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In "Die Welt von Gestern, Brasilien, Reise nach Rußland & Reisen in Europa" entfaltet Stefan Zweig ein facettenreiches Panorama seiner Erfahrungen und Beobachtungen in einer Zeit des Umbruchs. Der literarische Stil ist geprägt von einer poetischen Prosa, die melancholische Reflexionen mit präziser Erzählkunst verbindet. Zweig gelingt es, die kulturellen und politischen Spannungen des frühen 20. Jahrhunderts durch persönliche Erlebnisse und Reiseberichte zu erhellen. Seine Schilderungen wecken ein tiefes Verständnis für die Zerrissenheit der europäischen Identität und die Sehnsucht nach einem verlorenen Kontinent. Stefan Zweig, ein österreichischer Schriftsteller und einer der bedeutendsten Autoren seiner Zeit, war stark von den politischen Wirren und der Emigration geprägt, die seine Heimatstadt Wien erschütterten. Die aufstrebende Totalitarismus in Europa und seine Flucht nach Brasilien führten ihn dazu, seine Gedanken zu Liebe, Verlust und kulturellem Erbe niederzuschreiben. Zweig war ein glühender Verfechter des europäischen Humanismus, und sein Werk spiegelt das Ringen um Werte und Identität in einer sich rapide verändernden Welt wider. Dieses Buch ist eine Einladung an den Leser, eingetaucht in die reflektierenden Gedanken eines der größten Denker des 20. Jahrhunderts, die Gab es zwischen Nostalgie und aktueller Reflexion über die Reise durch Europa und darüber hinaus. Es ist eine essentielle Lektüre für alle, die die Wurzeln der europäischen Kultur und deren Entwicklung im Angesicht der Geschichte erforschen möchten. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Sammlung vereint vier prägende Prosawerke von Stefan Zweig, die gemeinsam ein weit gespanntes Panorama seiner Weltbetrachtung eröffnen. Sie ist bewusst nicht als Gesamtwerk angelegt, sondern als thematisch fokussierte Auswahl, die Erinnerung, Reise und kulturelle Deutung in Beziehung setzt. Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, Brasilien. Ein Land der Zukunft, Reise nach Rußland und Reisen in Europa treten hier in einen Dialog, der individuelle Erfahrung und historisches Bewusstsein zusammenführt. Ziel ist es, Zweigs Perspektive als europäischer Intellektueller sichtbar zu machen und seine Kunst des Beobachtens, Vermittelns und Verdichtens in unterschiedlichen Kontexten erfahrbar zu halten.
Im Mittelpunkt steht ein doppelter Zugriff: Zum einen das Erinnerungsbuch Die Welt von Gestern als Selbstzeugnis eines Autors, der seine Epoche beschreibt; zum anderen drei Reise- und Beobachtungstexte, die Begegnungen mit Ländern und Kulturen festhalten. Diese Zusammenstellung betont, wie sehr Zweigs Blick nach innen und nach außen einander bedingen. Er verweilt bei Prägungen, die ihn formten, und öffnet sich zugleich dem Fremden, das sein Denken anregt. Die Sammlung will zeigen, wie aus autobiografischer Rückschau und Reiseerfahrung eine kohärente, humanistisch grundierte Weltdeutung entsteht, die die Spannungen und Hoffnungen des 20. Jahrhunderts reflektiert.
Die vier Werke decken unterschiedliche Erfahrungsräume ab. Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers ist eine autobiografische Rückschau auf Herkunft, Bildung und geistige Umwelt. Brasilien. Ein Land der Zukunft porträtiert ein Land, das Zweig mit Offenheit und Neugier betrachtet und als Gegenüber zu seiner europäischen Herkunft erforscht. Reise nach Rußland hält Eindrücke einer Reise fest und erkundet Wahrnehmungen einer sich verändernden Gesellschaft. Reisen in Europa bündelt Betrachtungen über Städte, Landschaften und kulturelle Traditionen des Kontinents. Zusammengenommen zeigen diese Texte, wie Zweig Orte als Spiegel für Ideen, Mentalitäten und historische Erfahrungen nutzt.
Die in der Sammlung versammelten Textsorten reichen von autobiografischer Erinnerung über Essay und Reisebericht bis zur kulturhistorischen Skizze. Charakteristisch ist ihre Durchlässigkeit: Beobachtung, Reflexion und literarische Form verschränken sich, ohne in Fachprosa zu erstarren. Elemente des Feuilletons – pointierte Szenen, prägnante Charakterisierungen, atmosphärische Verdichtungen – stehen neben längeren gedanklichen Passagen, die Zusammenhänge erläutern. Die Reisebücher arbeiten mit reportagenahen Mitteln, bleiben jedoch stets literarisch geformt. Das Erinnerungsbuch verbindet persönliche Erlebnisse mit übergreifenden Linien der Zeitgeschichte. So entsteht ein Gattungsgeflecht, das der Vielgestaltigkeit von Erfahrung gerecht werden will.
Zentrales verbindendes Thema ist die Frage, wie sich Identität im Austausch mit der Welt formt. Zweigs Selbstbeschreibung in Die Welt von Gestern eröffnet einen Erfahrungsrahmen, aus dem heraus er Länder und Kulturen betrachtet. Seine Reisebücher wiederum spiegeln auf neue Weise jene geistige Herkunft, die das Erinnerungswerk entfaltet. Der Blick auf Europa, auf Rußland und auf Brasilien wird zum Labor des Vergleichs: Gewohnheiten, Werte und historische Lasten treten in Kontrast und Korrespondenz. Der Leser folgt nicht einer reinen Ortsbeschreibung, sondern einer intellektuellen Bewegung, die im Wahrnehmen stets auch prüft, ordnet und vermittelt.
Stilistisch verbindet diese Texte ein Ton der Anschaulichkeit und Maßhaltung. Zweig bevorzugt klare, rhythmische Sätze, eine bildhafte, aber kontrollierte Sprache und eine Dramaturgie, die Szenen und Gedanken ineinander gleiten lässt. Selbst dort, wo er Zustände und Strukturen schildert, werden sie durch Menschen, Landschaften und Situationen lebendig. Die erzählerische Erfahrung aus seinem übrigen Werk schimmert durch: psychologische Aufmerksamkeit, genaue Beobachtung der Nuancen, Sinn für Tempo und Übergänge. Der Stil dient stets dem Verstehen, nicht der Pose. So bleibt die Prosa zugänglich, ohne Komplexität zu opfern, und elegant, ohne in Ornament zu verfallen.
Historische Umbrüche bilden den Resonanzraum dieser Sammlung, ohne den Texten ihre Eigenständigkeit zu nehmen. Die Welt von Gestern reflektiert die Prägungen einer untergegangenen europäischen Welt, deren Wert- und Bildungsordnungen in Frage geraten. Die Reiseberichte registrieren Verschiebungen der politischen und sozialen Wirklichkeit, erkunden Hoffnungen, Konflikte und Widersprüche. In Brasilien. Ein Land der Zukunft trifft die Neugier auf das Versprechen eines anderen Anfangs; in Reise nach Rußland richtet sich der Blick auf ein Gesellschaftsmodell, das Beobachtung und Prüfung herausfordert. Reisen in Europa schließlich hält die Vielfalt und Verletzlichkeit des Kontinents in beweglichen Bildern fest.
Als Ganzes zeigt die Sammlung, dass Reisen für Zweig mehr ist als Ortswechsel: Es ist eine Technik des Erkennens. Der Autor nutzt das Unterwegssein, um Unterschiede wahrzunehmen, Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen und eigene Vorannahmen zu befragen. Das Memoir liefert die innere Landkarte, die die Reiselektüre erhellt; die Reisebücher wiederum relativieren und schärfen diese Karte. In der Reibung von Nähe und Distanz, von Herkunft und Begegnung, entsteht eine Ethik der Aufmerksamkeit, die das Fremde nicht exotisiert, sondern verständlich machen will. Daraus erwächst ein Plädoyer für geistige Beweglichkeit und verantwortete Urteilskraft.
Die Themen Wissenstransfer, Übersetzung zwischen Kulturen und das Ringen um Verständlichkeit verbinden die Texte über Gattungsgrenzen hinweg. Zweig setzt auf Vermittelbarkeit: Er breitet Kontexte aus, wählt prägnante Beispiele, setzt historische Markierungen, ohne in bloße Chronik zu verfallen. Seine Figuren – ob biografisch oder beobachtet – erscheinen als Träger von Erfahrungen, die größere Zusammenhänge erhellen. Dabei wahrt er eine Haltung, die Pathos meidet und dennoch Engagement erkennen lässt. So entsteht eine Prosa, die weder belehrt noch verflacht, sondern Leserinnen und Leser zum Mitdenken anregt und ihnen zugleich eine klare sprachliche Führung anbietet.
Die Entscheidung, gerade diese vier Bücher zusammenzuführen, folgt dem Anliegen, die Spannweite eines humanistischen Weltzugriffs sichtbar zu machen. Die Welt von Gestern formuliert die Bedingungen einer europäischen Erfahrung; die Reisebücher erproben sie an unterschiedlichen Räumen. Aus dieser Konstellation erwächst ein Bild des Autors als Grenzgänger zwischen Sprachen, Ländern und Epochen. Die Sammlung lädt dazu ein, Verbindungen nachzuvollziehen: Motive, die im Erinnerungsbuch angelegt sind, bekommen in Brasilien, in Rußland und in Europa neue Konturen. So lässt sich ein Werkzusammenhang erschließen, der als Einheit mehr bedeutet als die Summe seiner Teile.
Für die Lektüre empfiehlt sich, die Eigenart der einzelnen Texte zu respektieren und zugleich Querbezüge zu suchen. Wer mit Die Welt von Gestern beginnt, gewinnt einen Schlüssel zu Tonfall und Perspektive der Reisebücher. Umgekehrt können Brasilien. Ein Land der Zukunft, Reise nach Rußland und Reisen in Europa als selbstständige Erkundungen gelesen werden, die jeweils eigene Schwerpunkte setzen. Die Sammlung eröffnet damit verschiedene Zugänge: chronologisch, thematisch oder geographisch. In jedem Fall bleibt Zweigs Leitmotiv spürbar, die komplexe Wirklichkeit in eine klare, lebendige Sprache zu übersetzen, die Verständnis stiftet, ohne Konflikte zu glätten.
Die Bedeutung dieser Zusammenstellung liegt nicht zuletzt in ihrer Aktualität. Sie zeigt, wie ein Schriftsteller im Spannungsfeld von Erinnerung und Gegenwart Orientierung sucht und Verantwortung übernimmt, indem er genau hinschaut und verständlich schreibt. Zwischen dem Abschied von einer vergangenen Ordnung und der Begegnung mit neuen Weltentwürfen entfaltet sich ein Ethos der Empathie und des Maßes. Diese Grundhaltung macht die vier Bücher zu dauerhaften Gesprächspartnern über Identität, Wandel und die Kunst, Unterschiede fruchtbar zu machen. Wer diese Sammlung liest, begegnet einer Sprache, die verbindet – und einer Literatur, die den Dialog ernst nimmt.
Stefan Zweig (1881–1942) war ein österreichischer Schriftsteller, Essayist und Biograf, der zu den meistgelesenen Autoren des europäischen Zwischenkriegs zählt. Aus dem geistigen Klima des Wiener Fin de Siècle hervorgegangen, verband er psychologische Präzision mit einer ausgeprägt kosmopolitischen Haltung. Seine bekanntesten Bücher – darunter Schachnovelle, Die Welt von Gestern und Sternstunden der Menschheit – stehen exemplarisch für eine Literatur, die innere Konflikte, historische Kulminationspunkte und die Zerbrechlichkeit europäischer Kultur auslotet. Zweigs Lebensweg, von der Habsburgermonarchie bis in das Exil in der Neuen Welt, spiegelt die Erschütterungen des 20. Jahrhunderts und begründet seine anhaltende Bedeutung als europäischer Humanist.
Aufgewachsen in Wien in einem assimilierten jüdischen Bürgertum, besuchte Zweig höhere Schulen der Stadt und studierte anschließend an der Universität Wien unter anderem Germanistik und Philosophie. In den frühen 1900er-Jahren promovierte er mit einer Arbeit über Hippolyte Taine und orientierte sich stark an französischen und belgischen Autoren, deren Werke er auch übersetzte, etwa Émile Verhaeren. Reisen nach Deutschland, Frankreich, Italien und in die Schweiz prägten seine ästhetische Haltung ebenso wie die Atmosphäre der Wiener Moderne und die zeitgenössische Psychologie. Der intellektuelle Austausch mit europäischen Schriftstellern und Denkern, darunter Romain Rolland, bestärkte ihn in einer übernationalen, auf Verständigung zielenden Perspektive.
In der Vorkriegszeit etablierte sich Zweig mit Lyrik, Essays und frühen Erzählungen, zu denen Die Liebe der Erika Ewald und Brennendes Geheimnis zählen. Der Erste Weltkrieg markierte einen Wendepunkt: In administrativer Funktion im Wiener Kriegsarchiv tätig, wandte er sich entschiedenen pazifistischen Positionen zu und suchte literarische Formen, die Mitgefühl und Verantwortung betonen. Das dramatische Gedicht Jeremias, während des Kriegs entstanden und aufgeführt, zeugt von dieser Haltung. Zugleich verfeinerte er seine Kunst der psychologischen Novelle, die innere Zwänge, Obsessionen und moralische Grenzsituationen erkundet und ihm bald internationale Beachtung einbrachte.
Die 1920er-Jahre brachten Zweig den Durchbruch als europäischem Erfolgsautor. Seine essayistischen Porträts großer Gestalten verdichtete er in Sammelbänden wie Drei Meister (über Balzac, Dickens und Dostojewski), Der Kampf mit dem Dämon (Hölderlin, Kleist, Nietzsche) und Drei Dichter ihres Lebens (Casanova, Stendhal, Tolstoi). Parallel entstanden vielgelesene Novellen, darunter Amok, Vierundzwanzig Stunden im Leben einer Frau und Verwirrung der Gefühle, deren elegante Prosa und psychologische Zuspitzung sein Markenzeichen wurden. Mit Sternstunden der Menschheit schuf er pointierte historische Miniaturen, die entscheidende Momente der Weltgeschichte in literarische Szenen verwandelten und sein Interesse an Biografie und Geschichtsschreibung bündelten.
In den 1930er-Jahren verlagerte sich sein Schwerpunkt zunehmend auf historisch-biografische Werke. Weit verbreitet waren die Biografien Joseph Fouché, Marie Antoinette, Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, Maria Stuart und Magellan. Zweig arbeitete zudem als Dramatiker und verfasste für Richard Strauss das Libretto zur Oper Die schweigsame Frau, die bald nach der Premiere politisch angefeindet wurde. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten führte zur öffentlichen Ächtung und Verbrennung seiner Bücher in Deutschland. Er verließ Österreich dauerhaft, lebte im Vereinigten Königreich und setzte sein kosmopolitisches Netzwerk im Exil fort, während seine Werke auf dem Kontinent zunehmend verboten wurden.
Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte er mit Ungeduld des Herzens seinen einzigen vollendeten Roman, der moralische Verstrickungen und empathische Überforderung in erzählerischer Breite gestaltet. Nach weiteren Stationen im Exil reiste er in die Vereinigten Staaten und schließlich nach Brasilien. Dort schrieb er die Erinnerungen Die Welt von Gestern, eine Bilanz der untergegangenen mitteleuropäischen Kultur, sowie die Novelle Schachnovelle, ein spätes Kondensat seiner psychologischen Themen. Beide Texte erschienen postum. 1942 nahm sich Zweig in Petrópolis das Leben, erschüttert von Krieg, Vertreibung und dem Zusammenbruch der europäischen Ordnung, der sein Werk zugleich motiviert und beschattet.
Zweigs Nachwirkung ist vielgestaltig. Seine Novellen und historischen Porträts werden weltweit gelesen, neu übersetzt und immer wieder adaptiert; ihre klare Sprache und genaue Psychologie sichern ihnen anhaltende Popularität. Die Welt von Gestern gilt als zentrales Zeugnis einer verlorenen europäischen Lebensform und hat die Debatte über Kultur, Toleranz und Exil nachhaltig geprägt. Zugleich provozieren seine Humanitätsidee und sein oft leiser Ton Diskussionen über politische Wirksamkeit und Haltung im Angesicht der Gewaltgeschichte. Heute steht Zweig als klassischer Erzähler der Moderne im Kanon, dessen Werk zwischen Empathie, Erinnerungsarbeit und europäischer Idee vermittelt.
Die Entstehung dieser Texte wurzelt in der spätkaiserlichen Welt Wiens, in die Stefan Zweig am 28. November 1881 geboren wurde. Das multilinguale Habsburgerreich, in dem Wien, Prag, Lemberg und Triest verbunden waren, prägte ein kosmopolitisches Ethos. Die Wiener Moderne entfaltete sich mit der Secession (1897), Sigmund Freuds Traumdeutung (1900) und den Kaffeehäusern als Diskursräumen. In diesem Milieu erprobte Zweig früh das Feuilleton, publizierte in der Neuen Freien Presse unter Theodor Herzl und knüpfte Netzwerke, die ihn nach Paris, Berlin und Brüssel trugen. Diese Prägungen – urbane Mobilität, Übersetzungskultur, supranationale Offenheit – bleiben Grundmotive seines gesamten Reise- und Erinnerungswerks.
Vor 1914 ermöglichte ein dichtes Eisenbahnnetz nahezu barrierefreie Reisen durch Mitteleuropa. Literaturzirkel verbanden Wien mit Paris und Brüssel; Symbolismus, Naturalismus und die internationale Verlagswelt (etwa Insel- und S. Fischer Verlag) kanalisierten Ideenströme. Freundschaften mit europäischen Intellektuellen – darunter Romain Rolland (1866–1944) – festigten Zweigs Ideal eines kulturell geeinten Kontinents. Aufenthalte in Paris und Belgien schärften seinen Blick für Museen, Theater und Archive als Gedächtnisorte Europas. Die scheinbare Stabilität der Belle Époque, ihr Glaube an Bildung, Tourismus und Weltbürgertum, bildet den Kontrast- und Bezugshorizont für spätere Reflexionen über Grenzziehungen, politische Verhärtungen und die Fragilität zivilisatorischer Errungenschaften.
Der Erste Weltkrieg zerschlug 1914 die Reisefreiheit und den supranationalen Habitus der Vorkriegszeit. Zweig diente im Kriegsarchiv in Wien und wandelte sich zum entschiedenen Pazifisten. Die militärische Mobilmachung, Zensur und die Ernüchterung einer ganzen Generation rahmen seine spätere Diagnose Europas. Mit dem Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 und der Entstehung neuer Grenzregimes veränderten sich Wege, Visa und Identitäten. Künstlerische Metropolen wie Wien und Berlin mussten sich neu positionieren; Exil und innere Emigration wurden Möglichkeitsräume. Diese Zäsur – administrativ, emotional, topografisch – strukturiert den Nachklang der Vorkriegswelt ebenso wie die Wahrnehmung späterer Reiseeindrücke in Ost und West.
Nach 1918 suchte die europäische Kultur in Festivals, Kongressen und Zeitschriftenforen ihre Öffentlichkeit. Zweig lebte ab 1919 in Salzburg, wo die von Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt mitbegründeten Salzburger Festspiele 1920 einen transnationalen Begegnungsraum etablierten. Vortragsreisen führten ihn durch Frankreich, die Schweiz, Italien und die Niederlande. Der Internationale PEN-Kongress tagte 1926 in Wien, während das Locarno-Abkommen (1925) und der Briand-Kellogg-Pakt (1928) Hoffnungen auf Verständigung nährten. Diese Bühne der Zwischenkriegszeit – halb fragile Friedensordnung, halb glühender Austausch – durchzieht seine europäische Reiseliteratur, wie auch seine späteren Rückblicke auf die Möglichkeiten und Versäumnisse eines kulturell geeinten Kontinents.
Mit dem Aufstieg autoritärer Regime gerieten Reise, Publikation und öffentliche Rede in Europa unter Druck. In Italien etablierte sich 1922 der Faschismus; in Deutschland übernahmen die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 die Macht. Am 10. Mai 1933 brannten in deutschen Städten Bücher, auch von Zweig. Österreich driftete 1933/34 in den Austrofaschismus (Engelbert Dollfuß, später Kurt Schuschnigg). Diese Verhärtungen verschoben die Koordinaten des literarischen Lebens: Visa, Devisenbestimmungen, Zensur und Berufsverbote bestimmten die Mobilitätschancen. Die Spannungen prägen das Spannungsfeld zwischen Reisen als Erkenntnisform und der Erfahrung, dass Grenzen, Pässe und Polizeistaaten die europäische Öffentlichkeit zunehmend fragmentierten.
Die Situation der assimilierten jüdischen Bourgeoisie in Wien – geprägt von Aufstiegswillen und bürgerlicher Bildung – wurde von wachsender Feindschaft begleitet. Bereits die Ära Karl Luegers (Bürgermeister 1897–1910) hatte den Antisemitismus politisch normalisiert. Nach 1933 radikalisierten die Nürnberger Gesetze (1935) im Deutschen Reich den Ausschluss; nach dem „Anschluss“ Österreichs am 12. März 1938 traf die Verfolgung auch österreichische Jüdinnen und Juden unmittelbar. Stempel, Namensänderungen und Enteignungen wurden zur Realität. Diese Entwicklungen, die viele Schreibende in die Emigration zwangen, bilden den Hintergrund eines Werkverständnisses, das europäische Kultur als bedrohtes, doch verbindendes Erbe begreift – quer über Sprachen und Grenzen hinweg.
Der Umbruch mobilisierte zugleich die Verlagslandschaft. Der S. Fischer Verlag in Berlin stand für die klassische Republikäride; nach 1933 spalteten Emigration und Anpassungsdruck das Gefüge. Gottfried Bermann-Fischer verlegte seine Tätigkeit ins Exil und gründete 1938/39 den Bermann-Fischer Verlag in Stockholm, der weiterhin deutschsprachige Literatur veröffentlichte. Amsterdam, Paris, Zürich und später New York wurden Knotenpunkte exilierter Druckorte. Diese Disziplin des „Wanderns“ von Manuskripten über Grenzen – mit Zensur, Devisenbeschränkungen und Postblockaden – prägte die Materialität des Schreibens wie die Zirkulation der Texte. Druckorte und Transitstädte markieren damit eine geokulturelle Topographie der europäischen Literatur im Exil.
Der Blick nach Osten war von Umbruch geprägt. Die Oktoberrevolution 1917, Bürgerkrieg und die Konsolidierung der Sowjetmacht veränderten Russland grundlegend. Mit dem Ersten Fünfjahresplan (1928) traten Industrialisierung und Planerfüllung in den Vordergrund; 1932 wurde der Schriftstellerverband reorganisiert, 1934 der Sozialistische Realismus auf dem Ersten Schriftstellerkongress in Moskau offiziell. Reisen nach Moskau und Leningrad verbanden Museums- und Archivbesuche – etwa im Erbe Tolstois – mit Begegnungen in der intellektuellen Szene, in der Namen wie Maxim Gorki präsent waren. Die Beobachtung einer Gesellschaft im beschleunigten Wandel kontrastierte mit west- und mitteleuropäischen Erinnerungsschichten und schärfte Vergleichsmaßstäbe für Kultur, Öffentlichkeit und Freiheit.
Europäisches Reisen in der Zwischenkriegszeit bedeutete das Durchqueren historischer Schichten. Städte wie Paris, Amsterdam, Triest, Antwerpen oder Zürich boten Sammlungen, Theater, Häfen und Kaffeehäuser als Welterfahrungsorte. Nach 1919 verfestigten Grenzkontrollen und Visa das Unterwegssein; dennoch blieben Eisenbahnen – Simplon-, Arlberg- oder Nordexpress – die Lebensadern der Kultur. Die Reisenden sahen Rembrandt in den Niederlanden, El Greco in Spanien oder die gotischen Kathedralen Frankreichs als Zeugnisse eines gemeinsamen Erbes. Orte und Werke wurden Vergleichsgrößen für europäische Identität. Diese kartographische Kulturkunde stellt Europas inneren Zusammenhang über Epochen hinweg heraus – und macht politische Brüche in ihrer Kontrastschärfe sichtbar.
Nach dem Versailler Vertrag (1919) entstand der Völkerbund in Genf als Labor diplomatischer Verständigung. Das Internationale Institut für Geistige Zusammenarbeit in Paris (gegründet 1926) förderte Austausch, Übersetzungen und Autorenbegegnungen. 1932 versammelte die Genfer Abrüstungskonferenz große Hoffnungen, die wenige Jahre später an der Realität scheiterten. Die Kulturpolitik dieser Institutionen – Kongresse, Stipendien, Reisetätigkeit – eröffnete Sichtachsen zwischen Nationalkulturen. Dieser Rahmen erklärt die dichte Präsenz von Namen, Städten und Jubiläen in Reisetexten: Sie sind zugleich Dokumente der Begegnung und bilanzen ein europäisches Projekt, das zwischen Kooperation und bewaffneter Rivalität pendelte und dessen Erfolg von Reisefreiheit und Vertrauensbildung abhing.
Nach politischen Drangsalierungen verließ Zweig 1934 Salzburg und siedelte nach London über, mit Arbeitsaufenthalten u. a. in Bath. Großbritannien wurde in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre ein wichtiger Zufluchtsort für deutschsprachige Autorinnen und Autoren. Rundfunkanstalten wie die BBC öffneten Podien, während Emigrantenkreise in London und Oxford Debattenräume schufen. 1940, im Jahr des Blitz auf London, suchten viele die Ausreise über das neutrale Lissabon (Portugal seit 1933 unter António de Oliveira Salazar). Von dort führten Schifffahrtslinien nach New York und Rio de Janeiro. Diese Transitrouten verbanden die zersprengte europäische Öffentlichkeit über den Atlantik hinweg.
Brasilien bot im 20. Jahrhundert eine Perspektive auf Zukunft und Vielfalt. Nach der Revolution von 1930 etablierte Getúlio Vargas 1937 den autoritären Estado Novo (bis 1945). Rio de Janeiro war bis 1960 Hauptstadt, São Paulo ein industrielles Zentrum; Einwanderung aus Europa prägte Gesellschaft und Städtebau. Die Semana de Arte Moderna 1922 in São Paulo markierte eine kulturelle Erneuerung mit internationaler Aufmerksamkeit. Für europäische Intellektuelle der 1930er und 1940er Jahre war Brasilien zugleich Zuflucht und Projektionsfläche: tropische Moderne, soziale Dynamik und Kontinentgröße standen neben Zensur, Nationalismus und Entwicklungsprogrammen. Diese Spannungen rahmen Beobachtungen zu Landschaft, Urbanität und kultureller Gastfreundschaft.
Die Amerikas wurden in den Kriegsjahren zu Resonanzräumen europäischer Literatur. Zwischen 1939 und 1941 intensivierten sich Vortragsreisen nach New York, Buenos Aires, Montevideo und Rio de Janeiro. Argentinien und Uruguay entwickelten vitale Verlagsszenen; Theater- und Konzertleben – etwa das Teatro Colón in Buenos Aires – waren Ankerpunkte der Emigration. Übersetzungen ins Spanische und Portugiesische erweiterten Reichweiten; Periodika in Santiago de Chile, São Paulo oder Havanna boten Foren. Die Koexistenz von Exilgemeinschaften und lokalen Modernismen schuf eine polyzentrische Öffentlichkeit, in der europäische Erinnerungsdiskurse auf neue Lesarten trafen und geopolitische Distanzen zu intellektuellen Brücken wurden.
Der Zweite Weltkrieg, ausgelöst am 1. September 1939 durch den Überfall auf Polen, zerschlug die fragile europäische Ordnung. Die Besetzung Frankreichs (Juni 1940), die Seeblockaden und der U-Boot-Krieg erschwerten Kommunikation und Buchhandel. Postrouten, Devisen- und Exportgenehmigungen bestimmten das Erscheinen von Texten, oft in Stockholm, Zürich oder New York. Die zerstreute „Republik der Briefe“ verlegte sich auf Radiovorträge, Privatdrucke und Auslandsverlage. Gleichzeitig formierte sich eine globale Exillandschaft von Los Angeles über Mexiko-Stadt bis Rio de Janeiro und Jerusalem. Reiseberichte und Erinnerungen wurden zu Medien des Zeugnisses, die Krieg, Flucht und Kontinuitätsverlust für mehrere Kontinente dokumentierten.
Das Exil in Brasilien kulminierte in Petrópolis, einer Bergstadt nördlich von Rio de Janeiro, wo Zweig mit Lotte Altmann Zweig lebte. Am 22. Februar 1942 nahm sich das Ehepaar das Leben. Zeitgleich eskalierte der Weltkrieg – wenige Tage zuvor fiel Singapur (15. Februar 1942) an Japan –, und die Nachrichten aus Europa wurden düsterer. Der Ort Petrópolis, Sitz der kaiserlichen Sommerresidenz des 19. Jahrhunderts, symbolisiert eine verschobene europäische Erinnerung in den Tropen. Die Umstände der letzten Monate, die transatlantische Entwurzelung und die Suche nach geistiger Zugehörigkeit bilden einen Rahmen, in dem Lebensbilanz, Reisebeobachtung und historische Diagnose zusammenzutreten scheinen.
Verlags- und Rezeptionsgeschichte nach 1945 zeigte Wanderungen der Texte durch Stockholm, Zürich, Amsterdam und New York zurück in den deutschsprachigen Raum. Die Debatte um europäischen Humanismus, Erinnerung an Mitteleuropa und die Rolle kosmopolitischer Vermittler erlebte seit den 1980er Jahren eine erneute Konjunktur. Europäische Integration – von der Montanunion 1951 bis zum Vertrag von Maastricht 1992 – verlieh Reflexionen über Grenzen und Begegnungsräume neue Aktualität. In Brasilien blieben Erinnerungen an das Exil in Archiven und Häusern lebendig; in Russland wechselten die Bewertungen mit politischen Klimata. Übersetzungen und Neuauflagen etablierten ein globales Lesepublikum, das historische Verflechtungen neu kontextualisierte.
Im Rückblick bilden Reisen, Exil und Erinnerungsarbeit ein Geflecht, das europäische, russische und brasilianische Räume miteinander verschaltet. Daten wie 1914, 1918, 1933, 1938, 1939 und 1942 markieren Zäsuren, an denen sich Beobachtungshorizonte verschieben: vom Habsburgischen Kosmopolitismus über die Zwischenkriegs-Internationalität zur erzwungenen Transatlantikperspektive. Orte – Wien, Salzburg, Paris, Genf, Moskau, Leningrad, London, Lissabon, New York, Rio de Janeiro, Petrópolis – werden zu Stationen einer geistigen Kartographie. Namen wie Romain Rolland, Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt, Maxim Gorki und Gottfried Bermann-Fischer verweisen auf die Netzwerke. In diesem Spannungsfeld entfalten sich Reise, Kulturvergleich und Erinnerung als Zeugen einer europäischen Erfahrung im Weltmaßstab.
Autobiografische Rückschau von der Wiener Belle Époque über den Ersten Weltkrieg bis zur Emigration, als Porträt einer untergehenden europäischen Kultur. Zweig beschreibt den Übergang von bürgerlicher Sicherheit und kultureller Offenheit zu Nationalismus, Gewalt und geistiger Heimatlosigkeit.
Essayistisches Porträt Brasiliens, das Geschichte, Landschaft und ethnische Vielfalt zu einem optimistischen Zukunftsbild bündelt. Zweig kontrastiert die brasilianische Integrationsidee und Toleranz mit der Intoleranz und Zerstörungskraft des zeitgenössischen Europa.
Reisebericht aus der frühen Sowjetunion mit Beobachtungen zu Städten, Kulturinstitutionen und Alltagsleben unter der neuen Ordnung. Zwischen Faszination und Vorbehalt tastet sich Zweig an die Spannungen zwischen künstlerischem Aufbruch, politischer Kontrolle und sozialer Umwälzung heran.
Sammlung europäischer Reiseessays, in denen historische Orte, Kunst und Landschaften als Ausdruck einer gemeinsamen Kultur gelesen werden. Die Texte verbinden anschauliche Topografie mit kulturhistorischer Reflexion über Grenzen, Identität und den Geist des Kontinents.
Bermann-Fischer, Stockholm 1944
»Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht.«
Shakespeare, ›Cymbeline‹
Inhalt
Ich habe meiner Person niemals so viel Wichtigkeit beigemessen, daß es mich verlockt hätte, anderen die Geschichten meines Lebens zu erzählen. Viel mußte sich ereignen, unendlich viel mehr, als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt ist, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat oder – besser gesagt – zum Mittelpunkt. Nichts liegt mir ferner, als mich damit voranzustellen, es sei denn im Sinne des Erklärers bei einem Lichtbildervortrag; die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu, und es wird eigentlich nicht so sehr mein Schicksal sein, das ich erzähle, sondern das einer ganzen Generation – unserer einmaligen Generation, die wie kaum eine im Laufe der Geschichte mit Schicksal beladen war. Jeder von uns, auch der Kleinste und Geringste, ist in seiner innersten Existenz aufgewühlt worden von den fast pausenlosen vulkanischen Erschütterungen unserer europäischen Erde; und ich weiß mir inmitten der Unzähligen keinen anderen Vorrang zuzusprechen als den einen: als Österreicher, als Jude, als Schriftsteller, als Humanist und Pazifist jeweils just dort gestanden zu sein, wo diese Erdstöße am heftigsten sich auswirkten. Sie haben mir dreimal Haus und Existenz umgeworfen, mich von jedem Einstigen und Vergangenen gelöst und mit ihrer dramatischen Vehemenz ins Leere geschleudert, in das mir schon wohlbekannte ›Ich weiß nicht wohin‹. Aber ich beklagte das nicht; gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts mehr Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. So hoffe ich, wenigstens eine Hauptbedingung jeder rechtschaffenen Zeitdarstellung erfüllen zu können: Aufrichtigkeit und Unbefangenheit.
Denn losgelöst von allen Wurzeln und selbst von der Erde, die diese Wurzeln nährte, – das bin ich wahrhaftig wie selten einer in den Zeiten. Ich bin 1881 in einem großen und mächtigen Kaiserreiche geboren, in der Monarchie der Habsburger, aber man suche sie nicht auf der Karte: sie ist weggewaschen ohne Spur. Ich bin aufgewachsen in Wien, der zweitausendjährigen übernationalen Metropole, und habe sie wie ein Verbrecher verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt. Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben Lande, wo meine Bücher Millionen Leser sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast; auch die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren, seit es sich zum zweitenmal selbstmörderisch zerfleischt im Bruderkriege. Wider meinen Willen bin ich Zeuge geworden der furchtbarsten Niederlage der Vernunft und des wildesten Triumphes der Brutalität innerhalb der Chronik der Zeiten; nie – ich verzeichne dies keineswegs mit Stolz, sondern mit Beschämung – hat eine Generation einen solchen moralischen Rückfall aus solcher geistigen Höhe erlitten wie die unsere. In dem einen kleinen Intervall, seit mir der Bart zu sprossen begann und seit er zu ergrauen beginnt, in diesem einen halben Jahrhundert hat sich mehr ereignet an radikalen Verwandlungen und Veränderungen als sonst in zehn Menschengeschlechtern, und jeder von uns fühlt: zu vieles fast! So verschieden ist mein Heute von jedem meiner Gestern, meine Aufstiege und meine Abstürze, daß mich manchmal dünkt, ich hätte nicht bloß eine, sondern mehrere, völlig voneinander verschiedene Existenzen gelebt. Denn es geschieht mir oft, daß, wenn ich achtlos erwähne: ›Mein Leben‹, ich mich unwillkürlich frage: ›Welches Leben?‹ Das vor dem Weltkriege, das vor dem ersten oder das vor dem zweiten oder das Leben von heute? Dann wieder ertappe ich mich dabei, daß ich sage: ›Mein Haus‹ und nicht gleich weiß, welches der einstigen ich meinte, ob das in Bath oder in Salzburg oder das Elternhaus in Wien. Oder daß ich ›bei uns‹ sage und erschrocken mich erinnern muß, daß ich für die Menschen meiner Heimat längst ebensowenig dazugehöre wie für die Engländer oder für die Amerikaner, dort nicht mehr organisch verbunden und hier wiederum niemals ganz eingegliedert; die Welt, in der ich aufgewachsen bin, und die von heute und die zwischen beiden sondern sich immer mehr für mein Gefühl zu völlig verschiedenen Welten. Jedesmal, wenn ich im Gespräch jüngeren Freunden Episoden aus der Zeit vor dem ersten Kriege erzähle, merke ich an ihren erstaunten Fragen, wieviel für sie schon historisch oder unvorstellbar von dem geworden ist, was für mich noch selbstverständliche Realität bedeutet. Und ein geheimer Instinkt in mir gibt ihnen recht: zwischen unserem Heute, unserem Gestern und Vorgestern sind alle Brücken abgebrochen. Ich selbst kann nicht umhin, mich zu verwundern über die Fülle, die Vielfalt, die wir in den knappen Raum einer einzigen – freilich höchst unbequemen und gefährdeten – Existenz gepreßt haben, und schon gar, wenn ich sie mit der Lebensform meiner Vorfahren vergleiche. Mein Vater, mein Großvater, was haben sie gesehen? Sie lebten jeder ihr Leben in der Einform. Ein einziges Leben vom Anfang bis zum Ende, ohne Aufstiege, ohne Stürze, ohne Erschütterung und Gefahr, ein Leben mit kleinen Spannungen, unmerklichen Übergängen; in gleichem Rhythmus, gemächlich und still, trug sie die Welle der Zeit von der Wiege bis zum Grabe. Sie lebten im selben Land, in derselben Stadt und fast immer sogar im selben Haus; was außen in der Welt geschah, ereignete sich eigentlich nur in der Zeitung und pochte nicht an ihre Zimmertür. Irgendein Krieg geschah wohl irgendwo in ihren Tagen, aber doch nur ein Kriegchen, gemessen an den Dimensionen von heute, und er spielte sich weit an der Grenze ab, man hörte nicht die Kanonen, und nach einem halben Jahre war er erloschen, vergessen, ein dürres Blatt Geschichte, und es begann wieder das alte, dasselbe Leben. Wir aber lebten alles ohne Wiederkehr, nichts blieb vom Früheren, nichts kam zurück; uns war im Maximum mitzumachen vorbehalten, was sonst die Geschichte sparsam jeweils auf ein einzelnes Land, auf ein einzelnes Jahrhundert verteilt. Die eine Generation hatte allenfalls eine Revolution mitgemacht, die andere einen Putsch, die dritte einen Krieg, die vierte eine Hungersnot, die fünfte einen Staatsbankrott, – und manche gesegneten Länder, gesegneten Generationen sogar überhaupt nichts von dem allen. Wir aber, die wir heute sechzig Jahre alt sind und de jure noch eigentlich ein Stück Zeit vor uns hätten, was haben wir nicht gesehen, nicht gelitten, nicht miterlebt? Wir haben den Katalog aller nur denkbaren Katastrophen durchgeackert von einem zum anderen Ende (und sind noch immer nicht beim letzten Blatt). Ich allein bin Zeitgenosse der beiden größten Kriege der Menschheit gewesen und habe sogar jeden erlebt auf einer anderen Front, den einen auf der deutschen, den anderen auf der antideutschen. Ich habe im Vorkrieg die höchste Stufe und Form individueller Freiheit und nachdem ihren tiefsten Stand seit Hunderten Jahren gekannt, ich bin gefeiert gewesen und geächtet, frei und unfrei, reich und arm. Alle die fahlen Rosse der Apokalypse sind durch mein Leben gestürmt, Revolution und Hungersnot, Geldentwertung und Terror, Epidemien und Emigration; ich habe die großen Massenideologien unter meinen Augen wachsen und sich ausbreiten sehen, den Faschismus in Italien, den Nationalsozialismus in Deutschland, den Bolschewismus in Rußland und vor allem jene Erzpest, den Nationalismus, der die Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet hat. Ich mußte wehrloser, machtloser Zeuge sein des unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in längst vergessen gemeinte Barbarei mit ihrem bewußten und programmatischen Dogma der Antihumanität. Uns war es vorbehalten, wieder seit Jahrhunderten Kriege ohne Kriegserklärungen, Konzentrationslager, Folterungen, Massenberaubungen und Bombenangriffe auf wehrlose Städte zu sehen, Bestialitäten all dies, welche die letzten fünfzig Generationen nicht mehr gekannt haben und künftige hoffentlich nicht mehr erdulden werden. Aber paradoxerweise habe ich auch in ebenderselben Zeit, da unsere Welt im Moralischen zurückstürzte um ein Jahrtausend, dieselbe Menschheit im Technischen und Geistigen sich zu ungeahnten Taten erheben sehen, mit einem Flügelschlag alles in Millionen Jahren Geleistete überholend: die Eroberung des Äthers durch das Flugzeug, die Übermittlung des irdischen Worts in derselben Sekunde über den Erdball und damit die Besiegung des Weltraums, die Zerspaltung des Atoms, die Besiegung der heimtückischsten Krankheiten, die fast tägliche Ermöglichung des gestern noch Unmöglichen. Nie bis zu unserer Stunde hat sich die Menschheit als Gesamtheit teuflischer gebärdet und nie so Gottähnliches geleistet.
Dies unser gespanntes, dramatisch überraschungsreiches Leben zu bezeugen, scheint mir Pflicht, denn – ich wiederhole – jeder war Zeuge dieser ungeheuren Verwandlungen, jeder war genötigt Zeuge zu sein. Für unsere Generation gab es kein Entweichen, kein Sich-abseits-Stellen wie in den früheren; wir waren dank unserer neuen Organisation der Gleichzeitigkeit ständig einbezogen in die Zeit. Wenn Bomben in Shanghai die Häuser zerschmetterten, wußten wir es in Europa in unseren Zimmern, ehe die Verwundeten aus ihren Häusern getragen waren. Was tausend Meilen über dem Meer sich ereignete, sprang uns leibhaftig im Bilde an. Es gab keinen Schutz, keine Sicherung gegen das ständige Verständigtwerden und Mitgezogensein. Es gab kein Land, in das man flüchten, keine Stille, die man kaufen konnte, immer und überall griff uns die Hand des Schicksals und zerrte uns zurück in sein unersättliches Spiel.
Ständig mußte man sich Forderungen des Staates unterordnen, der stupidesten Politik zur Beute hinwerfen, den phantastischsten Veränderungen anpassen, immer war man an das Gemeinsame gekettet, so erbittert man sich wehrte; es riß einen mit, unwiderstehlich. Wer immer durch diese Zeit ging oder vielmehr gejagt und gehetzt wurde – wir haben wenig Atempausen gekannt –, hat mehr Geschichte miterlebt als irgendeiner seiner Ahnen. Auch heute stehen wir abermals an einer Wende, an einem Abschluß und einem neuen Beginn. Ich handle darum durchaus nicht absichtslos, wenn ich diesen Rückblick auf mein Leben mit einem bestimmten Datum vorläufig enden lasse. Denn jener Septembertag 1939 zieht den endgültigen Schlußstrich unter die Epoche, die uns Sechzigjährige geformt und erzogen hat. Aber wenn wir mit unserem Zeugnis auch nur einen Splitter Wahrheit aus ihrem zerfallenen Gefüge der nächsten Generation übermitteln, so haben wir nicht ganz vergebens gewirkt.
Ich bin mir der ungünstigen, aber für unsere Zeit höchst charakteristischen Umstände bewußt, unter denen ich diese meine Erinnerungen zu gestalten suche. Ich schreibe sie mitten im Kriege, ich schreibe sie in der Fremde und ohne den mindesten Gedächtnisbehelf. Kein Exemplar meiner Bücher, keine Aufzeichnungen, keine Freundesbriefe sind mir in meinem Hotelzimmer zur Hand. Nirgends kann ich mir Auskunft holen, denn in der ganzen Welt ist die Post von Land zu Land abgerissen oder durch die Zensur gehemmt. Wir leben jeder so abgesondert wie vor Hunderten Jahren, ehe Dampfschiffe und Bahn und Flugzeuge und Post erfunden waren. Von all meiner Vergangenheit habe ich also nichts mit mir, als was ich hinter der Stirne trage. Alles andere ist für mich in diesem Augenblick unerreichbar oder verloren. Aber die gute Kunst, Verlorenem nicht nachzutrauern, hat unsere Generation gründlich gelernt, und vielleicht wird der Verlust an Dokumentierung und Detail diesem meinem Buche sogar zum Gewinn. Denn ich betrachte unser Gedächtnis nicht als ein das eine bloß zufällig behaltendes und das andere zufällig verlierendes Element, sondern als eine wissend ordnende und weise ausschaltende Kraft. Alles, was man aus seinem eigenen Leben vergißt, war eigentlich von einem inneren Instinkt längst schon verurteilt gewesen, vergessen zu werden. Nur was ich selber bewahren will, hat ein Anrecht, für andere bewahrt zu werden. So sprecht und wählt, ihr Erinnerungen, statt meiner, und gebt wenigstens einen Spiegelschein meines Lebens, ehe es ins Dunkel sinkt!
Still und ruhig auferzogen Wirft man uns auf einmal in die Welt, Und umspülen hunderttausend Wogen, Alles reizt uns, mancherlei gefällt, Mancherlei verdrießt uns und von Stund zu Stunden Schwankt das leicht unruhige Gefühl, Wir empfinden, und was wir empfunden Spült hinweg das bunte Weltgefühl.
Goethe
Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkriege, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit[1q]. Alles in unserer fast tausendjährigen österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste Garant dieser Beständigkeit. Die Rechte, die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau begrenzt. Unsere Währung, die österreichische Krone, lief in blanken Goldstücken um und verbürgte damit ihre Unwandelbarkeit. Jeder wußte, wieviel er besaß oder wieviel ihm zukam, was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht. Wer ein Vermögen besaß, konnte genau errechnen, wieviel an Zinsen es alljährlich zubrachte, der Beamte, der Offizier wiederum fand im Kalender verläßlich das Jahr, in dem er avancieren werde und in dem er in Pension gehen würde. Jede Familie hatte ihr bestimmtes Budget, sie wußte, wieviel sie zu verbrauchen hatte für Wohnen und Essen, für Sommerreise und Repräsentation, außerdem war unweigerlich ein kleiner Betrag sorgsam für Unvorhergesehenes, für Krankheit und Arzt bereitgestellt. Wer ein Haus besaß, betrachtete es als sichere Heimstatt für Kinder und Enkel, Hof und Geschäft vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht; während ein Säugling noch in der Wiege lag, legte man in der Sparbüchse oder der Sparkasse bereits einen ersten Obolus für den Lebensweg zurecht, eine kleine ›Reserve‹ für die Zukunft. Alles stand in diesem weiten Reiche fest und unverrückbar an seiner Stelle und an der höchsten der greise Kaiser; aber sollte er sterben, so wußte man (oder meinte man), würde ein anderer kommen und nichts sich ändern in der wohlberechneten Ordnung. Niemand glaubte an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.
Dieses Gefühl der Sicherheit war der erstrebenswerteste Besitz von Millionen, das gemeinsame Lebensideal. Nur mit dieser Sicherheit galt das Leben als lebenswert, und immer weitere Kreise begehrten ihren Teil an diesem kostbaren Gut. Erst waren es nur die Besitzenden, die sich dieses Vorzugs erfreuten, allmählich aber drängten die breiten Massen heran; das Jahrhundert der Sicherheit wurde das goldene Zeitalter des Versicherungswesens. Man assekurierte sein Haus gegen Feuer und Einbruch, sein Feld gegen Hagel und Wetterschaden, seinen Körper gegen Unfall und Krankheit, man kaufte sich Leibrenten für das Alter und legte den Mädchen eine Police in die Wiege für die künftige Mitgift. Schließlich organisierten sich sogar die Arbeiter, eroberten sich einen normalisierten Lohn und Krankenkassen, Dienstboten sparten sich eine Altersversicherung und zahlten im voraus ein in die Sterbekasse für ihr eigenes Begräbnis. Nur wer sorglos in die Zukunft blicken konnte, genoß mit gutem Gefühl die Gegenwart.
In diesem rührenden Vertrauen, sein Leben bis auf die letzte Lücke verpalisadieren zu können gegen jeden Einbruch des Schicksals, lag trotz aller Solidität und Bescheidenheit der Lebensauffassung eine große und gefährliche Hoffart. Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur ›besten aller Welten‹ zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen. Jetzt aber war es doch nur eine Angelegenheit von Jahrzehnten, bis das letzte Böse und Gewalttätige endgültig überwunden sein würde, und dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen ›Fortschritt‹ hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen ›Fortschritt‹ schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglich neuen Wunder der Wissenschaft und der Technik. In der Tat wurde ein allgemeiner Aufstieg zu Ende dieses friedlichen Jahrhunderts immer sichtbarer, immer geschwinder, immer vielfältiger. Auf den Straßen flammten des Nachts statt der trüben Lichter elektrische Lampen, die Geschäfte trugen von den Hauptstraßen ihren verführerischen neuen Glanz bis in die Vorstädte, schon konnte dank des Telephons der Mensch zum Menschen in die Ferne sprechen, schon flog er dahin im pferdelosen Wagen mit neuen Geschwindigkeiten, schon schwang er sich empor in die Lüfte im erfüllten Ikarustraum. Der Komfort drang aus den vornehmen Häusern in die bürgerlichen, nicht mehr mußte das Wasser vom Brunnen oder Gang geholt werden, nicht mehr mühsam am Herd das Feuer entzündet, die Hygiene verbreitete sich, der Schmutz verschwand. Die Menschen wurden schöner, kräftiger, gesünder, seit der Sport ihnen die Körper stählte, immer seltener sah man Verkrüppelte, Kropfige, Verstümmelte auf den Straßen, und alle diese Wunder hatte die Wissenschaft vollbracht, dieser Erzengel des Fortschritts. Auch im Sozialen ging es voran; von Jahr zu Jahr wurden dem Individuum neue Rechte gegeben, die Justiz linder und humaner gehandhabt, und selbst das Problem der Probleme, die Armut der großen Massen, schien nicht mehr unüberwindlich. Immer weiteren Kreisen gewährte man das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, legal ihre Interessen zu verteidigen, Soziologen und Professoren wetteiferten, die Lebenshaltung des Proletariats gesünder und sogar glücklicher zu gestalten – was Wunder darum, wenn dieses Jahrhundert sich an seiner eigenen Leistung sonnte und jedes beendete Jahrzehnt nur als die Vorstufe eines besseren empfand? An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie, die Grenzen von Divergenzen zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen ins gemeinsame Humane und damit Friede und Sicherheit, diese höchsten Güter, der ganzen Menschheit zugeteilt sein.
Es ist billig für uns heute, die wir das Wort ›Sicherheit‹ längst als ein Phantom aus unserem Vokabular gestrichen haben, den optimistischen Wahn jener idealistisch verblendeten Generation zu belächeln, der technische Fortschritt der Menschheit müsse unbedingterweise einen gleich rapiden moralischen Aufstieg zur Folge haben. Wir, die wir im neuen Jahrhundert gelernt haben, von keinem Ausbruch kollektiver Bestialität uns mehr überraschen zu lassen, wir, die wir von jedem kommenden Tag noch Ruchloseres erwarteten als von dem vergangenen, sind bedeutend skeptischer hinsichtlich einer moralischen Erziehbarkeit der Menschen. Wir mußten Freud recht geben, wenn er in unserer Kultur, unserer Zivilisation nur eine dünne Schicht sah, die jeden Augenblick von den destruktiven Kräften der Unterwelt durchstoßen werden kann, wir haben allmählich uns gewöhnen müssen, ohne Boden unter unseren Füßen zu leben, ohne Recht, ohne Freiheit, ohne Sicherheit. Längst haben wir für unsere eigene Existenz der Religion unserer Väter, ihrem Glauben an einen raschen und andauernden Aufstieg der Humanität abgesagt; banal scheint uns grausam Belehrten jener voreilige Optimismus angesichts einer Katastrophe, die mit einem einzigen Stoß uns um tausend Jahre humaner Bemühungen zurückgeworfen hat. Aber wenn auch nur Wahn, so war es doch ein wundervoller und edler Wahn, dem unsere Väter dienten, menschlicher und fruchtbarer als die Parolen von heute. Und etwas in mir kann sich geheimnisvollerweise trotz aller Erkenntnis und Enttäuschung nicht ganz von ihm loslösen. Was ein Mensch in seiner Kindheit aus der Luft der Zeit in sein Blut genommen, bleibt unausscheidbar. Und trotz allem und allem, was jeder Tag mir in die Ohren schmettert, was ich selbst und unzählige Schicksalsgenossen an Erniedrigung und Prüfungen erfahren haben, ich vermag den Glauben meiner Jugend nicht ganz zu verleugnen, daß es wieder einmal aufwärts gehen wird trotz allem und allem. Selbst aus dem Abgrund des Grauens, in dem wir heute halb blind herumtasten mit verstörter und zerbrochener Seele, blicke ich immer wieder auf zu jenen alten Sternbildern, die über meiner Kindheit glänzten, und tröste mich mit dem ererbten Vertrauen, daß dieser Rückfall dereinst nur als ein Intervall erscheinen wird in dem ewigen Rhythmus des Voran und Voran.
Heute, da das große Gewitter sie längst zerschmettert hat, wissen wir endgültig, daß jene Welt der Sicherheit ein Traumschloß gewesen. Aber doch, meine Eltern haben darin gewohnt wie in einem steinernen Haus. Kein einziges Mal ist ein Sturm oder eine scharfe Zugluft in ihre warme, behagliche Existenz eingebrochen; freilich hatten sie noch einen besonderen Windschutz: sie waren vermögende Leute, die allmählich reich und sogar sehr reich wurden, und das polsterte in jenen Zeiten verläßlich Fenster und Wand. Ihre Lebensform scheint mir dermaßen typisch für das sogenannte ›gute jüdische Bürgertum‹, das der Wiener Kultur so wesentliche Werte gegeben hat und zum Dank dafür völlig ausgerottet wurde, daß ich mit dem Bericht ihres gemächlichen und lautlosen Daseins eigentlich etwas Unpersönliches erzähle: so wie meine Eltern haben zehntausend oder zwanzigtausend Familien in Wien gelebt in jenem Jahrhundert der gesicherten Werte.
Die Familie meines Vaters stammte aus Mähren. In kleinen ländlichen Orten lebten dort die jüdischen Gemeinden in bestem Einvernehmen mit der Bauernschaft und dem Kleinbürgertum; so fehlte ihnen völlig die Gedrücktheit und andererseits die geschmeidig vordrängende Ungeduld der galizischen, der östlichen Juden. Stark und kräftig durch das Leben auf dem Lande, schritten sie sicher und ruhig ihren Weg wie die Bauern ihrer Heimat über das Feld. Früh vom orthodox Religiösen emanzipiert, waren sie leidenschaftliche Anhänger der Zeitreligion des ›Fortschritts‹ und stellten in der politischen Ära des Liberalismus die geachtetsten Abgeordneten im Parlament. Wenn sie aus ihrer Heimat nach Wien übersiedelten, paßten sie sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit der höheren Kultursphäre an, und ihr persönlicher Aufstieg verband sich organisch dem allgemeinen Aufschwung der Zeit. Auch in dieser Form des Übergangs war unsere Familie durchaus typisch. Mein Großvater väterlicherseits hatte Manufakturwaren vertrieben. Dann begann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die industrielle Konjunktur in Österreich. Die aus England importierten mechanischen Webstühle und Spinnmaschinen brachten durch Rationalisierung eine ungeheure Verbilligung gegenüber der altgeübten Handweberei, und mit ihrer kommerziellen Beobachtungsgabe, ihrem internationalen Überblick waren es die jüdischen Kaufleute, die als erste in Österreich die Notwendigkeit und Ergiebigkeit einer Umstellung auf industrielle Produktion erkannten. Sie gründeten mit meist geringem Kapital jene rasch improvisierten, zunächst nur mit Wasserkraft betriebenen Fabriken, die sich allmählich zur mächtigen, ganz Österreich und den Balkan beherrschenden böhmischen Textilindustrie erweiterten. Während also mein Großvater als typischer Vertreter der früheren Epoche nur dem Zwischenhandel mit Fertigprodukten gedient, ging mein Vater schon entschlossen hinüber in die neue Zeit, indem er in Nordböhmen in seinem dreiunddreißigsten Lebensjahr eine kleine Weberei begründete, die er dann im Laufe der Jahre langsam und vorsichtig zu einem stattlichen Unternehmen ausbaute.
Solche vorsichtige Art der Erweiterung trotz einer verlockend günstigen Konjunktur lag durchaus im Sinne der Zeit. Sie entsprach außerdem noch besonders der zurückhaltenden und durchaus ungierigen Natur meines Vaters. Er hatte das Credo seiner Epoche ›Safety first‹ in sich aufgenommen; es war ihm wesentlicher, ein ›solides‹ – auch dies ein Lieblingswort jener Zeit – Unternehmen mit eigener Kapitalkraft zu besitzen, als es durch Bankkredite oder Hypotheken ins Großdimensionale auszubauen. Daß zeitlebens nie jemand seinen Namen auf einem Schuldschein, einem Wechsel gesehen hatte und er nur immer auf der Habenseite seiner Bank – selbstverständlich der solidesten, der Rothschildbank, der Kreditanstalt – gestanden, war sein einziger Lebensstolz. Jeglicher Verdienst mit auch nur dem leisesten Schatten eines Risikos war ihm zuwider, und durch all seine Jahre beteiligte er sich niemals an einem fremden Geschäft. Wenn er dennoch allmählich reich und immer reicher wurde, hatte er dies keineswegs verwegenen Spekulationen oder besonders weitsichtigen Operationen zu danken, sondern der Anpassung an die allgemeine Methode jener vorsichtigen Zeit, immer nur einen bescheidenen Teil des Einkommens zu verbrauchen und demzufolge von Jahr zu Jahr einen immer beträchtlicheren Betrag dem Kapital zuzulegen. Wie die meisten seiner Generation hätte mein Vater jemanden schon als bedenklichen Verschwender betrachtet, der unbesorgt die Hälfte seiner Einkünfte aufzehrte, ohne – auch dies ein ständiges Wort aus jenem Zeitalter der Sicherheit – ›an die Zukunft zu denken‹. Dank diesem ständigen Zurücklegen der Gewinne bedeutete in jener Epoche steigender Prosperität, wo überdies der Staat nicht daran dachte, auch von den stattlichsten Einkommen mehr als ein paar Prozent an Steuern abzuknappen und andererseits die Staats-und Industriewerte hohe Verzinsung brachten, für den Vermögenden das Immer-reicher-Werden eigentlich nur eine passive Leistung. Und sie lohnte sich; noch wurde nicht wie in den Zeiten der Inflation der Sparsame bestohlen, der Solide geprellt, und gerade die Geduldigsten, die Nichtspekulanten hatten den besten Gewinn. Dank dieser Anpassung an das allgemeine System seiner Zeit konnte mein Vater schon in seinem fünfzigsten Jahre auch nach internationalen Begriffen als sehr vermögender Mann gelten. Aber nur sehr zögernd folgte die Lebenshaltung unserer Familie dem immer rascheren Anstieg des Vermögens nach. Man legte sich allmählich kleine Bequemlichkeiten zu, wir übersiedelten aus einer kleinen Wohnung in eine größere, man hielt sich im Frühjahr für die Nachmittage einen Mietswagen, reiste zweiter Klasse mit Schlafwagen, aber erst in seinem fünfzigsten Jahr gönnte sich mein Vater zum erstenmal den Luxus, mit meiner Mutter für einen Monat im Winter nach Nizza zu fahren. Im ganzen blieb die Grundhaltung, Reichtum zu genießen, indem man ihn hatte und nicht indem man ihn zeigte, völlig unverändert; noch als Millionär hat mein Vater noch nie eine Importe geraucht, sondern – wie Kaiser Franz Joseph seine billige Virginia – die einfache ärarische Trabuco, und wenn er Karten spielte, geschah es immer nur um kleine Einsätze. Unbeugsam hielt er an seiner Zurückhaltung, seinem behaglichen, aber diskreten Leben fest. Obwohl ungleich repräsentabler und gebildeter als die meisten seiner Kollegen – er spielte ausgezeichnet Klavier, schrieb klar und gut, sprach Französisch und Englisch – hat er beharrlich sich jeder Ehre und jedem Ehrenamt verweigert, zeitlebens keinen Titel, keine Würde angestrebt oder angenommen, wie sie ihm oft in seiner Stellung als Großindustrieller angeboten wurde. Niemals jemanden um etwas gebeten zu haben, niemals zu ›bitte‹ oder ›danke‹ verpflichtet gewesen zu sein, dieser geheime Stolz bedeutete ihm mehr als jede Äußerlichkeit.
Nun kommt im Leben eines jedweden unweigerlich die Zeit, da er im Bilde seines Wesens dem eigenen Vater wiederbegegnet. Jener Wesenszug zum Privaten, zum Anonymen der Lebenshaltung beginnt sich in mir jetzt von Jahr zu Jahr stärker zu entwickeln, so sehr er eigentlich im Widerspruch steht zu meinem Beruf, der Name und Person gewissermaßen zwanghaft publik macht. Aber aus dem gleichen geheimen Stolz habe ich seit je jede Form äußerer Ehrung abgelehnt, keinen Orden, keinen Titel, keine Präsidentschaft in irgendeinem Vereine angenommen, nie einer Akademie, einem Vorstand, einer Jury angehört; selbst an einer festlichen Tafel zu sitzen ist mir eine Qual, und schon der Gedanke, jemanden um etwas anzusprechen, trocknet mir – selbst wenn meine Bitte einem Dritten gelten soll – die Lippe schon vor dem ersten Wort. Ich weiß, wie unzeitgemäß derlei Hemmungen sind in einer Welt, wo man nur frei bleiben kann durch List und Flucht, und wo, wie Vater Goethe weise sagte, ›Orden und Titel manchen Puff abhalten im Gedränge‹. Aber es ist mein Vater in mir und sein heimlicher Stolz, der mich zurückzwingt, und ich darf ihm nicht Widerstand leisten; denn ihm danke ich, was ich vielleicht als meinen einzig sicheren Besitz empfinde: das Gefühl der inneren Freiheit.
Meine Mutter, die mit ihrem Mädchennamen Brettauer hieß, war von einer anderen, einer internationalen Herkunft. Sie war in Ancona, im südlichen Italien geboren und Italienisch ebenso ihre Kindheitssprache wie Deutsch; immer wenn sie mit meiner Großmutter oder ihrer Schwester etwas besprach, was die Dienstboten nicht verstehen sollten, schaltete sie auf Italienisch um. Risotto und die damals noch seltenen Artischocken sowie die andern Besonderheiten der südlichen Küche waren mir schon von frühester Jugend an vertraut, und wann immer ich später nach Italien kam, fühlte ich mich von der ersten Stunde zu Hause. Aber die Familie meiner Mutter war keineswegs italienisch, sondern bewußt international; die Brettauers, die ursprünglich ein Bankgeschäft besaßen, hatten sich – nach dem Vorbild der großen jüdischen Bankiersfamilien, aber natürlich in viel winzigeren Dimensionen – von Hohenems, einem kleinen Ort an der Schweizer Grenze, frühzeitig über die Welt verteilt. Die einen gingen nach St. Gallen, die andern nach Wien und Paris, mein Großvater nach Italien, ein Onkel nach New York, und dieser internationale Kontakt verlieh ihnen besseren Schliff, größeren Ausblick und dazu einen gewissen Familienhochmut. Es gab in dieser Familie keine kleinen Kaufleute, keine Makler mehr, sondern nur Bankiers, Direktoren, Professoren, Advokaten und Ärzte, jeder sprach mehrere Sprachen, und ich erinnere mich, mit welcher Selbstverständlichkeit man bei meiner Tante in Paris bei Tisch von der einen zur andern hinüberwechselte. Es war eine Familie, die sorgsam ›auf sich hielt‹, und wenn ein junges Mädchen aus der ärmeren Verwandtschaft heiratsreif wurde, steuerte die ganze Familie eine stattliche Mitgift zusammen, nur um zu verhindern, daß sie ›nach unten‹ heirate. Mein Vater wurde als Großindustrieller zwar respektiert, aber meine Mutter, obwohl in der glücklichsten Ehe mit ihm verbunden, hätte nie geduldet, daß sich seine Verwandten mit den ihren auf eine Linie gestellt hätten. Dieser Stolz, aus einer ›guten‹ Familie zu stammen, war bei allen Brettauers unausrottbar, und wenn in späteren Jahren einer von ihnen mir sein besonderes Wohlwollen bezeigen wollte, äußerte er herablassend: »Du bist doch eigentlich ein rechter Brettauer«, als ob er damit anerkennend sagen wollte: »Du bist doch auf die rechte Seite gefallen.«
Diese Art Adel, den sich manche jüdische Familie aus eigener Machtvollkommenheit zulegte, hat mich und meinen Bruder schon als Kinder bald amüsiert und bald verärgert. Immer bekamen wir zu hören, daß dies ›feine‹ Leute seien und jene ›unfeine‹, bei jedem Freunde wurde nachgeforscht, ob er aus ›guter‹ Familie sei und bis ins letzte Glied Herkunft sowohl der Verwandtschaft als des Vermögens überprüft. Dieses ständige Klassifizieren, das eigentlich den Hauptgegenstand jedes familiären und gesellschaftlichen Gesprächs bildete, schien uns damals höchst lächerlich und snobistisch, weil es sich doch schließlich bei allen jüdischen Familien nur um einen Unterschied von fünfzig oder hundert Jahren dreht, um die sie früher aus demselben jüdischen Ghetto gekommen sind. Erst viel später ist es mir klar geworden, daß dieser Begriff der ›guten‹ Familie, der uns Knaben als eine parodistische Farce einer künstlichen Pseudoaristokratie erschien, eine der innersten und geheimnisvollsten Tendenzen des jüdischen Wesens ausdrückt. Im allgemeinen wird angenommen, reich zu werden sei das eigentliche und typische Lebensziel eines jüdischen Menschen. Nichts ist falscher. Reich zu werden bedeutet für ihn nur eine Zwischenstufe, ein Mittel zum wahren Zweck und keineswegs das innere Ziel. Der eigentliche Wille des Juden, sein immanentes Ideal ist der Aufstieg ins Geistige, in eine höhere kulturelle Schicht. Schon im östlichen orthodoxen Judentum, wo sich die Schwächen ebenso wie die Vorzüge der ganzen Rasse intensiver abzeichnen, findet diese Suprematie des Willens zum Geistigen über das bloß Materielle plastischen Ausdruck: der Fromme, der Bibelgelehrte, gilt tausendmal mehr innerhalb der Gemeinde als der Reiche; selbst der Vermögendste wird seine Tochter lieber einem bettelarmen Geistesmenschen zur Gattin geben als einem Kaufmann. Diese Überordnung des Geistigen geht bei den Juden einheitlich durch alle Stände; auch der ärmste Hausierer, der seine Packen durch Wind und Wetter schleppt, wird versuchen, wenigstens einen Sohn unter den schwersten Opfern studieren zu lassen, und es wird als Ehrentitel für die ganze Familie betrachtet, jemanden in ihrer Mitte zu haben, der sichtbar im Geistigen gilt, einen Professor, einen Gelehrten, einen Musiker, als ob er durch seine Leistung sie alle adelte. Unbewußt sucht etwas in dem jüdischen Menschen, dem moralisch Dubiosen, dem Widrigen, Kleinlichen und Ungeistigen, das allem Handel, allem bloß Geschäftlichen anhaftet, zu entrinnen und sich in die reinere, die geldlose Sphäre des Geistigen zu erheben, als wollte er – wagnerisch gesprochen – sich und seine ganze Rasse vom Fluch des Geldes erlösen. Darum ist auch fast immer im Judentum der Drang nach Reichtum in zwei, höchstens drei Generationen innerhalb einer Familie erschöpft, und gerade die mächtigsten Dynastien finden ihre Söhne unwillig, die Banken, die Fabriken, die ausgebauten und warmen Geschäfte ihrer Väter zu übernehmen. Es ist kein Zufall, daß ein Lord Rothschild Ornithologe, ein Warburg Kunsthistoriker, ein Cassirer Philosoph, ein Sassoon Dichter wurde; sie alle gehorchten dem gleichen, unbewußten Trieb, sich von dem frei zu machen, was das Judentum eng gemacht, vom bloßen kalten Geldverdienen, und vielleicht drückt sich darin sogar die geheime Sehnsucht aus, durch Flucht ins Geistige sich aus dem bloß Jüdischen ins allgemein Menschliche aufzulösen. Eine ›gute‹ Familie meint also mehr als das bloß Gesellschaftliche, das sie selbst mit dieser Bezeichnung sich zubilligt; sie meint ein Judentum, das sich von allen Defekten und Engheiten und Kleinlichkeiten, die das Ghetto ihm aufgezwungen, durch Anpassung an eine andere Kultur und womöglich eine universale Kultur befreit hat oder zu befreien beginnt. Daß diese Flucht ins Geistige durch eine unproportionierte Überfüllung der intellektuellen Berufe dem Judentum dann ebenso verhängnisvoll geworden ist wie vordem seine Einschränkung ins Materielle, gehört freilich zu den ewigen Paradoxien des jüdischen Schicksals.
In kaum einer Stadt Europas war nun der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich wie in Wien. Gerade weil die Monarchie, weil Österreich seit Jahrhunderten weder politisch ambitioniert noch in seinen militärischen Aktionen besonders erfolgreich gewesen, hatte sich der heimatliche Stolz am stärksten dem Wunsche einer künstlerischen Vorherrschaft zugewandt. Von dem alten Habsburgerreich, das einmal Europa beherrscht, waren längst wichtigste und wertvollste Provinzen abgefallen, deutsche und italienische, flandrische und wallonische; unversehrt in ihrem alten Glanz war die Hauptstadt geblieben, der Hort des Hofes, die Wahrerin einer tausendjährigen Tradition. Die Römer hatten die ersten Steine dieser Stadt aufgerichtet, als ein Castrum, als vorgeschobenen Posten, um die lateinische Zivilisation zu schützen gegen die Barbaren, und mehr als tausend Jahre später war der Ansturm der Osmanen gegen das Abendland an diesen Mauern zerschellt. Hier waren die Nibelungen gefahren, hier hat das unsterbliche Siebengestirn der Musik über die Welt geleuchtet, Gluck, Haydn und Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms und Johann Strauß, hier waren alle Ströme europäischer Kultur zusammengeflossen; am Hof, im Adel, im Volk war das Deutsche dem Slavischen, dem Ungarischen, dem Spanischen, dem Italienischen, dem Französischen, dem Flandrischen im Blute verbunden, und es war das eigentliche Genie dieser Stadt der Musik, alle diese Kontraste harmonisch aufzulösen in ein Neues und Eigenartiges, in das Österreichische, in das Wienerische. Aufnahmewillig und mit einem besonderen Sinn für Empfänglichkeit begabt, zog diese Stadt die disparatesten Kräfte an sich, entspannte, lockerte, begütigte sie; es war lind, hier zu leben, in dieser Atmosphäre geistiger Konzilianz, und unbewußt wurde jeder Bürger dieser Stadt zum Übernationalen, zum Kosmopolitischen, zum Weltbürger erzogen.
