1,99 €
In "Sternstunden der Menschheit" entwirft Stefan Zweig in unverwechselbar packendem Stil eine Sammlung von historischen Erzählungen, die wegweisende Momente menschlichen Schaffens und Denkens in den Fokus rücken. Mit großer erzählerischer Kunst beleuchtet er Schlüsselszenen aus der Vergangenheit, die durch ihre emotionalen und psychologischen Dimensionen den Leser fesseln. Zweigs literarisches Schaffen ist geprägt von einem ausgeprägten Sinn für psychologische Nuancen und einer tiefen humanistischen Überzeugung, die sich in jedem der zwölf Kapitel widerspiegelt und die zeitlosen Fragen von Macht, Verantwortung und der menschlichen Existenz aufwirft. Stefan Zweig, als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, war stark von den Umwälzungen seiner Zeit beeinflusst – darunter der Erste Weltkrieg und die politischen Umbrüche in Europa. Seine umfangreiche Bildung und seine Erfahrungen als Reisender und Historiker ermöglichten ihm einen einzigartigen Blick auf die menschliche Psyche und die gesellschaftlichen Strömungen. Diese Hintergründe fließen in "Sternstunden der Menschheit" ein und machen das Buch zu einem tiefgründigen Werk über die Komplexität menschlicher Entscheidungen. Dieses Buch ist nicht nur eine außergewöhnliche literarische Leistung, sondern auch eine Einladung, über die entscheidenden Wendepunkte in der Geschichte nachzudenken. Es empfiehlt sich für Leser, die an einer tiefen Reflexion über die menschliche Natur und den Lauf der Geschichte interessiert sind, und wird sowohl Liebhaber der klassischen Literatur als auch Geschichtsinteressierte gleichermaßen begeistern. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Werksammlung versammelt unter dem Titel „Sternstunden der Menschheit“ die historischen Miniaturen Stefan Zweigs, die sich dem Augenblick widmen, in dem Geschichte Gestalt annimmt. Statt Chronik im Ganzen zu liefern, verfolgt Zweig die Intensität des einmaligen Moments, in dem Entscheidung, Zufall und Charakter ineinandergreifen. Die hier zusammengestellten Texte zeigen exemplarisch, wie der Autor die große Weltgeschichte auf konkrete Situationen und handelnde Personen konzentriert. Dadurch entsteht kein Lehrbuch, sondern eine literarische Verdichtung der Vergangenheit, die ihre Spannung aus der Nahsicht, der Dramaturgie der Stunde und aus der humanistischen Perspektive des Erzählers bezieht.
Der Umfang dieser Ausgabe ist auf die Miniaturen-Zyklen fokussiert, wie sie durch die aufeinanderfolgenden Kapitelüberschriften gegliedert sind. Enthalten sind keine vollständigen Romane, keine dramatischen Werke und kein kritischer Apparat, sondern eine kuratierte Zusammenstellung erzählerischer Stücke. Ein einleitendes Vorwort führt in die Programmatik ein. Die Abfolge folgt dem inneren Bogen der einzelnen Fallgeschichten, die jeweils zu einem Höhepunkt treiben. Damit wird die ursprüngliche Intention eingelöst: das konzentrierte Panorama einzelner, weltgeschichtlich bedeutsamer Stunden in einer Folge von kunstvoll komponierten Prosastücken.
Gegenwärtig sind in dieser Sammlung vor allem erzählerische Essays vereint. Sie bewegen sich zwischen historischer Erzählung, biographischer Skizze, szenischer Impression und essayistischer Betrachtung. Es handelt sich weder um Dokumenteneditionen noch um Tagebücher, Briefe oder wissenschaftliche Abhandlungen; vielmehr nutzt Zweig die Freiheit der Literatur, um belegte Vorgänge in eine prägnante Erzählsituation zu bringen. Die Texte wahren den Respekt vor den Fakten, zugleich suchen sie die innere Logik eines Geschehens. So entsteht eine Gattung eigener Art: eine literarische Geschichtsschau, die Erlebnisnähe, Kritik und Reflexion miteinander verbindet.
Zweigs Methode ist die Verdichtung. Er isoliert eine Konstellation, in der das Vorausgehende und das Nachfolgende fühlbar sind, ohne in umfassender Quellenexegese zu verhaften. Die Gegenwartsform, die präzise Szenenführung und die ökonomische Auswahl der Details verleihen den Miniaturen ihre Unmittelbarkeit. Ob es um politische Entscheidungen, Erkundungen, künstlerische Inspirationen oder wissenschaftlich-technische Wagnisse geht: Immer richtet sich der Blick auf den Kipppunkt. Dort, wo sich Möglichkeit in Wirklichkeit verwandelt, entdeckt Zweig das Menschliche: Mut und Irrtum, Einsicht und Verblendung, Geduld und überstürzte Handlung, die allesamt die Richtung eines Augenblicks bestimmen.
Die Auswahl umfasst exemplarische Fälle aus Politik und Diplomatie, aus Entdeckungsfahrten und Expeditionen, aus Kunst, Musik und Literatur. Herrscher und Staatsmänner, Forscher und Reisende, Komponisten und Dichter, Redner und Strategen treten für eine Stunde ins grelle Licht. Die Schauplätze reichen von antiken Debatten bis zu modernen Kommunikationsleistungen, von europäischen Metropolen bis zu unwirtlichen Rändern der bewohnten Welt. Diese Breite ist programmatisch: Die Sternstunden sind nicht an ein Fach, eine Nation oder ein Milieu gebunden; sie entstehen dort, wo ein einzelnes Handeln in der Geschichte Resonanz gewinnt.
Stilistisch verbindet Zweig Spannung und Klarheit. Charakteristisch sind die psychologische Nahsicht, die rhythmisch geführte Syntax, die leitmotivische Wiederkehr von Bildern und die straffe Komposition mit Auftakt, Steigerung und Ruhepunkt. Bildhafte Metaphern – Licht und Dunkel, Sturm und Stille, Aufbruch und Rückkehr – strukturieren die Wahrnehmung der Ereignisse. Zugleich meidet der Autor Ornamente, die den Gang der Handlung verdunkeln könnten. Die Prosa bleibt, selbst im Pathos, kontrolliert und durchsichtig. Dadurch hält sie den Ton zwischen erzählter Szene und gedanklicher Deutung und lässt beides einander wechselseitig erhellen.
Thematisch kreisen die Miniaturen um Verantwortung und Gewissen, um das Zusammentreffen von Vorbereitung und Zufall, um die Fragilität von Zivilisation und den Preis des Fortschritts. Zweig misst historische Größe nicht an Sieg oder Ruhm, sondern an der inneren Haltung im kritischen Moment. Wiederkehrende Konfliktlinien – Freiheit und Zwang, Vernunft und Fanatismus, Mut und Furcht – strukturieren das Panorama. Indem die Texte extreme Situationen darstellen, plädieren sie gleichzeitig für Maß, Empathie und Humanität. So verweben sie die Spannung des Geschehens mit einer unausgesprochenen ethischen Skala, die das Urteil des Lesers herausfordert.
Die in dieser Ausgabe sichtbare Gliederung macht Zweigs Kompositionsweise transparent. Viele Miniaturen entfalten sich in aufeinanderfolgenden Stationen: aus der stillen Vorbereitung wächst eine Zuspitzung, es folgt die kurze Dauer der Entscheidung und schließlich der Nachklang im Alltag oder in der Geschichte. Die internen Kapitelüberschriften führen die Leserinnen und Leser durch diese Spannungsbögen. Das Verfahren erlaubt, komplexe Vorgänge in überschaubaren Schritten zu erleben, ohne die Dichte zu verlieren. Der Blick wird gelenkt, doch nicht bevormundet: Man erfährt, wie eine Stunde reift, bricht und sich in Erinnerung verwandelt.
Leserinnen und Leser können die Miniaturen als eigenständige Erzählungen verstehen oder als Mosaik, das in seiner Gesamtheit eine Weltanschauung offenlegt. Wer linear liest, spürt die wechselnden Register vom politischen Kabinett bis zum Atelier; wer auswählt, kann bestimmten Motiven folgen: Entdeckungen, Reden, musikalische Eingebungen, Worte, die Kontinente verbinden. Weil der Ausgang vielfach historisch bekannt ist, entsteht die Spannung nicht aus Überraschung, sondern aus der Frage nach dem Wie: Wie entsteht Entschlusskraft? Wie wirkt Irrtum? Wie verhalten sich Charakter, Gelegenheit und die unerbittliche Uhrzeit?
Die anhaltende Bedeutung dieser Texte liegt in ihrer Haltung zur Geschichte. Sie zeigen, dass Vergangenheit nicht nur Archiv, sondern erfahrbare Gegenwart sein kann, wenn sie auf den Moment konzentriert wird. In Zeiten beschleunigter Kommunikation und komplexer Entscheidungsprozesse erinnern die Miniaturen daran, dass Verantwortung stets persönlich beginnt. Sie warnen vor Teleologie und Einseitigkeit, ohne die Notwendigkeit des Handelns zu leugnen. Gerade dadurch behalten sie ihre Aktualität: Sie lehren Wachheit, Maß und Urteilskraft – Tugenden, die jede Generation neu für sich entdecken muss.
Editorisch versteht sich diese Sammlung als verlässliche, geschlossene Darbietung der Miniaturen mit ihrer internen Kapitelfolge. Sie will nicht kommentieren oder korrigieren, sondern den Lesefluss ermöglichen und das gestalterische Prinzip sichtbar machen. Die Reihenfolge respektiert den inneren Rhythmus der einzelnen Stücke. Das Vorwort bereitet auf die Lektüre vor, indem es Absicht und Methode skizziert. Ob man das Buch fortlaufend liest oder in einzelne Fälle eintaucht: Die Anlage unterstützt beides und lädt dazu ein, thematische Linien quer zu verfolgen.
So eröffnet diese Werksammlung den Zugang zu einem konzentrierten Gesamtbild: nicht als vollständiges Werk im Sinne eines Romans oder einer Historie, sondern als Suite großer Momente. Sie ist Einladung, Vergangenheit in der Gegenwart zu hören – wie einen Takt, der plötzlich lauter wird. Zwischen Erinnerung und Imagination, Genauigkeit und Gestaltkraft entsteht eine Literatur der Entscheidung. Wer ihr folgt, wird die dargestellten Stunden nicht nur als Episoden der Geschichte sehen, sondern als Prüfsteine des Menschlichen. In diesem Sinn sind es Sternstunden: sie leuchten, weil sie Orientierung geben, nicht weil sie blenden.
Stefan Zweig (1881–1942) war ein österreichischer Autor von internationaler Ausstrahlung, dessen Werk die kulturellen Spannungen und Hoffnungen Europas im frühen 20. Jahrhundert bündelte. Als Kosmopolit und Humanist verband er psychologische Präzision mit einer elegant verdichteten, erzählerisch beweglichen Prosa. Neben Novellen, Essays und Biographien prägten vor allem seine historischen Miniaturen sein Profil: erzählerische Rekonstruktionen von Augenblicken, in denen Entscheidungen und Zufälle den Lauf der Geschichte veränderten. Zweig verstand sich als Vermittler zwischen Sprachen und Nationen, skeptisch gegenüber Fanatismus, zugleich begeistert von schöpferischer Energie. Sein Rang beruht auf stilistischer Meisterschaft, erzählerischer Spannung und einem seltenen Sinn für europäische historische Dramaturgie.
Aufgewachsen in der intellektuellen Atmosphäre Wiens, suchte Zweig früh den Austausch mit der internationalen Moderne. Er studierte in Wien und Berlin, promovierte im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts und veröffentlichte zunächst Lyrik und Essays. Geprägt von französischen und belgischen Strömungen, übersetzte und vermittelte er Literatur und traf führende Autorinnen und Autoren seiner Zeit. Reisen durch Europa festigten seinen Blick auf kulturelle Vernetzung. Der Erste Weltkrieg markierte eine Zäsur: Aus anfänglicher Beteiligung wurde überzeugter Pazifismus, getragen von der Idee einer übernationalen Verständigung. Diese Haltung prägte seine Themenwahl, seine Essayistik und die präzise, doch empathische Beobachtung menschlicher Motive.
In seiner reifen Phase formte Zweig die Gattung der historischen Miniaturen zu einem unverwechselbaren Ausdrucksmittel. Statt chronologischer Breite suchte er die dramatische Essenz entscheidender Wendepunkte. So schildert Georg Friedrich Händels Auferstehung die künstlerische Wiedergeburt als Akt existenzieller Konzentration, während Die Marienbader Elegie den späten Augenblick der Selbsterkenntnis beleuchtet. Auch kürzere Stücke wie Unvergänglicher Augenblick verdichten Erfahrungen zu symbolischer Klarheit. Diese Texte verbinden erzählerische Spannung mit essayistischer Reflexion; sie sind nicht antiquarisch, sondern auf Gegenwart bezogen. Zweigs Sprache bleibt dabei kontrolliert, musikalisch und suggestiv, getragen vom Bestreben, historische Erfahrung als Lebenswissen neu erfahrbar zu machen.
Ein besonderes Gewicht legte Zweig auf politische Entscheidungsmomente, deren Ausgang offen und von Menschen geprägt erscheint. In Die Weltminute von Waterloo entfaltet er die Schlacht als Kette prekärer Möglichkeiten: Der Morgen von Waterloo, der Fehlgang Grouchys, der Nachmittag von Waterloo und schließlich Die Entscheidung zeigen, wie Nuancen Geschichte lenken. Ähnlich konzentriert verfolgt Der versiegelte Zug die folgenreiche Reise durch Europa: Durch Deutschland: Ja oder nein?, Der Pakt, Der plombierte Zug und Das Projektil schlägt ein bilden Stationen eines Projekts, das Weltpolitik in Bewegung setzt. Die Darstellung bleibt erzählerisch, doch analytisch scharfsichtig und moralisch sensibel.
Auch die Spannweite zwischen Entdeckungsdrang und Scheitern lotet Zweig aus. Der Kampf um den Südpol bündelt Mut, Rivalität und Tragik: Scott, Universitas antarctica, Aufbruch zum Pol, Der Südpol, Der sechzehnte Januar und Der Zusammenbruch führen von Hoffnung zu Abschied, ergänzt durch Die Briefe des Sterbenden und Die Antwort. Technische Pioniertaten erscheinen bei ihm als seelische Wagnisse: Das erste Wort über den Ozean erzählt vom transatlantischen Kabel – Der neue Rhythmus, Die dritte Fahrt, Das große Hosianna, Das große Crucifige und Sechs Jahre Schweigen beschreiben Euphorie, Rückschlag und Ausdauer. Geschichte wird zur Schule der Haltung.
Die Bandbreite seiner historischen Szenen reicht von Antike bis Moderne. Die Eroberung von Byzanz entfaltet den Untergang einer Welt: Die Mauern und die Kanonen, Noch einmal Hoffnung, Europa, hilf!, Die Nacht vor dem Sturm, Die letzte Messe in Hagia Sophia, Kerkaporta, die vergessene Tür und Das Kreuz stürzt nieder fügen sich zu einem Panorama der Entscheidung. Mit Die Entdeckung Eldorados – Neu-Helvetien, Der verhängnisvolle Spatenstich, Der Rush, Der Prozeß, Das Ende – zeigt er ökonomische Verheißung und Verlust. Cicero beleuchtet republikanische Krisen, Wilson versagt die Zerbrechlichkeit idealistischer Politik. Dazwischen setzen Unvergänglicher Augenblick und Heroischer Augenblick prägnante Akzente.
Zweigs spätere Jahre standen im Zeichen der Emigration und des unermüdlichen kulturvermittelnden Arbeitens. Nach der Machtübernahme des Nationalsozialismus verließ er Mitteleuropa, lebte zunächst in Großbritannien, später in Amerika und schließlich in Brasilien, wo er 1942 im Exil starb. Auch in der Fremde hielt er an einer europäischen Perspektive fest, skeptisch gegen Nationalismus, entschieden für Verständigung. Seine historischen Miniaturen wurden vielfach neu aufgelegt; Texte wie Der versiegelte Zug, Die Weltminute von Waterloo oder Die Eroberung von Byzanz zählen bis heute zu vielgelesenen Zugängen zur Geschichte. Zweigs Vermächtnis bleibt die Verbindung von Humanität, Formbewusstsein und erzählerischer Intensität.
Stefan Zweig, 1881 in Wien geboren und 1942 im Exil verstorben, schrieb seine historischen Miniaturen im Schatten des Zerfalls der Habsburgermonarchie, der Traumata des Ersten Weltkriegs und der autoritären Radikalisierung Europas. Die Sammlung Sternstunden der Menschheit greift weit über seine eigene Epoche hinaus und bündelt Szenen von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. In diesem Spannungsfeld aus verlorener mitteleuropäischer Stabilität und aufziehenden Diktaturen verdichtet Zweig weltgeschichtliche Augenblicke zu psychologisch pointierten Erzählungen. Das Werk reflektiert zugleich die intellektuelle Haltung eines pazifistisch gesinnten Europäers, der in geschichtlichen Knotenpunkten wiedererkennbare Muster von Hybris, Erfindungskraft, Mut und Irrtum sichtbar machen will.
Das programmatische Vorwort rahmt die Miniaturen als konzentrierte Bilder entscheidender Stunden, in denen Handeln, Zufall und historische Kräfte in seltenem Gleichklang aufeinandertreffen. Zweig stützt sich auf Memoiren, Briefe, Chroniken und Forschungsliteratur seiner Zeit, verzichtet aber auf akademischen Apparat zugunsten narrativer Verdichtung. Diese Form reagiert auf ein breites bürgerliches Lesepublikum der Zwischenkriegszeit, das nach Orientierung in einer unübersichtlichen Gegenwart suchte. Die Miniatur fungiert dabei als Gegenentwurf zur monumentalen Nationalgeschichte: Sie betont den Moment, die Entscheidung, die innere Bewegung – ohne die langfristigen Strukturen aus dem Blick zu verlieren.
Mehrere Stücke verorten sich im Zeitalter der Entdeckungen, als iberische und später andere europäische Mächte seit dem späten 15. Jahrhundert den Atlantik überquerten, Handelsrouten etablierten und koloniale Herrschaft errichteten. Technik, Navigation und kartografisches Wissen verbreiteten sich rasant, getragen von Konkurrenz zwischen Höfen, religiöser Mission und ökonomischen Erwartungen. Zweig arrangiert Motive des Ausrüstens von Schiffen, riskanter Fahrten und mythischer Verheißungen, um die Verflechtung von Wagemut und Gewalt, Ruhmbedürfnis und Wissensdurst zu markieren. Zugleich deutet er die Schattenseiten an: Ausbeutung, Zwang und die Zerstörung indigener Lebenswelten, die den „Sternstunden“ eingeschrieben sind.
Mit Blick auf Krieg und Staatlichkeit durchmisst die Sammlung die Entwicklung von der Antike über die frühneuzeitlichen Belagerungskünste bis zur Massengewalt des 19. Jahrhunderts. Zweig interessiert, wie taktische Entscheidungen, Pannen und Kommunikationsprobleme den Verlauf scheinbar übermächtiger Kräfte verändern. Die Napoleonepoche, die Professionalisierung der Offizierskultur, die Bedeutung von Stäben und Nachrichtendiensten sowie die Logistik großräumiger Operationen bilden den Hintergrund für seine Verdichtungen. An Waterloo etwa wird die Fragilität militärischer Planung sichtbar; doch verweist er zugleich auf die Geschichtswissenschaft, die solche Kausalitätslinien kontrovers diskutiert und relativiert.
Die Eroberung Konstantinopels 1453 markiert in der europäischen Erinnerung eine Schwelle: Das Osmanische Reich erweist sich als dynamische Großmacht, während Byzantion unter dem Druck neuartiger Belagerungsartillerie kapituliert. Zweig nutzt die Episode, um die Verschiebung militärischer Technologie, die geopolitische Neuordnung des östlichen Mittelmeerraums und die religiöse Symbolik von Orten wie Hagia Sophia zu bündeln. Der ausbleibende gesamteuropäische Beistand und die vergeblichen Hilferufe spiegeln das Scheitern spätmittelalterlicher Koalitionsbildung. Dramatische Motive aus Chroniken – auch umstrittene – dienen ihm als literarische Signale, nicht als gesicherte Einzelursachen.
Der Durchbruch der globalen Telegraphie im 19. Jahrhundert erhält exemplarische Zuspitzung in der Geschichte des atlantischen Kabels. Nach einem kurzlebigen Erfolg von 1858 gelang erst 1866 eine dauerhafte Verbindung zwischen Europa und Nordamerika. Diese technische Pionierleistung – getragen von privaten Konsortien, Ingenieurskunst und maritimem Großgerät – verkürzte die Übermittlungszeiten von Tagen auf Minuten und veränderte Diplomatie, Finanzmärkte und Pressewesen. Zweig betont den Wechsel von Euphorie und Ernüchterung, von öffentlichen Jubeln und skeptischer Fachkritik, und macht verständlich, warum Kommunikation seitdem als Infrastruktur politischer Macht begriffen wird.
Die Kalifornische Goldgräberbewegung setzte 1848 mit einem Fund an Sutter’s Mill ein und löste 1849 eine Migrationswelle aus, die Wirtschaft, Recht und Umwelt der Region tiefgreifend veränderte. In Zweigs Miniatur dient sie als Prisma für Spekulation, Eigentumskonflikte und die Beschleunigungslogik moderner Märkte. Die Gewinnträume vieler kontrastieren mit den prekären Lebensbedingungen der meisten, während die rasche Urbanisierung neue Ordnungsprobleme schuf. Der globale Sog des Goldes macht sichtbar, wie Nachrichten, Gerüchte und mediale Bilder Massenbewegungen steuern – ein wiederkehrendes Thema der Sammlung in Zeiten wachsender Informationsdichte.
Die kulturellen Sternstunden betreffen nicht nur politische Zäsuren, sondern auch künstlerische Krisen und Erneuerungen. Georg Friedrich Händel rang in den 1730er Jahren mit finanziellen Rückschlägen, ehe er 1741 das Oratorium Messiah komponierte, das 1742 in Dublin uraufgeführt wurde. Zweig akzentuiert, wie Patronage, Benefizpraxis und städtische Musikkulturen britischer Inseln diese Kreativleistung ermöglichten. Ähnlich verknüpft die Marienbader Elegie Goethes späten Lebensabschnitt mit den Debatten der Romantik über Gefühl, Alter und Autorschaft. Solche Miniaturen situieren „geniale“ Momente präzise in sozialen Institutionen, Publika und medialen Zirkulationen ihrer Zeit.
Die Beschäftigung mit Leo Tolstoi führt in das geistige Klima des späten Zarenreichs. Um 1910 kulminierten bei Tolstoi religiöse und ethische Konflikte, verbunden mit einem Bruch mit der offiziellen Kirche und einem asketischen Ideal. Zweig liest die Flucht zu Gott als Symptom eines breiteren russischen Ringens um Sinn, Gewaltlosigkeit und soziale Gerechtigkeit an der Schwelle zu Revolution und Krieg. Tagebücher, Briefe und Berichte aus dem Umfeld bilden die Grundlage für eine Darstellung, die individuelle Selbstprüfung und gesellschaftliche Spannungen miteinander verbindet, ohne die Widersprüche der Quellen zu glätten.
Die Episode vom plombierten Zug im April 1917 verknüpft Weltkrieg, Diplomatie und Revolution. Deutsche Stellen ermöglichten Lenin und weiteren Emigranten die Durchreise von der Schweiz nach Petrograd, in der Erwartung, Russland zusätzlich zu destabilisieren. Zweig zeigt, wie strategische Kalküle und moralische Dilemmata in der Totalisierung des Krieges ineinandergreifen. Die Ankunft der Gruppe traf auf ein bereits revolutioniertes Land, in dem politische Lager um Deutungshoheit rangen. Die Miniatur verweist damit auf den Übergang von Krieg zu Revolution – und auf die Rolle transnationaler Netzwerke bei inneren Umbrüchen.
Der Wettlauf zum Südpol 1911/12 steht für einen Höhepunkt heroischer, zugleich wissenschaftlich motivierter Expeditionen der Moderne. Norwegen und Großbritannien verbanden nationale Prestigeziele mit meteorologischen, geographischen und zoologischen Programmen. Logistik, Ausrüstung und Kenntnis polartauglicher Techniken entschieden über Erfolg und Scheitern. Zweig beleuchtet die mediale Inszenierung solcher Unternehmungen, die heimische Öffentlichkeiten prägte, und die Ambivalenz zwischen forscherischem Ideal und existenzieller Grenzerfahrung. Die Antarktis erscheint als letzte terra incognita, deren Erschließung bereits in die globale Zirkulation von Nachrichten, Sponsoring und wissenschaftlicher Kooperation eingebunden war.
Mit Cicero greift Zweig die Krisen der späten römischen Republik auf. Die Jahre um 63 v. Chr. waren geprägt von Verschwörungsgerüchten, Gewalt in der Stadt und der Erosion republikanischer Normen. Rhetorik, Senatspolitik und die Figur des homo novus dienen als Linse, durch die sich die Fragilität politischer Institutionen beobachten lässt. Zweig interessiert dabei weniger antiquarisches Detail als die exemplarische Zuspitzung: Wie Worte Tatbestände schaffen, wie juristische Kategorien unter Druck geraten und wie persönliche Integrität in Zeiten beschleunigter Machtkämpfe verhandelt wird.
Woodrow Wilsons Rolle auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 und die Debatte um den Völkerbund verweisen auf die Kluft zwischen internationalistischer Vision und nationaler Realpolitik. Während in Europa Hoffnungen auf eine neue Rechtsordnung kulminierten, scheiterte in den Vereinigten Staaten die Ratifizierung des Vertrags im Senat 1919/20. Isolationistische Traditionen, parteipolitische Gegensätze und die gesundheitliche Schwächung des Präsidenten beeinflussten den Ausgang. Zweig deutet die Episode als verpasste Gelegenheit kollektiver Sicherheit – eine Lesart, die spätere Forschungen nuanciert, deren Wirkungsgeschichte in der Zwischenkriegszeit aber unbestreitbar blieb.
Ein wiederkehrendes Motiv der Sammlung ist die Macht des Zufalls und der kleinen Ursache. Ob es um unklare Befehle auf Schlachtfeldern, unzuverlässige Kuriere, Wetterumschwünge bei Expeditionen oder technische Defekte geht: Zweig dramatisiert jene Schwelle, an der menschliche Planung an Kontingenz stößt. Beispiele wie die umstrittene Rolle einzelner Offiziere bei Waterloo oder Detailmotive aus Belagerungserzählungen dienen ihm als narrative Katalysatoren; die Geschichtswissenschaft diskutiert solche Zuspitzungen kritisch. Diese Spannung zwischen Ereignisdrama und Strukturgeschichte konstituiert den besonderen Reiz – und die methodische Herausforderung – der Miniaturen.
Publikationsgeschichtlich erschien die Sammlung zunächst in den späten 1920er Jahren und wurde bis in die späten 1930er und frühen 1940er erweitert. Zweigs Werke wurden 1933 im nationalsozialistischen Deutschland verboten, was ihre Verbreitung nicht verhinderte, aber Kanäle veränderte: Emigrationsverlage, Übersetzungen und Exilnetzwerke gewannen an Bedeutung. Einige der späteren Miniaturen entstanden aus dem Blick der Emigration heraus, was die akzentuierte Europäizität und den melancholischen Ton verstärkt. Die wechselnden Inhaltszuschnitte der Ausgaben spiegeln zudem, wie Zweig auf Zeitereignisse reagierte und seine Auswahl historischer Szenen fortlaufend justierte.
Als Kommentar zur eigenen Gegenwart der Zwischenkriegs- und Exiljahre entfalten die Sternstunden eine europäische Ethik der Empathie. Gegen nationalistische Mythenbildung stellt Zweig Momentbilder geteilter kultureller Erbschaft – von Byzanz über Weimar, Dublin und London bis Petrograd und die Antarktis. Der häufig beschworene „Rücksturz ins Tägliche“ relativiert heroische Exzesse und verweist auf Verantwortung in normalen Zeiten. Damit antwortet die Sammlung auf die Versuchung des Politischen, sich im Ausnahmezustand zu legitimieren, und plädiert für eine Kultur des Maßes, die das Gelingen wie das Scheitern historischer Akteure nicht moralisch simplifiziert.
Spätere Deutungen haben Zweigs Werk als literarische Geschichtsschreibung verortet: suggestiv, quellengesättigt, doch bewusst komponiert. Kritik richtete sich auf Tendenzen zur Personalisierung und Dramatisierung; zugleich würdigte man seine Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich und erinnerbar zu machen. In Schulen und Feuilletons dienten die Miniaturen als Einstiege in Epochen, deren Vielschichtigkeit sie andeuten. Neuere Forschungen lesen die Texte als Zeugnisse europäischer Kulturkritik im 20. Jahrhundert, die Universalität behauptet und blinde Flecken – etwa koloniale Perspektiven und Geschlechterasymmetrien – erkennen lässt, ohne ihren humanistischen Impuls zu verlieren.
Das Vorwort skizziert das Programm der Sammlung: Geschichte als Verdichtung weniger, entscheidender Augenblicke. Zweig kündigt eine erzählerische Annäherung an, die Fakten mit psychologischer Intuition verbindet und die Wirkung des einzelnen Moments ins Zentrum rückt.
Eine waghalsige Unternehmung erwächst aus der Sehnsucht, dem Vergessen zu entkommen. Von Vorbereitung und List über den riskanten Aufstieg bis zum einen unwiederholbaren Moment spannt Zweig einen Bogen, in dem Glanz und Gefahr untrennbar sind. Der Ton schwankt zwischen atemloser Spannung und leiser Vorahnung.
Die Belagerung einer Weltstadt kulminiert in einem technologisch und religiös aufgeladenen Entscheidungstag. Diplomatische Gesten, fromme Rituale und verzweifelte Gegenmanöver können den Druck der Kanonen und die Entschlossenheit der Angreifer nur verzögern. Der Text führt mit tragischer Ruhe in den Augenblick, an dem eine Epoche endet.
Ein erschöpfter Meister findet nach Krankheit und Entmutigung zu neuer schöpferischer Kraft. In konzentrierten Szenen verfolgt Zweig den inneren Umschlag von Lähmung zu Vision und die zähe Arbeit, die daraus folgt. Der Ton ist ermutigend und auf das Wunder künstlerischer Erneuerung fokussiert.
Über Nacht entsteht ein Lied, das die Stimmung einer Zeit bündelt und in die Welt hinausfährt. Zweig zeigt, wie Eingebung, Handwerk und historischer Augenblick zusammenfallen und einem Einzelnen eine kollektive Stimme verleihen. Elektrisiert und knapp erzählt, feiert der Text die Geburtsstunde eines Symbols.
Ein Schlachtfeld konzentriert die Unwägbarkeiten von Wetter, Zeit und menschlicher Entscheidung in wenigen Stunden. Stäbe beraten, Boten irren, ein Zögern wiegt schwerer als ganze Armeen, und am Nachmittag kippt das Gleichgewicht. Die Darstellung ist analytisch gespannt und macht die Verletzlichkeit des Plans sichtbar.
Ein alternder Dichter erfährt eine späte, übermächtige Zuneigung und ringt um Fassung. Aus dem Konflikt zwischen Gefühl und Würde entstehen Verse, die das Private ins Allgemeine heben. Der Ton ist zart, introspektiv und diskret.
Ein Siedler entwirft einen geordneten Traum am Rand der Zivilisation, bis ein Fund die Gier der Welt herbeiruft. Aus Jubel wird Ansturm, aus Besitz Streit; Institutionen und Zufall zersetzen die Lebensleistung des Einzelnen. Mit leiser Ironie schildert Zweig den Preis des Goldrausches.
Im Brennpunkt einer Entscheidung wächst ein Mensch für Sekunden über sich hinaus. Ohne überladenes Pathos, doch mit Maß und Rhythmus zeigt Zweig, wie Haltung und Geistesgegenwart Geschichte prägen können. Der Ton ist konzentriert, würdig und knapp.
Der Versuch, eine Botschaft elektrisch über den Atlantik zu tragen, scheitert mehrfach spektakulär und entzündet doch die Fantasie der Öffentlichkeit. Zwischen Triumph und Spott hält eine kleine Gruppe an Kabeln, Schiffen und Geduld fest, bis die Verbindung trägt. Es ist ein technisches Drama über Ausdauer und Takt der Moderne.
Ein weltberühmter Schriftsteller entzieht sich seinem Umfeld, getrieben von Gewissensnöten und dem Wunsch nach geistiger Reinheit. Die Episode wird als stilles Drama von Abschied, Suche und Unbehaustheit erzählt, das in existentielle Fragen mündet. Der Ton ist asketisch und mitfühlend.
Zweig kontrastiert zwei Expeditionen, die mit unterschiedlichen Philosophien demselben weißen Ziel zustreben. Planung, Disziplin und Glück stehen gegen wissenschaftlichen Ehrgeiz und schweres Los, während Kälte und Distanz jede Schwäche vergrößern. Tagebucheinträge und letzte Briefe verleihen der Geschichte intime Schärfe.
Ein politischer Exilant handelt eine unmögliche Durchreise aus und verwandelt Logistik in Strategie. Der plombierte Waggon wird zur Bühne, auf der Entschlossenheit, Taktik und Timing einen historischen Funken vorbereiten. Die Erzählung hat das Tempo einer Verschwörung und den Nachhall einer Explosion.
Ein Redner steht in der Dämmerung der Republik und vertraut allein auf Sprache gegen Gewalt und Intrige. Zweig seziert Gestus, Mut und Zerbrechlichkeit eines Mannes, dessen Stimme zugleich Waffe und Schicksal ist. Der Ton ist klassisch, nüchtern und von stiller Bewunderung getragen.
Ein Idealist kehrt aus dem Krieg mit einem Plan für eine neue Ordnung zurück und verheddert sich im Netz der Interessen. Zwischen europäischer Diplomatie und heimischer Opposition verliert die Idee an Kraft, bis aus Vision Routine wird. Der Ton ist ernüchtert und zeigt die Tragik des halben Erfolgs.
Die Miniaturen fokussieren Sternstunden, in denen individuelle Entscheidung, Zufall und Zeitgeist ineinander greifen. Stilistisch setzt Zweig auf dramatische Verdichtung, psychologische Nahsicht und eine musikalisch geführte Spannungskurve. Wiederkehren Motive sind Hybris und Demut, Triumph und Preis, die fragile Größe des Menschen im Angesicht der Geschichte.
Kein Künstler ist während der ganzen vierundzwanzig Stunden seines täglichen Tages ununterbrochen Künstler; alles Wesentliche, alles Dauernde, das ihm gelingt, geschieht immer nur in den wenigen und seltenen Augenblicken der Inspiration. So ist auch die Geschichte, in der wir die größte Dichterin und Darstellerin aller Zeiten bewundern, keineswegs unablässig Schöpferin. Auch in dieser »geheimnisvollen Werkstatt Gottes«, wie Goethe ehrfürchtig die Historie nennt, geschieht unermeßlich viel Gleichgültiges und Alltägliches. Auch hier sind wie überall in der Kunst und im Leben die sublimen, die unvergeßlichen Momente selten. Meist reiht sie als Chronistin nur gleichgültig und beharrlich Masche an Masche in jener riesigen Kette, die durch die Jahrtausende reicht, Faktum an Faktum, denn alle Spannung braucht Zeit der Vorbereitung, jedes wirkliche Ereignis Entwicklung. Immer sind Millionen Menschen innerhalb eines Volkes nötig, damit ein Genius entsteht, immer müssen Millionen müßige Weltstunden verrinnen, ehe eine wahrhaft historische, eine Sternstunde der Menschheit in Erscheinung tritt.
Entsteht aber in der Kunst ein Genius, so überdauert er die Zeiten; ereignet sich eine solche Weltstunde, so schafft sie Entscheidung für Jahrzehnte und Jahrhunderte. Wie in der Spitze eines Blitzableiters die Elektrizität der ganzen Atmosphäre, ist dann eine unermeßliche Fülle von Geschehnissen zusammengedrängt in die engste Spanne von Zeit. Was ansonsten gemächlich nacheinander und nebeneinander abläuft, komprimiert sich in einen einzigen Augenblick, der alles bestimmt und alles entscheidet: ein einziges Ja, ein einziges Nein, ein Zufrüh oder ein Zuspät macht diese Stunde unwiderruflich für hundert Geschlechter und bestimmt das Leben eines Einzelnen, eines Volkes und sogar den Schicksalslauf der ganzen Menschheit.
Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte. Einige solcher Sternstunden – ich habe sie so genannt, weil sie leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen – versuche ich hier aus den verschiedensten Zeiten und Zonen zu erinnern. Nirgends ist versucht, die seelische Wahrheit der äußern oder innern Geschehnisse durch eigene Erfindung zu verfärben oder zu verstärken. Denn in jenen sublimen Augenblicken, wo sie vollendet gestaltet, bedarf die Geschichte keiner nachhelfenden Hand. Wo sie wahrhaft als Dichterin, als Dramatikerin waltet, darf kein Dichter versuchen, sie zu überbieten.
Die Entdeckung des Pazifischen Ozeans25. September1513
Bei seiner ersten Rückkehr aus dem entdeckten Amerika hatte Kolumbus auf seinem Triumphzug durch die gedrängten Straßen Sevillas und Barcelonas eine Unzahl Kostbarkeiten und Kuriositäten gezeigt, rotfarbene Menschen einer bisher unbekannten Rasse, nie gesehene Tiere, die bunten, schreienden Papageien, die schwerfälligen Tapire, dann merkwürdige Pflanzen und Früchte, die bald in Europa ihre Heimat finden werden, das indische Korn, den Tabak und die Kokosnuß. All das wird von der jubelnden Menge neugierig bestaunt, aber was das Königspaar und seine Ratgeber am meisten erregt, sind die paar Kästchen und Körbchen mit Gold. Es ist nicht viel Gold, das Kolumbus aus dem neuen Indien bringt, ein paar Zierdinge, die er den Eingeborenen abgetauscht oder abgeraubt hat, ein paar kleine Barren und einige Handvoll loser Körner, Goldstaub mehr als Gold – die ganze Beute höchstens ausreichend für die Prägung von ein paar hundert Dukaten. Aber der geniale Kolumbus, der fanatisch immer das glaubt, was er gerade glauben will, und der ebenso glorreich mit seinem Seeweg nach Indien recht behalten hat, flunkert in ehrlicher Überschwenglichkeit, dies sei nur eine winzige erste Probe[1q]. Zuverlässige Nachricht sei ihm gegeben worden von unermeßlichen Goldminen auf diesen neuen Inseln; ganz flach, unter dünner Erdschicht, läge dort das kostbare Metall in manchen Feldern. Mit einem gewöhnlichen Spaten könne man es leichthin aufgraben. Weiter südlich aber seien Reiche, wo die Könige aus goldenen Gefäßen becherten und das Gold geringer gelte als in Spanien das Blei. Berauscht hört der ewig geldbedürftige König von diesem neuen Ophir, das sein eigen ist, noch kennt man Kolumbus nicht genug in seiner erhabenen Narrheit, um an seinen Versprechungen zu zweifeln. Sofort wird für die zweite Fahrt eine große Flotte ausgerüstet, und nun braucht man nicht mehr Werber und Trommler, um Mannschaft zu heuern. Die Kunde von dem neuentdeckten Ophir, wo das Gold mit bloßer Hand aufgehoben werden kann, macht ganz Spanien toll: zu Hunderten, zu Tausenden strömen die Leute heran, um nach dem El Dorado, dem Goldland, zu reisen.
Aber welch eine trübe Flut ist es, welche die Gier jetzt aus allen Städten und Dörfern und Weilern heranwirft. Nicht nur ehrliche Edelleute melden sich, die ihr Wappenschild gründlich vergolden wollen, nicht nur verwegene Abenteurer und tapfere Soldaten, sondern aller Schmutz und Abschaum Spaniens schwemmt nach Palos und Cadiz. Gebrandmarkte Diebe, Wegelagerer und Strauchdiebe, die im Goldland einträglicheres Handwerk suchen, Schuldner, die ihren Gläubigern, Gatten, die ihren zänkischen Frauen entfliehen wollen, all die Desperados und gescheiterten Existenzen, die Gebrandmarkten und von den Alguacils Gesuchten melden sich zur Flotte, eine toll zusammengewürfelte Bande gescheiterter Existenzen, die entschlossen sind, endlich mit einem Ruck reich zu werden, und dafür zu jeder Gewalttat und jedem Verbrechen entschlossen sind. So toll haben sie einer dem andern die Phantasterei des Kolumbus suggeriert, daß man in jenen Ländern nur den Spaten in die Erde zu stoßen brauche, und schon glänzten einem die goldenen Klumpen entgegen, daß sich die Wohlhabenden unter den Auswanderern Diener mitnehmen und Maultiere, um gleich in großen Massen das kostbare Metall wegschleppen zu können. Wem es nicht gelingt, in die Expedition aufgenommen zu werden, der erzwingt sich anderen Weg; ohne viel nach königlicher Erlaubnis zu fragen, rüsten auf eigene Faust wüste Abenteurer Schiffe aus, um nur rasch hinüberzugelangen und Gold, Gold, Gold zu raffen; mit einem Schlage ist Spanien von unruhigen Existenzen und gefährlichstem Gesindel befreit.
Der Gouverneur von Española (dem späteren San Domingo oder Haiti) sieht mit Schrecken diese ungebetenen Gäste die ihm anvertraute Insel überschwemmen. Von Jahr zu Jahr bringen die Schiffe neue Fracht und immer ungebärdigere Gesellen. Aber ebenso bitter enttäuscht sind die Ankömmlinge, denn keineswegs liegt das Gold hier locker auf der Straße, und den unglücklichen Eingeborenen, über welche die Bestien herfallen, ist kein Körnchen mehr abzupressen. So streifen und lungern diese Horden räuberisch herum, ein Schrecken der unseligen Indios, ein Schrecken des Gouverneurs. Vergebens sucht er sie zu Kolonisatoren zu machen, indem er ihnen Land anweist, ihnen Vieh zuteilt und reichlich sogar auch menschliches Vieh, nämlich sechzig bis siebzig Eingeborene jedem einzelnen als Sklaven. Aber sowohl die hochgeborenen Hidalgos als die einstigen Wegelagerer haben wenig Sinn für Farmertum. Nicht dazu sind sie herübergekommen, Weizen zu bauen und Vieh zu hüten; statt sich um Saat und Ernte zu kümmern, peinigen sie die unseligen Indios – in wenigen Jahren werden sie die ganze Bevölkerung ausgerottet haben – oder sitzen in den Spelunken. In kurzer Zeit sind die meisten derart verschuldet, daß sie nach ihren Gütern noch Mantel und Hut und das letzte Hemd verkaufen müssen und bis zum Halse den Kaufleuten und Wucherern verhaftet sind.
Willkommene Botschaft darum für alle diese gescheiterten Existenzen auf Española, daß ein wohlangesehener Mann der Insel, der Rechtsgelehrte, der »bachiller« Martin Fernandez de Enciso, 1510 ein Schiff ausrüstet, um mit neuer Mannschaft seiner Kolonie an der terra firma zu Hilfe zu kommen. Zwei berühmte Abenteurer, Alonzo de Ojeda und Diego de Nicuesa, hatten von König Ferdinand 1509 das Privileg erhalten, nahe der Meerenge von Panama und der Küste von Venezuela eine Kolonie zu gründen, die sie etwas voreilig Castilia del Oro, Goldkastilien, nennen; berauscht von dem klingenden Namen und betört von Flunkereien, hatte der weltunkundige Rechtskundige sein ganzes Vermögen in dieses Unternehmen gesteckt. Aber von der neugegründeten Kolonie in San Sebastian am Golf von Uraba kommt kein Gold, sondern nur schriller Hilferuf. Die Hälfte der Mannschaft ist in den Kämpfen mit den Eingeborenen aufgerieben worden und die andere Hälfte am Verhungern. Um das investierte Geld zu retten, wagt Enciso den Rest seines Vermögens und rüstet eine Hilfsexpedition aus. Kaum vernehmen die die Nachricht, daß Enciso Soldaten braucht, so wollen alle Desperados, alle Loafers von Española die Gelegenheit nützen und sich mit ihm davonmachen. Nur fort, nur den Gläubigern entkommen und der Wachsamkeit des strengen Gouverneurs! Aber auch die Gläubiger sind auf ihrer Hut. Sie merken, daß ihre schwersten Schuldner ihnen auf Nimmerwiedersehen auspaschen wollen, und so bestürmen sie den Gouverneur, niemanden abreisen zu lassen ohne seine besondere Erlaubnis. Der Gouverneur billigt ihren Wunsch. Eine strenge Überwachung wird eingesetzt, das Schiff Encisos muß außerhalb des Hafens bleiben, Regierungsboote patrouillieren und verhindern, daß ein Unberufener sich an Bord schmuggelt. Und mit maßloser Erbitterung sehen alle die Desperados, welche den Tod weniger scheuen als ehrliche Arbeit oder den Schuldturm, wie Encisos Schiff ohne sie mit vollen Segeln ins Abenteuer steuert.
Mit vollen Segeln steuert Encisos Schiff von Española dem amerikanischen Festland zu, schon sind die Umrisse der Insel in den blauen Horizont versunken. Es ist eine stille Fahrt und nichts Sonderliches zunächst zu vermerken, nur allenfalls dies, daß ein mächtiger Bluthund von besonderer Kraft – er ist ein Sohn des berühmten Bluthundes Becericco und selbst berühmt geworden unter dem Namen Leoncico – unruhig an Deck auf und nieder läuft und überall herumschnuppert. Niemand weiß, wem das mächtige Tier gehört und wie es an Bord gekommen. Schließlich fällt noch auf, daß der Hund von einer besonders großen Proviantkiste nicht wegzubringen ist, welche am letzten Tage an Bord geschafft wurde. Aber siehe, da tut sich unvermuteterweise diese Kiste von selber auf, und aus ihr klimmt, wohlgerüstet mit Schwert und Helm und Schild, wie Santiago, der Heilige Kastiliens, ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann. Es ist Vasco Nuñez de Balboa, der auf solche Art die erste Probe seiner erstaunlichen Verwegenheit und Findigkeit gibt. In Jerez de los Caballeres aus adeliger Familie geboren, war er als einfacher Soldat mit Rodrigo de Bastidas in die neue Welt gesegelt und schließlich nach manchen Irrfahrten mitsamt dem Schiff vor Española gestrandet. Vergebens hat der Gouverneur versucht, aus Nuñez de Balboa einen braven Kolonisten zu machen; nach wenigen Monaten hat er sein zugeteiltes Landgut im Stich gelassen und ist derart bankerott, daß er sich vor seinen Gläubigern nicht zu retten weiß. Aber während die andern Schuldner mit geballten Fäusten vom Strande her auf die Regierungsboote starren, die ihnen verunmöglichen, auf das Schiff Encisos zu flüchten, umgeht Nuñez de Balboa verwegen den Kordon des Diego Kolumbus, indem er sich in eine leere Proviantkiste versteckt und von Helfershelfern an Bord tragen läßt, wo man im Tumult der Abreise der frechen List nicht gewahr wird. Erst als er das Schiff so weit von der Küste weiß, daß man um seinetwillen nicht zurücksteuern wird, meldet sich der blinde Passagier. Jetzt ist er da.
Der »bachiller« Enciso ist ein Mann des Rechts und hat, wie Rechtsgelehrte meist, wenig Sinn für Romantik. Als Alcalde, als Polizeimeister der neuen Kolonie, will er dort Zechpreller und dunkle Existenzen nicht dulden. Barsch erklärt er darum Nuñez de Balboa, er denke nicht daran, ihn mitzunehmen, sondern werde ihn an der nächsten Insel, wo sie vorbeikämen, gleichgültig, ob sie bewohnt sei oder unbewohnt, am Strande absetzen.
