Stockholm Affairs - Hanna Lindberg - E-Book
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Stockholm Affairs E-Book

Hanna Lindberg

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Beschreibung

Die Gold-Chef-Gala ist das Ereignis in Stockholms Gastronomie-Szene. Starköche, Restaurantbetreiber und Pressevertreter finden sich ein, um der berühmten Preisverleihung beizuwohnen – so auch die junge Journalistin Solveig Berg. Aber der Abend endet im Chaos: Plötzlich geht das Licht aus, ein Schuss fällt. Solveigs Chefredakteurin Vanja wird tödlich getroffen. Bei ihrer Suche nach Vanjas Mörder stößt Solveig auf dunkle Machenschaften hinter den verschlossenen Türen der Luxusrestaurants. Und je tiefer sie gräbt, desto gefährlicher wird es ...

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Seitenzahl: 468

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Buch

Die Journalistin Solveig Berg arbeitet seit einiger Zeit für die von Starköchen und Restaurantbetreibern gefürchtete Gastroreporterin Vanja Stridh. Mit ihr ist sie im Gourmettempel Stockholm Affairs, in dem einst die Alte Börse untergebracht war, zur jährlichen Preisverleihung des begehrten und hoch dotierten »Goldkoches«. Vanja soll den Abend moderieren und den Preis an einen der drei nominierten Köche überreichen. Es ist alles versammelt, was in der Gourmetbranche Rang und Namen hat. Und es wartet ein kleiner Skandal, weil der Preisträger der letzten Jahre sich völlig überraschend aus dem Restaurantbetrieb zurückgezogen und eine Bäckerei eröffnet hat. Aber nicht das ist der Clou des Abends, sondern nach der Gewinnerbekanntgabe ein plötzlicher Stromausfall, ein Schuss in der Dunkelheit und die lebensgefährlich verletzte Vanja, die Solveig noch eine mystische Nachricht zuraunen kann, ehe sie ins Koma fällt und später ihrer Schusswunde erliegt. Solveig ist erschüttert und sieht es als ihre Pflicht, den Dingen auf den Grund zu gehen. Was wusste Vanja, dass sie sterben musste? Oder war gar nicht Vanja das Ziel, sondern der Veranstalter oder einer der drei nominierten Köche aus dem Finale?

Autorin

Hanna Lindberg ist Journalistin in Stockholm. Nach Stationen bei Aftonbladet und Metro arbeitet sie nun für Bonnier Magazines, einem der führenden Medienhäuser Schwedens.

Außerdem von Hanna Lindberg erhältlich:

Stockholm Secrets. Ein Fall für Solveig Berg

Hanna Lindberg

Stockholm Affairs

Der zweite Fall für Solveig Berg

Aus dem Schwedischen von Maike Dörries

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »The Girlfriend« bei Pan Macmillan, London. Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstveröffentlichung April 2019 Copyright © der Originalausgabe 2017 by Hanna Lindberg Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Published by Agreement with Grand Agency Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München Umschlagmotiv: FinePic®, München Redaktion: Friederike Arnold AG · Herstellung: kw Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN: 978-3-641-22942-9V001 www.goldmann-verlag.de Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Erst das Essen, dann der Tod.

Vielleicht war deshalb das Grauenvolle, als es dann geschah, so seltsam vertraut. Ich war noch ein Kind, als ich erfahren musste, wie es sich anfühlte, einen anderen Menschen zu töten. Unter den extremen Umständen, die herrschten, habe ich es fast als etwas Normales empfunden. Als wäre die Arbeit in der Küche, das Hantieren mit dem Fleisch die Schule für das gewesen, was kommen würde. Und als wäre mir, lange bevor der Himmel über unseren grünen Hügeln sich verdunkelte, eine schwere Schuld aufgeladen worden.

Ich habe meinen Vater nie vermisst. Wie kann man jemanden vermissen, den man gar nicht kennt?

Er war ein Fremder, ein Geschäftsmann auf der Durchreise in unserer Stadt.

Hat er meine Mutter in dem Restaurant mit der schönen Aussicht getroffen?

Das möchte ich glauben. Ihre Arbeitstage waren lang. Sie hat sich abgerackert, gespült, geputzt und die Tische der reichen Gäste abgeräumt. Sie in ein Hotelzimmer zu locken, dürfte leicht gewesen sein. Sie hat erzählt, wie elegant er war. Er hatte Manieren. Hat ihr Versprechungen gemacht. Sie war damals noch sehr jung, achtzehn oder neunzehn. Natürlich hat sie von einem besseren Leben geträumt. Geld, Reisen, eine ordentliche Ausbildung. Er hätte sie so ziemlich mit allem verführen können. Wahrscheinlich hatte er bereits eine Familie in einem anderen Land. Aber das sind alles nur Vermutungen. Ich kann nur mit Sicherheit sagen, dass er aus meinem Leben verschwand – genauso wie später alle anderen Menschen, die mir etwas bedeutet haben, aus meinem Leben verschwanden, als die zerstörerische Kraft meines Geheimnisses offenbar wurde.

1.

Montag, 10. September Abend

Es ging das Gerücht um, dass der Sternekoch Florian Leblanc kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Enttäuscht über die jüngsten Vorkommnisse, würde er auf die Bühne stürmen, die Dekoration zusammenschlagen und die gesamte Preisverleihung sabotieren. Aber vielleicht machte er auch einfach gute Miene zu bösem Spiel, weil er genügend Tranquilizer eingeworfen hatte. Wenn er überhaupt erschien.

Niemand wusste Genaues.

Das Gedränge an der Bar nahm zu. Hunderte Arme streckten sich vor, und der Barkeeper gab sein Bestes, um alle so schnell wie möglich mit einem kostenlosen Glas moussierendem Wein zu versorgen. Topköche hielten Small Talk mit Restaurantkritikern, gastronomischen Inspiratoren, Promireportern, Bloggern und Kollegen aus der Branche. Überall klirrten Kristallgläser. Wangenküsschen links und rechts und der neueste Tratsch. Alle, die etwas galten oder gelten wollten in Stockholms Gastroszene, waren da.

Die Journalistin Solveig Berg drängelte sich zum Ende der lang gestreckten Bar vor. Dort stand eine Gruppe vollbärtiger Männer, die wie die Betreiber eines rustikalen Lokals mit Handwerkerpizza und Sauerbier aussahen, worüber sie vermutlich lebhaft diskutiert hätten, wenn sie nicht wie alle Anwesenden unter den Kronleuchtern des Gourmettempels Stockholm Grotesque in den eindrucksvollen Räumlichkeiten der ehemaligen Börse auf dem Stortorget in der Altstadt, etwas ganz anderes interessiert hätte.

In Kürze begann die jährliche Gold-Chef-Gala.

Was für einen Auftritt würde er hinlegen?

Die Frage nach Florian Leblanc’ Reaktion war ein Thema, was die Leute weit über geschlossene Facebookgruppen und Instagramkonten hinaus beschäftigte. Wenn die Gerüchte stimmten, wovon alle ausgingen, würde heute Abend eine echte Bombe platzen. Zum ersten Mal würde der vor zehn Jahren ins Leben gerufene, heiß begehrte Gourmetpreis nicht an Florian Leblanc gehen, sondern an denjenigen, den er laut verlässlicher Quellen mehr als alle anderen auf der Welt hasste: an seinen ehemaligen Partner Jon Ragnarsson.

Sie hatten zusammen die beispiellos erfolgreichen Lokale Slaqteriet, Bistro Bisous und The Urban Farm aufgebaut, Restaurants, die alle möglichen Auszeichnungen und Michelin-Sterne geholt und es nur wenige Monate nach der Eröffnung auf die Toplisten der besten Restaurants weltweit geschafft hatten. Ihre Kreationen waren sensationell, sie verwandelten Moose und Flechten in Delikatessen und ließen lebendige Zwerghühner zwischen den Füßen der Gäste herumpicken, ehe sie auf den Tellern landeten. Es hatte Geld und Ehre auf das Kochduo geregnet, das den Grundstein für die neue gastronomische Welle im Norden gelegt und Stockholm zu einer der hippesten Feinschmeckerstädte Europas gemacht hatte. Alles, was sie anpackten, schien zu Gold zu werden.

Bis zu Florians überraschendem Rückzug.

Als der Barkeeper an Solveig vorbeiging, nutzte sie die Gelegenheit und nahm sich ein Glas Wein. Um sie herum wurden Glasplatten mit Schnittchen und Fingerfood gereicht. Minipasteten mit glasierter Schweinekruste und fleischiger Königskrabbe. Überbackener Lauch, gut gelagerter Pecorino, Seeigel. Die Geschmackshighlights des Jahres mit der Signatur von Jon Ragnarsson. Ein paar Blogger drängten sich vor und schossen Fotos der Delikatessen, während sie begeisterte Kommentare abgaben.

»Unglaublich, diese Tiefe im Käse.«

Solveig warf einen hastigen Blick in einen der vergoldeten Rokokospiegel hinter dem Bartresen. Das kurze Schwarze spannte unbequem am Rücken, und ihre Sneakers mit den weißen Sohlen schienen mehrere Größen geschrumpft zu sein. Das blonde schulterlange Haar, das sie normalerweise offen trug, hatte sie heute in einem strengen Knoten hochgesteckt. Lag es an der Kleiderwahl oder dem Styling, weshalb sie sich mit einem mal so unwohl fühlte?

Sie lockerte den Haarknoten ein wenig und probierte den Seeigel.

Der Rogen des stacheligen Meerestieres, der eigentlich cremig und füllig schmecken sollte, war eher fade. Solveig spülte ihn mit einem großen Schluck Wein herunter, aber der unangenehme Geschmack blieb.

Sie musste sich ins Gedächtnis rufen, dass sie hier war, weil ihre Kollegin und Chefin Vanja Stridh sie herzitiert hatte.

Vanja, die ähnlich wie Solveig keinen Small Talk mochte und eigentlich diese Art von Veranstaltungen hasste, war an diesem Abend hier, um den großen Preis, den Gold-Chef, zu überreichen. Warum die Veranstalter ausgerechnet sie für diese Rolle ausgewählt hatten, war schon eigenartig.

Vanja Stridh war mit einer hohen Abfindung und der Begründung, dass ihre Artikel angeblich die Inserenten verschreckten, aus ihrem langjährigen Job als Gastronomiejournalistin bei einer der überregionalen Tageszeitungen rausgekickt worden. Von der Abfindung hatte sie eine eigene, unabhängige und kritische Nachrichtenseite gegründet, Dark Tables, und Solveig als einzige Angestellte rekrutiert. Vanjas vorrangiges Ziel war es, die Wahrheit ans Licht zu bringen, wie unbequem sie auch sein mochte. Essen und Restaurantbesuche betrafen jeden Menschen und verlangten ihrer Meinung nach kritischere Stimmen als ein paar Branchenspezialisten, die von einem kostenlosen Luxuslunch zum nächsten rannten, um später wohlwollend positiv über die großzügigen Gastgeber zu schreiben.

Seit mehreren Wochen war Vanja an einer Sache dran, die ihre gesamte Zeit in Anspruch nahm und so topsecret war, dass sie bislang noch nicht einmal Solveig eingeweiht hatte. Aber heute sollte Solveig endlich erfahren, worum es ging. Ursprünglich hatten sie es bei einem Kaffee in der Wohnung der Chefredakteurin in Hammarby Sjöstad besprechen wollen. Aber das Treffen hatte Vanja kurzfristig abgesagt. Eine knappe Stunde vor Beginn der Gala hatte sie sich gemeldet und gesagt, dass sie sich im Stockholm Grotesque treffen würden.

Die aufgestylten Gäste wurden vom Gastgeber des Abends, Karl Fredrick Unge, am roten Teppich in Empfang genommen. Der Schirmherr des Events war eins der wirklichen Schwergewichte in der Welt der Gastronomie. Ein eleganter, leicht ergrauter Mann Mitte sechzig mit großen Gesten und scharfem Blick. Bekannt für seinen exzentrischen Stil, respektiert für sein Geschick und gefürchtet für seine Macht. Jemand, mit dem man sich besser gut stellte, da es um große Summen ging. Das Preisgeld von einer halben Million Kronen war sicher nicht zu verachten, auch wenn es sich, verglichen mit dem Gewinn, den das Restaurant des Siegers abwarf, um Peanuts handelte.

Aufrecht und mit geradem Rücken begrüßte er alle ankommenden Gäste mit so festem Handschlag, dass einige schmerzhaft das Gesicht verzogen. Einige der Neuankömmlinge gingen weiter zur Fotowand, während andere einfach vorbeigewinkt wurden.

Das Gedränge wurde unerträglich. Hoffentlich kam Vanja nach der Preisverleihung gleich zu ihr, damit sie sich an einen ruhigeren Ort verziehen und ungestört reden konnten.

Endlich schien etwas zu passieren.

Spontaner Applaus brach los. Die bärtigen Männer neben Solveig jubelten, einer pfiff, dass ihr die Ohren klingelten. Sie holte tief Luft und schaute zum roten Teppich.

Zuerst erschien das Gefolge der Assistenten.

Danach ein Hofstaat langer, solariumbrauner Fotomodels.

Dann endlich Jon Ragnarsson selbst.

Sein Smoking spannte über dem Bauch und warf Falten auf dem Rücken. Er fuhr sich nonchalant mit der Hand durchs kurze Haar, das von Wachs und möglicherweise Schweiß glänzte. Das runde Gesicht mit dem leicht fliehenden Kinn glühte rot. Jon Ragnarsson wurde eskortiert von seiner Frau auf der einen Seite, einer blondierten Schönheit mit einer Vergangenheit als Soapstar, und einer älteren Dame auf der anderen Seite, vermutlich seine Mutter. Er zog seine übliche Show vor den Kameras ab: breites, anzügliches Grinsen, ein zugekniffenes Auge, Cowboypirouette und ausgestreckter Zeigefinger in die Kameralinsen. Blitzlichtgewitter. Seine Frau lächelte strahlend und versuchte, die Schwiegermutter mit aufs Bild zu kriegen, aber die gute Frau steuerte bereits resolut auf die Bar zu.

Die Unterhaltungen und Spekulationen wurden wieder aufgenommen.

Solveig schnappte aus allen Richtungen Gesprächsfetzen auf. Wo steckte Florian? Hatte er an der Tür kehrtgemacht und war wutentbrannt davongerannt? Es herrschte eine aufgeputschte Stimmung. Die Barkeeper hatten alle Hände voll zu tun. Alle schienen vor der Preisverleihung und dem anschließenden Bankett mindestens drei, vier Gläser in sich hineinkippen zu wollen.

Solveig entdeckte Vanja vorn vor der Bühne ins Gespräch mit Karl Fredrick Unge vertieft. Vanja sagte etwas, das ihn zum Lachen brachte, ein Lachen, in das augenblicklich die jungen Köche mit einstimmten, die in einem Halbkreis um ihn herumstanden. Jemand kam zu ihnen, tippte Karl Fredrick Unge diskret auf die Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf er und Vanja sich umdrehten und zur Fotowand schauten.

Es wurde schlagartig still. Nur das Klicken der Kameras war zu hören.

Florian Leblanc war eingetroffen.

Er stand einsam vor der Wand mit den Sponsorenlogos. Solveig betrachtete die lange, dürre Gestalt, die Anlass zu unzähligen Scherzen gegeben hatte – man sagte, alle liebten sein Essen, nur er nicht. In dem schmal geschnittenen Anzug sah er noch ausgemergelter aus. Er lächelte professionell in die Kameras, aber sein Blick, die dunklen Augen, aus denen sonst Funken sprühten, waren leer.

Als alle hatten, was sie wollten, verließ er den Teppich.

Das Menschenmeer teilte sich, man trat zur Seite, machte ihm Platz. Er ging weiter in den großen Saal hinein und blieb nur wenige Meter von Solveig entfernt stehen. Das gereichte Glas leerte er in einem Zug. Solveig überlegte, ob sie die Gelegenheit nutzen und ihm ein paar Fragen stellen sollte? Vielleicht würde ein interessanter Artikel daraus werden. Als Florian im letzten Jahr völlig unerwartet das Stockholm Grotesque verlassen hatte, um in einer abgelegenen Bäckerei in Enskede Sauerteigbrot zu backen, hatten alle das für einen schlechten Scherz gehalten und geglaubt, dass er in Wahrheit neue Speisen und Kreationen für eine neue Restaurantidee entwickelte. Köche seines Niveaus pflegten aus ihren Unternehmen auszusteigen, wenn sie ganz oben angelangt waren, um in neuer Gestalt wieder aufzuerstehen. Aber die Zeit war ins Land gegangen, und Florian Leblanc backte noch immer Brot.

Solveig wurde aus ihren Gedanken gerissen.

Aus den Lautsprechern ertönte dramatische Streichmusik.

Scheinwerfer tauchten den Saal in rotes, blaues und grünes Licht.

Es war so weit.

Karl Fredrick Unge betrat die Bühne und bedankte sich mit einem Nicken für den Applaus. Er stellte sich ans Podium und hob theatralisch die Hand, lächelte, nickte noch einmal und wartete, bis es ruhiger wurde. Dann füllte er die Lunge mit Luft und sagte mit kraftvoller Stimme:

»Meine Damen und Herren und alles dazwischen – herzlich willkommen zur jährlichen Verleihung des Gold-Chefs!«

Nach einem Blick auf seine Karteikarte hielt er eine kurze Rede zu dem Wettkampf und sagte, dass es in gleichem Maße um die Rohwaren wie auch die Person gehe und was für eine außerordentliche Freude es für ihn sei, nicht nur Juryvorsitzender der Preisverleihung zu sein, sondern auch Schirmherr der Gastronomie. Als er fertig war, hob er den Blick und schaute zu Vanja, die auf ihren Auftritt wartete.

»Die Köche haben eine Heidenangst vor ihr. Die Gastwirte haben nachts Albträume, von ihr im Netz bloßgestellt zu werden. Mir ist zu Ohren gekommen, dass die Kühe auf den Weiden beim bloßen Gedanken an sie Verstopfung in jedem ihrer vier Mägen bekommen«, sagte Karl Fredrick.

Lacher aus dem Publikum, die Stimmung entspannte sich.

»Der Preis heute Abend wird von Schwedens erfahrenster und gefürchtetster Gastronomiejournalsitin überreicht, der Gründerin der investigativen Nachrichtenseite Dark Tables. Der Frau, die keiner in seinem Restaurant sehen will. Ich begrüße auf der Bühne: Vanja Stridh!«

Der Applaus wurde lauter.

Vanja raffte ihr mitternachtsblaues Kleid zusammen und stieg die drei Stufen zum Podium hoch, wo die Preisstatue, eine goldene Kochmütze, erwartungsvoll glänzte. Sie stellte das Mikrofon auf ihre Größe ein und beugte sich vor.

»Danke, Karl Fredrick.«

Solveig registrierte, wie Vanja ihn ansah, seinen Blick einen Augenblick festhielt, ehe sie fortfuhr.

»Die Gold-Chef-Gala ist ein sehr spezielles Event, und ich freue mich natürlich sehr und bin ein wenig nervös, heute Abend hier auf der Bühne zu stehen.«

Karl Fredrick nickte zufrieden und animierte das Publikum, wieder zu klatschen.

»Danke«, sagte Vanja kurz.

Die Schwarz-Weiß-Porträts der nominierten Köche wurden an die Leinwand hinter ihr projiziert.

Sie las die Namen und überbordenden Jurybegründungen mit dem für sie typischen neutralen Ton vor, weder empathisch noch beeindruckt. Aber ein paar pflichtschuldige Pausen legte sie ein.

»Die erste Nominierung heute Abend ist: Linda Berner. Sie vereint die italienische Küche auf eine Weise mit der nordischen, die niemanden unberührt lässt. Hartnäckig geht sie weiter ihren ganz eigenen Weg, mit einer vehementen Kühnheit, der Aufmerksamkeit gebührt.«

Die Zuschauer klatschten.

»Die zweite Nominierung des Abends ist: Florian Leblanc, Wunderkind und Fixstern am Gastronomiehimmel. Er hat uns Jahr um Jahr neue Kostproben seiner einzigartigen kulinarischen Kompetenz geliefert und durfte sich über ein ganzes Jahrzehnt als Gold-Chef betiteln. Nach einem kurzen … Abstecher … erwarten wir alle nun mit Spannung seinen nächsten Schritt.«

Der Jubel schwoll an. Die Luft flirrte elektrisch.

»Last, but not least unsere dritte Nominierung: Jon Ragnarsson. Schwedens Topfleischkoch, der dieses Lokal … Stockholm Grotesque … auch allein in eine innovative, vorausschauende Richtung vorangetrieben hat. Er hat die gehobene Gastronomie einem breiteren Publikum zugänglich gemacht, ohne deshalb in Bezug auf die Vision oder Qualität irgendwelche Kompromisse einzugehen.«

Stille.

Alle, inklusive Linda Berner – die offensichtlich als Einzige nicht anwesend war –, wussten, dass sie nur alibihalber auf die Nominierungsliste gesetzt worden waren, um dem Konkurrenzkampf mehr Gewicht zu verleihen und einen Anschein von Vielfalt und Breite zu vermitteln. Dabei war es letztendlich ein Zweikampf zwischen Jon und Florian.

Ein schwarz gekleideter Bühnenarbeiter trat mit einem vergoldeten Kuvert ans Podium und überreichte es Vanja. Sie riss es auf und las es stumm. Solveig versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu deuten, aber ihre Miene verriet nichts.

»Der Gold-Chef dieses Jahres ist …«

Ein Raunen ging durchs Publikum.

Mit stolzgeschwellter Brust zog Jon Ragnarsson vor der Bühne seine Frau an sich und küsste sie siegesgewiss, bereit, auf die Bühne zu gehen. Solveig blickte zu der Stelle, wo Florian gestanden hatte, aber er war nicht mehr da. Vielleicht hatte er sich einen Weg nach vorn gebahnt, falls wider Erwarten doch sein Name verkündet würde.

Trommelwirbel.

Vanjas Mund am Mikrofon.

»Mit klassischen Zubereitungsarten in moderner Gestalt und seinem zupackenden Händchen für die Gäste und die Rohwaren, hat er sich selbst und die schwedische Gastronomie auf ein ganz neues Niveau gehoben.«

Die Kronleuchter unter der hohen Decke flackerten.

»Der Gewinner des diesjährigen Gold-Chefs ist … Jon Ragnarsson.«

Es rauschte kurz, dann wurde es dunkel. Stockdunkel. Gehörte das zur Show? Der Applaus erstarb, und nervöse Unruhe breitete sich aus. Solveig bekam einen harten Knuff in die Rippen, jemand trat ihr auf die Zehen. Irgendwo von der dunklen Bühne mahnte Karl Fredrick Unges Stimme die Anwesenden, Ruhe zu bewahren.

»Wir scheinen einen Stromausfall zu haben.«

In der gleichen Sekunde blitzte wenige Meter vor der Bühne etwas auf. Aus der Entfernung sah es aus wie das Mündungsfeuer einer Waffe, die abgefeuert wurde.

Der Knall schlug auf ihre Trommelfelle.

Jemand hatte einen Schuss auf die Bühne abgegeben.

2.

Montag, 10 September Abend

Die auf den Schuss folgende Stille dauerte höchstens eine Sekunde. Dann ertönte der Schrei. Um Solveig herum brach Panik aus. Aus allen Richtungen kamen Menschen angelaufen, drängten durch die Dunkelheit, in der Hoffnung, einen Ausgang zu finden. Es war wie eine Druckwelle, die durch den gesamten Raum ging. Abwehrend hielt Solveig die Arme vor sich, aber sie wurden weggeschoben. Sie bekam einen heftigen Stoß gegen den Rücken, wurde nach vorn gesaugt und wieder nach hinten, in dem Tumult hin und her geschubst.

Sie kriegte etwas zu fassen, den Bartresen, wie sie vermutete, und klammerte sich mit beiden Händen daran fest.

Einatmen, ausatmen.

Bloß die Ruhe bewahren.

Vielleicht war es ja nur eine dumme Panne. Ein Kurzschluss. Oder der Schuss aus einer Schreckschusspistole, der eine neue Ära in Stockholms Gastroszene markieren sollte. Vielleicht war ja niemand verletzt, nichts Ernstes passiert. Solveig klammerte sich an den Bartresen wie an die Reling eines Schiffes im Sturm.

Bestimmt war Vanja längst draußen und sorgte in dem aufgeregten Gewimmel für Ordnung. Sie gehörte zu dieser Sorte Menschen, die mitten im Chaos ruhig blieben und entschlossen handelten. Es war selbstverständlich für sie, erst anderen zu helfen, bevor sie an sich selbst dachte. Erst letzten Monat hatte sie Solveig bei einem Erste-Hilfe-Kurs angemeldet, weil sie es als die Grundverantwortung jeden Mitbürgers erachtete, einen anderen Menschen retten zu können.

Solveig zuckte zusammen, als ein lautes Geräusch die Luft durchschnitt. Wenige Meter entfernt klirrte es. Das war kein Schuss, sondern eine der großen Glasplatten mit Fingerfood, die auf den Steinplatten zersplitterte.

Solveig nahm die rechte Hand vom Tresen, schob sie in die Umhängetasche und tastete zwischen Kreditkarte, Stiften und Notizblock nach ihrem Handy. Sie nahm es heraus, schaltete die Taschenlampe ein und leuchtete in einem Bogen um sich herum. In den Blicken und bleichen, erschrockenen Gesichtern stand Panik. Laute Schreie, ängstliche Stimmen, Wortfetzen von Terroranschlag und Attentat. Weinende Menschen riefen die Notrufzentrale an und sagten, dass etwas Schreckliches passiert sei, dass sie noch leben, aber den Ausgang nicht finden würden.

Es verging eine gewisse Zeit, bis das Licht ein paarmal aufflackerte und wieder anging.

Die Welt war wieder da.

Solveig hörte Stimmen, die die panisch herumlaufenden Leute aufforderten, den Weg frei zu machen. Gleich darauf betraten Rettungssanitäter den Saal. Glassplitter knirschten unter ihren Stiefeln, als sie sich durch den Raum kämpften. Menschen waren in der Dunkelheit gestürzt oder niedergetrampelt worden, hatten sich teilweise verletzt. Solveigs Blick wanderte weiter zur Bühne, wo drei Leute auf dem Boden knieten und sich über etwas beugten. Sie ging näher ran und erkannte die Umrisse eines Körpers. Jemand schien ernsthaft zu Schaden gekommen zu sein.

Die Sanitäter erreichten die Bühne und übernahmen, hievten den Verletzen auf die mitgebrachte Trage.

»Schussverletzung im Bauchraum«, rief jemand. »Starke Blutung.«

Für einen winzigen Augenblick erhaschte Solveig einen Blick auf das Gesicht des Opfers. Sie sah das kurze schwarze Haar, die hohe Stirn und das markante, etwas spitze Kinn.

Ihr wurde eiskalt.

Es war Vanja.

3.

Dienstag, 11. September Morgen

Lennie Lee rannte die Steintreppe zum Rathaus hoch, der braunen Backsteinburg in der Fleminggatan. Er fühlte sich leicht. Drei Stufen auf einmal, er flog geradezu. Es war sein Geburtstag, er wurde neununddreißig und konnte sich blödere Arten vorstellen, das zu feiern. Schwermut und Hoffnungslosigkeit waren verflogen. Die zwölf Monate in der Strafanstalt in Asptuna kamen ihm so weit weg vor wie sein früheres Leben.

Er hatte eine zweite Chance bekommen.

Vielleicht hatte das Universum es so für ihn vorgesehen, dachte er. Vielleicht hatte ja doch alles einen Sinn. Vielleicht hatte er ein Männermagazin mit nackten Glamourmodels starten, sein Lebenswerk vor die Wand fahren und um ein Haar untergehen müssen, damit er seinen Weg fand.

Den einzigen Weg.

Straßenverkehrsamt las Lennie auf dem dunkelblauen Metallschild im siebten Stockwerk. Früher hatte er alle Behörden gemieden, soweit es nur irgend ging. Die Scherereien, Unflexibilität, die verbitterten Sachbearbeiter, die ihren Lebensfrust an einem ausließen, indem sie einen schikanierten und ihre Bürokratenknüppel zwischen zu schnell drehende Zahnräder warfen. Aber dieses Mal gab es keinen Grund zur Sorge. Er hatte von Anfang an alles ordentlich gemacht. Über das Eingliederungsprogramm im Strafvollzug hatte er Hilfe bei der Beantragung aller nötigen Genehmigungen bekommen, und es war glatter gelaufen, als er erwartet hatte. Die Gewerbeanmeldestelle hatte den Firmennamen Loco Lee ohne Mucken durchgewunken, und auch die Ausschankgenehmigung. Und das Wichtigste von allem – der Platz, an dem seine Bar auf Rädern stehen sollte: auf dem Stortorget im Herzen der Altstadt.

Lennie betrachtete sich in der Kamera seines Mobiltelefons.

Die blonden Strähnen waren weg, ebenso die Solariumbräune und der Rest seines alten Ichs: das Goldkettchen im weit aufgeknöpften Hemd, die weiße Jeans. Er hatte das Haar wachsen lassen und zu einem dunklen Knoten zusammengebunden. Die ehemals glatt rasierte Kinnpartie war von einem Bart bedeckt.

Das Leben hatte ihn gezeichnet, aber das stand ihm gut. Vielleicht nahm man ihn jetzt endlich ernst.

Am Empfang fragte er nach Buster Hansson und wurde an der Kaffeemaschine vorbei ans Ende des Korridors geschickt, wo der Sachbearbeiter saß. Die Mail war gestern am späten Nachmittag gekommen, ein kurzfristiger Termin, um ein paar letzte Details zu klären. Vermutlich ging es um die Ausschankgenehmigung. Er rechnete mit einem belehrenden Vortrag darüber, den Alkoholkonsum jedes einzelnen Gastes im Auge zu behalten und grundsätzlich keine Betrunkenen zu bedienen. Eine reine Formalie.

Die dunkle Eichentür sah aus wie alle anderen, mit der einzigen Ausnahme, dass auf einem eleganten silbernen Schild Buster Hanssons Name stand, während die anderen Kollegen nur billige Namensschilder aus Plastik hatten. Lennie klopfte. Keine Reaktion. Lennie klopfte erneut, diesmal lauter.

Über der Tür leuchtete eine grüne Lampe auf.

Das Büro sah anders aus, als er es sich vorgestellt hatte. Aus den eiförmigen Lautsprechern strömte laute Musik. An eine Wand wurde ein Wortcluster projiziert. Dare to be different. Fab foodie. Blogging bureaucrat. Hinter dem Schreibtisch saß ein Mann mit hohen Wangenknochen, kleiner Nase und markantem Kinn. Passend zu dem weißen Brillenrahmen hatte er einen weißen Strickschal um den Hals geschlungen. Die Haare waren rot gefärbt und das Gesicht gepudert. Eine Hand umklammerte einen Stressball.

»Seien Sie so gut und schließen Sie die Tür«, sagte Buster Hansson, ohne aufzuschauen.

Lennie verkniff sich einen zynischen Kommentar.

»Martin Lenholm«, sagte er.

Er würde sich nie an seinen richtigen Namen gewöhnen. Er fühlte sich aufgesetzt an wie ein Etikett, das nicht richtig kleben wollte, obgleich er echter war als das meiste andere in den letzten zehn Jahren seines Lebens.

Buster gab ihm flüchtig die Hand, die sich leicht verschwitzt anfühlte.

»Also …«, sagte Lennie und ließ sich auf dem Besucherstuhl nieder. Er schaltete sein breitestes Lächeln ein, um der Unlust zuvorzukommen, die er in sich aufsteigen spürte.

»Sie haben Informationen für mich.«

Buster klickte auf der Maus herum und tippte mit nervösen, kurzen Fingern etwas in die Tastatur. Die Festplatte brummte widerwillig. Der Sachbearbeiter blinzelte ein paarmal hinter seinen Brillengläsern, als wollte er signalisieren, dass er mit den Gedanken ganz woanders war.

»Sie wollten irgendetwas mit mir besprechen«, half ihm Lennie auf die Sprünge.

Noch vor wenigen Jahren hätte er sich einen feuchten Kehricht darum geschert, solch einem Termin Folge zu leisten. Aber jetzt musste er sich bewähren und war gezwungen, nach ihren Regeln zu spielen.

»Genau … da haben wir Sie«, sagte Buster und drehte den Bildschirm so, dass sie beide die Anträge sehen konnten, die Lennie vor einigen Monaten eingereicht hatte.

Er betrachtete seinen mobilen Essens-Verkaufsstand, wie der Foodtruck oder besser das Bar-Mobil in der unsexy Amtssprache hieß. Er hatte den ausgedienten amerikanischen FedEx-Van im Netz gefunden und umlackiert. Er hatte in Hamburg auf der Reeperbahn gestanden und als Falafelbar fungiert. Darum war er mit einer Küche in rostfreiem Stahl ausgerüstet, einem großen Grilltisch, Durchreiche mit Menütafeln auf der rechten Seite, ganz nach Vorschrift. Lennie hatte ihn türkis lackieren lassen und mit Cocktailgläsern, Limettenscheiben und verstreuten Tacochips verziert. Es rollten bereits an die hundert Foodtrucks durch Stockholms Straßen, aber obgleich es nicht allzu schwer war, eine Ausschankgenehmigung zu bekommen, schien noch niemand darauf gekommen zu sein, etwas anderes anzubieten als Flaschenbier mit seltsamen Etiketten.

Mit Alkohol war Geld zu verdienen.

»Sehr schönes Fahrzeug«, sagte Buster. »Bedauerlich nur, dass …«

Der Sachbearbeiter brach mitten im Satz ab. Er räusperte sich und umklammerte wieder den Stressball.

»Dass was?«, fragte Lennie und legte die Stirn in Falten.

Er hatte sich gründlich vorbereitet. Hatte lange Tage im Studienzimmer des Gefängnisses verbracht und alle Vorschriften gelesen. Jede Regel und jeden Paragrafen. Er hatte sich alles über Fahrzeugimporte, Lebensmittelhygiene und Alkoholausschank angeeignet, was es zu wissen gab. Das Essensangebot durfte nicht halbherzig daherkommen, und Voraussetzung für die Ausschankgenehmigung war eine voll ausgerüstete Restaurantküche. Für den Antrag musste man seine gastronomischen Ambitionen darlegen – dass es sich um ein Restaurant handelte, in dem begleitend Alkohol gereicht wurde und nicht umgekehrt. Aus diesem Grund hatte er eine Speisekarte mit allen mexikanischen Gerichten zusammengestellt, die ihm eingefallen waren.

¡Carnitas!

¡Fish tacos!

¡Pico de gallo!

»In der Ferienzeit hatten wir eine hohe Arbeitsbelastung«, sagte Buster Hansson und zog eine dicke schwarze Mappe aus dem Regal und breitete ein großes Blatt auf dem Tisch aus. Lennie erkannte darauf die Skizze des Stortorgets, die er mit seinem Antrag eingereicht hatte. Aber sie sah jetzt anders aus. Jemand hatte sich mit einem Rotstift daran zu schaffen gemacht und seinen Standplatz mit einem Kreis und einem großen Fragezeichen versehen.

»Bedauerlicherweise scheint uns bei der Bearbeitung Ihres Antrages ein Fehler unterlaufen zu sein«, sagte er.

»Entschuldigung?«, sagte Lennie.

»Die Anzahl der Genehmigungen ist begrenzt, und die für diese Saison sind alle schon vergeben.«

Vergeben? Was wollte er damit sagen?

»Tut mir leid, unser System war nicht auf dem neuesten Stand«, sagte Buster.

»Aber …«

Lennie verstand nicht ganz. Sein Antrag war doch bereits bewilligt.

»Die Stadt hat eine gewisse Überbuchung in dem betreffenden Bereich festgestellt«, sagte Buster. »So wie es aussieht, müssen Sie sich noch etwas gedulden.«

»Wie lange?«

Schweigen.

»Ein Jahr. Oder länger.«

»Ehrlich«, sagte Lennie und stand auf. »Das kann doch nicht Ihr Ernst sein …«

Der Stressball fiel Buster Hansson aus der Hand und landete stumm auf dem Boden.

»Doch«, sagte der Sachbearbeiter knapp.

4.

Dienstag, 11. September Vormittag

Vanja Stridh hatte die Augen geschlossen. Ihr Körper war an piepende und blinkende Apparate angeschlossen. In ihren Ellenbeugen steckten Infusionsschläuche, und durch die große Halsvene lief eine Bluttransfusion.

Solveig schaute an die Decke.

Man sagt, der wahre Charakter eines Menschen zeigt sich erst unter extremem Druck. Bei schweren Unglücken, Krisen und Tod. In dem allgemeinen Chaos nach dem Schuss hatte sie sich an nichts mehr aus dem Erste-Hilfe-Kurs erinnern können, zu dem Vanja sie geschickt hatte. Solveig hatte wie gelähmt dagestanden, sich an die Bar geklammert und nichts unternommen. Lebenswichtige Sekunden, wenn nicht Minuten, waren so verloren gegangen.

Der Gedanke war unerträglich.

Wenn Vanja hätte sprechen können, hätte sie Solveig vermutlich gebeten, sie mit ihren Selbstvorwürfen zu verschonen und stattdessen etwas zu tun, worauf sie Einfluss hatte. Vanja hatte eine unsentimentale Einstellung zum Leben. Egal, welche Schicksalsschläge sie oder ihr nahestehende Menschen trafen, gab es für sie nur eine Lösung: weitermachen.

Es roch antiseptisch. Vanjas Atemzüge in dem Respirator zischten. Das schwarze Haar floss wie ein Schatten über das Kissen und legte die hohe Stirn frei. Trotz der Atemmaske hatte sie einen energischen Ausdruck im Gesicht.

Weitermachen.

Die Nacht war wie in einem Nebel vergangen. Solveig hatte Vanja im Notarztwagen begleitet. Die Chefredakteurin war direkt in den OP gebracht worden, während Solveig hellwach auf einem Sofa im Besuchszimmer vor dem Schockraum gelegen hatte.

In den frühen Morgenstunden war ein Polizist gekommen und wollte wissen, was sie vor und nach dem Schuss gesehen hatte. Mehr nicht.

Eine Krankenschwester überprüfte die Infusionsständer, während eine Ärztin die Werte auf den Monitoren ablas. Sie sah konzentriert aus.

»Ist etwas nicht in Ordnung?«, fragte Solveig.

Die Ärztin sah die Krankenschwester an.

»Alles ist, wie es sein soll«, sagte sie und nahm einen Block in die Hand. »Sind Sie Ihre Tochter?«

Vanja war fünfundvierzig, aber wenn man berücksichtigte, dass Solveig im Systembolaget häufig ihren Ausweis zeigen musste, war die Frage berechtigt.

»Also …«

Solveig zögerte.

Die Chefredakteurin hatte weder Mann noch Kinder und sagte immer, dass sie froh wäre, sich um niemanden Sorgen machen zu müssen, wenn sie mal wieder Drohungen und Hassmeldungen wegen ihrer Beiträge bekam. Solveig wurde schmerzlich bewusst, wie wenig sie über das Privatleben ihrer Kollegin wusste. So selbstverständlich, wie Vanja in den zwei Jahren ihrer Zusammenarbeit ihr berufliches Wissen an Solveig weitergegeben hatte, so sehr hatte sie darauf geachtet, ihr Privatleben unter Verschluss zu halten. Wahrscheinlich hatte Vanja Freunde, die ihr näherstanden als sie, und wahrscheinlich auch einen Liebhaber, der hin und wieder mit ihr das Bett teilte. Aber mit Sicherheit sagen konnte sie das nicht. In diesem Moment war niemand außer ihr im Krankenzimmer.

»Ist das Ihre Mutter, die hier liegt?«

Wenn sie sagte, dass sie Kolleginnen waren, würden die Ärzte ihr vermutlich keine Informationen geben wegen des Patientengeheimnisses. Im schlimmsten Fall würden sie sie wegschicken. Das durfte nicht passieren. Sie wollte unbedingt bei Vanja bleiben.

»Entschuldigen Sie, ich bin so durcheinander …«, sagte Solveig und sah die Kollegin an. »Ja, das ist meine Mutter.«

Die blau gekleidete Ärztin setzte sich auf einen Hocker und stelle sich als Traumachirurgin vor.

»Wird sie es schaffen?«, fragte Solveig.

»Es ist zu früh, das zu beantworten. Die Operation ist gut verlaufen, aber sie hat starke innere Blutungen gehabt. Die nächsten Stunden sind kritisch.«

Der Schuss in den Bauchraum hätte ihre Leber und Milz verletzt, der Darm sei glücklicherweise nicht beschädigt, erklärte die Ärztin nach einem Blick in die Krankenakte. Die Milz war bei der Operation entfernt worden, aber die Leber war inoperabel und mehrere Stunden komprimiert worden. Gegen Morgen hatte sich der Kreislauf stabilisiert.

»Vanja hat viel Blut verloren und war lange bewusstlos. Im Moment können wir nur abwarten.«

Solveig merkte, wie ihr das Blut aus dem Kopf sackte.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte die Ärztin. »Brauchen Sie etwas?«

Solveigs Kleid lag zusammengeknüllt in einer Plastiktüte in ihrer Tasche. Sie hatte sich saubere Patientenkleider geliehen, ein weißes Hemd und einen Rock, und sich die Spuren des Vorabends abgeduscht.

Solveig atmete tief ein.

»Haben Sie ein Ladegerät?«, fragte sie und hielt ihr Handy hoch.

Die Krankenschwester nickte und verließ den Raum. Die Ärztin widmete sich wieder den Monitoren. Plötzlich gab Vanja ein leises Röcheln von sich. Sie hustete und zuckte mit den Augenlidern. Solveig trat ans Bett.

Sie hustete erneut.

»Vanja«, sagte Solveig. »Vanja! Hörst du mich?«

Vanja schlug die Augen auf und starrte sie an. Ihre Lippen verzogen sich unter der Atemmaske, als wollte sie etwas sagen.

»Et…« Vanja schnappte nach Luft, ihr Brustkorb hob sich. »Eter…« Ihre Stimme klang hohl unter der Maske.

Krampfhaft hielt sie Solveig am Handgelenk fest. Ihre Hand fühlte sich unnatürlich kalt an. Vanja holte rasselnd Luft, füllte die Lunge und sagte:

»Eternit … such Eternit.«

5.

Dienstag, 11. September Vormittag

Solveig biss in das mit Käse belegte Mohnhörnchen aus der Krankenhauscafeteria, das nicht mehr ganz frisch war, aber wenigstens den faden Geschmack von Jon Ragnarssons Seeigelhäppchen übertönte, das Letzte, was sie vor dem Schuss gegessen hatte. Solveig blies auf ihren Kaffee, trank einen Schluck und wartete, dass die Wirkung des Koffeins einsetzte.

Sie musste sich unbedingt konzentrieren.

Vanja sei kurz wach geworden, weil sie nur eine geringe Dosis Schlafmittel bekommen habe, hatte die Ärztin ihr mitgeteilt. Vanja werde vermutlich keine bleibenden Hirnschäden davongetragen. Aber die Worte, die sie gesagt hatte, waren laut der Ärztin wohl eher als wirr einzustufen.

Solveig war vom Gegenteil überzeugt.

Sie fühlte noch immer den festen Griff ums Handgelenk. Vanja hatte in dem unmissverständlichen Ton zu ihr gesprochen, den Solveig nur zu gut kannte und den ihre Chefin nur dann anschlug, wenn ihr etwas sehr wichtig war und sie auf der Stelle alles stehen und liegen lassen sollte.

Such Eternit.

Solveig war sich ihrer Sache ganz sicher. Das war eine Aufforderung gewesen. Aber was steckte dahinter?

Sie schaltete das Handy ein und sah sich das Foto von Jussi an, ihrem grauscheckigen Kater, den sie als Hintergrundbild behalten hatte, obwohl sie seit über einem Jahr mit Jens Evers zusammen war.

Das Telefon summte und piepste. Elf verpasste Anrufe und neunzehn WhatsApp-Nachrichten von Jens.

Antworte, bitte. Schreib irgendwas, damit ich weiß, dass alles okay ist!???, lautete die letzte Nachricht, die er um 05:13 Uhr geschickt hatte.

Solveig formulierte eine Reihe verschiedener Entschuldigungen, die sie alle wieder löschte. Es gab keine. Am Ende schrieb sie, es tue ihr wirklich leid, dass sie sich nicht gemeldet hätte und dass sie okay wäre und noch eine Weile bei Vanja im Krankenhaus bleiben wolle. Sie drückte auf Senden und schickte dann noch ein pochendes rotes Herz hinterher. Und ein lachendes Katzengesicht. Gibst du dem Kater Futter?

Jens antwortete nicht.

Solveig schaute aus dem Fenster. Ein Bus fuhr durch die Regenpfützen, die sich in den Schlaglöchern gebildet hatten. Schmutzwasser spritzte auf den Bürgersteig und auf alle, die ungünstigerweise danebenstanden. Sie erblickte ihr Spiegelbild in der Scheibe. Das Make-up hatte Gesellschaft von dunklen Ringen bekommen, die ihr mädchenhaftes Aussehen betonten. Solveig war achtundzwanzig, ging aber locker als Jugendliche durch, die zur Ausnüchterung nach einer entgleisten Party hier gelandet war.

Sie trank mehr Kaffee und gab Eternit in das Suchfeld ein. Der erste Treffer war Wikipedia mit einem Artikel zu gesundheitsschädlichem Asbestzement. Die übrigen Treffer waren aus diversen Foren, in denen diskutiert wurde, inwiefern das Material sich überhaupt für die Verwendung in Gebäuden eignete. Die einen argumentierten, dass Eternit nicht wartungsintensiv und billig war, die anderen plädierten für den Abriss aller Eternithäuser wegen des erhöhten Krebsrisikos.

Bezog sich Vanjas Aussage auf ein bestimmtes Gebäude oder Haus? Solveig und Vanja hatten nie über Immobilien oder Baumaterial gesprochen. Das kam ihr dann doch zu weit hergeholt vor.

Hatte Vanja vielleicht etwas auf ihrer Seite veröffentlicht, bevor auf sie geschossen wurde, was Solveig noch nicht gelesen hatte? Sie gab Darktables. se ein. Ein kleiner blauer Pfeil schnurrte im Kreis, ohne dass sich etwas tat. Solveig kontrollierte, ob sie Empfang hatte, aber die Seite ließ sich auch nach mehreren Anläufen nicht öffnen.

War der Server überlastet? Bestimmt loggten sich gerade viele Leute bei Dark Tables ein, die von dem Mordanschlag an Vanja Stridh gelesen hatten. Aber deswegen brach normalerweise nicht das ganze System zusammen. Dafür hatte Vanja gesorgt. Vor einem Jahr hatte Solveig einen hochbrisanten Tipp bekommen. Der Informant hatte mit verzerrter Stimme behauptet, das bekannte Koch-Duo Florian Leblanc und Jon Ragnarsson ginge von nun an getrennte Wege und dass ihre Gelddruckmaschine, das Luxusrestaurant Stockholm Grotesque von Jon Ragnarsson allein weitergeführt würde. Laut dem Informant war der Grund für die Trennung ein jahrealter, jetzt offenbar wieder aufgebrochener Konflikt. Die beiden Köche hatten zuerst einmal alles abgestritten. Aber nur wenige Minuten später hatte sie eine von beiden signierte Mail bekommen, in der sie bestätigten, von nun an getrennte Wege gehen zu wollen, aber nicht weil ein alter Streit zwischen ihnen neu entfacht sei. Es war eine gemeinsame, völlig undramatisch gefällte Entscheidung. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe, und die Leserzahlen von Darktables. se schlugen alle Rekorde bis zum Totalabsturz der Seite. Danach hatte Vanja nach einer cloudbasierten Lösung für die Website gesucht, die in der Lage war, einen derartigen Ansturm in der Größenordnung von Watergate abzuwehren.

Solveig starrte auf das leere Browserfenster.

Draußen warteten die Leute ungeduldig, endlich in den Bus steigen zu können, aber der Fahrer machte die Türen nicht auf, obwohl es in Strömen goss. Eine Frau klopfte verärgert an die Scheibe. Solveig sah den Fahrer eine entschuldigende Geste machen. Er konnte nichts machen, die Türen klemmten offensichtlich.

Solveig versuchte es mit einem Update der Seite, ohne Resultat.

Stattdessen loggte sie sich bei Wordpress ein. Das Publikationswerkzeug war eine Art Hintertür auf die Seite, und dieses Mal funktionierte es. Vielleicht fand sie dort ja irgendetwas, einen Entwurf oder unveröffentlichten Artikel, etwas, das ihr zu verstehen half, was Vanja zu sagen versucht hatte.

Enttäuscht stellte sie fest, dass alles aussah wie immer.

Solveig öffnete ein paar Artikel. Sie waren grün markiert, was bedeutete, dass sie veröffentlicht waren. Die Daten stimmten, die Inhalte sahen unverändert aus. Sie überflog die Überschriftenliste, die ebenfalls vollständig zu sein schien. Es war nichts hinzugefügt, geändert oder gelöscht worden.

Sie schaute bei den Entwürfen nach, aber da gab es kein angefangenes Projekt. Sie überprüfte den Papierkorb. Er war leer. Klickte auf den admin-Button, über den man gelöschte Dateien wiederherstellen konnte. Wartete ein paar Sekunden. Nichts.

Vor dem Fenster war ein Brummen zu hören, als der leere Bus sich in Bewegung setzte und die Fahrgäste im Regen stehen ließ.

Solveig wollte sich gerade ausloggen, als ihr eine letzte Sache einfiel, die sie noch nicht überprüft hatte. Die Browserchronik. Sie las die obere Zeile. Und dann gleich noch einmal, um ganz sicher zu sein.

Sie stellte den Kaffeebecher ab.

Um 19:58 Uhr gestern Abend war Darktables. se geschlossen worden. Vom Anwender Vstridh, der Chefredakteurin persönlich.

Zwei Minuten vor acht.

Neun Minuten später hatte man Vanja auf der Bühne niedergeschossen.

6.

Dienstag, 11. September Vormittag

Der Verkehr schlich im Schneckentempo über die Fleminggatan. Der Wagen vor ihm spuckte eine dunkle, übel riechende Wolke aus, die durch die Lüftungsanlage ins Fahrerhaus strömte und die Luft verpestete. In einem Jahr würde Lennie vierzig werden. Er sollte auf dem Höhepunkt seiner Karriere sein. Stattdessen stürzte er in einen Abgrund.

Bearbeitungsfehler. Alle Genehmigungen vergeben.

Lennie zog die Schultern hoch, merkte, dass sein Nacken und sein Rücken verspannt waren.

Als hätte er sich in den zwei Jahren Exil im mexikanischen Badeort Tulum, wohin er nach dem Kollaps seines Lebenswerkes geflüchtet war, um einer Reihe Ermittlungen zu entgehen, nicht genug Scheiße anhören müssen von hennatätowierten Mädels in den Zwanzigern, die ihre Universitätsausbildung wegwarfen, um als Praktikantinnen auf irgendwelchen biologischen, fairtrade ausgezeichneten Ananasplantagen zu arbeiten und von nichts anderem redeten. Oder irgendwelche Bankfuzzies, die keine Lust mehr auf Statusjagd und Oberflächlichkeit hatten und in Haremshosen, singend und auf dem Tamburin spielend, mit ihrer neuen Lebensanschauung seine Trommelfelle malträtiert hatten.

Und nun dieser triumphale Ausbund an Dummheit.

Buster Hansson.

Lennies geballte Faust knallte auf das alte Armaturenbrett. Die Klappe vom Handschuhfach sprang auf, und der Beutel mit Zahnpasta, Zahnbürste und Deo flog in den Fußraum. Und ein paar Dekoblumen für die Markise, für die er jetzt keine Verwendung mehr hatte. Er wandte den Blick ab und schaute in das Schaufenster eines Sicherheitsladens mit tausend verschiedenen Sperrvorrichtungen und Gittern und Schlössern. Bis eben noch hatte er ein Ziel vor Augen gehabt, war wieder auf dem Weg nach oben gewesen, jetzt war wieder Totalstopp. Er fühlte sich so blockiert wie die Puppe hinter der Gittertür in dem Schaufenster.

Er versuchte, an etwas anderes zu denken.

Immer nach vorn gucken, Kopf hoch. Es funktionierte nicht. Der Verkehr stand auch still.

Lennie sah sich das Spiegelbild seines Foodtrucks im Schaufenster an. Der glänzende Lack, die für amerikanische Trucks typisch eckige Silhouette. Dass der Wagen so gut aussah, machte es nicht besser. Im Gegenteil. Er erinnerte sich, dass er für den Wagen seine letzten Geldreserven investiert hatte, das wenige, das sein treuer und skrupelloser dänischer Finanzberater vor der Pfändung gerettet hatte.

Der Truck war sein momentaner Wohnsitz und – wie er bis eben noch geglaubt hatte – sein Lebensunterhalt und Sprungbrett.

Die Gedanken fuhren Karussell in seinem Kopf.

Was sollte er jetzt machen? Was zum Teufel konnte er jetzt tun?

Ein paar Flaschen aufmachen und alles vergessen? Alkohol hatte er genug. Wodka, Tequila und Cointreau für Tausende von Kronen. Es wäre ihm früher nie in den Sinn gekommen, sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken. Das war nie sein Ding gewesen. Wenn er trank, dann wie ein Profi. Drei, vier Drinks am Abend. Damals, in den glanzvollen Jahren, war das Leben an sich berauschend genug gewesen. Heute nicht mehr. In der Woche, nachdem er aus Asptuna entlassen worden war, hatte er einsam und ungeduldig im Truck gesessen, und nur die Aussicht auf seine neue Tätigkeit hatte ihn aufrecht gehalten.

Dunkle Wolken zogen sich an dem klarblauen Morgenhimmel zusammen.

Lennie kurbelte das Seitenfenster runter und steckte den Kopf nach draußen. In der langen Autoschlange vor ihm rührte sich nichts, und jetzt fing es auch noch an zu regnen. Wie lange stand er jetzt schon hier? Fünf Minuten? Fünfzehn? Die Ampel sprang noch mehrmals um, ehe sich endlich etwas tat. Er drückte die Kupplung durch und legte die Hand auf den langen Schalthebel. Das Fahrzeug war schwerfällig und stotterte, er brauchte richtig Muskelkraft, um es zu lenken, ganz anders als die neuen Fahrzeuge. Zum Beispiel der schwarze Jeep Cherokee mit dem Logo vom Glam Magazine auf der Motorhaube, mit dem er durch die Gegend geglitten war. Er rollte ein paar Meter vor und blieb mitten auf einem Zebrastreifen stehen.

Die vorwurfsvollen Blicke der Fußgänger lösten ein Kribbeln unter der Haut aus. Bald juckte sein ganzer Körper.

Nachdem sich der Stau aufgelöst hatte, würde er direkt zum Campingplatz auf Långholmen fahren und sich einen doppelten Whisky einschenken. Er könnte ja mit den Nachbarn anstoßen, frischgebackene Rentner aus Rotterdam, und ein paar inhaltslose Worte mit ihnen wechseln. Trinken, um die Wärme im Körper zu spüren. Trinken, um zu vergessen. Später würde er sich in die Küche im hinteren Teil des Trucks zurückziehen, ein Glas nach dem anderen leeren und irgendwann abgeschossen auf seine Luftmatratze kippen.

Ein riesiger mobiler Kran blockierte eine Fahrbahn wegen irgendwelcher Dacharbeiten. Das konnte Ewigkeiten dauern.

Lennie hatte es noch nie leiden können zu warten.

Er schaute an der langen Schlange entlang auf die leere Gegenfahrbahn. Sah in den Seitenspiegel und legte beide Hände aufs Lenkrad. Nach einem weiteren Blick nach hinten scherte er aus, um das Hindernis zu umfahren.

Das Letzte, was er hörte, war das Geräusch quietschender Reifen und ein gewaltiger Knall.

7.

Dienstag, 11. September Vormittag

Der scharfe Blick und das herzförmige Gesicht. Das intensive Blau der Augen. Er wusste sofort, dass er sie schon mal irgendwo gesehen hatte. Aber wo? Er dachte an seine Jahre beim Glam Magazine, die wilden Partynächte in Stockholms Nachtclubs, seine Liebhaberinnen, die One-Night-Stands, die Model-Tourneen durchs Land, seine Kindheit und Jugend in der kleinen småländischen Provinzstadt Trånas. Die Zeit in Mexiko.

Sie passte nirgendwo rein.

Die Frau auf dem Bürgersteig, die etwa in seinem Alter war oder jünger, kochte vor Wut.

»Sie verfluchter Idiot.«

Er hatte den von rechts kommenden, roten Tesla komplett übersehen. Der Zusammenstoß war heftig gewesen. Für ein paar Sekunden war ihm schwarz vor Augen geworden. Dann war ihm ein verbrannter, stechender Geruch in die Nase gestiegen. Als sein Gehör wieder einsetzte, hörte er sich selber alle nur denkbaren Flüche ausstoßen. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit hatte er sich so weit gesammelt, dass er sich traute, in den Rückspiegel zu schauen. Er blutete aus einer Platzwunde an der Stirn, drei rote Streifen zogen sich über seine Wange. Ansonsten hatte er einen echten Schutzengel gehabt. Die rechte Tür war brutal eingedrückt. Hätte er auf dem Beifahrersitz gesessen, wäre er jetzt tot. Er schaute durch die Plexiglasscheibe in den hinteren Teil des Wagens. Es sah aus wie nach einem Bombeneinschlag. Alles, was in den Regalen gestanden hatte, lag über den Grilltisch und den Boden verteilt. Grillzubehör, Messer, Cocktailmixer. Und die Flaschen. Der Alkohol, nach dem er eben noch so gegiert hatte, ergoss sich über die Glassplitter auf dem Boden.

Lennie öffnete die Fahrertür und trat benommen auf die Straße. Wie durch ein Wunder schien auch die Fahrerin des anderen Wagens mit leichten Blessuren davongekommen zu sein. Ein paar rote Stellen im Gesicht von der Kollision mit dem Airbag, mehr nicht. Den Tesla hatte es eindeutig schlimmer erwischt. Die Windschutzscheibe des luxuriösen Elektroautos, das schätzungsweise eine Million Kronen kostete, und die gesamte Frontpartie waren eingedrückt.

Er war schlagartig wieder im Hier und Jetzt.

»Sind Sie betrunken?« Die Frau sah ihn streng an.

Er schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er.

Der Alkoholdunst hing wie eine dichte Wolke über dem Platz. Er bezweifelte, dass auch nur eine einzige Flasche überlebt hatte.

»Das kommt aus dem Wagen«, sagte er und zeigte zum Foodtruck.

Die Frau nahm ihr Handy aus der Tasche, um die Polizei anzurufen.

»Ich schwöre es«, sagte er.

Um sie herum versammelte sich eine Menschentraube. Gleich würde die Polizei kommen. Dass er stocknüchtern war, würde kaum etwas ändern. Sie würde den Vorfall schildern, und die anwesenden Zeugen würden bestätigen, dass er über die doppelt durchgezogene Mittellinie ausgeschert war, ohne zu gucken. Das gäbe garantiert eine Anzeige wegen grober Fahrlässigkeit im Straßenverkehr. Dummerweise hatte er auf Risiko gesetzt und geplant, die Haftplichtversicherung erst abzuschließen, wenn der Laden lief. Das war nicht nur fahrlässig, sondern obendrein eine Idiotie epischen Ausmaßes. Möglicherweise die größte seines Lebens. Die Rechnung der Teslawerkstatt würde direkt an ihn gehen.

Die Frau beendete das Gespräch.

»Zwei Abschleppwagen sind unterwegs«, sagte sie. »Wenn ich dann schon mal um Ihre Personalien bitten dürfte.«

Sein Herz schlug schneller. Eine innere Stimme sagte: Hau ab. Lass alles stehen und liegen, lauf, renn um dein Leben. Er hatte meistens auf diese Stimme gehört. Vor drei Jahren hatte er fünf Millionen Kronen geboten bekommen, um für einen der berüchtigsten Gangster Schwedens den vierzigsten Geburtstag zu organisieren, und bekloppt wie er war, hatte er das Angebot angenommen. Sein Magazin war gerade in Konkurs gegangen, und das Geld wäre seine Rettung und das Ticket in ein neues Leben gewesen. Aber das Fest war total entgleist, die Männer hatten seine Models wie Nutten behandelt, und das Ganze hatte in einem tödlichen Finale geendet. Spät in der Nacht, als er begriffen hatte, dass das Spiel vorbei war, war er mit der Jacht des Gangsters aufs offene Meer entkommen. Dummerweise war die rechte Hand des Schurken ebenfalls an Bord gewesen, und Lennie hatte drastische Maßnahmen ergreifen müssen, um seine Haut zu retten.

»Würden Sie mir bitte Ihre Kontaktdaten geben?«, sagte die Frau.

Lennie sah sich um, nach rechts und nach links. Vielleicht hatte er eine Chance. Die Fleminggatan runter, in eine der Seitenstraßen und … Ja, wohin dann? Er war völlig ratlos.

»Ich …«, stammelte er.

Die Frau machte einen Schritt auf ihn zu und stellte sich so dicht vor ihn, dass er ihr Parfüm roch. Ein schwerer Duft, der ihm Angst machte.

»Was?«, sagte sie.

Um Zeit zu gewinnen, durchsuchte er zum Schein seine Taschen nach der Brieftasche. Er sah sie an, ließ ihr Gesicht auf sich wirken und versuchte, einen Zusammenhang herzustellen. Sie presste die Kiefer so hart aufeinander, dass die Haut über dem Kinn ganz faltig wurde. Mit finsterem Blick durchbohrte sie ihn. Die Frau zeigte nicht das geringste Zeichen eines Wiedererkennens, aber er hatte sie irgendwo schon mal gesehen.

Die herbeiströmenden Leute bildeten einen Ring um sie. Er war gefangen, der Ausweg versperrt.

Lennie atmete tief ein. Und noch einmal.

»Folgendes«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Ich habe vor Kurzem eine Gefängnisstrafe abgesessen. Ich wollte ein neues Leben anfangen. Aber ich habe noch keine Haftpflichtversicherung für den Truck abgeschlossen und kein Geld, um den Schaden zu bezahlen.«

Die Frau richtete sich auf. Für einen kurzen Augenblick sah sie verwirrt aus. Dann kam die Wut zurück, heftiger als vorher. Die Hand schoss so schnell vor, dass er nicht ausweichen konnte.

Es blitzte vor seinen Augen, als die flache Hand seine Wange traf.

»Wer schickt Sie?«, fragte sie.

Lennie fasste sich an die Wange und merkte, dass er ruhig wurde.

»Antworten Sie! Wer?«

Er schaute tief in ihre geröteten Augen und begann mit ihr zu reden wie mit seiner Exfreundin Marika Glans, wenn sie eine ihrer Eifersuchtsattacken hatte.

»Hören Sie zu«, sagte er mit sonorer Stimme. »Ich bin Lennie Lee. Der Mädchenfotograf, wie es vor ein paar Jahren in den Zeitungen zu lesen war. Ich habe eine Menge Mist gebaut in meinem Leben, worauf ich nicht stolz bin, und ich bin ein echter Volltrottel, dass ich noch keine Versicherung abgeschlossen habe.«

Die Frau fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Sie sah ihr Autowrack an, dann ihn.

»Volltrottel? Es gibt eine Bezeichnung für solche wie Sie, aber die lautet ganz sicher nicht Volltrottel.«

Er sagte nichts, ließ sie weiterreden.

»Und wie lösen wir nun unser Problem? Sagen Sie es mir.«

Er registrierte das Wir und zog das Schweigen in die Länge.

»Wie verdammt noch mal lösen wir das hier?«

Lennie streckte sich.

»Ich rufe jetzt die Polizei«, sagte sie.

Die Frau hielt das Handy hoch, und Lennie spürte ein Flattern im Brustkorb.

»Warten Sie«, sagte er.

In dem Moment bemerkte er den weißen Kragen unter ihrem Mantel und sah plötzlich seine Chance.

»Ich habe einen Vorschlag.«

8.

Mittwoch, 12. September Morgen

»Es ist wichtig. Ich muss mit dem Ermittlungsleiter sprechen«, sagte Solveig.

Der uniformierte Mann am Empfang der Polizeiwache Norrmalm musterte sie mit einem Blick, der schon alles gesehen hatte. Die Glasscheibe zwischen ihnen war wie eine dicke, undurchdringliche Mauer.

»Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, sind sämtliche Ermittler beschäftigt. Ich habe Ihre Angaben notiert, und wir melden uns bei Ihnen, wenn es noch Fragen gibt«, sagte er.

Solveig konnte sich nur schwer beherrschen. Womit waren die Ermittler beschäftigt? Mit Mittagessen? Sie musste sich anstrengen, nicht laut zu werden.

»Jemand hat versucht, meine Kollegin umzubringen, und ich war dabei, als es passiert ist.«

Vanja arbeitete seit mehreren Wochen an einer großen Story. Worum genau es ging, konnte Solveig nicht sagen, aber es bestand kein Zweifel daran, dass Vanja einer offenbar äußerst explosiven Sache auf der Spur war. Etwas, das um keinen Preis durchsickern durfte. Geheime Informationen, für die jemand zu töten bereit war, um sie zu schützen. Neun Minuten vor dem Schuss hatte Vanja sich eingeloggt und ihre Seite gelöscht. Eine außergewöhnliche Maßnahme. Sosehr Solveig auch darüber nachdachte, sie fand keine andere Erklärung. Vanja hatte sich bedroht gefühlt, um ihr Leben gefürchtet.

Eine Hand legte sich auf Solveigs Schulter.

Es war Jens, ihr Freund.

»Komm, Schatz, lass uns nach Hause fahren«, sagte er.

Solveig schüttelte seine Hand ab und zog ihren schwarzen Mantel aus. Sie dachte überhaupt nicht daran, irgendwohin zu fahren, bevor sie nicht mit dem verantwortlichen Ermittler gesprochen hatte. Auch wenn sie nicht genau wusste, womit Vanja sich so intensiv beschäftigt hatte, gab es Dinge, die die Polizei wissen sollte. Dass sie zum Beispiel nichts von Interesse auf Vanjas Laptop finden würden. Die Chefredakteurin war, was die Sicherheit betraf, oberpenibel und verschlüsselte jede noch so unwichtige Notiz, falls sie doch einmal ihren Computer verlieren sollte. Damit schützte sie nicht nur ihr Quellen, sondern auch sich vor demjenigen, der ihr an den Kragen wollte.

»Erst wenn ich meine Informationen losgeworden bin.«

Solveig nahm ihr Handy, um zu schauen, was die großen Nachrichtenseiten berichteten. Zwei Tage waren seit dem Schuss vergangen, und die Nachricht war bereits weit an den unteren Rand der Startseiten gerutscht.

Unbekannter Täter nach Schießerei noch nicht gefasst

Polizei: Motiv des Restaurantschützen noch unklar und kaum Hinweise

Das 45-jährige Opfer schwebt noch immer in Lebensgefahr

Vanjas Name war noch nicht veröffentlicht worden. Und die Polizei schien, den Zeitungen nach zu urteilen, wenig in der Hand zu haben. Trotzdem interessierte sich niemand für das, was Solveig zu sagen hatte.

»Hier können Sie nicht stehen bleiben«, sagte der Polizist und zeigte zu einer runden Holzbank vor dem Eingang.

Bevor Solveig protestieren konnte, zog Jens sie mit sich Richtung Ausgang. In einer Ecke entdeckte sie einen Snackautomaten. Während sie die Fächer mit eingeschweißtem Gebäck, Bonbontüten und ein paar blassgelben Alibiäpfeln studierte, sank Jens resigniert auf die Bank.

Der Kartenleser war kaputt.

Solveig wühlte in ihrer Tasche und fand einen Zwanzigkronenschein. Sie schob ihn in den Schlitz und wollte gerade auf den Button mit dem extra starken Kaffee drücken, als sie die Schokokugeln sah, die sie Jens in ihrer Anfangszeit, als er neu im Job war und lange arbeiten musste, immer mitgebracht hatte.

Ihr Körper schrie nach einer Koffeininjektion, aber jetzt galt es, Jens milde zu stimmen. Mit den Händen hinterm Rücken ging sie zu der Bank.

»Welche Hand«, fragte sie.

Jens sah sie mit einer Miene an, die klarstellte, dass er keine Lust auf Spielchen hatte.

Als sie ihm die Schokokugel hinhielt, schüttelte er den Kopf.

»Du als Food-Journalistin solltest aber wissen, was da drin ist«, sagte er lachend. »Wer kauft heutzutage noch so was?«

Solveig legte die Schokoladenkugel auf die Bank und setzte sich neben Jens. Er benutzte seit Kurzem ein neues Parfüm. Es duftete würzig, ein bisschen harzig. Sie betrachtete ihn einen Augenblick. Die sanften Augen, den Dreitagebart, das immer leicht verwuschelte Haar, das jetzt in einem perfekten Seitenscheitel gekämmt war. Die Kleider, dunkelblaues Sakko über etwas hellerem Denimhemd, waren sorgfältig ausgewählt. Jens sah gut aus. Aber er war auch ein Fremder. Jemand, der an ihrer Seite, aber zugleich in seiner ganz eigenen Welt lebte, die von trendigen Art Directors und smarten Werbemenschen bevölkert war. In der die Wohnungen mit ausgesuchten Retrofundstücken möbliert waren, die Kleider immer perfekt lässig über den Schultern und an der Taille saßen. Selbst die Freizeitinteressen waren trendy. Seine Freunde backten Sauerteigbrot. Er braute sein eigenes Bier. Solveig hatte sich in dieser Welt nie richtig heimisch gefühlt.

»Du bist total überdreht«, sagte Jens. »Du musst schlafen.«

»Nicht jetzt«, sagte sie.

»Ich mach mir Sorgen um dich«, sagte er.

»Hast du Jussi gefüttert?«

Schweigen.

Solveig hoffte, dass Ali und Sebastian, das Paar aus dem Erdgeschoss auf der anderen Seite des Innenhofes, zu Hause waren. Nachdem sie die Katzenklappe angebracht hatte, hatte Jussi sich bei den Nachbarn eingeschmeichelt.

»Das hätte noch viel schlimmer ausgehen können«, sagte Jens nach einer Weile. »Es hätten noch viel mehr Menschen …«

Solveig schüttelte den Kopf. Das war kein wahnsinniger Amokläufer gewesen.

»Vanja war kurz davor, etwas Großes zu enthüllen«, sagte sie. »Der Täter wusste ganz genau, was er oder sie tat.«

»Schatz, ich …«

Sie schob brüsk Jens’ Hand weg. Stand auf, ging zurück zum Empfang und hielt dem Mann hinter der Glasscheibe demonstrativ das Handy vors Gesicht.

»Sehen Sie sich das an. Sie haben keine Spur. Ich habe wichtige Informationen. Ich bestehe darauf, dass Sie den zuständigen Ermittler wenigstens anrufen.«

»Natürlich.«

Ohne eine Miene zu verziehen, nahm der Polizist den Hörer ab und wählte eine Nummer. Dann schloss er die Luke vor Solveigs Nase, damit sie nicht hören konnte, was er sagte.

Sie schaute zu der Sicherheitstür, die in das Gebäude führte. Irgendwo da oben hatte ihre ehemals beste Freundin Fatima Niemi ihr Büro. Sie hatte im Frühjahr ihre Prüfung bestanden und war jetzt ausgebildete Polizistin. Das wenige, was Solveig über Fatimas jetziges Leben wusste, hatte sie von Twitter. Und das war nicht viel. Fatima twitterte unpersönlich über Kriminalstatistiken und staatliche Ermittlungen oder retweetete Beiträge ihres Chefs.

Die Luke ging wieder auf.

»Ich habe Ihre Nachricht ausgerichtet«, sagte der Polizist.

»Aber ich habe doch gar nicht …«, setzte Solveig an.

»Wir melden uns bei Ihnen, wenn wir Fragen haben.«