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Klaus E. Spieldenner

4,5

Beschreibung

Der junge St. Pauli-Spieler Tobias Reinert verschwindet spurlos nach seinem ersten Hamburger Marathonlauf. Weitere aktive Läufer werden plötzlich als vermisst gemeldet. Zufall? Kriminalkommissarin Sandra Holz nimmt die Ermittlungen auf und sieht sich schnell mitten in einem Fall, die sie nicht nur beruflich, sondern auch menschlich an ihre Grenzen treibt. Dabei führt sie eine heiße Spur auf ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff. Was genau spielt sich tatsächlich unter Deck der "Health of the World" ab? Und welche Rolle spielen dabei die beiden Asiaten, die in einem schwarzen Transporter mit dänischem Kennzeichen in Sandras Nähe zu auftauchen? Trotz aufreibender Recherche scheint für die Kommissarin keine Auflösung in Sicht – und dann wird der Fall persönlich. Die dramatischen Schicksale der sechs Protagonisten beschäftigen die engagierte Oldenburger Kommissarin und ihren Hamburger Kollegen Alexander Schweiss mehr als genug. Ein aktuelles Thema: Das verzweifelte unerträgliche Warten auf ein lebensrettendes Organ.

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Inhalt

Titelseite

Impressum

Über den Autor

Inschrift

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Epilog

Die Geschichten der Protagonisten

1. Hannah und Eddie Flynt

2. Aisha Cicekliyurt

3. Ludwig Buballer

4. Tobias Reinert

5. Helene Lütjenjans

Klaus E. Spieldenner

START ZIEL TOD

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de

© 2015 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln

www.niemeyer-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

Der Umschlag verwendet Motive von shutterstock.com

Athlete´s Legs ... rangizzz 2014, Flag ... ayzek 2014

Druck und Bindung: Nørhaven, Viborg

eISBN 978-3-8271-9857-0

EPub Produktion durch ANSENSO Publishing www.ansensopublishing.de

Der Roman spielt hauptsächlich in allseits bekannten Stätten, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

 

 

Über den Autor:

Klaus E. Spieldenner, 1954 im Saarland geboren, verbrachte eine unbeschwerte Kindheit im grenznahen Überherrn. Schon früh spielte er Gitarre und nach Schule und Lehre wurde er 1974 als Grundwehrdienstleistender zur Luftwaffe eingezogen. Nach fünf Standortwechseln mit einer vierjährigen Auslandsverwendung wurde der Feuerwerker 2007 nach dreiunddreißig Dienstjahren in den Ruhestand versetzt. Nun begann er mit dem Schreiben. Zunächst veröffentlichte er zwei Bücher unter dem Pseudonym Renne D. Leips. Eines handelte von seiner langjährigen Coverband. Titel: Danke für die Appläuse. Danach beschreibt er die erlebnisreiche Zeit seiner Lehre im saarländischen Wadgassen (Lehrjahre sind keine Herrenjahre). Die Sozialkrimis „Enzo Demenzo“, „Einbein-Klein und das Flaschenkind“ sowie „ALtCATRAZ 2037 – ... Prinz, wach auf!“ erschienen 2011 beziehungsweise 2013. Am 25. Januar 2013 wurde im Leda-Verlag in Leer der erste Regionalkrimi mit der Oldenburger Kommissarin Sandra Holz veröffentlicht. Der Titel lautet: „Unter Flutlicht“. Im selben Jahr wurde „Und Stille wie des Todes Schweigen“ im Verlag CW Niemeyer veröffentlicht.

Neben dem Schreiben ist er Gitarrist und lebt mit seiner Ehefrau in Bad Oldesloe. Sie haben zwei erwachsene Kinder und Enkel Joris.

„Vom Tod kann sich niemand freikaufen, keiner kann Gott ein Lösegeld zahlen. Der Kaufpreis für ein Leben ist zu hoch, niemand wird je so viel zahlen können, um ewig zu leben. Reiche und weise Menschen müssen ebenso sterben wie unvernünftige Narren; alle müssen ihren Besitz für andere zurücklassen. Das Grab ist die ewige Heimat aller, darin liegen sie für immer, auch wenn auf Erden viel Land nach ihnen benannt wurde. Denn der Mensch bleibt trotz seines Reichtums nicht am Leben, sondern muss sterben wie die Tiere.“

Psalm 49 (Luther 1912)*

 

 

 

 

 

 

 

* Die Zitate auf dieser Seite und Seite 290 stammen aus dem Buch „Neues Leben – Die Bibelübersetzung.“ (Erschienen 2002 und 2006 im SCM R. Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten)

Prolog

Die Frau schien asiatischer Abstammung zu sein. Doch Plastikschläuche und bunte Kabel quer über ihrem blassen Gesicht verhinderten einen exakten Blick darauf. Etwas verloren lag sie in dem riesigen Bett, und die flachen Konturen unter der dünnen Daunendecke ließen einen jugendlichen Körper erahnen. Fiepende Monitore und schnaufende Druckluftgeräte verliehen dem Raum eher das Szenario einer Intensivstation denn eines Jugendzimmers. Auf der weiß gekalkten Wand über dem modernen Pflegebett hingen – wie zufällig angeordnet – selbst gemalte Bilder. Sie zeigten Landschaften mit hohen Bergen und kleinen, sich dahinschlängelnden Flüssen, aber auch Hochhäuser mit bunten Kraftfahrzeugen, aus denen zu klein wirkende Menschen winkten. Die Wand links vom Bett hatte die Bewohnerin des Zimmers mit großflächigen Bandpostern verschönert: the GazettE war auf einem in riesigen Lettern zu lesen.

Es war Tag. Große Fenster bis zum Boden seitlich des Krankenbettes erlaubten zahlreichen Sonnenstrahlen, den Raum zu erhellen. Sie brachen sich im Chrom der medizinischen Geräte, und diese wiederum warfen gespenstische Schatten an die Wände. Die blauschwarzen Haare der jungen Frau lagen wie ein Fächer um ihren Kopf. Das malerische Gebilde wurde nur an einer Stelle durch einen Beatmungsschlauch unterbrochen. Dieser Schlauch begann zwischen den blass roten Lippen der Frau und endete in einem durchsichtigen Topf, in dem sich ein Balg im Takt auf- und abbewegte. Ein nerviger Piepton zerriss die angespannte Atmosphäre hier in jeder Sekunde. Die dunklen Augen der Kranken lagen aufgerissen zwischen schwarzen Wimpernpaaren und blickten leer zur weißen Decke. Dennoch zeigten die Pupillen eine deutliche Furcht, aberauch einen starken Überlebenswillen.

Neben dem Bett stand an jeder Seite des niedrigen Geländers eine Person. Die beiden Asiaten, Misaki und Hayato Shimotuma, hielten je eine Hand der jungen Frau. Sie hielten die durch Kabel und blutgefüllte Schläuche entstellten, zartgliedrigen Extremitäten vorsichtig fest. So wie hauchdünnes Porzellan, das jederzeit bei zu großem Druck zu zerbrechen drohte. Bei dem Paar handelte es sich um Japaner und die Eltern der Kranken. Sie waren mittleren Alters und kleiner Statur und ihnen liefen die Tränen in kleinen Bächen über ihre Wangen. Verzweiflung war ihnen ins Gesicht geschrieben.

Der Piepton des Überwachungsgerätes setzte für einen Moment aus und plötzlich herrschte verhaltene Stille im Krankenzimmer. Das Ehepaar schaute sich erschreckt an, doch im selben Moment setzte der Ton wieder ein. Seufzer der Erleichterung waren zu hören.

Im Hintergrund stand – leicht gebeugt in ergebener Haltung – ein weiterer Japaner in dunkler Livree. Das Aussetzen des Geräuschs hatte auch ihn kurz in Panik versetzt. Nun wischte er sich nervös durch sein mittellanges Haar.

Der Mann am Bett drehte nun seinen Kopf. Wie in Zeitlupe. Erst zum sonnendurchflutenden Fenster, dann, mit etwas härterem Ausdruck, zu dem Mann in Schwarz. Sofort bewegte sich dieser – fast ohne Geräusche zu verursachen – an das seitlich gelegene Fenster und drückte einen Schalter. Eine breite, elektrische Jalousie bewegte sich aus dem Nichts nach unten. Im Schneckentempo kämpften sich ihre Lamellen – kaum hörbar – Zentimeter um Zentimeter nach unten. Draußen sprang eine Herde Rehe durch einen riesigen Park mit jahrhundertealtem Baumbestand. Der Diener, dem die Bewegungen der Tiere nicht entgangen waren, schien bemüht, seine Freude darüber zu unterdrücken. Als der Mann am Bett den Kopf leicht anhob, unterbrach der Livrierte sofort seine Arbeit und sprang – wiederum geräuschlos – zurück auf seinen alten Platz. Sofort stand er – in ehrfürchtig gebückter Haltung – erneut zu Diensten.

Die Frau am Bett hatte die Hand ihrer Tochter wieder sanft auf die strahlend weiße Bettdecke zurückgelegt, sich aufgerichtet und ihren Kopf erhoben: „Hayato, sag, wird unser einziges Kind, unsere Lotusblüte, je wieder am Leben teilnehmen können?“ Ihr Gesicht hatte Zuversicht angenommen, und auch etwas Stolz konnte man darin erkennen.

Der angesprochene Asiate wischte sich mit einem Papiertaschentuch eine Vielzahl von Tränen aus dem Gesicht, jedoch ohne die Hand der Tochter loszulassen. Auch er richtete sich auf und schaute seiner Ehefrau in die Augen. Dann meinte er: „Alles wird gut werden, Misaki, meine Liebe. Mio wird wieder im Fluss baden und gemeinsam mit mir den Fuji besteigen.“

Schwer sog er Luft ein und es schien, als wolle sein Atemvorgang nie enden. Mit schneller Bewegung ließ er das Papiertuch in seine Jackentasche gleiten. Dann lief ein Ruck durch seinen dünnen Körper und mit der frei gewordenen Hand streichelte er sanft über das Haar der Kranken.

„Ich schwöre es bei meinem Leben!“, erklärte er und seine Stimme zitterte leicht.

Die Frau warf ihrem Mann einen liebevollen Blick und dem Mädchen eine Kusshand zu. Dann tippelte sie leichtfüßig aus dem Raum.

Als ihre Schritte verhallt waren, drehte ihr Mann den Kopf zu seinem Diener und bestimmte: „Hol Yang!“

Lautlos verließ der Livrierte den Raum, um keine Minute später – zusammen mit einem kräftigen Japaner in einem Maßanzug – wieder zurückzukehren.

Hayato Shimotuma hatte sich wieder seiner Tochter zugewandt. Die Anwesenheit der beiden Ankömmlinge hatte er regungslos registriert, und ohne den Blick von der Kranken zu nehmen, befahl er: „Sie werden das endlich regeln, Yang! Ich lege noch eine Million Dollar drauf. Teilen Sie ihnen das mit. Und jetzt machen Sie, was ich Ihnen gesagt habe!“

Unerwartet geschmeidig und mit einem Bückling glitt der kräftige und gut gekleidete Mann aus dem Raum.

1

Die Sonne brannte Sandra auf Kopf und Körper und sie ärgerte sich gerade, nicht ein paar Euro mehr in den Sonnenschirm investiert zu haben, unter dem sie lag. Doch sie hatte nicht damit gerechnet, dass am heutigen 1. Mai hier in Hamburg solch eine extreme Hitze herrschen würde. Das Wetter im Norden gab seit Tagen keinen Grund zur Klage, aber heute war der Himmel wolkenfrei und so tummelten sich an diesem Nachmittag Hunderte von Sonnenhungrigen am Elbstrand in Othmarschen. Sandra war schon gestern angereist und sofort, nach einer herzlichen Begrüßung durch ihre Wirtin Frau Klein und dem Beziehen ihres Zimmers, zum Lokal „Strandperle“ spaziert. Es hatte sich wenig geändert in den Jahren, seit sie und ihre Eltern das letzte Mal ihren Sommerurlaub hier – nahe der Elbe – verbracht hatten. Das war 1996, nur zu gut war dies in Sandras Erinnerung. Natürlich war Frau Klein in den vergangenen achtzehn Jahren älter geworden. Auch sprach sie vom baldigem Ruhestand und dem geplanten Verkauf des vierstöckigen Reihenhauses, das unweit des Elbstrands lag. Ihr Vater, so erinnerte sich Sandra, ein gebürtiger Pinneberger, wäre niemals dazu zu bewegen gewesen, seinen Urlaub auf Mallorca oder gar auf den Malediven verbringen zu müssen. Fliegen war dem Zugführer der Deutschen Bahn eh suspekt. Außerdem war er überaus bodenständig und schon der Umzug aus dienstlichen Gründen nach Oldenburg – so hatte die Mutter ihrer Tochter einmal erzählt – hatte dem Mann einiges abverlangt. So war Familie Holz, statt Flugreise, Jahr für Jahr zu Frau Klein nach Othmarschen gefahren und hatte in einer der drei Ferienwohnungen in Ovelgönne 21 ihre Urlaubswochen verbracht. Ja, und nach dem schrecklichen Erlebnis von Tochter Sandra, 1997, verzichtete die Familie auch darauf. Fortan erlebte die Schülerin ihre Sommerferien stets zu Hause in Oldenburg.

Heute, an diesem Feiertag, wollte Sandra Holz noch einmal Energie tanken, bevor es am Sonntag auf die 42,195 km lange Marathonstrecke durch die Hansestadt ging. Sie hatte die Wohnung vor knapp einer Stunde – wie damals als Kind – über die Terrasse und den Garten verlassen. Dann war sie – aus Nostalgie – die 45 Stufen des Ovelgönner Mühlenwegs hochspaziert, um anschließend an der inzwischen viel befahrenen Elbchaussee entlang bis zur Himmelsleiter zu laufen. Von der Himmelsleiter ging es wieder 125 Stufen hinab bis zum Ovelgönner Weg und noch weitere fünfzehn Stufen bis zum Sandstrand der Elbe. Das war auch damals ihr Lieblingsweg, und zusammen mit den Kindern anderer Feriengäste war dieser stets der sportliche Höhepunkt des Tages und eine große Herausforderung gewesen. Und nicht wenige Male kam die kleine Sandra als Erste bei der Strandperle an.

Nicht weit von Sandra entfernt im Sand saß – auch unter einem Sonnenschirm – eine alte Dame in einem langen weißen Kleid. Ihr Gesicht fand Sandra so faltig wie die Haut dieses chinesischen Hundes und sie schämte sich auch sofort für jenen dummen Vergleich. Vor wenigen Tagen – so erinnerte sie sich – war das noch eine Frage in einem Kreuzworträtsel. Trotzdem kam Sandra nicht mehr auf den Namen des Tieres. Auf dem dauergewellen Haar trug die Dame einen weißen Hut, auf dessen höchstem Punkt eine letzte kleine Feder bemüht war, den Kampf gegen den heißen, böigen Wind zu gewinnen. Die anderen Federn mussten wohl schon aufgegeben haben, grinste Sandra in sich hinein. Und als ob die Dame ihre Gedanken erraten hätte, drehte sie den Kopf zu Sandra, hob eine kleine Hand und winkte freundlich zu ihr rüber. Sandra reagierte mit einem Kopfnicken und einem Lächeln. Dann wandte sie ihren Blick wieder in Richtung Elbe. Obwohl die Qualität ihres Wissens nach nicht die allerbeste war, hatten etliche Personen die Gelegenheit genutzt, im Wasser des Hamburger Flusses zu baden. Sandra war bei ihrer Ankunft kurz mit den Füßen hineingelaufen, aber als das kalte Flusswasser ihre Unterschenkel berührte, hatte sie wieder kehrtgemacht. Ein junges Mädchen war ihr dabei besonders aufgefallen. Es musste sich um eine kleine Türkin handeln. Im dunklen Kleid und mit einem Kopftuch stand sie bis zum Bauch im Wasser. Ausgelassen hatte die Kleine eine Art Tanz aufgeführt und dabei in einer orientalisch klingenden Sprache laut gesungen. Die Unbekümmertheit dieses Mädchens berührte Sandra, und erst nachdem sie ihr eine Weile zugeschaut hatte, lief sie zurück zu ihrem weiter oben gelegenen Platz. Sie legte sich auf die alte Decke, die ihr Frau Klein, ihre Zimmerwirtin, freundlicherweise mitgegeben hatte. Aber war das nicht die gleiche Decke, die Familie Holz bei ihren Aufenthalten in den 90ern von der Vermieterin ausgeliehen hatte? Zumindest eine ähnliche. Sandra legte ihren Kopf auf den alten, braunen Stoff und roch vorsichtig daran. Tatsächlich! Der Geruch erinnerte sie etwas an die Urlaube der vergangenen Jahre. Sandra kuschelte sich tiefer unter den Schirm und war bemüht, alle Körperteile vor der sengenden Hitze in Sicherheit zu bringen. Ihr Kopfkino setzte ein: Inzwischen waren Monate seit Cord Setzers tödlichem Unfall vergangen und sie hatte es sich nicht nehmen lassen, bei seiner Urnenbestattung in Bremen anwesend zu sein. Als die Oldenburger Kommissarin sich freigenommen hatte – an diesem regnerischen Junitag –, mutmaßten die Kollegen bestimmt, sie wolle sichergehen, dass Setzer auch wirklich tot sei. Ihr war das Geschwätz egal. Doch eigentlich hätte sie niemandem erklären können, warum sie sich die Fahrt nach Bremen, die Stunde auf der Wiese und die belanglose Grabrede des unbekannten Pfarrers angetan hatte. Glaubte sie tatsächlich – hier an Setzers Grab, hier unter der alten Linde, irgendwo außerhalb Bremens, dass alle Probleme mit der Urne im Boden der Hansestadt verschwinden würden? Schon nach der Bergung von Setzers Leiche hatte sie das Jahr 2013 als „Jahr der Befreiung“ und zum „besten Jahr seit 1996“ erklärt. Das war sehr leichtfertig, wie sie sich schon bald eingestehen musste. Obwohl dieses jahrelange Trauma ein Ende haben sollte, kam es doch anders. Nachts träumte Sandra stets den gleichen Traum: Ein Mann ging vor ihren Füßen mit einem Fallschirm nieder und lachte sie aus. Der Schlaf fehlte ihr und bald war Sandra total übermüdet. Sie nahm therapeutische Hilfe in Anspruch. Doch der Traum blieb. Der Polizeipsychologe erklärte ihr bei einem Besuch, das sei normal und ginge vorüber. Er verschrieb ihr Tabletten. Doch noch immer war der Traum in jeder Nacht präsent. Schon wenige Tage nach Einnahme des Medikaments war sie sich sicher: Das war keine Angelegenheit für Psychopharmaka, und sie schmiss die Packung weg. Zur gleichen Zeit musste sich ihr Vorgesetzter, Hauptkommissar Ulrichmeyer, einer weiteren Operation unterziehen. Einige noch verbliebene Schrotkugeln des Erfurter Schusswechsels waren gewandert und bewegten sich Richtung lebensnotwendiger Organe. So musste die Kommissarin Holz den Hauptkommissar Ulrichmeyer dienstlich vertreten. Fehlender Schlaf, mangelnde Ausgeglichenheit bis zu jähzornigem Verhalten ihren Kollegen gegenüber riefen dann Polizeidirektor Dreling auf den Plan. Ihm waren ihre psychischen Probleme bekannt. Er ließ seine junge Kollegin aber wissen, dass seine Geduld Grenzen hatte. Eines Tages fand Sandra: So konnte es nicht weitergehen. Sie hatte ihren geliebten Laufsport lange vernachlässigt. Fühlte sich schlapp und ausgebrannt und nicht in der Lage, ihren Körper in Bewegung zu setzen. Sie nahm sich vor, das zu ändern, und meldete sich im September 2013 beim Oldenburger Lauftreff des Turn- und Sportverein Eversten e.V. an. Schon nach wenigen Wochen merkte sie, dass das die richtige Entscheidung war. Während des Laufens verschwanden die Probleme in eine andere Dimension und sie fühlte sich nach und nach immer ausgeglichener. Dann traf sie – bei einem der Laufabende auf der Finnenlaufbahn – ihre ehemalige Schulkameradin Helene Lütjenjans. Sie hieß heute Lütjenjans-Hass, hatte seit ihrer Heirat vor einigen Jahren einen Doppelnamen. Gemeinsam verbrachten Sandra und Helene die Jahre bis zum Abitur in der gleichen Klasse. Helene war nach einem Burn-out in einer ähnlich schlechten Verfassung, wie Sandra von ihrer Mutter wusste. Die pflegte noch den Kontakt zu Helenes Mutter und hatte es dadurch mitbekommen. Diese Mitteilung gab der Kommissarin zusätzliche Kraft. Helene war besonders darüber erfreut, in Sandra ein Opfer ihrer Lebensgeschichten gefunden zu haben.

Sandra lenkte dieses Abarbeiten der Schulfreundin von ihren eigenen Problemen ab, und sie freute sich schon Tage zuvor auf das gemeinsame Laufen mit Helene durch die Oldenburger Hunteniederung. Irgendwann kam in der Laufgruppe plötzlich das Thema „Marathonlauf“ auf. Nachdem Sandra sichergestellt hatte, dass die Dienststelle darin keine Probleme sah, führte die Kommissarin auch hin und wieder während ihrer Dienstzeit das Lauftraining durch. Schon bald entwickelte sich die Lauferei zu einer leichten Sucht, und da es auch vonseiten ihres Arztes keinerlei Einwände gab, trat sie der „Laufgruppe Marathon“ bei. Ab November 2013 begann sie – zusammen mit anderen Oldenburger Läufern – für den Hamburg-Marathon im Mai des kommenden Jahres zu trainieren.

Sandra musste unter dem Sonnenschirm eingeschlafen sein. Irgendein lauter Ruf hatte sie aufgeschreckt und sie versuchte, sich zu sammeln. Dann richtete sie sich auf und blickte umher. Noch immer lag sie an der Elbe. Die Dame im weißen Kleid stand mit hochrotem Kopf und weit von sich gestrecktem Arm wenige Meter neben ihr.

„Das Mädchen dort draußen im Wasser regt sich nicht ...!“

Genau die Worte waren es, die Sandra wieder in die Gegenwart zurückgeholt hatten. Die alte Dame musste sie wiederholt haben. Mit einem Satz war Sandra auf den Beinen und ihre Augen folgten der Richtung des ausgestreckten Arms. Im trüben Wasser der Elbe tummelte sich noch immer eine Vielzahl an Kindern und Erwachsenen beim Planschen und Baden. Doch eine seltsame Unruhe lag in der Luft. Von überall liefen Menschen aus unterschiedlichen Richtungen zum Elbeufer. Und plötzlich erkannte Sandra, was diese Nervosität ausgelöst hatte: Da trieb eine leblose Person an der Oberfläche der Elbe – in einer Entfernung zum Strand, die eigentlich für Badende nicht mehr erlaubt war, da sie zu nahe an der Fahrrinne lag. Die Menschen um sie herum riefen laut und zeigten mit den Fingern auf die Stelle. Sandra rannte zum Wasser, obwohl sie feststellen musste, dass schon genügend Schaulustige dorthin unterwegs waren. Als auch sie das Ufer erreichte, war die erste Reihe der Neugierigen schon vergeben. Trotzdem füllte sich der Platz um Sandra herum im Sekundentakt. Alle wollten mitbekommen, wie sich zwei sportliche Männer schwimmend in Richtung des Körpers bewegten. Gerade eben hatten sie den Punkt erreicht. Einer drehte die leblose Gestalt um und bemühte sich, sie ins flache Gewässer zu ziehen. Als der Schwimmer Boden unter den Füßen spürte, nahm er die Gestalt auf seine Arme und rannte – Wasserfontänen aufwirbelnd – Richtung Strand. Die zweite Person versuchte ihn zu unterstützen, indem sie die Badegäste im Wasser zur Seite trieb. Endlich, so konnte Sandra sehen, hatten die beiden Männer den Strand erreicht. Für sie war es inzwischen schwierig geworden, durch die Menge den weiteren Verlauf der Rettungsaktion zu verfolgen. Sie beschloss in ihrer Eigenschaft als Polizeibeamtin in die Nähe des Geschehens zu gelangen. Leider hatten diese Idee oder eine ähnliche, weniger vernünftige, wohl auch andere Personen. Sie schoben und drängten sich in Richtung des Platzes, an dem – wie Sandra vermutete – schon die Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen haben mussten. Sandra fühlte sich wie bei einem Rockkonzert und ein solches Bild nahm sie zum Anlass, um bis zu der verunfallten Person durchzudringen. Mit Sätzen wie „Ich bin Polizistin“ oder „Lassen Sie mich durch!“ schaffte sie es nach einer Weile, die Stelle am Strand zu erreichen. Als sich der Menschenkreis vor ihr öffnete, lag dort auf einer Decke und völlig durchnässt das türkische Mädchen von vorhin. Sandra hatte es sofort wiedererkannt. Mehrere Personen knieten neben ihm und waren dabei, es zu reanimieren. Ein Mann mit nassem Oberkörper sprang sofort auf Sandra zu und brüllte: „Bleiben Sie zurück und behindern Sie nicht die Arbeiten des Arztes.“ Ruhig rief Sandra ihm über den Strandlärm zu: „Keine Angst, ich bin von der Polizei!“ Der Mann schaute erst etwas ungläubig, machte ihr dann aber Platz. Sie kniete sich unweit des Mädchens neben eine Frau, die dem nassen Kind die Hand hielt. Das Kopftuch des Mädchens war verrutscht und lange Strähnen klebten an ihrem Gesicht und endeten im Sand.

„Ist das ein Arzt?“, fragte die Kommissarin die Frau, die mit ernstem Gesicht nickte. „Dann wird ja alles gut!“, meinte Sandra, und wieder senkte die Frau ihren Kopf. „Hat man einen Notruf abgesetzt?“, fragte die Kommissarin nun und fügte hinzu: „Ich bin Polizistin!“

Die Frau blickte nicht zu ihr hin, nickte aber erneut. Sandra schaute den beiden Männern zu, die sich bei Herzdruckmassage und Atemspende ablösten. Es erinnerte sie an ihren letzten Erste-Hilfe-Kurs. Dort hatte man erklärt, dass das Verhältnis Herzdruckmassage und Atemspende jetzt bei 30:2 lag. Ihr war gerade aufgefallen, dass einer der Männer immer bis 30 zählte. Sie hoffte, dass das Glück der Kleinen hold war. Schon das Auftauchen eines Arztes war ein gutes Zeichen.

Der immer lauter werdende Ton einer Sirene kündigte das Annähern eines Rettungswagens an und Minuten später hatten drei Personen in signalroter Kleidung den Platz des Arztes und des Helfers eingenommen. Als auch ein Streifenwagen auftauchte, verschwand Sandra etwas nach hinten. Sie wollte nicht, dass irgendjemand sie als Gaffer einordnete. Ob sie sich den Kollegen als Kriminalbeamtin zu erkennen gebensollte? War das sinnvoll? Nach kurzer Überlegung schob sie sich durch die inzwischen aufgelöste Menge zurück zu ihrer Decke. Sie kramte in ihrer Handtasche nach einer Visitenkarte und wollte schon zurücklaufen, als die Dame im weißen Kleid sie ansprach: „Es war das Kind mit dem Kopftuch, nicht wahr?“

Sandra hatte auf der Stelle gedreht und sich zur Frau hinbewegt. Nun standen sich beide gegenüber. Obwohl die Kommissarin mit ihren ein Meter siebenundsechzig nicht besonders groß war, erschien ihr die Dame vor ihr im Moment wie ein Kind. Die Kommissarin musste fast auf sie niederschauen, um in ihre traurigen Augen zu blicken.

„Ja, es ist das Mädchen!“, erklärte Sandra nur und: „Ich bin gleich zurück!“ Sie lief zu den Kollegen und drückte einem der Uniformierten ihre Karte in die Hand. „Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann?“

Erst wollte der Polizist etwas Unfreundliches loswerden, aber dann fiel sein Blick auf die Karte, und plötzlich ging so etwas wie ein Ruck durch seinen Körper.

„Danke, Frau Kollegin. Das ist sehr nett. Haben Sie etwas beobachtet?“ Er hatte Sandra sanft zur Seite geschoben.

„Tut mir leid, ich habe geschlafen“, erklärte die Angesprochene mit leichter Wehmut in der Stimme.

„Ich denke, die meisten Badegäste hier haben nichts mitbekommen!“, versuchte der Beamte ihre Aussage zu mildern.

Sandra nickte beifällig.

„Aber trotzdem, vielen Dank, Frau Holz. Ich gebe die Karte an den Verantwortlichen weiter. Wenn man Fragen haben sollte, wird man sich bei Ihnen melden.“

Sandra nickte erneut und lief zurück. Sie wurde schon von der Dame erwartet.

„Wollen wir uns setzen?“, fragte die Frau und bot Sandra Platz auf ihrer weißen Decke an.

„Weiß ist Ihre Lieblingsfarbe, nicht wahr?“

Die Frau lachte und stimmte zu. Dann verdunkelten sich ihre Gesichtszüge wieder und sie flüsterte: „Ist das Mädchen tot?“

Erst jetzt fiel Sandra ein, dass sie keinerlei Informationen über den Zustand der Kleinen besaß und sie zuckte mit den Schultern.

„Sicher wird sie durchkommen!“, mutmaßte die weiß gekleidete Frau.

„Kommen Sie öfters hierher?“ Sandra hatte die Urlaubsstimmung abgelegt und war wieder in ihre Rolle als Kommissarin geschlüpft.

„Ich wohne nicht weit von hier in der Seniorenresidenz Augustinum. Die Frau hob ihren Arm und zeigte nach links. „Sehen sie dort das Gebäude mit der Glaskuppel?“

Sandra hob den Kopf, um über einigen Ball spielenden Jungs etwas zu erkennen, und bejahte.

„Haben Sie denn etwas gesehen? Wissen Sie, Frau ...?“

„Von Fürstenau, Hiltrud von Fürstenau!“

Als Sandra den ersten Anflug von Verblüffung über den Adelstitel der Frau überstanden hatte, fragte sie erneut: „Ist Ihnen denn etwas aufgefallen, Frau von Fürstenau, was diesen ... Badeunfall angeht? Ach ja, mein Name ist Sandra Holz!“ Leicht verlegen bezüglich ihres einfachen Namens fügte sie hinzu: „Ich bin Kriminalbeamtin!“

Hatte sie jetzt Überraschung vonseiten der Frau erwartet, sah sie sich getäuscht. Diese hob nur die Nase etwas höher und meinte: „Das Mädchen war schon lange im Wasser, und ich habe mich gewundert, warum sie Alltagskleidung und keinen Badeanzug trug. Dazu das Kopftuch ...!“ Und nach einer Atempause: „Ich werde jetzt gehen, es gibt bald Abendbrot.“

Mit diesen Worten war die Dame aufgestanden und begann, den Schirm abzubauen und ihn sowie ihre Decke zu verpacken. Sandra bedankte sich, stand ebenfalls auf und lief zurück zu ihrem Platz. Sie schaute der Frau weiter bei ihrer Tätigkeit zu. Sie wusste nun, wo die Dame wohnte, und auch, wie sie hieß. Sollten also mehr Informationen notwendig sein, würden die Kollegen sie finden.

Als die Frau das Gelände verließ, winkte Sandra ihr noch einmal zu. Ihr fiel auf, dass auch die letzte Feder des weißen Hütchens den Kampf gegen den Wind verloren hatte.

2

Sandras Handy klingelte am nächsten Morgen, während sie in Frau Kleins Pension mutterseelenalleine im Frühstückssaal saß und auf die Elbe und die dahinter hochwachsenden Containerkräne blickte. Sie hatte sich gerade aus dem vollen Brotkorb vor sich bedient und war dabei, in ein Rundstück – wie ihre Wirtin es seit eh und je nannte – zu beißen. Sandra schaute erst auf die Uhr – dann auf das neben ihr liegende Handy. Es war kurz vor neun! Das konnte ihre Mutter sein, aber auch die Dienststelle, ging es ihr durch den Kopf. Sie überprüfte, ob die Rufnummer unterdrückt war; es war nicht der Fall. Ihre Mutter konnte es nicht sein, diese war mit einem Foto abgespeichert. Es war eine Nummer, die mit 0176 begann. Sandra hatte keine Ahnung, wer das sein könnte. Für einen Moment machte sich eine Abneigung gegen den Störer und das Klingeln bei ihr breit. Dann schluckte sie den im Mund befindlichen Bissen hinunter und nahm das Gespräch an.

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