Sophienlust - Die nächste Generation 25 – Familienroman - Ursula Hellwig - E-Book

Sophienlust - Die nächste Generation 25 – Familienroman E-Book

Ursula Hellwig

3,0

Beschreibung

Bisher hat der zehnjährige Simon van Beek ein behütetes Leben bei seiner Großmutter geführt. Als die alte Dame schwer krank in die Klinik kommt, bricht eine Welt für den verwaisten Jungen zusammen. Zwar plant die Jugendfürsorge, Simon in Sophienlust unterzubringen, doch der Junge hat schreckliche Vorstellungen von einem Kinderheim. Dass er seinen Papagei Hugo mitnehmen kann, ist immerhin ein erster Trost für ihn. Wird es den Menschen in Sophienlust ge­lingen, Simons Vertrauen zu erringen? Vorsichtig legte Simon die beiden Bügel des Nussknackers um die Paranuss und drückte mit seinen Fingern behutsam zu. Die Nuss sollte nicht geöffnet werden, sondern nur einen kleinen Riss bekommen. Wie oft der zehn Jahre alte Junge das schon gemacht hatte, konnte er nicht sagen. Meistens war es ihm gelungen, genau den gewünschten kleinen Riss zu erzeugen. Manchmal war die Nuss aber auch in mehrere Teile zersprungen, worüber er dann immer recht enttäuscht war. Aber heute hatte es wieder funktioniert. Deshalb nahm der Junge die Nuss und trug sie zu dem Kletterbaum, auf dem der Papagei Hugo saß. Die Blaustirnamazone gehörte Simons Oma, war jetzt ungefähr sechs Jahre alt und hatte sich vom ersten Tag an als regelrechtes Sprachtalent gezeigt. Hugo plapperte alles nach, was er einmal gehört hatte, und konnte inzwischen auch so manche Redewendung den jeweils geeigneten Situationen zuordnen. "Danke! Leckeres Nüsschen. Lecker, lecker für Hugo", sagte der Vogel klar und deutlich, bevor er Simon die Nuss vorsichtig mit seinem Hakenschnabel aus der Hand nahm. Der winzige Riss in der Schale reichte dem Papagei, um dort anzusetzen und die Schale innerhalb weniger Sekunden vollständig aufzubrechen. "Irgendwann knacke ich dir die Schale nicht mehr an", erklärte Simon. "Du kommst ja ohne Probleme ganz allein mit den härtesten Nüssen zurecht. Dein Schnabel ist wirklich super." "Schnabel super. Hugo super.

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Sophienlust - Die nächste Generation – 25 –

Willkommen in Sophienlust

Großes Glück im Unglück für Simon!

Ursula Hellwig

Vorsichtig legte Simon die beiden Bügel des Nussknackers um die Paranuss und drückte mit seinen Fingern behutsam zu. Die Nuss sollte nicht geöffnet werden, sondern nur einen kleinen Riss bekommen. Wie oft der zehn Jahre alte Junge das schon gemacht hatte, konnte er nicht sagen. Meistens war es ihm gelungen, genau den gewünschten kleinen Riss zu erzeugen. Manchmal war die Nuss aber auch in mehrere Teile zersprungen, worüber er dann immer recht enttäuscht war. Aber heute hatte es wieder funktioniert. Deshalb nahm der Junge die Nuss und trug sie zu dem Kletterbaum, auf dem der Papagei Hugo saß. Die Blaustirnamazone gehörte Simons Oma, war jetzt ungefähr sechs Jahre alt und hatte sich vom ersten Tag an als regelrechtes Sprachtalent gezeigt. Hugo plapperte alles nach, was er einmal gehört hatte, und konnte inzwischen auch so manche Redewendung den jeweils geeigneten Situationen zuordnen.

»Danke! Leckeres Nüsschen. Lecker, lecker für Hugo«, sagte der Vogel klar und deutlich, bevor er Simon die Nuss vorsichtig mit seinem Hakenschnabel aus der Hand nahm. Der winzige Riss in der Schale reichte dem Papagei, um dort anzusetzen und die Schale innerhalb weniger Sekunden vollständig aufzubrechen.

»Irgendwann knacke ich dir die Schale nicht mehr an«, erklärte Simon. »Du kommst ja ohne Probleme ganz allein mit den härtesten Nüssen zurecht. Dein Schnabel ist wirklich super.«

»Schnabel super. Hugo super. Nüsschen super. Oma super«, murmelte Hugo vor sich hin, während er die letzten Schalenreste von der Nuss abknabberte, die er manierlich in der linken Kralle hielt.

Nachdem der Vogel die Oma erwähnt hatte, verließ der Zehnjährige den Raum und wanderte hinüber zu der großen, windgeschützten Terrasse, die Simons Großmutter, Ria van Beek, von einem Gärtner in südspanischem Stil hatte einrichten lassen. Große Amphoren aus Ton begrenzten die Terrasse und waren mediterran bepflanzt. Mehrere Oleander verliehen der Anlage ein ganz besonderes Flair und passten ausgezeichnet zu den Rattanmöbeln. Simon nahm in einem der gemütlichen Sessel Platz und blickte auf den Kakaobecher, der auf dem Tisch stand.

»Ist der Kakao für mich?«, erkundigte sich der Junge, griff aber nicht sofort nach dem Becher, sondern schaute seine Oma, die in ihrem Lieblingssessel saß, fragend an.

»Ja, der Kakao ist für dich«, bestätigte Ria. »Ich habe Rebecca vorhin gebeten, Kakao für dich vorzubereiten und zu mir auf die Terrasse zu bringen. Mir war klar, dass du zu mir herauskommen würdest, sobald du Hugo mit Nüssen versorgt hast. Ich hoffe, unser gefiederter Freund hat sich dankbar gezeigt.«

Simon nickte. »Das hat er. Er hat sich sogar ganz brav und gut erzogen bei mir bedankt. Das mache ich jetzt auch für den Kakao. Danke!«

Ria schaute ihren Enkel lächelnd an. Der Junge bereitete ihr viel Freude, und sie war froh, dass sie damals keine Sekunde lang gezögert hatte, sondern sofort damit einverstanden gewesen war, ihr Enkelkind bei sich aufzunehmen und ihm die Eltern zu ersetzen. Simon war seinerzeit nicht einmal zwei Jahre alt gewesen, als seine Eltern, Rias Sohn Michael und ihre Schwiegertochter Susanne, in einem Preisausschreiben eine einwöchige Reise nach Südspanien gewonnen hatten. Das hatten sich die beiden, die schon seit fast drei Jahren keinen Urlaub mehr gemacht hatten, nicht entgehen lassen wollen. Simon sollte diese eine Woche bei seiner Oma bleiben. Es hatte Ria nichts ausgemacht, sich um ihren Enkelsohn zu kümmern. Das tat sie sogar gern. Erst wenige Monate zuvor hatte sie ihren Mann verloren. Er war an einem Herzinfarkt gestorben. Der kleine Junge, den sie nun den ganzen Tag über um sich hatte, ließ sie die Einsamkeit vergessen. Was sie nicht ahnte: Sohn und Schwiegertochter sollten nicht aus Spanien zurückkehren. Sie hatten an einer Tagestour ins Gebirge teilgenommen. Dabei war ihr Bus von der schmalen Bergstraße abgekommen und in eine Schlucht gestürzt. Wie sich das genau ereignet hatte, war nie ganz geklärt worden. Jedenfalls hatten von den zweiundvierzig Insassen nur zehn überlebt, und Simons Eltern waren leider nicht darunter gewesen.

Der damals noch sehr kleine Junge hatte überhaupt nicht verstanden, was sich ereignet hatte, und den Verlust seiner Eltern relativ schnell verarbeitet. Bei seiner Oma war er glücklich geworden und hatte bei ihr eine unbeschwerte Kindheit erlebt.

Ria van Beeks Mann, der in den Niederlanden geboren, aber nach seiner Heirat in Deutschland ansässig geworden war, hatte seiner Frau ein beachtliches Vermögen hinterlassen. Allein schon die beiden Fabriken, in denen Büroeinrichtungen produziert wurden, ermöglichten Ria ein sorgenfreies Leben. Dadurch hatte auch Simon sich nie Gedanken machen müssen, dass seine Wünsche aus finanziellen Gründen vielleicht nicht erfüllt werden konnten. Sie wurden allenfalls hin und wieder aus erzieherischen Gründen abgelehnt oder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Trotzdem hatte der Junge nie das Gefühl gehabt, dass seine Oma zu streng mit ihm umging. Sie hatte sich immer liebevoll gezeigt und Simon jeden Tag spüren lassen, dass er geliebt wurde. Dabei hatte Ria aber auch darauf geachtet, dass ihr Enkelsohn sich seine Natürlichkeit bewahrte und nicht auf andere Menschen herabblickte, die weniger begütert waren als er. Simon war klar, dass man niemanden nach seinem Reichtum beurteilen durfte. Er selbst lebte mit seiner Oma in einem ausgesprochen großzügigen Landhaus, zu dem ein parkartiger Garten gehörte, der von zwei Gärtnern gepflegt wurde. Im Haus sorgte eine Haushälterin für Ordnung, und dann war da noch Rebecca, die ihr Reich in der Küche hatte und für das leibliche Wohl sorgte. Es gab sogar einen Chauffeur, der in einem kleinen Anbau wohnte und für geplante Fahrten immer zur Verfügung stand. Seit einem Schlaganfall vor knapp zwei Jahren, der zum Glück nur geringfügig gewesen war, verzichtete Ria vorsorglich darauf, sich selbst ans Steuer zu setzen. In den letzten Schulferien war sie mit Simon nach Rügen gereist. Der Chauffeur hatte sie gut und sicher ans Ziel gebracht. Ria und ihr Enkelsohn hatten in einem Nobelhotel zusammen in einer geräumigen Suite gewohnt, während der Chauffeur ein gemütlich eingerichtetes Einzelzimmer bezogen und die meiste Zeit des Tages für sich gehabt hatte. Das hatte wunderbar funktioniert, und alle drei waren sich anschließend darüber einig gewesen, dass sie auch die nächsten Ferien auf diese Weise verbringen wollten.

Es war Simon durchaus klar, dass er in wohlhabenden Verhältnissen lebte, von denen seine Klassenkameraden und Freunde nur träumen konnten. Doch darauf bildete er sich nichts ein und erwähnte diese Tatsache nie. Nach seiner Ansicht war es schließlich nicht sein Verdienst, dass er der Enkelsohn einer reichen Großmutter war. Er hatte einfach nur Glück gehabt. Dafür hatte er keine Eltern mehr, was für die meisten Kinder die normalste Sache der Welt war. Simon hatte schon oft erkannt, dass es irgendwie immer einen gerechten Ausgleich gab. Deshalb gab es für ihn keinen Grund, sich für etwas Besseres zu halten. Darüber war Ria sehr froh. Es zeigte ihr, dass ihre Erziehung auf fruchtbaren Boden gefallen war und dass sie einen Enkelsohn hatte, auf den sie uneingeschränkt stolz sein konnte. Simon hatte in diesem Jahr die Schule gewechselt, besuchte jetzt die fünfte Klasse im Gymnasium und zählte zu den Schülern, die in fast allen Fächern gute Noten erzielten, ohne sich besonders anstrengen zu müssen. Lediglich Geschichte war für Simon ein ungeliebtes Fach, in dem er wohl immer nur Leistungen erbringen würde, die gerade noch akzeptiert werden konnten. Aber darüber redete Ria van Beek mit ihrem Enkel gar nicht erst. Nach ihrer Ansicht durfte jeder Schüler einen wunden Punkt haben, und Geschichte gehörte ohnehin nicht zu den Hauptfächern, die eine Versetzung möglicherweise gefährden konnten.

Simon selbst sah seine Defizite ebenfalls sehr gelassen. Er wusste schließlich heute schon, welchen Beruf er später einmal ergreifen wollte, und dazu brauchte er keine gute Note in Geschichte: Als er sechs Jahre alt war, war er mit seiner Oma nach Chicago geflogen, um dort eine alte Freundin seiner Großmutter zu besuchen. Birgit Custner war vor mehr als dreißig Jahren ausgewandert, hatte in Illinois geheiratet und lebte seitdem mit ihrem Mann in einem kleinen Ort südlich von Chicago. Er, Simon, war damals von dem riesigen Michigansee begeistert gewesen, der wie das offene Meer wirkte, weil das andere Ufer so weit entfernt war, dass man es meistens nicht sehen konnte. Noch mehr beeindruckt hatte sich der Junge allerdings von dem Flug gezeigt. Da Ria an nichts sparen musste, war sie First Class mit Simon geflogen, und das war für ein sechs Jahre altes Kind ein ganz besonderes Erlebnis gewesen. Simon hatte sich sogar mit dem Piloten unterhalten dürfen, als dieser kurz das Cockpit verlassen hatte, um sich die Beine zu vertreten. Die Fragen, die der kleine Junge ihm rund um die Fliegerei stellte, hatte der freundliche Mann alle beantwortet und das sogar in einer Weise, die für ein Kind in diesem Alter verständlich war. Seit jenem Tag wusste Simon ganz genau, was er später einmal werden wollte: Verkehrspilot in der zivilen Luftfahrt. Was immer er an Literatur darüber sammeln konnte, nahm er mit nach Hause, sammelte alle Maschinentypen als Modellflugzeuge, konnte jedes Flugzeug am Himmel nach dessen Bauart identifizieren und etliche technische Details dazu nennen und kannte bereits jetzt nahezu sämtliche Kürzel der Flughäfen in aller Welt. Sogar in der Wetterkunde, einem wenig beliebten Fach bei der Ausbildung zum Verkehrspiloten, lernte Simon bereits heute alles, was ihm darüber in die Hände kam. Ria hatte nichts gegen den Berufswunsch ihres Enkels, und die Finanzierung der extrem teuren Ausbildung würde kein Problem darstellen. Sie wusste natürlich nicht, ob sich die beruflichen Pläne in den kommenden Jahren und der pubertären Phase nicht doch noch einmal ändern würden. Aber an diese Möglichkeit dachte sie im Augenblick nicht und nannte Simon häufig schon jetzt: »Mein kleiner Pilot.« Das hörte der Junge gern, und er hatte auch insgeheim schon einen zweiten Plan. Mit sechzehn Jahren würde er alt genug sein, um schon einmal, von seiner späteren Ausbildung abgesehen, die Prüfung für seinen privaten Pilotenschein abzulegen. Damit durfte er zwar nur kleine Motorflugzeuge steuern, aber das war wenigstens schon einmal ein Anfang. Er hatte sich sogar schon eine Flugschule ausgesucht, in der er seine Ausbildung absolvieren und seine Prüfung ablegen wollte. Irgendwann in den nächsten Wochen wollte er mit seiner Oma darüber reden und alles genau besprechen. Sie würde ganz sicher einverstanden sein und ihm keine Steine in den Weg legen. Bis jetzt hatte sie ihm immer wieder erklärt, dass es nie falsch sei, etwas lernen zu wollen, was immer das auch sein mochte. Sinnloses Wissen gäbe es nicht. Simon war sicher, dass seine Oma sich mit ihm freuen würde, auch wenn es noch fast sechs Jahre dauerte, bis er die Ausbildung würde beginnen können. Fast sechs Jahre, das erschien Simon in diesem Moment fast wie eine Ewigkeit. Doch da fiel ihm urplötzlich ein, dass er während dieser Wartezeit nicht untätig sein musste. Da gab es die Möglichkeit, eine Prüfung als Segelflieger abzulegen. Das war bereits mit vierzehn Jahren möglich. Segelflugzeuge waren nicht gerade die Maschinen, von denen Simon träumte. Sie hatten keine eigenen Motoren und waren immer darauf angewiesen, durch fremde Kräfte an Drahtseilen in die Luft gezogen zu werden. Aber trotzdem handelte es sich um Flugzeuge, und das war für Simon das Wichtigste.

*

Laut jammernd und weinend, sodass es jedem Menschen das Herz hätte zerreißen können, humpelte Kim durch den Park auf das Haus zu. Dabei wurde er von Heidi und Fabian gestützt. Im Gegensatz zu Fabian, der großes Mitleid mit dem Sechsjährigen hatte, zeigte Heidi ein bisschen weniger Mitgefühl.

»So schlimm bist du nun auch wieder nicht verletzt«, erklärte das sieben Jahre alte Mädchen. »Du hast dir nur das Knie aufgeschrammt, als du über die Steinkante gestolpert und hingefallen bist. Das ist mir auch schon passiert und zwar fast an derselben Stelle. Da hatte ich nicht nur ein blutendes Knie, sondern auch dicke Schrammen am Ellenbogen. Aber ich habe nicht so lange geweint.«

»Du ja auch bist schon viel g-größer als ich«, gab Kim weinerlich zurück. »W-wenn Kinder sind groß, sie nicht mehr müssen weinen so viel. Wahrscheinlich blutiges Knie nicht mehr tut so weh, wenn man ist größer.«

Kim, der Waisenjunge aus Vietnam, lebte seit ein paar Jahren im Kinderheim Sophienlust. Er hatte die deutsche Sprache relativ schnell gelernt, warf die Wörter aber trotzdem oft noch durcheinander.

»Es ist ganz egal, wie groß man ist«, erklärte Heidi. »Wenn sich jemand verletzt, dann tut das immer gleich weh. Sonst hätten erwachsene Leute ja gar keine Schmerzen, wenn sie sich ein Knie aufschrammen, einen Knochen brechen oder sich sonst irgendwie verletzen. Außerdem war ich nur ein paar Monate älter als du, als ich an dieser Steinkante hingefallen bin. Ich bin einfach zu Schwester Regine gegangen. Die hat ein schönes buntes Pflaster auf mein Knie und meinen Ellenbogen geklebt, und dann war alles wieder gut.«

Dass Heidi seinerzeit steif und fest behauptet hatte, jetzt ganz bestimmt an einer Blutvergiftung oder einer sonstigen ernsthaften Komplikation sterben zu müssen, hatte das Mädchen längst vergessen. Auch darüber, dass sie mehrfach davon gesprochen hatte, mit dieser schweren Verletzung am nächsten Tag doch sicher nicht in die Schule gehen zu können, verlor Heidi jetzt kein Wort.

Bei Schwester Regine angekommen, erging es Kim genauso wie allen anderen Kindern in seiner Situation: Die Kinderschwester tröstete den kleinen Jungen, sprach ihm gut zu, während sie die Wunde reinigte, und suchte anschließend nach dem passenden Pflaster. Dabei spielte die Größe eine gewichtige Rolle. Alle Kinder liebten es, wenn das verwendete Pflaster ein bisschen zu groß ausfiel. Das erweckte den Eindruck, als würde es sich tatsächlich um eine recht gefährliche Verletzung handeln und nicht um eine Kleinigkeit. Deshalb hatte Schwester Regine knapp bemessene Pflaster gar nicht erst in ihrem Angebot. Jetzt hielt sie Kim drei Pflaster mit unterschiedlichen Motiven hin und wollte wissen, welches davon ihm am besten gefiel. Kims Tränen versiegten augenblicklich. Er hatte nun eine wichtige Entscheidung zu treffen und konnte sich nicht mehr auf sein Weinen und Jammern konzentrieren. Eine Weile lang überlegte er und schaute von einem Pflaster zum anderen. Dann tippte er mit einem Finger auf ein großes hellblaues Pflaster, auf dem ein Löwenkopf mit einer mächtigen Mähne abgebildet war.

»Das ich möchte haben. Löwe ist starkes Tier und ist sehr mutig. Ja, ich nehme Löwe.«

Die Kinderschwester nickte zustimmend und lächelte. Wahrscheinlich gefiel Kim der Löwe tatsächlich. Aber auch die beiden anderen angebotenen Pflaster, eines mit einem Wildpferd und eines mit einem Rennwagen, hätten durchaus ausgewählt werden können. Sie waren allerdings nicht ganz so groß wie das Pflaster mit dem Löwenkopf. Das war dazu geeignet, Kims Knie nahezu vollständig zu bedecken.

Tatsächlich achtete der kleine Junge in den nächsten Stunden genau darauf, dass seine langen Shorts auf keinen Fall auch nur einen Teil seines Pflasters verdeckten. Stolz berichtete er jedem, der sich erkundigte, von seinem Unfall draußen im Park und auch davon, wie tapfer er die schlimmen Schmerzen ertragen hatte. Die größeren Kinder merkten natürlich sofort, dass die Sache so arg nicht gewesen war, aber sie zogen ihn nicht auf, im Gegenteil, sie lobten ihn, dass er sich so tapfer gehalten hatte und auch jetzt nicht mehr klagte.