Stefan Zweig: Die Welt von Gestern - Stefan Zweig - E-Book

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern E-Book

Zweig Stefan

0,0

Beschreibung

Stefan Zweigs Buch 'Die Welt von Gestern' ist ein faszinierender autobiografischer Bericht über eine vergangene Ära, die durch den Ersten Weltkrieg und den Aufstieg des Nationalsozialismus geprägt wurde. Zweig beschreibt die kulturelle und politische Landschaft Europas vor und während des Krieges und reflektiert über die Veränderungen, die diese Ereignisse in seinem eigenen Leben bewirkt haben. Sein literarischer Stil ist geprägt von einer feinen Beobachtungsgabe, eleganter Prosa und tiefem psychologischem Einsicht, was das Buch zu einem ergreifenden Zeugnis einer verlorenen Zeit macht. Als einer der bedeutendsten Schriftsteller seiner Zeit bringt Zweig seine persönlichen Erfahrungen und philosophischen Ansichten gekonnt in seine Erzählung ein. Die Autobiografie ist ein wichtiger historischer und literarischer Beitrag, der Einblicke in die Gedankenwelt eines Mannes liefert, der Zeuge einer der turbulentesten Epochen Europas war. 'Die Welt von Gestern' ist ein unverzichtbares Werk für alle, die an Geschichte, Literatur und dem menschlichen Geist interessiert sind und leuchtet auf brillante Weise die Untiefen und Höhen des 20. Jahrhunderts aus. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 723

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Stefan Zweig

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Eva Scholz

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-1714-4

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Eine verschwundene Welt spricht aus der Erinnerung. Stefan Zweigs Buch öffnet das Tor zu einem Europa, das an sich glaubte und an die Kraft der Kultur, bis Gewalt und Ideologien es zerrissen. Die Spannung zwischen kosmopolitischem Ideal und geschichtlichem Absturz bildet den inneren Konflikt dieser Darstellung. Nicht als Anklage, sondern als persönliche Zeugenschaft schildert der Autor, wie sich Gewissheiten verflüchtigen. So steht eine Stimme, geprägt von Bildung, Reisen und Austausch, dem Lärm der Zerstörung gegenüber. Der Blick zurück ist kein Rückzug, sondern Versuch der Verständigung. Aus der Distanz entsteht ein Bild, das seine Gegenwart mit unserer verbindet.

Die Welt von Gestern, mit dem Untertitel Erinnerungen eines Europäers, stammt von Stefan Zweig, einem österreichischen Schriftsteller jüdischer Herkunft. Zweig, 1881 in Wien geboren, wurde durch Novellen, Biografien und Essays international bekannt. Sein Werk ist von präziser Beobachtung, humanistischem Ethos und einem Sinn für europäische Verbundenheit geprägt. In dieser Autobiografie bündelt er seine Erfahrungen und Reflexionen zu einer dichten Kulturgeschichte aus erster Hand. Er erzählt nicht nur vom eigenen Werdegang, sondern auch von Orten, Strömungen und Netzwerken, die eine ganze Epoche formten. Dadurch wird das Buch zu einem Schlüsseltext über Leben, Kunst und Gesellschaft vor und nach 1914.

Entstanden ist das Werk im Exil. Zweig begann die Niederschrift nach seiner Flucht aus Mitteleuropa, arbeitete in den Jahren 1939 bis 1941 daran und schloss das Manuskript 1941 ab. Es erschien 1942 posthum. Diese Entstehungssituation prägt Ton und Perspektive: Der Autor schreibt aus geographischer und innerer Entfernung, während Europa vom Krieg gezeichnet ist. Die zeitliche Nähe zu den geschilderten Umbrüchen verleiht der Rückschau eine besondere Dringlichkeit. Zugleich erlaubt die Distanz ein Maß an Klarheit, das die emotionale Intensität ausbalanciert. Das Ergebnis ist ein Text, der persönliches Erinnern und historische Einordnung sorgfältig verbindet.

Inhaltlich entwirft Zweig das Panorama einer Lebensreise durch das alte Wien der Monarchie, die internationalen Literaturkreise, Bildungswege und Begegnungen, die ihn prägten. Er schildert die Atmosphäre des Fin de Siècle, die Öffnung der Grenzen für Ideen und Menschen, und das wachsende Gefühl europäischer Zugehörigkeit. Zugleich beschreibt er die Erschütterung des Ersten Weltkriegs, die Risse in den liberalen Gewissheiten der Zwischenkriegszeit und die stufenweise Bedrohung durch autoritäre Regime. Ohne dramaturgische Zuspitzung folgt der Bericht der Erfahrung eines Zeitzeugen, der die Kontinuitäten und Brüche seiner Epoche in ihrem Alltag und in ihren Zeichen erkennt.

Als Klassiker gilt dieses Buch, weil es persönliches Zeugnis und europäische Kulturgeschichte auf einzigartige Weise verschränkt. Zweig verbindet stilistische Eleganz mit intellektueller Redlichkeit und macht komplexe Zusammenhänge lesbar. Sein Blick ist empathisch, doch nicht blind für Widersprüche; kritisch, ohne sich in Ressentiments zu verlieren. Die literarische Form zeigt, wie Erinnerung erzählt werden kann, ohne in Nostalgie zu verharren. So wurde Die Welt von Gestern zu einem Referenzwerk für Autobiografie und Zeitanalyse, das Generationen von Leserinnen und Lesern einen Zugang zu einer untergegangenen, zugleich in ihren Fragen sehr gegenwärtigen Welt eröffnet.

Literarisch überzeugt der Text durch eine kunstvolle Mischung aus erzählerischer Anschaulichkeit und essayistischer Reflexion. Szenen, Stimmungsbilder und Porträts geben den Epochen Gesichter, während gedankliche Passagen Zusammenhänge ordnen. Die Stimme bleibt ruhig, prüfend, zugewandt; sie verzichtet auf Pathos, ohne die Tragweite der Ereignisse zu schmälern. Diese kontrollierte Intensität schafft Vertrauen. Die Komposition folgt einem klaren Bogen und ordnet Erlebnisse zu Motiven, die über das Individuelle hinausweisen. Dadurch wird die Autobiografie zu mehr als der Geschichte eines Einzelnen: Sie wird zur dichterischen Form historischer Erfahrung.

Zentrale Themen des Buches sind die Zerbrechlichkeit liberaler Ordnungen, die Idee eines offenen Europa und die Verantwortung des Einzelnen gegenüber Gemeinschaft und Geschichte. Zweig zeigt, wie Kultur durch Austausch, Übersetzung und Neugier wächst – und wie schnell sie durch Angst, Nationalismus und Gewalt eingeengt wird. Er reflektiert die Erfahrung von Heimat und Fremde, die Dynamik von Bildung als Selbstermächtigung und die Rolle des Intellektuellen im öffentlichen Leben. Dabei bleibt das Konkrete leitend: Räume, Gesten, Bücher, Gespräche machen sichtbar, wie Geschichte sich in Biografien einschreibt.

Der Einfluss des Werks reicht weit über die Germanistik hinaus. Die Welt von Gestern gilt als Standardtext der Exilliteratur und als prägende Quelle für das Verständnis der Habsburger Moderne, der europäischen Vorkriegszeit und der Krisen der Zwischenkriegsjahre. Das Buch wurde vielfach übersetzt, in Schulen und Universitäten gelesen und hat Generationen von Schreibenden zum Nachdenken über Form und Verantwortung autobiografischen Erzählens angeregt. Es dient Historikerinnen, Kulturwissenschaftlern und interessierten Leserinnen gleichermaßen als dichte, anschauliche Primärquelle einer Epoche, deren Konsequenzen bis in die Gegenwart reichen.

Historischer Hintergrund und persönliche Erfahrung verschränken sich unauflöslich. Das Ende der Monarchie, das Erwachen der Massenpolitik, die Materialschlachten des Weltkriegs und die Verwerfungen der 1930er Jahre bilden den Resonanzraum. Zugleich bleibt der Blick auf den Alltag gerichtet: Bildungssysteme, Verkehrswege, Salonkultur, Verlagslandschaft, internationale Begegnungen. Zweigs Perspektive als europäischer Humanist zeigt die Kraft, aber auch die Verletzlichkeit bürgerlicher Zivilisation. Die wachsende Bedrohung durch Diktaturen spiegelt sich im enger werdenden Horizont, den er beschreibt. Aus dieser Konstellation entsteht ein komplexes, doch klar gezeichnetes Geschichtsbild.

Für heutige Leserinnen und Leser ist das Buch aufschlussreich, weil es Mechanismen der Polarisierung, der geistigen Abschottung und der Entwertung von Sprache sichtbar macht. Es zeigt, wie leicht Errungenschaften wie Reisefreiheit, kultureller Austausch und rechtsstaatliche Sicherungen verloren gehen können. Gleichzeitig erinnert es daran, dass Solidarität, Bildung und übernationale Bindungen keine abstrakten Ideale sind, sondern konkrete Praxis. Die Welt von Gestern ermutigt, europäische Erfahrung nicht als Besitzstand, sondern als Aufgabe zu verstehen. In Zeiten globaler Verflechtung und wiederkehrender nationaler Spannungen gewinnt diese Einsicht besondere Bedeutung.

Auch stilistisch bleibt das Werk aktuell: Es verbindet Zugänglichkeit mit intellektueller Tiefe, ohne Fachjargon und ohne Vereinfachungen. Die Sorgfalt der Form, die Klarheit der Sätze und die Ruhe des Erzählens schaffen einen Raum, in dem komplexe Fragen nachvollziehbar werden. Zweigs Haltung vermeidet Rechthaberei und lädt zum Mitdenken ein. Die Balance von persönlicher Nähe und analytischer Distanz führt dazu, dass Leserinnen und Leser die historischen Vorgänge zugleich emotional und kognitiv erfassen können. So entsteht ein nachhaltiges Leseerlebnis, das über den Moment der Lektüre hinaus nachwirkt.

Die Welt von Gestern bleibt relevant, weil es Erfahrung in Orientierung verwandelt. Es lehrt, dass Erinnerung nicht Beschwörung des Vergangenen ist, sondern Verantwortung für das Künftige. Zeitlose Qualitäten tragen das Buch: sprachliche Klarheit, humane Haltung, ein wacher europäischer Blick und das Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit zivilisatorischer Errungenschaften. Wer dieses Werk liest, erhält keinen nostalgischen Trost, sondern ein Maß für Urteilskraft. Darin liegt seine Dauer: Es macht Geschichte befragbar, Gegenwart verständlicher und eröffnet die Vorstellung, dass Kultur aus Offenheit, Neugier und gegenseitiger Anerkennung lebt.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweigs Die Welt von Gestern ist eine autobiografische Rückschau des österreichischen Schriftstellers, verfasst im Exil um 1939 bis 1941 und 1942 postum veröffentlicht. Das Buch zeichnet das Bild einer untergegangenen europäischen Kultur vom späten 19. Jahrhundert bis in die Zeit des Nationalsozialismus. Aus der Perspektive eines weitgereisten Beobachters verbindet Zweig persönliche Erfahrungen mit kulturhistorischen Beobachtungen. Er schildert Aufstieg, Glanz und Zerbrechlichkeit einer Epoche, die sich als sicher, humanistisch und fortschrittsgläubig verstand. Die Darstellung folgt weniger einer linearen Handlung als einer Folge thematisch geordneter Erinnerungen, die jedoch dem historischen Ablauf von Vorkriegszeit, Krieg, Zwischenkriegsjahren und Exil klar entsprechen.

Im Mittelpunkt der frühen Kapitel steht Wien um 1900 als kulturelles Labor. Zweig erinnert sich an die Atmosphäre eines großbürgerlichen Milieus, in dem Bildung, Künste und internationale Orientierung selbstverständlich schienen. Die Habsburgermonarchie erscheint als Rahmen einer Ordnung, die den Bürgern Stabilität versprach. Er beschreibt den Eindruck, in einer verlässlichen, immer fortschreitenden Welt zu leben, und wie diese Gewissheit Lebensstile, Erziehung und Erwartungen prägte. Gleichzeitig deutet er an, dass unter der Oberfläche Spannungen und Modernisierungsschübe gären. Die Jugendjahre werden so zum Ausgangspunkt eines zentralen Motivs: der Illusion von Dauer, deren Bruch das gesamte Buch motivisch durchzieht.

Zweig schildert seinen Eintritt in die literarische Welt als konsequente Folge dieser Prägung: Lektüren, frühe Veröffentlichungen und das Eintauchen in die Caféhaus- und Verlagskultur. Reisen durch Europa erweitern seinen Horizont; Sprachkenntnisse und Begegnungen fördern ein kosmopolitisches Selbstverständnis. Grenzen wirken durchlässig, Eisenbahn und Post verbinden die Metropolen. Er entdeckt die Faszination des Sammelns von Autographen als greifbare Verbindung zu großen Gestalten der Vergangenheit. Zugleich tastet er sich zu einer eigenen Autorrolle vor, die Vermittlung und Verständigung über nationale Linien hinweg anstrebt. Diese Phase markiert den Aufbau eines Vertrauens in übernationale Kultur, das später auf harte Probe gestellt wird.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bildet den scharfen Wendepunkt. Die anfängliche Kriegsbegeisterung vieler Zeitgenossen lässt Zweig befremdet zurück; er beobachtet, wie Intellektuelle und Künstler in nationale Lager auseinanderdriften. Er reflektiert die Dynamiken von Propaganda, Zensur und kollektiver Erregung, die moralische Urteile verengen. Sein eigenes Bekenntnis zur Verständigung führt zu Distanz und innerer Opposition, während der Alltag vom Mangel und der Entwertung gewohnter Maßstäbe gezeichnet ist. In dieser Kontrastierung gewinnt eine zentrale Einsicht Kontur: Die vermeintlich stabile Kultur war verwundbar, weil sie ihre Konflikte beschönigte und sich der Logik der Gewalt nicht rechtzeitig widersetzte.

Nach Kriegsende erscheint Europa als kontinentales Labor der Erschöpfung und Neuerfindung. Zweig beschreibt Inflation, politische Umbrüche und soziale Verwerfungen, aber auch eine überraschende kulturelle Produktivität. Reisen und Vorträge führen ihn in Städte, die trotz Not zu Zentren geistiger Erneuerung werden. Er beobachtet, wie neue Medien und Künste alte Formen herausfordern, und knüpft an Vorkriegsideale der Verständigung an. Dabei gewinnt die Idee eines versöhnten, föderalen Europa an Kontur. Dennoch bleibt die Unsicherheit allgegenwärtig: Grenzen werden strenger, Ressentiments wachsen, und viele beziehen aus Krisen einfache Antworten, die sich gegen Pluralität richten.

Einen breiten Raum nehmen Porträts von Zeitgenossen und Milieus ein. Zweig zeichnet Begegnungen mit Schriftstellern, Musikern und Wissenschaftlern nach und reflektiert über Erfolg, Ruhm und Verantwortung. Sein Interesse am Manuskript als Spur der Arbeit verbindet Bewunderung für Genies mit Respekt vor handwerklicher Disziplin. Er zeigt, wie schöpferische Netzwerke über Nationen hinweg tragen können, solange Vertrauen und Bewegungsfreiheit bestehen. Zugleich vermerkt er die Schattenseiten: Neid, ideologische Vereinnahmung und die Zerbrechlichkeit individueller Lebensentwürfe. Diese Beobachtungen verdichten sich zu einer Diagnose kultureller Abhängigkeiten, in der politische Schocks geistige Produktivität abrupt unterbrechen.

Die 1930er Jahre erscheinen als Jahrzehnt der Zuspitzung. Zweig beschreibt, wie Nationalismus, Antisemitismus und autoritäre Bewegungen die öffentliche Sphäre vergiften. Bücherverbrennungen, Verbote und Pressedruck markieren den Übergang von schleichender Ausgrenzung zu offener Verfolgung. Für Künstler und Intellektuelle wird die Arbeit prekär; für viele bedeutet es den Verlust von Heimat und Sprache als sozialem Schutzraum. Der Anschluss Österreichs steht in der Erzählung als Symbol des endgültigen Bruchs mit dem alten Europa. Der Mensch wird zum Antragsteller vor Schaltern: Pässe, Visa und Fristen bestimmen Lebensläufe, während Freundschaften über Grenzen hinweg Halt geben sollen.

Zweig schildert das Exil als Zustand der Schwebe. Ortswechsel bringen Sicherheit und Entfremdung zugleich; das Schreiben wird zum Versuch, Kontinuität herzustellen, wo Biografie und Geschichte zerrissen sind. Er registriert die Mühen der Neuorientierung, die Abhängigkeit von Gastländern und die Ambivalenz eines Lebens, das zwar gefährdetem Zugriff entkommt, aber seine vertrauten Koordinaten verliert. Zugleich sieht er eine Pflicht zur Zeugenschaft: die Erfahrung eines aussereuropäischen Blicks auf die Krise des Kontinents, die Bewahrung einer Sprache der Mäßigung und Vernunft, und die Hoffnung, dass Erinnerung künftigen Missbrauch von Macht sensibler machen kann.

Im Schlussbogen verbindet das Buch Bilanz und Mahnung. Die Welt von Gestern erscheint als Lehrstück über die Fragilität von Zivilisation: Wohlstand, Bildung und technische Moderne garantieren keinen moralischen Fortschritt, wenn Institutionen und Menschen Toleranz und Rechtsstaat nicht aktiv verteidigen. Zweig plädiert implizit für einen europäischen Humanismus, der Vielfalt anerkennt und Bindungen über Grenzen pflegt. Ohne die Katastrophen abschließend zu deuten, betont er die Verantwortung, aus ihnen eine Kultur des Maßes zu entwickeln. So wird die Erinnerung nicht zum nostalgischen Rückblick, sondern zur Ressource, um Gegenwart und Zukunft gegenüber Verführungen der Gewalt widerstandsfähiger zu machen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Welt von Gestern entsteht aus der Perspektive eines Autors, der in der späten Habsburgermonarchie sozialisiert wurde. Wien um 1900 war Hauptstadt eines vielsprachigen Reiches unter Kaiser Franz Joseph, geprägt von Bürokratie, katholischer Kirche, Militär und einer selbstbewussten bürgerlichen Schicht. Das Kaiserreich bot relative Rechtskontinuität, Goldstandardstabilität und einen offiziellen Universalismus, der Loyalität über Ethnien hinweg verlangte, zugleich aber regionale Nationalbewegungen duldete. In diesem geordneten Rahmen wächst Stefan Zweig, 1881 in Wien geboren, als Sohn einer wohlhabenden, assimilierten jüdischen Familie auf. Seine Erinnerung an Sicherheit, Bildungsideale und gesellschaftlichen Takt spiegelt die Lebenswelt der großbürgerlichen Metropole kurz vor den Erschütterungen des 20. Jahrhunderts.

Das Wien der Jahrhundertwende war ein kulturelles Labor. Entlang der Ringstraße bündelten sich Museen, Opernhaus und Universitäten; die Secession forderte seit 1897 neue Kunst; Gustav Mahler modernisierte die Hofoper; Sigmund Freud revolutionierte das Verständnis des Unbewussten. Kaffeehäuser, Feuilletons und Salons boten eine Infrastruktur des Gesprächs. Schriftsteller wie Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal beobachteten urbane Nervosität und Doppelmoral, während Maler und Architekten der Moderne neue Formen suchten. Zweig bewegt sich früh in diesen Räumen, studiert in Wien und zeitweise in Berlin, pflegt das cosmopolitische Ideal der Bildung und entwickelt sein literarisches Handwerk in enger Tuchfühlung mit einer dichten, europaweit vernetzten Kulturszene.

Die materielle Basis dieser Welt war ein verdichtetes Verkehrs- und Kommunikationsnetz. Internationale Eisenbahnverbindungen, Schnellzüge und Dampfschiffe machten Europa in wenigen Tagen durchquerbar; Telegraphie und billige Postkarten beschleunigten den Austausch. Vor 1914 reisten viele Europäer ohne Passformalitäten, Währungen waren dank Goldstandard kalkulierbar, und Großstädte wie Wien, Berlin, Paris oder Zürich bildeten durch Presse und Verlage gemeinsame Resonanzräume. Zweig nutzt diese Durchlässigkeit früh, reist viel, schließt Freundschaften über Grenzen hinweg und sammelt Eindrücke, die später in seinem Erinnerungsbuch als Panorama eines offenen, auf Fortschritt und Verständigung vertrauenden Kontinents erscheinen, dessen Selbstgewissheit sich als verletzlich erweisen sollte.

Ein zentrales Strukturmerkmal der Vorkriegszeit war die jüdische Emanzipation im Habsburgerreich, rechtlich seit 1867 verankert. In Wien gelang vielen Juden sozialer Aufstieg, besonders im Bildungs- und Kulturbürgertum. Gleichzeitig erstarkten politische und soziale Antisemitismen, prominent verkörpert durch den christlichsozialen Bürgermeister Karl Lueger. Diese Ambivalenz prägte Zweigs Generation: Zugehörigkeit durch Leistung und Kultur, Bedrohung durch Ressentiment. Europaweit schärfte die Dreyfus-Affäre das Bewusstsein für Justiz, Öffentlichkeit und nationale Hysterien. Die Spannung zwischen liberaler Integration und kollektivistischer Ausschließung ist ein Leitmotiv, an dem Die Welt von Gestern den Preis bürgerlicher Illusionen auslotet.

Die literarische Öffentlichkeit um 1900 war transnational organisiert. Berliner Verlage wie S. Fischer und Zeitschriften wie die Neue Rundschau bündelten Debatten über Ästhetik, Moral und Gesellschaft. Übersetzungen verbreiteten Strömungen des Symbolismus und Realismus über Sprachgrenzen. Zweig agierte in diesem Feld als Vermittler, förderte frankophone Autoren wie Émile Verhaeren, korrespondierte mit europäischen Intellektuellen und suchte eine übernationale Sprache der Humanität. Diese Netzwerke veranschaulichen das, was er später europäisches Gewissen nennt: eine Gesprächsgemeinschaft, die das Gemeinsame über das Trennende stellt und die im Ersten Weltkrieg dramatisch unterbrochen wurde.

Unter der glatten Oberfläche der Vorkriegsjahre häuften sich Spannungen. Nationalbewegungen in Böhmen, Galizien und auf dem Balkan stellten den supranationalen Anspruch der Monarchie infrage. Die bosnische Annexionskrise von 1908 und die Balkankriege 1912 und 1913 signalisierten die Sprengkraft regionaler Konflikte im europäischen Konzert. Presse und Massenpolitik verschärften Ton und Tempo öffentlicher Auseinandersetzungen. Zugleich wuchs der Glaube an Technik, Wissenschaft und Wohlstand. Zweig erinnert diese Jahre als Epoche doppelter Bewegung: unerschütterliche Fortschrittszuversicht, begleitet von ungehörten Warnzeichen, die erst nach 1914 als Vorzeichen einer großen Katastrophe lesbar wurden.

Der Kriegsausbruch im Sommer 1914 überrollte die liberale Welt. Mobilmachung, Zensur, Propaganda und der anfängliche Taumel der Begeisterung prägten den Alltag. Zweig wurde dem Kriegsarchiv in Wien zugeteilt, eine vergleichsweise privilegierte Position fern der Front, die ihm jedoch den industriellen Umfang der Gewalt vor Augen führte. Rasch entwickelte er einen dezidiert pazifistischen Blick, suchte intellektuelle Verständigung über Grenzen hinweg, etwa im Austausch mit Romain Rolland, dessen moralische Autorität weit reichte. In dieser Lage entstanden Texte mit warnendem Ton, darunter Theater- und Essayarbeiten, die das Leiden des Individuums gegen nationale Rhetoriken setzten.

Die Niederlage der Mittelmächte 1918 führte zur Auflösung der Monarchie. Österreich schrumpfte zum Kleinstaat, versorgungs- und währungspolitisch am Rand des Zusammenbruchs. Friedensverträge wie Saint-Germain fixierten Grenzen und Lasten, Millionen wurden zu Minderheiten in neuen Nationalstaaten. Hunger, Wohnungsnot und die Spanische Grippe verschärften die Not. Mit dem Sturz des Adels verschwand der soziale Rahmen, der Zweigs Jugend geprägt hatte. Die Welt von Gestern reflektiert diese tektonische Zäsur als moralischen und kulturellen Einbruch, in dem vertraute Selbstverständlichkeiten verschwanden und die individuellen Biografien abrupt von der großen Geschichte überformt wurden.

Im jungen Österreich entfaltete sich trotz materieller Not eine bemerkenswerte Stadtkultur. Das sogenannte Rote Wien der Jahre 1919 bis 1934 baute Gemeindewohnungen, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen und setzte auf kulturelle Teilhabe. Theater, Konzerte und Erwachsenenbildung verliehen der Stadt eine sozialreformerische Aura. Gleichzeitig vertiefte sich die Kluft zum konservativen Umland. Zweig, der seit den 1910er und 1920er Jahren zeitweise in Salzburg lebte, beobachtete diese Gegensätze als Symptom der neuen Republik: politisch polarisiert, kulturell vital, ökonomisch fragil. Seine Erinnerungen messen die Leistung dieser Epoche an der Hoffnung, Kultur könne sozialen Frieden stiften.

Parallel konsolidierten sich internationale Hoffnungen. Der Völkerbund stand seit 1920 für eine regelbasierte Ordnung, Friedensbewegungen suchten Lehren aus dem Krieg, und intellektuelle Projekte wie Paneuropa von Richard Coudenhove-Kalergi warben ab 1923 für politische Integration. Zweig beteiligte sich an diesem europäischen Gespräch als Redner, Essayist und Biograf, etwa mit seiner Erasmus-Arbeit, die Toleranz und Maß als Tugenden der Mitte verteidigt. Seine weltweite Reisetätigkeit und literarische Popularität der 1920er Jahre sind Ausdruck einer kurzen Phase relativer Offenheit, in der kosmopolitische Ideale noch einmal Resonanz fanden, bevor die ökonomische und politische Krise erneut dominierte.

Ökonomische Schocks zerrütteten das Vertrauen. Österreich stabilisierte sich 1922 unter Aufsicht internationaler Kredite, während in Deutschland 1923 eine Hyperinflation Millionen enteignete. Neue Grenzen erschwerten Handel, Pass- und Visapflichten brachen die alte Reisefreiheit. Devisenkontrollen, Arbeitslosigkeit und Verschuldung gehörten zum Alltag, lange bevor die Weltwirtschaftskrise ab 1929 Massennot auslöste. Zweigs Rückblick registriert, wie sich die Kultur der Bewegungsfreiheit in eine Kultur der Barrieren verwandelte und der bürgerliche Sinn für Planung durch Angst vor plötzlichen Verlusten ersetzt wurde. Diese Erfahrung prägt das melancholische Grundgefühl seines Buchs, ohne den Glauben an Europa völlig aufzugeben.

Technische Neuerungen veränderten die Öffentlichkeit. Radio verbreitete sich in Mitteleuropa seit Mitte der 1920er Jahre, in Österreich sendete RAVAG ab 1924. Kino, Wochenschau und Grammophon formten ein neues Massenpublikum. Diese Medien eröffneten Chancen der Bildung, verstärkten jedoch auch propagandistische Mobilisierung. Parteien und Bewegungen beherrschten die Symbolsprache der Masse, und politische Führer nutzten den direkten Ton des Mikrofons. Zweig, der aus der Welt der Feuilletons und Salons stammte, sah in dieser Beschleunigung beides: Demokratisierung der Stimme und Ersetzung des Gesprächs durch Suggestion. Sein Erinnerungsbuch liest die Medienrevolution als Schlüssel zum Aufstieg autoritärer Politik.

Die Radikalisierung setzte in den 1920er und 1930er Jahren schubweise ein. Mussolinis Machtübernahme 1922 bot ein Modell autoritärer Stabilisierung. In Deutschland führte 1933 die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler zur Gleichschaltung, Verfolgung politischer Gegner und zur Bücherverbrennung, bei der auch Werke Zweigs betroffen waren. Österreich driftete 1933 in den autoritären Ständestaat; der Bürgerkrieg im Februar 1934 und das Juliputsch-Attentat auf Bundeskanzler Dollfuss markierten die Eskalation. Für Intellektuelle bedeutete dies Hausdurchsuchungen, Zensur und Berufsverbote. Zweig zog sich in die Emigration zurück, ein Schritt, der in seinem Buch als Verlust von Heimat und Kontinuität zentral erscheint.

Emigration wurde zum prägenden Schicksal. Nach Aufenthalten in der Schweiz und Frankreich lebte Zweig ab Mitte der 1930er Jahre vor allem in Großbritannien. Der Anschluss Österreichs 1938 brachte die Eingliederung in das nationalsozialistische Herrschaftssystem, die Enteignung jüdischen Eigentums und die Ausschaltung aller freien Institutionen. Zweigs Salzburger Haus ging verloren, seine Bücher waren verboten. Netzwerke des Exils – etwa PEN, Hilfskomitees und Exilverlage in Amsterdam, Paris, Zürich oder später Stockholm – trugen zur Aufrechterhaltung einer deutschsprachigen Öffentlichkeit bei. In diesem Kontext gewann das autobiografische Schreiben die Funktion eines Gedächtnisspeichers gegen erzwungenes Schweigen.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 verschärfte sich die Lage der Vertriebenen. Nach dem Fall Frankreichs 1940 und Bombardierungen in Großbritannien verließ Zweig Europa, hielt sich in den Vereinigten Staaten auf und reiste 1941 weiter nach Brasilien. Um 1940 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft, blieb jedoch innerlich heimatlos. In Petropolis vollendete er um 1941 die Arbeit an Die Welt von Gestern. Das Manuskript entstand unter dem Eindruck eines versinkenden Kontinents und versucht, die Logik der Verluste zu ordnen: Wie eine Kultur der Verfeinerung kollektivem Hass, Grenzregimen und totaler Propaganda weichen konnte.

Die Komposition des Buches verbindet persönliche Erinnerungen mit einer europäischen Chronik. Zweig kontrastiert die Welt der Sicherheit seiner Jugend mit dem Zeitalter der Extreme, ohne die Vergangenheit zu verklären. Er arbeitet mit Porträts von Künstlern, Freunden und politischen Figuren, um Milieus sichtbar zu machen, und zeigt, wie Stil, Höflichkeit und Bildung als soziale Währungen funktionierten. Dabei meidet er ideologische Schlagworte und setzt auf anschauliche Beobachtung: die Rituale des Cafés, die Logik des Gymnasiums, die stille Gewalt von Zensur und Passamt. So entsteht ein Erfahrungswissen, das die moralische Geographie Europas um 1900 bis 1940 kartiert.

Gleichzeitig ist das Werk ein Kommentar zur Verantwortung der Eliten. Es kritisiert Selbstzufriedenheit, warnt vor Ästhetizismus als Rückzug und insistiert auf gegenseitiger Anerkennung über Grenzen hinweg. Wirtschaftliche und technologische Modernisierung allein sichern keine Freiheit; es braucht Institutionen, die Minderheiten schützen, Öffentlichkeit plural halten und Gewalt monopolisieren, ohne Willkür zu produzieren. Die Welt von Gestern liest die Katastrophen nicht als Naturereignisse, sondern als Resultat politischer Entscheidungen, kollektiver Affekte und struktureller Versäumnisse. Darin liegt seine bleibende Aktualität: Geschichte als warnender Spiegel, der Handlungsspielräume aufzeigt, bevor sie erneut verloren gehen könnten.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweig (1881–1942) war ein österreichischer Schriftsteller, der als europäischer Kosmopolit und Meister psychologischer Erzählkunst gilt. Zwischen Fin de Siècle und Katastrophen des 20. Jahrhunderts verortet, verband er feinsinnige Beobachtung mit einem humanistischen Ideal von kultureller Verständigung. Seine Novellen, Essays und Biografien erreichten in der Zwischenkriegszeit ein internationales Publikum und prägten das Bild einer literarischen Moderne, die innere Konflikte und historische Verdichtung bevorzugte. Verfolgung und Exil infolge des Nationalsozialismus lenkten sein Werk in eine elegische, rückblickende Richtung. Bis heute steht sein Name für erzählerische Präzision, weltbürgerische Haltung und populäre, zugleich anspruchsvolle Literatur.

Aufgewachsen in Wien, studierte Zweig an der Universität Literatur- und Geisteswissenschaften und promovierte in Philosophie. Das geistige Klima des Wiener Fin de Siècle, die Psychoanalyse Sigmund Freuds sowie die französisch-belgische Moderne prägten seine ästhetischen Maßstäbe. Besonders einflussreich war die Nähe zur Lyrik Émile Verhaerens, den er übersetzte und essayistisch würdigte; auch der Austausch mit Intellektuellen wie Romain Rolland stärkte sein europäisches Selbstverständnis. Früh veröffentlichte er kritische Feuilletons und unternahm Reisen, die seine internationale Perspektive schärften. Aus diesen Impulsen entwickelte er eine konzentrierte, empathische Prosa, die psychologische Tiefenwahrnehmung mit stilistischer Klarheit verbindet.

Seine frühen Publikationen umfassten Prosa und Dramatik, deren Ton zwischen impressionistischer Beobachtung und moralischer Prüfung oszillierte. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete Zweig im Wiener Kriegsarchiv, wandte sich jedoch dezidiert pazifistischen Positionen zu. Das biblische Drama Jeremias, in den Kriegsjahren entstanden, artikulierte eine eindringliche Absage an nationalistisches Pathos. In der Prosa profilierte er sich mit Novellen, die innere Erschütterungen und gesellschaftliche Rituale spiegeln, etwa Brennendes Geheimnis, Angst, Amok und Brief einer Unbekannten. Charakteristisch ist die psychologische Genauigkeit bei zugleich ökonomischer Erzählweise, die Konflikte als innere Kämpfe sichtbar macht und Leserinnen und Leser unmittelbar involviert.

In den 1920er- und frühen 1930er-Jahren erreichte Zweig eine breite Leserschaft mit essayistischen Porträts und historischen Biografien. Drei Meister beleuchtete Balzac, Dickens und Dostojewski; Der Kampf mit dem Dämon widmete sich Hölderlin, Kleist und Nietzsche. Mit Sternstunden der Menschheit verdichtete er weltgeschichtliche Wendepunkte zu erzählerischen Miniaturen. Seine großen Lebensbilder Joseph Fouché, Marie Antoinette, Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, Maria Stuart und Magellan verbanden Quellenstudium mit dramatischer Zuspitzung. Parallel schrieb er sein einziger vollendeter Roman Ungeduld des Herzens sowie weitere Novellen, deren psychologische Finesse seinen internationalen Ruf als Erzähler befestigte.

Formell bevorzugte Zweig die Novelle, Kurzbiografie und den Essay, in denen er Empathie, Suspense und analytische Prägnanz verband. Er übersetzte und förderte französischsprachige Lyrik, besonders Verhaeren, und trug so zur Vermittlung europäischer Literatur bei. Als Librettist arbeitete er mit Richard Strauss an Die schweigsame Frau, was sein dramaturgisches Gespür und seinen Sinn für musikalische Sprache zeigte. Seine Arbeiten gewannen in der Zwischenkriegszeit außerordentliche Resonanz, wurden in viele Sprachen übertragen und erreichten breite Auflagen. Zugleich stießen seine populären, bewusst lesernahen Darstellungen bei Teilen der akademischen Kritik auf Skepsis, die er mit methodischer Offenheit parierte.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden seine Bücher in Deutschland verboten; der Druck auf das österreichische Umfeld wuchs. Zweig verließ Mitte der 1930er-Jahre Salzburg, lebte in London und nahm später die britische Staatsbürgerschaft an. Es folgten Stationen in den Vereinigten Staaten und Brasilien. Im Exil entstanden rückblickende und verdichtete Werke: die Autobiografie Die Welt von Gestern, die Novelle Schachnovelle sowie Brasilien. Ein Land der Zukunft. Von der Zerstörung europäischer Kultur tief getroffen, nahm er sich 1942 in Petrópolis gemeinsam mit seiner Frau das Leben. Sein Werk blieb als Zeugnis einer bedrohten europäischen Humanität bestehen.

Zweigs Nachruhm ist durch beständige Neuauflagen, Übersetzungen und Adaptionen gesichert. Seine Biografien werden für erzählerische Klarheit und anschauliche Verdichtung geschätzt, während Novellen wegen psychologischer Genauigkeit und formaler Ökonomie weiterhin weltweit gelesen werden. Debatten über Quellenkritik und Dramatisierung haben seine Popularität nicht geschmälert; vielmehr befeuern sie die Auseinandersetzung mit Verfahren literarischer Geschichtserzählung. Seit dem späten 20. Jahrhundert erlebt sein Werk eine breite Wiederentdeckung, gestützt von Editionen bislang verstreuter Texte und intensiver Forschung. Zweigs Name steht heute für literarische Vermittlung zwischen Kulturen sowie für ein europäisches Ethos der Verständigung und für die Kunst empathischer Charakterzeichnung.

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern

Hauptinhaltsverzeichnis
Vorwort
Die Welt der Sicherheit
Die Schule im vorigen Jahrhundert
Eros Matutinus
Universitas vitae
Paris, die Stadt der ewigen Jugend
Umwege auf dem Wege zu mir selbst
Über Europa hinaus
Glanz und Schatten über Europa
Die ersten Stunden des Krieges von 1914
Der Kampf um die geistige Brüderschaft
Im Herzen Europas
Heimkehr nach Österreich
Wieder in der Welt
Sonnenuntergang
Incipit Hitler
Die Agonie des Friedens
»Begegnen wir der Zeit,
wie sie uns sucht.«
Shakespeare, ›Cymbeline‹

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Ich habe meiner Person niemals so viel Wichtigkeit beigemessen, daß es mich verlockt hätte, anderen die Geschichten meines Lebens zu erzählen. Viel mußte sich ereignen, unendlich viel mehr, als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt ist, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat oder – besser gesagt – zum Mittelpunkt. Nichts liegt mir ferner, als mich damit voranzustellen, es sei denn im Sinne des Erklärers bei einem Lichtbildervortrag; die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu, und es wird eigentlich nicht so sehr mein Schicksal sein, das ich erzähle, sondern das einer ganzen Generation – unserer einmaligen Generation, die wie kaum eine im Laufe der Geschichte mit Schicksal beladen war. Jeder von uns, auch der Kleinste und Geringste, ist in seiner innersten Existenz aufgewühlt worden von den fast pausenlosen vulkanischen Erschütterungen unserer europäischen Erde; und ich weiß mir inmitten der Unzähligen keinen anderen Vorrang zuzusprechen als den einen: als Österreicher, als Jude, als Schriftsteller, als Humanist und Pazifist jeweils just dort gestanden zu sein, wo diese Erdstöße am heftigsten sich auswirkten. Sie haben mir dreimal Haus und Existenz umgeworfen, mich von jedem Einstigen und Vergangenen gelöst und mit ihrer dramatischen Vehemenz ins Leere geschleudert, in das mir schon wohlbekannte ›Ich weiß nicht wohin‹. Aber ich beklagte das nicht; gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts mehr Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. So hoffe ich, wenigstens eine Hauptbedingung jeder rechtschaffenen Zeitdarstellung erfüllen zu können: Aufrichtigkeit und Unbefangenheit.

Denn losgelöst von allen Wurzeln und selbst von der Erde, die diese Wurzeln nährte, – das bin ich wahrhaftig wie selten einer in den Zeiten. Ich bin 1881 in einem großen und mächtigen Kaiserreiche geboren, in der Monarchie der Habsburger[1], aber man suche sie nicht auf der Karte: sie ist weggewaschen ohne Spur. Ich bin aufgewachsen in Wien, der zweitausendjährigen übernationalen Metropole, und habe sie wie ein Verbrecher verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt. Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben Lande, wo meine Bücher Millionen Leser sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast; auch die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren, seit es sich zum zweitenmal selbstmörderisch zerfleischt im Bruderkriege. Wider meinen Willen bin ich Zeuge geworden der furchtbarsten Niederlage der Vernunft und des wildesten Triumphes der Brutalität innerhalb der Chronik der Zeiten; nie – ich verzeichne dies keineswegs mit Stolz, sondern mit Beschämung – hat eine Generation einen solchen moralischen Rückfall aus solcher geistigen Höhe erlitten wie die unsere. In dem einen kleinen Intervall, seit mir der Bart zu sprossen begann und seit er zu ergrauen beginnt, in diesem einen halben Jahrhundert hat sich mehr ereignet an radikalen Verwandlungen und Veränderungen als sonst in zehn Menschengeschlechtern, und jeder von uns fühlt: zu vieles fast! So verschieden ist mein Heute von jedem meiner Gestern, meine Aufstiege und meine Abstürze, daß mich manchmal dünkt, ich hätte nicht bloß eine, sondern mehrere, völlig voneinander verschiedene Existenzen gelebt. Denn es geschieht mir oft, daß, wenn ich achtlos erwähne: ›Mein Leben‹, ich mich unwillkürlich frage: ›Welches Leben?‹ Das vor dem Weltkriege, das vor dem ersten oder das vor dem zweiten oder das Leben von heute? Dann wieder ertappe ich mich dabei, daß ich sage: ›Mein Haus‹ und nicht gleich weiß, welches der einstigen ich meinte, ob das in Bath oder in Salzburg oder das Elternhaus in Wien. Oder daß ich ›bei uns‹ sage und erschrocken mich erinnern muß, daß ich für die Menschen meiner Heimat längst ebensowenig dazugehöre wie für die Engländer oder für die Amerikaner, dort nicht mehr organisch verbunden und hier wiederum niemals ganz eingegliedert; die Welt, in der ich aufgewachsen bin, und die von heute und die zwischen beiden sondern sich immer mehr für mein Gefühl zu völlig verschiedenen Welten. Jedesmal, wenn ich im Gespräch jüngeren Freunden Episoden aus der Zeit vor dem ersten Kriege erzähle, merke ich an ihren erstaunten Fragen, wieviel für sie schon historisch oder unvorstellbar von dem geworden ist, was für mich noch selbstverständliche Realität bedeutet. Und ein geheimer Instinkt in mir gibt ihnen recht: zwischen unserem Heute, unserem Gestern und Vorgestern sind alle Brücken abgebrochen. Ich selbst kann nicht umhin, mich zu verwundern über die Fülle, die Vielfalt, die wir in den knappen Raum einer einzigen – freilich höchst unbequemen und gefährdeten – Existenz gepreßt haben, und schon gar, wenn ich sie mit der Lebensform meiner Vorfahren vergleiche. Mein Vater, mein Großvater, was haben sie gesehen? Sie lebten jeder ihr Leben in der Einform. Ein einziges Leben vom Anfang bis zum Ende, ohne Aufstiege, ohne Stürze, ohne Erschütterung und Gefahr, ein Leben mit kleinen Spannungen, unmerklichen Übergängen; in gleichem Rhythmus, gemächlich und still, trug sie die Welle der Zeit von der Wiege bis zum Grabe. Sie lebten im selben Land, in derselben Stadt und fast immer sogar im selben Haus; was außen in der Welt geschah, ereignete sich eigentlich nur in der Zeitung und pochte nicht an ihre Zimmertür. Irgendein Krieg geschah wohl irgendwo in ihren Tagen, aber doch nur ein Kriegchen, gemessen an den Dimensionen von heute, und er spielte sich weit an der Grenze ab, man hörte nicht die Kanonen, und nach einem halben Jahre war er erloschen, vergessen, ein dürres Blatt Geschichte, und es begann wieder das alte, dasselbe Leben. Wir aber lebten alles ohne Wiederkehr, nichts blieb vom Früheren, nichts kam zurück; uns war im Maximum mitzumachen vorbehalten, was sonst die Geschichte sparsam jeweils auf ein einzelnes Land, auf ein einzelnes Jahrhundert verteilt. Die eine Generation hatte allenfalls eine Revolution mitgemacht, die andere einen Putsch, die dritte einen Krieg, die vierte eine Hungersnot, die fünfte einen Staatsbankrott, – und manche gesegneten Länder, gesegneten Generationen sogar überhaupt nichts von dem allen. Wir aber, die wir heute sechzig Jahre alt sind und de jure noch eigentlich ein Stück Zeit vor uns hätten, was haben wir nicht gesehen, nicht gelitten, nicht miterlebt? Wir haben den Katalog aller nur denkbaren Katastrophen durchgeackert von einem zum anderen Ende (und sind noch immer nicht beim letzten Blatt). Ich allein bin Zeitgenosse der beiden größten Kriege der Menschheit gewesen und habe sogar jeden erlebt auf einer anderen Front, den einen auf der deutschen, den anderen auf der antideutschen. Ich habe im Vorkrieg die höchste Stufe und Form individueller Freiheit und nachdem ihren tiefsten Stand seit Hunderten Jahren gekannt, ich bin gefeiert gewesen und geächtet, frei und unfrei, reich und arm. Alle die fahlen Rosse der Apokalypse sind durch mein Leben gestürmt, Revolution und Hungersnot, Geldentwertung und Terror, Epidemien und Emigration; ich habe die großen Massenideologien unter meinen Augen wachsen und sich ausbreiten sehen, den Faschismus in Italien, den Nationalsozialismus in Deutschland, den Bolschewismus in Rußland und vor allem jene Erzpest, den Nationalismus, der die Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet hat. Ich mußte wehrloser, machtloser Zeuge sein des unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in längst vergessen gemeinte Barbarei mit ihrem bewußten und programmatischen Dogma der Antihumanität. Uns war es vorbehalten, wieder seit Jahrhunderten Kriege ohne Kriegserklärungen, Konzentrationslager, Folterungen, Massenberaubungen und Bombenangriffe auf wehrlose Städte zu sehen, Bestialitäten all dies, welche die letzten fünfzig Generationen nicht mehr gekannt haben und künftige hoffentlich nicht mehr erdulden werden. Aber paradoxerweise habe ich auch in ebenderselben Zeit, da unsere Welt im Moralischen zurückstürzte um ein Jahrtausend, dieselbe Menschheit im Technischen und Geistigen sich zu ungeahnten Taten erheben sehen, mit einem Flügelschlag alles in Millionen Jahren Geleistete überholend: die Eroberung des Äthers durch das Flugzeug, die Übermittlung des irdischen Worts in derselben Sekunde über den Erdball und damit die Besiegung des Weltraums, die Zerspaltung des Atoms, die Besiegung der heimtückischsten Krankheiten, die fast tägliche Ermöglichung des gestern noch Unmöglichen. Nie bis zu unserer Stunde hat sich die Menschheit als Gesamtheit teuflischer gebärdet und nie so Gottähnliches geleistet.

Dies unser gespanntes, dramatisch überraschungsreiches Leben zu bezeugen, scheint mir Pflicht, denn – ich wiederhole – jeder war Zeuge dieser ungeheuren Verwandlungen, jeder war genötigt Zeuge zu sein. Für unsere Generation gab es kein Entweichen, kein Sichabseits-Stellen wie in den früheren; wir waren dank unserer neuen Organisation der Gleichzeitigkeit ständig einbezogen in die Zeit. Wenn Bomben in Shanghai die Häuser zerschmetterten, wußten wir es in Europa in unseren Zimmern, ehe die Verwundeten aus ihren Häusern getragen waren. Was tausend Meilen über dem Meer sich ereignete, sprang uns leibhaftig im Bilde an. Es gab keinen Schutz, keine Sicherung gegen das ständige Verständigtwerden und Mitgezogensein. Es gab kein Land, in das man flüchten, keine Stille, die man kaufen konnte, immer und überall griff uns die Hand des Schicksals und zerrte uns zurück in sein unersättliches Spiel.

Ständig mußte man sich Forderungen des Staates unterordnen, der stupidesten Politik zur Beute hinwerfen, den phantastischsten Veränderungen anpassen, immer war man an das Gemeinsame gekettet, so erbittert man sich wehrte; es riß einen mit, unwiderstehlich. Wer immer durch diese Zeit ging oder vielmehr gejagt und gehetzt wurde – wir haben wenig Atempausen gekannt –, hat mehr Geschichte miterlebt als irgendeiner seiner Ahnen. Auch heute stehen wir abermals an einer Wende, an einem Abschluß und einem neuen Beginn. Ich handle darum durchaus nicht absichtslos, wenn ich diesen Rückblick auf mein Leben mit einem bestimmten Datum vorläufig enden lasse. Denn jener Septembertag 1939 zieht den endgültigen Schlußstrich unter die Epoche, die uns Sechzigjährige geformt und erzogen hat. Aber wenn wir mit unserem Zeugnis auch nur einen Splitter Wahrheit aus ihrem zerfallenen Gefüge der nächsten Generation übermitteln, so haben wir nicht ganz vergebens gewirkt.

Ich bin mir der ungünstigen, aber für unsere Zeit höchst charakteristischen Umstände bewußt, unter denen ich diese meine Erinnerungen zu gestalten suche. Ich schreibe sie mitten im Kriege, ich schreibe sie in der Fremde und ohne den mindesten Gedächtnisbehelf. Kein Exemplar meiner Bücher, keine Aufzeichnungen, keine Freundesbriefe sind mir in meinem Hotelzimmer zur Hand. Nirgends kann ich mir Auskunft holen, denn in der ganzen Welt ist die Post von Land zu Land abgerissen oder durch die Zensur gehemmt. Wir leben jeder so abgesondert wie vor Hunderten Jahren, ehe Dampfschiffe und Bahn und Flugzeuge und Post erfunden waren. Von all meiner Vergangenheit habe ich also nichts mit mir, als was ich hinter der Stirne trage. Alles andere ist für mich in diesem Augenblick unerreichbar oder verloren. Aber die gute Kunst, Verlorenem nicht nachzutrauern, hat unsere Generation gründlich gelernt, und vielleicht wird der Verlust an Dokumentierung und Detail diesem meinem Buche sogar zum Gewinn. Denn ich betrachte unser Gedächtnis nicht als ein das eine bloß zufällig behaltendes und das andere zufällig verlierendes Element, sondern als eine wissend ordnende und weise ausschaltende Kraft. Alles, was man aus seinem eigenen Leben vergißt, war eigentlich von einem inneren Instinkt längst schon verurteilt gewesen, vergessen zu werden. Nur was ich selber bewahren will, hat ein Anrecht, für andere bewahrt zu werden. So sprecht und wählt, ihr Erinnerungen, statt meiner, und gebt wenigstens einen Spiegelschein meines Lebens, ehe es ins Dunkel sinkt!

Die Welt der Sicherheit

Inhaltsverzeichnis

Still und eng und ruhig auferzogenWirft man uns auf einmal in die Welt;Uns umspülen hunderttausend Wogen,Alles reizt uns, mancherlei gefällt,Mancherlei verdrießt uns, und von Stund zu StundenSchwankt das leicht unruhige Gefühl;Wir empfinden, und was wir empfunden,Spült hinweg das bunte Weltgewühl.Goethe

Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkriege, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit[1q]. Alles in unserer fast tausendjährigen österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste Garant dieser Beständigkeit. Die Rechte, die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau begrenzt. Unsere Währung, die österreichische Krone, lief in blanken Goldstücken um und verbürgte damit ihre Unwandelbarkeit. Jeder wußte, wieviel er besaß oder wieviel ihm zukam, was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht. Wer ein Vermögen besaß, konnte genau errechnen, wieviel an Zinsen es alljährlich zubrachte, der Beamte, der Offizier wiederum fand im Kalender verläßlich das Jahr, in dem er avancieren werde und in dem er in Pension gehen würde. Jede Familie hatte ihr bestimmtes Budget, sie wußte, wieviel sie zu verbrauchen hatte für Wohnen und Essen, für Sommerreise und Repräsentation, außerdem war unweigerlich ein kleiner Betrag sorgsam für Unvorhergesehenes, für Krankheit und Arzt bereitgestellt. Wer ein Haus besaß, betrachtete es als sichere Heimstatt für Kinder und Enkel, Hof und Geschäft vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht; während ein Säugling noch in der Wiege lag, legte man in der Sparbüchse oder der Sparkasse bereits einen ersten Obolus für den Lebensweg zurecht, eine kleine ›Reserve‹ für die Zukunft. Alles stand in diesem weiten Reiche fest und unverrückbar an seiner Stelle und an der höchsten der greise Kaiser; aber sollte er sterben, so wußte man (oder meinte man), würde ein anderer kommen und nichts sich ändern in der wohlberechneten Ordnung. Niemand glaubte an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.

Dieses Gefühl der Sicherheit war der erstrebenswerteste Besitz von Millionen, das gemeinsame Lebensideal. Nur mit dieser Sicherheit galt das Leben als lebenswert, und immer weitere Kreise begehrten ihren Teil an diesem kostbaren Gut. Erst waren es nur die Besitzenden, die sich dieses Vorzugs erfreuten, allmählich aber drängten die breiten Massen heran; das Jahrhundert der Sicherheit wurde das goldene Zeitalter des Versicherungswesens. Man assekurierte sein Haus gegen Feuer und Einbruch, sein Feld gegen Hagel und Wetterschaden, seinen Körper gegen Unfall und Krankheit, man kaufte sich Leibrenten für das Alter und legte den Mädchen eine Police in die Wiege für die künftige Mitgift. Schließlich organisierten sich sogar die Arbeiter, eroberten sich einen normalisierten Lohn und Krankenkassen, Dienstboten sparten sich eine Altersversicherung und zahlten im voraus ein in die Sterbekasse für ihr eigenes Begräbnis. Nur wer sorglos in die Zukunft blicken konnte, genoß mit gutem Gefühl die Gegenwart.

In diesem rührenden Vertrauen, sein Leben bis auf die letzte Lücke verpalisadieren zu können gegen jeden Einbruch des Schicksals, lag trotz aller Solidität und Bescheidenheit der Lebensauffassung eine große und gefährliche Hoffart. Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur ›besten aller Welten‹ zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen. Jetzt aber war es doch nur eine Angelegenheit von Jahrzehnten, bis das letzte Böse und Gewalttätige endgültig überwunden sein würde, und dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen ›Fortschritt‹ hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen ›Fortschritt‹ schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglich neuen Wunder der Wissenschaft und der Technik. In der Tat wurde ein allgemeiner Aufstieg zu Ende dieses friedlichen Jahrhunderts immer sichtbarer, immer geschwinder, immer vielfältiger. Auf den Straßen flammten des Nachts statt der trüben Lichter elektrische Lampen, die Geschäfte trugen von den Hauptstraßen ihren verführerischen neuen Glanz bis in die Vorstädte, schon konnte dank des Telephons der Mensch zum Menschen in die Ferne sprechen, schon flog er dahin im pferdelosen Wagen mit neuen Geschwindigkeiten, schon schwang er sich empor in die Lüfte im erfüllten Ikarustraum. Der Komfort drang aus den vornehmen Häusern in die bürgerlichen, nicht mehr mußte das Wasser vom Brunnen oder Gang geholt werden, nicht mehr mühsam am Herd das Feuer entzündet, die Hygiene verbreitete sich, der Schmutz verschwand. Die Menschen wurden schöner, kräftiger, gesünder, seit der Sport ihnen die Körper stählte, immer seltener sah man Verkrüppelte, Kropfige, Verstümmelte auf den Straßen, und alle diese Wunder hatte die Wissenschaft vollbracht, dieser Erzengel des Fortschritts. Auch im Sozialen ging es voran; von Jahr zu Jahr wurden dem Individuum neue Rechte gegeben, die Justiz linder und humaner gehandhabt, und selbst das Problem der Probleme, die Armut der großen Massen, schien nicht mehr unüberwindlich. Immer weiteren Kreisen gewährte man das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, legal ihre Interessen zu verteidigen, Soziologen und Professoren wetteiferten, die Lebenshaltung des Proletariats gesünder und sogar glücklicher zu gestalten – was Wunder darum, wenn dieses Jahrhundert sich an seiner eigenen Leistung sonnte und jedes beendete Jahrzehnt nur als die Vorstufe eines besseren empfand? An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie, die Grenzen von Divergenzen zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen ins gemeinsame Humane und damit Friede und Sicherheit, diese höchsten Güter, der ganzen Menschheit zugeteilt sein.

Es ist billig für uns heute, die wir das Wort ›Sicherheit‹ längst als ein Phantom aus unserem Vokabular gestrichen haben, den optimistischen Wahn jener idealistisch verblendeten Generation zu belächeln, der technische Fortschritt der Menschheit müsse unbedingterweise einen gleich rapiden moralischen Aufstieg zur Folge haben. Wir, die wir im neuen Jahrhundert gelernt haben, von keinem Ausbruch kollektiver Bestialität uns mehr überraschen zu lassen, wir, die wir von jedem kommenden Tag noch Ruchloseres erwarteten als von dem vergangenen, sind bedeutend skeptischer hinsichtlich einer moralischen Erziehbarkeit der Menschen. Wir mußten Freud recht geben, wenn er in unserer Kultur, unserer Zivilisation nur eine dünne Schicht sah, die jeden Augenblick von den destruktiven Kräften der Unterwelt durchstoßen werden kann, wir haben allmählich uns gewöhnen müssen, ohne Boden unter unseren Füßen zu leben, ohne Recht, ohne Freiheit, ohne Sicherheit. Längst haben wir für unsere eigene Existenz der Religion unserer Väter, ihrem Glauben an einen raschen und andauernden Aufstieg der Humanität abgesagt; banal scheint uns grausam Belehrten jener voreilige Optimismus angesichts einer Katastrophe, die mit einem einzigen Stoß uns um tausend Jahre humaner Bemühungen zurückgeworfen hat. Aber wenn auch nur Wahn, so war es doch ein wundervoller und edler Wahn, dem unsere Väter dienten, menschlicher und fruchtbarer als die Parolen von heute. Und etwas in mir kann sich geheimnisvollerweise trotz aller Erkenntnis und Enttäuschung nicht ganz von ihm loslösen. Was ein Mensch in seiner Kindheit aus der Luft der Zeit in sein Blut genommen, bleibt unausscheidbar. Und trotz allem und allem, was jeder Tag mir in die Ohren schmettert, was ich selbst und unzählige Schicksalsgenossen an Erniedrigung und Prüfungen erfahren haben, ich vermag den Glauben meiner Jugend nicht ganz zu verleugnen, daß es wieder einmal aufwärts gehen wird trotz allem und allem. Selbst aus dem Abgrund des Grauens, in dem wir heute halb blind herumtasten mit verstörter und zerbrochener Seele, blicke ich immer wieder auf zu jenen alten Sternbildern, die über meiner Kindheit glänzten, und tröste mich mit dem ererbten Vertrauen, daß dieser Rückfall dereinst nur als ein Intervall erscheinen wird in dem ewigen Rhythmus des Voran und Voran.

Heute, da das große Gewitter sie längst zerschmettert hat, wissen wir endgültig, daß jene Welt der Sicherheit ein Traumschloß gewesen. Aber doch, meine Eltern haben darin gewohnt wie in einem steinernen Haus. Kein einziges Mal ist ein Sturm oder eine scharfe Zugluft in ihre warme, behagliche Existenz eingebrochen; freilich hatten sie noch einen besonderen Windschutz: sie waren vermögende Leute, die allmählich reich und sogar sehr reich wurden, und das polsterte in jenen Zeiten verläßlich Fenster und Wand. Ihre Lebensform scheint mir dermaßen typisch für das sogenannte ›gute jüdische Bürgertum‹, das der Wiener Kultur so wesentliche Werte gegeben hat und zum Dank dafür völlig ausgerottet wurde, daß ich mit dem Bericht ihres gemächlichen und lautlosen Daseins eigentlich etwas Unpersönliches erzähle: so wie meine Eltern haben zehntausend oder zwanzigtausend Familien in Wien gelebt in jenem Jahrhundert der gesicherten Werte.

Die Familie meines Vaters stammte aus Mähren. In kleinen ländlichen Orten lebten dort die jüdischen Gemeinden in bestem Einvernehmen mit der Bauernschaft und dem Kleinbürgertum; so fehlte ihnen völlig die Gedrücktheit und andererseits die geschmeidig vordrängende Ungeduld der galizischen, der östlichen Juden. Stark und kräftig durch das Leben auf dem Lande, schritten sie sicher und ruhig ihren Weg wie die Bauern ihrer Heimat über das Feld. Früh vom orthodox Religiösen emanzipiert, waren sie leidenschaftliche Anhänger der Zeitreligion des ›Fortschritts‹ und stellten in der politischen Ära des Liberalismus die geachtetsten Abgeordneten im Parlament. Wenn sie aus ihrer Heimat nach Wien übersiedelten, paßten sie sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit der höheren Kultursphäre an, und ihr persönlicher Aufstieg verband sich organisch dem allgemeinen Aufschwung der Zeit. Auch in dieser Form des Übergangs war unsere Familie durchaus typisch. Mein Großvater väterlicherseits hatte Manufakturwaren vertrieben. Dann begann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die industrielle Konjunktur in Österreich. Die aus England importierten mechanischen Webstühle und Spinnmaschinen brachten durch Rationalisierung eine ungeheure Verbilligung gegenüber der altgeübten Handweberei, und mit ihrer kommerziellen Beobachtungsgabe, ihrem internationalen Überblick waren es die jüdischen Kaufleute, die als erste in Österreich die Notwendigkeit und Ergiebigkeit einer Umstellung auf industrielle Produktion erkannten. Sie gründeten mit meist geringem Kapital jene rasch improvisierten, zunächst nur mit Wasserkraft betriebenen Fabriken, die sich allmählich zur mächtigen, ganz Österreich und den Balkan beherrschenden böhmischen Textilindustrie erweiterten. Während also mein Großvater als typischer Vertreter der früheren Epoche nur dem Zwischenhandel mit Fertigprodukten gedient, ging mein Vater schon entschlossen hinüber in die neue Zeit, indem er in Nordböhmen in seinem dreiunddreißigsten Lebensjahr eine kleine Weberei begründete, die er dann im Laufe der Jahre langsam und vorsichtig zu einem stattlichen Unternehmen ausbaute.

Solche vorsichtige Art der Erweiterung trotz einer verlockend günstigen Konjunktur lag durchaus im Sinne der Zeit. Sie entsprach außerdem noch besonders der zurückhaltenden und durchaus ungierigen Natur meines Vaters. Er hatte das Credo seiner Epoche ›Safety first‹ in sich aufgenommen; es war ihm wesentlicher, ein ›solides‹ – auch dies ein Lieblingswort jener Zeit – Unternehmen mit eigener Kapitalkraft zu besitzen, als es durch Bankkredite oder Hypotheken ins Großdimensionale auszubauen. Daß zeitlebens nie jemand seinen Namen auf einem Schuldschein, einem Wechsel gesehen hatte und er nur immer auf der Habenseite seiner Bank – selbstverständlich der solidesten, der Rothschildbank[4], der Kreditanstalt – gestanden, war sein einziger Lebensstolz. Jeglicher Verdienst mit auch nur dem leisesten Schatten eines Risikos war ihm zuwider, und durch all seine Jahre beteiligte er sich niemals an einem fremden Geschäft. Wenn er dennoch allmählich reich und immer reicher wurde, hatte er dies keineswegs verwegenen Spekulationen oder besonders weitsichtigen Operationen zu danken, sondern der Anpassung an die allgemeine Methode jener vorsichtigen Zeit, immer nur einen bescheidenen Teil des Einkommens zu verbrauchen und demzufolge von Jahr zu Jahr einen immer beträchtlicheren Betrag dem Kapital zuzulegen. Wie die meisten seiner Generation hätte mein Vater jemanden schon als bedenklichen Verschwender betrachtet, der unbesorgt die Hälfte seiner Einkünfte aufzehrte, ohne – auch dies ein ständiges Wort aus jenem Zeitalter der Sicherheit – ›an die Zukunft zu denken‹. Dank diesem ständigen Zurücklegen der Gewinne bedeutete in jener Epoche steigender Prosperität, wo überdies der Staat nicht daran dachte, auch von den stattlichsten Einkommen mehr als ein paar Prozent an Steuern abzuknappen und andererseits die Staats-und Industriewerte hohe Verzinsung brachten, für den Vermögenden das Immerreicher-Werden eigentlich nur eine passive Leistung. Und sie lohnte sich; noch wurde nicht wie in den Zeiten der Inflation der Sparsame bestohlen, der Solide geprellt, und gerade die Geduldigsten, die Nichtspekulanten hatten den besten Gewinn. Dank dieser Anpassung an das allgemeine System seiner Zeit konnte mein Vater schon in seinem fünfzigsten Jahre auch nach internationalen Begriffen als sehr vermögender Mann gelten. Aber nur sehr zögernd folgte die Lebenshaltung unserer Familie dem immer rascheren Anstieg des Vermögens nach. Man legte sich allmählich kleine Bequemlichkeiten zu, wir übersiedelten aus einer kleinen Wohnung in eine größere, man hielt sich im Frühjahr für die Nachmittage einen Mietswagen, reiste zweiter Klasse mit Schlafwagen, aber erst in seinem fünfzigsten Jahr gönnte sich mein Vater zum erstenmal den Luxus, mit meiner Mutter für einen Monat im Winter nach Nizza zu fahren. Im ganzen blieb die Grundhaltung, Reichtum zu genießen, indem man ihn hatte und nicht indem man ihn zeigte, völlig unverändert; noch als Millionär hat mein Vater noch nie eine Importe geraucht, sondern – wie Kaiser Franz Joseph[2] seine billige Virginia – die einfache ärarische Trabuco, und wenn er Karten spielte, geschah es immer nur um kleine Einsätze. Unbeugsam hielt er an seiner Zurückhaltung, seinem behaglichen, aber diskreten Leben fest. Obwohl ungleich repräsentabler und gebildeter als die meisten seiner Kollegen – er spielte ausgezeichnet Klavier, schrieb klar und gut, sprach Französisch und Englisch –, hat er beharrlich sich jeder Ehre und jedem Ehrenamt verweigert, zeitlebens keinen Titel, keine Würde angestrebt oder angenommen, wie sie ihm oft in seiner Stellung als Großindustrieller angeboten wurde. Niemals jemanden um etwas gebeten zu haben, niemals zu ›bitte‹ oder ›danke‹ verpflichtet gewesen zu sein, dieser geheime Stolz bedeutete ihm mehr als jede Äußerlichkeit.

Nun kommt im Leben eines jedweden unweigerlich die Zeit, da er im Bilde seines Wesens dem eigenen Vater wiederbegegnet. Jener Wesenszug zum Privaten, zum Anonymen der Lebenshaltung beginnt sich in mir jetzt von Jahr zu Jahr stärker zu entwickeln, so sehr er eigentlich im Widerspruch steht zu meinem Beruf, der Name und Person gewissermaßen zwanghaft publik macht. Aber aus dem gleichen geheimen Stolz habe ich seit je jede Form äußerer Ehrung abgelehnt, keinen Orden, keinen Titel, keine Präsidentschaft in irgendeinem Vereine angenommen, nie einer Akademie, einem Vorstand, einer Jury angehört; selbst an einer festlichen Tafel zu sitzen ist mir eine Qual, und schon der Gedanke, jemanden um etwas anzusprechen, trocknet mir – selbst wenn meine Bitte einem Dritten gelten soll – die Lippe schon vor dem ersten Wort. Ich weiß, wie unzeitgemäß derlei Hemmungen sind in einer Welt, wo man nur frei bleiben kann durch List und Flucht, und wo, wie Vater Goethe weise sagte, ›Orden und Titel manchen Puff abhalten im Gedränge‹. Aber es ist mein Vater in mir und sein heimlicher Stolz, der mich zurückzwingt, und ich darf ihm nicht Widerstand leisten; denn ihm danke ich, was ich vielleicht als meinen einzig sicheren Besitz empfinde: das Gefühl der inneren Freiheit.

Meine Mutter, die mit ihrem Mädchennamen Brettauer hieß, war von einer anderen, einer internationalen Herkunft. Sie war in Ancona, im südlichen Italien geboren und Italienisch ebenso ihre Kindheitssprache wie Deutsch; immer wenn sie mit meiner Großmutter oder ihrer Schwester etwas besprach, was die Dienstboten nicht verstehen sollten, schaltete sie auf Italienisch um. Risotto und die damals noch seltenen Artischocken sowie die andern Besonderheiten der südlichen Küche waren mir schon von frühester Jugend an vertraut, und wann immer ich später nach Italien kam, fühlte ich mich von der ersten Stunde zu Hause. Aber die Familie meiner Mutter war keineswegs italienisch, sondern bewußt international; die Brettauers, die ursprünglich ein Bankgeschäft besaßen, hatten sich – nach dem Vorbild der großen jüdischen Bankiersfamilien, aber natürlich in viel winzigeren Dimensionen – von Hohenems, einem kleinen Ort an der Schweizer Grenze, frühzeitig über die Welt verteilt. Die einen gingen nach St. Gallen, die andern nach Wien und Paris, mein Großvater nach Italien, ein Onkel nach New York, und dieser internationale Kontakt verlieh ihnen besseren Schliff, größeren Ausblick und dazu einen gewissen Familienhochmut. Es gab in dieser Familie keine kleinen Kaufleute, keine Makler mehr, sondern nur Bankiers, Direktoren, Professoren, Advokaten und Ärzte, jeder sprach mehrere Sprachen, und ich erinnere mich, mit welcher Selbstverständlichkeit man bei meiner Tante in Paris bei Tisch von der einen zur andern hinüberwechselte. Es war eine Familie, die sorgsam ›auf sich hielt‹, und wenn ein junges Mädchen aus der ärmeren Verwandtschaft heiratsreif wurde, steuerte die ganze Familie eine stattliche Mitgift zusammen, nur um zu verhindern, daß sie ›nach unten‹ heirate. Mein Vater wurde als Großindustrieller zwar respektiert, aber meine Mutter, obwohl in der glücklichsten Ehe mit ihm verbunden, hätte nie geduldet, daß sich seine Verwandten mit den ihren auf eine Linie gestellt hätten. Dieser Stolz, aus einer ›guten‹ Familie zu stammen, war bei allen Brettauers unausrottbar, und wenn in späteren Jahren einer von ihnen mir sein besonderes Wohlwollen bezeigen wollte, äußerte er herablassend: »Du bist doch eigentlich ein rechter Brettauer«, als ob er damit anerkennend sagen wollte: »Du bist doch auf die rechte Seite gefallen.«

Diese Art Adel, den sich manche jüdische Familie aus eigener Machtvollkommenheit zulegte, hat mich und meinen Bruder schon als Kinder bald amüsiert und bald verärgert. Immer bekamen wir zu hören, daß dies ›feine‹ Leute seien und jene ›unfeine‹, bei jedem Freunde wurde nachgeforscht, ob er aus ›guter‹ Familie sei und bis ins letzte Glied Herkunft sowohl der Verwandtschaft als des Vermögens überprüft. Dieses ständige Klassifizieren, das eigentlich den Hauptgegenstand jedes familiären und gesellschaftlichen Gesprächs bildete, schien uns damals höchst lächerlich und snobistisch, weil es sich doch schließlich bei allen jüdischen Familien nur um einen Unterschied von fünfzig oder hundert Jahren dreht, um die sie früher aus demselben jüdischen Ghetto gekommen sind. Erst viel später ist es mir klar geworden, daß dieser Begriff der ›guten‹ Familie, der uns Knaben als eine parodistische Farce einer künstlichen Pseudoaristokratie erschien, eine der innersten und geheimnisvollsten Tendenzen des jüdischen Wesens ausdrückt. Im allgemeinen wird angenommen, reich zu werden sei das eigentliche und typische Lebensziel eines jüdischen Menschen. Nichts ist falscher. Reich zu werden bedeutet für ihn nur eine Zwischenstufe, ein Mittel zum wahren Zweck und keineswegs das innere Ziel. Der eigentliche Wille des Juden, sein immanentes Ideal ist der Aufstieg ins Geistige, in eine höhere kulturelle Schicht. Schon im östlichen orthodoxen Judentum, wo sich die Schwächen ebenso wie die Vorzüge der ganzen Rasse intensiver abzeichnen, findet diese Suprematie des Willens zum Geistigen über das bloß Materielle plastischen Ausdruck: der Fromme, der Bibelgelehrte, gilt tausendmal mehr innerhalb der Gemeinde als der Reiche; selbst der Vermögendste wird seine Tochter lieber einem bettelarmen Geistesmenschen zur Gattin geben als einem Kaufmann. Diese Überordnung des Geistigen geht bei den Juden einheitlich durch alle Stände; auch der ärmste Hausierer, der seine Packen durch Wind und Wetter schleppt, wird versuchen, wenigstens einen Sohn unter den schwersten Opfern studieren zu lassen, und es wird als Ehrentitel für die ganze Familie betrachtet, jemanden in ihrer Mitte zu haben, der sichtbar im Geistigen gilt, einen Professor, einen Gelehrten, einen Musiker, als ob er durch seine Leistung sie alle adelte. Unbewußt sucht etwas in dem jüdischen Menschen, dem moralisch Dubiosen, dem Widrigen, Kleinlichen und Ungeistigen, das allem Handel, allem bloß Geschäftlichen anhaftet, zu entrinnen und sich in die reinere, die geldlose Sphäre des Geistigen zu erheben, als wollte er – wagnerisch gesprochen – sich und seine ganze Rasse vom Fluch des Geldes erlösen. Darum ist auch fast immer im Judentum der Drang nach Reichtum in zwei, höchstens drei Generationen innerhalb einer Familie erschöpft, und gerade die mächtigsten Dynastien finden ihre Söhne unwillig, die Banken, die Fabriken, die ausgebauten und warmen Geschäfte ihrer Väter zu übernehmen. Es ist kein Zufall, daß ein Lord Rothschild Ornithologe, ein Warburg Kunsthistoriker, ein Cassirer Philosoph, ein Sassoon Dichter wurde; sie alle gehorchten dem gleichen, unbewußten Trieb, sich von dem frei zu machen, was das Judentum eng gemacht, vom bloßen kalten Geldverdienen, und vielleicht drückt sich darin sogar die geheime Sehnsucht aus, durch Flucht ins Geistige sich aus dem bloß Jüdischen ins allgemein Menschliche aufzulösen. Eine ›gute‹ Familie meint also mehr als das bloß Gesellschaftliche, das sie selbst mit dieser Bezeichnung sich zubilligt; sie meint ein Judentum, das sich von allen Defekten und Engheiten und Kleinlichkeiten, die das Ghetto ihm aufgezwungen, durch Anpassung an eine andere Kultur und womöglich eine universale Kultur befreit hat oder zu befreien beginnt. Daß diese Flucht ins Geistige durch eine unproportionierte Überfüllung der intellektuellen Berufe dem Judentum dann ebenso verhängnisvoll geworden ist wie vordem seine Einschränkung ins Materielle, gehört freilich zu den ewigen Paradoxien des jüdischen Schicksals.

In kaum einer Stadt Europas war nun der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich wie in Wien. Gerade weil die Monarchie, weil Österreich seit Jahrhunderten weder politisch ambitioniert noch in seinen militärischen Aktionen besonders erfolgreich gewesen, hatte sich der heimatliche Stolz am stärksten dem Wunsche einer künstlerischen Vorherrschaft zugewandt. Von dem alten Habsburgerreich, das einmal Europa beherrscht, waren längst wichtigste und wertvollste Provinzen abgefallen, deutsche und italienische, flandrische und wallonische; unversehrt in ihrem alten Glanz war die Hauptstadt geblieben, der Hort des Hofes, die Wahrerin einer tausendjährigen Tradition. Die Römer hatten die ersten Steine dieser Stadt aufgerichtet, als ein Castrum, als vorgeschobenen Posten, um die lateinische Zivilisation zu schützen gegen die Barbaren, und mehr als tausend Jahre später war der Ansturm der Osmanen gegen das Abendland an diesen Mauern zerschellt. Hier waren die Nibelungen gefahren, hier hat das unsterbliche Siebengestirn der Musik über die Welt geleuchtet, Gluck, Haydn und Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms und Johann Strauß, hier waren alle Ströme europäischer Kultur zusammengeflossen; am Hof, im Adel, im Volk war das Deutsche dem Slawischen, dem Ungarischen, dem Spanischen, dem Italienischen, dem Französischen, dem Flandrischen im Blute verbunden, und es war das eigentliche Genie dieser Stadt der Musik, alle diese Kontraste harmonisch aufzulösen in ein Neues und Eigenartiges, in das Österreichische, in das Wienerische. Aufnahmewillig und mit einem besonderen Sinn für Empfänglichkeit begabt, zog diese Stadt die disparatesten Kräfte an sich, entspannte, lockerte, begütigte sie; es war lind, hier zu leben, in dieser Atmosphäre geistiger Konzilianz, und unbewußt wurde jeder Bürger dieser Stadt zum Übernationalen, zum Kosmopolitischen, zum Weltbürger erzogen.