Stromboli - Anna Johann - E-Book

Stromboli E-Book

Anna Johann

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Beschreibung

Ist sie von der Nisomanie, der Inselsucht, befallen, oder wie soll Franziska Heiden sich die Faszination erklären, die diese Vulkaninsel Stromboli in der Nähe von Sizilien auf sie ausübt. Und wie die Gefühle für einen Mann, dem sie dort begegnet und der so ganz und gar nicht zu ihrem bisherigen Leben passt.

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Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Franziska Heiden, Schauspielerin, ist durch den Tod ihres Ex-Mannes stärker betroffen, als sie es erwartet hatte, glaubte sie doch, sich nach der Trennung schon längst von ihm verabschiedet zu haben. Um ihr seelisches Gleichgewicht wieder ins rechte Lot zu bringen, rät ihr ihre Freundin Anna, ein paar Tage nach Stromboli zu fahren, einer Vulkan-Insel in der Nähe von Sizilien, die ihr auch schon oft in schwierigen Zeiten geholfen habe.

Auf Stromboli angekommen, ist sie zunächst absolut nicht davon überzeugt, dass dieser Rat eine gute Idee war. Die Umgebung wirkt auf sie bedrohlich, sie empfindet sie als zu hart, zu fordernd. Doch Tag für Tag frisst sich diese Insel mehr und mehr in ihre Seele. Und nicht nur das. Sie begegnet auch einem Mann, der in ihr Gefühle hervorruft, die sie so vorher noch nicht kannte. Doch was soll daraus werden? Ihrer beider Leben könnte verschiedener nicht sein. Außerdem wartet zu Hause jemand auf sie, mit dem sie schon sieben Jahre lang eine Beziehung hat und den sie zu lieben glaubt.

Zurückgekehrt in ihr alltägliches Leben, das für sie beruflich durchaus eine höchst erfreuliche Entwicklung nimmt, beschäftigt sie dennoch die Frage: fahre ich zurück oder nicht? Wie wird sie sich entscheiden?

Anna Johann hat mehrere Jahre an verschiedenen Theatern als Dramaturgin und Regisseurin gearbeitet, bis sie sich entschloss, das Schreiben zu ihrem Hauptberuf zu machen. Sie hat Theaterstücke und Hörspiele geschrieben, Filme von Margarethe von Trotta und Woody Allen für die Bühne bearbeitet. Im S.Fischer Taschenbuchverlag sind sechs Bücher von ihr erschienen. Sie lebt als freie Autorin und Übersetzerin die meiste Zeit des Jahres auf der Insel Stromboli. Ihr neuester Kriminalroman: „Tödliches Maskenspiel“ ist im Februar 2020 beim Gmeiner Verlag erschienen.

Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, kein Schlag in die Magengrube und die jähe Erkenntnis, diesen Ort habe ich schon immer gesucht. Das war es ganz und gar nicht. Wie es so oft geschieht, wenn mir jemand von seinem ganz persönlichen Paradies vorschwärmt, entstehen Bilder in meinem Kopf, entwickele ich eine Vorstellung, die zur Enttäuschung wird, wenn die Realität eine ganz andere ist als erwartet.

Von ihm hatte mir niemand erzählt, von ihm hatte ich keine Vorstellung. Aber auch hier kein Blitz des Erkennens. Der kam erst später an einem Tisch mit einer Wachstuchtischdecke in einer kleinen Küche unter der lauen Glocke eines südlichen Himmels, im August auf dieser Insel. Ich sah seine Hand, diese Hand mit der festen, glatten Innenfläche, von der ich einmal nicht genug bekommen konnte, was ich an diesem Abend aber noch nicht ahnte.

Den Moment anhalten, ihn einfrieren, damit genügend Zeit bleibt, mir alles ganz genau einzuprägen, bevor er Vergangenheit ist.

Ein Morgen, ein sehr früher Morgen, eigentlich noch Nacht. Eine sehr stille Nacht. Nur das Motorengeräusch ist zu hören. Das Schiff gleitet ganz sanft über das nahezu reglose Meer. Ich stehe an der Reling und schaue auf die Wasseroberfläche – Nachtblau und schwarz, unterbrochen von dem hellen Kamm der Bugwelle, die in unendlichen Wiederholungen keilförmig vom Rumpf wegläuft, vom Licht der Schiffsscheinwerfer matt beleuchtet.

Um mich herum ein Schwarz, das körperlich spürbar ist, sich grenzenlos ausdehnt. Nirgendwo ein Licht, auch nicht in der Ferne. Aber wenn ich den Kopf hebe, wird aus diesem Schwarz ein funkelnder, strahlender Sternenteppich.

Diese Unendlichkeit über mir, diese unergründliche Tiefe unter mir, sind nicht gerade dazu angetan, dass ich mich besser fühle. Wieso besser – ich fühle mich doch nicht schlecht – erschöpft, leer im Innern – mehr nicht. Kein Wunder nach Monaten intensiver Arbeit. Ein schwieriger Regisseur, der mir den letzten Nerv raubte. Empfindlich und uneinsichtig. Eine brisante Mischung. Ich zweifelte an meinem Können, meinem Talent, meiner Intelligenz, meiner fachlichen Kompetenz, stellte meinen Beruf grundsätzlich in Frage. Und dann an einem Morgen vor fünf Tagen der Anruf von Sophia: „Papa ist tot.“

Ich war auf den Schock nicht vorbereitet. Ich dachte, ich sei es, das heißt, ich hatte überhaupt nicht gedacht. Zu diesem Mann, den ich vor langer Zeit einmal sehr geliebt hatte, der der Vater meiner Kinder war, gab es schon seit über zehn Jahren kaum noch Kontakt. Ich hatte schon lange Abschied von ihm genommen. Dachte ich.

Was für ein Irrtum. Durch seinen Tod brach ein wichtiges Stück meines Lebens weg. Es gab keinen Zeugen mehr für die damalige Unbekümmertheit, die Gewissheit, dass diese Liebe ewig dauern werde. Keiner, der mir mehr sagen konnte, erinnerst du dich noch, keiner, den ich mehr fragen konnte, weißt du noch?

Obwohl wir das schon lange nicht mehr gefragt hatten. Aber das war damals unsere Entscheidung gewesen und jetzt gab es nichts mehr zu entscheiden. Es war zu Ende.

Ich bekam einen Heulkrampf. Er dauerte Stunden. Davon habe ich mich bis heute noch nicht ganz erholt.

Fahr auf die Insel, sagte meine Freundin Anna. Das wird dir helfen. Sie ist ein wahres Seelenpflaster.

Was für ein Wort. Und kaum passend für diesen Ort, dem wir uns langsam im trüben Morgenlicht nähern. Ein schwarzer Kegel hebt sich in dem diffusen Grau des Himmels von der Wasseroberfläche ab. Schwere Wolken hängen über ihm, hocken auf ihm. Dunkel und abweisend. Hin und wieder schiebt sich ein schwaches Rot von unten in das wabernde Gewölk. Die Felsen am nahenden Ufer schwarz und schwarz der Sand. Ich weiß nicht, welcher frühkindlichen Prägung ich es verdanke, dass eine Insel für mich unabdingbar mit weißem Strand und wehenden Palmen verbunden ist. Gut, weiß sind die Kuben der Häuser und Palmen gibt es auch. Aber die entdecke ich erst später. Jetzt möchte ich am liebsten erst gar nicht aussteigen. Was soll ich hier? Es ist keine gute Zeit, es ist nicht die richtige Zeit. Ich hätte nicht fahren sollen. Nichts stimmt. Weder meine seelische Verfassung, noch der Ort. Fremd. Heiß. Unerträglich. Der Sand zu schwarz, die Felsen zu kantig, der Vulkan zu bedrohlich. Das ist keine Insel für mich.

Die Menschen, die mit mir hinausdrängen, scheinen alle ein Ziel zu haben. Lautstarke Begrüßungen, Rufe, Winken, freudige Umarmungen.

Diese typischen dreirädrigen Fahrzeuge, die die Italiener „Ape“ nennen, mit Hotelnahmen auf den Türen werden mit Koffern vollgeladen. In Elektrokarren, die ich in Filmen nur auf Golfplätzen habe herumfahren sehen, auf deren Dach das Schild „Taxi“ steht, steigen fröhliche, auf Urlaub gestimmte Menschen ein. Nur mich scheint keiner wahrzunehmen.

Panik steigt in mir auf. Ich will weg, zurück auf das Schiff, irgendwo anders hin, nur nicht auf dieser verdammten Insel sein. Doch der Dampfer legt gerade wieder ab.

Es hat so etwas unwiderrufliches, wenn das Wasser aufschäumt und der Abstand zwischen dem weißen Heck und der grauen Mole immer größer wird. Ich komme mir sehr verlassen vor, wie ich da so alleine mitten in diesem fröhlichen Treiben stehe. Irgendetwas muss ich tun. Es fällt mir nicht ein, was. Vielleicht erst einmal einen Kaffee trinken. Also ziehe ich meinen Koffer zu den runden Tischen, die vor einer Bar stehen, die schräg gegenüber der Anlegestelle liegt.

Und dann fängt es auch noch an zu regnen. Was hatte Anna gesagt? Wenn du ankommst, wird gerade die Sonne über dem Meer aufgehen und dieses Farbenspiel ist überwältigend. Ja, ich bin überwältigt, von der Trostlosigkeit des Augenblicks. Ich sitze auf einem weißen Plastikstuhl unter einer verwaschenen Markise und warte auf einen Menschen, der mich abholen soll. Der habe den Schlüssel, hieß es und wisse Bescheid. Aber es kommt kein grauhaariger Mann mit einer dreckigen Kapitänsmütze auf mich zu.

Ich sitze da, sehe zu, wie das Meer von Blau ins Grau wechselt, wie die Wolken immer tiefer auf das Wasser sinken, wie der Regenschleier immer dichter wird und beobachte die Tropfen, die durch das dünn gewordene Gewebe über mir mit leisem Klatschen auf meinen Tisch fallen.

Ich kenne das Geräusch. Es erinnert mich. Damals saß ich auch unter einer Markise. Sie war nicht aus einem blassen Grün, wie die jetzt über mir. Sie war rot-weiß gestreift. Und es war auch nicht am Meer, sondern in einer Straße in einer Stadt.

In einer ziemlich großen Stadt. Und ein mir wildfremder Mensch am Nebentisch sagte zu mir: "Sie dürfen ruhig ein bisschen näherkommen. Hier ist es noch trocken."

Ich bin näher gerückt und blieb nahe. Viele Jahre lang. Und jetzt ist dieser Mensch tot, der mir so nahe war und dann so fern wurde. Wie kann so etwas passieren? War die Nähe eine Lüge? Von Anfang an? Oder hat sie sich verflüchtigt? Einfach so? Weil wir nicht aufgepasst haben. Weil wir sie für zu selbstverständlich hielten? Uns deshalb nicht mehr um sie gekümmert haben?

Und jetzt ist davon nur eine vage Erinnerung geblieben und die Trauer, das Gefühl, etwas Unwiederbringliches verloren zu haben.

Der Schmerz überfällt mich unverhofft. Dass er so stark sein kann. Nach so langer Zeit. Wir glaubten doch, so souverän damit umgehen zu können. So ist das Leben, verkündeten wir gefasst. Und jetzt reicht das Geräusch von Regentropfen, um ihn so intensiv zu spüren.

"Franziska"!"

Jemand ruft meinen Namen. Unter einem Regenschirm kommt ein unbekannter Mann auf mich zu. Obwohl so ganz unbekannt auch wieder nicht. Das Gesicht habe ich schon mal gesehen, glaube ich. Aber wo? Und wann?

"Entschuldige, entschuldige. Ich habe verpennt. Es ist gestern Abend etwas später geworden. Anna hat Gott sei Dank angerufen und mich geweckt. Sie wollte wissen, ob Du gut angekommen bist. Sie hat versucht dich zu erreichen. Aber das hat nicht geklappt."

Natürlich nicht. Ich wollte mich ja auf dieser Reise einmal komplett ausklinken aus der Welt. War vielleicht doch keine so gute Idee das Handy auszuschalten.

"Verzeihung. Aber ich weiß im Moment nicht…"

"Jetzt sag bloß, du erkennst mich nicht. Jakob, Annas Bruder."

"Mein Gott, ja. Aber wir haben uns unendlich lange nicht mehr gesehen. Du warst wesentlich jünger damals."

Was für ein blöder Satz. Aber ich bin irritiert. Wieso ist er hier?

"Stimmt. Du auch." Er lacht. "Die kleine Pest hast du mich immer genannt. Obwohl so klein war ich bei unserem letzten Zusammentreffen auch nicht mehr. Immerhin schon fünfzehn Jahre alt."

"Aber benommen hast du dich wie ein Neunjähriger."

"Nur weil ich dich die ganze Zeit mit Papierkügelchen beworfen habe? Ich fands lustig."

"Ja. Du schon. Wie lange ist das jetzt her?"

"Schlichte zwanzig Jahre. Wir haben Einiges nachzuholen. Aber komm, jetzt gehen wir erst einmal zum Haus."

Anna hatte von einem leeren Haus gesprochen. Aber, wie ich sehe, das Haus ist nicht leer. Jakob und seine Freundin sind noch da. Sie konnten nicht wie geplant letzte Woche abreisen, weil Sturm war, und das Schiff und kein „Aliscafo“ anlegen konnten.

"Unser Flug war sowieso weg, da haben wir kurz entschlossen noch ein paar Tage drangehängt. Das macht dir doch sicher nichts aus."

Und ob es mir was ausmacht. Darauf bin ich im Moment ganz und gar nicht eingestellt, mit wildfremden Menschen Tag und Nacht zusammen zu leben.

"Es wird ein bisschen eng. Aber kein Problem. Wir kriegen das hin."

Das sagt sich so leicht.

Der Regen gibt sich immer noch Mühe und jetzt kommt auch noch Wind auf. Der kleine Schirm, den Jakob mitgebracht hat, ist mehr Dekoration als Schutz. Bald sind wir triefend nass.

Bei diesem Wetter kann ich auf dem Weg unter dem unnützen Regendach kaum etwas erkennen, nur dass wir erst ein Stück direkt am Meer entlang gehen, und dann weiter durch eine sehr schmale Gasse, die rechts und links von weißen Wänden eingegrenzt ist. Jakob redet und zieht meinen Koffer hinter sich her. Glücklicherweise erwartet er keine Reaktion von mir. Ein "Ach" oder "Aha" reichen ihm völlig aus.

Mir ist nicht nach Reden. Ich bin ärgerlich, wütend auf mich, dass ich mich auf diese Schnapsidee eingelassen habe.

Einsame Insel – Ruhe – Kontemplation - das Leben neu sortieren, - endlich Abschied von der Vergangenheit nehmen, was ich, wie ich zu meinem Erstaunen feststellen musste, noch nicht getan hatte. Geglaubt, es getan zu haben, was offensichtlich nicht stimmte. Wieso sollte mir das ausgerechnet hier gelingen?

Die Vorstellung sobald wie möglich wieder abzureisen, nimmt immer verführerischere Züge an. Doch dann trifft mich ein Duft, schwer und süß. Es muss eine mir bis dahin unbekannte Pflanze sein. Und ich rieche das Meer, sauber und klar. Dazwischen etwas leicht Metallisches, vielleicht der Kalk der Häuser. Diese Mischung ist … ja, was? Immer mein Bemühen, das richtige Wort zu finden, den treffenden Ausdruck, anstatt einfach nur da zu sein und mich an dem zu freuen, was ich sehe, rieche, höre, schmecke, fühle.

Zeit meines Lebens haben mich Wörter fasziniert, konnte ich von Geschichten nie genug bekommen, wollte auch immer selber welche schreiben. Als die erste Geschichte von mir in der Zeitung erschien, "Hochzeit bei Familie Blaumeise", war ich elf Jahre alt. Weitere hoch literarische Ereignisse sind mir nicht passiert. Aber ich habe das Richtige gefunden. Als Schauspielerin kann man mit den Worten spielen. Ich muss sie nicht erfinden. Sie sind schon geschrieben. Trotzdem ist da noch so ein winziger Wunsch in mir, es vielleicht doch einmal zu versuchen, selbst etwas finden, zu erfinden und scheue doch davor zurück. Alle diese abgenutzten Worte, alles doch schon einmal tausendfach beschrieben. Für belanglose Dinge fallen mir viele Begriffe ein, aber nicht für Schönheit, Trauer, Leid, Liebe, Tod. Ich fürchte, dass ich den Wert vermindere, wenn ich nicht den richtigen Ausdruck finde. Aber ich muss es benennen, genau beschreiben, damit ich es verstehe, wenigstens eine Ahnung davon bekomme, weil so viel davon abhängt. Wenn ich es nicht mit Worten festhalten kann, könnte es sich verflüchtigen, für immer verschwinden.

Ihm will ich einen Namen geben. Nicht einen. Hunderte. Seiner Haut, wie sie sich anfühlt, seinem Geruch, der mich an die Sommerwiesen meiner Kindheit denken lässt, der Farbe seiner Augen, seiner Stimme, die mich einhüllt wie ein weicher, warmer Mantel.

Seinen blonden, leicht gelockten Haaren, die an der Stirn schon etwas zurückweichen, seinem schiefen Lächeln, seinem kantigen Gesicht, dem kräftigen Oberkörper, seinen Beinen. Sie müssen mich besonders beeindruckt haben.

Als ich die Insel verlassen hatte und in London an einer Ampel wartete, stand vor mir ein Mann in kurzen Hosen, die ihm viel zu eng waren und jedes Fettpolster abzeichneten. Aber seine Waden hatten die gleiche Form wie seine.

Ich bin diesem Menschen drei Straßenzüge gefolgt. Ich konnte mich nur schwer von diesen Waden trennen.

Wie soll ich das nennen? Liebe doch wohl nicht. Oder doch? Vergreife ich mich an dem Gefühl, wenn ich ihm einfach einen Namen gebe, ohne es begriffen zu haben.

Es wird etwas eng, hatte Jakob gesagt. Das ist schonend umschrieben. Anna hatte immer von einer Villa am Meer erzählt, also hatte ich ein Bild von weitläufigen Räumen, säulengestützten Balkonen, breiten Treppen und kiesbestreuten Pfaden durch eine üppig blühende Vegetation im Kopf. Sie muss es wohl ironisch gemeint haben. Es ist schlicht und einfach ein kleines Häuschen, in der für diese Gegend typischen Form eines Kubus. Das Erdgeschoss sollte schon vor längerer Zeit ausgebaut werden. Kostet allerdings einiges und so einfach kann man auch nicht drauf los bauen. Dazu braucht man ein sogenanntes "progetto" und das kann Jahre dauern. Also ist unten immer noch ein ein kleines "magazzino“ und ein altes, halb verfallenes "palmento", auf Deutsch: eine Weinkelter.

Hoffentlich bricht das Ganze nicht zusammen. Die Deckenbalken sehen schon sehr betagt aus. Aber daneben gibt es ein kleines, ganz neues Bad. Blinkende Wasserhähne, matt-weiße Fliesen an den Wänden, auf dem Boden schöne, große Kacheln, verziert mit einem blütenähnlichen Muster in beige, braun und grün.

Eine schmale weiße Treppe führt hinauf in den ersten Stock auf eine Terrasse. Durch eine blau gestrichene Tür kommt man in den Wohnraum. In der Ecke ein Schrank, der Tür gegenüber unter dem Fenster steht ein Tisch mit vier Stühlen. Rechts kommt man in die Küche, in der man kaum aufrecht stehen kann. Auf einer Anrichte sehe ich einen Zweiflammengasherd, an der anderen Wand ein niedriges Regal mit buntem Geschirr aus Keramik, darunter ein Kühlschrank.

Links geht es ins Schlafzimmer, auch nicht sehr groß, aber breit genug für ein altertümliches, überdimensionales Himmelbett, eine weiß gestrichene Kommode und einen alten Kleiderschrank mit knarrenden Türen wie in einem Spukschloss, der stark nach Mottenpulver riecht. Das ist die ganze luxuriöse Einrichtung.

Doch das Fenster an der Stirnwand, mit einem kleinen Balkon davor, geht direkt zum Meer hinaus. Am Ufer schwere Felsengebirge, dazwischen der schwarze Sand. Fremd, ungewohnt. Und alles umspült von der Gischt der landeinwärts laufenden Wellen. Dieses Geräusch. Ich werde Tage damit zu tun haben, um herauszufinden, wie ich diesen Laut beschreiben kann, wenn die Welle sich nähert, umschlägt und dieses Gurgeln der Steine, die das Wasser beim Anlanden aufgefangen hat und wieder abgibt, wenn es zurückläuft.

Ich sehe mich um.

"Wo soll ich schlafen?"

"Na, hier. Wir zu Dritt." Jakob zeigt auf das Himmelbett. "Ist doch breit genug."

Breit? Ja. Genug? Nein. Ich habe selbst meine Kinder nicht mit in mein Bett genommen, mich an ihr Bettchen gesetzt, wenn sie krank waren oder, als sie größer wurden, mich zu ihnen gelegt. Und jetzt soll ich hier dicht an dicht mit fremden Menschen schlafen.

"Ich weiß nicht, ob das gut ist. Ihr wollt doch sicher gerne allein sein. Ich sollte besser in ein Hotel gehen."

"Kommt nicht in Frage. Das würde Anna uns nie verzeihen. Schließlich haben wir die ganze Planung umgeschmissen. Und Eva hat es auch gerne ein bisschen kuschelig."

Danach sieht sie nicht gerade aus. Ihr hübsches, junges Gesicht ist mürrisch. Sie sagt wenig, als wir zusammen beim Frühstück sitzen. Umso mehr redet Jakob.

Wie es aussieht, versucht er gut Wetter zu machen. Aber so wie er es tut, scheint es mir nicht der richtige Weg zu sein. Es ist sehr viel von: weißt du noch, damals, als wir dies und das gemacht haben, die Rede. Nichts ist für einen Dritten langweiliger als Erzählungen zuzuhören, die mit den eigenen Erinnerungen nicht das Geringste zu tun haben. Man war ja nicht dabei, sondern, wie in diesem Fall, gerade mal im Vorschulalter.

Und ich kann ich mich auch kaum an all diese Ereignisse erinnern. Er war wirklich früher für mich nur die kleine Pest, die störte.

"Ich war damals unglaublich scharf auf dich."

Jetzt bin ich verblüfft.

"Auf mich? Ich bin acht Jahre älter als du. Du warst noch ein Kind."

"Beleidige die Gefühle meiner Jugend nicht. Dass du älter warst, machte ja gerade den Reiz für mich aus.

Und so schlecht hast du damals nicht ausgesehen…

Also, ich meine …" jetzt fängt er doch tatsächlich an zu stottern. "Entschuldige, natürlich siehst du heute auch noch ganz gut aus."

Jetzt schaut er mich an wie ein um ein Stück Salami bettelnder Dackel. Flirtet der etwa mit mir. Was soll das? Ich bin Anfang vierzig und er bleibt Zeit meines Lebens acht Jahre jünger.

Eva steht abrupt auf.

"Ich geh ein bisschen spazieren. Dann könnt ihr ungestört von früher erzählen."

Das "früher" klingt ein bisschen spitz. Sie läuft die Treppe runter und wir zwei schauen uns etwas ratlos an. Jakob zuckt mit den Schultern.

"Dann gehe ich wohl besser mal und bring ihr einen Schirm."

Klugerweise greift er nicht nach dem unnützen Teil, das noch klatschnass schlapp vor der Tür auf dem Boden liegt, sondern nimmt sich aus dem Winkel neben dem Schrank einen blau-karierten Stockschirm, der eher danach aussieht, als könnte er seinen Zweck erfüllen.

„Bis später.“

Ihn lernte ich gleich am ersten Abend kennen, obwohl kennenlernen nicht die richtige Vokabel ist. Gesehen, trifft es eher. Kurz gesehen.

Er hat damals keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. An diesem Abend noch nicht.

Es hat den ganzen Tag durchgeregnet. Meinen Koffer habe ich erst gar nicht ausgepackt. Denn hier kann ich auf keinen Fall bleiben. Dass ich hier unerwünscht bin, spüre ich nur allzu deutlich. Hoffentlich ist in dem Hotel am Hafen oder sonst in einer Pension noch ein Zimmer frei. Schließlich ist "ferragosto", die Woche um Maria Himmelfahrt. Da ist ganz Italien in den Ferien und die Insel platzt aus allen Nähten. Das weiß ich von Anna.

Wenn die beiden zurückkommen, werde ich mit ihnen reden. Ich hoffe, Jakob kann mir bei meiner Suche nach einem anderen Quartier behilflich sein. Schließlich kommt er schon seit Jahren hierher und wird sicher den ein oder anderen kennen, der Zimmer anbietet.

Ich weiß nicht, wie lange ich am Fenster gestanden und aufs Meer geschaut habe. Das Wasser, seine Farbe am Horizont tief schwarz geht über in ein Schiefergrau, das näher zu mir heller wird, ins Blau wechselt, kurz vor dem Umschlagen ins Türkis und dann den schwarzen Sand wie weiße Schaumfächer umspült.

Das Bild verschwimmt, sobald der nächste kräftige Regenguss gegen die Scheibe prasselt und zeigt sich wieder klar, wenn das Wasser abgeflossen ist.

Selbst durch das geschlossene Fenster kommt dieser wunderbare Geruch zu mir herein. Dieses Unverfälschte, Reine, Klare.