Sophienlust - Die nächste Generation 1 – Familienroman - Ursula Hellwig - E-Book

Sophienlust - Die nächste Generation 1 – Familienroman E-Book

Ursula Hellwig

5,0

Beschreibung

Sophienlust, das Haus der glücklichen Kinder, ist in eine neue, lange erwartete Phase getreten. Nick ist volljährig geworden und tritt sein Erbe an – ihm gehört nun, wie es testamentarisch festgelegt war, das Kinderheim Sophienlust. Natürlich ist seine Mutter Denise von Schoenecker, die das Haus der glücklichen Kinder über so viele Jahre mit wahrer Herzenswärme geleitet hat, mit Rat und Tat an Nicks Seite – Mutter und Sohn ziehen in vorbildlicher Harmonie an einem Strang. Sehnsucht und Erfüllung eines liebevollen Familienlebens verleihen diesen bezaubernden Romanen ihren ganz besonderen Charme. Sophienlust. Die nächste Generation bildet die Fortsetzung der berühmten Sophienlust-Serie und wird exklusiv für alle begeisterte Leserinnen und Leser von Sophienlust völlig neu geschrieben! Prüfend warf Dominik von Wellentin-Schoenecker einen Blick auf die Einkaufsliste, die seine Mutter ihm gerade überreicht hatte. "Es ist nett von dir, dass du nach Maibach fahren und die Einkäufe erledigen willst", sagte Denise von Schoenecker zu ihrem Sohn. Mir fehlt heute wirklich die Zeit dafür. In einer Stunde wird Herr Brauer vom Jugendamt hier eintreffen, und dieses Gespräch ist sehr wichtig. Schwester Regine hat einen Termin beim Zahnarzt, und Frau Rennert trägt nach ihrer Nagelbettentzündung noch einen Verband am Fuß. Damit will ich sie nicht mit dem Auto fahren lassen. Schön, dass du noch verfügbar bist, um die notwendigen Sachen einzukaufen. Das hilft mir sehr." "Ja, besonders wegen der Papierservietten", meinte Nick grinsend mit einem Blick auf die Einkaufsliste. "Ohne die gäbe es beim Abendessen ganz sicher eine gewaltige Kleckerei und Flecken an den Rändern der Tischdecke. Irgendwo müssen sich die Kinder die Finger ja abwischen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich besorge alles und bin schnell wieder da, übrigens helfe ich gern. Schließlich gehört das ganz offiziell zu meinen Aufgaben. Seit ich achtzehn Jahre alt bin, habe ich ja eine Mitverantwortung für Sophienlust." Denise lächelte ihrem Sohn zu und ließ ihn ziehen. Aus dem Fenster schaute sie ihm nach, wie er draußen vor dem Herrenhaus in sein kleines Auto stieg, das er zum achtzehnten Geburtstag bekommen hatte, und in gemäßigtem Tempo auf das schmiedeeiserne Zufahrtstor zurollte. Das Auto hatte das Gelände längst verlassen, als Denise noch immer am Fenster stand und ihren Gedanken nachhing.

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Sophienlust - Die nächste Generation – 1 –

Eine große Aufgabe für Nick

Mit seiner Volljährigkeit übernimmt er die Leitung von Sophienlust!

Ursula Hellwig

Prüfend warf Dominik von Wellentin-Schoenecker einen Blick auf die Einkaufsliste, die seine Mutter ihm gerade überreicht hatte.

»Es ist nett von dir, dass du nach Maibach fahren und die Einkäufe erledigen willst«, sagte Denise von Schoenecker zu ihrem Sohn. Mir fehlt heute wirklich die Zeit dafür.

In einer Stunde wird Herr Brauer vom Jugendamt hier eintreffen, und dieses Gespräch ist sehr wichtig. Schwester Regine hat einen Termin beim Zahnarzt, und Frau Rennert trägt nach ihrer Nagelbettentzündung noch einen Verband am Fuß. Damit will ich sie nicht mit dem Auto fahren lassen. Schön, dass du noch verfügbar bist, um die notwendigen Sachen einzukaufen. Das hilft mir sehr.«

»Ja, besonders wegen der Papierservietten«, meinte Nick grinsend mit einem Blick auf die Einkaufsliste. »Ohne die gäbe es beim Abendessen ganz sicher eine gewaltige Kleckerei und Flecken an den Rändern der Tischdecke. Irgendwo müssen sich die Kinder die Finger ja abwischen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich besorge alles und bin schnell wieder da, übrigens helfe ich gern. Schließlich gehört das ganz offiziell zu meinen Aufgaben. Seit ich achtzehn Jahre alt bin, habe ich ja eine Mitverantwortung für Sophienlust.«

Denise lächelte ihrem Sohn zu und ließ ihn ziehen. Aus dem Fenster schaute sie ihm nach, wie er draußen vor dem Herrenhaus in sein kleines Auto stieg, das er zum achtzehnten Geburtstag bekommen hatte, und in gemäßigtem Tempo auf das schmiedeeiserne Zufahrtstor zurollte.

Das Auto hatte das Gelände längst verlassen, als Denise noch immer am Fenster stand und ihren Gedanken nachhing.

Nick hatte vorhin betont, dass er eine Mitverantwortung für das Kinderheim hatte. So ganz stimmte das nicht. Rein juristisch gesehen trug er seit seiner Volljährigkeit die gesamte Verantwortung allein. Er hatte das schlossähnliche Herrenhaus als kleiner Junge geerbt. Testamentarisch war von seiner Urgroßmutter Sophie von Wellentin verfügt worden, dass ihr Anwesen in ein Heim für in Not geratene Kinder umgewandelt werden sollte. Denise, als Nicks Mutter, sollte dieses Heim bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes verwalten. Nun war Nick erwachsen und hätte sein Erbe komplett allein antreten können. Doch er war froh, auch weiterhin auf die Erfahrung und den Einsatz seiner Mutter zurückgreifen zu können. Nach seiner eigenen Ansicht musste er noch eine Menge lernen. Dazu gehörte auch das Studium, das er in einigen Monaten antreten wollte. Dem Studium und der Leitung von Sophienlust konnte er unmöglich gleichzeitig gerecht werden. Natürlich wollte Nick gerne mitreden und Arbeitseifer beweisen, aber ohne die Unterstützung seiner Mutter wäre er wohl verloren gewesen.

Es ging Denise durch den Sinn, dass Nick sich schon immer für Sophienlust verantwortlich gefühlt hatte und von Anfang an bestrebt war, hilflosen Kindern eine glückliche Zukunft zu ermöglichen. Er war noch im Grundschulalter gewesen, als er auf der Straße ein kleines Mädchen aufgelesen hatte, dessen Eltern gerade bei einem Zirkusbrand ums Leben gekommen waren. Angelina Dommin, die wegen ihrer zahlreichen Sommersprossen nur Pünktchen genannt wurde, war inzwischen fünfzehn Jahre alt, lebte noch immer in Sophienlust und fühlte sich mit Nick innig verbunden. Aus den beiden jungen Leuten würde eines Tages ganz sicher ein Paar werden. Daran zweifelte niemand, auch nicht die Schützlinge des Kinderheims. Angelika und Vicky Langenbach, die zwölf und vierzehn Jahre alten Schwester, die ihre Eltern bei einem Lawinenunglück verloren hatten, zogen Nick und Pünktchen hin und wieder gerne wegen ihrer Verliebtheit auf, meinten es aber nicht böse. Die sieben Jahre alte Heidi und der sechsjährige vietnamesische Waisenjunge Kim konnten es kaum erwarten, dass endlich die Hochzeit gefeiert wurde. Sie liebten große Feste, bei denen es meist ganz besondere Naschereien gab. Der zwölf Jahre alte Martin Felder und das älteste Dauerkind, die fast siebzehn Jahre alte Irmela Groote zeigten sich in Hinblick auf die Hochzeit wesentlich gelassener. Sie wussten, dass bis dahin noch einige Zeit ins Land ziehen würde.

Denise selbst hatte nicht dagegen, dass ihr Sohn eines Tages mit Pünktchen vor dem Traualtar stehen würde. Sie war davon überzeugt, dass die beiden miteinander glücklich sein würden, und familiäres Glück war für sie die Hauptsache. Schließlich war sie selbst vom Schicksal stark gebeutelt worden. Nicks Vater war schon vor der Geburt seines Sohnes gestorben, und sie hatte danach harte Zeiten erlebt. Ihr Glück hatte sie erst gefunden, als der Witwer Alexander von Schoenecker in ihr Leben getreten war. Der Gutsbesitzer brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Das war Sascha, der heute in Heidelberg studierte, und Andrea, die inzwischen mit dem Tierarzt Hans-Joachim von Lehn verheiratet und nun Mutter eines kleines Sohnes war. Die Familie lebte im benachbarten Bachenau. Dort führte Hans-Joachim seine Praxis und unterhielt mit seiner Frau ein privates Tierheim für verstoßene Tiere aller Art. Das Familienglück war vollkommen geworden, als Denise und Alexander vor elf Jahren noch einen gemeinsamen Sohn bekommen hatte, den kleinen Henrik.

Denises Gedanken wanderten von der Vergangenheit zurück in die Gegenwart. Ja, sie konnte sich wirklich glücklich schätzen. In ihrem Leben gab es nichts, um das sie sich ernsthafte Sorgen machen musste. Ausgenommen waren natürlich die Sorgen, die sie sich immer wieder um ein Kind machte, das in Not geraten war und dringend Hilfe benötigte. Aber in all den vergangenen Jahren war es stets gelungen, all diesen bedauernswerten jungen Geschöpfen eine gute Zukunft zu ermöglichen. Die meisten hatten Aufnahme in einer intakte Familie gefunden, und die anderen wuchsen in Sophienlust auf wie in einer großen, fröhlichen Familie. Sophie von Wellentins Plan, ihr Anwesen nach ihrem Tod zu einer Heimat für notleidende Kinder zu machen, war aufgegangen.

Denise betrachtete das Portrait der alten Dame, das an der Wand hing. Schade, dass sie nicht mehr erleben durfte, was für ein gutes Werk sie mit ihrem Testament getan hat, ging es Denise durch den Kopf, bevor sie sich abwandte und sich auf das Gespräch mit dem Mitarbeiter des Jugendamtes vorbereitete.

*

Nick kannte sich in Maibach gut aus und wusste genau, wo er welche Dinge auf seiner Einkaufsliste bekommen konnte. Die Einkäufe waren rasch erledigt. Trotzdem erschien ihm an diesem Tag alles etwas anders zu sein als gewöhnlich. Es waren ungewöhnlich viele Feuerwehrfahrzeuge und Polizeiwagen unterwegs. Der Achtzehnjährige blickte sich suchend um, konnte aber nirgends eine Rauchfahne entdecken. In einem Geschäft hörte er zufällig, wie sich mehrere Kunden und Angestellte unterhielten, und erfuhr, was sich ereignet hatte. Auf dem nah gelegenen Kirmesplatz war in den frühen Morgenstunden einer der Wohnwagen, in denen die Schausteller lebten, in Brand geraten. Dabei sollten auch Menschen ums Leben gekommen sein, ein Ehepaar und ein kleines Mädchen. Es wurde darüber diskutiert, ob sie alle im Schlaf am Rauch erstickt waren oder keine Chance mehr hatten, den Flammen zu entkommen und ins Freie zu flüchten.

In den Gesichtern der Leute, die sich über das tragische Ereignis unterhielten, war das blanke Entsetzen deutlich zu erkennen. Auch Nick hatte Probleme, das Geschehnis zu begreifen, und spürte, wie ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief. Ebenso wie all die anderen Anwesenden kannte er die Schausteller nicht, und doch war er von dem traurigen Ereignis zutiefst betroffen. Besonders der Gedanke an das kleine Mädchen belastete ihn sehr.

Nick hatte gelernt, ein besonderes Mitgefühl mit Kindern zu entwickeln. Solange er denken konnte, hatten Kinder in seinem Leben durch Sophienlust immer eine Hauptrolle gespielt. Für ihn waren sie besonders schützenswert, weil sie sich oft nicht allein helfen konnten. Für dieses kleine Mädchen, das dem Brand zum Opfer gefallen war, war niemand zur Stelle gewesen, als es dringend Hilfe benötigte. Wahrscheinlich hatten die Kollegen der Schaustellerfamilie das Feuer erst viel zu spät bemerkt und konnten nicht mehr rechtzeitig eingreifen.

Nick fragte sich, wie alt dieses Kind wohl gewesen sein mochte, wie es ausgesehen und welche Vorlieben und Hobbys es gehabt hatte. Gleichzeitig wollte er aber auch gar nicht darüber nachdenken. Hier waren zwei Menschen und ein unschuldiges, chancenloses Kind gestorben, ein junger Mensch, dessen Leben gerade erst begonnen hatte. Diese Erkenntnis erschien Nick einfach unerträglich. Er hatte schon eine Menge Kinderleid erlebt. Aber bis jetzt war es eigentlich immer gelungen, die Dinge zum Guten zu wenden. Einen Todesfall hatte es noch nicht gegeben. Jedenfalls konnte Nick sich daran nicht erinnern. Er fühlte sich so schlecht wie kaum jemals zuvor, als er das große Geschäft verließ und zu dem nah gelegenen Parkplatz wanderte, auf dem er sein Auto abgestellt hatte. Alle Einkäufe hatte er erledigt und sich vor ein paar Minuten noch gefreut, nun nach Sophienlust fahren und dort verkünden zu können, dass er alle Dinge, die auf der Liste gestanden hatten, bekommen hatte. Das erschien ihm jetzt auf einmal überhaupt nicht mehr so wichtig. Er wünschte sich sogar, gar nicht erst nach Maibach gefahren zu sein. Das hätte zwar nichts an den Tatsachen geändert, aber er hätte von dem Unglück nicht alles so hautnah und direkt erfahren. Es wäre ein bisschen einfacher gewesen, am nächsten Tag davon in der Zeitung zu lesen. Das wäre zwar auch bedrückend gewesen, aber doch vielleicht nicht ganz so schlimm, wie er die Sache jetzt erlebt hatte.

Auf dem Weg zum Parkplatz tauchte vor seinen Augen immer wieder das Bild eines in Flammen stehenden Wohnwagens auf. Energisch wehrte sich der Achtzehnjährige dagegen, konnte diese Vision aber einfach nicht abschütteln.

*

Zur frühen Morgenstunde war die sieben Jahre alte Romina Castello aus dem Schlaf gerissen worden. Lärm und laute Stimmen hatten sie geweckt. Dazu bellte auch noch Fabio, ihr Colliemischling, unablässig. Verschlafen rieb sich das Mädchen die Augen.

»Was ist denn los, Fabio? Warum bellst du so furchtbar, und warum schreien da draußen die Leute? Es ist doch noch ganz früh? Wieso schlafen nicht alle noch?«

Kaum hatte Romina diese Fragen gestellt, als die Tür geöffnet wurde und ihre um ein Jahr ältere Freundin Vanessa erschien.

»Romina, es brennt«, erklärte die Achtjährige aufgeregt. »Ich weiß noch nicht wo, aber alle sind hingelaufen und wollen löschen. Die Feuerwehr ist auch schon unterwegs. Mein Vater hat sie gerufen.«

Romina erinnerte sich daran, dass es vor ein paar Wochen auf dem Autoscooter einen kleinen Brand gegeben hatte, der durch einen Kurzschluss entstanden war. Niemandem war dabei etwas passiert, und das Feuer konnte rasch gelöscht werden.

»Das ist bestimmt wieder so ein komisches Ding, so ein kurzer Schluss«, meinte die Siebenjährige. »Das ist nicht so schlimm. Du brauchst keine Angst zu haben. Uns kann nichts passieren. Aber ich gehe einmal nachsehen.«

Im Gegensatz zu Romina galt Vanessa als sehr zurückhaltend und manchmal auch etwas ängstlich. Sie blieb auch jetzt lieber im geschützten Wohnwagen, während ihre Freundin mit Fabio nach draußen ging, um sich näher über die Ereignisse zu informieren.

Romina eilte in die Richtung, aus der die aufgeregten Stimmen zu hören waren. Sie spürte keine Angst und war sogar relativ neugierig. Dann aber blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen und starrte auf das Bild, das sich ihr bot. Es war nicht der Autoscooter, der Probleme bereitete. Aus einem Wohnwagen schlugen lodernde Flammen, und das Mädchen hörte eine Frau entsetzt rufen: »Mein Gott, die Löschversuche helfen nicht! Da kommt niemand mehr lebend heraus. Wir haben überhaupt keine Chance.«

In der Aufregung und auf die anstrengenden Löschversuche konzentriert, achtete niemand auf das kleine Mädchen und seinen Hund.

Romina starrte in die Flammen. Der Satz, den die Frau eben gesagt hatte, hämmerte in ihrem Kopf. Sie konnte und wollte die Situation nicht begreifen. In der Ferne waren schon die Martinshörner der herbeieilenden Feuerwehr zu hören, als sich die Siebenjährige abwandte und in Panik davonlief. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie wollte. Ziellos rannte sie einfach geradeaus. Der treue Fabio hielt sich dabei immer an ihrer Seite auf.

Romina konnte nicht sagen, wie lange sie gelaufen war und wo sie sich jetzt befand. Sie kannte sich in Maibach nicht aus. Fast alle Städte waren ihr fremd, weil sie sich mit ihren Eltern stets nur für kurze Zeit dort aufhielt und anschließend an einen anderen Ort reiste. Völlig außer Atem erreichte das kleine Mädchen eine Grünanlage und ließ sich auf der schmalen Begrenzungsmauer nieder. Fabio setzte sich neben das Kind und stieß es mit seiner feuchten Nase tröstend an. Rominas Hände griffen in das weiche Fell des Hundes.

»Fabio, ich verstehe das alles nicht. Ist das alles nur ein schlimmer Traum? Dann will ich endlich aufwachen und sehen, dass ich nur geträumt habe. Es kann doch nicht einfach so alles verbrennen. Nein, das muss ein Traum sein, ein ganz furchtbarer Traum. Kannst du mich mal ein bisschen beißen, damit ich aufwache?«

Der Colliemischling dachte gar nicht daran, Romina zu beißen, auch nicht ein kleines bisschen. Die Siebenjährige schaute sich um. Sie entdeckte Autos, die auf der Straße fuhren, und sah in der Ferne Leute, die auf dem Weg zur Arbeit waren oder Einkäufe erledigen wollten. In diesem Moment wurde Romina klar, dass sie keineswegs träumte. Was sie erlebt hatte, war tatsächlich geschehen. Wieder wurde das kleine Mädchen von hilfloser Panik ergriffen. Sie kroch zwischen zwei große Gehölze der Grünanlage, vergrub Gesicht in Fabios Fell und begann hemmungslos zu weinen.

*

Nick hatte sein Fahrzeug erreicht und war eingestiegen. Im Augenblick fühlte er sich jedoch noch nicht in der Lage, den Motor zu starten. Noch immer war er viel zu ergriffen von dem Unglück, das sich an diesem Tag auf dem Maibacher Kirmesplatz ereignet hatte. Kirmes, das war für ihn stets ein Begriff von Heiterkeit und vergnügten Stunden gewesen und kein Ort, den man mit einer Katastrophe in Verbindung brachte. Doch genau so eine Katastrophe war jetzt eingetreten, und keine Macht der Welt konnte sie ungeschehen machen.

Der Blick des Achtzehnjährigen fiel auf die Grünanlage, die den Parkplatz begrenzte. Was war denn das? Hatte sich da nicht gerade etwas zwischen den Sträuchern bewegt? Ein Kaninchen konnte es nicht sein. Dazu war die Bewegung zu heftig gewesen. Nick schaute genauer hin und erkannte, dass er sich nicht getäuscht hatte.

Da war tatsächlich etwas, und dieses Etwas sah aus wie ein Kind. Außerdem schien auch noch ein Hund dort im Gebüsch zu stecken. Das war absolut nicht normal. Nick stieg aus, um sich die Sache genauer anzusehen und entdeckte auch schon bald ein weinendes kleines Mädchen und einen Hund, der stark an einen Collie erinnerte.

Ein wenig misstrauisch beobachtete der Hund den jungen Mann, als dieser sich auf der Mauer niederließ. Dieses Misstrauen verlor sich allerdings sofort, als Nick dem Hund sanft mit der Hand durch das Fell fuhr.

»Keine Angst, ich tue deiner Freundin nichts Böses«, beruhigte er das Tier und wandte sich an das kleine Mädchen: »Was ist denn passiert? Hast du dich verlaufen und findest jetzt nicht mehr nach Hause? Wenn das so ist, brauchst du nicht zu weinen. Das bekommen wir zusammen schon hin, und dann bist du ganz bald wieder zu Hause.«

»Zu Hause?« Romina starrte Nick mit einem Blick an, der alles Leid der Welt ausdrückte. »Ich habe kein Zuhause mehr. Es ist weg, einfach weg. Alles ist weg. Gestern war es noch da, aber heute nicht mehr.«

Der Achtzehnjährige wusste nicht, was er mit dieser Aussage anfangen sollte. Aber er war längst daran gewöhnt, dass Kinder sich oft recht unverständlich ausdrückten. Das war besonders dann häufig der Fall, wenn sie sich in einer Notlage befanden, die sie selbst noch nicht begreifen konnten.