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Ich bin du, und du bist ich Naomi ist dreizehn und der größte Popstar der Welt. Sie tritt in Amerika auf, tourt durch Japan, und alle, einfach alle finden sie toll. Aber richtige Freunde hat sie keine, und wenn sie mal shoppen gehen will, wird das Einkaufszentrum nur für sie geöffnet – nachts, wenn sonst niemand dort ist. Ruby ist Naomis größter Fan. Sie kennt die Texte zu jedem ihrer Lieder, sie kann alle Moves nachmachen und träumt heimlich davon, Naomis allerbeste Freundin zu sein. Als die beiden Mädchen zufällig aufeinandertreffen und – zack! – die Körper tauschen, gerät Ruby von einer Sekunde auf die nächste ins Rampenlicht. Wird sie ihr neues Superstar-Leben lieben oder wird sie am Ende genauso einsam sein wie Naomi? Und wird Naomi herausfinden, dass sie weltberühmt und doch ein normales Mädchen sein kann? Erfolgreiches Dream-Team: Die Bestsellerautorin Katy Birchall (»Emma Charming«) und der Show-Star Alesha Dixon (»Britan's Got Talent«) schreiben zusammen eine Körpertauschgeschichte voller Drehungen und Wendungen, bei der man nie weiß, was als Nächstes kommt – witzig, turbulent und charmant!
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2023
Alesha Dixon | Katy Birchall
Mein (Dein) Leben steht Kopf
Plötzlich bin ich du!
Naomi ist dreizehn und der größte Popstar der Welt. Sie tritt in Amerika auf, tourt durch Japan, und alle, einfach alle finden sie toll. Aber richtige Freunde hat sie keine, und wenn sie mal shoppen gehen will, wird das Einkaufszentrum nur für sie geöffnet – nachts, wenn sonst niemand dort ist. Ruby ist Naomis größter Fan. Sie kennt die Texte zu jedem ihrer Lieder, sie kann alle Moves nachmachen und träumt heimlich davon, Naomis allerbeste Freundin zu sein. Als die beiden Mädchen zufällig aufeinandertreffen und – zack! – die Körper tauschen, gerät Ruby von einer Sekunde auf die nächste ins Rampenlicht. Wird sie ihr neues Superstar-Leben lieben oder genauso einsam sein wie Naomi? Und wird Naomi herausfinden, wie sie weltberühmt und doch ein normales Mädchen sein kann?
Erfolgreiches Dream-Team: Die Bestsellerautorin Katy Birchall (»Emma Charming«) und der Show-Star Alesha Dixon (»Britan's Got Talent«) schreiben zusammen eine Körpertauschgeschichte voller Drehungen und Wendungen, bei der man nie weiß, was als Nächstes kommt – witzig, turbulent und charmant!
Weitere Informationen finden Sie unter www.fischer-sauerlaender.de
© John Wright
Alesha Dixonist eine in Großbritannien sehr erfolgreiche Popsängerin und moderiert dort viele bekannte TV-Shows. Sie ist außerdem eine äußerst beliebte Jurorin bei der Castingshow »Britain’s Got Talent«. Zusammen mit Katy Birchall hat sie bereits mehrere Kinderbücher geschrieben, die in Großbritannien viele Fans haben.
Katy Birchalllebt nach einem Studium der Englischen Literatur- und Sprachwissenschaft wieder in ihrem Geburtsort London, England, und ist als Schriftstellerin und freiberufliche Journalistin tätig. Nach ihrem erfolgreichen Debüt als Jugendbuchautorin mit »Plötzlich It-Girl« begeistert sie jetzt auch jüngere Leser*innen.
Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage finden Sie unter www.fischerverlage.de
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die englische Originalausgabe erschient 2020 unter dem Titel Star Switch bei Scholastic Children's Books, London, a divison of Scholastic Limited
Text © Alesha Dixon, 2020
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2023 Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag GmbH,
Hedderichstraße 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Dahlhaus & Blommel Media Design,
unter Verwendung einer Illustration von Nuna Ramalhão und nach einer Idee von Steve Simpson © Scholastic, 2020
Coverabbildung: Nuna Ramalhão © Scholastic, 2020
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-7336-0452-3
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Widmung
KAPITEL EINS RUBY
KAPITEL ZWEI NAOMI
KAPITEL DREI RUBY
KAPITEL VIER NAOMI
KAPITEL FÜNF RUBY
KAPITEL SECHS NAOMI
KAPITEL SIEBEN RUBY
KAPITEL ACHT NAOMI
KAPITEL NEUN RUBY
KAPITEL ZEHN NAOMI
KAPITEL ELF RUBY
KAPITEL ZWÖLF NAOMI
KAPITEL DREIZEHN RUBY
KAPITEL VIERZEHN NAOMI
KAPITEL FÜNFZEHN RUBY
KAPITEL SECHZEHN NAOMI
KAPITEL SIEBZEHN RUBY
KAPITEL ACHTZEHN NAOMI
KAPITEL NEUNZEHN RUBY
KAPITEL ZWANZIG NAOMI
KAPITEL EINUNDZWANZIG RUBY
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG NAOMI
KAPITEL DREIUNDZWANZIG RUBY
KAPITEL VIERUNDZWANZIG NAOMI
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG RUBY
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG NAOMI
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG RUBY
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG NAOMI
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG RUBY
EPILOG NAOMI
DANK
Für meine Mädchen Azura und Anaya, die mich jeden Tag aufs Neue inspirieren.
Manchmal träume ich davon, ein berühmter Popstar zu sein.
Dann tauche ich in den immer gleichen verrückten Tagtraum ab, in dem ich jemand ganz anderes bin, jemand Glamouröses und Selbstbewusstes. Ich stelle mir vor, wie ich im Scheinwerferlicht eine gewaltige Bühne betrete, unter den Blicken Tausender Fans, die kreischen und jubeln, während ich mir das Mikro schnappe und in der Bühnenmitte in Position gehe. Meine Backgroundtänzerinnen formieren sich hinter mir, und dann verdunkelt sich die Bühne. Die Band spielt die ersten Takte, Musik erfüllt das Stadion. Begeisterter Jubel brandet auf, als die Fans den Anfang ihres Lieblingssongs erkennen. Die Scheinwerfer gehen an, und ich lege eine unglaubliche Tanzchoreographie hin, perfekt synchron mit meinen Tänzerinnen. Dann hebe ich das Mikro an die Lippen und …
PLATSCH.
»AHHH!«, schreie ich und springe auf, weil mich ein großer Klecks Kartoffelbrei mitten im Gesicht getroffen hat. »WAS SOLL DAS?!«
»Ups.« Mein Bruder Roman kichert. »Sorry, Ruby. Ich hatte eigentlich auf Reggie gezielt.«
Unsere zottelige Hündin Daisy kommt von ihrem Körbchen herübergetänzelt und springt fröhlich bellend an mir hoch. Offenbar hofft sie darauf, dass mir der Kartoffelbrei vom Gesicht tropft und sie ihn vom Boden schlecken kann.
»War trotzdem ein guter Wurf«, kommentiert John vom anderen Ende des Tisches. Er hebt gerade lange genug den Kopf aus seinem Buch, um anerkennend meine kartoffelverschmierte Visage zu betrachten. »Du hast Ruby wirklich mitten ins Gesicht getroffen, nicht schlecht.«
»Danke, John«, antwortet Roman grinsend und belädt seinen Löffel mit dem nächsten Klecks Kartoffelbrei.
»Kann mir mal jemand eine Serviette geben?«, frage ich und zeige auf einen Stapel Papiertücher, der außerhalb meiner Reichweite liegt, während Daisy mich weiter anbellt. »Der Kartoffelbrei läuft mir ins Auge!«
»Der Wurf war grottenschlecht«, widerspricht Reggie, der neben mir sitzt. »Was eigentlich niemanden überraschen sollte. Roman war schon immer der schlechteste Werfer der Familie.«
»Geht das schon wieder los«, sagt Roman seufzend. »Neid ist keine schöne Eigenschaft, Reggie. Find dich endlich damit ab, dass ich der mit Abstand erfolgreichere, talentiertere und intelligentere von uns beiden bin. Von meinem besseren Aussehen ganz zu schweigen.«
Reggie verdreht die Augen. »Wir sind eineiige Zwillinge. Wo siehst du denn besser aus?«
»Meine Augen sind schöner«, verkündet Roman schulterzuckend.
»Sagt wer?«
»Mum.«
»Könnte mir BITTE jemand eine Serviette geben?«, übertöne ich Daisys Bellen und versuche, mir den Kartoffelbrei mit den Händen abzuwischen. Damit mache ich aber alles nur noch schlimmer, verschmiere den Brei im ganzen Gesicht und verklebe mir die Wimpern.
»Mum«, ignoriert mich Reggie einfach, »hast du Roman wirklich gesagt, er hätte schönere Augen als ich?«
»Was ist, mein Schatz?«, fragt Mum vom Kopfende des Tisches und blickt verwirrt von dem Manuskript auf ihrem Schoß auf. »Ja, du kannst gern noch mehr Kartoffelbrei haben. Bedien dich einfach. Daisy, könntest du bitte aufhören zu bellen, meine Süße?«
»Das war nicht meine Frage, Mum!« Reggie lacht und schüttelt den Kopf, als Daisy noch lauter zu bellen beginnt. »Findest du, dass Roman schönere Augen hat als ich?«
»Ihr habt beide wunderschöne Augen«, versichert ihm Mum und wendet ihre Aufmerksamkeit wieder dem Manuskript zu. »Wie alle meine Kinder. Die habt ihr von mir.«
»Serviette! Bitte! Ich habe Kartoffelbrei im Auge!«, rufe ich verzweifelt.
»Gar nicht wahr, Mum. Jeroame hat total komische Glupschaugen«, stichelt Roman und zieht seinen Löffel nach hinten, bereit, die nächste Ladung Kartoffelbrei über den Tisch zu katapultieren.
»Ich besitze die Augen eines griechischen Gottes«, erwidert Jeroame würdevoll und tippt weiter auf dem Handy herum. »Das ist übrigens das wortwörtliche Zitat von einem Modelagenten, der mich mal in der Fußgängerzone angesprochen hat.«
Reggie schnaubt. »Na klar.«
»Mum, mache ich nicht alle crazy mit meinem Modellook?«, fragt Jeroame und grinst verschmitzt.
»Ja, Schatz, Daisy ist ein Knuddelhund«, antwortet Mum geistesabwesend.
»KANN MIR BITTE ENDLICH JEMAND EINE SERVIETTE GEBEN?«, brülle ich und haue mit der Hand auf den Tisch.
»Ist ja schon gut, beruhig dich«, sagt John und wirft das Päckchen Servietten über den Tisch. »Du hättest nur danach fragen brauchen.«
»Ja, da muss man wirklich nicht so herumbrüllen, Daisy. Äh, Ruby, meinte ich. Entschuldige, ich verwechsle euch immer«, murmelt Mum und kritzelt mit konzentriert gerunzelter Stirn etwas an den Rand des Manuskripts.
»Aber, Mum!«, protestiere ich verzweifelt und wische mir den Kartoffelbrei aus den Augen. »Ich habe total oft darum gebeten, und niemand hat mir zugehört! Das hat mich echt …«
PLATSCH!
»Ups.« Roman kichert, während ein weiterer Klecks Kartoffelbrei meine Wange hinunterrutscht.
Daisy bellt verzückt und springt so heftig an mir hoch, dass sie mich fast vom Stuhl wirft.
»Irgendjemand müsste mal dringend diesen Hund erziehen«, merkt John an und blättert eine Seite in seinem Buch um.
»Damit ist es offiziell«, verkündet Reggie kopfschüttelnd. »Roman, du bist der schlechteste Werfer aller Zeiten.«
»Und was war damals, als du den Ball in den See geworfen hast, Reggie?«, fragt Jeroame.
»Das war nicht meine Schuld!«, verteidigt sich Reggie.
Ich greife nach einer weiteren Serviette und quittiere das Chaos um mich herum mit einem langgezogenen Seufzen.
So geht es bei uns jeden Tag zu.
Als jüngstes von sechs Kindern bin ich den ständigen Lärm von klein auf gewöhnt. Beim Abendessen ist es am schlimmsten. Meine Brüder sind zum Glück absolute Morgenmuffel, weshalb das Frühstück deutlich angenehmer verläuft. Aber abends, wenn wir alle von der Schule zurück sind, fühle ich mich manchmal an eine David-Attenborough-Doku über einen Erdmännchenclan erinnert, den ich mal gesehen habe.
Der meiste Lärm geht normalerweise von Roman und Reggie aus, die eineiige Zwillinge und siebzehn Jahre alt sind. Beide sind extrovertiert, energiegeladen und echte Sportskanonen. Ständig wetteifern sie darum, Kapitän irgendeines Teams zu werden, und mit ihren verschiedenen Mannschaften haben sie bisher genau gleich viele Pokale mit nach Hause gebracht. Weil sie sich gegenseitig leidenschaftlich gern aufziehen, verbringen sie viel Zeit damit, dem jeweils anderen Streiche zu spielen oder ihn zu Dummheiten herauszufordern, die regelmäßig in einer Katastrophe enden. So wie gestern, als Reggie Roman dazu brachte, in einem Wäschekorb die Treppe hinunterzurutschen.
Bei der Aktion ging nicht nur der Korb kaputt, nein, Roman schaffte es außerdem, mit dem Fuß im Treppengeländer stecken zu bleiben. Daraufhin warf Reggie den Kopf zurück, um in lautes Gelächter auszubrechen, und stieß dabei versehentlich eine Lampe um, deren Scherben überall herumflogen.
Jeroame lachte nicht. Er stürmte aus seinem Zimmer und brüllte die beiden an, warum sie so laut seien, dass er seinen Chef am Telefon nicht verstehen könne. Jeroame ist neunzehn, mit der Schule fertig und macht gerade ein Praktikumsjahr an einer Forschungseinrichtung, bevor er in Oxford Chemie studiert. Freitagabends sucht er oft irgendeine Dokumentation im Fernsehen aus, die wir uns dann zusammen ansehen. Irgendwie schafft er es, sich jedes kleine Detail zu merken, das er einmal gehört hat. Ich finde es schön, dass er noch eine Weile zu Hause wohnt, vor allem jetzt, da Isabella weg ist.
Isabella ist die Älteste von uns. Sie ist einundzwanzig und studiert Medizin, tritt also in Dads Fußstapfen. Er ist Chirurg. Ich vermisse Isabella sehr, weil es schön war, ein zweites Mädchen im Haus zu haben. Sie hat die Jungs regelmäßig ausgeschimpft, wenn sie wieder einmal ihre stinkenden Socken herumliegen ließen, und meistens haben sie sogar auf sie gehört. Auf mich hört keiner, außer vielleicht manchmal John.
John ist altersmäßig am nächsten an mir dran, mit seinen fünfzehn Jahren ist er nur zwei Jahre älter. Als Zweitjüngster weiß auch er, wie man sich am Ende der Nahrungskette fühlt. Ihm scheint es allerdings nicht so viel auszumachen, ignoriert zu werden, er zieht einfach sein Ding durch und ist damit zufrieden. John ist ein Bücherwurm und eher ruhig, das hat er von Mum. Genau wie sie lebt er in seiner eigenen Welt. Letztes Jahr hat er mit einer seiner Geschichten einen Schreibwettbewerb der BBC gewonnen und war deswegen sogar im Fernsehen. Er will auch Lektor werden und hat bereits Mums Angewohnheit übernommen, auf Schritt und Tritt ein Buch mit sich herumzuschleppen, sogar am Abendbrottisch. Die beiden haben sogar die gleichen Gesten und Ticks. Echt unheimlich.
Tja, das ist sie also, meine große, durchgeknallte Familie voller Erfolgsmenschen: Dad, der Chirurg; Mum, die renommierte Lektorin und Herausgeberin; Isabella, die zukünftige Ärztin; Jeroame, das Chemie-Wunderkind; Roman und Reggie, die Sportasse; John, das Literaturgenie und schließlich … na ja … ich.
Ich bin eigentlich gar nichts. Weder die Beste in irgendeinem Schulfach noch besonders gut in Sport. Und ich habe keine Ahnung, was ich später mal werden möchte.
Irgendwie scheine ich in gar nichts herausragend zu sein.
»Ruby, alles in Ordnung, Schatz?«, fragt Mum plötzlich und lächelt mich quer über den Tisch liebevoll an, während Roman und Reggie sich um die letzte Portion Gemüseauflauf streiten. »Du wirkst mal wieder völlig abwesend.«
»Wann hängt Ruby nicht ihren Tagträumen nach?«, fragt Dad von der Tür und kommt herüber, um mich zu umarmen und auf den Kopf zu küssen. Ich lächle. »Und warum ist der ganze Tisch voll mit Kartoffelbrei? Sogar auf Daisys Nase ist ein Klecks gelandet.«
Wir sehen lachend zu, wie Daisy sich im Kreis dreht und verzweifelt versucht, den Kartoffelbrei abzuschütteln, bis sie ihn schließlich vom Boden frisst.
»Wie war die OP?«, fragt Mum und steht auf, um Dad zu begrüßen.
»Lief gut. Die Patientin wird wieder völlig gesund.« Er lächelt und bemerkt dann das Manuskript in ihren Händen. »Ein zukünftiger Bestseller, nehme ich an?«
»Natürlich«, antwortet sie grinsend und gibt ihm einen Kuss.
Wir Kinder stöhnen im Chor, und Roman wirft aus Protest eine Karotte nach den beiden. Meine Eltern sind ekelhaft glücklich miteinander.
»Also …« Mum löst sich von Dad und klatscht in die Hände. »Wer ist mit dem Tischabräumen dran?«
»Ruby!«, antwortet Reggie und springt vom Stuhl auf.
»Ja, eindeutig Ruby«, pflichtet ihm Jeroame bei und folgt seinem Beispiel.
»Was? Stimmt doch gar nicht!«, protestiere ich und bleibe sitzen, während alle anderen aufstehen und geräuschvoll ihre Stühle unter den Tisch schieben, wodurch mein Protest ungehört untergeht. »Ich hab doch erst gestern abgeräumt! Außerdem muss ich mir dringend das Gesicht waschen.«
»Netter Versuch, Schwesterchen.« Roman lacht und wuschelt mir durch die Haare. »Ich kann mich nicht erinnern, wann du das letzte Mal irgendeine Aufgabe im Haushalt gemacht hast. Jungs, die Fernbedienung gehört mir!«
»Ja, ja, die Nesthäkchen werden immer verwöhnt«, sagt Jeroame mit einem frechen Grinsen. »Wird Zeit, dass du dich auch mal ein bisschen beteiligst, Rubes. Keine Chance, Roman, wir schauen die Wissenschaftsdoku, die in fünf Minuten anfängt.«
»Von wegen, es läuft doch Fußball!« Reggie kichert.
»Das ist VOLL ungerecht!«, ärgere ich mich. »Mum! Dad! Tut was dagegen!«
»Ja«, beginnt Dad und schenkt sich ein Glas Wasser ein. »Jeder von euch Kindern sollte …«
Noch bevor er seinen Satz beenden kann, verschwinden alle lachend und lärmend aus der Küche. Wir hören, wie der Fernseher angeht und laut gestellt wird und ein Streit über die Fernbedienung losbricht, während John die Treppe hinauf in sein Zimmer stapft.
Ich bleibe allein am Tisch zurück.
»Diese Kerle! Keine Sorge, Ruby, ich helfe dir.« Mum schüttelt lachend den Kopf.
»Ich auch«, sagt Dad. »Zusammen schaffen wir das im Handumdrehen, und ich verspreche dir, dass morgen jemand anders dran ist.«
»Das hast du gestern auch schon gesagt«, erwidere ich missmutig, stehe auf und fange an, die Teller zu stapeln.
»Ruby?«, sagt Dad vorsichtig.
»Ja?«
»Na ja …« Er hält zögernd inne. »Wusstest du, dass du Kartoffelbrei an der linken Augenbraue hast?«
Nachdem ich endlich den Tisch abgeräumt und die Geschirrspülmaschine bestückt habe, gehe ich nach oben in mein Zimmer, gefolgt von Daisy, die treu hinter mir her trottet. Sie springt sofort auf mein Bett und macht es sich auf meiner Bettdecke bequem. Ich lasse mich neben sie plumpsen und starre auf die Poster an den Wänden. Auf allen ist dieselbe Person zu sehen. Die berühmteste Person auf diesem Planeten, mein absoluter Lieblingspopstar.
Naomi Starr.
Naomi Starr ist die BESTE Sängerin und Tänzerin aller Zeiten und mega-berühmt, obwohl sie erst dreizehn ist. Ich bin Naomis allergrößter Fan und habe mir ihre Alben bestimmt eine Million Mal angehört. Wenn ich mal einen schlechten Tag habe, muntern mich ihre Songs immer wieder auf. Dann ziehe ich mich in mein Zimmer zurück und höre ihre Musik oder sehe mir ihre Videos an und bin endlich ganz für mich allein, ohne meine verrückte, anstrengende Familie.
Ich kenne jede einzelne Textzeile und jede auch noch so kleine Tanzbewegung von sämtlichen Naomi-Starr-Songs, weil ich meine gesamte Freizeit damit verbringe, die Choreographien ihrer Videos mitzutanzen und dazu zu singen. Natürlich perfekt synchron mit Naomi und ihren Tänzerinnen.
Das werde ich allerdings nie jemandem verraten. NIEMALS. Keiner aus meinem Umfeld ahnt auch nur im Entferntesten, dass ich singen kann. Oder tanzen. Bis auf meine beste Freundin Beth, aber die musste mir hoch und heilig versprechen, mein Geheimnis für sich zu behalten. Es ist schließlich nur ein albernes Hobby, Tagträumereien, sonst nichts. Das habe ich schon hundertmal zu Beth gesagt, wenn sie mich mal wieder drängt, für den alljährlichen Talentwettbewerb unserer Schule vorzusingen. Ich wäre niemals gut genug, um auf einer echten Bühne zu stehen.
Aber manchmal macht es Spaß, so zu tun, als ob.
Ich lasse Daisy weiter auf der Bettdecke schlummern und lehne mein Handy gegen einen Stapel Schulbücher auf meinem unaufgeräumten Schreibtisch. Nachdem ich das Musikvideo zu Naomis neuer Single aufgerufen habe, beziehe ich Position in der Mitte meines Zimmers und freue mich schon, ein paar neue Tanzschritte zu lernen.
Naomi erscheint auf dem Display. Ihre Haare sind unglaublich cool gestylt, und sie stolziert mit funkelnden Augen und einem Mega-Outfit auf die Kamera zu, bevor sie, begleitet von ihren Backgroundtänzerinnen, zu tanzen beginnt. Ich starre wie gelähmt aufs Handy, verfolge die Choreographie, die wie immer absolut genial ist. Dann starte ich das Video erneut, um die ersten Schritte zu lernen. Ich gehe wieder rückwärts Richtung Zimmermitte und erhasche dabei einen Blick auf mich selbst im Spiegel. Ich trage noch meine schlecht sitzende Schuluniform, habe mir heute Morgen die Haare nicht gekämmt und entdecke einen Rest Kartoffelbrei an einer Augenbraue. Mein Blick wandert zurück zu Naomi auf dem Display, und ich seufze. Wir sind Welten voneinander entfernt.
Für einen kurzen Moment schließe ich die Augen und stelle mir vor, wie es wäre, Naomi Starr zu sein.
Ihr Leben ist bestimmt perfekt.
Mein Leben ist eine KATASTROPHE.
Das habe ich jetzt schon ungefähr achtmal laut gesagt, aber keiner hört mir zu. Alle sind viel zu sehr damit beschäftigt, im Wohnzimmer unserer Stadtvilla in Chelsea auf und ab zu gehen, Anweisungen in ihre Handys zu blaffen und jede Idee, die ich beisteuern könnte, um die Sache wieder geradezubiegen, geflissentlich zu ignorieren.
»Hier ist Ihr frisch gepresster Saft, Miss Starr«, verkündet mein persönlicher Assistent und schlängelt sich zu dem Sofa durch, auf dem ich liege. Auf einem silbernen Tablett balanciert er ein Glas mit grünem Saft. »Der Koch hat ihn genau nach Ihren Anweisungen zubereitet.«
Ich nehme das Glas entgegen, trinke einen Schluck und verziehe angewidert das Gesicht, um es anschließend mit einem lauten Knall zurück auf das lächerlich winzige Tablett zu stellen.
»IGITT!« Hastig schnappe ich mir eine Flasche Mineralwasser vom Tisch und leere sie in einem Zug, um den ekelhaften Geschmack loszuwerden. »Widerlich! Simon, das schmeckt wie … ach, ich weiß auch nicht. Wie irgendwas richtig Ekliges!«
»Ähm … also … äh … ich heiße Sam.«
»Was ist da überhaupt DRIN?« Ich starre entrüstet auf die grüne Flüssigkeit im Saftglas.
»Sämtliche Zutaten, die Sie aufgelistet hatten, sowie …«
»Simon, probieren Sie das bitte und sagen Sie mir, was Sie denken«, fordere ich ihn auf und weise mit dem Kinn auf das Glas. »Ernsthaft, trinken Sie einen Schluck. Ich brauche jemanden, der mir bestätigt, wie eklig dieser Saft ist.«
Er greift nervös nach dem Saft, trinkt einen winzigen Schluck, verzieht das Gesicht und stellt ihn zurück. Nickend bekundet er mir seine Zustimmung. »Ja. Das schmeckt wie … Entengrütze.«
»Entengrütze! Das ist es! Versucht mein Koch etwa, mich zu vergiften?! Bäh!! Könnten Sie das bitte wieder mitnehmen und mir einen Saft besorgen, der nicht nach Entengrütze schmeckt? Aber es müssen trotzdem alle Zutaten drin sein, die ich vorhin genannt habe. Ich habe nämlich gelesen, dass sie super für die Haut sind. Danke.«
Er hastet davon, und ich sehe Mum dabei zu, wie sie auf meinem weißen Teppich Runde um Runde dreht, zusammen mit dem Rest meiner engsten Mitarbeiter. Mit gestresstem Gesichtsausdruck spricht sie in ihr Handy.
Ich habe sämtliche Anwesenden dazu genötigt, sich die Schuhe auszuziehen, um meinen makellosen Teppich vor diesem endlosen Auf- und Abmarschieren zu schützen, woraufhin Simon eine große Dose Raumspray bringen musste, damit uns der Schweißgeruch der vielen schuhlosen Füße nicht allzu sehr belästigt.
»Es dürfen keine Lilien in dem Strauß sein. Keine Lilien!«, instruiert Mum streng und fährt sich mit einer Hand durch ihre Locken. »Marina Blair hasst Lilien. Und sorgen Sie bitte dafür, dass es der größte Strauß wird, den Sie je gebunden haben. Das meine ich ernst, John. Er muss groß werden.« Sie verstummt, weil nun offenbar John etwas erwidert. Ihr Blick schießt zu mir. »Was passiert ist, können Sie der Presse entnehmen. Bitte veranlassen Sie, dass der Strauß seiner Empfängerin zugestellt wird, und zwar umgehend. Danke, John, wie immer.«
Sie beendet das Gespräch und kommt zu mir herüber, um sich mit verschränkten Armen vor mir aufzubauen. Ich tue so, als hätte ich nicht gemerkt, dass sie da ist, und scrolle weiter entspannt durch mein Handy.
»John kümmert sich um die Blumen«, verkündet sie stirnrunzelnd. »Hoffentlich wird das die Wogen ein wenig glätten. Er ist der beste Florist von ganz London.«
»Was auch immer. Der Koch hat gerade versucht, mich umzubringen, indem er mir Entengrütze serviert hat!«
Sie zieht die Augenbrauen hoch. »Meinst du den Saft, den du bei ihm bestellt hast? Naomi, er hat Stunden damit zugebracht, all diese eigenartigen, seltenen Zutaten aufzuspüren, die deiner Ansicht nach unbedingt drin sein müssen!«
»Aber Simon kann es bestätigen. Es war wirklich Entengrütze.«
»Wer ist Simon?«
»Mein Assistent.«
»Dein Assistent heißt Sam.«
»Meinst du, ich brauche einen neuen Koch?«
»Nein, Naomi.« Mum seufzt und reibt sich die Stirn. »Dein Koch ist vollkommen in Ordnung. Du hast dieses Jahr schon zweimal den Koch gewechselt.«
»Kann sein, aber irgendwie wäre es schon ganz nett, einen Koch zu haben, der nicht versucht, mich mit als Saft getarnter Entengrütze zu vergiften.«
»Naomi, können wir uns jetzt bitte auf das konzentrieren, was heute passiert ist? Hast du auch nur irgendeine Ahnung, was für ein Chaos du angerichtet hast?«
Ich zucke mit den Schultern.
»Schau dich bitte mal um«, fordert mich Mum auf und zeigt Richtung Teppich. »All diese Leute arbeiten hart daran, dass die Sache nicht noch mehr ausufert als ohnehin schon. Weißt du, was passieren wird, sobald die Paparazzibilder in der Presse auftauchen? Wir müssen alles daransetzen, den Schaden, so gut es geht, zu begrenzen.«
Sie seufzt erneut und sagt dann mit etwas sanfterer Stimme: »Du musst anfangen, dich ein wenig verantwortungsvoller zu benehmen. Glaub mir, ich weiß, wie schwer es ist, ständig im Rampenlicht zu stehen, aber du musst es wenigstens versuchen!«
Mum ist nicht nur meine Managerin, sondern war selbst früher mal ein berühmter Popstar. Deshalb lässt sie immer wieder Kommentare wie diesen los. Angeblich versteht sie mich »voll und ganz« und »weiß genau«, wie es ist, Naomi Starr zu sein.
Aber sie weiß gar nichts. Niemand versteht mich. Niemand weiß, wie es ist, Naomi Starr zu sein.
»Dir ist schon klar, dass es ein Unfall war, oder, Mum?«, verteidige ich mich. »Wenn das jemand anderem passiert wäre, wäre es überhaupt kein großes Ding gewesen. Nur weil ich es war, gibt es wieder ein Riesentheater! Andere Mädchen in meinem Alter müssen sich nie um so etwas Gedanken machen. Ich dagegen begehe einen kleinen Fehler, und schon …«
»Andere Mädchen in deinem Alter bringen keine Nummer-Eins-Alben heraus, gehen nicht weltweit auf Tour und haben nicht Zehntausende Fans, die zu ihnen aufblicken und sich an ihnen ein Beispiel nehmen«, erwidert Mum und schüttelt den Kopf. »Du musst wirklich langsam anfangen, deiner Vorbildfunktion gerecht zu werden.«
»Können wir vielleicht später weiterreden? Ich bekomme langsam Migräne, weil mir alle ständig vorschreiben, was ich zu tun habe.«
»Äh, Miss Starr?« Mein Assistent erscheint mit einem Tablett, auf dem diesmal drei verschiedene Saftgläser stehen. »Ihr Koch hat den Saft in unterschiedlichen Mischverhältnissen zubereitet, damit Sie selbst entscheiden können, wie er Ihnen am besten schmeckt. Er entschuldigt sich vielmals für … äh … die Entengrützenvariante.«
Mum verdreht ungeduldig die Augen, während ich seelenruhig an allen drei Gläsern nippe und den Saft im Mund herumschwenke, als würde ich an einer Weinverkostung teilnehmen. Wenn ich ehrlich bin, schmecken alle drei Mischungen genau gleich, aber nachdem ich so einen Aufstand gemacht habe, muss ich die Sache auch durchziehen. Nicht, dass mein Assistent und mein Koch das Gefühl haben, sie hätten ihre Zeit vergeudet.
»Der hier ist gut, vielen Dank«, erkläre ich schließlich und entscheide mich für das Saftglas, das mir am nächsten steht. »Sie können heute bitte sämtliche Blumen in diesem Raum auswechseln.« Ich zeige auf die großen Vasen mit hübsch arrangierten farbenfrohen Blumen, die überall im Wohnzimmer stehen. »Am liebsten wären mir weiße Rosen. Die wirken beruhigender, denke ich.«
»Ganz bestimmt«, gibt er mir mit einem energischen Nicken recht. »Ich werde mich sofort darum kümmern.«
»Danke, Simon.«
»Er heißt Sam«, verbessert mich Mum, während mein Assistent davoneilt.
»Ms. und Miss Starr?« Eine meiner Pressesprecherinnen kommt herübergetrippelt. Sie sieht erschöpft aus und hält uns ihr Handy hin. »Sie hatten mich gebeten, Sie auf dem Laufenden zu halten. Ich fürchte, der Vorfall hat die Runde gemacht. Die sozialen Medien sind voll davon.«
Mum wirft einen Blick auf das Handydisplay, holt tief Luft und klatscht dann laut in die Hände.
Alle im Raum hören sofort mit dem auf, was sie gerade tun, und drehen sich zu ihr um – wie eine Armee, die Anweisungen ihres Generals erwartet.
»Also, die Geschichte ist draußen. Das heißt, bald bricht endgültig der Wahnsinn über uns herein. Jennifer, rufen Sie sofort jede Frühstückssendung im britischen Fernsehen an und platzieren Sie Naomi in der ersten Sendung, die morgen früh läuft, damit sie ihre Seite der Geschichte erzählen kann. Max, setzen Sie sich bitte mit Ihren Kontaktleuten der großen Zeitungen in Verbindung und bieten Sie ihnen Interviews mit Naomi an. Sie wird in etwa einer halben Stunde für die Journalisten zur Verfügung stehen, jeder von ihnen bekommt acht Minuten. Mehr geht nicht, weil Naomi später noch eine Probe für ihr Konzert hier in London hat. Helen, könnten Sie bitte sofort das Haare- und Make-up-Team herholen und die Stylistin auch, wir brauchen für jedes Interview ein anderes Outfit. Stellen Sie klar, dass es heute um einen seriösen, eleganten Look geht, nichts zu Glamouröses. Ach ja, könnte jemand Sam sagen, dass wir die weißen Rosen, die Naomi bestellt hat, nun doch nicht brauchen? Wenn Journalisten zu uns ins Haus kommen, machen bunte Blumen einen bodenständigeren Eindruck.«
Sie hält kurz inne, um durchzuatmen, und fährt dann fort: »Mia, könnten Sie eine Kinderfilmpremiere ausfindig machen, die Naomi nach ihrer Probe heute Abend besuchen kann? Wir benötigen sofort ein familienfreundlicheres Image, das ist wichtig. Und Oliver: Wir haben morgen zwischen der Frühstückssendung und unserem Treffen mit dem Plattenlabel noch ein bisschen Zeit, die wir optimal nutzen sollten. Könnten wir Naomi da nicht in einer Radiosendung unterbringen? Schauen Sie, was Sie mir beschaffen können. Außerdem möchte ich bitte GENAUESTENS erfahren, was Marina Blair über den heutigen Vorfall zu sagen hat. Wir müssen allen anderen Beteiligten fünf Schritte voraus sein. Gut, das sollte fürs Erste reichen. Hat irgendjemand noch Fragen?«
Ich hebe die Hand. Sie sieht mich müde an.
»Ja, Naomi?«
»Na ja, ich wollte fragen, wann ich in diesem ganzen Imageverbesserungsmarathon einen Moment zum Durchatmen bekomme? Irgendwie fühlt es sich so an, als hättest du dich mit meinem Koch verbündet, um mich möglichst effektiv um die Ecke zu bringen.«
»Also gut, alle Mann an die Arbeit!«, fordert Mum zunächst das Team auf, bevor sie sich zu mir umdreht, um meine Frage zu beantworten. »Diese ganzen Leute hier versuchen, dich zu beschützen, Naomi. Sie arbeiten hart, und zwar für dich. Du hast großes Glück.«
Ich schnaube. »Na klar. Ich fühle mich auch ultra vom Glück gesegnet. Statt Sachen zu machen, auf die ich Lust habe, muss ich morgen früh um fünf in einer Live-Sendung sitzen und meine Verfehlungen rechtfertigen und mir heute Abend allein einen dämlichen Kinderfilm reinziehen.«
Sie ignoriert mich, schüttelt den Kopf und stolziert davon, um sich noch einmal mit dem Presseteam zu beraten, bevor es sich an die Arbeit macht. Ich senke den Blick aufs Handy und tippe meinen Namen in die Suchmaschine. Innerlich gewappnet, lese ich die oberste Schlagzeile.
CATWALK des GRAUENS!
Naomi Starr attackiert Models auf dem Catwalk und ruiniert wichtige Fashionshow!
DER BISHER DIVENHAFTESTE MOMENT DES POPSTARS.
Mir rutscht das Herz in die Hose. Das sind alles LÜGEN! Okay, vielleicht habe ich die Fashionshow tatsächlich ein bisschen gestört, aber es war ein UNFALL! Und ich habe definitiv keine Models ATTACKIERT!
Passiert ist Folgendes: Ich war völlig ERSCHÖPFT, weil ich gestern erst spätabends von einem Konzert in Paris zurückgeflogen kam und Mum mich heute Morgen für ein Vogue-Shooting zu einer völlig unmenschlichen Stunde aus dem Bett gezerrt hat. Ich hatte also nur ein paar Stunden geschlafen. Nach dem Shooting mussten wir direkt zu einem vornehmen Businesslunch mit der Chefin der Firma, die meine nächste Parfumkollektion auf den Markt bringt. Die Frau hatte übrigens die verrücktesten Augenbrauen, die ich je gesehen habe, so dass ich mich überhaupt nicht auf das konzentrieren konnte, was sie sagte.
Ich starrte einfach nur ihre Augenbrauen an. Die ganze Zeit.
Jedenfalls war ich so benommen und abgelenkt von ihren Augenbrauen, dass ich vergaß, etwas zu essen. Bevor ich mir auch nur einen Happen genehmigen konnte, wurde ich schon wieder aus dem Restaurant geschleift, und zwar zu einer Pressekonferenz für einen Film, in dem ich einen Kurzauftritt habe. An die Dreharbeiten im letzten Jahr konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, weshalb ich als Antwort auf die Fragen der Journalisten nur Sachen sagte wie: »Nun ja, da müssen Sie wohl warten, bis Sie den Film sehen.« Ich hatte keine Ahnung, worum es bei der Handlung ging, geschweige denn, was für eine Rolle ich darin spielte.
In diesem Moment beschloss ich, dass ich für heute genug hatte. Ich bat meinen Assistenten, bei meinem Lieblingsspa anzurufen und dafür zu sorgen, dass es am Nachmittag für die Öffentlichkeit gesperrt wurde, damit ich mich dort in Ruhe entspannen konnte.
Meine Mutter wurde stinksauer, als sie davon erfuhr. Ich müsse am Nachmittag zu Marina Blairs Fashionshow, es sei ein riesiger Affront, wenn ich dort nicht auftauchen würde.
»Du warst doch diejenige, die nur noch von dieser Show geredet hat und unbedingt in die Frontrow wollte!«, sagte Mum und sah mich vorwurfsvoll an. »Du hast ihr ja sogar schon angeboten, als Ehrengast zu erscheinen, ehe sie dich überhaupt einladen konnte!«
Ich ging also zu der Fashionshow, weil Mum mir ein schlechtes Gewissen eingeredet hatte, war jedoch so müde und erschöpft, dass man mich wirklich nicht für das verantwortlich machen kann, was dort passierte.
Es passierte nämlich, dass … ich einnickte.
Dabei muss ich schlecht geträumt haben, denn ich schreckte ruckartig aus dem Schlaf und brüllte los. Das Glas Wasser, das ich auf meinem Schoß in der Hand gehalten hatte, flog hoch in die Luft, und überall spritzte Wasser herum – auch auf den Catwalk, direkt vor ein Model, das gerade mit haushohen Stiletto-Absätzen angestöckelt kam …
Tja, die Sache nahm leider kein gutes Ende.
Das Model rutschte aus und landete auf dem Allerwertesten, woraufhin das Model, das in die Gegenrichtung unterwegs war, über ihr Bein stolperte und ebenfalls auf den Hintern fiel. Als die dahinter laufenden Models den beiden aufzuhelfen versuchten, kamen auch sie ins Schlittern – das Ganze war so eine Art Model-Massenkarambolage.
In diesem Moment tat ich das Schlimmste, was ich Mums Ansicht nach hätte tun können.
Ich lachte. Und zwar richtig laut.
Ehrlich: Ich weiß, wie blöd das rüberkam, aber ich konnte einfach nicht anders. Es wirkte wie eine Szene aus einer Sitcom, wie sie alle immer wieder versuchten aufzustehen, nur um dann mit ihren langen grazilen Gliedmaßen erneut auszurutschen wie Bambi auf einer Eisfläche! Es war so WITZIG!
Na ja, jedenfalls gab es während dieser Fashionshow strenge Regeln, unter anderem, dass die geladenen Gäste ihre Handys abgeben mussten, damit niemand frühzeitig etwas in den sozialen Medien postete. Keine Ahnung warum – vielleicht wollte sich Marina auf diese Weise besonders geheimnisvoll und avantgardistisch geben oder so. Mum und ich hegten dadurch zunächst die Hoffnung, dass von der Geschichte MÖGLICHERWEISE nichts durchsickern würde.
Aber offensichtlich hat irgendjemand gegen Marinas Handyverbot verstoßen, denn im Internet wimmelt es von Fotos von mir, wie ich Marina Blairs Fashionshow ruiniere und dann auch noch darüber lache.
Uups.
»Gute Neuigkeiten!«, verkündet jemand vom anderen Ende des Wohnzimmers. »Ich konnte für Naomi Premierentickets für heute Abend ergattern. Der Film heißt QUAKEDIQUAK, GUTEN TAG! und handelt von einem Entenküken, das lieber ein Hahn sein möchte. Es wird darum gebeten, dass die Premierengäste sich als Enten oder Hähne verkleiden.«
»Das ist ja WUNDERBAR!«, sagt Mum erfreut und streckt einen Daumen hoch. »Genau das Richtige für ein bodenständiges, familienfreundliches Image. Siehst du, Naomi, alles wird wieder gut. Du hast wirklich Glück! Kann bitte jemand ein Enten- oder Hahnenkostüm für Naomi auftreiben? Wir brauchen es so schnell wie möglich!«
Ich plumpse zurück aufs Sofa, vergrabe das Gesicht in meinen Designerkissen und wünsche mir, ich könnte vollständig darin versinken.
Ernsthaft: Niemand kann auch nur ansatzweise nachvollziehen, wie es ist, Naomi Starr zu sein.
»Sorry! Hab dich nicht gesehen!«
Ich kämpfe mit dem Gleichgewicht und taumele gegen die Wand, nachdem Noah, einer der beliebtesten Jungen der Schule, mich von hinten angerempelt hat. Natürlich fallen mir dabei sämtliche Bücher aus den Händen.
Er ruft seine Entschuldigung lässig über die Schulter, ohne auch nur etwas langsamer zu werden, er klingt also nicht besonders aufrichtig. Ich reibe mir den Arm, mit dem ich gegen die Wand gestoßen bin, und knie mich hin, um meine Bücher vom Boden aufzusammeln. Einige Schüler trampeln auf dem Weg in die Klassenzimmer einfach achtlos drüber.
»Beachtet mich einfach gar nicht«, murmele ich verärgert vor mich hin und stapele die Bücher auf meinem Arm. »Schließlich bin ich unsichtbar.«
»Lass mich raten«, höre ich plötzlich über mir eine Stimme. »Du bist wieder über deine eigenen Füße gestolpert.«
Ich lächle, als ich Beths Stimme erkenne, und greife nach ihrer ausgestreckten Hand. Während sie mir beim Aufstehen hilft, umklammere ich mit dem anderen Arm meine jetzt ziemlich zerschrammten Bücher.
»Nein, diesmal nicht. Noah hat mich angerempelt. Angeblich hat er mich nicht gesehen, obwohl ich in der Mitte vom Flur stand. Er hat sich noch nicht mal richtig …« Ich halte inne, als mir bewusst wird, wie sie aussieht. »Warte mal … deine Haare!«
»Ja?«
»Die sind ja rosa!«
»Gut beobachtet.«
»Oder vielmehr pink!«
»NEONPINK sogar.« Sie fährt sich stolz mit den Fingern durch die Haare. »Du kennst mich: Wenn ich was mache, dann richtig.«
»Also, wenn jemand mit neonpinken Haaren cool aussieht, dann du, Beth. Was hat dein Vater dazu gesagt?«
»Der ist begeistert«, antwortet sie und grinst vielsagend. »Genauso begeistert wie unser lieber Direktor. Er hat gedroht, dass ich wochenlang nachsitzen muss, wenn ich es nicht wieder überfärbe.« Sie schüttelt den Kopf. »Eine Frage, Ruby: Was hat meine Haarfarbe mit meiner schulischen Leistung zu tun?«
Ich lache, und wir machen uns zusammen auf den Weg in unser Klassenzimmer. Beth ist mein absoluter Lieblingsmensch. Wir sind schon beste Freundinnen, seit ich mit sechs Jahren in dieselbe Straße gezogen bin. Weil sie Einzelkind ist und bei ihrem Vater aufwächst, war sie sofort von meiner riesigen Familie begeistert.
