Spät erwachte Mutterliebe - Elisabeth Swoboda - E-Book

Spät erwachte Mutterliebe E-Book

Elisabeth Swoboda

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Ich muss unbedingt noch einen Sprung in die Firma machen, nachschauen, ob die Badeanzüge endlich eingetroffen sind. Soll ich dich zu Hause absetzen oder möchtest du mitkommen?«, fragte Lydia Hirtl ihren langjährigen Verlobten und frischgebackenen Akademiker Dr. Dieter Kadletz. »Weder noch«, entgegnete der junge Mann niedergeschlagen. »Ich bitte dich, Dieter, reiß dich zusammen. Ich begreife ja, dass das alles für dich ganz schrecklich war – aber das Leben geht schließlich weiter. Du bist ein erwachsener Mann, kein armer kleiner Waisenknabe, der nicht weiß, was er nun beginnen soll. Jeden Menschen trifft irgendwann einmal ein harter Schicksalsschlag. Damit muss man eben fertig werden.« »Das sagt sich so leicht«, murmelte Dieter. »Hältst du mich für gefühllos? Ich respektiere deine Trauer. Auch mir tut es leid, dass deine Eltern so plötzlich sterben mussten. Aber es nützt nichts, hier beim Friedhofstor zu stehen und den Kopf hängen zu lassen. Das Begräbnis ist vorbei, deine Eltern ruhen in Frieden. Komm endlich! Wir haben noch eine stundenlange Autofahrt vor uns.

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Sophienlust – 301 –Spät erwachte Mutterliebe

Endlich findet Aglaja den Mut, sich zu Niki zu bekennen

Elisabeth Swoboda

»Ich muss unbedingt noch einen Sprung in die Firma machen, nachschauen, ob die Badeanzüge endlich eingetroffen sind. Soll ich dich zu Hause absetzen oder möchtest du mitkommen?«, fragte Lydia Hirtl ihren langjährigen Verlobten und frischgebackenen Akademiker Dr. Dieter Kadletz.

»Weder noch«, entgegnete der junge Mann niedergeschlagen.

»Ich bitte dich, Dieter, reiß dich zusammen. Ich begreife ja, dass das alles für dich ganz schrecklich war – aber das Leben geht schließlich weiter. Du bist ein erwachsener Mann, kein armer kleiner Waisenknabe, der nicht weiß, was er nun beginnen soll. Jeden Menschen trifft irgendwann einmal ein harter Schicksalsschlag. Damit muss man eben fertig werden.«

»Das sagt sich so leicht«, murmelte Dieter.

»Hältst du mich für gefühllos? Ich respektiere deine Trauer. Auch mir tut es leid, dass deine Eltern so plötzlich sterben mussten. Aber es nützt nichts, hier beim Friedhofstor zu stehen und den Kopf hängen zu lassen. Das Begräbnis ist vorbei, deine Eltern ruhen in Frieden. Komm endlich! Wir haben noch eine stundenlange Autofahrt vor uns. Ich sehe ein, dass dich die Badeanzüge nicht interessieren. Ich wollte dich ja auch nur ablenken.«

Dieter blickte in Lydias hübsches Gesicht und fragte sich, was hinter der glatten runden Stirn wohl wirklich vorging. Warum drängte sie so zur Heimfahrt? Sie musste doch wissen, dass er Frankfurt nicht so einfach verlassen konnte, jedenfalls nicht, ohne zuvor noch einmal nach seinem kleinen Sohn Nikolaus gesehen zu haben. Natürlich war die Existenz des Jungen für Lydia eine ständige Quelle der Bitterkeit.

Trotzdem hätte sie verstehen müssen, dass er sich um das Kind sorgte.

»Wovon wolltest du mich ablenken?«, erkundigte sich Dieter.

»Von deinem Kummer. Wovon denn sonst? Der tragische Unfall hat dich ganz schön mitgenommen. Du warst in den letzten Tagen kaum ansprechbar. Die ganze Arbeit hast du mir überlassen. Ich musste das Begräbnis regeln, musste mich um die Hinterlassenschaft kümmern und den Haushalt auflösen. Du bist wie ein Schlafwandler herum gegangen, hast kein vernünftiges Wort gesprochen.«

»Entschuldige, Lydia …«

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich habe das alles gern getan. Nein, natürlich nicht«, verbesserte sich Lydia. »Wer kümmert sich schon gern um ein Begräbnis? Es war deprimierend, und eben deshalb möchte ich das alles abschütteln und möglichst schnell nach Hause fahren. Die vergangene Woche war auch für mich ziemlich nervenaufreibend.«

Dieter nickte geistesabwesend. Alles, was Lydia da vorbrachte, klang logisch und vernünftig. Trotzdem waren es für ihn leere Worte, die an seinem Gemüt abprallten.

Ein heftiger Windstoß fegte durch die kahlen Bäume, die die kurze Auffahrt zum Friedhof auf beiden Seiten flankierten. Staub und Papierfetzen wirbelten auf. Einer davon blieb an ­Lydias elegantem schwarzem Breitschwanzmantel hängen. Angewidert löste sie ihn ab und ließ ihn zu Boden flattern. »Mir reicht es«, teilte sie ihrem Gefährten mit. »Kommst du jetzt oder willst du noch stundenlang hier stehenbleiben?«

»Ich muss mit dir reden, Lydia«, sagte Dieter, ohne auf ihre gereizte Frage einzugehen.

»Meinetwegen. Sobald wir zu Hause sind, sprechen wir uns aus. Ich verzichte darauf, heute noch in die Firma zu schauen«, erklärte Lydia freundlich. Sie sprach in einem Tonfall, als ob sie ein widerspenstiges Kind vor sich habe.

Dieter merkte es nicht, oder er wollte es nicht bemerken. »Ich muss jetzt mit dir sprechen«, beharrte er.

»Jetzt? Hier?«

»Setzen wir uns in den Wagen.«

»Na schön. Im Wagen weht wenigstens kein Wind«, gab Lydia sich geschlagen. »Aber fasse dich bitte kurz.«

Trotz dieser Aufforderung blieb Dieter einige Minuten stumm neben der jungen Frau sitzen, hin und her gerissen von den widersprechendsten Gefühlen. Er wusste, die Bitte, die er an Lydia richten wollte, war eine Zumutung, aber er hatte keine andere Wahl.

Lydia nahm ungeduldig den breitrandigen schwarzen Hut, den sie extra für das Begräbnis gekauft hatte, ab und warf ihn auf den Rücksitz. Dann rückte sie den Spiegel oberhalb des Fahrersitzes so zurecht, dass sie sich darin betrachten konnte, zog ihre Lippen nach, glättete ihr straff zurückgekämmtes Haar und puderte sich die Nase.

Dieter beobachtete diese Maßnahme halb ärgerlich, halb bewundernd. Seine Lydia war eine schöne Frau, eine Frau, auf die jeder Mann stolz sein konnte. Sie war eher klein, besaß jedoch eine tadellose Figur und regelmäßige Gesichtszüge, eine kurze gerade Nase, volle Lippen, schön gewölbte dunkle Brauen und einen bräunlichen makellosen Teint. Ihre dunklen Augen strahlten Selbstsicherheit und ein gewisses Maß von Arroganz aus. Lydia wusste, dass sie den Männern gefiel. Bis auf Dieters Seitensprung vor dreieinhalb Jahren hatte sie in einer Beziehung nie Probleme gehabt – und auch bei dieser Angelegenheit war sie letztlich als Siegerin hervorgegangen. Dieter hatte sie um Verzeihung angefleht, die sie ihm schließlich gnädig gewährt hatte.

Lydia hatte ihre Schönheitsprozedur jetzt beendet und wandte sich dem Mann an ihrer Seite zu. »Ich dachte, du wolltest etwas Dringendes mit mir besprechen? Hast du es dir anders überlegt? Kann ich nun fahren?«

»Nein. Warte. Ich fahre nicht mit dir zurück nach Maibach. Noch nicht. Ich habe in Frankfurt noch etwas zu erledigen«, erwiderte Dieter hastig.

Lydia zog die Brauen hoch. »Ich wüsste nicht, was es hier für dich zu erledigen gäbe«, bemerkte sie ruhig. Doch hinter dieser äußeren Ruhe lag Unmut und Gereiztheit. »Wir sind übereingekommen, dass du die Möbel und den Hausrat, den du unbedingt übernehmen willst, von einem Spediteur abholen lässt«, fuhr sie fort. »Für das Übrige Zeug habe ich bereits einen Trödler ausfindig gemacht, und mit dem Hausherrn habe ich vereinbart, dass ich ihm Bescheid gebe, sobald die Wohnung leer ist. Alles ist also geregelt.«

»Das Wichtigste ist nicht geregelt«, warf Dieter ein.

»Das Wichtigste?«, wiederholte Lydia fragend, obwohl sie ahnte, worauf ihr Verlobter hinauswollte.

»Nikolaus«, sagte Dieter auch prompt. »Was soll aus dem Kind werden?«

»Aber, Dieter, auch dieses Problem ist doch auf das beste geregelt«, erwiderte Lydia schnell. »Er ist bei deiner Tante sehr gut untergebracht. Die Schwester deiner Mutter ist eine äußerst sympathische Frau. Ich bin überzeugt, sie wird vorbildlich für den Jungen sorgen. Sie hat ja sonst nichts zu tun. Sie ist Witwe, lebt in angenehmen Verhältnissen und hat massenhaft Zeit. Eigentlich kann sie sogar dankbar sein, dass sie jetzt den Jungen hat. Er wird etwas Abwechslung in ihr eintöniges Leben bringen. Ja, die Sorge für das Kind könnte zu einem beglückenden Lebensinhalt für Tante Maria werden«, redete sie sich schwungvoll in Begeisterung.

»Du übertreibst, meine Liebe«, stellte Dieter trocken fest. »Man kann die Angelegenheit auch anders herum betrachten.Tante Maria führt seit dem Tod ihres Mannes ein beschauliches, aber nicht unausgefülltes Dasein. Sie hat ihre Freundinnen, mit denen sie sich auch zu gelegentlichen Theater- und Konzertbesuchen trifft, sie hat ihre Bridgerunde und den Schachklub. Ich fürchte, Niki wird nicht nur Abwechslung, sondern auch Aufregung und Unruhe in Tante Marias wohlgeordneten Alltag bringen.«

»Du machst dir zu viele Gedanken. Du siehst Schwierigkeiten, wo es gar keine gibt. Deine Tante wird mit dem Jungen bestens zurechtkommen. Er ist an ältere Leute gewöhnt, da er ja bisher von seinen Großeltern betreut wurde. Da hat doch immer alles geklappt. Oder hat deine Mutter je über den Jungen geklagt?«

»Nein. Aber Mutter war ein völlig anderer Typ als Tante Maria. Sie konnte mit Kindern umgehen. Bei Tante Maria bin ich dessen nicht so sicher. Ach, Lydia, kannst du nicht verstehen, dass mir die Sache keine Ruhe lässt? Ich bin Nikis Vater, bin für ihn verantwortlich. Anstatt … anstatt mich zu dieser Verantwortung zu bekennen, habe ich den Jungen meiner alten Tante aufgebürdet.«

»Aufgebürdet? Jetzt bist du derjenige, der übertreibt. Deine Tante war von sich aus dazu bereit, den Jungen zu übernehmen. Er war ja sogar schon in ihrer Obhut, als wir von dem Unfall erfuhren. Und sie hat sofort erklärt, dass sie ihn behalten wolle.«

»Ich fürchte, ihr war nicht klar, worauf sie sich eingelassen hatte«, sagte Dieter. »Sie sah meine Ratlosigkeit, und nachdem sie mit den Verhältnissen vertraut war, bot sie eben an, Niki zu behalten. Vielleicht bereut sie ihren vorschnellen Entschluss bereits. Auf alle Fälle muss ich noch einmal zu ihr gehen und nach Niki sehen.«

»Hm – ich will dich nicht daran hindern. Du kannst ja dann einen Zug nach Maibach nehmen. Bloß – was machst du, wenn deine Tante ihren Entschluss tatsächlich bereut und den Jungen wieder loswerden will?«, fragte Lydia, diesmal ohne ihre wachsende Gereiztheit zu verbergen.

»In diesem Falle werde ich Niki mit nach Maibach nehmen«, erwiderte Dieter mit einer Festigkeit, die Lydia vollends aus dem Gleichgewicht brachte.

»Wie stellst du dir das vor?«, zischte sie. »Was willst du in Maibach mit dem Jungen anfangen? Wer soll sich um ihn kümmern? Auf mich kannst du nicht zählen. Ich habe meinen Beruf und denke nicht im Traum daran, ihn wegen deines unehelichen Sohnes aufzugeben. Noch dazu jetzt, wo ich mich endlich zur Einkäuferin in einem renommierten Warenhaus emporgearbeitet habe. Du hast nicht das Recht, von mir zu verlangen …«

»Ich verlange nichts von dir«, unterbrach Dieter die aufgebrachte Frau. »Ich selbst werde mich um Niki kümmern.«

»So? Da bin ich aber neugierig. Hast du vergessen, dass du in vierzehn Tagen nach München fahren musst, um diese komische Ausstellung vorzubereiten? Und danach wolltest du nach Nordafrika! Hast du vor, Niki überallhin mitzuschleppen?«

Dieter seufzte.

»Du müsstest ein Kindermädchen engagieren. Aber dazu reicht dein Verdienst leider nicht aus, obwohl du endlich den Doktor geschafft hast«, fuhr Lydia überlegen fort, um die Oberhand zu behalten.

»Mein Verdienst würde für uns drei reichen«, sagte Dieter. »Würdest du Niki und mich begleiten …«

»Schönen Dank für dieses großzügige Angebot«, fiel Lydia ihm ins Wort. »Ich habe nicht die geringste Lust, unbezahltes Kindermädchen zu spielen. Und ich denke auch nicht daran, ein Zigeunerleben zu führen. Einmal in Griechenland, dann wieder in der Türkei oder in Italien oder gar in Afrika! Da wir schon einmal dabei sind, können wir uns auch über dieses Thema unterhalten.«

»Lydia! Mein Beruf bringt dieses Zigeunerleben mit sich. Diese Tatsache ist dir nicht unbekannt. Ich war ja schon während meines Studiums häufig unterwegs.«

»Ja. Vor allem warst du in der Türkei«, betonte Lydia mit einem bösartigem Unterton.

Dieter stieß einen langen Seufzer aus. In seinen braunen Augen lag ein Ausdruck der Resignation. Bis an sein Lebensende würde Lydia ihm diese dumme Geschichte, die damals bei den Ausgrabungsarbeiten in der Türkei vorgefallen war, zum Vorwurf machen. Und dabei war er damals ein freier Mensch gewesen, genau wie jetzt.

Hm, ganz so frei natürlich nicht, weder jetzt noch damals. Lydia war seit fünf Jahren seine feste Freundin. Er hatte sich in diesen fünf Jahren zwar teilweise im Ausland aufgehalten, aber wenn er in Deutschland gewesen war, hatte er bei Lydia gewohnt. Bis vor kurzem in Frankfurt, aber dann hatte Lydia ein günstiges Angebot in einem Maibacher Kaufhaus erhalten und Arbeitsplatz und Wohnort gewechselt. Da Dieter mittlerweile sein Studium beendet hatte, war er mit Lydia nach Maibach gezogen. Einige Male war von Heirat die Rede gewesen, aber Lydia hatte gezögert und gemeint, dass sie es damit nicht so eilig habe. Sie war zwar im November dreißig geworden, aber an Bewunderern mangelte es ihr nicht. Und ihn, Dieter, hatte sie sicher. Schon allein aus Dankbarkeit war es ihm unmöglich, sich von ihr zu trennen.

Dieters Eltern waren nicht begütert gewesen. Der Vater war von allem Anfang an gegen das Archäologiestudium seines Sohnes gewesen. Er hätte es lieber gesehen, wenn Dieter nach dem Abitur eine Stelle in einer Bank oder einer staatlichen Institution angenommen hätte. Aber Dieter hatte seinen Willen durchgesetzt. Er hatte sein Studium mit Gelegenheitsarbeiten finanziert, wodurch es sich allerdings beträchtlich in die Länge gezogen hatte. Als er sechsundzwanzig geworden war, hatte er die um ein Jahr jüngere Lydia Hirtl kennengelernt und sich Hals über Kopf in die attraktive, selbstsichere junge Frau verliebt. Lydia war vom Wesen her ganz anders geartet als er. Wissenschaftliche Arbeit interessierte sie herzlich wenig. Dieters Bestreben, die Reste alter Kulturen und vergessener Völker wieder ans Tageslicht zu bringen, entlockte ihr nur ein Kopfschütteln. Doch eines hatten Dieter und Lydia gemeinsam: Den glühenden Ehrgeiz, ein einmal gestecktes Lebensziel auch zu erreichen.

Die beiden waren zusammengezogen, und Lydia hatte darauf bestanden, von ihrem Verdienst den gemeinsamen Lebensunterhalt zu bestreiten. Diese Großzügigkeit hatte für Dieter eine fühlbare Erleichterung mit sich gebracht, und trotzdem hatte er sich ungefähr eineinhalb Jahre später eine unentschuldbare Entgleisung geleistet, für die er selbst nur vage Rechtfertigungen vorbringen konnte. Er hatte sich bei Ausgrabungsarbeiten in der Türkei mit einer jungen Kollegin eingelassen, und diese Beziehung war nicht ohne Folgen geblieben. Lydia war wütend gewesen, aber letzten Endes hatte sie Dieter dann doch verziehen. Seither fühlte er sich mehr denn je an sie gefesselt, obwohl er argwöhnte, dass auch Lydia es mit der Treue nicht so genau genommen hatte. In Frankfurt hatte es da irgendeine Geschichte mit dem Ehemann einer Stammkundin gegeben, aber Lydia war vorsichtiger gewesen als er. Es hatte keine Beweise gegeben. Nur Getuschel unter den Verkäuferinnen, die ihm gegenüber mit Andeutungen nicht gespart hatten. Er war dumm genug gewesen, Lydia zur Rede zu stellen. Sie hatte alles empört abgestritten und ihm entgegengehalten, dass er sie nur deshalb verdächtigte, weil er seinen eigenen Fehltritt beschönigen wolle.

»Was ist? Schwelgst du in Erinnerung?«

Lydias spöttische Frage brachte Dieter wieder in die unmittelbare Gegenwart zurück.

»Erinnerungen? Nein. Ich dachte eher an die Zukunft«, erwiderte er nicht ganz wahrheitsgemäß. »Wie stellst du dir unsere Zukunft vor? Wenn du dich nicht entschließen kannst, mich auf meinen Reisen ins Ausland zu begleiten, werden wir monatelange Trennungen in Kauf nehmen müssen.«

»Wieso? Es stimmt nicht, dass dein Beruf dich dazu zwingt, in abgelegenen Winkeln in der Erde herumzubuddeln. Lass andere buddeln und werte dann ihre Ergebnisse aus. Oder nimm einen Posten in einem Museum an, oder halte Vorlesungen. Das alles kannst du auch in Deutschland machen. Ich verlange ja nicht, dass wir in Maibach bleiben. Die Firma hat Warenhäuser in ganz Deutschland. Ich könnte mich in eine andere Stadt versetzen lassen, aber meinen Beruf ganz aufzugeben – das kommt für mich nicht infrage. Ist damit alles klargestellt?«

Dieter schüttelte den Kopf. »Nichts ist klar«, stellte er bekümmert fest. »In meinem Inneren geht es drunter und drüber. Ich bin im Moment außerstande, mich auf Postensuche zu begeben. Ich bleibe lieber bei meinem alten Team.«

»Wahrscheinlich befinden sich einige hübsche Studentinnen darunter«, murmelte Lydia.

»Du hast keinen Grund zur Eifersucht. Seit damals habe ich keine Studentin mehr angesehen. Auch sonst keine Frau – außer dir«, versicherte Dieter.

»Entschuldige, ich wollte nicht auf dem leidigen Thema herumreiten«, meinte Lydia versöhnlich. »Könnte ich jetzt endlich fahren?«

»Selbstverständlich.« Dieter schickte sich an auszusteigen, wurde jedoch von Lydia zurückgehalten.

»Willst du tatsächlich deine Absicht wahrmachen und Tante Maria aufsuchen?«, fragte sie ungehalten.

»Ja. Ich muss feststellen, ob Niki sich bei Tante Maria auch wirklich wohl fühlt.«

»Gut, stelle es fest«, sagte Lydia kühl. »Aber merke dir bitte: Falls der Junge sich bei deiner Tante nicht wohl fühlt, wirst du ihn in ein Heim stecken müssen. Auf mich darfst du nicht zählen. Ich weigere mich, deinen unehelichen Sohn zu betreuen. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich keine Kinder haben will. Ich will kein eigenes Kind, geschweige denn ein fremdes. Übrigens …« Lydia stockte und presste ihre roten Lippen fest zusammen.

»Was ist übrigens?«

»Äh – ich möchte bei dir nicht unbedingt die Erinnerung an Nikis Mutter heraufbeschwören«, sagte Lydia nach kurzem Zögern, »aber etwas sollte doch ausgesprochen werden: Der Junge hat eine Mutter. Sie lebt und erfreut sich vermutlich bester Gesundheit. Soll sie sich doch um Niki kümmern und ihn zu sich nehmen.«

»Nein. Das ist ausgeschlossen. Ich habe Aglaja versprochen, sie niemals zu behelligen …«

»Aha! Aber mir gegenüber bist du weniger zartfühlend!«, rief Lydia aufbrausend aus.

»Lydia, versteh mich doch! Bei dir ist das etwas anderes. Von Aglaja habe ich mich getrennt, noch ehe das Kind zur Welt kam. Ich habe sie nie wiedergesehen, habe sogar mit Mutter nicht über sie gesprochen. Ich weiß, dass sie meine Eltern und Niki manchmal besucht hat, aber … aber ich hatte Mutter gebeten, mir nie etwas über den Verlauf dieser Besuche zu erzählen. Ich habe keine Ahnung, wie es Aglaja geht. Vielleicht ist sie längst verheiratet. Ich kann nicht von ihr verlangen, dass sie Niki zu sich nimmt. Sie hat ihren Angehörigen die Existenz des Jungen verheimlicht. Aber das alles ist dir ja bekannt. Warum quälst du mich so?«

»Ich quäle dich? O nein, es verhält sich genau umgekehrt. Du quälst mich!«, hielt Lydia ihm entgegen.

»Das tut mir leid«, sagte Dieter ton los. »Ich war der Meinung, du hättest mir meine … meine Unbesonnenheit von damals vergeben.«

»Aber das habe ich ja!«, rief Lydia. »Es ist nur so, dass ich mich einfach nicht zum Hausmütterchen eigne. Ich bin nun einmal nicht kinderliebend. Aber wozu streiten wir uns? Ich bin überzeugt, dass deine Tante und dein Sohn prächtig miteinander auskommen. Meinetwegen, besuche die beiden. Danach wirst du meine Überzeugung gewiss teilen.«

*

Eine einigermaßen aufgelöste Tante öffnete Dieter auf sein Klingeln. »Sei bitte leise«, sagte sie zu Dieter anstelle einer Begrüßung. »Niki ist vor fünf Minuten endlich eingeschlafen.«

Sie führte den Mann in ihr Wohnzimmer, in dem nicht die mustergültige Ordnung herrschte, die er von früheren Besuchen her kannte. Einige Zierkissen lagen auf dem Parkettboden, der Perserteppich, auf den die Tante so stolz war, lehnte zusammengerollt in einer Ecke. Der Tisch war mit aufgeschlagenen Bilderbüchern, angebissenen Äpfeln und zerrissenen Papiertaschentüchern bedeckt.

»Setze dich. Die … O Gott, der Zucker!«, unterbrach die Tante ihre freundliche Aufforderung an den Neffen, Platz zu nehmen.

Dieter sah mit Verwunderung, dass auf sämtlichen Sitzgelegenheiten Würfelzucker herumlag, teilweise zu kleinen Bauwerken zusammengefügt.