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True Crime Taschenbuchausgabe des preisgekrönten BoD Titels "Der Kampf um Stalins Erbe" und dessen Hardcoverversion "Aequilibrium". Rasanter Thriller um Stalins Tod, den Kampf um seine Nachfolge und den Wendepunkt der Sowjetgeschichte: den 17. Juni 1953. Schnell geschnittene und neu zusammengestellte Ausgabe des Originaltitels.
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Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Stalin stirbt an einem Schlaganfall. Sein Tod kommt seinen möglichen Nachfolgern mehr als gelegen. Er lockert die Schlinge um ihren Hals und wird zum Startschuß für einen beispiellosen Machtkampf. Einigkeit wird beschworen. Doch einigen kann in Moskau nur der Tod. Um den Konkurrenten etwas anzuhängen, müssen Komplotte aufgedeckt oder konstruiert werden. So hat es Stalin gemacht, so werden es seine Schüler tun.
Drei Moskauer kennen diese Mechanismen. Ein Fehler, den sie vor vielen Jahren begangen haben, wäre nun ihr Todesurteil. Dieser Fehler führt direkt zu einem Dokument, das gar nicht mehr existieren dürfte. Der Beweis seiner Existenz ist Hochverrat. Alle, die daran mitgearbeitet haben sind tot. Bis auf einen, einer von ihnen.
Doch sie sind nicht schutzlos und nehmen das Spiel um ihr eigenes Leben auf. Ein schmaler Grat, auf dem sie sich bewegen müssen. Denn ein Fall wie ihrer wäre für den sinistren Geheimdienstchef Berija die Möglichkeit, mit einer Reihe von Leuten abzurechnen.
Handelnde Personen:
Die drei Moskauer:
Arkadij Belajew, Stenograph im Zentralkomitee
Nikolaj Samsonow, Generalmajor im Ministerium der Streitkräfte
Michail Aljochin, Außenministerium
Die Staatssicherheit:
Djabin, Sektorleiter Überwachung
Chnykin, Observierer
Storkatsch, Observierer
Trimailo, Ermittler
Bogoljubow, Vorgesetzter Djabins
Vadim und Andrej, Verhörer
Politiker:
Berija, Innenminister und Chef der Staatssicherheit
Molotow, Außenminister
Malenkow, Premierminister
Bulganin, Minister der Streitkräfte
Chruschtschow, Parteisekretär
Kaganowitsch, Stellvertreter Malenkows
Woroschilow, Staatsoberhaupt, Marschall
Schukow, Marschall und Stellvertreter Bulganins
Sonstige:
Rudenko, Kollege Belajews
Tatjana Petrowna, Hausmeisterin im Haus Belajews
Jablonskij, Kollege Samsonows
Natascha, Mädchen auf dem Roten Platz
Andrej, Bruder Nataschas
Anna, Frau Aljochins
Prolog
Buch
Moskau Zentrum
Zentrum Moskaus, zur gleichen Zeit
Leninbibliothek, Zentrum Moskaus
An den Patriarchenteichen
Auf der Moskwa
Man geht auseinander
Buch
In der Lubjanka
Die Entlassung
Nowgorod bei Leningrad
Über den Werdegang eines Chameläons
Auf dem Weg zur Arbeit
Unter Beobachtung
Auf dem Weg zurück aus Leningrad
Buch
Zweimal Futter für die Katze
Ein Abend im Theater
Im Einsatz
Auf dem Fußballfeld
Die Wohnung am Majakowskijplatz
Im Keller der Lubjanka
Auf der Suche nach Aljochin
Sitzungstag
Buch
Keller der Lubjanka
Zur gleichen Zeit, 16. Juni 1953, Berlin
Lubjanka zur gleichen Zeit
Zur gleichen Zeit, Berlin
Keller der Lubjanka zur gleichen Zeit
Der Abend in Berlin
Moskau, Lubjanka, zur gleichen Zeit
Berlin, 17. Juni 1953
Buch
Moskau, Granowskowo
Verräter unter uns
Chruschtschow fährt fort
Nichts geht mehr
Nicht mehr weit
Moskau, Kreml
Erstaunen
Moskau, Militärgefängnis
Die Aussprache
Der weitere Gang der Dinge
Epilog
Moskau war erstarrt. Nirgendwo das Surren der O-Bus Leitungen, keine Straßenbahngeräusche, keine Menschen in den Metrostationen des Moskauer Rings. Lediglich ab und an ein Militärfahrzeug oder ein Mannschaftswagen des Innenministeriums. Wenn die großen Boulevards nicht gewesen wären und die Häuserblöcke ringsum, man wäre sich vorgekommen wie in der alkoholtriefenden Stimmung eines Provinznests am Neujahrsmorgen. So einen Stillstand hatte die Stadt schon über dreißig Jahre nicht mehr erlebt. Sie war wie durch den Schlag getroffen, überall gelähmt außer in ihrem unmittelbaren Zentrum, in das die Menschen von überall her strömten.
Die Ereignisse waren zwar unerwartet über Moskau gekommen, zeichneten sich jedoch für jeden nachvollziehbar ab. Seit Tagen bereits war das gewohnte Radioprogramm alle paar Stunden verändert worden. Seit gestern Abend dann spielte man nur noch klassische Musik, allerdings kaum russische. Etwas Sowjetisches schien auch unpassend mit Ausnahme der Nationalhymne.
Der staatliche Rundfunk setzte ganz auf die bewährten Dirigenten des Todes: die Deutschen. So wurden Händels Largo, die Mondscheinsonate von Beethoven und immer wieder Schumanns Träumerei gespielt. Liszts Trauermarsch und Mozarts Requiem beherrschten den Äther und hatten dem aufmerksamen Hörer noch vor der offiziellen Bekanntgabe in den Nachrichtensendungen zu verstehen gegeben, was geschehen war. Stalin lebte nicht mehr.
„Wir sind schon so lange gegangen und kalt ist mir auch. Aber mir bleibt ja nichts anderes übrig. Mamusja hat nämlich gesagt: ‚Heute ist ein großer Tag. An so einem Tag müssen wir dabei sein.’
Mama, ich und natürlich auch Andreij, mein jüngerer Bruder. Ich bin sieben und gehe schon in die Schule. Schule Nummer 20 im Baumann Viertel.
Mein Lehrer, Anton Semjonowitsch, hat ebenfalls gesagt:
‚Heute ist ein großer Tag.’ Auch Papa hat das gesagt. Nur warum er nicht mitgegangen ist, hat er nicht gesagt.
‚Geht ihr mit Mama, ich habe zu tun.’ Aber was hat er zu tun? Nicht mal Anton Semjonowitsch muß heute arbeiten. Wir haben nämlich keine Schule.
‚An so einem Tag kann man nicht zur Schule gehen’, hat Anton Semjonowitsch gesagt, ‚da müßt ihr alle zum Roten Platz. Ein jeder sowjetischer Bürger muß zum Roten Platz.’ Scheinen ja auch alle da zu sein. So eng ist das hier. Nur Papa nicht.
„Andrjuscha, laß uns Steine und Ritzen spielen. Wer auf die Ritzen zwischen den Steinen tritt, verbrennt. Einverstanden? Du hast keine Lust? Na gut, dann habe ich eben gewonnen.“
Ich muß aufpassen, daß ich keine Ritze treffe. Vor allen Dingen heute nicht. Wir sollen doch alle zur Beerdigung unseres geliebten Führers, hat Anton Semjonowitsch gesagt. Genosse Stalin wird beerdigt, hat Mama gesagt und dabei geweint. Das macht sie häufiger.
‚Beerdigt?’ habe ich Mamusja gefragt. ‚Wieso beerdigt? Papa hat doch gesagt, Stalin wird bei Lenin im Mausoleum liegen. Wieso soll der dann in die Erde kommen?’
Wir waren schon mit Papa bei Lenin. Papa muß es wissen, wieso ist er heute bloß nicht dabei?
Ich werde auf keine Ritze treten. Das wird Stalin gefallen. Wahrscheinlich sitzt er irgendwo mit seiner Pfeife und sieht uns alle und auch mich.
Er sieht mich doch dort oben im Himmel. Da muß er ja sein. Ist ja schließlich unser Vater, hat Anton Semjonowitsch gesagt und der Vater ist im Himmel. So sagt meine Oma, meine liebe Babulja, bei der wir im letzten Frühling im Dorf waren.
‚Auferstanden ist Christus’, hat sie gesagt und der Nachbarin ein Ei gereicht.
‚Wirklich auferstanden ist er’, hat die geantwortet.
Und Papa hat auf einmal angefangen zu schimpfen.
‚Babulja schäm dich was.’
Und als ich gefragt habe, wer Christus ist, hat er auch mich angeschrien.
‚Den gibt es nicht’, hat er gebrüllt.
‚Natürlich gibt es den, der sitzt oben im Himmel beim Vater’, hat Babulja gesagt, bevor Papa mich und Andrej nach draußen geschickt hat.
Also sitzen sie jetzt zusammen da oben, dieser Christus und sein Vater, unser Vater - Stalin.
Auch wenn es den Anschein haben mochte, nicht alle waren auf dem Weg zum Roten Platz. Denn während die Stadt dort weinte, hatte sie den Tod eines anderen in ihrer Erstarrung vergessen. Die paar Menschen, die sich dem zweiten Trauerzug angeschlossen hatten, gingen den Trauernden des großen ersten entgegen zum Nowodewitscher Friedhof. Ein schlichter Sarg von einer Decke umhüllt, wurde von sechs Männern getragen. Die Prozession wurde angeführt von der Witwe des Verstorbenen, die in einen dicken Mantel gehüllt gegen den Schnee und die Trauer in sich kämpfte. Zu plötzlich war alles für sie gekommen, als daß sie jetzt schon in der Lage gewesen wäre, zu begreifen, daß sie ihren Mann auf seinem letzten Weg begleitete. Wahrscheinlich hätte der sich sogar eine solche Beisetzung gewünscht, auch wenn diese unter normalen Umständen so nicht für ihn vorgesehen war. Repräsentativ hätte diese sein müssen, staatstragend. Vergessen mancher Zwist in den letzten Jahren, der Staat hätte schon gewußt, wie er sich durch seinen Tod in Szene gesetzt hätte. Aber all das war jetzt nur noch Spekulation. Der Verstorbene hatte ohnehin nicht mehr die Zeit gehabt, sich zu seiner eigenen Beerdigung zu äußern.
Am Morgen seines Todestages hatte er über Kopfschmerzen und Unwohlsein geklagt, sich hingelegt, um sich ein bißchen auszuruhen. Vielleicht hatte ihn die Arbeit an seiner neuen Komposition in den letzten Tagen ein wenig zu sehr in Anspruch genommen. Vielleicht auch die Bulletins über Stalins Gesundheitszustand, die die Zeitungen vermeldeten und die das ganze Land in Unruhe zu versetzen schienen. Auf jeden Fall dachte er bei sich an nichts Ernstes, obwohl er sehr gut wußte, daß seine Gesundheit angeschlagen war und das seit Jahren schon.
Ein bißchen Ruhe würde es schon richten, dachte er. Dann jedoch ging alles sehr schnell. Die Kopfschmerzen waren kein Zeichen von Überarbeitung, sondern ein Schlaganfall.
Sergej Prokofjew starb noch am gleichen Tag. Allerdings ein paar Stunden danach auch Stalin und, wie es der Zufall so wollte, ebenfalls an einem Schlaganfall. Und so war kein Platz mehr für den Komponisten in den Zeitungen und im Radio kein „Peter und der Wolf“ oder eine „Symphonie Classique“. Auch nicht am nächsten Tag oder am Tag seiner Beerdigung. Sein Tod hatte einfach nicht stattgefunden. Es schien, als hätten die paar Trauernden unter diesen Umständen schon zufrieden sein müssen, daß so schnell überhaupt ein Grab zugewiesen worden war und daß man den armen Prokofjew nicht auf seiner Datsche in Nikolinoe Gore hatte begraben müssen. An Mussorgsky hatte auch keiner gedacht, als der im Delirium gestorben war und Mozart hatte man anonym in einem Armengrab verscharrt. Warum sollte es Prokofjew besser gehen?
Alle hielten inne, einige beteten, als sie am offenen Grab Lebewohl sagten, und warfen ein paar Blümchen auf den Sarg, die so aussahen, als wären sie zu Hause von den Fensterbänken weggeschnitten worden. Alle anderen Blumen nämlich, die Rosen, Sträuße, Kränze und was sonst noch ein festliches Begräbnis hätte ausmachen können, waren nirgendwo aufzutreiben gewesen. All die prachtvollen Blumen mußten ihren Dienst auf dem Roten Platz, im Kreml und im Säulensaal des Dom Sojusow verrichten, in dem Stalin aufgebahrt lag.
Auch andere hatten ihre Gründe nicht zur Beerdigung Stalins zu gehen. Im Haus an der Moskwa saß so ein jemand, der nicht gekommen war. Dunkle Ränder umgaben Arkadij Belajews Augen. Aber diese waren keineswegs Zeichen einfacher Müdigkeit oder Erschöpfung. Froh wäre er gewesen, hätte er diese wohltuende Schwere empfinden dürfen. In ihm aber war alles in Aufruhr. Wie ein Tier fühlte er sich, das nicht wußte, ob es zum Sprung ansetzen oder sich zurückziehen sollte.
Diese nicht nachlassende Anspannung, die alle Müdigkeit in ihm übertünchte, stach glühend aus seinen Augen hervor. Seine Hände, die unruhig über den Tisch fuhren, und seine Finger, die immer wieder an seinen Augenbrauen zupften und durch sein Haar glitten, das schon völlig durcheinandergeraten war und seinen sonst so akkuraten Scheitel nur schemenhaft erahnen ließ, verstärkten diesen Eindruck.
Zum Glück waren seine Frau und seine Kinder bereits nach den ersten Bulletins über Stalins Gesundheitszustand zu seinen Eltern nach Kursk aufs Land gefahren. Das heißt, er hatte sie geschickt, denn er wollte seiner bereits aufkeimenden Angst keine offene Flanke bieten.
Und wenn einer Angst haben mußte, dann er. Er wußte einfach zu viel.
An einer anderen Stelle in Moskau, genauer gesagt in der Sadowaja – falls man in diesem Fall überhaupt von genauer sprechen kann, denn die Sadowaja ist die riesige Moskauer Ringstraße – war noch jemand dem Ruf zum Roten Platz nicht gefolgt. Die Nachricht vom Gesundheitszustand des Woschd, des Führers, hatte ihn wie alle anderen auch unvermittelt getroffen, als er Radio gehört hatte. Die Plötzlichkeit des Ereignisses jedoch hatte bei ihm anders als bei Belajew keine Angst in Form hektischen Tuns und handlungsgetriebener Kopflosigkeit ausgelöst. Dennoch hatte er das gleiche Gefühl, nur daß sich bei ihm diese Angst auf andere Weise äußerte. Sie hatte sich über ihn wie ein Chloroformschleier gelegt und ihn benebelt. Er hatte Urlaub, hatte ihm dieser Nebel zu verstehen gegeben. Kein Grund also zum Roten Platz zu gehen. Außerdem ging er bei so einem Wetter ohnehin nicht freiwillig vor die Tür.
Fraglich war auch rein von außen betrachtet, ob ein Spaziergang für Nikolaj Samsonow, den seine Freunde nur Kolja nannten, in seinem jetzigen Zustand ratsam gewesen wäre. Denn er hatte sich seit fünf Tagen, seit er von den Ereignissen gehört hatte, in einen Zustand der Gleichgültigkeit getrunken. Hiervon erhoffte er sich, wenn auch nicht gleich die Erleuchtung, so doch zumindest einen Fingerzeig. Nicht vom Saufen natürlich, sondern weil er abergläubisch war, von der Anzahl der Tropfen, die sich auf dem Tisch nach jedem umgedrehten leeren Glas sammelten. Die zählte er wie ein Liebender die gezupften Blätter einer Blume. Und je mehr Gläser er innehatte, desto größer wurde sein Zutrauen zu den vermeintlichen Aussagen der Tropfen. Diese und der Schleier sagten ihm, er solle weitermachen und vorerst nicht aufhören. Welchen Grund hätte er auch gehabt?
„Mamusja, nun sag schon Andruschka, daß er nicht auf die Ritzen treten soll. Das ist gefährlich.“
Warum hört denn nur keiner auf mich?
Aua, das tut doch weh. Wer hat mich denn da von hinten geschubst. Jetzt wäre ich fast auf eine Ritze getreten. Wer schiebt mich denn da hinten. Wißt ihr denn nicht, daß ich nur auf die Steine treten darf. Das ist so schon schwer genug. Jetzt geht gar nichts mehr weiter. Die Leute vor mir sind stehen geblieben, aber ich stehe auf einem Stein. Mir kann nichts passieren. Warum drücken denn die Leute von hinten? Es geht doch nicht mehr weiter. Die Leute schieben immer stärker. Ich bekomme Angst. So eng ist das hier. Ich kann kaum noch atmen.
‚Der Armeelastwagen soll die Straße freimachen’, höre ich Leute schreien. Aber ich sehe keinen Lastwagen und einen Motor höre ich auch nicht. Ich rieche nur den Filzmantel der Frau vor mir. Sehen kann ich ihn nämlich nicht. Bin schon mit meinem ganzen Gesicht in ihm drin. Aber bewegt habe ich mich nicht. Muß also immer noch auf dem Stein stehen. Welch ein Glück. Vor mir höre ich Frauen. So laut und so hoch schreien sie. Ein plötzliches Kreischen von irgendwo und von dort und auch von woanders. Dann schiebt die Menge weiter. Ich verliere Mamas Hand.
„Mama, Mamusja, wo bist du? Ich habe deine Hand verloren.“
„Nataschka, Nataschka, gib mir deine Hand“, schreit sie.
„Mama, ich finde dich nicht, wo bist du?“
„Lassen Sie mich zu meiner Tochter. Ich muß doch zu meiner Tochter. Andrjuschka bleib‘ bei mir. Halt dich ganz fest. Nataschka, zwäng dich zwischen den Leuten durch zu mir.“
„Mama ich kann mich nicht bewegen, ich kann nicht, aber ich stehe auf einem Stein“.
Die Masse drängt wie ein Panzer und begräbt die ersten Menschen unter sich. Die, die fallen, bleiben unten. Geschrei. Panik. Jetzt endlich das Motorengeräusch. Der Lastwagen will wegfahren. Doch der Gang geht nicht rein und dann ist auch noch der Wagen abgewürgt. Der Fahrer bekommt ihn nicht wieder an.
Die Massen von hinten drängen die vorne gegen die Lastwagenwand und treiben, die, die sich wegdriften lassen wollen, gegen die beiden Hauswände rechts und links. Immer entsetzlichere Schreie und dann springt der Lastenwagen doch an und macht einen Satz, begräbt beim Wenden zwei Menschen unter sich, überrollt sie und fährt weiter nach vorn, wo noch immer Menschen hinfallen und von der Horde unter Schreien und Tränen niedergetrampelt werden. Andrjuschka ist mit seiner Mutter in Sicherheit.
Doch wo ist Nataschka?
Sie war schon die ganze Zeit über nervös gewesen, sie fühlte, daß etwas nicht stimmte, vor allem nach dem Gespräch mit der Nachbarin aus dem zweiten Stock. Das Blut war ihr in den Adern gefroren. Ihr Mann verhielt sich seit einigen Tagen so merkwürdig, wich ihr aus, wo er nur konnte. Welchen Grund hatte er dafür? Heute Abend würde sie ihn zur Rede stellen.
Sie hatte sogar schon überlegt, ihm zu folgen, so sehr quälte sie das ungute Gefühl, die innere Stimme, die ihr sagte, daß etwas nicht stimmte. Ständig passierte etwas in den letzten Tagen, wie sollte sie da nicht mißtrauisch werden und dann die Sache mit der Nachbarin. Anna, ihre Tochter, hatte schon die letzten Tage über immer wieder geweint, und seit heute wußte sie, weshalb. Es würde nicht anders gehen, sie mußte ihren Mann heute Abend zur Rede stellen, und hoffte, sie würde es schaffen.
„Was ist los?“ fragte sie ihn, als er seinen Mantel abgelegt hatte, ins Eßzimmer gegangen war und auf der Anrichte die Suppenterrine gesehen hatte, aus der ein kräftiger, frischer Geruch hervorstieg.
Die saß mit ihren beiden Kindern Anna und Jurij bereits am Eßtisch. Sie alle hatten nur auf ihn gewartet. Sie hatte eine kräftige Soljanka gekocht, mit besonders viel Stücken Fleischwurst und jüdischer Wurst. Sogar Oliven waren darin und eine Scheibe Zitrone. Er fragte sich, woher sie das alles bekommen hatte, und wußte, daß etwas passiert sein mußte.
Denn seine Frau bereitete diese Suppe nur dann zu, wenn sie jemanden trösten wollte, zu schwer war es, an alle Bestandteile heranzukommen, und Stückwerk gab es bei ihr nicht. Auch diesmal war sie wieder durch ganz Moskau gelaufen, hatte an verschiedenen Läden angestanden und sich die noch fehlenden Zutaten bei Nachbarn besorgt.
„Anjuschka ist traurig“, sagte sie.
„Anjuschka, mein Herz, was ist mit dir?“ fragte Michail Aljochin seine siebenjährige Tochter und sorgte sich, während der fünfjährige Jurij schon zu essen begonnen hatte, was ihm unter normalen Umständen gleich einen Rüffel von seiner Mutter eingebracht hätte.
Anjuschka mußte weinen.
„Man hat ihr in der Schule gesagt, daß ihre Freundin Natascha nicht mehr wiederkommen würde“, antwortete ihre Mutter.
„Die Kleine von den Nachbarn unter uns? Die haben doch noch einen kleinen Jungen. Wie heißt der denn noch?“
„Andrjuscha, Papa“, sagte Jurij unvermittelt und aß weiter, Soljanka gab es schließlich nicht jeden Tag.
„Ach ja genau, Andrej“, erwiderte Aljochin und streichelte dem kleinen Jurij über das blonde Köpfchen. Er sah seine Frau an. „Wieso nicht wiedergekommen, die wohnen doch unten? Was ist passiert?“
„Ich war bei den Nachbarn unten, aber das erzähle ich dir besser nach dem Essen.“
Sie hielt ihren Finger vor den Mund.
Aljochin nickte.
Als sie zu Ende gegessen und Anna die Kinder ins Bett gebracht hatte, saß Aljochin bereits in seinem Sessel im Wohnzimmer und befingerte die Armlehnen. Was wohl passiert sein konnte? Die Leute unter ihnen waren unauffällig. Er arbeitete irgendwo als Wachschutz, sie war mit den zwei Kindern zu Hause. Wie bei ihnen. Natascha und Andrej waren des öfteren hier, um zu spielen, genauso wie Anna und Jurij drüben waren. Er konnte es sich nicht vorstellen, was passiert sein konnte.
Seine Frau war zu ihm ins Wohnzimmer gekommen, nahm ihre Stickerei und setzte sich auf den Diwan. Ein weiteres Zeichen. Über ein Jahr hatte sie nun schon an der Landschaft gearbeitet ohne Aussicht, sie irgendwann in näherer Zukunft zu beenden. Sie griff zu ihr oder ihren Vorgängerinnen, wenn sie nicht wußte, was sie sagen sollte, um sich abzulenken und um Antworten auf Fragen durch einen Stich in die Fingerkuppe besser auszuweichen zu können.
Auch dieses Mal verharrte sie einige Minuten, doch es war zu spüren, daß sie sich etwas vorgenommen hatte, daß etwas aus ihr heraus mußte.
„Die kleine Natascha von unten ...“, begann sie umständlich.
„Ja, was ist mit ihr?“ entgegnete Aljochin.
„Tot ist sie!“ brach es aus ihr heraus.
Aljochin schaute sie an, fassungslos. Für einen Moment war alles still, nur die Standuhr war zu hören.
„Tot? Das ist doch nicht möglich!“ kam es aus Aljochin heraus. „Ein Unglück?“
„Wenn du so willst.“
„Was ist passiert?“ fragte Aljochin ungeduldig.
„Sie haben sie tot getrampelt“, antwortete seine Frau und konnte ihre Tränen nicht mehr unterdrücken. „Geht in die gleiche Klasse wie unsere Kleine und wird tot getreten, kannst du dir das vorstellen?“
„Ich begreife nicht.“
„Und du hast noch gesagt, geht allein, du hättest noch etwas zu tun. Hat der Nachbar unten auch gesagt und jetzt ist seine Tochter tot!“ schluchzte sie vorwurfsvoll durch die Tränen hindurch.
Aljochin begriff immer noch nicht. Worüber redete seine Frau?
Nach einer Pause erhob sie wieder Kopf und Stimme.
„Als wir auf dem Roten Platz waren, vorgestern als Stalin beigesetzt wurde, hattest du Wichtigeres zu tun und konntest nicht mit uns mitgehen. Hast uns da ganz allein gelassen mit der Masse.“
Aljochin begann zu verstehen. Er war nicht dabei gewesen. Er hatte seiner Frau und den Kindern gesagt, sie sollten ohne ihn zum Roten Platz gehen. Dasselbe hatte vermutlich eben jener Nachbar getan, nur daß ihm als Wachoffizier keine Wahl geblieben war. Er hatte wahrscheinlich in einem Armeewagen gesessen oder im Kreml Wache geschoben und seine Frau und seine Kinder allein geschickt.
Sie erzählte ihrem Mann, wie die kleine Natascha, von der Mutter fortgerissen worden sei. Steine und Ritzen habe sie spielen wollen, weil ihr langweilig gewesen sei, und schließlich wäre Panik ausgebrochen, und Natascha wäre nicht mehr zu sehen gewesen. Wenn doch nur ihr Mann dabei gewesen wäre, habe die Nachbarin gesagt, der sei stark, der hätte die kleine Natascha da herausgeholt. Aber sie, sie sei von der Menge getrieben worden, den kleinen Andrej an der Hand und hätte Natascha nicht mehr gesehen. Sie sei über alte Frauen und Männer hinweggestolpert, die zu Boden gegangen wären. Gehofft habe sie, Natascha unversehrt zu finden. Bis weit in die Nacht sei sie auf der Miliz gewesen. Dann heute morgen die Nachricht. Ein Milizionär sei zur ihr gekommen, begleitet von einem Parteifunktionär. Da wußte sie, daß sie ihre Tochter nicht mehr wiedersehen würde. Natascha sei erfroren in einem Park gefunden worden, habe sich wahrscheinlich verirrt. Kannst du dir das vorstellen, diese Lügner. Kein Wort von der Panik auf dem Roten Platz. Damit alles seine Richtigkeit hat, haben sie sie einfach erfrieren lassen.“
Sie hatte ihre Hände vor ihr Gesicht geschlagen und heulte. Sie hatte sich immer wieder vorstellen müssen, nicht ihre Nachbarin, sondern sie selbst wäre in dieser Situation gewesen. In der Masse vollkommen hilflos und alleine, niemand an ihrer Seite und ihr Mann dort, wo er es für wichtiger hielt!
Aljochin war in sich versunken. Er dachte an die Besuche, die er gemacht hatte, um zu erfahren, was auf Stalins Datscha vorgegangen war. Zur selben Zeit, als man Natascha totgetreten hatte.
„Ich schwöre dir, ich bring dich um, wenn du uns noch mal im Stich läßt. Hörst du mich?“
Aljochin kam zu seiner Frau an den Diwan, kniete und umarmte sie.
„Es gibt nichts Wichtigeres als euch, aber ich konnte nicht anders“, beteuerte er und versuchte damit seine Frau zu beruhigen.
Die wußte noch nicht recht, ob sie ihm glauben sollte. Doch je länger er vor ihr kniete und sie in seine warmen, verständnisvollen Augen schaute, desto mehr tat sie es.
Ihr wäre nicht in den Sinn gekommen, daß man niemals etwas in den Augen eines Chamäleons suchen sollte, geschweige denn finden konnte, und daß an der Beteuerung ihres Mannes nur die Lüge wahr gewesen war. Sie wußte ja nicht einmal, wer er wirklich war. Sie hatten einander erst im letzten Kriegsjahr kennengelernt, und er saß schon da, wo er auch jetzt saß, und seine junge Frau hatte ihn angehimmelt. Wie sollte sie da etwas ahnen, geschweige denn wissen?
‚Warum war er an jenem Tag woanders gewesen? Er habe zu tun, hatte er gesagt. Vielleicht hatte es etwas mit den neuen Verhältnissen zu tun. Hoch genug war er ja. Oder aber ...’, dachte sie an den weiblichsten aller Gedanken und ahnte nicht, was ihr Mann wirklich an jenem Tag gemacht hatte.
Wunderbar konnte sie sich mit ihm unterhalten, er war ein glänzender Erzähler, der sie mit seinen kleinen Anekdoten immer wieder zum Lachen brachte, fürsorglich war er, er liebte seine Kinder, was wollte sie mehr? Sie war fünfzehn Jahre jünger als er, eine Schönheit mit ihren langen braunen Haaren, den feingeschnittenen Zügen und einer Figur, die von einem Bildhauer hätte nicht besser gemeißelt sein können.
Sie glaubte fest daran, daß auch er sie liebte. Sie hielt ihn für aufrichtig und gerade heraus und sie lag damit nicht einmal falsch, denn genau dieser Aljochin war er für sie, seitdem sie sich kennengelernt hatten. Er hatte sie niemals betrogen, auch wenn er dazu mehr als eine Gelegenheit gehabt hatte, insofern war er auch aufrichtig und gerade heraus und ihr Bild stimmte.
Nur daß er in Wirklichkeit nicht mehr Aljochin hieß, genauso wenig wie sie jetzt, denn sie hatte den Namen angenommen, mit dem er sich damals auf der Straße vorgestellt hatte, und den der Standesbeamte in ihre Urkunde eingetragen hatte. Sie war keine Aljochina geworden, er aber ihr Mann und so hatten sich beide in diesem Leben eingerichtet, das Aljochin für sie erschaffen hatte.
Für ihn war mit den Ereignissen der letzten Tage der Zeitpunkt gekommen, ein jahrelanges Gedankenspiel in die Tat umzusetzen. Im Mittelpunkt dieses Gedankenspiels standen zwei Personen und ein Dokument, das es nicht geben durfte. Zu den zwei Personen mußte er nach sehr langer Zeit wieder Kontakt aufnehmen. An das Dokument aber durfte niemand herankommen. Das waren die einfachen Grundregeln.
Wieder und immer wieder hatte er dieses Spiel in allen seinen Einzelheiten vor seinem inneren Auge erstehen lassen. Zug um Zug, bis er jede nur erdenkliche Stellung kannte. Es war in seiner Umsetzung wie eine Form forcierten russischen Roulettes, bei der alle Kammern bis auf eine mit Patronen gefüllt waren, und der Spieler die Trommel mit aller Präzision drehen mußte, um die leere Kammer zu treffen. Er mußte es nun für die Übertragung in die Wirklichkeit vorbereiten.
Belajew war über den Zeitungen am Küchentisch eingeschlafen. Seine Arme waren verschränkt und dienten seinem Kopf als Unterlage. Er hatte den Mund einen Spalt breit offen stehen, und wie bei einem Kind floß ein wenig Speichel den Mundwinkel hinunter auf seinen Bademantel. Tief und schwer war sein Atem, so schwer, daß er schnarchte.
Die Zeitungen schienen seinen Geist rein äußerlich überlistet zu haben. Von außen betrachtet, sah man nichts von den inneren Kämpfen, die er mit sich ausgefochten hatte. Man sah nur das Durcheinander der Artikel, die er ausgeschnitten hatte. Das Meer von Zeitungen auf dem Tisch und auf dem Boden, hier ein Bericht ausgeschnitten, dort ein paar Sätze unterstrichen, erinnerte alles an die Redaktion einer Zeitung. Man hätte ihn für einen Redakteur halten können, der froh gewesen war, noch den richtigen Artikel in der morgigen Ausgabe untergebracht zu haben.
Er war allerdings kein Redakteur, auch wenn mitunter seine Notizen ähnlich aufgemacht waren, da er sich wie die Kollegen der Zeitung der gleichen Technik bediente. Wie Hieroglyphen sahen seine Notizblöcke für das ungeübte Auge aus. Wie ein Sturm fegte seine Hand für gewöhnlich über das Papier, denn die Kurzschrift versetzte ihn in die Lage so schnell zu schreiben, wie die Leute sprachen. Manches Mal war er sogar in der Lage so schnell zu schreiben, wie die Leute dachten.
Er kannte schließlich so viele von ihnen über eine so lange Zeit, daß es ihm über die Jahre möglich geworden war, angefangene Sätze - wie er es nannte – zum Punkt zu führen, noch bevor der Sprecher das eigentliche Satzende erreicht hatte.
Auf diese Technik war er angewiesen, da er im Gegensatz zu den schreibenden Kollegen oft das Gesagte mehrerer Personen gleichzeitig zu Papier bringen mußte, wenn es in Sitzungen hoch herging. Zudem war die Genauigkeit seiner Mitschriften gar nicht mit der der Redakteure vergleichbar, denn er arbeitete als Sektorleiter einer stenographischen Abteilung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und die Parteioberen zeichneten seine Reinschriften ab. So hatte er über die Jahre mehr von den Dingen erfahren, die diese Welt im Innersten zusammenhielt, als den meisten anderen lieb sein konnte.
Belajew kannte natürlich nicht alle Papiere, sondern nur die, die seine stenographische Mithilfe erforderlich gemacht hatten. Das waren allerdings über die Jahre so viele geworden, daß sich dagegen die Papiere in allen Geheimdienstarchiven der Welt zusammen genommen übersichtlich ausnahmen. Hinzu kam, daß die Sitzungen der letzten Tage von Kollegen stenographiert worden waren und man ihn erst wieder für den 13. März eingeteilt hatte. Er befand sich im Moment im Dunkeln und konnte aus all den Protokollen der vergangenen Jahre zu viel Licht in zu viele Angelegenheiten bringen. Die schlechteste aller Kombinationen aus Licht und Schatten, die er sich vorstellen konnte. Dann noch seine Wohnung dem Kreml gegenüber im Haus an der Moskwa, aus dem man schon so viele abgeholt hatte. Eigentlich hätte es einem Stenographen nicht zugestanden, eine solche Wohnung, vier Zimmer groß, in diesem Haus zu bewohnen, dem Symbol des Fortschritts, dem ersten Hochhaus Moskaus. Aber niemand von denen da oben hatte mehr in einer Wohnung wohnen wollen, aus der man während der großen Säuberung in den Dreißiger Jahren innerhalb eines Jahres drei Familien abgeholt hatte. Die Väter, so hieß es, habe man erschossen, die Mütter in Lager und die Kinder in Waisenhäuser gebracht.
So hatte ihm einer der Oberen als Gegenleistung für ein weitergeleitetes Protokoll diese Wohnung verschafft, aufgedrängt hatte er sie ihm, und wie hätte jemand wie er ein solches Geschenk ablehnen können? Seiner Frau hatte er von den drei Familien nichts erzählt.
Natürlich war der guten Sinaida Alexandrowna diese Einzelheit nicht verborgen geblieben. Aber Anstoß hatte sie deswegen nicht genommen. Ihr gefiel die Wohnung, so luxuriös und groß. Da hatte sie ihre Bedenken hintangestellt. Sie war schließlich durch und durch eine moderne sowjetische Frau.
Hätte sie jetzt am Fenster gestanden und wäre nicht mit den beiden Töchtern ins Kursker Gebiet gefahren, vielleicht hätte sie ihre Ansichten bezüglich der Wohnung noch einmal gründlich überdacht. Denn dort unten vor der Tür standen fünf dunkle Wagen, selbst für das Haus an der Moskwa zu viel. Allesamt Moskwitschs und Pobedas. In einem von ihnen sah man in den dunklen Fenstern von Zeit zu Zeit ein kurz aufflammendes Lichtlein, rötlich, als käme es von einer Zigarette. Und wer saß schon bei klirrendem Frost in einer schwarzen Limousine? Schon seit Stunden und wohl auch für den Rest der Nacht.
Wie lange Samsonow noch weitersaufen wollte, wußte er nicht. Nur, daß es auf keinen Fall mehr lange dauern durfte. Denn sein Urlaub ging zu Ende sein. Und einfach so zu fehlen, das konnte er sich nicht leisten, dann war man gleich ein Tunejadez, ein Tunichtgut, oder gar gleich ein Sabotaschnik.
‚Obwohl’, dachte er, ‚dann bist du halt krank. Darf man doch, mal krank sein. Ist ja Winter. Kalt ist es, zwanzig Grad Frost. Da kann man sich schon mal was auf die Brust holen. Ist doch nicht ausgeschlossen. Oder … ach nein, das kannst du nicht machen, Nikolaj. Du hattest letztes Mal schon Ärger mit dem Arzt, obwohl dein ganzer Arm vereitert war und du hohes Fieber hattest. Und dann die auf der Arbeit. Die sehen deine gelben Suffäuglein und schon heißt es: ‚Ja, ja Erkältung und wohl ´nen Wodkawickel auf die Brust gelegt, Generalmajor Samsonow.’ Und mit den neuen Gegebenheiten jetzt werden die noch weniger Spaß verstehen.’
Er griff zum Glas mit den Salzgurken, steckte drei seiner wurstigen Finger hinein und angelte sich zwei Stück zugleich heraus.
‚Aber wer versteht da eigentlich keinen Spaß?’ nahm er seinen Gedanken wieder auf und bemerkte dabei, daß die Antwort nicht so einfach war.
Er haute sich gegen seinen kahlen Kopf und sprach leise vor sich hin: „Nikolaj, aufwachen, Generalmajor Samsonow, aufwachen mußt du! Du weißt nicht mal, wer dein neuer Chef ist. Hättest du nicht so viel gesoffen und stattdessen ein bißchen Zeitung gelesen, dann wüßtest du es.“
Er füllte noch einmal fünfzig Gramm nach, um wieder zu sich zu kommen.
‚Ich muß ganz schnell herausbekommen, was los ist’, dachte er. ‚Oh Gott, oh Gott! Hat sicher schon alles in der Zeitung gestanden, wer neuer Minister der Streitkräfte ist. Ich muß doch in drei Tagen einen Vortrag halten. Nun sitze ich hier im Unterhemd auf dem Diwan und weiß nicht mal, was genau ich vortragen soll. Wenn ich etwas sage, was nicht auf Partelinie ist. Furchtbar wäre das! Ich muß wissen, was los ist. So schnell wie möglich muß ich das.’
Belajew hatte seine Wohnung verlassen, um zur nahen Leninbibliothek zu gehen. Die Prawdaausgaben, die er zu Hause hatte, reichten nur bis zum Jahresanfang. Er brauchte mehr, vielleicht zwei oder drei Jahrgänge, um auszuloten, was vor sich gehen könnte.
Einer Sache allerdings war er sich schon jetzt sicher: was geschehen war, war zu schnell gegangen, um unumkehrbar zu sein. Stalin hatte kein Testament hinterlassen, in dem der feiste Emporkömmling Malenkow und der wieselige Geheimdienstchef Berija standen. Die beiden hatten sich einfach genommen, von dem sie dachten, daß es ihnen zustünde.
Er saß an einem Tisch etwas abseits und hatte die Prawdaausgabe mit den ersten Informationen über Stalins Gesundheitszustand vor sich liegen.
„In der Nacht zum zweiten März“, las er leise flüsternd vor sich hin, „erlitt Genosse Stalin, der sich in seiner Moskauer Wohnung befand, eine Gehirnblutung.“
‚Komisch’, dachte er, warum wird seine Wohnung im Kreml überhaupt erwähnt und dann in so einem gestelzten Nebensatz dort hineingedrückt? Na ja, wird schon seinen Sinn haben.“
Er legte die Ausgabe weg und nahm sich ein freies Blatt Papier, ging seine Zettel durch und begann die Namen darauf zu ordnen. Zunächst tat er das ohne ein festes Ziel. Er wollte wissen, welchen zukünftigen Einfluß all die Personen hätten. Er begann die Bauern im Spiel im unteren Teil eines frischen Blattes zu notieren. Parteisekretäre aus den Regionen waren dabei, ein guter Teil des Parteiapparates, der im Zentralkomitee vertreten war. Aber auch bekannte Namen, altgediente Parteifunktionäre hatte er notiert, deren Einfluß nicht ausreichen würde, um sich frei zu schwimmen.
Blätter und Folianten lagen mittlerweile über drei Tische verteilt, kreuz und quer durcheinander, als Belajew zum Ende gekommen war. Er ordnete alles und, als er das obenliegende Blatt betrachtete, umspielte ein Lächeln seine Lippen. All die Personen nämlich und die Weise, wie er sie zusammengeführt hatte, konnten schon der Form nach zu urteilen, nicht dem Zufall entsprechen, denn sie ergaben ein Muster. Was er auf dem Blatt der Form nach sah, entsprach jener russischen Holzpuppe, aus deren Bauch sich immer wieder neue, kleinere Figuren entpuppen und von der nur das Innerste unverändert bleibt. Seine Anordnung war eine Matroschka: ein kleiner Kopf, bestehend aus fünf Namen, ohne Hals mit einem dickem Bauch, in dem der Bodensatz Platz gefunden hatte. Belajew wertete das als Zeichen, daß sich irgendwie aus der Matroschka heraus alles klären würde. Im Kopf der Matroschka standen die fünf Namen, die sich Hoffnungen auf Stalins Erbe machen durften.
Als er fertig war, warf er noch einen Blick auf die Prawda, die Stalins Tod vermeldet hatte.
„Liebe Genossen und Freunde!“ las er dort. „Das Zentralkomitee der kommunistischen Partei der Sowjetunion teilt in tiefster Trauer der Partei und der werktätigen Bevölkerung mit, daß am 5. März um 21 Uhr 50 nach schwerer Krankheit Genosse Stalin von uns gegangen ist!“
‚Schon wieder diese Übergenauigkeit’, dachte sich Belajew. ‚Wen interessiert die genaue Uhrzeit schon und das im ersten Satz der Meldung. Damit muß es etwas auf sich haben.’
Unterdessen hatte er über all die Zusammenstellungen und das Lesen nicht bemerkt, daß noch ein weiterer Gast in unmittelbarer Nachbarschaft Platz genommen hatte, fünf Tische neben ihm.
Diese zweite Person hatte sich, während Belajew noch immer in seine Lektüre vertieft war, den aktuellen 53er Jahrgang der Prawda holen wollen. Ein leiser, kaum hörbarer Fluch entfuhr ihm dabei, da den offensichtlich ein anderer las.
Er stand auf, hatte zwei frühere Bände unter den Arm und sah mit dem Rücken zu sich am Regal Belajew stehen, der noch ein paar Informationen über die Änderungen in der Zusammensetzung der Parteiorgane in Georgien in den letzten Jahren haben wollte.
Er stutzte, als hätte er Belajew wiedererkannt, war sich aber nicht sicher, obwohl ihm dessen Statur und Haltung bekannt vorkamen. Auf der anderen Seite traute er sich aber auch nicht, ihn anzusprechen und entschloß sich daher, einfach stehen zu bleiben, bis der sich umdrehte. Je länger er dort stand, desto geringer wurden seine Zweifel. Schließlich waren diese so gering, daß er die beiden Bände in seiner Hand fallen ließ, um sich bemerkbar zu machen.
Belajew drehte sich um.
„Nikolaj. Du hier?“
Sie schauten sich an.
„Nikolaj“, flüsterte Belajew. „Sei vorsichtig, ich weiß nicht, ob man hier abgehört wird. Laß uns lieber draußen treffen. Sagen wir in einer Stunde an den Patriarchenteichen an der Malaja Bronnaja. In Ordnung?“
Samsonow nickte.
Daß sich die beiden das letzte Mal gesehen hatten, lag bereits Jahre zurück. Genauer gesagt war dies bei einem Fußballspiel gewesen. Belajew und Samsonow waren Anhänger des Armeesportklubs ZSKA, lange bevor Stalin den Club letztes Jahr aus der Liga hatte nehmen lassen, weil dessen Spieler nach seiner Auffassung Schande über das Land gebracht hatten.
Belajew und Samsonow waren aber keine einfachen Zufallsbekannten, die sich ohnehin nur hier und da einmal auf den Straßen Moskaus begrüßten, um dann wieder für ein paar Wochen, Monate oder Jahre auseinanderzugehen und sich im Gewühl der Millionenstadt zu verlieren. Sehr viel länger kannten sie sich. Umso erstaunlicher muteten für einen Außenstehenden die kurze Begrüßung und der Verweis auf die Patriarchenteiche an. Aus ihrer Sicht allerdings nur der Ausbruch aus dem jahrelang eingeübten Ritual der Verdrängung. Niemand durfte sie zusammen erkennen, um keinen Preis.
„Warst du heute auch wegen deines kribbelnden Bauchs in der Leninbibliothek?“, fragte Belajew nach einer kurzen Pause.
„Was heißt ‚kribbelnder Bauch’?“ antwortete Samsonow. „Wenn es nur das gewesen wäre! Nackte Panik war es. Ich fange morgen wieder an zu arbeiten und weiß nicht einmal, wer neuer Minister der Streitkräfte ist. Kannst du dir das vorstellen?“
„Bulganin ist dein Minister.“
„So so.“
„Marschall Schukow ist sein Stellvertreter.“
