Kolumbus, der entsorgte Entdecker - Wolfgang Wissler - E-Book

Kolumbus, der entsorgte Entdecker E-Book

Wolfgang Wissler

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Beschreibung

Da steht er, dem ganz Spanien zugejubelt hat, vor dem die allerkatholischsten Könige Isabella und Ferdinand sich erhoben haben, und blickt auf sein vom Schiffsbohrwurm zerfressenes Schiff Capitana, gestrandet vor Jamaika. Teile der Mannschaft meutern, die Einheimischen lassen sich nicht mehr mit Glasperlen abspeisen, die Spanier auf der nahen Insel Hispaniola helfen ihm nicht, die Welt will nichts mit ihm, dem fordernden Nörgler, zu tun haben. Er, Christoph Kolumbus, ist ein König Ohneland, ein Eroberer ohne Eroberung. Zwischen Fiktion und historischer Wahrheit erzählt Wissler die letzte Expedition des legendären Seefahrers völlig neu – welch eine Geschichte!

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Wolfgang Wissler

Kolumbus, der entsorgte Entdecker

Das Desaster des legendären Seefahrers

»Ich bin in der Überzahl.«

Klaus Kinski in »Fitzcarraldo«

I

Weltgeschichte zu machen bedeutet oft bloß, eine endlose Reihe langweiliger Tage ertragen zu können, denkt der Admiral des Ozeanischen Meeres und kratzt sich am Stoppelbartkinn. Übellaunig stapft er durch den schmutzigen Sand am zerlöcherten, modernden Rumpf der Capitana entlang zu den Palisaden, wo die Leute in größtmöglichem Abstand zum Lager ein Latrinenhäuschen gebaut haben. Christoph Kolumbus öffnet den Verschlag und springt, wie vom Skorpion gestochen, drei Schritte zurück. Sein Gesichtsausdruck: fassungslos angeekelt. Der Zustand der Latrine ist derart, dass … aber lassen wir das. Niemand bezahlt viel Geld für ein Buch, um dann solche Sauereien zu lesen.

Gut, besinnt sich der große Admiral, man muss gerechterweise bedenken, dass Seemänner, die es jahrein, jahraus gewohnt sind, ihre Hintern schlicht über die Reling zu hängen, deren Abort sozusagen der endlose Ozean ist, sich an die Begrenztheit einer solchen Landlatrine erst gewöhnen müssen. Oder auch, dass eine einzige Latrine doch zu wenig ist für 60 verwahrlosende, schmutzige Männer. Trotzdem. Das hier, das ist respektlos. Eine Unverschämtheit. Sie wissen doch, dass auch er, der Admiral des Ozeanischen Meeres und Vizekönig aller von ihm entdeckten Reiche, gelegentlich hierherkommt, zwangsläufig und naturgetrieben hierherkommen muss. Darf man da nicht ein bisschen Respekt erwarten?

Ohne noch einmal auf das Entsetzliche zu blicken, beschließt Kolumbus, dass sein Harndrang doch stark nachgelassen hat, und stapft durch den Schmutzsand – Schmutz ist überall, wirklich überall – zurück zur Capitana. Weltgeschichte zu machen bedeutet oft, eine endlose Reihe langweiliger Tage und widrigster Umstände ertragen zu können, modifiziert er seinen schönen Leitsatz. Widrigste Umstände wie versaute Latrinen, stinkende Baumratten an Garnichts als Nachtmahl, Schwaden von Schweißgestank, undankbares, dauermaulendes Personal, rebellierende Nichtskönner und Besserwisser, Indianerpfeile und natürlich die Hitze. Diese unerträgliche, lähmende Hitze. Alles schwitzt und klebt. Eine Heimsuchung.

Schon jetzt, am frühen Morgen, ist es viel zu heiß. Kein Lüftchen regt sich. Das Wasser in der weiten Bucht ist glatt und träge, ölig fast, wie verklebt von widerlicher Hitze. Der Himmel gnadenlos blau. Auch heute wird ihm – wie gestern und vorgestern und all die Tage davor – wenig anderes übrig bleiben, als in den Schutz seiner kleinen Hütte auf dem Oberdeck zu kriechen, dort schwitzend und schnaufend die Stunden zu verplempern und dem unzweifelhaften Höhepunkt des Tages entgegenzufiebern: ein Stück gegrillte Baumratte, am Abend, wenn die Sonne gesunken ist und es hoffentlich etwas kühler wird. Ein Tag wie all die anderen Tage. Trostlos.

Nicht zu vergessen die Gespräche. Er kennt seinen Text auswendig. Er wird sagen, dass die Retter unterwegs sind. Ganz sicher sind sie das. Vor hundert Tagen ist Méndez nach Hispaniola aufgebrochen. Selbstverständlich hat er die Überfahrt geschafft, keine Frage, Diego Méndez ist schließlich ein Held. Wie oft hat er das auf dieser elenden Reise schon bewiesen, wie oft seine Kameraden aus Gefahren gerettet, die ungleich größer waren. Erinnert euch, Leute, wie unser tapferer Méndez an jener schrecklichen Küste den Weg für uns freischlug, als uns die Wilden einzukreisen drohten. Ohne ihn, unseren Helden Méndez, wären wir nicht einmal hier. Also? Was ist da eine Fahrt im Kanu über ruhige See, die paar Meilen? Für Méndez eine seiner leichtesten Heldenübungen. Ganz gewiss wird er inzwischen ein Schiff gefunden haben. Das ist natürlich nicht so einfach, aber Méndez ist auch ein großer Diplomat. Ein Schiff und eine tüchtige Mannschaft. Die Retter sind gewiss schon auf dem Weg hierher, mit Speck an Bord und Brot und Schnaps und Wein. Ja, natürlich, da sei er ganz und gar sicher. Er sei Kolumbus, der Entdecker, die Legende, er habe immer Recht gehabt. Vielleicht werden sie heute schon am Horizont die Segel des rettenden Schiffes ausmachen. Ganz gewiss aber morgen. Diese kurze Zeit noch müssten sie durchhalten. Gemeinsam durchhalten. Eisern. Ein paar Stunden noch, mein Freund. Schau her, mir, Kolumbus, dem Herrn unermesslicher Welten, geht es auch nicht besser als dir. Esse ich Besseres als du? Trinke ich etwas anderes als Flusswasser? Natürlich nicht. Wir sind gleich, du und ich. Gefährten in der Not. Und wir schaffen das. Überhaupt keine Frage. Natürlich schaffen wir das.

Das alles wird er sagen, immer und immer wieder, den gleichen Text an verschiedene Sturschädel ran, bis zum Erbrechen. Weiß eigentlich irgendwer auf Hispaniola oder, noch besser, in den weiten, kühlen Schlössern Spaniens, wie mühsam es für Eroberer ist, die kleinmütige Gefolgschaft bei Laune zu halten? Wie anstrengend? Wie maßlos anstrengend? Seemänner, mit angsterfüllten Augen, stark schweißelnd und vor Schmutz starrend, werden zu ihm in die sowieso schon enge, heiße Hütte kriechen, zu ihm, der Autorität, dem unfehlbaren Orakel, und fragen, wie die Chancen stehen. Sie werden von Frauen und sieben mal sieben Kindern erzählen, die sie unbedingt wiedersehen wollen. Sorge dich nicht, wird der gütige Admiral sagen und dabei das Gähnen zu unterdrücken versuchen. Du wirst sie wiedersehen. Als reicher Mann wirst du nach Spanien zurückkehren. Reich und überaus angesehen, denn du segeltest mit Kolumbus. Du bist Teil seiner Geschichte, die eine der größten Geschichten überhaupt ist. Du wirst dir ein schönes Haus kaufen und Acker und Weiden und für deine sieben mal sieben Kinder einen Privatlehrer einstellen, damit sie etwas Ordentliches lernen und sich später nicht den Gefahren der See aussetzen müssen. Heute nochmals Baumratte, mein guter Freund, und morgen dann ein mächtiges Stück gegrillten Rindfleischs und hektoliterweise roten Wein. Du und ich, wir werden dann fröhlich anstoßen auf die gelungene Rettung. Ja, da bin ich mir ganz sicher. Kolumbus denkt: Weltgeschichte zu machen bedeutet oft bloß, Tag für Tag, Jahr für Jahr die Jammereien und Meckereien seiner Leute auszuhalten.

Dazu noch die Gerüchte. Sie sind überhaupt das Allerschlimmste. Dass selbst wenn – was höchst unwahrscheinlich, ja kaum vorstellbar sei – Méndez in seinem lächerlich winzigen Kanu das erbarmungslose Meer überquert und Hispaniola erreicht hätte, trotzdem kein Schiff zur Hilfe kommen werde. Weil nämlich bei Hofe niemand Kolumbus retten wolle. Er sei dort lästig und wegen seiner dauernden Forderungen auch extrem teuer im Unterhalt. Gut und praktisch, wenn der Seeheld irgendwo ehrenhaft verrotte. Dass seine wackeren Leute mit verrotten, das sei dann eben ein Kollateralschaden. Bedauerlich, aber nicht zu ändern.

Wenn Kolumbus so etwas hört, dann wird er hart, sein Blick wird eisig. Dass er es wage, so etwas zu sagen, herrscht er den armen Seemann an. Überhaupt so etwas zu denken und es dann auch noch ihm, dem Admiral, ins Gesicht zu sagen. Unfassbar. Respektlos. Enttäuscht sei er, enttäuscht und viel mehr noch. Entsetzt. Beleidigt. Nur so viel: Er, der große Entdecker, genieße die unbegrenzte Huld der Königin wie auch des Königs. Habe er ihnen doch die Wege zu unendlichem Reichtum gewiesen, zu neuen Ländern, gegenüber deren Größe Spanien wie ein Vorgärtchen wirke, und das, entdecken und den Reichtum Isabellas und Ferdinands und überhaupt ganz Spaniens größer und noch größer werden lassen, genau das tue er auch jetzt. Auch hier. Ja, in diesem verschwitzten Moment in dieser erbärmlichen Behausung, selbst wenn es vielleicht auf den ersten Blick nicht danach aussehe. Auch hier, in dieser elenden Bucht, werde Weltgeschichte geschrieben, und zwar unablässig.

Kolumbus stapft an der Capitana – man muss bedauerlicherweise sagen: am wurmzerfressenen Wrack der Capitana – vorbei Richtung Meer. Elende Hitze, denkt er und wischt sich ein erstes Schweißbächlein von der Brust. Elende Lage. Dieses Nichtstun. Nichtstunkönnen. Eine Folter. Nichtstun ist ja eigentlich das Gegenteil von entdecken. So viel gäbe es zu entdecken, das weiß er, unendliche Welten, stattdessen hockt er hier bleischwer auf diesem Strand und verschwendet seine Zeit damit, kleinmütige Seeleute zu bequasseln und davon abzuhalten, ihm vielleicht vor lauter Langeweile die Haut abzuziehen.

Auf halbem Weg zwischen Wrack und Meer bleibt er stehen. Er dreht sich um und sieht zum Wald hoch, der die weite Bucht säumt. Ein lückenlos wildes, dschungeliges Grün. Vor Monaten, an der düsteren Küste jenes geheimnisvollen und mutmaßlich riesengroßen Landes, hätte er es niemals wagen dürfen, so ungedeckt auf freiem Gelände zu sinnieren. Sofort hätten im wahrsten Sinne des Wortes hinterhältige Indianer ihre Pfeile auf ihn geschossen. Alle mussten sie dauernd darauf achten, gut gedeckt zu sein, die Pfeile kamen aus den aberwitzigsten Winkeln heran und rissen schreckliche Wunden in Seefahrerschultern, -arme und -beine. Einem der Männer hatte ein Pfeil den Bauch aufgerissen. Gedärm quoll heraus, er schrie die ganze Nacht, bis er am regnerischen Morgen endlich sterben durfte. Unnötig zu sagen: regnerischer Morgen. Es gab ausschließlich regnerische Morgen. Und regnerische Nachmittage, Abende, Nächte. Es hatte geregnet und nur geregnet, ohne Pause, erbarmungslos. Wochenlang waren sie alle nass bis auf die Knochen, nein bis ganz tief in die Knochen hinein, sie waren aufgeweicht und begannen sichtlich zu faulen. Finstere, regensatte Wolken klebten an den steilen Urwaldhängen, und dann kamen wieder die Pfeile. Aus den Wolken, aus den Bäumen. Niemals haben sie einen Schützen zu Gesicht bekommen.

Dagegen, denkt Kolumbus, während er weiter das helle, freundliche Grün oberhalb der Bucht nach irgendeiner Bewegung absucht, haben wir es hier richtig gemütlich. Lieber die heiße Sonne als diesen endlosen, trostlosen, alles durchdringenden und aufweichenden Regen. Vor der Sonne kann man sich schützen, vor dem Regen in jenem gruseligen, feindseligen Land hatte es irgendwann keinen Schutz mehr gegeben. Alles schwappte, schlammte und quoll, alles war nass gewesen, ekelhaft nass. Sie stapften, standen, saßen und lagen im Schlamm, und nachts lauerten vor ihren modernden Hütten riesige Echsen. Deren Augen leuchteten in blutrünstigem Rot. Kolumbus schaudert, wenn er daran denkt. Jeder wusste, sollte er nur einen Fuß vor die Hütte setzen, er würde gepackt, fortgeschleift, in blutige Fleischfetzen zerrissen und dann gefressen.

Hier gibt es keine Krokodile, und die Indianer haben auch nicht versucht, sie mit Pfeilen zu töten. Noch nicht, denkt Kolumbus. Wer weiß schon, was dieser idiotische Porras und seine Bande, kurz: was die Meuterer auf der Insel anrichten werden. Vermutlich ziehen sie durch die Wälder wie von der Kette gelassene Bluthunde, hungrig, geil nach Weibern und Gewalt. Dass das gut gehen kann, wird man nicht einmal einem der weißmarmornen Engelchen in der Kathedrale von Sevilla erzählen wollen. Und ihm, Kolumbus, dem Seefahrer, schon gar nicht. Er weiß: Des Menschen Niedertracht ist keinesfalls zu unterschätzen, und die des Francisco de Porras zweimal nicht. Sie werden die Indianer gegen sich aufbringen, natürlich werden sie das, und damit auch seine Truppe, die Truppe der Königin und des Königs von Spanien, in große Schwierigkeiten bringen. Er hatte bei der letzten, schon ziemlich barsch verlaufenden Zusammenkunft mit dem Häuptling zu erklären versucht, dass diese Leute, die die kleine Festung der beiden Schiffswracks verlassen hatten, mit ihnen, den Zurückgebliebenen, den Guten und Treuen, nichts mehr zu tun hätten. Würdevoll hatte der Häuptling genickt. Aber hatte er auch verstanden? Wollte er überhaupt verstehen? Die üblen Meuterer sehen gleich aus wie die Guten, tragen die gleiche Kleidung, haben die gleichen Waffen, sprechen die gleichen Worte. Sie alle sind in den Augen der Indianer ein Wurf, ein Übel, natürlich. Es wird großen Ärger geben. Sie werden die Palisaden verstärken müssen.

Bisher war das Verhältnis zu den Indianern der Insel … ja, wie gewesen? Freundschaftlich? Freundlich? Nein, das nun auch nicht, wir wollen nicht übertreiben. Geschäftlich vielleicht. Ja, die gestrandeten Eroberer und die Indianer waren bisher sozusagen Geschäftspartner. Zu Beginn sind die Geschäfte ganz zu unseren Gunsten gelaufen, denkt Kolumbus, während er sich umdreht und langsam weiter den Strand entlanggeht. Da konnte man sich für ein paar Glasperlen noch so richtig satt essen. Spottpreise waren das gewesen. Für das rostige Messer eines Schiffsjungen konnte die ganze Truppe – und sie waren damals noch über hundert Mann stark gewesen – eine ganze Woche lang schmausen und saufen. Täglich brachten die Indianer ihre Ware in die Nähe der auf den Strand gezogenen Schiffe, große Körbe mit frischgebackenem Fladenbrot, Fisch, Wildbret, Früchten in allen Farben und Formen. Sie hatten gefressen, bis die maroden Balken der Wracks ächzten und sich bogen. Manche Gelage endeten erst gegen Morgengrauen, egal, sie hatten ja sowieso nichts zu tun und konnten ausschlafen und verdauen. Dann aber zogen die Preise gewaltig an. Die Indianer hatten ihre Lektion in Wirtschaftswissenschaften gelernt und erkannt, dass die Gestrandeten sie viel mehr brauchten als andersrum. Die Geschäftsbeziehung geriet in arge Schieflage. Für das Messer eines Schiffsjungen – falls sie noch eines hätten – bekämen sie jetzt noch die Gräten zweier gammeliger Fische, so sieht es aus. In dieser Woche haben die Indianer überhaupt nichts Essbares mehr geliefert. Der Häuptling sagt, sie hätten nichts mehr, die Fremdlinge hätten alles weggeputzt und sein Volk müsse jetzt hungern. Das hätten sie jetzt von ihrer Mildtätigkeit. Kolumbus glaubt das nicht. Chaymaka ist doch eine große, üppig bewachsene Insel. Er muss es wissen, er hat sie selbst entdeckt. Hunderte von Inseln hat er entdeckt, Hunderte von Inseln. Damals, auf seinen glorreichen Reisen.

Wie aufs Stichwort kommen die Erinnerungen wieder. Alle Straßen vollgepfropft mit ekstatisch jubelnden Menschen. Sein Tross kommt kaum voran. Seit Wochen ist das so. Ganz Spanien ist im Jahr des Herrn, 1493, wie berauscht, ist verzückt, ein Reich im Taumel. Alle greifen sie nach ihm, zerren an ihm, streicheln ihm Arme und Beine, küssen ihn. Seine Reise quer durch das Land nach Barcelona zu den katholischen Majestäten ist ein nicht enden wollender Triumphzug. Im ganzen Reich wird gefeiert, tage- und nächtelang. Denn er, Christoph Kolumbus, der Zugewanderte, der Ausdauernde, der Sturkopf, hat geschafft, was all die Gelehrten und Hochadligen, die Wissenschaftler und die Bischöfe für ganz und gar unmöglich gehalten hatten: Er hat den Seeweg in das reiche Indien gefunden, indem er nach Westen segelte. Er, der Anmaßende, ist jetzt der Held. Spanien würde reich werden, unermesslich reich. Jeder Spanier würde schon sehr bald in einem seidenen Bett schlafen und sich eine braunhäutige Dienerschar halten. Kolumbus hatte Gold mitgebracht. Nicht viel natürlich, schließlich sind seine Schiffe klein, und es gibt noch anderes vorzuzeigen, Indianer zum Beispiel und bunt schillernde Vögel. Doch diese Goldpröbchen sind eine zarte Andeutung dessen, was in den geheimnisvollen Reichen des Ostens noch darauf wartet, von Spaniern flugs abgeholt und eingesackt zu werden. Die Menschen jubeln, sie umarmen, drücken und küssen ihn, da ist kein Durchkommen. Die Königin und der König müssen lange warten, und sie warten gerne. Auf ihn.

Als er sie endlich erreicht hat, strahlen Ihre Majestäten ihn an. Dann geschieht, was keiner der Anwesenden je gesehen hat: Isabella und Ferdinand erheben sich von ihren Thronen. Die Majestäten erheben sich, um den einen zu ehren, ihn, Kolumbus, den größten aller Entdecker. Das gewiss ist der Höhepunkt seines Lebens. Sie weisen ihm einen Platz an ihrer Seite zu und er erzählt ihnen die ganze glorreiche Geschichte. Er präsentiert Indianer, exotisch-bunte Tiere und natürlich das Gold. Die Goldpröbchen, wie er betont. Die Augen der Majestäten leuchten, sie lachen und jauchzen, überall ist Pracht und Seligkeit. Welcher Sterbliche hat je einen solchen Tag erleben dürfen?

Wie konnte passieren, was dann passiert ist, denkt Kolumbus. Wie kann das sein? Er hat die Stelle erreicht, wo eine Sandzunge bestimmt 30 Meter ins Meer ragt. Näher kann man ihm trockenen Fußes nicht kommen. Warum stehe ich, der Vergötterte, jetzt hier wie der einsamste Tropf auf der weiten Welt? Ist das gerecht? Wie kann es sein, dass ich, der theoretisch unermesslich Reiche, froh sein muss, wenn ich heute noch ein Stück gegrillte Baumratte erheischen kann? Ist denn die Welt verrückt? Oder anders gefragt: Ist das Gerücht, das er seinen Leuten so übel nimmt, schlicht und ergreifend wahr? Lassen sie ihn hier verrotten? Ist der Schiffbruch des Admirals des Ozeanischen Meeres für Spanien ein glänzendes Geschäft?

Christoph Kolumbus tut, was er einen großen Teil seines Lebens getan hat: Er schaut hinaus auf das Meer. Auf das leere Meer. Müde und lustlos rollen ein paar flache Wellen an. Über dem Wasser türmt sich die Hitze. Kein Schiff nirgendwo. Niemand kommt, ihn abzuholen. Er seufzt und seufzt noch einmal, tief und lange. Hier darf er das.

Als er zurückgeht zu den Wracks und den erbärmlichen Palisaden, hinter denen ihn seine hungernde, zweifelnde, quengelnde Restmannschaft erwartet, spürt Kolumbus wieder den Schmerz im Rücken und in den Beinen. Er krümmt sich, er schleppt sich voran, er japst und muss immer wieder stehen bleiben, weil ihm schwarz vor Augen wird. Wenn jetzt doch ein Indianer einen Pfeil abschießen und ihn dieser Pfeil treffen würde – wär’s nicht ein Geschenk? Jedenfalls wäre es ein halbwegs ehrenhafter Tod für einen großen Entdecker. Viel besser, als zu verhungern, als elend an einer Baumrattenvergiftung zu verenden, von den Meuterern oder gar den eigenen Männern massakriert zu werden.

Seltsam, denkt Kolumbus, das Gleiche habe ich gestern an derselben Stelle gedacht. Und vorgestern auch. Schrecklich. Diese elende Lage zermürbt mich. Diese Ödnis. Den Rest des langen, heißen Tages werde ich damit zubringen, meine Männer aufzurichten. Die Frage ist aber: Wer richtet mich auf?

II

Kolumbus hat ihn nicht entdeckt, doch der Anführer der Inselbewohner – der Einfachheit halber wollen wir ihn den Kaziken nennen – steht schon lange da im Schatten und Schutz eines mächtig grünen Baumes. Er schaut hinab in die Bucht, auf den weiten Bogen grellgelben Sands und auf das seltsame Lager der Eindringlinge. Sie haben die beiden großen Boote, mit denen sie übers Meer gekommen waren, ein Stück weit den Strand hinaufgezogen und drum herum ein paar Zäune aufgebaut. Das ist schon eine ganze Weile her. Seitdem sitzen sie auf den Booten oder um die Boote herum, fressen, saufen und streiten sich. Ein höchst seltsamer Haufen. Ein verwahrloster Haufen. Wären die Umstände anders, politisch betrachtet, hätte Ameyro seinen Männern längst den Befehl gegeben, diese Eindringlinge zu massakrieren oder zurück ins Meer zu jagen. Aber ein Anführer ist auch Anführer, weil er bedenken muss, welchen Einfluss sein Tun auf Zukunft und Wohlstand seiner Schutzbefohlenen hat, und außerdem bietet alles Neue immer auch eine Chance, und diese verwahrloste Bande ist tatsächlich etwas Neues. Wie er diese Chance für sich und sein Volk nutzen kann, weiß Ameyro immer noch nicht. Darum steht er hier, beobachtet und wartet ab.

Das Holz der Boote ist löcherig wie die Luftberge von Casmeme, einem beliebten Ausflugsziel seines Volkes. Ameyro denkt, wenn er die traurig schiefen Boote sieht, dass sie jeden Augenblick zusammensacken müssen, einbrechen, weil selbst die Luft für sie zu schwer geworden ist. Der krumme alte Mann mit den verfilzten Haaren und den schlechten Zähnen, der den seltsamen Haufen Fremdlinge anführt, hat ihm schon oft erzählt, ein winziger Wurm habe das Holz zernagt, die Boote sozusagen aufgefressen, und sie hätten gar nichts dagegen tun können. Furchtbar sei das, grausam, ein winziger Wurm zerstöre große Taten und mächtige Reiche, ein winziger Wurm verwandle stolze Eroberer in elende Wasserschöpfer, die verzweifelt versuchen, das Meer schneller aus dem Boot zu kippen, als es durch die Wurmlöcher wieder einströmen kann. Der alte Mann schaute wichtig, er hob den Kopf und verdrehte die Augen, als höre er eine Botschaft aus der Luft. Dann sah er aufs Meer und seufzte laut. Ameyro verstand: Der Alte wäre viel lieber da draußen auf dem Meer, wo es für ihn offenbar Wichtiges zu erledigen gab. Doch Boshaftigkeit und Gefräßigkeit eines winzigen Wurms hatten ihn auf diesen Strand geworfen.

Wegen des Wurms waren die Weißhäutigen hier. Sie hatten es mit den zernagten Booten nicht mehr bis dorthin geschafft, wo sie eigentlich hinwollten. Das war, wie der verfilzte Alte erklärt hatte, eine andere Insel, gar nicht so weit weg, dort lebten schon viele von seinesgleichen, lauter Weißhäutige also. Sie hätten große Siedlungen aus Stein gebaut und von jener Insel aus würden regelmäßig riesige Boote weit übers Meer fahren, sehr, sehr weit, bis in die Heimat der Weißhäutigen. Von dort kämen die Schiffe dann wieder zurück, vollgepackt mit weißen Leuten. Es gab wohl Weißhäutige wie Sandkörner an diesem Strand. Sie würden auf der Insel weitere Siedlungen aus Stein bauen, und so weiter und so fort. Besagte Insel gehöre übrigens den Weißhäutigen, genauer: zwei besonders wichtigen von ihnen, einem Mann und einer Frau, Majestäten genannt. Selbstverständlich gehöre auch Ameyros Insel besagten Majestäten. Alle Inseln im weiten Meer gehörten den Majestäten. Sonnenklar sei das, und alle, die weiter auf den Inseln leben wollten, sollten besser anfangen, an einen gewissen Erlöser zu glauben, sollten sich hinknien und ihn anbeten und ansonsten ihre neuen Herren unverzüglich, freudig und reichlich mit Brot, Fleisch und Fisch versorgen.

Als der schmutzige alte Mann das alles erzählte, umringt von anderen ungewaschenen, stinkenden, abgemagerten, erbärmlichen Eindringlingen, da hatte Ameyro lachen wollen. Dieser jämmerliche Haufen floh in höchster Not vor dem sie langsam verschlingenden Meer auf seine prachtvolle Insel, um dann zu erklären, dass nicht sie die Bittsteller seien und Ameyro der Herr, sondern andersrum. Eine Unverschämtheit. Doch der Häuptling lachte nicht. Die Lage war dann doch zu ernst.

Das ist das Problem: Obwohl – im Grunde unverzeihlich – der Alte mit dem Kaziken zu reden wagt wie mit einem Deppen, ist doch viel Wahres daran. Ameyro weiß das, weil es ihm der Unberührbare erzählt hat. Es stimmt, auf jener Insel haben die Eindringlinge große Siedlungen gebaut. Die Menschen der Insel haben nichts mehr zu melden, so gar nichts mehr, sie werden verjagt, getötet oder gezwungen, beim Bau der Siedlungen zu schuften, bis sie umkippen. Sie müssen Löcher und Gänge in die Berge graben, tiefer und tiefer, um nach glitzerndem Gestein zu suchen. Tun sie es nicht, werden sie wie Tiere eingesperrt und geschlagen oder mit glühenden Stangen verbrannt. Arme und Beine werden ihnen abgehackt. Es ist barbarisch. Ameyro weiß auch, dass Buchten aus Stein gebaut wurden, in denen die großen Boote sicher ruhen. Immer mehr Weißhäutige kommen mit immer mehr Booten übers Meer. Der Weg ist wohl weit und gefährlich, aber sie schaffen es immer wieder, denn der Wind ist auf ihrer Seite und schiebt sie voran. Darauf zu hoffen, dass irgendwann keine Weißhäutigen mehr kommen, ist töricht und vergeblich. Jenseits des Meeres gibt es unzählige von ihnen. Das hat der Unberührbare erzählt, und er muss es wissen. Sie sind nicht zufrieden mit dem, was sie zuhause haben. Sie sind gierig und vollkommen rücksichtslos. Sie kommen und nehmen sich, was sie haben wollen, sie nehmen alles, und was der sagt, dem es eigentlich gehört, interessiert sie kein bisschen. Wenn er es nochmal sagt, wird er erschlagen. So sind sie, die Weißhäutigen. Wilde eben.

Damit ist klar, was Ameyro und seine Leute tun müssten. Sie müssten die vor Schmutz starrenden, ausgemergelten Jammergestalten mitsamt ihres Erlösers zurück ins Meer jagen. Ersaufen sollen sie dort. Doch ist, wie gesagt, die Insel mit den großen Siedlungen nicht sehr weit, und es gibt Weißhäutige ohne Ende. Was, wenn sie vom Schicksal ihrer Kumpane erfahren und auf neuen, nicht zerlöcherten Schiffen kommen, um sich zu rächen? Zimperlich sind sie nicht.

Ameyro sieht auf das schmutzige Lager der Eindringlinge. Nichts regt sich. Einige der Männer dösen im Schatten der Löcherboote. Das Feuer, über dem sie sich am Morgen irgendeine übel riechende Breipampe gekocht haben, ist erloschen. Hitze, Mücken, Mief und Langeweile. Vom Erlöser oder irgendwelchen Majestäten keine Spur.

So jämmerlich dieser Anblick ist: Ameyro als verantwortungsbewusster Anführer weiß durchaus einzuschätzen und zu würdigen, dass die Fremdlinge Dinge und Fähigkeiten besitzen, die er und seine Leute nicht haben. Ihre Boote sind viel größer als die Kanus, und sie müssen nicht paddeln, sondern lassen sich vom mächtigen Wind schieben. Das ist äußerst raffiniert. Sie kämpfen mit langen, harten, glänzenden Stangen, die viel schlimmere Wunden schlagen als die vergleichsweise harmlosen Messer von Ameyros Kriegern. Sie hüllen sich, wenn Gefahr droht, in harte Panzer, die aus einem unbekannten Stoff gemacht sind und Pfeile und Speere wirkungslos zersplittern lassen. Der Unberührbare hat zudem erzählt, sie setzten ihre Worte und sogar ihre Gedanken in einfache Zeichen um, sodass sie sie jederzeit wieder genau so sagen und denken und sogar andere Weißhäutige sie genau so sagen und denken könnten. So wüssten, nur so als Beispiel, Ameyros Urenkel noch, was Ameyro an genau diesem Tag unter diesem Baum über die Fremdlinge gedacht hat und zögen daraus ihre Lehren. Das ist wirklich phänomenal. Ein wahrer Fortschritt. Vor allem aber haben die Weißhäutigen schwere Rohre, die Feuer speien und mühelos riesige Bäume zerschmettern können, eine furchtbare Waffe ist das. Ameyro ist sicher, dass seine Männer diese Eindringlinge besiegen könnten. Sie würden nachts in das Lager schleichen und die Feuerrohre wegziehen, die genauen Angriffspläne sind längst gemacht. Doch dann kämen andere Weißhäutige, gewarnte, gepanzerte, die sich ihre Waffen nicht so leicht abnehmen ließen.

Ameyro ist ein verantwortungsbewusster Anführer. Ein Angriff wäre Unsinn. Die Weißhäutigen sind etwas Neues, ihre Ankunft ist für die Insel und ihre Bewohner ein ganz und gar einschneidendes, alles veränderndes Ereignis. Da fragt man sich: Warum geschieht das jetzt? Was hat das zu bedeuten? Bringt es dem Inselvolk einen Gewinn? Der Kazike nickt mit ernster Miene, als wolle er sich selbst zustimmen. Es sind Fragen, die eines großen Anführers würdig sind.

Seit Langem haben Ameyros Leute Ärger mit Caracoyas Sippschaft. Es ist kein offener Krieg, in dem man sich mit der Axt den Schädel spaltet und die Dörfer der anderen niederbrennt. Es ist komplizierter. Es ist eine Art missgünstige Dauerbelagerung, man gönnt den anderen nicht die Ananasscheibe auf dem Brot. Verständigung ist schwierig, weil Caracoya ein Hohlkopf und demzufolge auch nur von Hohlköpfen umgeben ist. Immer wieder sichten Ameyros Krieger einige der Hohlköpfe in Wäldern, die eindeutig Ameyro gehören, wo sie Wild jagen, das ihnen eindeutig nicht zusteht. Dann gibt es Schimpfereien und Rangeleien, das Wild freut sich und kann entkommen. Kürzlich hat einer von Ameyros Kriegern einem der Hohlköpfe ein Ohr abgehackt. Der ist jetzt ein Einohrhohlkopf. Klar ist, dass es irgendwann richtig krachen wird.

Nachdem er sich von der Nachricht der Ankunft und dem ersten Anblick der hässlichen Weißhäutigen erholt hatte, stellte sich Ameyro schnell die Frage: Wie können mir diese fremden Wesen im Kampf gegen Caracoya von Nutzen sein? Der Unberührbare hatte ihm ja erzählt, dass die Waffen der Weißhäutigen stark sind, und dann sah er sie mit eigenen Augen, die dicken Feuerrohre, die glänzenden Stangen und die unaufschlitzbaren Panzer. Das Meer hatte diese Fremdlinge in ihren zerfressenen Booten angespült. Doch der Kazike wusste nicht, was sie hier wollten und was sie tun würden. Darum hielt er es für klug, erst einmal den Primitiven zu spielen und so zu tun, als freue er sich über die paar billigen Glitzerperlen und darüber, dass seine Insel in Wahrheit irgendwelchen Majestäten gehöre. Er ließ die Weißhäutigen nicht am Strand verrotten. Er ernährte sie.

Zugegebenermaßen hatte Ameyro die kindliche Freude seiner Leute am Tauschhandel unterschätzt. Das war ein Fehler, der sich nur schwer korrigieren ließ und ihn auch einiges an Autorität gekostet hat. Einmal gaben sie für eines dieser neuartigen Messer zehn volle Körbe mit Brot, Fisch, Wildbret und Früchten – und wunderten sich dann, dass sie sich selbst hungrig schlafen legen mussten, während im Lager der Fremdlinge gefressen und gegrölt wurde, bis die Sonne wieder aufging. Das neue Messer ernährte sie nicht. »So geht das nicht«, schimpfte der Kazike, »diese Fremdlinge fressen uns noch die Wälder leer.« Bei seinem nächsten Treffen mit dem verfilzten alten Anführer legte Ameyro dann ganz neue Preise fest.

Der Anführer der Fremdlinge hat Augen, in die man hineinsieht wie in einen tiefen Waldsee. Er zeigte Ameyro eine glänzende Spange und fragte mit leiser Stimme, ob es so etwas, diesen glänzenden Stoff, auch hier auf der Insel gebe. Dabei blitzte etwas in den Augen des Alten auf, das Ameyro ganz und gar nicht gefiel. Etwas von einer Schlange. Der Kazike zögerte keinen Wimpernschlag lang und sagte, nein, so etwas habe er noch niemals gesehen, was das denn Schönes sei. Er wusste genau, dass alle, die eine solche Frage der Weißhäutigen je mit Ja beantwortet hatten, nicht mehr lange gelebt hatten. Der Unberührbare hatte es ihm gesagt. Schade, hatte der verfilzte Anführer erwidert, sehr schade, und war zurück zu seinen Löcherbooten gehumpelt.

Wenn sie dich nach diesem glitzernden Stoff fragen, dann hebe die Schultern und strecke den Arm augenblicklich Richtung Meer aus. Sag: Bei uns nicht, leider nicht, aber auf anderen Inseln, ja, da soll es ganze Berge davon geben. So haben wir es gehört. Ganze Städte sollen daraus gebaut sein. Fahrt einfach weiter. Das war ein guter Rat des Unberührbaren gewesen. Die Weißhäutigen sind vollkommen verrückt nach dem Zeug.