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Flick ist nun ganz offiziell ein Mitglied der Strangeworlds-Gesellschaft, die durch Koffer in andere Welten reist und diese beschützt. Als ein Hilferuf von Piratenkönigin Nyfe eingeht, machen sich Flick und Jonathan, der Hüter des Reisebüros, sofort auf den Weg. Denn in Nyfes magischer Piratenwelt verschwinden immer mehr Schiffe spurlos. Weder die Meermenschen noch Riesenkraken scheinen damit etwas zu tun zu haben ... Flick und Jonathan sind einem Geheimnis auf der Spur, das nicht nur diese Welt, sondern alle Welten des Multiversums bedroht!
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Seitenzahl: 331
Veröffentlichungsjahr: 2021
Flick ist nun ganz offiziell ein Mitglied der Strangeworlds-Gesellschaft, die durch Koffer in andere Welten reist und diese beschützt. Als ein Hilferuf von Piratenkönigin Nyfe eingeht, machen sich Flick und Jonathan, der Hüter des Reisebüros, sofort auf den Weg. Denn in Nyfes magischer Piratenwelt verschwinden immer mehr Schiffe spurlos. Weder die Meermenschen noch Riesenkraken scheinen damit etwas zu tun zu haben … Flick und Jonathan sind einem Geheimnis auf der Spur, das nicht nur diese Welt, sondern alle Welten des Multiversums bedroht!
L. D. Lapinski lebt mit Mann und Sohn in einem großen Dorf knapp außerhalb des Sherwood Forest.
Wenn sie mal nicht schreibt, frönt sie ihren Lieblingsbeschäftigungen: Lesen, Backen und Nähen. Sie liebt Literatur-Conventions und trifft sich gern mit Mitgliedern verschiedener Fangemeinden. STANGEWORLDS ist ihre erste Kinderbuch-Reihe.
L. D. LAPINSKI
Übersetzung aus dem Englischen von Yvonne Hergane
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Titel der englischen Originalausgabe:
»The Strangeworlds Travel Agency – The Edge of the Ocean«
Für die Originalausgabe:
Orion Children’s Books
First published in Great Britain in 2021 by Hodder and Stoughton
Text copyright © L. D. Lapinski, 2021
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Einbandmotiv, Umschlaggestaltung und Innenillustrationen: Pascal Nöldner, Castrop-Rauxel
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-0445-8
baumhaus.de
lesejury.de
Für Molly und alle anderen Mädchen, die je in Elizabeth Swann, den Piratenkönig, verliebt waren
»Tote erzählen keine Geschichten.«
Hiram Beakes, Pirat von der Insel Saba, 18. Jahrhundert
Man nannte sie »Piraten«. Und die Seeleute, die in der Welt des Bruchs lebten, trugen diesen Namen mit Stolz. Denn wie sollte man sonst heißen, wenn man auf einem Schiff wohnte und das ganze Leben aus Beutezügen und Missetaten bestand?
Die Crew von Käpt’n Nyfe Shaban sah genauso aus, wie man sich Piraten vorstellt, und war dabei auch noch besonders stilvoll. Denn sie verband das Kunstvolle stets mit dem Nützlichen: So waren Beinprothesen mit Schnitzereien von Wellen verziert, auf den Augenklappen aus Leder prangte das Wappen des Schiffes. Käpt’n Nyfes Klappe über ihrer linken Augenhöhle war mit einer blauen Blume bestickt. Denn ihr Flaggschiff war die Sturmhut, benannt nach der giftigen blauen Pflanze.
An diesem Abend war Nyfe in eine Seekarte vertieft, die vor ihr ausgebreitet lag. Sie hatte schon länger nicht mehr auf die Uhr in ihrer Kabine geschaut. Im Bruch waren Uhren besonders wichtig, da die Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge unberechenbar waren. Den ganzen Tag brütete Nyfe schon über einer Sammlung verschiedenster Land- und Seekarten. Eine halb aufgegessene Mahlzeit lag seit Stunden unter einer dicken Rolle begraben.
Nyfe fuhr mit der Hand über die Karte, die kreisrund und mit bunten Tintenfarben beschriftet war. Die schimmernde Oberfläche knisterte. Es war eine Karte von Nyfes ganzer Welt – der Welt des Bruchs.
Es klopfte an der Kabinentür.
»Ja?«, sagte Nyfe, ohne den Blick zu heben.
»Käpt’n.« Jereme, der zweite Offizier, streckte den Kopf durch den Türspalt. »Es wird langsam dunkel, und immer noch keine Spur von der Nastur.« Er machte eine Pause. »Das Schiff ist verloren, Käpt’n.«
Nyfe sah von der Karte hoch. Für einen Moment flackerte so etwas wie Besorgnis in ihren Augen auf, dann wurde ihr Blick wieder undurchdringlich.
»Die Crew soll die Schotten dichtmachen und sich was zu essen genehmigen. Wenn sie das Schiff bei Tageslicht schon nicht finden können, werden sie es im Dunkeln erst recht nicht.«
Jereme nickte und verabschiedete sich.
Nyfe lehnte sich zurück und verschob eine ihrer Markierungen auf der Karte. Im Zentrum der größtenteils blauen Welt lag eine braune Insel, die wie ein rundes, in zwei Hälften aufgebrochenes Brot aussah: der Bruch. Die größte Insel inmitten des Meeres und zugleich diejenige, nach der Nyfes Welt benannt war.
Eine Spirale verstreuter weiterer Inseln lag darum, doch keine von ihnen konnte es mit der Landmasse des Bruchs aufnehmen. Ein Seemann würde fast einen ganzen Tag brauchen, um zu Fuß von einer Seite der Insel auf die andere zu gelangen.
In Nyfes Jugend war die Karte, auf die sie starrte, doppelt so groß gewesen. Im Laufe der Jahre allerdings war die Karte immer weiter geschrumpft, an den Rändern abgeschnitten worden, weil auch die See immer kleiner wurde. Dieses Phänomen war nun schon so lange im Gange, dass Nyfe sich kaum mehr an einen Monat erinnern konnte, in dem die Karte unverändert geblieben wäre.
Nyfe Shaban holte eine schmale Klinge aus der Messersammlung an ihrem Gürtel. Die rammte sie in den Randbereich der Karte und zog sie einmal um den ganzen Kreis herum, womit sie einen schmalen Streifen abschnitt. Sie nahm den Papierstreifen, zerknüllte ihn und warf ihn dann in den Mülleimer.
»Die Welt schrumpft«, murmelte sie vor sich hin. Dann holte sie ein Blatt Papier und einen Stift hervor.
Sie musste einen Brief schreiben.
Nein, keinen Brief.
Ein Gesuch.
Flick drehte das Vergrößerungsglas zwischen den Fingern. Der Messinggriff war mit kleinen Kerben und Macken übersät. Neben der runden Linse klaffte ein tiefer Kratzer, kleinere zogen sich am schmalen Griff entlang. Und dazu entdeckte Flick einen dunklen Fleck, der sich all ihren Reinigungsversuchen widersetzte.
Sie schaute die Lupe an, ohne durch das Glas zu blicken. Denn Hindurchzublicken war etwas Besonderes, das man unbedingt auskosten musste.
Sie ließ den Griff herumwirbeln und dann mit einer gekonnten Bewegung zwischen den Fingern hindurchgleiten. In vielen Nächten hatte sie dies perfektioniert. Flick lag auf ihrem Bett, der rosa Schein von der Achatscheibe, die auf ihrer alten Lampe lag, erleuchtete ihr Zimmer. Das Licht erinnerte sie an den sanften Schimmer eines gewissen Waldes aus Kristall und Magie, an eine andere, weit entfernte Welt. Eine Welt, die sie einmal bereist hatte.
Flick machte die Augen zu und holte tief Luft. Dann hob sie das Vergrößerungsglas vors rechte Auge, während das linke geschlossen blieb. Als sie das zum ersten Mal in ihrem eigenen Zimmer versucht hatte, hatte sie sich die Lupe auf den Kopf fallen lassen.
Dies war nämlich kein normales Vergrößerungsglas. Und Felicity Hudson war kein normales Mädchen. Die Lupe in Flicks Hand bestand aus Glas, das aus einer anderen Welt stammte, und war von jemandem hergestellt worden, der sich auf die Kunst der Magie verstand.
Wenn man hindurchschaute – und über die Gabe verfügte –, konnte man die darin verborgene Magie sehen. Ja, ganz recht. Sobald Flick durch die Lupe blickte, musste sie lächeln.
Die Luft um sie herum begann, wie von Zauberhand zu sirren. Gold glitzernde Magiepartikel schwebten lautlos hin und her – von allen außer Flick unbemerkt. Flicks Lächeln wurde breiter, während sie den goldenen Funken zusah, wie sie wie winzige Ballerinen durch ihr Zimmer tänzelten. Sie schnellten wie Luftbläschen im Wasser hoch und tauchten wieder ab, sie stoben auseinander und fügten sich wieder zu einem magischen Strudel zusammen.
Flick hob eine Hand, und der Magieschwarm umfloss sie still und leise, stülpte sich wie ein Handschuh über ihre Finger. Flick spürte gar nichts, auch nicht als sie die Faust um einige der kleinen Schwebeteilchen schloss.
Schließlich ließ Flick die Lupe sinken und presste sich den runden Rand an den Mund. Er war kalt und schmeckte ähnlich wie die Zwei-Pence-Münze, an der sie mal geleckt hatte, einfach nur so, aus Neugierde.
Das Vergrößerungsglas war schon weit über einhundert Jahre alt und hatte mal der Familie ihres Freundes Jonathan Mercator gehört. Die Initialen N. M. waren ins Messing eingraviert worden. Die Lupe selbst war eigentlich gar nicht magisch, sondern nur ein Mittel zum Zweck, um die Magie sichtbar zu machen, die alles umgab. Überall auf der Welt, wie Flick inzwischen erfahren hatte.
Aber das war längst nicht alles, was Flick sehen konnte.
Sie stand vom Bett auf, knipste die Nachttischlampe aus und zog die Vorhänge zur Seite. Jetzt, wo das Licht aus war, konnte sie durch ihr eigenes Spiegelbild hindurch in den Garten hinausschauen, bis hin zu den Häusern gegenüber.
Trüb und finster zeichneten sich die Häuserreihen vor dem bewölkten Nachthimmel ab. Der Tag war heiß und schwül gewesen, die Luft voller Feuchtigkeit. Trotzdem regnete es nicht. Der Mond war nicht zu erkennen, und der Himmel leuchtete in einem dunklen Lilaton, der ein Gewitter ankündigte. Flick drückte eine Handfläche gegen die Glasscheibe und fragte sich, ob das leichte Kribbeln, das vor einem Sturm in der Luft lag, wirklich nur eine statische Aufladung war. Vielleicht trug es doch etwas Magisches in sich … Ihr Nacken kribbelte bei dem Gedanken. Gut möglich, dass Stürme die in der Luft liegende Magie aufwirbeln konnten. So vieles war schließlich möglich. Alles.
Flick starrte minutenlang in die Dunkelheit. Immer wieder blitzte ein seltsames Licht vor einem der Häuser auf. Sie wartete, bis sie es nicht mehr aushielt, dann hob sie die Lupe wieder vors Auge.
Diesmal war die Wirkung einfach umwerfend.
Ein heller Lichtstreifen erleuchtete den Spielplatz im Zentrum der Wohnanlage, ein Lichtstreifen gezackt wie ein Blitz. Er schwebte etwa zwei Meter oberhalb der Rutsche in der Luft und schimmerte gelblichweiß. Winzige Magiepartikel schwebten durch ihn hindurch. Es war, als würde er auf etwas warten.
Ein Schisma.
Ein Riss im Stoff, aus dem die Wirklichkeit bestand.
Ein Tor zu einer anderen Welt.
Flick erschauerte von Kopf bis Fuß. Sie hatte das Schisma schon vor zwei Tagen entdeckt. Zwar tat es niemandem etwas, aber es erinnerte Flick daran, was geschehen könnte. Und daran, was sie erst vor wenigen Wochen getan hatte, in einer anderen Welt.
Flick starrte auf das Schisma, bis ihre Augen anfingen zu tränen. Dann ließ sie die Lupe sinken und legte den Kopf an die Fensterscheibe. Das kalte Glas fühlte sich auf ihrer warmen Haut angenehm an. Und als sie so den Nachtgeräuschen ihres Zuhauses lauschte, machte das beklemmende Gefühl in ihrer Brust einer sanften Ruhe Platz. Hier, in diesem Haus, war Flick sicher, sie wurde geliebt und hatte eine Familie, die sie fast verloren hätte. Es war so knapp gewesen. Die Erinnerung an die Beinahe-Katastrophe verband sie nun für alle Zeit mit den Schismen. Schon der reine Anblick eines Schismas durchs Vergrößerungsglas machte sie nervös.
Es war noch nicht lange her, dass Flick die Wahrheit über Schismen erfahren hatte und der geheimen Gesellschaft beigetreten war, die zum Reisebüro Strangeworlds gehörte.
In diesem Laden drehte sich alles um das Reisen und um magische Gegenstände. Aber er war gleichzeitig auch das Heim des einzigen Freundes, den Flick gefunden hatte, seit sie mit ihrer Familie nach Little Wyverns gezogen war.
Außerdem war das Reisebüro Strangeworlds auch der Grund, warum Flick Hausarrest hatte. Ihre Eltern hatten sich so aufgeführt, als hätte sie eine Bank ausgeraubt – dabei war Flick nur einen Tag und eine Nacht verschwunden gewesen.
Sie verzog das Gesicht. Nun gut, sie konnte schon verstehen, warum sie sauer gewesen waren. Flick hatte nur nicht damit gerechnet, gleich für den Rest der Sommerferien Hausarrest zu bekommen. Jetzt waren nur noch anderthalb Wochen Ferien übrig, dann würde sie an ihrer neuen Schule anfangen und nur noch an den Wochenenden Zeit haben, dem Reisebüro einen Besuch abzustatten.
Eine Sirene ertönte in der Ferne, und blaue Warnlichter zuckten durch die Dunkelheit. Flick erschrak so sehr, dass sie ein fast leeres Sparschwein vom Fensterbrett stieß. Scheppernd landete das Schwein auf dem Boden.
Flick erstarrte und lauschte angestrengt.
Aus dem Elternschlafzimmer drangen ein kurzes Husten sowie das Knarren des Bettgestells. Höchste Zeit, wieder unter die Decke zu schlüpfen.
Flick ließ das Sparschwein liegen, zog die Vorhänge zu und ging wieder ins Bett, die Lupe immer noch fest umklammert.
Am nächsten Morgen standen so viele Einkaufstüten und Kartons in der Küche, dass Flick beinahe gefragt hätte, ob sie etwa schon wieder umziehen würden. Aber zum Glück stellte sich heraus, dass ihr Vater nur mal wieder entrümpelte. Diesmal hatte er Sachen zusammengepackt, um sie auf dem Flohmarkt am Rathaus zu verkaufen.
»Ist die letzte Chance für das Zeug«, sagte er, während Flick eine Scheibe Brot in den Toaster steckte und einen Schluck aus der Orangensaftpackung nahm, die auf dem Küchentisch stand. »Also wenn du noch was hast – alte Klamotten, Schuhe, Spielsachen, Bücher … Immer her damit.« Er deutete mit dem Kopf auf den Saftkarton, bevor er einen weiteren Karton auf den Stapel packte. »Deine Mutter findet das nicht gut.«
»Wir haben doch eh alle dieselben Bazillen.« Flick verdrehte die Augen, holte sich dann aber doch ein Glas aus dem Schrank. »Außerdem knutscht ihr ständig Freddy ab – und der ist ein richtiger Dreckspatz!«
Isaac Hudson sah zu seinem Sohn hin, der gerade zwei grünliche Popel aus seinen Nasenlöchern pulte. »Ich denke, ein Taschentuch könnte nicht schaden, junger Mann, was meinst du?«
»Ein Bad in Desinfektionsmittel wäre wohl noch besser«, schlug Flick vor.
Freddy lachte, und Flick lächelte zufrieden. Wenigstens einer, der über ihre Witze lachte. Popel hin oder her – seit einiger Zeit liebte sie ihren Babybruder viel mehr als früher.
Flicks Mutter Moira Hudson betrat die Küche. Statt ihrer üblichen Postuniform trug sie Jeans. »Bist du noch gar nicht fertig, Felicity?«, schimpfte sie.
Flicks Hand, in der sie das Brot hielt, verharrte auf halbem Weg zu ihrem offenen Mund in der Luft. Krampfhaft versuchte sie sich zu erinnern, wofür sie sich hätte fertig machen müssen.
»Heute ist doch Samstag.« Ihre Mutter seufzte und schnalzte mit der Zunge, was normalerweise auf bevorstehenden Ärger hindeutete. »Du hast doch versprochen, mit mir in die Stadt zu fahren.«
»Aber …«
»Wir müssen dringend einkaufen.«
»Aber …«
»Freddy braucht wieder neue Hosen, die alten hat er beim Krabbeln schon total durchgescheuert.«
»Aber …«
»Nix aber, mach dich fertig, los. Und blockier nicht schon wieder stundenlang das Bad, du bist wunderschön so, wie du bist. Zack, zack.«
Seufzend stopfte sich Flick den Rest ihres kargen Frühstücks in den Mund.
*
Seit sie aus dem Reisebüro Strangeworlds wenige Wochen zuvor zu spät zurückgekommen war, bekam Flick nur noch so viel Bewegungsfreiheit zugestanden wie eine Spinne, die in einem Glas gefangen ist. Nachdem sie in den frühen Morgenstunden endlich wieder zu Hause aufgetaucht war, hatten ihre Eltern eine Menge Fragen gehabt – verständlicherweise.
Um zu verhindern, dass sie bis in alle Ewigkeit weiterbohrten, hatte sie sich schließlich eine halbherzige Lüge zusammengereimt. Die Geschichte hatten ihr ihre Eltern keine Sekunde abgekauft, aber offenbar war ihnen eine offensichtliche Lüge immer noch lieber, als gar keine Erklärung zu bekommen. Die Wut ihres Vaters war nach etwa einer Woche verraucht, Flicks Mutter hingegen war immer noch sauer und ziemlich reizbar. Und so versuchte Flick, alles richtig zu machen und die Anweisungen ihrer Mutter zu befolgen. Ihre Eltern wiederum gaben sich alle Mühe, sie ständig beschäftigt zu halten. Aber es blieb dabei, sie wussten nichts über Strangeworlds, und Flick hatte nicht die geringste Absicht, ihnen davon zu erzählen.
Nur zweimal hatte sie seitdem Gelegenheit gehabt, dem Reisebüro wieder einen Besuch abzustatten. Das erste Mal kurz nach ihrem Verschwinden – sie hatte eine Klavierstunde geschwänzt, um zu Jonathan zu eilen und ihm davon zu erzählen, dass sie quasi bis in alle Ewigkeiten Hausarrest hatte. Das zweite Mal hatte Freddy sich netterweise genau den Bürgersteig vor dem Strangeworlds ausgesucht, um einen seiner unvergleichlichen Mega-Trotzanfälle zu bekommen. Flick hatte die Ablenkung genutzt, um Jonathan wie wild durch die Schaufensterscheibe hindurch zuzuwinken, während ihre Mutter sich mit dem kleinen Schreihals herumschlug.
Jetzt in der Ferienzeit war der Supermarkt voll mit Eltern und ihren Kindern, die entweder mit Keksen ruhiggestellt wurden oder wie am Spieß schrien, weil sie nicht mit Keksen ruhiggestellt wurden. Freddy gehörte zur zweiten Gruppe, und wenn er einmal nicht schrie, versuchte er, die Kette des Einkaufswagens zu verschlucken.
Flick schob ihn in die Obstabteilung, während ihre Mutter lautstark vor sich hin schimpfte, dass Gurken ohne Plastikfolie nicht so lange frisch blieben. Schon am Tag zuvor hatten sie sich zu Hause über Plastik gestritten, nachdem Flick Frischhaltefolie von der Einkaufsliste gestrichen hatte. Flick fragte sich immer noch kopfschüttelnd, wie ihre Mutter länger haltbare Gurken für wichtiger halten konnte als das Überleben der Wale. Da fiel ihr Blick plötzlich auf einen vertrauten dunklen Haarschopf und eine schreckliche Stoffweste, die nur einem einzigen Menschen gehören konnten. Flick schielte um die Bananenkisten herum …
Er war es wirklich.
Jonathan Mercator.
Flicks Herz machte einen Freudensprung.
Jonathan! Ohne sein geliebtes Reisebüro und dafür mitten in der Obstabteilung sah er genauso normal aus wie jedes andere Wesen des Multiversums.
Na ja, vielleicht nicht ganz so normal. Obwohl es August war und alle anderen Leute in kurzen Hosen herumliefen, trug Jonathan einen Anzug, lediglich die Jacke war offen. Selbst das Hemd war noch komplett bis oben zugeknöpft. Flick runzelte irritiert die Stirn. Jonathan im Supermarkt zu sehen war in etwa so, als sähe sie eine Schildkröte ohne ihren Panzer.
Langsam schlenderte sie zu ihm hinüber.
»Hey«, sagte sie und grinste. »Freu mich total, dich zu sehen!«
»Oh!« Jonathan blinzelte hinter seinen Brillengläsern, und ein Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit. Dann legte er die Avocado, die er gerade abgetastet hatte, in seinen Einkaufskorb. »Hallo.«
Flick schielte zu ihrer Mutter hinüber, die gerade Mühe hatte, ihre Einkaufsliste aus Freddys Mund zu ziehen. »Ich bin eine Gefangene. Alcatraz ist ein Witz dagegen. Wie geht’s dir?«
»Besser, danke.« Jonathan tätschelte sich den Hinterkopf, wo nur noch eine Narbe an das letzte Abenteuer erinnerte. Eine ewige Gedächtnisstütze dafür, dass sein Beruf auch etliche Gefahren mit sich brachte.
Jonathans Reisebüro war nämlich weltweit das einzige seiner Art. Und Flick war eine der Wenigen, die sein Geheimnis kannten – nämlich, dass Strangeworlds keine normalen Reisen vermittelte. Das altmodische Reisebüro war über und über mit Koffern angefüllt, von denen keiner dem anderen glich. Und mit jedem dieser Koffer konnte man in eine andere Welt reisen, man musste einfach nur hineinsteigen.
Flick schaute in Jonathans Einkaufskorb. Eine einzelne Dose Gemüsesuppe leistete der Avocado Gesellschaft.
»Du scheinst mit meinem Einkauf nicht einverstanden zu sein …«, sagte er.
Flick lachte. »Doch, doch. Und, wie läuft das Geschäft?«
»Wie sagt man so schön – langsam, aber stetig.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich war übrigens neulich wieder in Fünflichter. Die Stadt scheint sich allmählich zu erholen. Und das hat sie dir zu verdanken.«
»Eher Nicky de Vyce.« Die junge Diebin mit dem roten Umhang, die zu einer Freundin geworden war, fehlte ihr auf einmal genauso schmerzlich wie die rosa-goldene Stadt Fünflichter. »Sie hat sich dafür eingesetzt, die gestohlene Magie wieder in die Welt zurückfließen zu lassen. Sie hätte sie ja auch behalten können.«
»Dieb ist eben nicht gleich Dieb«, sagte Jonathan. »Ich hab übrigens mit ihr gesprochen. Von Aufseherin Blenda und ihren Kumpanen hat sie nichts mehr gehört. Sieht so aus, als hättest du es geschafft, sie für immer in der anderen Welt einzusperren.«
Flick starrte zu den Kiwis rüber. Mit einem Mal bekam sie ein schlechtes Gewissen.
Jonathan schien zu spüren, wie es ihr ging. »Du hast damit nicht nur dich selbst, sondern auch andere Mitglieder der Strangeworlds-Gesellschaft gerettet, und letztendlich die ganze Welt von Fünflichter. Ohne dich wären Aufseherin Blenda und ihre Diebesbande in eine andere Welt gereist und hätten deren Magie und Leben ausgesaugt.« Er wischte über den Griff seines Einkaufskorbs. »Aber dass dir nicht wohl ist bei dem Gedanken, Leute irgendwo festzusetzen, ist ganz verständlich.«
»Bis heute weiß ich nicht mal, wie ich das gemacht habe«, murmelte Flick.
»Hast du seitdem noch mal so etwas versucht?«
Flick schüttelte den Kopf. Durch ein Vergrößerungsglas zu schauen zählte ja wohl nicht.
»Du hast nicht mit deiner Gabe herumexperimentiert?« Jonathan zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. »Aber warum denn nicht?«
Flick trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Während ihres Abenteuers mit Jonathan hatte sich herausgestellt, dass sie magische Kräfte hatte, die noch stärker waren als die ihres Freundes und sogar stärker als bei jedem anderen, den er kannte. Und so hatte sie damals das Unmögliche möglich gemacht: Sie hatte ein Schisma zwischen zwei Welten erzeugt, war hindurchgegangen – und hatte es überlebt. Aber jetzt, wo sie zurück in Little Wyverns war, dem normalsten und langweiligsten Ort des Multiversums, kam ihr das alles unwirklich vor, als wäre es nie passiert.
Jonathan lächelte. »Du fehlst im Laden, weißt du. Du hättest letzte Woche reinkommen sollen. Ich hab gesehen, wie du gewunken hast.«
»Oh.« Flick blinzelte lächelnd. Noch nie hatte ihr ein Freund gesagt, er würde sie vermissen. Das machte sie ganz verlegen, aber auf eine gute Art. »Ich wäre auch gern reingekommen, aber meine Mum war dabei. Und die hätte nur Fragen gestellt. Seit ich damals die ganze Nacht von zu Hause weg war, macht sie praktisch nichts anderes mehr, als mich ständig mit Fragen zu löchern.«
»Ah, das ist verständlich, aber …«
»Hey, Jonathan!«
Flick und Jonathan wirbelten herum. Vor ihnen stand ein groß gewachsener, breitschultriger junger Mann im Rugby-Trikot. Er hielt einen Zwei-Liter-Kanister Vollmilch in der Hand und grinste freundlich.
Bei seinem Anblick schien Jonathan augenblicklich zu schrumpfen, und er packte den Einkaufskorb mit beiden Händen, um ihn nicht fallen zu lassen. »H-hallo«, stammelte er mit ungewohnt schriller Stimme.
»Hey«, wiederholte der andere. »Du bist doch Jonathan, oder nicht?«
Jonathan nickte wie ein Wackeldackel. »Ja. Und du … du bist Anthony.«
»Ganz genau.« Anthony sah zwischen Jonathan und Flick hin und her. »Willst du mich nicht deiner … Schwester vorstellen? Oder Freundin?«
»Das ist Felicity«, sagte Jonathan, ohne den Blick von Anthony abwenden zu können. »Sie ist nur eine Freundin.«
»Nett, dich kennenzulernen, Nur-eine-Freundin-Felicity.« Er schüttelte Flicks Hand, und Flick musste lächeln. Es fühlte sich an, als würde sie einem Riesen die Hand geben.
»Freut mich auch. Woher kennt ihr beide euch?« Sie konnte sich nicht vorstellen, dass dieser große Kerl mit Sommersprossen auch zur Strangeworlds-Gesellschaft gehörte. Aber man konnte ja nie wissen.
»Ach, ich bin Studentenvertreter, ich gehe aufs College die Straße hoch«, erklärte Anthony und deutete mit dem Daumen über seine Schulter. »Ich hab am Tag der offenen Tür mal ausgeholfen, und Jonathan war einer der Wenigen, die sich nicht über mich lustig gemacht haben, als ich versucht habe, den Leuten was über die Kurse zu erzählen.«
»Du hast das ja auch sehr gut gemacht. Sehr sachkundig, meine ich«, sagte Jonathan, der inzwischen knallrot angelaufen war.
Anthony verdrehte zwar die Augen, schien sich aber über das Kompliment sehr zu freuen. »Danke. Hast du dich für einen Studiengang eingeschrieben?«
Jonathan hatte sichtlich Mühe, sich zusammenzureißen. »Äh … ja. Ich bin tatsächlich bei Geografie gelandet. War ein sehr guter Vorschlag von dir.«
Anthony nickte. »Hab ich gern gemacht. Na, dann will ich euch beide nicht weiter vom Einkaufen abhalten. War schön, dich kennenzulernen, Felicity. Und wir sehen uns dann bestimmt bald wieder, stimmt’s?« Er lächelte Jonathan an.
»Ja, wir … wir sehen uns dann im College.«
Anthony nickte und wandte sich zum Gehen, während Jonathan ihm zaghaft zum Abschied winkte.
Sobald Anthony um die Ecke verschwunden war, schlug Jonathan sich eine Hand vors Gesicht. »Oh Gott. Können wir diese Begegnung bitte niemals wieder erwähnen?«
Flick grinste. »Soll das ein Witz sein? Ich soll so tun, als hätte ich das hier nie gesehen?« Sie ahmte sein unbeholfenes Winken nach.
»Felicity, ich flehe dich an.« Er ließ die Hand sinken. »Bitte!«
»Also gut.« Flick lächelte. »Er scheint nett zu sein.«
Da näherte sich Flicks Mutter von der Seite. »Komm, Felicity, wir müssen weiter«, sagte sie. Dann schaute sie Jonathan an. »Kennen wir uns?«
Jonathan schenkte ihr ein möglichst gewinnendes Lächeln und streckte seine rechte Hand aus. »Ich bin Jonathan, ein Freund von Felicity. Und ich muss sagen, ich finde es sehr schade, dass sie nicht mehr in meinen Laden kommt, ich könnte ihre Hilfe gut gebrauchen.«
Flick rutschte das Herz in die Hose.
Ihre Mutter kniff die Augen zusammen. »Was soll das heißen?«
»Ich führe das Reisebüro hier im Ort. Felicity kam eines Tages rein, weil sie auf der Suche nach einem Ferienjob war, hat sich sofort großartig angestellt, ist aber seitdem leider nie wiederaufgetaucht.« Die Lüge ging Jonathan so leicht über die Lippen, als würde er den ganzen Tag nichts anderes tun. »Ich dachte mir, dass sie es sich wohl anders überlegt hat.«
Flick schaltete schnell. »Nein, nein«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Ich hab’s nur leider nicht mehr geschafft, in den Laden zu kommen, es tut mir leid.«
»Du hast nie was davon erzählt, dass du dir einen Ferienjob suchen wolltest«, sagte ihre Mutter argwöhnisch.
»Na ja, ihr habt mir auch kaum Gelegenheit gegeben, irgendwas zu erzählen.« Das stimmte zwar nicht, aber Flick wollte ihre Mutter unbedingt davon abhalten, eine Verbindung zwischen Jonathan und der Nacht ihres Verschwindens herzustellen.
»Es ist wirklich eine Schande«, sagte Jonathan. »Sie hat sich nämlich wirklich sehr gut angestellt. Ist nicht so leicht, Leute zu finden, die so fleißig und hilfsbereit sind, auch nicht in Little Wyverns.«
Moira Hudson ging das Lob an ihrer Tochter sichtlich runter wie Öl. »Ja, Felicity war schon immer sehr reif für ihr Alter. Sehr verantwortungsbewusst.«
Jonathans schleimiges Lächeln war wie in sein Gesicht tapeziert. »Es ist nicht zu übersehen, wie gut erzogen sie ist. Das ist dann wohl ganz Ihr Verdienst.«
Flick hätte nie gedacht, dass ihre Mutter sich von so platten Komplimenten einwickeln lassen würde, aber sie wurde eines Besseren belehrt. Moira Hudson strahlte von einem Ohr zum anderen. Nach den letzten Wochen war das hier anscheinend Balsam auf ihrer Seele. Vielleicht bestand Jonathans Gabe ja darin, Menschen für sich einzunehmen.
»Es wäre wirklich eine Schande, wenn die Ausbildung, die ich mit Felicity begonnen habe, umsonst gewesen wäre«, fuhr Jonathan fort. »Sie hat sich sogar schon ins Computersystem eingearbeitet. Solche Kenntnisse würden sich später im Lebenslauf sicher gut machen.«
In Moira Hudsons Augen flackerte etwas auf. Sie wusste, dass Colleges und Universitäten auf so etwas wert legten. Sie sah ihre Tochter schräg von der Seite an.
»Von jetzt an bin ich immer pünktlich«, sagte Flick hastig. »Versprochen.«
Ihre Mutter holte einmal tief Luft. »Also gut«, sagte sie. »Aber wenn du jemals wieder …«
»Mach ich nicht«, fiel Flick ihr ins Wort. »Großes Ehrenwort.«
»Wir reden später noch mal darüber«, sagte ihre Mutter. Aber Flick wusste, dass sie gewonnen hatte. Freddy spuckte eine Himbeere auf den Boden. »Und jetzt komm, Felicity. Unsere Parkuhr läuft schon in einer Stunde ab. War nett, Sie kennenzulernen, Jonathan.« Sie nickte ihm zu, dann lief sie los in den hinteren Teil des Supermarkts.
Sofort ließ Jonathan sein starres Lächeln fallen, rückte seine Krawatte zurecht und zog fragend die Augenbrauen hoch.
Flick zwinkerte ihm zu. Bis morgen, formte sie lautlos mit den Lippen.
Er tippte auf seine Armbanduhr. Punkt zehn.
Die Wände des Strangeworlds-Reisebüros waren mit deckenhohen Regalen, oder besser gesagt rechteckigen Fächern, vollgestellt. Und jedes Fach beherbergte einen Koffer. Es gab kleine und große Koffer, solche aus Korbgeflecht und welche aus Leder, und bei manchen war das Schloss mit einer Art klebrigem Metall versiegelt. Wenn man es berührte, fühlte es sich kalt an.
Auf einmal begann einer der Koffer aus sonnengelber dicker Pappe sich zu bewegen. Immer wieder ruckelte er hin und her, vor und zurück, als versuche er, sich aus seinem Fach zu befreien. Keine einfache Aufgabe, aber er schaffte es, sich Stückchen für Stückchen aus seinem Fach zu schieben, bis er schließlich mit einem dumpfen Aufprall zu Boden fiel. Sofort flog der Deckel auf, und ein Mädchen stieg aus dem Koffer, mit weit zur Seite ausgestreckten Armen und einem breiten Lächeln im Gesicht.
»Tadaa!«, jubelte sie in den leeren Laden hinein.
Dann ließ sie die Arme wieder sinken. »Oh.«
Von draußen leuchtete der Schein einer Straßenlaterne herein. Die Uhren auf dem Kamin tickten vor sich hin, und das größte Ziffernblatt zeigte im Halbdunkel, dass es erst zwei Uhr nachts war.
Avery Eldritch verzog das Gesicht. »Hm.« Mit verschränkten Armen schob sie sich hinter den Schreibtisch und schnaubte bei der ganzen Unordnung. Dann drehte sie sich zu den ausgeblichenen Romanen im Bücherregal hinter ihr und wählte Terry Pratchetts »Die Nachtwächter« aus.
Als sie es vom Brett zog, purzelten drei weitere Bücher unter lautem Poltern zu Boden. Avery zuckte zusammen, fluchte leise vor sich hin und schielte erschrocken zur Küche hinüber.
Es dauerte nicht lange, da tauchte ein Kricketschläger im Türrahmen auf. Er wurde von einer Hand gehalten, die aus dem Ärmel eines ziemlich schicken rotbraunen Morgenmantels herausragte. »Ich warne Sie«, quietschte eine Stimme. »Ich bin bewaffnet, und ich werde nicht zögern …«
»Ich bin’s«, sagte das Mädchen. »Avery.«
Der Kricketschläger senkte sich, und Jonathan lugte mit vom Schlaf zerzausten Haaren um die Ecke. Vor Erstaunen klappte ihm die Kinnlade runter. »A-Averina?«
Avery grinste beim Anblick seines Morgenmantels und der zerfledderten Hausschuhe. »Überrascht?«
»Na und wie!« Jonathan schob sich die Brille hoch. »Was machst du hier? Ist Portia auch da?« Er sah sich suchend um.
»Nein, Mum ist nicht da, ich bin allein. Was ist denn los mit dir? Freust du dich gar nicht, deine Cousine wiederzusehen?« Sie lächelte angespannt.
Jonathan lachte halbherzig. »Na ja, eher so eine Art Halb-Cousine.«
»Stimmt auch wieder. Wahrscheinlich bin ich eher deine Tante siebenundzwanzigsten Grades oder so.« Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, und ein banger Ausdruck schlich sich in ihre Miene. »Ist lange her.«
»Drei Jahre. Seit Mums Tod, um genau zu sein.« Jonathan legte den Kricketschläger auf den Schreibtisch. »Ich hätte nicht damit gerechnet, dich je wiederzusehen. Weiß deine Mutter überhaupt, dass du hier bist?«
»Wenn nicht, wird sie es sicher bald rausfinden.«
»Und dann kommt sie dich holen?«
»Sie hält es doch kaum aus, im selben Raum zu sein wie unser Koffer. Also … nein, ich bezweifle, dass sie mich holen kommt. Es hat sie übel mitgenommen, was mit deiner Mutter passiert ist.« Avery scharrte mit einem Stiefel über den Boden. »Sie haben mir damals verboten, je wieder herzukommen. Aber dann haben wir vor ein paar Wochen das von deinem Dad gehört.«
Jonathan sah überrascht hoch. »Oh …«
»Mum hat einen Brief bekommen, von einem der alten Gesellschaftsmitglieder. Quickspark?«
»Ah ja, Greysen und Darilyn aus Fünflichter.«
»Sie schrieben, was deinem Vater zugestoßen ist, und dass du nach ihm suchst. Haben auch gefragt, ob wir irgendwas wüssten. Was leider nicht der Fall ist. Wir haben gar nichts davon mitbekommen. Ich hab gleich gesagt, ich will herkommen und mit dir sprechen, aber Mum und Dad meinten, das sei zu gefährlich. Also hab ich den passenden Zeitpunkt abgewartet, um mich unbemerkt aus dem Staub zu machen.« Sie schniefte. »Ich finde sowieso, sie hätten mich nicht so lange von dir fernhalten dürfen. Und sie sind bestimmt zu feige, um nachzukommen. Also im Grunde bin ich … von zu Hause weggelaufen.«
»Nicht schlecht«, sagte Jonathan mit einem Grinsen. »Und ich freue mich ehrlich, dich zu sehen, Averina.«
Sie lächelten einander eine Weile dümmlich an, dann warf sich Avery auf Jonathan und drückte ihn an sich. Jonathan hielt die Umarmung ganze drei Sekunden aus, bevor er Avery sachte wieder von sich wegschob. »Und diese Uhrzeit hast du dir ausgesucht, weil …?«
»Weil ich mich verrechnet hab. Sorry.«
»Kein Problem.« Jonathan gähnte.
»Jedenfalls … Ich bin nicht nur gekommen, um dir mein Mitgefühl wegen deines Dads auszusprechen. Ich meine, es tut mir wirklich leid, aber … Da ist auch noch was anderes. Was Wichtiges.«
Jonathan klappte abrupt den Mund zu. »Nämlich?«
»Das Haus am Horizont«, sagte Avery geheimnisvoll.
Jonathan starrte sie unbeeindruckt an. »Du meinst die Notfall-Niederlassung der Strangeworlds-Gesellschaft? In der Traumwüste? Was ist damit?«
»Hast du in letzter Zeit irgendwas davon gehört?«
Jonathan band den Gürtel seines Morgenmantels enger zu, dann zog er das riesige Geschäftsbuch der Strangeworlds-Gesellschaft aus dem Regal und ließ es auf seinen Schreibtisch krachen. »Ich hab in letzter Zeit von niemandem etwas gehört. Außerdem weiß ich gar nicht genau, ob der Posten überhaupt bemannt ist.« Er fing Averys Blick auf und korrigierte sich hastig. »Ich meine … ob er besetzt ist.«
Avery schenkte ihm ein kleines Lächeln. »Ich hab gehört, wie meine Eltern sich darüber unterhalten haben. Über einen Mann namens Thess, der anscheinend dort lebt. Mum sagte, er gehöre schon seit den Anfangszeiten zur Strangeworlds-Gesellschaft.«
»Dann wäre er aber wirklich sehr alt«, sagte Jonathan und blätterte das dicke Buch durch. »Also nehme ich an, dass er zumindest nicht aus meiner Welt kommt.«
»Aber wenn er seit den Anfangszeiten zur Gesellschaft gehört … Ich dachte, vielleicht könnte er dir helfen, deinen Dad zu finden.«
Jonathan ruckte mit dem Kopf hoch und sah sie eindringlich an. »Wie kommst du darauf?«
»Na ja, wenn er schon so lange lebt … Vielleicht weiß er etwas, was wir nicht wissen. Oder zumindest du nicht.«
»Der Name Thess sagt mir nichts.« Jonathan zuckte mit den Schultern und ging eine lange Namensliste durch. »Aber wenn er Gesellschaftsmitglied ist, sollte sein Name hier drinstehen.«
»Das Problem ist nur …« Avery zögerte. »Mum sagt, der Mann sei gefährlich. Er wurde schon in Fünflichter und anderen Welten gesehen, wie er herumlief und Fragen stellte – und das nicht gerade höflich. Es heißt, er sei sogar bewaffnet.«
Eine Erinnerung schoss Jonathan durch den Kopf. »Die Kinder in Tams Wald haben von einem Mann mit einer Waffe erzählt. Er kam aus einem Koffer.«
»Vielleicht war das ja dieser Thess?«
»Das hoffe ich«, sagte Jonathan. »Wäre ja noch schöner, wenn wir es gleich mit zwei Männern zu tun hätten, die nach Belieben mit Koffern hin und her reisen und mit Waffen herumfuchteln. Ah … Hier.« Er drehte das Buch in Averys Richtung. »Thess. Danser Thess. Hier steht, er sei in Phaetons Handelsposten Strangeworlds-Hüter gewesen, als Vorgänger von Mr Maskelyne. Ich war erst kürzlich dort.« Er fuhr sich über den Hinterkopf in Erinnerung an den Schmerz – den Sturz auf die Felsen, die verlassene Gebirgslandschaft, in der weit und breit kein Handelsposten zu sehen gewesen war. »Da war nichts, nur noch Schnee und Gestein, der komplette Posten ist verschwunden. Und im Register steht nichts darüber, wohin Thess danach gegangen ist.«
Avery beugte sich vor. »Die Quicksparks haben offenbar gehört, er würde herumerzählen, dass er jetzt das Haus am Horizont hütet.«
»Wenn das so ist, hätte er sich auch mal bei mir melden können«, sagte Jonathan. »Hier steht, der Kontakt zum Haus am Horizont sei verloren …«
»Schon wieder jemand, der verschwunden ist«, sagte Avery nachdenklich. »Oder vielleicht nicht verschwunden, sondern eher untergetaucht? Wie kommt man überhaupt an einen Ort, der immer am Horizont liegt?«
Jonathan runzelte die Stirn. »Moment mal – das Haus ist immer am Horizont? Also wenn man sich drauf zubewegt, rückt es ständig von einem weg?«
»Genau. Man kann es sehen, aber nie erreichen.«
»Aber die Gesellschaft muss eine Methode gewusst haben, wie man dahin gelangt. Es ist ein Außenposten – bestimmt werden da auch Koffer gelagert. Es muss einen Koffer geben, mit dem man dorthin reisen kann. Außer, jemand hat den Koffer entfernt …« Er schaute nach oben, dorthin, wo ein leeres Fach klaffte – von der Stelle hatte Jonathans Vater Daniel Mercator einen Koffer herausgezogen, kurz bevor er verschwunden war.
»Also … wollen wir versuchen, dorthin zu reisen?«, drängte Avery.
Jonathan rieb sich über die Stirn. »Vielleicht. Einen Versuch ist es wohl wert. Ich habe zwar keinen Schimmer, wo der richtige Koffer sein könnte, aber wir können uns ja gleich morgen Früh auf die Suche machen. Zu dritt dauert es bestimmt nicht so lange.«
»Zu dritt?«, wiederholte Avery verblüfft.
»Oh ja.« Jonathan grinste. »Hatte ich das noch nicht erwähnt? Ich habe ein neues Mitglied für die Gesellschaft rekrutiert.«
Um Punkt zehn Uhr erreichte Flick Strangeworlds.
Es war großartig gewesen, allein aus dem Haus gehen zu können, ohne Freddy, ohne Eltern.
Flick war so gut drauf, dass sie den ganzen Weg am liebsten hüpfend zurückgelegt hätte. Sie grinste beim Anblick der vielen Leute, die achtlos am Reisebüro vorbeihasteten, als wäre es gar nicht da. Sie sahen zwischen dem Secondhand-Buchladen auf der einen Seite und der Kirche auf der anderen Seite hin und her, ohne dem Reisebüro Beachtung zu schenken. Natürlich verirrte sich schon mal der eine oder andere Kunde auch ins Strangeworlds – nicht alle Menschen übersahen es komplett. Aber es gab nicht viele Menschen wie Flick und Jonathan, die die Gabe besaßen, Magie zu sehen.
Das grellrote Ladenschild des Reisebüros schrie den Namen des Geschäfts geradezu hinaus. Die goldenen Buchstaben glänzten dermaßen, dass Flick sich fragte, ob Jonathan sie seit ihrem letzten Besuch vielleicht poliert hatte (obwohl sie sich kaum vorstellen konnte, dass er eine Leiter hochklettern oder überhaupt irgendwas Handwerkliches tun würde). Flick sah auf den abgewetzten roten Aufnäher, den sie mit Sicherheitsnadeln an ihrem Ärmel befestigt hatte – ein aufgesticktes goldenes Vergrößerungsglas, dessen Linse von einem gezackten Blitz durchzogen wurde. Eine Welle Stolz durchflutete sie. Es war, als würde sie endlich wieder nach Hause kommen.
Sie drückte die Tür auf und trat ein.
»Siehst du, ich bin pünktlich, genau wie ich’s …« Wie vom Donner gerührt brach sie ab.
Denn nicht Jonathan saß am Schreibtisch, sondern ein Mädchen, das etwa in Flicks Alter war. Ihre kurzen schwarzen Haare standen vorn so weit ab, als hätte sie gerade in eine Steckdose gefasst, und sie war komplett in Schwarz gekleidet. Sie hatte ein rundes Gesicht und dunkle Augen, mit denen sie Flick nun argwöhnisch musterte.
»Kann ich dir irgendwie helfen?«, fragte sie in einem Tonfall, der Flick seltsam bekannt vorkam.
»Ähm …« Auf einmal wurde Flick bewusst, dass sie das Mädchen wohl ziemlich merkwürdig anstarrte, als wäre es ein entflohenes Tier aus dem Zoo. »Ich suche eigentlich Jonathan …«
Sofort hellte sich die Miene des Mädchens auf. »Oh! Okay!« Sie kam auf Flick zu und streckte ihr die Hand hin. »Ich bin Avery Eldritch«, sagte sie. »Wir kennen uns noch nicht.«
»Ich bin Flick«, sagte Flick und schüttelte flüchtig die Hand. »Ich helfe hier aus …«
»Im Strangeworlds?«
»Ähm … ja?«
»Tatsächlich …« In Averys Gesicht war deutlich abzulesen, dass sie ihr nicht glaubte.
Wortlos starrten die beiden Mädchen einander an. Irgendwie erinnerte Avery Flick an die Mädchen von der Lawrence Academy, ihrer alten Schule, die ganz plötzlich verstummten und darauf warteten, dass man etwas sagte. Und wenn man dann endlich irgendwas sagte, lachten sie einen aus. Also schwieg Flick, schwieg und presste die Lippen aufeinander, damit ihr bloß kein einziges Wort entschlüpfte.
»Jonathan hat gar nicht erzählt, dass er eine Assistentin hat«, sagte Avery schließlich.
»Ich bin nicht seine Assistentin. Ich bin …« Ob sie diesem Mädchen gegenüber die Strangeworlds-Gesellschaft erwähnen durfte? Ja, bestimmt, sonst hätte ihr Jonathan doch nicht die Aufgabe übertragen, auf den Laden aufzupassen. Auf einmal wurde Flick richtig wütend. Jonathan hatte sie einfach ersetzt! Nach ein paar Wochen schon! Dabei hatte er im Supermarkt so getan, als wollte er sie unbedingt zurückhaben. War das nur gespielt gewesen? Hatte er sie etwa schon wieder angelogen?
Da wurde ihr bewusst, dass sie ihren Satz noch gar nicht zu Ende gesprochen hatte, und sie spürte, wie ihre Wangen rot wurden. »Ich bin eine …«
Avery zog die Augenbrauen hoch. »Eine was?«
Zum Glück kam Jonathan genau in diesen Moment herein. »Ah, Felicity«, sagte er, als wäre nichts Ungewöhnliches passiert, und versuchte, einen Manschettenknopf an seinem Ärmel zuzumachen. »Schön, dass du gekommen bist. Wie ich sehe, hast du meine Cousine Averina bereits kennengelernt.«
Jetzt zog Flick die Augenbrauen hoch. »Cousine? Hast du nicht mal erzählt, du hättest keine Familie mehr?«
»Ja, du Naseweis. Sie ist ja auch keine richtige Cousine. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat vor langer Zeit mal ein Mercator jemanden aus Averinas Welt geheiratet.« Er sah Avery an. »Mein Urgroßonkel ist dein Ur-Ur-Urgroßvater oder so …?«
»Irgendwas in der Art.« Avery zuckte mit den Schultern. »Früher«, begann sie Flick zu erklären, »als die Strangeworlds-Gesellschaft noch überall vertreten war, in so ziemlich jeder Welt, die du dir nur vorstellen kannst, da haben die Mitglieder nicht nur Forschungsarbeit betrieben. Sagen wir mal, es gibt außer mir noch etliche andere, die mit Jonathan und seinem Reisebüro blutsverwandt sind.«
Flick spürte, wie sie schon wieder rot anlief. »Oh.«
