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Die „Sudbrack Sieben“ gegen die „Langen Ludwige“. Zwei Kinderbanden. Eine aufgegebene Ziegelei, ein Steinbruch und ein Haus, das sich kein Kind zu betreten traut. Aus gutem Grund. Mit der Weitläufigkeit und Spannung amerikanischer Kinder- und Jugenderzählungen und in der Erzähltradition klassischer deutscher Romane für Kinder ist dieses Buch entstanden. Geschwindigkeit und Grundzüge der Handlung sind vom Autoren vorgegeben worden. Regie allerdings hat sein Sohn Roman geführt. Jeweils nach ein paar Kapiteln durfte der bestimmen, wie es weitergehen sollte. Ein spannendes Experiment für beide. Das erste richtige Buch für den Sohn zum Selberlesen. Herausgekommen ist eine Erzählung, die nicht immer politisch korrekt ist. Dafür sorgen zum Glück unsere Kinder. Empfohlenes Lesealter 8-12 Jahre, aber auch für Erwachsene zum Selber- und Vorlesen.
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Seitenzahl: 102
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Für Roman
1 Was euch erwartet
2 Wo alles spielt
3 Wie alles angefangen hat
4 Bei Achim
5 Bei Ralf
6 Bei Peter
7 Bei Michi
8 Bei Block
9 Bei Diana
10 Wie man Chef wird
11 Im Steinbruch
12 Die „Langen Ludwige“ kommen
13 Wie es mit denen weitergeht
14 Auf dem Weg ins Haus
15 Wo bleiben die nur?
16 Was sollen wir tun?
17 Wie geht es jetzt weiter?
18 Ralf und Ludwig
19 Was da drin geschehen war
20 Neue Ideen
21 Wieder zurück im Steinbruch
22 Die Bremer Stadtmusikanten
23 Was ist denn das?
24 Die Stunde der Bremer Stadtmusikanten
25 Bringt mir den Schelm her
26 Auf der Jagd
27 Wie Helden gefeiert
Roman, pass auf! Das ist die Geschichte, die ich dir versprochen habe.
Darf ich dich etwas fragen: Kannst du dir vorstellen, dass auch Erwachsene mal Kinder waren? Schwer vorzustellen, stimmt’s?
Aber die Zeit vergeht sehr schnell. Du wirst zehn. Es dauert nicht lange, dann gehst du aufs Gymnasium. Wiederum nur ein paar Jahre und du bist mit der Schule fertig. Dann bist du groß, hast selber Kinder. Und ich bin dann Opa. Oder alles wird ganz anders sein. Wer weiß das schon?
Noch vergeht die Zeit für dich langsam. Doch die Zeit wird schneller vergehen, je älter du wirst. Hört sich komisch an, ist aber so.
„Das ist aber so.“
Noch so ein Satz, den Erwachsene sagen. So wie „Nicht labern, sondern machen!“
Für deine Geschichte gehe ich in der Zeit zurück. Sie spielt zu der Zeit, als ich so alt war wie du jetzt. In der Zwischenzeit habe ich viele Sachen vergessen und neue dazugelernt. Aber so großartig und toll wie man als Kind das Neue erlebt und man sich für alles begeistern kann, so schwierig wird es später, sich diese Begeisterung zu bewahren.
Aber bei dieser Geschichte war es noch einmal so wie früher. Als sie mir wieder eingefallen ist, habe ich mich darüber gefreut wie eine Bockwurst, bei der vor Glück die Pelle platzt. Gute Dinge fallen dir immer dann ein, wenn du sie nicht erwartest. Und dort, wo du sie nicht erwartest.
Bei mir war es im Schwimmbad. Irgendwo zwischen Bahn 33 und 35, die ich gerade geschwommen hatte. Ich habe mich so über den Einfall gefreut, dass ich gleich alles andere vergessen habe.
Das war nicht gut. Denn ich habe nicht ans Atmen gedacht und deswegen erst einmal ordentlich Wasser geschluckt. Sogar der Bademeister musste kommen.
Einiges habe ich in der Geschichte so gelassen, wie es gewesen ist. An anderes habe ich mich nach und nach erinnert. Und einiges habe ich hinzuerfunden, weil du es dir gewünscht hast. Die Namen habe ich übrigens alle geändert, weil die Geschichte für einige peinlich wird.
Also lass uns jetzt beide zurück in die Zeit gehen, in der ich ein Kind war. Als Stubenarrest noch eine Strafe war und nicht die Einladung zum Computerspielen.
Für mich fängt damals alles mit einem Bonanzarad an. Das ist mir als erstes eingefallen, als ich an deine Geschichte gedacht habe. Wie gesagt, zwischen den Bahnen 33 und 35 im Schwimmbad.
Du hast es ja oben schon gelesen: ich hatte dabei einfach das Atmen vergessen und Wasser geschluckt.
Aber bei einem Bonanzarad kann einem auch die Spucke wegbleiben. Es war ja schließlich das erste richtige Fahrrad, das ich bekommen habe.
Ein Bonanzarad wirst du sagen und dich fragen, was ist denn das? Und ich antworte dir: Wenn ein Volkswagen aus der Werbung „Das Auto“ ist, dann ist ein Bonanzarad „Das Fahrrad“. Ganz einfach.
Hat dein Mountainbike einen Sitz mit Rückenlehne? Hat dein Rennrad eine Gangschaltung wie im Auto? Nein, dann ist es auch nicht „Das Fahrrad“. Da hast du Pech gehabt. Du weißt immer noch nicht, was ein Bonanzarad ist? Habe ich mir schon gedacht. Ihr lest ja alle kaum noch, sondern schaut im Internet nach. Da findest du es auch.
Und du musst auch nicht denken, dass ihr die ersten gewesen seid, die Laserschwerter hatten. Weil es einfach nicht stimmt! Die hatten wir auch schon. Denn als ich Kind war, hatten sie „Krieg der Sterne“ gerade erfunden und zum ersten Mal im Kino gezeigt.
Eure Laserschwerter sind zwar besser, keine Frage, so mit Licht innen drin und schönen Farben.
Haben wir alles nicht gebraucht! Ha! Unsere Laserschwerter waren aus Holz und wir waren stolz drauf. Verdammt stolz! Wir hatten dazu alte Spazierstöcke von unseren Omas genommen. Gut, genommen ist nicht ganz richtig. Wir durften das natürlich nicht.
Wie nennt man das, wenn man etwas nimmt, was einem nicht gehört und keine Erlaubnis dazu hat? Unter uns Fachleuten ist das „Klauen“ oder so ähnlich.
Hätte ich gefragt: „Oma, gibst du mir deinen Stock? Ich will ein Laserschwert daraus bauen.“ Was meint ihr wohl, was hätte sie gesagt?
Also haben wir uns die Stöcke so genommen und sind in den Keller von meinem Freund Michi gegangen.
Stöcke auf die Werkbank, Zwinge dran, Fuchsschwanzsäge herausgeholt und ab mit den Griffen. Dann haben wir sie angestrichen mit altem Autolack von meinem Vater.
Und dann war ich Darth Vader und Michi Luke Skywalker. Natürlich haben uns unsere Omas erwischt, denn Laserschwerter kann man nicht im Geheimen ausprobieren. Wir haben das auf der Straße gemacht. So blöd waren wir und die Laserschwerter waren wieder weg und wir bekamen mächtig Ärger. Aber das war uns egal.
Wir wohnten in einem kleinen Viertel, einer gar nicht mal kleinen Stadt, die trotzdem niemand kennt. Wenn ich manchem heute sage, woher ich komme, bekomme ich viele mitleidige Blicke.
Ich verstehe gar nicht warum, denn für uns Kinder hatte die Stadt alles. Wahrscheinlich gucken die mich doof an wegen Fußball. Wegen Arminia. Kennt ihr nicht, macht nichts. Geht vielen so.
Die meisten wissen auch gar nicht, wovon sie sprechen, wenn sie über Bielefeld reden. Denn auf den meisten Autobahnschildern fehlte Bielefeld damals, weil da eh keiner von der Autobahn abfahren wollte.
So sind sie alle auf dem Weg von Hannover nach Dortmund vorbeigefahren, die Luschen die.
Für mich als Kind ist sie die schönste Stadt, die man sich vorstellen kann, na ja vielleicht nicht die allerschönste, aber besser als Hannover und Dortmund. Und auch besser als Münster. Kennt ihr auch nicht? Macht nichts.
Ihr werdet sagen, das stimmt doch gar nicht mit der schönsten Stadt, meine Stadt ist viel schöner. Mag sein, dass ihr das sagt. Aber hat eure Stadt eine Burg? Ein paar Bunker aus dem letzten Krieg? Einen Zoo, in dem man alle Tiere mit der Hand füttern kann und in dem man alle Tiere kennt, weil sie bei uns in den Wäldern leben. Wenn ihr jetzt ja sagt, ist eure Stadt wirklich genauso schön wie meine. Mein Glückwunsch, freut euch drüber.
Aber habt ihr auch ein Viertel wie unseres? Wir hatten zwei Fußballplätze, vier Spielplätze, einen Kiosk, den Milchmann Plumpe, einen Supermarkt mit Kindercola und einem halben Liter Eis „Fürst Pückler Art“ für eine Mark, eine Tankstelle, einen Park, zwei Teiche mit Enten und Schwänen, einen Bach mit kleinen Fischen, die man fangen konnte, zwei Wiesen, ein Wäldchen - und einen Steinbruch! Und das alles mitten in der Stadt!
So beim ganzen Erzählen bekomme ich schon keine Luft mehr, deshalb höre ich jetzt mal auf. Ich glaube, ihr habt jetzt einen ersten Eindruck von unserem Viertel gewonnen, das übrigens Sudbrack heißt.
Na, fällt der Groschen? In unserer Bande waren sieben Leute. Daher unser Name die „Sudbrack Sieben“. Das sollte erst mal reichen. Ach so, ihr fragt euch, was Mark und Groschen sind. Entschuldigt, das war früher unser Geld, halb so viel wert wie das heute, aber doppelt so schön.
Ja, ja, ich weiß, nicht labern, sondern machen, ihr wollt die Geschichte hören. In Ordnung. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, wir hatten einen Steinbruch. Das ist wichtig für die Geschichte. Die spielt nämlich da, zumindest der größte Teil.
Das ganze Gelände war vielleicht einen Kilometer mal anderthalb groß. Eine riesige Grube mit Hügeln drin und Wänden aus Stein und Lehm an ihren Rändern. Der Stein war Schieferstein. Ihr habt ihn vielleicht schon mal gesehen. Schwarz ist er. Man kann dünne Platten daraus machen. Es gibt ihn als Dachziegel und viele Häuser sind damit bedeckt.
Wenn du in diesem Steinbruch auf die Schieferwände gehauen hast, hast du damit aber keine normalen Schieferplatten zerbröckelt, so wie es sie überall gibt.
Du hast Muscheln frei gehauen. Ja, Steine mit Muscheln, Steine mit Schnecken, Steine mit Blumen und Pflanzen. Versteinerungen heißen solche Muscheln und Schnecken in Steinen.
Alles hier war mal ein Meer gewesen, vor über 100 Millionen Jahren, doch ich hab es damals nicht geglaubt. Wie sollte hier ein Meer gewesen sein? So ein Quatsch! Wir haben doch hier schon immer gewohnt.
Obwohl so ein Meer direkt vor der Haustür, das wär es gewesen. Aber vor Millionen von Jahren gab es noch keine Haustüren, hat mein Vater damals gesagt.
Als die Schnecken hier waren, gab es auch noch keine Menschen, hat er gesagt. Und Dinosaurier, hat es die gegeben, hatte ich meinen Vater gefragt. Auch die noch nicht. Dann war das wohl der Anfang der Welt gewesen, das Urmeer, hatte ich mir gesagt. Hier in Bielefeld, in unserem Viertel, in Sudbrack. Kein Wunder, dass da etwas Besonderes passieren musste.
Mit dem Lehm im Steinbruch hatte man früher Ziegel gebrannt. Die Reste der Ziegelei mit ihrem großen Schornstein und verfallenen Häusern waren noch zu sehen.
Außerdem gab es ein Bauernhaus, und auf dessen Gelände gab es einen großen Hund. Max hieß der, aber für uns war er nur das Ungeheuer. Immer wenn er vollkommen alleine auftauchte, sind wir gerannt wie die kleinen Teufel, um nur ja vor diesem Biest auf den Bäumen zu sein. So groß und gefährlich war der!
Alles andere werdet ihr im Laufe der Geschichte kennenlernen, das muss ich euch jetzt nicht erzählen.
Es war damals Sommer, die letzte Woche der Sommerferien genauer gesagt, keiner von meinen Freunden war in den Urlaub gefahren, so dass wir jeden Tag miteinander gespielt hatten. Wir hatten uns gegenseitig satt und uns wurde langsam langweilig.
Es war die ganzen Ferien über sehr heiß gewesen. Das Thermometer meiner Eltern, konnte schon gar nicht mehr die höchsten Temperaturen anzeigen. Das heißt, es musste über 35 Grad draussen gewesen sein. Denn bei 35 Grad endete unser Thermometer.
So war uns nicht nur langweilig, sondern wir waren auch matt und platt durch die Sonne. So fertig waren wir, dass ich nicht einmal Lust hatte, die Pfandflaschen auf dem Sportplatz wie jeden Montag einzusammeln, um sie im Laden abzugeben und gegen Eis zu tauschen.
Ich sah, dass der kleine Didi dort unten auf dem Sportplatz alles absuchte und einsammelte. Mir war es schnuppe. Vollkommen schnuppe. Ach, ihr kennt das Wort „schnuppe“ nicht. Das haben wir früher immer benutzt. Es heißt so viel wie „egal“. Schaut nicht auf jedes Wort, ihr werdet die Geschichte auch so verstehen.
‚Lass ihn doch’, dachte ich großzügig. ‚Wenn sie der kleine Didi nicht holt, holt sie der dicke Fritzi später’.
Herr Fritzi war Hausmeister des Sportplatzes von Grün-Weiß, unseres Fußballvereins. Er betrieb dort unten einen kleinen Kiosk. Herr Fritzi versuchte, mich schon seit Ewigkeiten zu erwischen. Denn die Pfandflaschen, die ich abgab, gehörten streng genommen ihm. Die Fußballzuschauer hatten sie bei ihm gekauft und während des Sonntagsspiels auf dem Platz liegenlassen. Der Montag war dann immer meine Chance oder wie heute die des kleinen Didi. Herr Fritzi war zu faul, sie am Sonntag nach dem Spiel aufzuheben. Selber Schuld, dachte ich.
Aber heute hatte ich keine Lust, durch den Wald über den Bach zum Sportplatz zu laufen. Ich war einfach ohne jeden Antrieb, wie ein Luftballon, aus dem die Luft abgelassen worden war.
So lief ich herum. Ohne Ziel und ohne irgendeinen Plan. Ich musste lachen, als ich den kleinen Didi über den Platz schleichen sah. Der hatte nicht nur Angst vor Herrn Fritzi, sondern auch ganz offensichtlich vor mir. Ich fühlte mich gut und dachte an ein Eis.
