Sophienlust - Die nächste Generation 15 – Familienroman - Ursula Hellwig - E-Book

Sophienlust - Die nächste Generation 15 – Familienroman E-Book

Ursula Hellwig

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Beschreibung

Zufrieden verließ Nancy Hagen das kleine, aber erlesene Modegeschäft, das im Ortszentrum direkt am Marktplatz lag. In einer Hand trug sie die aus Leinen gewebte Tragetasche, in der sich die erstandene Kleidung befand, mit der anderen Hand zerrte sie ihren sechs Jahre alten Neffen Benjamin hinter sich her zum Auto und forderte ihn auf, einzusteigen. Der Junge gehorchte, seinem Gesicht war allerdings deutlich anzusehen, dass dies widerwillig geschah. "Muss ich diese Sachen wirklich an meinem ersten Schultag anziehen?", erkundigte Benjamin sich, nachdem auch seine Tante eingestiegen war und hinter dem Lenkrad Platz genommen hatte. "Sie gefallen mir überhaupt nicht, und die schwarze Hose kratzt ganz doll auf der Haut." "Ach was, das kommt dir jetzt nur so vor", meinte Nancy abwinkend. "Wenn du sie erst einmal eine halbe Stunde getragen hast, kratzt da nichts mehr. Diese Hose ist aus wertvollem englischen Tuch gefertigt. Das ist einer der teuersten Stoffe, die man sich vorstellen kann. Die anderen Kinder, die zusammen mit dir in die Schule kommen, werden dich um dieses schöne Stück beneiden. Auch das hellblaue Hemd steht dir ausgezeichnet und ist von bester Qualität. Damit fällst du sofort auf, und alle merken, dass du aus einem guten Haus stammst, in dem man sich etwas leisten kann." "Ich will aber gar nicht beneidet werden", erklärte Benjamin. "Und ich will auch nicht angeben. Kann ich nicht einfach ganz normale Sachen anziehen, so wie die meisten anderen Kinder auch? Es reicht doch, wenn alles sauber und ganz ist." Nancy schüttelte den Kopf.

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Sophienlust - Die nächste Generation – 15 –

Kleiner Kim, großes Herz

An seinem ersten Schultag wird er zum Schutzengel!

Ursula Hellwig

Zufrieden verließ Nancy Hagen das kleine, aber erlesene Modegeschäft, das im Ortszentrum direkt am Marktplatz lag. In einer Hand trug sie die aus Leinen gewebte Tragetasche, in der sich die erstandene Kleidung befand, mit der anderen Hand zerrte sie ihren sechs Jahre alten Neffen Benjamin hinter sich her zum Auto und forderte ihn auf, einzusteigen. Der Junge gehorchte, seinem Gesicht war allerdings deutlich anzusehen, dass dies widerwillig geschah.

»Muss ich diese Sachen wirklich an meinem ersten Schultag anziehen?«, erkundigte Benjamin sich, nachdem auch seine Tante eingestiegen war und hinter dem Lenkrad Platz genommen hatte. »Sie gefallen mir überhaupt nicht, und die schwarze Hose kratzt ganz doll auf der Haut.«

»Ach was, das kommt dir jetzt nur so vor«, meinte Nancy abwinkend. »Wenn du sie erst einmal eine halbe Stunde getragen hast, kratzt da nichts mehr. Diese Hose ist aus wertvollem englischen Tuch gefertigt. Das ist einer der teuersten Stoffe, die man sich vorstellen kann. Die anderen Kinder, die zusammen mit dir in die Schule kommen, werden dich um dieses schöne Stück beneiden. Auch das hellblaue Hemd steht dir ausgezeichnet und ist von bester Qualität. Damit fällst du sofort auf, und alle merken, dass du aus einem guten Haus stammst, in dem man sich etwas leisten kann.«

»Ich will aber gar nicht beneidet werden«, erklärte Benjamin. »Und ich will auch nicht angeben. Kann ich nicht einfach ganz normale Sachen anziehen, so wie die meisten anderen Kinder auch? Es reicht doch, wenn alles sauber und ganz ist.«

Nancy schüttelte den Kopf.

»Nein, das reicht leider nicht. Dein Onkel Sven und ich müssen repräsentieren. Wir haben ziemlich viel Geld, weißt du. Das ist allgemein bekannt. Seit deine Eltern vor fünf Monaten leider bei diesem furchtbaren Autounfall ums Leben gekommen sind, haben wir die Verantwortung und das Sorgerecht für dich. Es gibt zahlreiche Leute, die uns auf die Finger schauen. Niemand von denen soll denken, dass wir dich in irgendeiner Weise vernachlässigen. Das würde ein sehr schlechtes Licht auf uns werfen. Allein schon deswegen bekommst du von allem nur das Beste. Das können wir uns leisten, und das tun wir auch gern für dich. Bei deinen Eltern saß das Geld nicht ganz so locker. Es ging ihnen nicht schlecht, aber sie mussten doch etwas mehr rechnen als Onkel Sven und ich. Du bist deshalb nicht an Reichtum gewöhnt. Aber das geht schneller, als du glaubst. In ein paar Monaten kennst du es schon gar nicht mehr anders.«

»In ein paar Monaten«, maulte Benjamin vor sich hin. »Bis dahin möchte ich längst wieder bei Pia sein. Sie ist doch meine große Schwester und möchte auch, dass ich bei ihr wohne. Warum kann ich nicht bei ihr bleiben und zusammen mit ihr in unserem Haus leben? Das haben wir doch früher auch gemacht, als meine Eltern noch bei uns waren.«

Es war Nancy Hagen durchaus klar, wie sehr der kleine Junge an seiner jetzt neunzehn Jahre alten Schwester hing. Aber sie war nicht bereit, Rücksicht auf die Wünsche und Sehnsüchte ihres Neffen zu nehmen.

»Pia hat gerade erst ihr Abitur bestanden und muss jetzt einen Beruf erlernen«, belehrte sie ihn. »Für sie ist es unmöglich, sich so ganz nebenher auch noch um dich zu kümmern. Außerdem würde ihr das Sorgerecht niemals zugesprochen. Sie ist zu jung, alleinstehend und hat keinen festen Arbeitsplatz. Wenn sie das Sorgerecht bekäme, wäre für deinen Onkel Sven und mich alles einfacher. Dann würden wir dich gerne bei deiner Schwester lassen. Aber es geht eben nicht. Wir sind verpflichtet, dich bei uns aufzunehmen und dir alles zu bieten, was du brauchst. Das ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Immerhin bist du der Sohn meiner Schwester. Du musst dich damit abfinden, dass du bei uns leben wirst, bis du erwachsen bist und auf eigenen Füßen stehst. Aber das bedeutet ja nicht, dass du Pia gar nicht mehr sehen darfst. Wir bestehen nicht darauf, dass du alle Kontakte zu ihr abbrichst«, fuhr sie großzügig fort. »Hin und wieder kann deine große Schwester dich auch einmal besuchen, und wenn du Geburtstag hast, ist sie ebenfalls willkommen.«

Bei dem Gedanken, dass er Pia nur noch so selten zu Gesicht bekommen würde, wurde Benjamin noch trauriger. Sein junges Leben war vor einigen Monaten total aus den Fugen geraten. Seine Eltern hatten eigentlich nur geplant, Futter für die beiden Ponys zu kaufen, die im Stall des kleinen Landhauses untergebracht waren. Auch für die sechs Hühner und ihren Hahn sollte Futter besorgt werden. Benjamins Eltern hatten für die Fahrt in den Nachbarort die Autobahn gewählt. Es war nur eine kurze Strecke gewesen, und sie hätten diese Autobahn schon an der nächsten Ausfahrt wieder verlassen. Aber dann war da urplötzlich vor ihnen ein Stau aufgetaucht. Guido Lorenzen bremste seinen Wagen rechtzeitig ab. Der Fahrer des riesigen Lastwagens hinter ihm, der schwere Metallteile geladen hatte, hatte das Stauende nicht rechtzeitig bemerkt, erfasste Guidos Auto und schob es mit dem Vorderteil unter den vorausfahrenden Lastwagen, während er den hinteren Teil unter seiner eigenen Vorderachse begrub. Die sehr schnell herbeigeeilten Rettungskräfte konnten nichts mehr für Hanna und Guido Lorenzen tun. Sie waren auf der Stelle tot gewesen.

Benjamin erinnerte sich noch genau an jenen schrecklichen Tag, als er und seine Schwester die unglaubliche Nachricht vom Tod ihrer Eltern erhielten. Er konnte sich damals überhaupt nicht vorstellen, dass sie nie wieder nach Hause kommen würden, und wartete insgeheim jeden Tag auf sie. Erst nach und nach hatte er begriffen, dass er sie niemals wiedersehen würde. Das war eine umwerfende Erkenntnis gewesen, und dann waren da auch noch Tante Nancy und Onkel Sven aufgetaucht und hatten ihn einfach mitgenommen.

Sie waren beide nicht wirklich unfreundlich, konnten mit Kindern aber absolut nicht umgehen. Sie überschütteten Benjamin mit teuren Dingen und glaubten, damit hätten sie alle Pflichten erfüllt. Dass der Junge Zuwendung und Nestwärme benötigte, gerade jetzt, da er einen so schrecklichen Schicksalsschlag hinter sich hatte, verstanden Nancy und Sven Hagen nicht.

Der kleine Junge, der nun bald in die Schule kommen sollte, dachte über sein Schicksal nach, während er auf dem Rücksitz des Autos saß und Nancy den Wagen Richtung Heimat steuerte. Nur zu gerne hätte er sich massiv beschwert und der Tante erklärt, wie schrecklich unglücklich er bei ihr und Onkel Sven war, so unglücklich, dass er es kaum noch aushalten konnte. Aber Benjamin wagte nicht, offen über seinen großen Kummer zu sprechen. Das hatte er in den vergangenen Monaten bereits mehrfach getan. Weder Nancy noch Sven hatten ihm wirklich zugehört oder sich Gedanken um die Bedürfnisse ihres Neffen gemacht. Sie hatten ihn bei solchen Gelegenheiten nur als undankbar bezeichnet und ihm erklärt, dass er doch jetzt ein wundervolles Leben hätte und erst einmal erkennen müsse, wie gut er es getroffen hätte.

Benjamin schaute aus dem Seitenfenster, ohne die Landschaft wahrzunehmen, die draußen vorbeizog. Vor seinen Augen tauchte immer wieder das Gesicht seiner Schwester Pia auf. Auch als seine Eltern noch lebten, war sie stets seine Vertraute gewesen, an die er sich mit all seinen kleinen Sorgen und Nöten hatte wenden können, von denen seine Eltern nicht unbedingt etwas erfahren sollten. Gemeinsam mit Pia hatte er jeden Tag die beiden Haflingerpferde Monti und Astral versorgt, und oft war er mit seiner Schwester ausgeritten, er auf Monti und Pia auf dem etwas größeren Astral. Wunderschöne Zeiten waren das gewesen. Zeiten, die niemals wiederkehren konnten. Aber es wäre schon ein großer Trost gewesen, jetzt mit Pia in seinem Elternhaus leben zu dürfen. Zusammen hätten sie versuchen können, sich ihr Leben neu einzurichten und doch viele der alten Gewohnheiten beizubehalten. Aber das ließen Tante Nancy und Onkel Sven ja nicht zu. Sie hatten das Sorgerecht erhalten und nahmen diese Aufgabe durchaus ernst, ohne die Fähigkeit zu besitzen, dies in Benjamins Sinn zu tun, viel Zeit für ihn aufzubringen, die Trauer um seine Eltern zu berücksichtigen und ihm jeden Tag neuen Trost zu spenden. Das alles waren Gedanken, die den beiden erfolgreichen Grundstücksmaklern überhaupt nicht in den Sinn kamen.

*

Heidi Holsten, die nun ja schon über ein ganzes Jahr Erfahrung als Schulkind verfügte, hatte Kim mehrfach ganz genau erklärt, was ihn bei seiner Einschulung erwartete. Der kleine Junge hatte ihr aufmerksam zugehört und auch eine Menge Fragen gestellt, die Heidi gerne und voller Stolz über ihre Kenntnisse beantwortet hatte. Ganz besonders wichtig war für Kim aber die Tatsache, dass er für seinen ersten Schultag gut ausgestattet war.

Nick und Denise hatten den künftigen ABC-Schützen mit nach Maibach genommen. Dort durfte er sich in einem Fachgeschäft für Schulbedarf alles aussuchen, was die Schule an Material für die Erstklässler empfohlen hatte. Nun war Kim stolzer Besitzer eines blauen Ranzens mit gelben Streifen, in dem sich Wachsmalstifte, buntes Bastelpapier, mehrere Hefte und eine gut gefüllte Federmappe befanden. Auch eine große Schultüte war bereits vorhanden. Die größeren Kinder hatten sie zusammen mit Schwester Regine gebastelt, und Nick hatte dafür gesorgt, dass auf der Außenseite die Fotos aller Dauerkinder zu sehen waren. In sauber angeordneten Sprechblasen wünschte jedes dieser Kinder dem kleinen Kim Gutes für seine Schulzeit.

So eine Schultüte, dessen war Kim sich sicher, konnte ganz bestimmt kein anderes Kind vorweisen, das mit ihm zusammen eingeschult wurde. Deshalb freute er sich über diese Tüte ganz besonders. Nur blieb es leider noch ein Geheimnis, mit welchen interessanten Dingen die Schultüte gefüllt werden sollte. Das hätte der kleine Junge schon ganz gerne gewusst, aber darüber gab ihm niemand Auskunft. Schwester Regine, Nick und die Köchin Magda, die sich entschlossen hatten, diese Aufgabe gemeinsam zu erfüllen, verloren kein einziges Wort. Kim wusste, dass er auf Granit beißen würde, und gab es schließlich auf, bohrende Fragen zu stellen oder wenigstens eine kleine Andeutung haben zu wollen. Er stieß überall nur auf ein geheimnisvolles Lächeln und ein Kopfschütteln.

»Ich wollte auch unbedingt wissen, was in meiner Schultüte stecken würde«, berichtet Heidi. »Aber mir hat auch keiner etwas gesagt. Ich weiß noch, dass ich darüber richtig sauer war. Aber dafür war die Überraschung nachher umso größer und die Freude auch. Bei dir ist das genauso. Du musst einfach nur noch ein bisschen Geduld haben.«

»Ist aber nicht einfach, Geduld zu haben«, erwiderte Kim. »Ist so aufregend, wenn man kommt bald in Schule, und man will wissen alles genau, auch, was ist in Schultüte. Vielleicht Auto mit Fernsteuerung, das ich wünsche mir schon lange. Vielleicht ist Auto aber auch nicht dabei. Ich schon gerne würde wissen, ob ich bekomme es.«

»Es dauert ja nicht mehr lange, bis du alles genau weißt«, erwiderte Heidi tröstend. »Die paar Tage schaffst du jetzt bestimmt auch noch.«

Kim wurde plötzlich nachdenklich. »Ja, ich schaffe bestimmt. Aber vielleicht ich nicht schaffe mit Sprache. Deutsch ich noch immer nicht spreche so gut wie andere Kinder. Vielleicht nicht reicht das, und dann ich habe schlechte Noten in mein Zeugnis. Nick und Tante Isi dann sind traurig, weil ich bin schlechter Schüler.«

Heidi schüttelte entschieden den Kopf. »Du bekommst ganz sicher keine schlechten Noten, weil du manchmal noch ein bisschen die Wörter verdrehst. Das ist überhaupt nicht schlimm. Wir alle können dich gut verstehen, und das können auch deine Lehrer. Die werden dich richtig gut finden und dir auch gute Noten geben. Ich weiß, dass es ganz viele Kinder in Deutschland gibt, die schon viel länger hier leben als du, aber noch immer fast kein Wort Deutsch sprechen können. Die bekommen deswegen auch nicht gleich schlechte Noten. Du musst dir wirklich keine Sorgen machen. Außerdem kann man nicht überall nur die besten Noten haben. Das habe ich auch längst festgestellt, und du kannst alle anderen Kinder hier fragen. Die wissen das auch. Wichtig ist nur, dass man am Jahresende nicht sitzen bleibt. Dann muss man dasselbe Jahr noch einmal machen, und das ist dann bestimmt schrecklich langweilig.«

Bis jetzt hatte Kim noch keine Ahnung, wie es in der Schule zuging. Aber zwei Jahre lang in derselben Klasse bleiben wollte er auf ­keinen Fall. Das machte ganz sicher keinen Spaß, weil man ja schließlich an jedem Schuljahresende ein Stückchen weiterkommen wollte. Aber mit solchen Problemen wollte sich der kleine Junge jetzt nicht weiter auseinandersetzen. Heidi hatte ihm bestätigt, dass seine Sprachkenntnisse durchaus reichten, und auf ihr Urteil konnte er sich verlassen. Immerhin war sie ein ganzes Jahr älter als er und hatte in allen Dingen, die die Schule anbetrafen, schon richtig viel Erfahrung.

Kim freute sich jetzt schon riesig auf seinen ersten Schultag. Es war ja noch gar nicht so lange her, als er, der kleine Vietnamese, völlig verwirrt über all die Fremdheit, die ihn umgab, in Deutschland angekommen war. Kein Wort dieser Sprache hatte er verstanden und konnte zum Beispiel nicht begreifen, dass hier Wasser aus den Wänden kam, weil dort Rohre eingelassen waren. Zahlreiche Dinge hatte er mehr oder weniger mühsam erlernen müssen. Heute fühlte er sich als ganz normales deutsches Kind, das demnächst zur Schule gehen würde wie alle anderen auch.

Voller Stolz betrachtete Kim noch einmal die blaue glänzende Schultüte mit all den vielen Bildern der Kinder. Ja, sie war noch leer, aber vielleicht würde sie ja doch schon bald das ersehnte ferngesteuerte Auto in ihrem Innern tragen und dazu auch noch ein paar andere kleine Überraschungen, über die Kim sich im Augenblick allerdings noch keine Gedanken machte. Ein bisschen verträumt dachte er daran, dass er nun doch schon ein großer Junge war, der endlich zu den Schulkindern gehörte. Bestimmt lagen schöne und aufregende Zeiten vor ihm.

Wie aufregend schon die ersten Tage für ihn werden und wie sehr sie seinen Einsatz fordern sollten, ahnte der Sechsjährige in diesem Augenblick allerdings noch nicht.

*