Straffers Nacht - Wolfgang Wissler - E-Book

Straffers Nacht E-Book

Wolfgang Wissler

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Beschreibung

In der Nacht sind die Schatten der Vergangenheit unsichtbar Unter Hitler war Erich Straffer ein skrupelloser SS-General. 20 Jahre später streift er als ­Nachtwächter durch finstere Fabrik­hallen. ­Wirtschaftswunder und Wieder­aufstieg sind ihm suspekt. ­Viele alte Nazis machen in der jungen Bundes­republik Karriere, ­haben wichtige ­Posten. Straffer nicht, er wartet auf seine Bestrafung. Dass sie nicht kommt, ­irritiert und zerrüttet ihn zugleich. Nach all den einsamen Nächten wird ein junger Mann aus Tel Aviv sein neuer Kollege. Ein Jude, der in Deutschland den Mörder seines Onkels sucht. Straffer erkennt: Das kann kein Zufall sein. Ist nun die Zeit der Abrechnung ­gekommen?

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Wolfgang Wissler, 1960 in Basel geboren und im badischen Lörrach aufgewachsen, arbeitet als Politikredakteur bei einer Tageszeitung. Außerdem schreibt er Bücher. 2021 erschien „Kolumbus, der entsorgte Entdecker“. Wolfgang Wissler lebt in Konstanz.

Wolfgang Wissler

Straffers Nacht

Mit einem Nachwort von Wolfgang Wissler

PENDRAGON

Inhalt

Nacht

Der Verlorene

Der Schattenmann

Ferien bei Alois und Irmtraut

Der neue Kollege

Sahnetorten für Bestien

Auf ein Bier mit Axel

In der Grube

Renners Reich

Paula

Winnetou und die SS

Straffers Entscheidung

Nur manchmal bellen mir Hunde nach

Anmerkungen zum Roman „Straffers Nacht“

Nacht

Sicher wie eine Katze findet Straffer den Weg durch die Dunkelheit. Kurz nach drei Uhr, alles still. Straffer denkt, dass es so bleiben könnte.

Trotz zügigen Schritts braucht der Nachtwächter bei manchen Hallen fünf oder sechs Minuten von einem Tor zum nächsten. Wie groß diese Hallen tatsächlich sind, kann er in der Nacht nicht sehen, bloß erahnen. Sie müssen gigantisch sein. Kathedralen. Kathedralen der deutschen Leistungsfähigkeit. Kathedralen der wirtschaftlichen Macht. Die Dimensionen verlieren sich in der Dunkelheit. In manchen Hallen brennen gewaltige Feuer in hohen Kesseln. Die Schmelzöfen dürfen auch während der Nachtstunden nicht ausgehen, doch der Feuerschein genügt keinesfalls, die Tiefen und Höhen der Kathedralen auszuleuchten. Von wegen besiegt, denkt Erich Straffer. Der deutsche Arbeiter ist nicht zu besiegen. Die deutsche Metzgersfrau auch nicht. Ein zähes Volk. Ein paar Jahre haben sie den Kopf eingezogen, ein bisschen was von großer Schuld und verdienter Sühne gebrabbelt, aber schon brennen die Schmelzöfen wieder, die Fließbänder rasen, die Metzgerei floriert, die Wirtschaftskraft wächst. Gesühnt war offenbar schnell. Im Akkord. Straffer weiß nicht so recht, ob er das bewundern oder verurteilen soll. Verurteilen allerdings, das muss er zugeben, ist in seiner Lage heikel. Im Grunde sind sie Wendehälse, widerliche Opportunisten, die sich ein bisschen schütteln, ihre alte Gesinnung abwerfen, die neuen Herren umschwänzeln und dann in ihren neuen Tag starten. Hauptsache Brot und Wurst und dann Braten und Auto und Haus und zwei Wochen Ferien in Italien. Eigentlich verabscheuungswürdig. Aber auch faszinierend. Ein millionenköpfiger Überlebensmechanismus.

Er tritt aus der Halle und atmet ruhig und genießerisch drei Züge der kalten, feuchten Nachtluft. Diese Stille. Noch zwei Stunden wird er ungestört sein. Dann rücken die Männer der Frühschicht ein, in den Hallen 4 und 5 läuft die Produktion an. Er wird sich wie an jedem frühen Morgen bemühen, einen Bogen um die Arbeitertrupps zu machen.

Es ist nicht, weil er befürchtet, erkannt zu werden. Diese Gefahr ist so klein, dass es sie praktisch nicht gibt. Früher, sagen wir: im alten Deutschland, war er nicht prominent, und jetzt interessiert sich sowieso keine Sau mehr für ihn. Über Gestalten wie ihn möchte Deutschland den Mantel der Geschichte legen. Nein, es ist nicht Furcht. Es ist Scham. Wegen dieser Uniform. Eine Fantasieuniform, eine dunkelblaue Jacke mit wichtig aussehenden Schulterstücken und eine Schirmmütze mit einer goldenen Kordel und dem Firmenemblem darauf: „Mit Sicherheit Hauser“. Dass er so einen Fummel tragen muss, ist eine Zumutung. Mehr noch: eine Demütigung. Er hat schließlich andere Uniformen getragen. Richtige Uniformen. Wichtige Uniformen. Jetzt dieses Clownskostüm. Er schämt sich. Wenn er die Uniform nicht tragen wolle, sei das schade, aber in Ordnung, hatte Benno Hauser, sein Chef, gesagt. Dann trage sie eben ein anderer. Er halte ihn für einen zuverlässigen Wachmann – immerhin! –, aber selbstverständlich müsse er sich zwingend an die Regeln des Unternehmens und dessen Kleidungsvorschriften halten. Als Wachmann habe er Autorität auszustrahlen, und dabei helfe nun einmal die Uniform. Das sei in aller Welt so und in Deutschland ganz besonders. Straffer hatte genickt. Da war grundsätzlich was dran.

Also trägt er Hausers Uniform und ist heilfroh, dass ihn kaum ein Mensch zu Gesicht bekommt. Es könnte, tröstet er sich, noch viel schlimmer sein. Im Sommer hatte er sich mit Magda einen Sonntagsausflug auf einem Rheindampfer gegönnt. Strahlende Sonne, glitzernde Wellen, wachsender Wohlstand, Zuversicht, Heiterkeit. An Deck des Ausflugsschiffes hatten Gestalten in lächerlichen türkisfarbenen Operettenuniformen Kaffee und Kuchen serviert. Eine dieser unterwürfigen Gestalten war Möggeburg. Er erkannte ihn sofort. Möggeburg, damals immerhin Hauptsturmführer, artig und gebeugt in einem türkisfarbenen Servieruniförmchen mit riesigen goldenen Schulterstücken. Der arme Möggeburg schaute ihn nur ganz kurz und scheu an, wahrscheinlich schämte er sich entsetzlich, als er sülzen musste: Zwei Kännchen Kaffee und zweimal Himbeertorte, bitteschön die Herrschaften und wohl bekomm’s. Am liebsten hätte Straffer gesagt: Keine Sorge, mein guter Möggeburg. Ich weiß, was du durchmachst. Auch ich muss so peinliche Kostüme anziehen. Das sind eben die neuen Zeiten.

Einst hatte Möggeburg, Hauptsturmführer Möggeburg, in Polen und Russland Erschießungskommandos befehligt. Souverän, nervenstark und durchweg zuverlässig hatte er das erledigt. Ein guter Soldat. Und jetzt das: Servieruniförmchen, Unterwürfigkeit, Kännchen Kaffee, küss’ die Hand, Trinkgeld, devoter Abgang. Fürchterlich.

Nachtwächter Erich Straffer marschiert über eine weite asphaltierte Fläche auf ein kleines Licht zu. Irgendwo in der Nacht bellt verzagt ein Hund. Das kleine Licht ist das Fenster an der Rückseite der Pforte Ost. Hoffentlich hat Müller den Nachtdienst. Dann könnte er drinnen einen heißen Kaffee trinken und eine Weile ausruhen. Das täte gut vor der letzten Runde. Die Zeit zwischen Drei und Fünf ist für Nachtwächter mühsam. Müller sagt nicht viel, ein, zwei mürrische Knurrer, dann wäre der Kaffeebecher schon leer und Straffer gestärkt. Müller täte jetzt gut. Der alte Kaschke dagegen wäre anstrengend. Der will immer reden. Nein, eigentlich will er erzählen. Von Russland. Wie er bei minus dreißig Grad im Feld lag und links und rechts neben ihm die Kameraden erfroren. Wie schauerlich die Russen brüllten, wenn sie zum Nahkampf in die Gräben sprangen, und wie er, ja er, der Pförtner Kaschke, einem von ihnen derart den Bauch aufschlitzte, dass der über sein eigenes herausquellendes Gedärm stolperte. Wie kalt die Sterne über dem unendlich weiten, trostlosen Land standen. Wie entsetzlich verloren er sich damals fühlte. Solche Geschichten eben. In der Nacht haben sie noch ihren Platz. Bei Tage nicht mehr. Die Deutschen haben sie ganz schnell nicht mehr hören wollen. Sie machen beklommen, fördern traurige Gedanken und halten zudem auf. Passiert ist passiert. Ist sowieso nichts mehr zu ändern. Jetzt geht es nach vorn. Nur nach vorn. Die Vergangenheit heißt Vergangenheit, weil sie vergangen ist. Erzähl’s jemand anderem.

Auch Nachtwächter Erich Straffer mag solche Geschichten nicht hören. Er möchte in der engen, warmen Pförtnerloge eine Tasse Kaffee trinken in der entspannenden Gesellschaft eines mürrischen, aber weitgehend stummen Pförtners. Solche Leute weiß er inzwischen sehr zu schätzen. Er will sich hinsetzen, aufwärmen und etwas ausruhen. Umso enttäuschter ist er, als er sieht, dass der Schädel, der aus dem Fenster ragt, der längliche, faltige Schädel des Pförtners Kaschke ist.

„Hey Erich, willst du ’nen Kaffee?“, ruft Kaschke.

„Nein, danke. Ich hab’ noch eine Runde.“

„Ist doch erst kurz nach Drei. Du hast Zeit.“

„Heute nicht. Muss noch in E 12 vorbei. Remsberg fehlt.“

„Oha. Na dann.“

Straffer hebt kurz die Hand zum Gruß, dann dreht er ab und marschiert auf die nächste Halle zu. Ein paar Schritte, dann hat ihn die Nacht erneut verschluckt.

Immer wieder gibt es die Gerüchte, dass Hitler aus Berlin entkommen sei. Dass er irgendwo in Südamerika ein angenehmes, umsorgtes Seniorenleben führe. Straffer schüttelt den Kopf. Wäre ja noch schöner, denkt er, wenn der Alte jetzt friedlich in seinem Bett läge, von stets bemühten Geistern liebevoll umsorgt und warm zugedeckt, während ich hundemüde durch die Dunkelheit stapfen muss. Wo bliebe da die Gerechtigkeit? Die zwei Stunden von Drei bis Fünf sind immer trostlos und endlos, aber jeden Quatsch muss man auch nicht denken, ermahnt sich Straffer. Außerdem sollte gerade er mit Appellen an die Gerechtigkeit schön vorsichtig sein. Sie sind in Deutschland sehr in Mode. Werft uns doch nicht dauernd diese Vergangenheit vor. Das ist ungerecht. Wir haben doch gesühnt. Wir haben so bitter bezahlt. Wer so spricht, der weiß entweder nicht, was tatsächlich geschehen ist, oder er hat keine Ahnung, was Sühne ist. Wenn es Sühne gäbe und Strafe und Vergeltung, dann wären alle Deutschen tot. Die Sieger hätten den Deutschen angetan, was die allen anderen angetan haben. Sie hätten sie erschlagen, erschossen, zerbombt, sie in Sümpfe gejagt und ins Giftgas, sie gehängt, vergiftet, in der Luft zerrissen. Sie hätten sich über jedes Maß angestrengt und alle Ressourcen ausgeschöpft, damit nicht einer davonkommt. Kein Mann, keine Frau, kein Kind, kein Greis. Sie hätten jede Ruine durchkämmt. Sie hätten die Gefangenen – schlotternde Männer, wimmernde Frauen, heulende Kinder, flehende Greise – in Züge ohne Wasser und Brot gepfercht, in Viehwaggons, und die Hälfte von ihnen wäre schon auf dem Weg in eine der Todesfabriken elend krepiert, frierend und sich in den eigenen Ausscheidungen wälzend. Die Todeszüge hätten überall Vorfahrt gehabt. Nichts ist so wichtig wie Vergeltung. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Legionen von Foltermeistern und Henkern wären rekrutiert, ausgebildet, scharf gestellt und dann im Blutrausch auf die Deutschen gehetzt worden. Es ist durchaus machbar, dreißigtausend Menschen an einem Tag zu erschießen. Die Schützen halten’s aus, mit viel Schnaps und Psychopharmaka, diesen Beweis haben die Deutschen vor der Welt schon mal erbracht.

Die Sieger haben es nicht getan. Sie haben ein paar Deutsche gehängt, ein paar eingesperrt und alle anderen vom Haken gelassen. Denen geht es inzwischen ziemlich gut. Sie haben sich wieder nach oben gewühlt und wollen jetzt respektiert werden. Sie behaupten, sie hätten ein Recht darauf.

Wer gesehen hat, was ich gesehen habe, denkt Straffer. Wer getan hat, was ich getan habe. Wer kann damit weiterleben?

In Halle C 07 – der Himmel weiß, warum ausgerechnet hier – wurde für die Nachtwächter ein Häuschen gebaut. Eine Unterkunft. Eher ein Verschlag. Eine schäbige Hütte inmitten einer riesigen Fertigungshalle, ringsum von Finsternis umgeben. Darin stehen ein länglicher Tisch mit siffiger, fettiger, vielfach eingerissener Plastikauflage, drei abgehockte Stühle, ein kleiner Ofen und ein grobes Holzregal für Stechuhren, Taschenlampen, Thermoskannen. Nicht ein Bild, keine Zierde, gar nichts. Eine einzige Lampe gibt es, eine alte blecherne Schreibtischlampe, deren gelblicher Schein tapfer die von überall her drückende Dunkelheit abwehrt. Ein kleines Licht inmitten allumfassender Finsternis. Auf dieses Licht schleppt sich Erich Straffer zu. Er muss sich eine Weile hinsetzen. Er muss die müden Beine lockern. Kaschke hat natürlich recht, er hat noch mehr als genug Zeit für die letzte Runde durch die Hallen. Er tritt in die Hütte, greift die Thermoskanne vom Regal und gießt sich etwas von dem Milchkaffee, den ihm Magda wie jeden Abend in den Dienst mitgegeben hat, in seine Blechtasse. Dann lässt er sich auf einen der Holzstühle plumpsen. Er trinkt den gerade noch lauwarmen Kaffee und schaut dabei ins Licht der wackeren kleinen Lampe. Wenn sie erlischt, ist alles vorbei, denkt er, was er schon in so vielen Nächten gedacht hat. Die Finsternis ist dann nicht mehr abzuwehren. Sie wird mich überwältigen. Verschlingen. Aufsaugen. Ratzfatz aufsaugen, ohne einen Rülpser. Was für ein Blödsinn, denkt er dann. Überspanntes Gedöns. Wenn sie ausgeht, werde ich eine neue Glühbirne besorgen, mehr ist nicht. Ist sowieso ein Wunder, dass die so lange durchhält. Deutsche Wertarbeit. Übererfüllt treu ihr Soll, selbst wenn sie die einsamste Glühbirne der Welt ist und sich vollkommen umsonst abmüht. Blödsinnige Gedanken eines Nachtwächters kurz vor Morgengrauen. Peinlich. So hockt und sinnt Straffer alleine in einem schäbigen Verschlag aus dünnen Holzlatten inmitten einer riesigen, finsteren Fabrikhalle.

Am frühen Morgen, wenn er nach Hause kommt, sitzt die Familie, Magda und die beiden Buben, noch in der Küche beim Frühstück. Sie schmieren Margarine und dünn Marmelade auf das dunkle Brot. Sie sehen unglücklich aus. Straffer fragt sich, ob sie immer unglücklich sind oder bloß, wenn er dabei ist. Vielleicht ist um ihn so viel Zorn, Unzufriedenheit und Düsternis, dass sie nicht wagen, in seiner Gegenwart auch mal heiter zu sein. Vielleicht spaßen und lachen sie, sobald er die Tür hinter sich zugezogen hat. Nein, sehr unwahrscheinlich. Sie sind eine unglückliche Familie. Ein Blick auf Magda genügt. Sie muss einmal schön gewesen sein. Es muss so gewesen sein. Straffer kann sich nicht erinnern, und zu sehen ist nichts mehr. Das Haar spröde und zerzaust, die Haut leicht gelblich und wie aufgequollen, immer trägt sie diesen scheußlichen Haushaltsschurz und diese wirklich widerlichen grauen Nylonstrümpfe. Sie schaut freudlos, hoffnungslos, die Augen sind traurig und stumpf. Es muss ganz offensichtlich eine Bürde sein, mit ihm verheiratet zu sein.

Karl und Max machen sich schnell fort in die Schule, auch Magda sagt, dass sie jetzt losmüsse, einkaufen. Flüchtig lächelt sie ihn an. Es ist, als würde man einer Larve die Mundwinkel mit Kraft nach oben zerren.

Erich Straffer schlurft von der winzigen Küche ins winzige Wohnzimmer und weiter ins winzige Schlafzimmer. Magda hat dem Nachtwächter das Bett gerichtet für ein paar Stunden Tagschlaf. Er legt sich hin, deckt sich zu und starrt die Decke an. Wie jeden Morgen fürchtet er, sich nach dem Einschlafen in der Grube wiederzufinden, wo er um jeden Atemzug ringen muss und jeden Augenblick Millionen Tonnen an Gestein auf ihn zu stürzen und ihn zu zermalmen drohen. Wo er schwitzt, japst und vor Angst vollkommen irrsinnig ist. Straffer stöhnt leise. Er weiß, die Grube wird er nie wieder los. Dann schläft der Nachtwanderer doch ein, er schläft friedlich und bleibt heute von seinem Albtraum verschont.

Am Nachmittag besucht Straffer das Union-Kino. Es ist eines der kleinen Kinos der Stadt, für diesen Film allerdings immer noch zu groß. In der Nachmittagsvorstellung verlieren sich neben Erich Straffer gerade mal drei Besucher in den mit billigem rotem Stoff bespannten Sitzreihen. Diesen Film mit Romy Schneider will kaum jemand sehen. Zu intellektuell. Zu künstlerisch. Düster. Zerquälend. Deprimierend. Zudem noch in Schwarz-weiß, wo es sonst überall selbstverständlich diese tollen Farbfilme gibt. So was wollen die Deutschen ganz bestimmt nicht. Sie wollen Sissi. Sie fordern Sissi. Doch Romy Schneider, der Undank in bezaubernder Person, möchte nicht mehr Sissi sein. Sie will große Künstlerin sein. Sie lebt jetzt in Frankreich, natürlich, mit einem zugegebenermaßen gut aussehenden Windhund, raucht Gauloises, säuft Rotwein und sie schaut uns dabei an, als wolle sie all den tumben Deutschen sagen: Seht her, das gibt es auch, das ist das bessere Leben, die andere Welt, Geist und Esprit, und außerdem bumsen die Franzosen besser. So schaut sie jetzt immer drein, die Sissi, was die Deutschen rasend macht. Sie fühlen sich bis ins Mark provoziert. Dass wir dir nicht genug sind, ist unverschämt, Sissi, du hast hier doch alles, was du dir nur wünschen kannst. Du kannst unsere strahlende Königin sein im blütenweißen Rüschenkleid, mit den herrlichen Locken und dem offenen, liebenden Blick, den bezaubernden Äuglein. So wollen wir dich. Wie du deinen Franzl, den netten Kaiser, tröstest, weil das doch so mühsam ist mit der Macht. Du bekommst viel Geld, Applaus, Ruhm, unsere ganze Liebe und Verehrung. Wenn Deutschland ein Gesetz erlassen könnte, dass Romy Schneider Sissi, seine Sissi, zu sein hat und sonst nichts, würde dieses Gesetz erlassen, denkt Straffer. Goebbels hätte sie einfach nicht ausreisen lassen und gefordert: Sissi oder Lager, dann hätte sie schon weitergemacht, logisch, das zieht immer. Aber solche Gesetze und Möglichkeiten gibt es nicht mehr. Romy Schneider dreht jetzt mit Orson Welles zerquälende Seelendramen. In Schwarz-weiß. Egal, Erich Straffer will Romy sehen.

Der Film heißt „Der Prozess“. Die Geschichte stammt von einem Juden namens Franz Kafka. Zu Anfang sieht Straffer einen jungen, nicht unsympathischen Mann, in dessen Zimmer am frühen Morgen und ohne Vorwarnung die Staatsmacht eindringt und ihn verhaftet, ohne dass er weiß, was er verbrochen haben soll. Alle tun so, als müsste er es wissen. Aber er weiß von nichts. Das ist das, was wir getan haben, denkt Straffer. Was wir auch getan haben. Wir sind ohne Vorwarnung und ohne einen Anlass in die Wohnungen der Leute eingedrungen und haben sie fortgeschafft. Wer nach einem Grund fragt, der zeigt schon, dass alle möglichen Verdächtigungen gegen ihn berechtigt sind. Straffer hat im Lexikon nachgesehen. Dieser Kafka hat die Geschichte 1915 geschrieben. 1924 ist er gestorben. Woher hat er gewusst, was kommen wird? Haben Juden die Gabe der Prophezeiung? Jedenfalls geht es sehr rätselhaft weiter. Der junge Mann weiß nicht, was sein Verbrechen sein soll, und vor allem weiß er nicht, wer über ihn richten wird und was überhaupt die Kriterien sind, nach denen gerichtet wird. Alles bleibt höchst undurchsichtig. Er hastet durch riesige Büros, über verlotterte Flure und Treppen auf der vergeblichen Suche nach Erklärungen. Ein verrückter Film.

Erich Straffer stellt sich vor, dass dieser Franz Kafka vor ihm gestanden hätte, seinerzeit, in einem der Lager. Ein sehr schmächtiges Kerlchen, zitternd vor Hunger, Kälte und Angst. Da steht einer knöcheltief im Schneematsch, blaugefroren und verschrammt, und sagt, er sei der Volljurist und Schriftsteller Dr. Franz Kafka. Erich Straffer holt ihn herein in seine gut geheizte Amtsstube. Er lässt Bohnenkaffee und Rührei und eine Decke bringen, und dann unterhalten sich Erich Straffer und Franz Kafka eine nette Weile über unerkannte Schuld und unergründliche Richter. Das alles natürlich unter dem Porträt des Führers. Nachdem Dr. Franz Kafka drei Tassen heißen Kaffees und zwei Portionen Rührei gierig eingesogen hat, eröffnet ihm SS-Gruppenführer Erich Straffer mit dem ehrlichen Ausdruck des Bedauerns, dass er leider sterben müsse. Er sei zwar ein Schriftsteller, dessen Genialität und Bedeutung er, Straffer, nicht ermessen, nicht einmal erahnen könne, trotzdem müsse Herr Kafka sterben, da führe kein Weg daran vorbei. Denn er sei Jude, und das alleine zähle. Man könne das bedauern, sicher, aber ändern könne man es gewiss nicht. Juden hätten zu sterben. Sämtliche Juden. Auch sehr talentierte Juden. Gerade sehr talentierte Juden. Vielleicht würde er Herrn Kafka hinters Haus führen und erschießen lassen, um ihm die Schmach und Pein der Gaskammer zu ersparen, mehr aber könnte er nicht für ihn tun. Straffer hat nachgelesen, dass Franz Kafka drei Schwestern hatte. Alle drei haben wir erwischt.

Romy Schneider spielt in dem Film Leni, Haushälterin und Muse eines undurchsichtigen Advokaten, den wiederum Orson Welles selbst spielt. Nein, Sissi ist sie wirklich nicht mehr. In einer Szene balzt sie mit dem Helden auf einem Berg von Akten. Sie reibt ihren schönen Kopf an seinem Oberschenkel. Gleich wird sie seinen Schwanz in den Mund nehmen, auch wenn das Herr Welles doch nicht zu zeigen wagt. Was ist aus unserer Romy geworden, fragen die bunten Blätter in Deutschland dauernd. Als im Union-Kino das Licht angeht, denkt Erich Straffer: Sie hasst uns. Mit aller Macht will sie los von uns. Aber sie wird es nicht schaffen. Auch Frankreich und Orson Welles können sie nicht retten. Sie bleibt unsere Romy.

Der Verlorene

Das Zugfahren ist Straffer eine Tortur. Da hockt er am helllichten Tag in seinem Polster, zur Regungslosigkeit verdammt und ohne Fluchtkorridor. Ein ekliges Gefühl. In seinen Nächten fühlt er sich anonym und sicher. Niemand kann ihm etwas anhaben. Hier kann ihn jeder anschauen, lange anschauen, grübelnd anschauen, vielleicht erschreckt anschauen, und er kann nichts dagegen tun. Er kann nur hocken wie auf heißen Kohlen und hoffen, dass niemand ihn anspricht. Sie kommen mir bekannt vor. Wissen Sie, wem Sie ähnlich sehen? Sie sind doch nicht etwa …? Solche Gespräche gilt es unbedingt zu vermeiden. Minuten werden zu Stunden. Er fühlt sich wie ein Hase auf offenem Feld.

Seit Mannheim zum Beispiel sitzt ein Kerl in seinem Abteil, der ihn dauernd anstarrt. Gut, nicht dauernd. Aber er sieht oft zu ihm hin. Sehr oft. Immer öfter. Immer unverhohlener. Als arbeite etwas in ihm. Als versuche er, eine Erinnerung mit dem Anblick dieses Mitreisenden, eines stämmigen Herrn Mitte Fünfzig, in Verbindung zu bringen. Unruhig rutscht Erich Straffer auf seinem Polster hin und her, räuspert sich, obwohl er sicher nichts sagen will, presst die Knöchel der rechten Hand in die linke Handfläche. Ist dieser pietätlose Anstarrer etwa einer seiner früheren Soldaten? Wird er ihn gleich ansprechen und mit peinlichen Anekdoten konfrontieren, hier, vor all den Leuten? Oder, schlimmer, viel schlimmer, ist das ein Überlebender aus den Lagern? Was wird der ihm zu sagen haben? Gibt es gleich ein Geschrei, einen hysterischen Ausbruch, einen Weinkrampf oder Tobsuchtsanfall, bis der Schaffner kommt und über Funk die Polizei verständigt? Dann Ausstieg am nächsten Bahnhof, in Fahrtrichtung rechts, sehr unangenehme Gespräche, Szenen in aller Öffentlichkeit.

So eingezwängt und angestarrt, spürt Straffer einen Hauch der Panik, die ihn seinerzeit in der Grube in den Irrsinn zu treiben drohte. Ekelhaft ölige Schweißtropfen schieben sich das Rückgrat hinab und nässen sein Unterhemd. Die Luft im Abteil ist stickig und verbraucht. Gleich werde ich zu japsen beginnen, denkt Straffer. Ich werde hilflos japsen, wie damals in der Grube. Das darf nicht sein. Er schließt die Augen, er atmet ruhig und regelmäßig. Entspanne dich, befiehlt er sich. Es kann überhaupt nichts passieren. Hier drinnen ist mehr als genug Sauerstoff. Ersticken unmöglich. Notfalls kannst du schlicht aufstehen und das Fenster öffnen. Entspanne dich. Jeder Soldat hat wohl ein Trauma. Die Grube ist dein Trauma.

Zum Glück steigt der Kerl, dieser Anstarrer, in Freiburg aus, ohne irgendetwas gesagt zu haben. Falscher Alarm, denkt Straffer. Er setzt sich aufrecht in Position, wischt sich Schweißtropfen von der Stirn. Man muss schon sehr aufpassen, nicht zum Neurotiker zu werden. Es ist doch so: Keine Sau erinnert sich an ihn. Auch bei Tageslicht nicht. Der Zug rollt wieder an. Anderthalb Stunden noch.

Straffer hasst diese Zugfahrerei. Aber es muss sein. Heinz-Eberhard Renner hat ihn auf einen sehr alten Cognac zu sich in sein romantisches Wochenenddomizil eingeladen und ihn kameradschaftlich um diese Gefälligkeit gebeten, und Renner möchte er nichts abschlagen. Man müsse dringend mal den Dr. Laible besuchen, sagte Renner und sah besorgt dem Cognac im bauchigen Glas beim Schwappen zu. Da höre man höchst Beunruhigendes. Der gute Doktor nähere sich offenbar einer massiven Nervenkrise. Da seien die alten Freunde gefordert, die Kameraden, um zu raten und zu helfen. Seiner ruhigen, besonnenen Art und natürlichen Autorität wegen habe Straffer doch immer ein gutes Verhältnis und gewiss auch einigen Einfluss auf den guten Laible gehabt. Gewiss wäre er der richtige Mann für ein vertrauensvolles Gespräch. Nun denn.

In Schönau angekommen, ist es ein Leichtes, Dr. Laibles Praxis zu finden. Jeder in der kleinen Stadt scheint den guten Doktor zu kennen, die Gesichter gehen auf und strahlen, wenn der Name genannt wird, und die Angesprochenen wollen unbedingt ungefragt erzählen, dass wenn nicht sie selbst, dann doch gewiss ein Verwandter oder guter Freund von Dr. Laible vor dem sicheren Tode bewahrt worden sei. Was für ein Segen, dass dieser unendlich fähige, unendlich fleißige, unendlich gütige, unendlich hilfsbereite, selbstlose Arzt ausgerechnet hier praktiziere. Was für ein ungeheures Glück für Schönau und die ganze Umgebung. Erich Straffer wundert sich, dass nicht bereits im Bahnhof Heiligenbildchen mit Laibles Antlitz, im weißen Kittel mit Stethoskop, verkauft werden.

Es ist leicht, Dr. Laible zu finden. Ihn zu sprechen, allerdings, ist schwierig. Die überarbeitete Praxishilfe erklärt Straffer kurz und bündig, das Wartezimmer sei wie immer brechend voll, es sei mit einer Wartezeit von drei bis vier Stunden zu rechnen. Nein, versucht Erich Straffer klarzustellen, er sei kein Patient, er kenne den Doktor von früher und wolle ihn privat sprechen. Der Unterschied zwischen privat und Dienst existiere für den Doktor in keiner Weise, erwidert die Sprechstundenhilfe sehr genervt, und die einzige Möglichkeit, ihn zu sprechen, sei eben, wie der Name schon sage, die Sprechstunde. Zum Wartezimmer den Flur entlang, es sei nicht zu verfehlen.

Tatsächlich ist das Wartezimmer eher eine Wartehalle, vollgestopft mit Kranken jeden Alters und jedes Bazillus’. Die Luft ist warm, feucht und widerlich, zwei Millionen Keime pro Atemzug, denkt Straffer. Er zwängt sich auf eine ungepolsterte weiße Holzbank zwischen zwei Fiebernde, ständig Hustende und Rotzende, und verflucht Renner und diesen seltsamen Heiligen von Schönau. Vier volle Stunden sitzt er und versucht, so selten wie möglich Luft zu holen. Kinder quengeln und weinen. Die Zeitschriften sind Monate alt, abgegriffen und aufgequollen von Rotz und Keimen.

Wenn man mir vor, sagen wir, fünfundzwanzig Jahren prophezeit hätte, dass ich einmal unter solch widrigen, ja widerlichen Umständen Stunden auf ein Gespräch werde warten müssen, hätte ich laut losgelacht, denkt Straffer. In Situationen wie dieser ist ihm der Abstieg schier unerträglich. Wir hätten den Krieg nicht verlieren dürfen.

Nach vier Stunden schafft ihn die mürrische Sprechstundenhilfe endlich ins Behandlungszimmer. Dr. Laible sitzt an einem schmalen Schreibtisch, kritzelt etwas in eine Akte, sagt nichts und sieht nicht einmal auf, als sich sein neuer Patient setzt.

„Guten Tag, Hartmut“, sagt Straffer.

Der Arzt fährt hoch, wie von der Tarantel gestochen. Er hat die Stimme seines einstigen Herrn vernommen.

„Erich, du?“

„Ja, ich bin’s, Hartmut. Keine Sorge. Mir fehlt nichts. Ich wollte dich nur mal wieder sehen.“

Dr. Hartmut Laible, ehemals Arzt in Diensten der SS an verschiedenen Einsatzorten im Generalgouvernement, klopft höchst nervös auf die Papiere zu seiner Linken und Rechten. Er sieht kurz und fahrig zu Straffer hin und schaut dann in seinem Sprechzimmer umher. Verloren. Schutzlos. Verwirrt. Es ist diese Nervosität, die Erich Straffer oft erlebt, wenn er spontan Bekannte von früher trifft. Plötzlich ist sie wieder da, die alte Zeit, und sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Das Zusammentreffen überfordert sie heillos. Stets ist auch Angst dabei, ganz klar, als besitze Straffer noch immer die Allmacht über Freiheit oder Folter, Leben und Tod. Das tut ihm zugegebenermaßen auch immer wieder gut, ist er inzwischen doch nur noch ein unbedeutender Bundesbürger und Nachtwächter.

„Aber dann hättest du doch …“

„Hab ich ja versucht.“ Erich Straffer lacht sein sympathisches, offenes, kameradschaftliches Lachen. „Aber dein Zerberus ist unerbittlich. Wer den Doktor sprechen will, der muss warten.“

„Der werde ich …“, fährt Laible auf. Empörung als Entschuldigung.

„Lass mal“, unterbricht ihn der Besucher zum zweiten Mal. „Sie tut ja auch nur ihre Pflicht. Und überhaupt ist ein bisschen Zeit zum Nachdenken gelegentlich wichtig. Waren ja bloß vier Stunden.“

„Erich, das tut mir jetzt aufrichtig leid.“ Nervös und irgendwie hilflos sieht ihn der Arzt aus wässrigen blauen Augen an. Überhaupt, das Aussehen. Wären die Stimme und die markanten blauen Augen nicht, würde Straffer den alten Kameraden nicht wiedererkennen. Er ist bleich wie der Tod, das Gesicht zerfurcht, der Körper dürr und eingefallen. Statt des einst stattlichen Haarschopfs, stehen nur noch ein paar ärmliche Strähnen wie verwirrt und verloren vom Schädel ab. Der Arzt, der alle heilt, schaut aus wie sein elendester Patient.

„Schon gut. Jetzt haben wir uns ja gefunden.“ Straffer gibt seiner Stimme einen warmen Ton. „Und das freut mich sehr.“

„Ja, mich auch.“ Hartmut Laible klopft trotzdem weiter nervös auf die Papiere neben sich. „Und was …“

„Ich dachte, ich könnte dich vielleicht zu einem kleinen Spaziergang überreden. Ein bisschen frische Luft wird auch einem Arzt mal guttun.“

„Aber ich …“, Laible stockt und sieht sich wieder wie hilfesuchend um, „… halte jetzt Sprechstunde.“

„Eine halbe Stunde nur, Hartmut. Ich könnte ja auch ein medizinisch schwerer Fall sein, der viel von deiner Zeit erfordert.“

„Ja, das stimmt.“

„Dann lass uns mal gehen.“

Der Arzt schaut auf seine Papiere, dann schaut er kurz den ganz und gar unerwarteten Besucher an, dann lange die Tapete und dann die Liege, an der er sonst Patienten untersucht. Nichts davon sieht er wirklich, denkt Straffer. Der gute Hartmut ist mit der Überraschung, die ich bin, noch immer überfordert.

„Also dann. Ein halbes Stündchen.“

„Na bravo.“

Der Arzt steht auf, zieht den weißen Kittel aus und tapst zum Kleiderständer, an dem seine Jacke hängt. Er zieht sie an und öffnet die Glastür hinter seinem Schreibtisch. Eine kurze Treppe führt in den Garten. „Da lang“, sagt er. Vorsichtig und wackelig, als habe er Probleme mit dem Kreislauf, steigt Dr. Laible die fünf Treppenstufen in den Garten hinab. Erich Straffer folgt ihm. Sie queren den Rasen bis zu einem kleinen Tor in der Hecke. Am Fenster der Arztvilla sieht Straffer das Gesicht der offenbar völlig perplexen Sprechstundenhilfe.

Schon der erste Passant, den sie auf der Straße treffen, lupft den Hut und verbeugt sich tief vor Dr. Laible. Eine Frau sagt andächtig: „Gott segne Sie, Herr Doktor!“

„Du hast in der Stadt wirklich einen ausgezeichneten Ruf“, lobt Straffer.

„Soso.“ Dr. Laible lässt ein meckerndes, sardonisches Lachen mit einem Zug ins Hysterische hören. „Einen ausgezeichneten Ruf habe ich. Da siehst du, lieber Erich, wie die Menschen sich irren können.“

Renner hat recht, denkt Straffer. Da stimmt was nicht. Er sieht sich den Mann neben sich noch einmal an. Die grotesk abstehenden, wirren Haarsträhnen. Die Haut so bleich, dass sie fast bläulich erscheint.

„Aber ich denke, du arbeitest viel zu viel. Du opferst dich ja geradezu auf.“

„Ich opfere mich auf!“ Wieder dieses meckernde Lachen, allerdings lauter. „Das ist wirklich gut: Ich opfere mich auf!“

Ein weiterer Passant zieht höchst respektvoll seinen Hut vor dem Arzt.

„Ja, du opferst dich auf. Du siehst nicht gesund aus, wenn ich das als Laie mal einem Arzt sagen darf.“

„Ich schlafe nicht. Letzte Nacht hatte ich drei Notfälle. Als ich heimkam, war schon wieder Tag. Hinlegen lohnte sich nicht mehr. Die Sprechstunde geht bei mir ja schon um Sieben los. Elsa hat mir einen starken Kaffee gekocht.“ Eine Pause. „Zum Glück habe ich eine Frau, die all das mitmacht. Ohne sie wäre ich nicht mehr zu gebrauchen.“

„Ja, das ist ein Glück“, bestätigt Straffer. „Eine liebe Frau also?“

„Ja, eine sehr liebe Frau.“

„Umso mehr solltest du darauf achten, selbst gesund zu bleiben. Das bist du einem lieben Menschen schuldig.“

„Sag du mir nicht, was ich irgendwem schuldig bin, Erich, ich bitte dich!“

Dr. Laible hastet in eckigen Bewegungen voran, Straffer versucht, Schritt zu halten. Sie sehen aus wie zwei Figuren in einem Witzfilm: vorn der hagere Gehetzte, hinter ihm der Hechelnde. So wird das nichts, denkt Straffer. Wir sind viel zu schnell. Das ist kein Spaziergang, schon gar kein gemeinsamer. Das ist wie eine Flucht. So können wir uns nie und nimmer vernünftig unterhalten. Es ist eher so, als wolle er mich abschütteln.

Ein älteres Paar kommt ihnen entgegen, beide verneigen sich ehrfurchtsvoll. Laible scheint es gar nicht zu bemerken.

Straffer unternimmt den nächsten Versuch. „Schau da, die Bank. Wir sollten uns setzen und zu Atem kommen. Lass uns in Ruhe reden.“

„Ich muss zurück in die Praxis. Die Patienten warten.“

„Fünf Minuten, Hartmut!“

„Die Menschen sind krank. Sie brauchen mich.“

„Fünf Minuten!“