Spiegelberg - Michael Göring - E-Book

Spiegelberg E-Book

Michael Göring

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Beschreibung

Martin steht vor der Entscheidung seines Lebens: Soll er die Professur in Boston annehmen? Einfach alles hinter sich lassen und in der Ferne glücklich werden? Da zwingt ihn der Tod seines Jugendfreundes Wolfgang in eine andere Richtung: Der Besuch in der alten Heimat wird für ihn und seine Freundin Nina zu einer Zeitreise in die Vergangenheit. Hier, in der Siedlung Spiegelberg, hatte alles begonnen. Sieben Freunde, Freunde fürs Leben. Die 60er und 70er, wilde und in vieler Hinsicht katastrophale Jahre zwischen Gewalt, Zurückweisung und sprachlosen Eltern, noch erfüllt von den Schrecken des Krieges. Wie ein roter Faden zieht sich besonders der Tod seiner Freundes Paul durch Martins Leben, denn die beiden verbindet ein grausames Geheimnis. Martin erkennt, dass ihn sein Ursprung bis heute gefangen hält. Doch nicht nur ihn: Hat es überhaupt einer der Freunde geschafft, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen? Lebensklug, geistreich und mit großer sprachlicher Sensibilität beschreibt Michael Göring den Kampf seiner Protagonisten mit dem Anspruch auf Selbstbestimmung einerseits und den Zwängen der eigenen Biografie auf der anderen Seite. Er zeigt in seinem neuen Roman die Traumata der Generation der heute 50 - 60 Jährigen, der sogenannten Babyboomer, auf. Eine Generation, die sich im revolutionären Aufbruch wähnte, um sich dann doch häufig mit dem Erwartbaren zu begnügen.

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Michael Göring

Spiegelberg

Roman einer Generation

Osburg Verlag

Für Maria,mit der Bitte zu verzeihen

Erste Auflage 2016© Osburg Verlag Hamburg 2016www.osburgverlag.deAlle Rechte vorbehalten,insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortragssowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,auch einzelner Teile.Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziertoder unter Verwendung elektronischer Systemeverarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.Lektorat: Ulrich Steinmetzger, HalleUmschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, HamburgSatz: G&U Language & Publishing Services GmbH, FlensburgISBN 978-3-95510-111-4

»Du hast geglaubt, du könntest für immerweggehen? Das wäre ja noch schöner.Aber so billig ist es nicht zu haben.«

(Sándor Márai: Die Eifersüchtigen)

Personen und Handlung sind frei erfunden.

1

Martin, Nina, 14. Oktober 2015

Martin drehte den Zündschlüssel. Der alte Volvo ruckelte, stotterte, dann lief der Motor rund. Nina ließ sich auf den Beifahrersitz fallen, schloss die Tür und streckte sich in ihrem schwarzen Wollmantel über den ganzen Sitz. Schon kroch die kühle Frische dieses Herbstmorgens von ihrem auf seinen Platz hinüber und würde bald den ganzen Wagen erfassen. Der kalte Hauch glitt über ihn hin, ernüchternd und belebend zugleich.

Typisch Nina, dachte Martin und schaute sie von der Seite her an. Nina hatte die Lippen kräftig nachgezogen, zu kräftig für eine Beerdigung. Sie hielt die Augen geradewegs nach vorn gerichtet, spürte aber bestimmt, dass er sie ansah. Er bemerkte die Falten am linken Augenwinkel, die von der Kälte leicht rot getönte Wange, das volle kastanienbraun gefärbte Haar, das ihr über die etwas zu großen Ohren bis zum Hals reichte. Nina war in diesem Jahr 60 geworden wie er, und ganz verbergen konnte sie es nicht. Martin legte den Gang ein und fuhr langsam los.

»Jetzt sind nur noch wir beide übrig, nur noch du und ich.« Nina atmete langsam und tief ein, schloss dabei die Augen, die sie erst beim Ausatmen wieder öffnete. Sie schaute ihn auch jetzt nicht an, sondern sah weiterhin starr nach vorn durch die Windschutzscheibe auf die enge Straße, die vom Friedhof zur Hauptstraße führte. »Die ganze alte Fury-Bande«, wiederholte sie noch einmal.

Dann griff sie in ihre Manteltasche und holte eine Packung Camel Filter heraus. »Ich steck dir eine mit an«, murmelte sie und hatte schon zwei Zigaretten zwischen ihren Lippen, während sie das kleine rote Feuerzeug aus der Tasche hervorholte. Auf den Zigarettenanzünder des Wagens wollte sie nicht warten. Wie immer, wenn Nina etwas begann, musste es schnell gehen. Sie reichte Martin eine der angezündeten Zigaretten. »Scheiß Krebs«, murmelte sie. »Warum Wolfgang?«

Nina inhalierte tief und ließ sich dann mit dem Ausatmen des Rauchs viel Zeit. Martin blieb still. Er hatte wenig Lust auf ein Gespräch, war gestern Abend schon lustlos von Köln nach Langenheim gefahren. Die Beerdigung hatte seinen ganzen Stundenplan durcheinandergebracht, und das zu Semesterbeginn, wo er doch gerade erst von der Exkursion zurückgekehrt war.

»Wolfgang war der Erste, der damals den Spiegelberg verließ.« Martin nickte und brummte, um wenigstens irgendeinen Laut von sich zu geben, hoffte aber, dass sie nicht mehr als diesen Laut von ihm erwartete.

Die Friedhofsallee war eine enge Straße, dicht gesäumt von alten Kastanienbäumen, an deren schütteren Zweigen nur noch wenige rostbraun gefärbte und vom Wurm befallene Blätter hingen. Martin überlegte. Wie viele Jahre war es her, als sie Sebastian beerdigt hatten? Damals standen die Bäume voll weißer Blütenkerzen, war die Straße eine Prachtallee im Mai, für ein Fest geschmückt, nicht für den Tod. Martin lenkte den Wagen langsam an der rechten Baumreihe entlang, er musste zweimal in den Buchten zwischen den Bäumen anhalten, um ein entgegenkommendes Auto vorbeifahren zu lassen. »Seine Eltern mochten die Siedlung nicht mehr, konnten’s auf ’m Spiegelberg nicht länger aushalten, war ihnen nicht mehr fein genug. Erinnerst du dich?«

Martin nickte wieder. Am Straßenrand lagen runde dunkelbraune Kastanien, wie er sie als Kind so gern gesammelt hatte. Ob die Wurmkrankheit auch die Früchte befiel? Es musste doch einen Grund haben, dass die Kinder die Kastanien nicht mehr sammelten. Die große Kehrmaschine würde sie aufsaugen und verschlucken.

»Ich hab’ keine Lust auf diesen Leichenschmaus, Nina«, sagte Martin, als er den Wagen aus einer Haltelücke zurück auf die Straße lenkte. »All die Verwandten von Wolfgang, und dann Susanne mit ihrer Trauer.«

Nina drehte ihren Kopf zu ihm hin, wobei sie die Zigarette im rechten Mundwinkel baumeln ließ. Aus irgendeinem Grund mochte Martin diese Geste nicht, die Nina seit ein paar Monaten immer wieder hervorholte. Sie sollte französisch lässig wirken, er aber hielt sie für künstlich. Sie passte in alte Filme, Schwarz-Weiß-Filme, aber nicht zu ihr im Jahr 2015, wo Rauchen ohnehin längst als stillos, ja als prollig galt.

Irgendwas war an diesem Vormittag falsch gelaufen. Er hatte keine Trauer gespürt, nicht einmal dieses Gefühl, das ihn sonst oft bei Beerdigungen beschlich, dass er ja der Nächste sein könnte. Nicht einmal dieses Selbstmitleid war dagewesen. Nein, ein ganz anderes Bild war hochgekommen, als er vor dem Grab stand, die kleine Schaufel ergriff und auf deren metallene Zunge lockere, dunkle, fast schwarze Erde füllte, die links am Rande des Nachbargrabs aufgehäuft war. Die Herbstsonne hatte sich in diesem Moment einen Weg durch die Wolken gebahnt, schien jetzt auf ihn, wie er der schwarzen Erde nachschaute, die auf dem Sarg aufschlug, auf diesem glänzenden Kasten aus dunkelbraunem Holz, der erst wenige Minuten zuvor in das Loch hineingesenkt worden war. Plötzlich – war es die Sonne, war es der Sand? – stand er am Strand von Haifa, hatte eine Kinderschaufel in der Hand, die jemand dort liegengelassen hatte, und erklärte Daila, dass die Kinder in Deutschland am Strand Sandburgen bauten, die rund um Strandkörbe errichtet wurden. Daila, die auf einem Handtuch saß und ihm zuschaute, lachte und verstand nicht, was er mit Körben meinte, aber sie lachte, und das Lachen war ansteckend. Es machte gar nichts, dass sie offenbar nicht verstehen wollte, was es mit den Körben und Burgen an deutschen Stränden auf sich hatte, sie lachte ihn nur an, hatte mit ihren Händen die angewinkelten Knie umfasst, hatte ihre großen schwarzen Augen auf ihn gerichtet, ihr ganzer Körper lachte, und fast hätte Martin jetzt am Grab von Wolfgang die andachtsvolle Miene zu einem Lächeln verzogen.

Er ging zwei Schritte zur Seite, steckte die Schaufel in den Erdhaufen zurück und spürte mehr als dass er sah, wie Nina sie jetzt ergriff, um ebenfalls Erde auf den Sarg zu werfen. Es war dieser hohle Klang, als die Erde von Ninas Schaufel auf den Sargdeckel fiel, der das Bild vom Strand in Haifa löschte, ein Bild, das zwanzig Jahre alt war, oder waren es schon zweiundzwanzig?

Jetzt im Auto, während Nina noch einmal vom Krebs sprach, rutschte Daila erneut in seinen Blick. Das schwarze Haar, die dunklen Augen, die vollen roten Lippen, die Spitzen ihrer Brüste. Völlig unpassend, dachte Martin, nicht noch einmal Daila, er hatte lange nicht mehr an sie gedacht, was sollte das denn jetzt? Und er schüttelte leicht den Kopf, was er immer tat, wenn er ein inneres Bild loswerden wollte. Er ahnte allerdings, dass diese Bilder von Daila und Haifa etwas mit Ernestos Mail von letzter Woche zu tun hatten, dieser Mail, die noch unbeantwortet war und über die er mit Nina in aller Ruhe sprechen musste. Dringend sprechen musste. Er schaute nach rechts zu Nina, die jetzt still rauchte. Er sollte irgendetwas sagen, dachte Martin und ärgerte sich, dass sich prompt ein Gefühl in ihm regte, als hätte Nina ihn bei etwas ertappt, für das er sich entschuldigen müsste. Für Ernestos Mail war jetzt allerdings nicht der richtige Moment. Das brauchte Vorbereitung, einen günstigen Zeitpunkt, und vor allem müsste er selbst wissen, was er denn wollte. »Ich hatte immer Probleme mit Susanne«, sagte er schließlich, machte eine Pause und fuhr dann fort, »hab’ mich immer gefragt, was Wolfgang an ihr fand.« Und als wäre das noch immer nicht genug für Nina, fügte er nach ein paar Sekunden noch einen Halbsatz hinzu. »Susanne, mit ihrem ewigen Verständnis für alles und alle, nervig.«

»Wenn du da mal nicht ungerecht bist«, gab Nina zurück und nahm endlich die Zigarette aus ihrem Mund, »eigentlich sucht ihr doch so etwas.« Sie blickte auf ihre Zigarette, die sie aufrecht zwischen Zeigefinger und Mittelfinger hielt. »Verständnis. Susi war schon genau das, was er brauchte.«

Es klang nicht ganz überzeugend, dachte Martin, klang, als wüsste sie es eigentlich besser. Er zog an seiner Zigarette, genoss die kurze Verwirrung, die das Inhalieren des Nikotins in ihm auslöste, und ließ sich Zeit, den Rauch auszuatmen.

»Wolfgang bringt das jetzt auch nichts mehr, wenn wir alle bei Krögers sitzen und Streuselkuchen essen.« Martin kurbelte das Fenster ein wenig hinunter. »Und worüber werden wir sprechen, Nina? Über alte Kamellen, über ’weißt du noch’ und ’als wir damals’ … Ich mag’s nicht.« Martin machte eine kurze Pause und wiederholte dann noch einmal »Ich mag’s einfach nicht.«

Nina nahm den letzten Zug von ihrer Zigarette, noch einmal inhalierte sie tief. »Wolfgang war uns treu geblieben«, sagte sie endlich, ohne auf Martin einzugehen, »auch nach dem Wegzug in die Südstadt.«

Martin verlangsamte das Tempo. Die Ampel stand auf rot. In wenigen Minuten würden sie vor der Gaststätte halten und wie nach den letzten Begräbnissen in Krögers Café an den Tischen sitzen, Streuselkuchen und belegte Brötchen essen und ein paar Bier trinken, der übliche Totenschmaus. Wie zuletzt bei Ilonas Beerdigung und davor bei Sebastian.

Bei Ilona hatten Wolfgang und er zu viel getrunken, hatten Schnäpse zu den Bieren bestellt, hatten sich gestritten und waren laut geworden. Es war ein blöder Streit gewesen. Wolfgang hatte Ilona immer nur ausgenutzt, immer wenn es ihm gerade in den Kram passte. Schon mit 16! Ja, er hatte ihm Missbrauch vorgeworfen. Genau das war’s ja auch gewesen. Missbrauch! Wolfgang hatte ängstlich in Susannes Richtung geschaut, sich verteidigt und dann geschickt gekontert. Verdammt geschickt! Wer hätte auch gedacht, dass Ili gerade Wolfgang von den alten Dingen zwischen ihr und ihm erzählt hatte. Am Ende hatten sie sich dann die Rechnung für Ilis Begräbniskaffee geteilt, sich aber nicht die Hand gegeben.

»Die Ampel zeigt übrigens grün, Martin, schon sehr grün, geradezu dunkelgrün.« Martin hasste solche Sätze, es waren Vaters Sätze, nicht die seiner – ja was, Freundin, Frau, Geliebten, Lebensgefährtin? Er legte den Gang ein, ohne Kommentar. Eigentlich hatte er Wolfgang nie gemocht.

»Ilona ist jetzt schon 14 Jahre tot«, sagte Nina, als sie auf die Hauptstraße eingebogen waren. »Wir beide, Martin, wir sind die Letzten, die Allerletzten.« Ninas Stimme hatte diesen eigentümlichen Klang angenommen, mit diesem Nachhall, den sie immer dann wählte, wenn sie dem Gesagten besondere Bedeutung geben wollte. Sie hatte bereits in jungen Jahren diese tiefe Stimme, eine satte Altstimme, die Martin schon mit sechzehn als aufreizend und wahnsinnig schön empfunden hatte. Durch den Zigarettenkonsum war sie über die Jahre noch etwas tiefer gerutscht, und wenn Nina ihrer Stimme, wie jetzt im Wagen, zusätzlich dieses Echo gab, hörte Martin eine Tiefe ohne Boden, die ihn immer ein wenig erschreckte, verunsicherte. Und zugleich anzog. Er schaute zu Nina. Wieder blickte sie ihn nicht an, sondern sah starr nach vorn auf die Straße.

Letztes Silvester hatte er Nina für dieses Jahr eine Entscheidung versprochen. Es würde ihr viel bedeuten, da war er sicher. Und ihm? Seit acht Jahren waren sie jetzt zusammen. Wenn er sich nicht gerade mit seinen Studenten auf Exkursion befand oder im Ausland forschte, kam er fast jeden Freitag und blieb bis Montag früh in Ninas kleiner Mietwohnung, wo er mit seinem Laptop an Julias früherem Schreibtisch saß. Alles provisorisch. Bloß nichts Endgültiges. Rückkehr nach Langenheim? Nina kam nur selten zu ihm nach Köln. Aus irgendeinem Grund mochte sie Köln nicht. Es hatte sich so eingespielt, dass er seit acht Jahren zu ihr und nicht sie zu ihm kam. Gut, seine Wohnung in Köln war noch kleiner, nach der Scheidung damals war nicht mehr drin, und sie war voll von Büchern, Zeitschriften, Manuskripten, eine Arbeitswohnung. Er würde sie auf jeden Fall behalten, auch wenn sie sich zusammen in Langenheim eine »richtige« Wohnung nehmen sollten. Rückkehr nach Langenheim? Irgendetwas revoltierte in seinem Magen. Nina hatte im Sommer die Idee von einem alten Fachwerkhaus in der Innenstadt geäußert. Sie dachte, dass sie ihn damit einfangen konnte. Na ja, beschäftigt hatte es ihn seitdem schon. Sie hatten auch bereits ein Haus in der Fleischhauerstraße ins Auge gefasst, das angeblich Anfang nächsten Jahres verkauft werden sollte. »Dann richten wir es her, Martin, nach unseren ganz eigenen Vorstellungen, bauen uns endlich ein richtig schickes Heim.« Heim war ein Nina-Wort. Ein Sehnsuchtswort.

Damals in München hatte sie es erstmals gesagt. »Wer weiß, wir kennen uns seit unserer Kindheit, Martin, eines Tages, es mag lange dauern, kommen wir zusammen und schaffen uns ein Heim, wir beide, gemeinsam.« So oder so ähnlich hatte sie damals geredet, einen Tag nach ihrer Magisterfeier, zu der sie gemeinsam mit Thomas eingeladen hatte. Und dann war Thomas beim Repetitor, und sie waren zusammen im Bett. Er dachte immer wieder an diesen Tag zurück, der eine Grundlage geschaffen hatte, die ihm damals natürlich nicht bewusst war. Aber gemeinsam in Langenheim ein Haus kaufen? Er hatte diese Frage schon unzählige Male in seinem Kopf gewälzt und war am Ende doch zu keinem Ergebnis gekommen. Wenn es nicht gerade Langenheim wäre! Und Ernestos Mail machte die Entscheidung nicht leichter. Wie ernst konnte er dessen Anfrage überhaupt nehmen? Ernesto hatte es damals richtig gemacht, war erst gar nicht nach Bologna zurückgekehrt, war einfach in Haifa geblieben, und schon drei Jahre später war Ernesto in Chicago. Er dagegen war brav an sein altes Institut in Köln zurückgekehrt, war immer noch dort, während Ernesto erst am berühmten Geography Department der Chicago University arbeitete und ein paar Jahre später ans MIT in Boston berufen wurde als Professor of Urban Planning.

»Komm, mach nicht so ein Gesicht, Martin. Jeder sieht dir an, dass du keine Lust hast.«

Martin brauchte einen Moment, um wieder in der Gegenwart zu sein. »Es ist ja auch nicht gerade ’ne Lustparty, Nina, sondern ein Begräbnis«.

Martin hielt vor Krögers Café. Bei Daila hätte er mit der Entscheidung nicht gezögert. Nein, mit ihr wäre er sogar nach Langenheim zurückgekehrt, sogar gleich damals. Aber Daila wusste nicht einmal, wo Langenheim liegt. Daila! Unfair, dachte Martin und schüttelte wieder den Kopf, dieses Mal heftiger als vor wenigen Minuten. Einfach unfair.

Es standen einige Wagen am Straßenrand, Männer und Frauen in Schwarz gingen langsam von ihren Autos zum Eingang des Gasthofs. Martin fuhr ein Stück weiter und parkte den Volvo auf dem Hof der Gastwirtschaft vor einer Buchenhecke.

»Wolfgang hat mir vor einigen Jahren zu meinem Geburtstag ein altes Foto von uns zugemailt. Er habe es im Album seiner Mutter gefunden und abfotografiert, schrieb er. Ich habe es heute morgen wiedergefunden und hatte sogar noch die Mail von damals in meinem Postfach abgespeichert. Schau, ich hab’s noch mal etwas größer ausgedruckt.« Nina holte ein Blatt Papier aus der Innentasche ihres Mantels, faltete es auseinander und reichte es Martin, gerade als er den Schlüssel aus dem Lenkradschloss zog und der Motor erstarb. Sie hatte das Foto auf einen DIN-A4-Bogen vergrößert, den Martin jetzt auf dem Lenkrad auseinanderfaltete. »Da sind wir noch alle zusammen«, sagte Nina, »alle Furies. Sogar Paul, das war also noch vor der großen Flut. Das muss im Frühjahr 65 gewesen sein. Vor fünfzig Jahren also, kaum zu glauben.«

Martin sah auf das Foto. Es war ein Farbfoto, etwas matt in den Farben. Es zeigte sieben Kinder, alle zwischen 9 und 11 Jahren, die auf der hölzernen Einfassung eines Sandkastens saßen. Die fünf Jungen trugen die typischen kurzen Lederhosen, zwei solche aus schwarzem Glattleder, die Hosen der drei anderen waren aus dunkelbraunem Wildleder, alle mit den ledernen Trägern, unter denen karierte oder gestreifte kurzärmelige Hemden hervorsahen. Alle Jungen hatten sehr kurze Haare, einer hatte einen Mecki-Schnitt, dass man meinte, er habe eine Glatze. Die beiden Mädchen waren im Rock, darüber gemusterte Blusen, Kniestrümpfe an den Füßen, die eines der Mädchen heruntergerollt hatte. Dieses Mädchen hatte ihr Haar zu zwei langen braunen Zöpfen geflochten, das andere seine Haare hochgesteckt zu einem Dutt. Ganz rechts im Bild saß Paul. Martin erkannte ihn gleich. Paul trug ein rotkariertes Hemd und auf dem Brustbügel, der die beiden ledernen Hosenträger vorn miteinander verband, prangte ein weißlich gelbes Oval. Martin wusste sofort, dass dieses Oval aus nachgemachtem gezackten Geweihknochen bestand.

»Und guck dir nur die Göre an, da in der Mitte, noch keine ganze 10 und so unschuldig.« Ninas Finger fuhr über das Foto, verdeckte Paul für einen Moment und zeigte auf das Mädchen mit den langen dunkelbraunen Zöpfen und der violett geblümten Bluse in der Mitte des Sandkastens. »Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, dass damals mal ein Foto gemacht wurde.«

Jetzt schob sie ihren Finger weg und Paul war wieder zu sehen, das rotkarierte Hemd, das schwarze, kurzgeschnittene Haar, der geöffnete Mund, die weit aufgerissenen Augen, die frech in die Kamera blickten, und das Oval aus diesem weißlich gelben Material, von dem Paul damals gesagt hatte, es sei echter Geweihknochen von einem Hirsch. Martin sah wieder das Innere des Ovals, in dem, daran erinnerte er sich ganz genau, auf dem Leder das Profil eines schwarzen Pferdekopfes klebte, ein Pferdekopf, blank poliert, umrahmt von dem weißlich gelben Zackenkranz. Er hatte Paul um diesen polierten Pferdekopf im Oval vor seiner Brust beneidet.

»Heiner schaut schon damals aus, als sei er bekifft«, fuhr Nina fort, »und Ili, guck mal, mit diesem kurzen Rock, na ja, die war erst 11 damals und hat sich sicher nichts dabei gedacht, aber ganz schön kurz; und hier Basti, unser Melancholiker, unser Messdiener, sitzt da neben Wolfgang mit gesenktem Kopf und mit ’nem Mecki-Haarschnitt. Sieht ja fürchterlich aus!« Nina lächelte. Dann verflog das Lächeln mit einem Mal, und sie schaute direkt in Martins Augen. »Und jetzt Martin?« Nina machte eine kleine Pause, schnäuzte sich einmal kurz in ihr Taschentuch, dann schaute sie wieder auf das Blatt mit dem Foto. »Du, Martin, hast die große Schaufel in der Hand, du, der Jüngste unter den Jungen. Du wirst als Letzter von uns gehen, der Mann mit der Schaufel. Du musst uns alle begraben.«

2

Martin, 1963

»Die kriegt ihr, die kriegt ihr!« Martin schreit laut, hebt die Arme, hat beide Hände zu Fäusten geballt. Aber Maria ist schnell. Gerd kommt nach vorn und hetzt neben Stefan hinter dem rennenden Mädchen her.

»Sie stinkt, stinkt wie ’n Schaf!«, ruft Gerd in die Klasse. Gerd und Stefan lachen. Und nur weil sie beim Laufen so laut lachen, sind sie nicht schnell genug, Maria einzuholen. Vielleicht wollen sie das gar nicht, vielleicht wollen sie Maria einfach nur jagen. Jetzt lachen auch die anderen Kinder der Klasse, die meisten jedenfalls, vor allem die Jungen. »Komm, Martin«, ruft Stefan, »mach mit, die kriegen wir. Maria stinkt! Stinkt wie ’n Schaf!«

Sie sind in der großen Aula, alle 56 Kinder der Klasse 2a, und warten auf Frau Klumpe, die Klassenlehrerin, die noch immer nicht da ist. Die meisten Kinder stehen an der Fensterseite des Raums im hellen Licht der Maisonne und beobachten, wie die drei Jungen Maria auf der großen leeren Fläche zwischen ihnen und der Längswand im Kreis vor sich her treiben. Von der Längswand schauen zwei Herren auf Schwarz-Weiß-Fotografien hinter Glas und im Silberrahmen auf das Treiben der Kinder herab. Das sind Herr Adenauer und Herr Lübke, hatte Frau Klumpe schon mehrfach erklärt, aber Martin hatte gleich wieder vergessen, wer wer war und warum die hier hingen.

Die Jungen an der Fensterseite spornen die drei Läufer an. »Die kriegt ihr, die Stinkerin«, rufen die einen, »die schnieft ja schon, die kann bald nicht mehr«, rufen die andern.

Alle Jungen lachen. Nun hetzt auch Burkhard neben Martin hinter Maria her. Martin lässt Burkhard ein wenig Vorsprung, denn Burkhard ist der Stärkste in der Klasse, stärker noch als Gerd.

Maria läuft, läuft, was sie nur kann. Sie dreht sich nicht nach ihren Verfolgern um. Maria ist klein, aber drahtig. Sie trägt, obgleich es schon Ende Mai ist, eine dunkelgrüne, an beiden Knien mit leicht hellerer Wolle gestopfte Strumpfhose. Die beiden Stopfstellen sehen wie Wunden aus. Bis zu den Knien reicht Marias Rock, ein gestrickter Wollrock, der dem kleinen Mädchen zu groß ist und durch ein ziemlich träges Gummi an der Taille zusammengehalten wird. Jetzt im Laufen will der Rock immer wieder hinunterrutschen. Wieder zieht Maria ihn hoch. Blaue und rote Streifen wechseln sich in ihrem Rock ab. Die Wolle ist nicht mehr glatt, sondern pelzig und stumpf. Ihre beiden älteren Schwestern haben den Rock zuvor getragen. Jeder in der Klasse weiß, dass Maria noch fünf Geschwister hat. Sie trägt ein buntes Hemd mit großen blauen und roten Karos. Maria schämt sich für das Hemd. Es ist ein Jungenhemd von ihrem größeren Bruder, und es ist schon wieder aus dem Rock gerutscht.

Martin kommt jetzt nah an Maria heran. Burkhard ist nicht mehr neben ihm. Martin schaut auf ihr dunkelblondes Haar, das in Strähnen herunterfällt. Zwischen den Strähnen sieht er kleine runde Schweißtropfen auf ihrem Nacken und gelbe Flecken auf dem Hemdkragen. Als er im Laufen den Blick kurz über Marias Schultern hebt, sieht er Burkhard, der stehen geblieben ist und darauf wartet, dass Maria im Kreis wieder bei ihm ankommt. Er stellt sich ihr in den Weg, und gerade als sie um ihn herumlaufen will, hebt er das Bein. Maria fällt auf den Dielenboden, rutscht nach vorn und bleibt bäuchlings auf dem Boden liegen.

»Jetzt bist du fällig, du alte Stinksau!«, ruft Burkhard und setzt sich auf Maria.

Ihr Atem geht schnell, ihr Rücken wölbt sich bei jedem Atemzug. Schnell führt sie ihre Hände über den Kopf. »Nicht schlagen«, flüstert sie, »nicht schlagen.«

»Dreh dich um!«, befiehlt Gerd. Burkhard stützt sich mit den Beinen ein wenig ab, sodass sich Maria unter ihm auf den Rücken drehen kann. Martin steht neben Burkhard, sieht Marias grünlich braune Augen, die ängstlich flackern, etwas Rotz läuft ihr aus der Nase. Sie hat weiterhin die Arme vor die Stirn gelegt.

»Nicht schlagen«, murmelt Maria erneut, »bitte nicht«. Ein paar Tränen steigen ihr in die Augen.

»Sie heult ja schon«, ruft Burkhard, »schaut mal her, die Stinkerin heult!«

»Wir hauen sie«, sagt ein Junge aus der Menge, »dreh sie wieder um, wir hauen sie alle.«

Da hebt sich Burkhard ein wenig an. »Dreh dich«, ruft er Maria zu, und sie dreht sich zurück in die Bauchlage. Burkhard rutscht nach vorn, setzt sich auf Marias Rücken, sodass ihr bunter Rock frei ist.

Der Junge, der gerade »wir hauen sie« gerufen hat, ist nun der Erste, der seine rechte Hand zweimal auf Marias Rock niederfahren lässt, dann schlägt Stefan zu, dann Martin, alle beide je zweimal.

Maria weint, aber ihr Weinen wird vom Grölen der Jungen übertönt.

Die Mädchen werden stiller, drücken sich nah an den steinernen Fenstersims, nur wenige schauen auf Maria, die meisten starren in die andere Richtung, sehen aus dem Fenster auf den Schulhof, der leer in der Sonne dieses späten Maitages liegt. Jetzt fliegen zwei Elstern auf den Hof, schimpfen laut miteinander. Die Mädchen lassen sich gerne ablenken und schauen wie gebannt auf die beiden Vögel. Stefan kniet nun vor Maria und schiebt ihren Wollrock hoch. Martin sieht, dass die Strumpfhose oben zwei große Löcher hat, durch die das Weiß der Unterhose zu sehen ist.

»Sie stinkt, weil sie Löcher in der Hose hat«, ruft Burkhard. Alle Jungen lachen. »Zeig mal die Löcher.«

Jetzt starrt der ganze Pulk auf die beiden weißen Flecken in der dunkelgrünen Strumpfhose. »Vielleicht hat sie auch Löcher in der Unterhose«, ruft Werner. Alle lachen.

»Löcher in der Unterhose!« Gerd stellt sich vor Maria auf, stampft ein paar Mal mit den Beinen und beginnt einen schnellen Tanz, bei dem er immer wieder »Löcher in der Unterhose, Löcher in der Unterhose« ruft.

»Mal sehen, ob wir die Löcher treffen.« Stefan kniet sich, ballt die Hand zur Faust und lässt sie zweimal auf die weißen Löcher niedersausen. »Jetzt du, Martin!«

Martin kniet und schlägt kräftig mit der Faust zu. Maria zuckt, ihr entfährt ein kurzes »Au!«, dann sieht Martin, wie sie die Lippen zusammenpresst. Und noch einmal lässt er die rechte Faust auf ihren Hintern niedersausen, dorthin, wo das größere der beiden weißen Löcher ist. Erneut zuckt Maria, wieder spannen sich die Oberschenkel kurz an und lösen sich dann wieder. Martins rechte Hand fährt ein drittes Mal hoch. Mutter hatte ihm eingeschärft, Andrea nie hauen zu dürfen, und er wusste, dass das nicht nur für seine Schwester galt, sondern für alle Mädchen. Nur Jungen kriegen Haue, wenn sie frech sind oder nicht gehorchen. Das hatte Vater erst letzte Woche zu ihm gesagt, als Martin in der Badewanne saß und Vater, der ihn waschen wollte, zweimal Wasser ins Gesicht gespritzt hatte. Der hatte ihn wütend hochgezogen und ihm zwei kräftige Schläge auf den nassen Po gegeben. Er hatte geweint.

»Fester! Martin, hau noch fester! Die Maria muss das richtig spüren!« Martin schlägt zu und freut sich über Marias Zucken.

»Frau Klumpe!«, ruft eines der Mädchen. »Frau Klumpe kommt!«

Sofort lassen die Jungen von Maria ab, laufen schweigend zu den Mädchen an der Fensterseite. Martin mischt sich tief in die Gruppe und sucht einen Platz direkt am Fenster, weit weg von der Mitte der Aula, wo Maria liegt, weiterhin auf dem Bauch, weinend, mit einer Hand am Kopf, mit der anderen an ihrem Rock, den sie jetzt nach unten schiebt.

»Was ist mit Maria? Warum liegt sie am Boden?« Frau Klumpe eilt in die Mitte der Aula. Keiner sagt etwas. »Was ist los? Warum seid ihr alle so still?« Frau Klumpe schaut auf ihre Klasse am Fenster. Ihr Blick währt nur kurz, aber jedes Kind hat den Eindruck, Frau Klumpe habe jeden Einzelnen genauestens fixiert. Dann wendet sie sich Maria zu.

»Maria ist gefallen«, sagt Gerd.

»Gefallen?« Frau Klumpe legt die Stirn in Falten.

»Ja, ich bin gefallen.« Marias Stimme ist leise und noch deutlich vom Weinen gekennzeichnet. Sie steht auf. Einzelne Tränen laufen ihre Wangen hinab.

»Frau Klumpe, Maria stinkt.«

Die Lehrerin schaut zu Stefan. »Das bildest du dir nur ein.« Dann wendet sich Frau Klumpe wieder Maria zu, als wolle sie sie trösten. Doch als sie nur wenige Zentimeter vor dem Mädchen steht, stoppt sie ihre Bewegungen.

»Maria wohnt in der Torfkuhle, Frau Klumpe, da haben sie keine Badewanne.«

»Da haben sie auch kein richtiges Klo«, sagt Gerd.

»Das weißt du doch gar nicht.« Frau Klumpe schaut Gerd mit strafendem Blick an, gibt sich einen Ruck und streckt jetzt ihre Hand Richtung Marias Haare aus. Doch als ob ein unsichtbarer Schild das Haar des Mädchens umgeben würde, hält Frau Klumpe erneut inne und bewegt die Hand nicht weiter. »Stell dich mal nicht so an, Gerd.«

»Ich will aber nicht mehr neben ihr sitzen. Sie stinkt.«

3

Martin, Nina, 14. Oktober 2015

Susanne saß am Tisch in der Mitte des Raumes, im schwarzen Kostüm mit schwarzer, hochgeschlossener Bluse, neben ihr die beiden Töchter und deren Ehemänner oder vielleicht auch nur Partner, Martin war sich da nicht sicher. Sie nickte schweigend hierhin und dorthin, ohne Lächeln, ganz die trauernde Witwe. Wenn sie überhaupt einmal sprach, dann kurz mit der jüngeren Tochter, die – wie Martin sich erinnerte – Lara hieß. Er müsste heute noch irgendwann auf Susanne zugehen und kondolieren.

Martin legte das Brötchen zurück auf den Teller. Es war immer dasselbe in diesen westfälischen Gaststätten, immer zu viele und zu dicke Zwiebeln auf dem Mett. Er leerte das Bier in zwei Zügen. Es schmeckte schal. Die Bedienung hatte es bereits gezapft, bevor die Trauergäste das Café betreten hatten.

Als Wolfgangs ältester Freund gehörte es sich wohl, dass er ein paar Sätze mit ihr wechselte. Was aber sollte er sagen? Susanne hatte nie auf ihn gewirkt. Nicht dass sie hässlich war, eher durchschnittlich, aber für ihn ohne Reiz. Irgendwas von Freundschaft und Erinnerungen, die bestehen blieben, auch über den Tod hinaus. Martin griff wieder zu seinem Brötchen.

Wolfgang hatte es ihr nicht leicht gemacht, das wusste er. Ili war nicht Wolfgangs einziger Seitensprung gewesen, weiß Gott nicht, sogar Nina hatte ihn ja erhört. Gut, das war, bevor sie sich zusammentaten, aber es wurmte ihn dennoch. Er musste aufstoßen. Wahrscheinlich war das Mett zu fettig.

Oder er würde Susanne von Bildern erzählen, die unauslöschlich in der Erinnerung gespeichert blieben, Bilder aus ihrer gemeinsamen Jugend. Bilder vom strahlenden Wolfgang. Vor Jahren, nach einer langen Nacht mit viel Bier und ein paar Whiskeys im Goldenen Hahn, hatte Wolfgang ihm einiges erzählt. Auf der Herrentoilette, an der Pinkelrinne. Geprahlt hatte er. Nina hatte er dabei nicht ausgelassen. Scheiß Männergeschwätz. Nach diesem Abend hatte er keine Lust mehr gehabt, Wolfgang zu treffen. Fury hin oder her. Sie hatten irgendwann noch mal zu viert gemeinsam bei Fellini zu Abend gegessen, Wolfgang hatte diesen Edel-Italiener gewählt, wollte angeben. Er hatte den Abend fürchterlich gefunden, und es blieb bei »Hallo« und »Wie geht’s«, wenn man sich später zufällig auf dem Markt oder auf der Straße traf.

Die Zwiebeln knirschten laut, ein Stück blieb zwischen seinen Zähnen hängen, unten rechts, wo diese Lücke war, die ihn schon seit einem halben Jahr ärgerte. Immer blieb da was hängen. Er fragte sich, warum er überhaupt zu dieser Beerdigung gekommen war. Nur weil sie damals diese gemeinsame Bande hatten und weil Nina und er bisher zu allen Beerdigungen der Furies erschienen waren. Das Zwiebelstück saß verdammt fest. Bilder von früher. Wolfgang, der mit Ili zum Großen See fährt und mit ihr rumknutscht und in der Badehose kann es jeder sehen. Das konnte er Susi nun wirklich nicht erzählen. Zahnstocher gab’s hier auch keine, er müsste es mit der Zunge versuchen. Dieses blöde Stück Zwiebel. Bilder von früher. Paul. Ihre Fahrt mit den Rädern über die überschwemmten Pättkes, als die Deiche brachen. Damals, 1965, bei der großen Flut, da war Wolfgang dabei, wenigstens am Anfang.

Nein, darüber würde er nicht sprechen. Darüber ganz bestimmt nicht. Auch wenn jetzt die Erinnerung plastisch wurde, all diese Bilder hochkamen, Wolfgang und Heiner, die vor ihm radelten. Über die Brücke mit den Absperrungen. Nein! Nicht weiter! Er sieht Paul, noch auf dem Fahrrad, dann auf dem Brett im Wasser, er blickt in seine Augen, Paul hat ihn »Tinchen« gerufen. Tinchen!

Martin spürte, wie er zu schwitzen begann. Er meinte, sein weißes Hemd klebe bereits an seinem Körper. Er müsste das Jacket ausziehen. Wieder sah er das karierte Hemd von Paul, so ein Hemd wie auf dem Foto, das Nina ihm vor einigen Minuten gezeigt hatte. Martin löste den Knoten seiner schwarzen Krawatte. Es war viel zu hieß bei Krögers, die hatten die Heizung bestimmt schon auf Winterbetrieb umgestellt, viel zu früh. Mit dem rechten Zeigefinger fuhr er zwischen Hals und Hemdkragen. Der Finger wurde richtig feucht. Warum hatte Nina nur dieses Foto dabei? Mit dem Oval aus Geweihknochen!

Auch Nina schien jetzt zu schwitzen, zog die schwarze Strickjacke aus und hängte sie über die Stuhllehne. Sie trug das festliche Schwarze mit den Spitzen an den Armen, unter denen Martin die Narbe in der linken Beuge sah, diese rote Wulst, die die Kleiderspitzen nicht verdecken konnten. Wie so oft, wenn er die Narbenwulst erblickte, sah er auch die kleinen feinen Striche am Oberarm, die Zeugen all der Stiche, die außer ihm sicherlich keiner mehr wahrnahm.

Wolfgang hatte ihr das Foto zugeschickt. Es war ein Gruß von Wolfgang. Natürlich! Er würde nicht mit Susanne sprechen. Kein einziges Wort. Das konnte ja Nina übernehmen. Nein, er hatte ihn nicht zurückgestoßen, Pauls Brett hatte sich mit der Welle plötzlich vor ihm aufgebäumt und war dann zurückgeprallt, zurück in die Flut. Das war nicht er! Er versuchte, die Szene zurückzuholen, genau zu rekonstruieren, wie es damals geschah. Das war die Welle gewesen, der Sog der Flut! Die Zunge war nicht spitz genug, um das Zwiebelstück zwischen den Zähnen zu lösen. So ein hartnäckiges Stück!

Frau Urbanski nickte ihm zu. Von Nina kam ein böser Blick. Ja, er hatte sich bislang nicht am Gespräch beteiligt, hatte dem Vierertisch überhaupt keine Beachtung geschenkt, kein einziges Wort gesagt, kein Wunder, dass Nina jetzt sauer war, aber er kannte die Urbanskis ja auch kaum, eine alte Frau von damals, vom Spiegelberg, das wusste er, die ihn schon als Jungen erlebt hatte, was sollte er da zuhören. Frau Urbanski hatte mit einer Geschichte über irgendeine Nathalie begonnen und redete eindringlich auf Nina ein, während Herr Urbanski still auf sein Glas Bier starrte, dabei ab und an den Kopf hob und ihn wieder senkte. Die Bedienung brachte neue Biere, auch eins für Martin, dieses Mal ein frisch gezapftes. Er dankte kurz, aber sein Blick und seine Gedanken waren nicht beim Bier, waren auch jetzt nicht bei Frau Urbanski, die mit ihrer gleichmäßigen Stimme den Raum am Tisch füllte.

»Diese Schreie waren einfach unerträglich, Frau Renker«, sagte sie zu Nina gewandt, »so ein kleines Mädchen, und muss schon so viel erleiden.«

Martin stand abrupt auf. Er musste endlich dieses Stück Zwiebel zwischen seinen Zähnen loswerden, er hatte das Gefühl, der Kampf mit diesem blöden Zwiebelrest hatte ihn richtig ins Schwitzen gebracht. Er ging Richtung Kuchentheke, dahinter waren die Toiletten.

Frau Urbanski war Nina gut bekannt, auch wenn sie sich sehr selten sahen. Immer wenn Nina sie traf, flackerte auf, wie Frau Urbanski sie damals als kleines weinendes Mädchen vor dem Geschäft entdeckt hatte, in dem sie als Verkäuferin arbeitete.

Heute hatte sie ihr graues Haar hochgesteckt zu einem runden Dutt. Sie war jetzt bestimmt schon Mitte siebzig, trug eine silberne Brille, hinter der ihre wachen, braunen Augen weich und gütig blickten. Frau Urbanski hatte dezent ein wenig Puder aufgelegt und die Lippen mit einem zarten Hellrot nachgezogen.

Als Nina sie vor zwei Stunden in der Friedhofskapelle erblickt hatte, war ihr nach dem kurzen Moment der Erinnerung an die Scham von damals eingefallen, dass Frau Urbanski ja die Hauptzeugin im Fall der kleinen Nathalie war. Doch erst in der Kapelle war ihr aufgegangen, dass der Tatort Spiegelberg Nummer 70, wo Frau Urbanski wohnte und wo in der unteren Wohnung die kleine Nathalie misshandelt worden war, dasselbe Haus war, in dem auch Wolfgang mit seinen Eltern gewohnt hatte. Vielleicht gar in der Wohnung, in der Nathalie gelitten hatte. Sie durfte nicht vergessen, Frau Urbanski noch danach zu fragen.

Jetzt am Tisch bei Krögers, dachte Nina, konnte jeder sehen, dass Frau Urbanski früher in einem Damenmodegeschäft in der Stadt gearbeitet hatte. Die alte Dame trug eine ausgesprochen elegant geschnittene Jacke aus feinstem schwarzem Stoff mit einem kleinen modischen Kragen, darunter die bis oben geknöpfte Bluse aus weißer Seide. Frau Urbanski wusste, wie man sich kleidete, und achtete auch mit Mitte siebzig auf sich. Nina mochte das. Sie überlegte, wie lange es wohl her war, dass Wolfgangs Eltern den Spiegelberg verlassen hatten. Das musste 1967 oder 68 gewesen sein. Es fiel ihr wieder ein, wie damals die Stimmung umschlug, als Wolfgang bei einer Geburtstagsfeier plötzlich mit der Nachricht rausrückte, sie würden vom Spiegelberg wegziehen. War es nicht sogar auf Martins Geburtstag gewesen?

»Wir haben ja schon viel erlebt auf dem Spiegelberg, Frau Renker, glauben Sie mir, da kommt viel zusammen, wenn man 54 Jahre in der gleichen Siedlung wohnt.«

Nina nickte. Als sie Frau Urbanski in der Friedhofskapelle erblickte, hatte sie schon geahnt, dass Nathalies Geschichte irgendwann heute hochkommen würde. Martin kannte die Geschichte noch gar nicht, er war ja die ganze Zeit mit seinen Studenten auf Exkursion in Holland gewesen und letztes Wochenende gegen ihre sonstige Absprache in Köln geblieben. Da hatte sie noch keine Gelegenheit gehabt, ihm vom Fall Nathalie zu erzählen.

»Ich höre also das kleine Mädchen schreien«, fuhr Frau Urbanski fort, »schreien wie am Spieß, sag ich Ihnen. So was hatte ich noch nie gehört, Frau Renker. Da hab ich zu meinem Werner gesagt, ’Werner, da stimmt doch was nicht, das halte ich nicht aus, da geh ich runter!’ Dann habe ich die Wohnungstür zum Treppenhaus geöffnet, und da höre ich das Schreien des Mädchens noch lauter, nur manchmal übertönt vom Brüllen des Stiefvaters, dieser Russe oder was der ist, der mit der Mutter der kleinen Nathalie seit ein paar Monaten zusammenlebt.«

Nina sah, wie Martin langsam von der Kuchentheke zurück in Richtung Tisch ging. Er sieht schlecht aus, dachte sie, blass, bewegt sich irgendwie alt. Sie müsste bald mit ihm reden, da war doch irgendwas. Sonst würde er sich nicht so seltsam benehmen.

»Also, ich muss schon sagen, Frau Renker, ein bisschen mulmig war mir ja doch zumute, als ich die Treppen runterging. Ich hab sogar noch mal überlegt, ob ich nicht lieber umdrehen sollte. Doch dann hörte ich wieder das Mädchen, es war jetzt kein Schreien mehr, eher ein Wimmern, ein schrecklich hohes Wimmern. Da gehe ich die letzten Stufen hinunter und stehe vor der Tür. In diesem Moment höre ich einen Plumps und dann war da Stille, einfach kein Geräusch mehr, wie abgestellt. Ida, hab ich zu mir gesagt, Ida, jetzt stehst du hier, jetzt willst du auch sehen, was mit dem Mädchen ist. Also habe ich geschellt und als sich nichts tat, immer wieder vor die Tür gehämmert und wieder geschellt.«

Erst jetzt bemerkte Frau Urbanski Martin, der etwas umständlich Platz nahm. Sie nickte einmal kurz in seine Richtung, schien etwas unsicher dabei und schaute dann wieder auf Nina, deren Blick auf Martin ruhte. Was war nur mit ihm?

»Da kam dann auch mein Werner dazu und der Mann von der Frau Canova, wissen Sie, die Italiener, die schräg über uns wohnen, nette Leute, sind schon seit zwanzig Jahren da, mindestens. In der alten Wohnung, in der früher Wolfgang und seine Eltern wohnten. Also der Canova stellt sich neben meinen Werner. Und dann hat dieser Russe, oder was der ist, endlich aufgemacht. ’Alles gut’, hat er gesagt, ’alles okay’. War aber nicht, das sah ich doch gleich, und dann sah ich die Beine von Nathalie da auf dem Boden, ihre nackten Beinchen, die ragten aus der Küche in den Flur und bewegten sich nicht. Da bin ich einfach rein, hab den Mann zur Seite gedrängt und bin rein in den Flur. Da lag sie, war bewusstlos, Kopf und Oberkörper auf dem Küchenboden, und ich sah die rechte Hand, sah es sofort. Es war grausam, Frau Renker, so grausam.«

Frau Urbanski machte eine Pause, schluckte zweimal, wollte einen Schluck Kaffee nehmen, aber ihre Hände zitterten so sehr, dass sie Kaffee über den Rand der Tasse verschüttete.

»Alles rot, Frau Renker, Haut hing da, rohes Fleisch habe ich gesehen. Ich schrie auf, ging zu dem Mädchen, tätschelte ihre Wange, keine Reaktion, schickte Werner gleich nach oben zum Telefon, ’Krankenwagen!’, rief ich nur, ’Krankenwagen, Notarzt’. Da lag dieses Mädchen, nur Schlüpfer und ein Hemdchen an, ein dicker blauer Fleck an einem Oberschenkel und die Hand, offen, Frau Renker, alles offen, verbrannt.«

Während Frau Urbanski noch sprach, schloss Nina kurz die Augen, spürte einen Moment lang die Narbe in ihrer linken Armbeuge, ein ziehender Schmerz, dann sah sie den Mann im blauen Trainingsanzug vor sich, wie er im Besprechungsraum des Untersuchungsgefängnisses gesessen hatte. »War scheiß gelaufen, scheiße, weiß auch nicht.« Der Mann im blauen Trainingsanzug zog hastig an seiner Zigarette.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft justierte noch das Aufnahmegerät und nickte. »Nati immer geheult. Will nichts essen. Njet! Nur geheult. Weil Mama weg. Nicht essen, nicht TV, nichts. Ich kein böser Mann, aber Nati nur geheult und Mama, Mama geschrien. Mama!«

Nina hatte Nathalie vor drei Tagen zum zweiten Mal im Krankenhaus besucht. Nicht um sie zu befragen, sondern um Kontakt zu ihr aufzubauen, um das Vertrauen des Kindes zu wecken. Die Aussagen des Mädchens zum Tathergang würde sie später einholen, das hatte noch Zeit, jetzt musste die Haut von Schenkel und Wade, die man an Nathalies Innenhand transplantiert hatte, erst einmal gut angenommen werden und die gesamte Hand schmerzfrei werden.

Als Leiterin des Jugendamtes hatte sie bei den Befragungen des Täters als Gast dabei sein können. Juri Kaparov war 26, groß, sportlich, kurze schwarze Haare, seit über einem Jahr in Deutschland, legal, Studentenvisum, war an der FH in Dortmund eingeschrieben, dort schon lange nicht mehr aufgetaucht, hatte ein Praktikum in einem Werk in Langenheim gemacht, jobbte gelegentlich in der Stadt und war vor drei Monaten zu Frau Pritzke, der Mutter von Nathalie, auf den Spiegelberg gezogen.

»Ich selbst Vater, ich selbst bin guter Vater, kleiner Sascha, in Nishni Nowgorod. Guter Vater. Ich nicht gewusst, dass Platte heiß, ich nichts gewusst! Sollte ruhig sein, kleine Nati, nur ruhig, nicht mehr schreien, kein Heulen, aber Nati immer heulen, immer Mama, kein Essen, nichts.« Der Mann sprach schnell, hastig, die Zigarette im Mund. Die Innenseiten seiner Hände streifte er dabei beständig an seiner Trainingshose ab, als wolle er sie waschen. Sie kannte diese Geste von ihrem Vater. Sie hasste sie. Als der Beamte von der Staatsanwaltschaft weiter fragte, hatte Juri plötzlich wild mit dem Kopf geschüttelt. »Ich nichts sagen. Nur Advokat, mit Advokat, ich hier nichts sagen!« Das Gespräch war nach diesem Satz zu Ende gewesen.

»Zum Glück kam der Krankenwagen dann ja schnell.« Frau Urbanski schluckte wieder, schaute vor sich auf ihre weiße Tasse. Ihre linke Hand fuhr über den Tisch in Richtung auf Ninas Hand, die ihr entgegenkam und sie tröstend drückte. »Dieser Mann hatte die Hand des Mädchens tatsächlich auf die heiße Herdplatte gedrückt. Können Sie sich das vorstellen, Frau Renker, ein Mädchen, gerade mal drei Jahre alt, und die Hand, das kleine Händchen auf die glühende Kochplatte. Er muss Nathalie eigens hochgehoben haben, damit sie überhaupt an die Herdplatte reichte.«

»Lass uns gehen!«, schrie Martin.

»Martin, nicht so laut.«

Die Gäste an den umliegenden Tischen wurden still, wandten ihre Köpfe Martin zu. Frau Urbanski schaute erschrocken auf ihn.

»Tschuldigung, Herr Professor«, sagte sie dann leise und verunsichert, »aber es ist alles noch so frisch, wissen Sie«.

Frau Urbanski holte ein weißes Taschentuch aus ihrer kleinen schwarzen Ledertasche. Nina blickte in Martins geweitete Augen, in denen sich Schrecken, Ungeduld und Unbeherrschtheit spiegelten. Frau Urbanski wischte sich mit ihrem glatt gebügelten Taschentuch, das an den Rändern mit feinen Spitzen versehen war, die Tränen aus den Augen. Die anderen Gäste wandten sich wieder ab, sprachen dem Kuchen und den Brötchen zu. Nina schaute auf Martin.

»Ist schon gut, Frau Urbanski«, sagte sie leise, »Herrn Schrader geht es heute schon den ganzen Tag nicht gut.«

»Ist ja auch hart für Sie, Professor, und für Frau Renker.« Frau Urbanski machte eine Pause. Ihre Hand zitterte leicht, als sie die Tasse Kaffee zu ihrem Mund führte. »Jetzt auch noch der Wolfgang.« Sie nahm einen kleinen Schluck Kaffee und setzte die Tasse wieder vorsichtig ab. Dann holte sie erneut das Taschentuch hervor, tupfte ihre Augen damit und schnäuzte sich ganz leicht, nachdem sie lange zögernd auf das Tuch geblickt hatte. »Sie waren doch mal ’ne ganze Bande, das weiß ich noch, jagten immer mit den Rädern durch die Siedlung. Da war dieser nette Junge, Sebastian aus Nummer 52, der später Arzt wurde, den hab ich gern gemocht, der hat in der Kirche ausgeholfen, als der alte Küster damals den Herzinfarkt hatte. Und dann ist der Sebastian selbst so früh gestorben, viel zu früh.« Wieder führte sie ihr Taschentuch an die Nase, hielt es dort einige Sekunden lang, während sie vor sich auf den Tisch starrte.

»Wie hieß noch mal der Erste, der damals starb, der in der Flut blieb? Dessen Namen habe ich vergessen.«

»Paul hieß der Junge«, sagte Nina.

»Ja richtig, Frau Renker. Paul. Paul Weltermann, genau.«

»Ich muss hier raus, Nina«, Martin war nah an sie herangerückt, so nah, dass sie die kleinen Schweißperlen über Martins Oberlippe sehen konnte, »ich kann hier nicht länger sitzen, diese Geschichten hören und dazu noch Brötchen und Streuselkuchen essen. Ich kann auch nicht Susanne irgendwas Tröstliches zum Tod von Wolfgang sagen. Ich kann überhaupt nicht mehr sprechen, ich kann auch nicht mehr denken, Nina. Ich muss hier raus! Ich fang’ an zu schreien!«

Martin war von Satz zu Satz immer lauter geworden. Nina drückte fest seine Hand, hoffte, dass diese Berührung ihn beruhigen und ihn vor allen Dingen dazu veranlassen würde, leiser zu sprechen. Frau Urbanski schaute betreten vor sich auf den Kuchenteller, beschäftigte sich mit ihrem Kaffee und dem Stück Streuselkuchen, von dem sie still ganz kleine Stücke mit der Gabel abbrach und langsam zum Mund führte.

Das Ehepaar am Tisch rechts hatte sich bei Martins lauten Worten erneut zu ihnen umgedreht und schaute jetzt gebannt auf ihn. Martin klang ernst. Nina stand auf, ging um die Tische herum zu Susi, erklärte ihr, dass Martin gesundheitlich angeschlagen sei und sie deshalb leider eher gehen müssten. Susi nickte, suchte Martin mit ihren Augen, fand ihn nicht. Da sah Nina, wie Martin schon den Mantel gegriffen und den Weg zur Tür eingeschlagen hatte, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Es ist wirklich dringend, dachte Nina, er wird sich bestimmt übergeben müssen.

Tatsächlich stand Martin an einem Baum am Rande des Parkplatzes und würgte. Er würgte lange und erbärmlich, Nina stellte sich neben ihn. War es die Geschichte der kleinen Nathalie gewesen, die Martin so mitgenommen hatte? Nathalie war noch immer im Krankenhaus. Sie würden nächste Woche im Amt darüber beraten, ob das Kind der Mutter zurückgegeben werden könne. Nathalies Peiniger, dieser Juri Kaparov, verblieb in U-Haft, er würde wegen schwerer Kindesmisshandlung vor Gericht kommen, aber wenn er der Partner von Frau Pritzke bliebe, wäre das Kind gefährdet, könne also nicht in die Wohnung zurück. Nina hatte mit Nathalies Mutter gesprochen. Rancho, so nannte die Mutter ihren Freund, sei halt leicht aufbrausend. Sie wisse auch nicht, warum der vor zwei Wochen so durchgedreht sei. Sie liebe ihn aber weiterhin und sie blieben zusammen, er komme hoffentlich nicht ins Gefängnis, hatte Frau Pritzke noch hinzugefügt. Für nächste Woche hatten sie ein weiteres Gespräch vereinbart, einen Ortstermin im Spiegelberg Nr. 70.

Nina atmete tief ein. Die Sache mit Nathalie war zu einem schwierigen Zeitpunkt gekommen. Man hatte der Stadt vorletzte Woche knapp zweihundert weitere Flüchtlinge zugewiesen, 24 davon waren Jugendliche ohne Begleitung. Der Bürgermeister hatte beschlossen, sie in der Turnhalle der Waldschule unterzubringen, was sofort zu ziemlichen Reibungen mit den Eltern der Grundschüler geführt hatte. Sie war im Tageblatt angegriffen worden, weil sie kein Konzept für die syrischen Jugendlichen hätte, und gleich am Tag darauf war Nathalie misshandelt worden und wieder hatte die Zeitung ihr schweres Versagen vorgeworfen. Von den jugendlichen Flüchtlingen hatte sie Martin am Telefon erzählt, die Angriffe auf sie hatte sie verschwiegen. Sie wollte Martin auf der Exkursion nicht beunruhigen.

Nina schaute auf ihn, der sich jetzt regelrecht krümmte. Als er beim Würgen seinen langen Oberkörper nach vorn beugte, sah sie die lichte Stelle auf dem Kopf, die Martin so ärgerte. Sechzig war er im Mai geworden, und da er, wenn immer möglich, morgens seine Runden drehte, hatte er seine Figur einigermaßen gehalten, konnte noch immer seine Hosen Größe 102 von der Stange kaufen, ohne dass der Schneider etwas ändern musste.

Sie liebte diesen groß gewachsenen Mann, den sie seit ihrer Kindheit kannte. Gut, es war nicht mehr diese Art Liebe, wie man sie mit zwanzig empfindet, nicht mehr so unbedingt herzzerreißend wie früher, aber jedes Wochenende, das er nicht bei ihr in Langenheim verbrachte, achtete sie auf jede Regung ihres Handys, ob nicht doch eine neue SMS eingegangen war oder bei WhatsApp eine Nachricht auf sie wartete.

Wie oft las sie dann noch einmal den Verlauf der letzten Nachrichten. Und waren diese noch so lakonisch, ja banal, so eröffneten sie ihr doch immer wieder die Gewissheit ihrer Gefühle füreinander, zeigten ihre gegenseitigen Rücksichtnahmen, ihre Freude aneinander. Ja, es war ein engmaschiges Netz, das sie in diesen acht Jahren gewoben hatten, war mehr als ein Netz, war ein Nest geworden, und es würde noch dichter geflochten, wenn sie und Martin erst einmal in ihrem Haus wären. Er wusste ja noch gar nichts von ihrer Besichtigung in der Fleischhauerstraße, von dem Gespräch mit dem Makler, ein richtiges altes Fachwerkhaus voller Charakter, ihr künftiges Heim, nichts Provisorisches mehr, sondern ein schönes geräumiges Haus für sie beide. Sie würde die Zwischendecke zwischen Erdgeschoss und erster Etage wegnehmen, sodass sie einen großzügigen Eingangsbereich über zwei Etagen hätten. Der Makler hatte gesagt, es ginge.

Sie nahm sich vor, Martin bald von den Vorwürfen in der Zeitung und von ihrer Besichtigung und ihren Plänen zu erzählen, am besten heute noch. Sie wusste, Letzteres würde ihm guttun. Sie hatte schon seit Langem den Eindruck, dass er ein Projekt brauche außerhalb der Geografie und außerhalb des Seminars in Köln. Sie sah doch, dass er nach den vielen Jahren als Professor am gleichen Institut an der gleichen Universität müde geworden war, was er allerdings bestritt, wann immer sie es ansprach. Da könnte doch so ein Hausprojekt neue Energien wachrufen. Sie zumindest verspürte diese Energie, wann immer sie an das Haus dachte.

Nina legte ihm sacht die Hand auf die Schulter, doch Martin schüttelte sie unwirsch ab. Sie ging langsam die wenigen Schritte zum Auto, ließ Martin mit dem Würgen allein. Ein paar Minuten später folgte er ihr. »Was habt ihr mit diesem Schwein gemacht?«, fragte er. »Warum hast du mir nichts von dieser Sache erzählt?«

»Der kriegt ’n Verfahren.«

»Und lebt solange weiterhin bei seiner Freundin und deren Kind und schlägt es eines Tages tot, nur weil das Kind ihn beim Fußballschauen stört oder weil es Husten hat.«

»Er ist in U-Haft und kommt vor Gericht, Martin.«

»Locht ihn auf jeden Fall ein, der darf nie wieder mit einem Kind alleine sein!«

Nina blieb still. Martin schaute sie kurz an und öffnete die Fahrertür des Volvos. Er streckte sich gleich nach rechts hin und Nina erwartete, dass er ihre Tür von innen öffnen würde. Stattdessen sah sie, wie er als Erstes das DIN-A4-Blatt griff, auf dem sie das Foto vom Spielplatz 1965 ausgedruckt hatte und das noch von der Hinfahrt auf dem Beifahrersitz lag.

Kaum hatte Martin darauf geschaut, stockte alle weitere Bewegung. Martin saß auf seinem Sitz, in das Foto versunken. Er vergaß, den schmalen schwarzen Stecker in der oberen Türverkleidung hochzuziehen. Stattdessen verfärbte er sich, ergriff die Fotoseite mit beiden Händen, und Nina meinte zu sehen, wie Martins Hände dabei zitterten. Er starrte mehrere Sekunden lang intensiv auf das Foto, zerknüllte dann die Seite, entfaltete sie wieder und begann, sie zu zerreißen. Ein jeder Riss, so schien es ihr, ging jetzt durch einen der sieben Kinderköpfe, erst Paul, dann Ili, Heiner, Wolfgang, sie selbst. Die vielen kleinen Schnitzel fielen auf Martins schwarzen Mantel und auf den Wagenboden. Martin hatte das Foto mit einem Eifer zerstört, der Nina ratlos machte. Erst als sie an die Scheibe klopfte, schien er sich ihrer zu erinnern und entriegelte die Tür, während der letzte Papierschnitzel mit Sebastians Kopf darauf langsam auf den Beifahrersitz hinabschwebte.

»Darf ich dich daran erinnern, dass das mein Foto war?«, sagte Nina beim Einsteigen. Als sie saß und die Tür geschlossen hatte, schaute sie ihn von der Seite an. »Was machst du eigentlich, Martin?« Er antwortete nicht, schaute stur nach vorn. Und weil er nichts erwiderte, fügte sie nach ein paar Sekunden verärgert hinzu: »Ich kann mir das Foto ja jederzeit wieder ausdrucken.«

4

Martin, Paul, September 1964