren für sie nach wie vor ein wunder Punkt.

»Angelina ist ein schöner Name. Aber Pünktchen ist lustiger.«

»Finde ich auch. Auch Nick findet das«, erklärte Pünktchen nach einem Blick auf den hübschen großen Jungen, der sich gerade mit dem Tierpfleger unterhielt.

*

Während die Kinder sich bei den Tieren im Tierheim amüsierten, saßen Andrea und Nella auf der Terrasse unter einem grasgrünen Sonnenschirm und unterhielten sich. Peterle schlief friedlich in seinem Korbwagen, und die Dogge Severin lag wie meist daneben.

Die vier Dackel tollten dagegen im Garten herum. Nella schaute dem fröhlichen Spiel der lustigen vierbeinigen Gesellen ein Weilchen zu, dann wandte sie sich mit einem tiefen Seufzer wieder zu Andrea um. »Wie friedlich es hier ist«, sagte sie leise.

»Ja, hier ist es wunderschön. Aber eure Villa in Wiesbaden liegt doch auch sehr idyllisch.«

»Ja, das ist wahr. Aber eure Atmosphäre hier ist viel erholsamer. Ich weiß nicht recht, wie ich es ausdrücken soll. Alles hier ist so anders. Sicherlich liegt es daran, dass dein Mann ein so netter Mensch ist. Du und er, ihr seid sehr glücklich miteinander«, stellte sie fest. »Das ist es wohl, was mich so fasziniert. Euer Glück.«

»Ja, wir sind sehr glücklich, Nella. Auch du solltest heiraten. Einen Mann, der dich liebt und der dich auf Händen trägt.« Andrea lächelte versonnen. »Eines Tages wirst du ihm sicher begegnen und …«

»Er ist mir schon begegnet«, unterbrach Nella ihre Freundin lebhaft. Es drängte sie danach, endlich jemandem ihr übervolles Herz auszuschütten. »Aber er ist verheiratet.«

»Wer ist es denn?«, fragte Andrea. »Du machst mich neugierig.« Dann aber rief sie: »Ich weiß, wer es ist. Dein Schwager, nicht wahr?«

»Ja, Andrea, ich liebe Lukas seit vielen Jahren. Ich hatte gehofft, dass er mich eines Tages ebenfalls lieben könnte. Doch ist es nur bei dieser Hoffnung geblieben. Inzwischen hat er Gunda geheiratet, die überhaupt nicht zu ihm passt. Gunda ist eiskalt und berechnend. Sie war von Anfang an auf sein Geld aus. Für die Kinder empfindet sie nichts. Im Gegenteil, sie sind ihr im Weg. Manchmal sieht sie sie so komisch an, dass man sich fürchten könnte.«

»Liebt Lukas seine zweite Frau?«

»Ich weiß es nicht genau. Anfangs war er bestimmt rasend in sie verliebt. Dabei hat er doch meine Schwester Ingeborg so sehr geliebt, dass er fast wahnsinnig wurde bei ihrem Tod.«