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Die Pflichtlektüre für angehende Philosophie-Studenten! Dieser praktische Ratgeber liefert Antworten auf die entscheidenden Fragen: Welche Inhalte erwarten mich? Wie finanziere ich mein Studium? Wie strukturiere ich die Semester sinnvoll? Was gilt es bei Auslandssemestern zu beachten? Und was kann man mit einem Philosophiestudium eigentlich alles machen? Zahlreiche Anekdoten geben einen unterhaltsamen Einblick in den Studienalltag. Das gnadenlos ehrliche Buch räumt mit gängigen Klischees auf und bereitet auf den erfolgreichen Abschluss vor. Björn Brodowski hat in Berlin Philosophie und Neuere deutsche Literatur studiert. 2013 hat er seine Promotion an den Universitäten in St Andrews und Aberdeen beendet.
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Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ich danke meinen Studienfreunden Clas, David und Tom. Es wäre schön, wenn wir mal wieder auf dem Tartanplatz an der Bergstraße Fußball spielen könnten.
Dank geht auch an meine Lehrer, besonders an Sven und Crispin.
Besonders dankbar bin ich meiner Mutter, Elisabeth, die mich immer mit ihrer Großzügigkeit und ihrem Humor unterstützt hat.
Dieses Buch widme ich Anna, die mein Glück ist.
Inhalt
1 Einleitung
2 Was ist Philosophie?
Das ist ja schon eine philosophische Frage
Philosophie ist nicht (nur) die Liebe zur Weisheit
Philosophie ist nicht tief und mysteriös
2.1 Hat die Philosophie ein bestimmtes Thema?
2.2 Methoden der Philosophie
2.3 Der Streit der Philosophen
2.4 Die akademische Philosophie ist eine Wissenschaft
Natur- oder Geisteswissenschaft? – Beides!
2.5 Brauchen wir die Philosophie überhaupt?
2.6 Philosophie ist, was Philosophen machen
2.7 Der Philosoph: Ein neugieriger Pedant
2.8 Die wichtigsten Bereiche der Philosophie
2.8.1 Praktische vs. theoretische Philosophie
2.8.2 Metaphysik: Was die Welt im Innersten zusammenhält
2.8.3 Erkenntnistheorie: Was weiß man überhaupt?
2.8.4 Sprachphilosophie und Philosophie des Geistes: Was meinst Du mit »Bedeutung«?
2.8.5 Ethik: Lebst Du richtig?
2.8.6 Ästhetik: Ach, wie schön!
2.8.7 Philosophie der Mathematik: Ist Mathe bloß nützlich oder echte Realität?
2.8.8 Religionsphilosophie: Wie hat sich’s mit der Religion?
2.8.9 Logik: Spock musste da auch durch
2.8.10 Geschichte der Philosophie: Hat es alles schon mal gegeben
Die Geschichte der Philosophie in vier kurzen Absätzen
2.9 Fazit: Die universale Grundlagenwissenschaft
Ist das nicht schwer
?
Genau, das ist nicht schwer
!
3 Das Studium
3.1 Die Wahl der richtigen Uni und die Bewerbung
3.1.1 Wo ist es denn gut?
3.1.2 Die Bewerbung
3.2 Das ABC des Unialltags
3.3 Der Aufbau des Bachelorstudiengangs
3.4 Prüfungen und Leistungsnachweise
3.5 Die Abschlussarbeit
4 Deine Kommilitonen, die »typischen« Philosophiestudenten
5 Das liebe Geld – die Finanzierung des Studiums
5.1 Wie viel braucht man denn ungefähr, was kostet dieses Studieren?
5.2 Finanzierungsmöglichkeiten
5.2.1 Die lieben Eltern
5.2.2 BAföG
5.2.3 Stipendien
Begabtenförderwerke
Private Stiftungen
Deutschlandstipendium
5.2.4 Studentenjobs
6 Neue Bude, neues Glück? Alles rund ums Umziehen und Wohnen
6.1 Das Wohnheimzimmer
6.2 Die Wohngemeinschaft
6.3 Die eigene Wohnung
6.4 Die Lage
7 Unbedingt mal raus aus der Uni!
7.1 Praktika
7.2 Ab ins Ausland
8 »Philosophen werden immer gebraucht« – Deine Berufsaussichten
8.1 Forschung und Lehre
8.2 Lehrer
8.3 Und was wird man sonst?| – Was Du willst!
8.4 Was Philosophen können
Mach Dir früh einen Plan
…
(und rechne damit, ihn wieder über den Haufen zu werfen)
Einige Berufsfelder, in denen Philosophen häufig auftauchen
9 Das Fazit
10 Weiterführende Informationen
(Stand 13. Dezember 2013)
Studieren
Nachschlagen
Recherchieren
Podcasts
Videos
Nichtakademische Philosophiemagazine
Fußnoten
11 Literatur- und Quellenverzeichnis
Literaturquellen
Internetquellen (Stand 13. Dezember 2013)
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Impressum
Als ich Mitte der Neunzigerjahre auf einer Klassenfahrt auf dem Münchner Marienplatz bei den Punk-Kids saß, da hätte ich dieses Buch gut gebrauchen können. Ich hatte mich mit einem der Mädchen unterhalten, die sehr anders waren als die Mädchen in meiner Klasse, und irgendwann fragen merkwürdigerweise auch Punk-Kids, was man denn mal werden will. Ich hatte zwar vorher schon mal behauptet, dass ich irgendwas werden wolle, aber richtig ernst genommen hatte ich das selbst nicht. Und den Leuten, die jetzt um mich rum saßen, konnte ich ja sowieso schlecht von meinen früheren Ambitionen zum Sportreporter erzählen. So was wollte ich mal werden! Dabei ahnte ich wahrscheinlich einfach nur, dass es zum Fußballprofi wohl nicht reichen würde. Aber hier bei diesen interessanten Leuten, an diesem aufregenden Ort, hab ich vielleicht zum ersten Mal bewusst kapiert, dass es wirklich mal auf so etwas hinauslaufen könnte: etwas werden. Und als Kind der Provinz bekommt man beim ersten Besuch in der großen Stadt auch leicht ein Gefühl dafür, dass da so einiges möglich sein könnte. Ich hatte – ich weiß gar nicht mehr, wie ich darauf gekommen war – in den Wochen zuvor in den Sachen von Sartre und vor allem Camus herumgelesen. Und noch nicht mal die Hälfte verstanden. Aber dieses existentialistische Zeug war irgendwie neu und aufregend. Und vielleicht weil ich so high war von der Stadt und ihren Punks und den Möglichkeiten im Leben und den beeindruckenden französischen Gedanken, habe ich einfach mal so gesagt, dass ich Philosoph werden will. Und dann bin ich das geworden. Wahre Geschichte.
Dieses Buch hätte ich damals auf dem Marienplatz gut gebrauchen können, weil ich im Grunde so gut wie keine Vorstellung davon hatte, was das ist, »dieses Philosophie«. Und die vagen Ideen, die ab und zu darüber in meinem Kopf auftauchten, sollten sich im Laufe der Jahre als mehr oder weniger falsch erweisen. Jedenfalls hatte mein Philosophiestudium, das ich ein paar Jahre später in Berlin begann, dann nicht mehr viel mit dem zu tun, was meine grandiose Behauptung motiviert hatte. Ich hatte nie ein Seminar über Camus oder Sartre (gab es zwar, aber hatte ich irgendwie hinter mir, fand ich) und die Arbeit an der Philosophie hatte eigentlich auch mehr mit trockener Disziplin am Schreibtisch und weniger mit genialischen Unterhaltungen im Kaffeehaus zu tun, wie ich es mir in meinen aufgeregten Münchner Vorstellungen ausgemalt hatte. Statt über die Bedingungen der menschlichen Existenz in der Moderne zu sinnieren, hatte ich erst mal genug damit zu tun, die Bedingung der Existenz von überhaupt irgendwas auch nur im Ansatz zu begreifen. Damit war ich vom französischen Existentialismus ziemlich direkt zur Logik gewechselt. Und der Unterschied hätte größer nicht sein können. Ungefähr so wie der zwischen Café de Flore und Mathestunde. Am Ende arbeitete ich an der metaphysischen Kategorie des Modalen. Noch abstrakter. Ich wollte verstehen, nicht was es heißt, dass etwas existiert, sondern was es bedeutet, dass etwas im allerweitesten Sinne bloß möglich oder aber notwendig ist.
Sowohl davon, was die inhaltlichen Themen sein würden als auch wie das Studium aussehen würde, hatte ich damals in München eigentlich keinen Schimmer. Und trotzdem kam es noch mal anders als erwartet. Genau aus diesem Grund hätte ich ein Buch wie dieses damals brauchen können. Ich weiß nicht, ob ich dann überhaupt noch Lust auf ein Philosophiestudium gehabt hätte. Wenn ich mir mein damaliges Ich vorstelle, vermute ich: vielleicht nicht. Es ist zwar bei mir alles gut gegangen, aber das hatte, da mache ich mir nichts vor, auch viel mit Glück zu tun. Denn am besten fällt man seine Entscheidungen auf der Basis aller zur Verfügung stehenden Informationen. Diese Informationen, die ich damals nicht hatte, werde ich versuchen, Dir in den nächsten Kapiteln mit auf den Weg zu geben.
Meine Situation vor dem Studium scheint exemplarisch für die Erfahrung vieler junger Leute zu sein, die sich für die Philosophie interessieren. Sie ist das Fach mit der mit Abstand höchsten Abbrecherquote. Ungefähr dreißig Prozent aller Studienanfänger1aller Fächer brechen vor dem Abschluss ab. In der Philosophie sind es konstant um die neunzig Prozent!2Von zehn Leuten, die zu Beginn des Studiums in einem Tutorium sitzen, bleibt am Ende also im Durchschnitt einer (!) übrig und macht seinen Abschluss in Philosophie. Was geht da schief?
Meiner Erfahrung nach schmeißen die meisten zwar nicht, wie es vielleicht vernünftiger wäre, gleich im ersten oder zweiten Semester, aber doch ziemlich früh das Handtuch. Ich befürchte, dass viele einfach nicht wirklich wissen, was es mit der Philosophie auf sich hat. Sie wissen nicht, was sie erwartet, und werden dann von der Realität eines Philosophiestudiums sehr schnell desillusioniert. Deshalb vermute ich, dass der Hauptgrund für die unfassbare Abbrecherquote in der Philosophie eine Mischung aus fehlenden Informationen und falschen Vorstellungen über das Studium und das Fach der Philosophie ist. Da ich Dir mit diesem Buch ein bisschen dabei helfen möchte, diese Erfahrung zu vermeiden, hat es bewusst einen ganz bestimmten Fokus: Den meisten Raum des Buches werde ich im ersten Teil darauf verwenden, Dir einen Eindruck davon zu vermitteln, was Philosophie heutzutage im akademischen Betrieb überhaupt ist. Darüber herrschen wahrscheinlich die größten Missverständnisse. Zunächst werde ich Dir einige allgemeine Überlegungen dazu vorstellen, was Philosophie heutzutage bedeutet (und was nicht) und Dir dann einen knappen Überblick über die wichtigsten Themengebiete, die momentan in der Philosophie behandelt werden, geben. Da die Philosophie das wahrscheinlich am breitesten aufgestellte Fach ist, das es an der Universität gibt, wird dieser Überblick, obwohl ich extrem komprimiere, nicht gerade kurz.
Im zweiten Teil wende ich mich dann eher praktischen Aspekten des Studiums zu. Was solltest Du vorher machen, wie sieht das Bachelorsystem aus, wo kommt das Geld her, wie sind Deine zukünftigen Kommilitonen so drauf? Zum Schluss gehe ich dann auf die sehr wichtige Frage ein, welche Berufsaussichten man nach so einem Philosophiestudium hat. Denn wenn man, gegen alle Wahrscheinlichkeit, sein Studium abschließt, dann muss man damit auch irgendwie die Brötchen auf den Tisch bringen.
Ich werde bei der Vorstellung der Philosophie systematisch, das heißt themenbezogen und problemorientiert vorgehen. Meiner Ansicht nach besteht die Philosophie nicht in erster Linie darin, berühmte Philosophen zu interpretieren. Bei der Vorstellung der einzelnen Themen werde ich immer mal wieder an der Oberfläche eines philosophischen Arguments kratzen. Das ist ein guter Test für Dich. Wenn Dich die Überlegungen dazu motivieren, mehr über das Problem zu erfahren, wenn es Dich reizt und Du eigentlich gleich mehr darüber nachdenken und diskutieren möchtest, dann könnte die Philosophie etwas für Dich sein. Leider kann ich hier nicht mehr als sehr oberflächliche Darstellungen anbieten, aber ich werde Dir für jeden Bereich einen Tipp geben, wo Du einen guten und detaillierteren Einstieg in die entsprechenden Themen finden kannst.
Ich hoffe, dass Du nach der Lektüre dieses Buches eine gut begründete Entscheidung darüber treffen kannst, ob die Philosophie etwas für Dich ist oder nicht. Mit Philosophie wird man nicht reich und wahrscheinlich auch nicht berühmt. In den seltensten Fällen erlangt man durch sie besondere Anerkennung. Blöderweise haftet ihr oftmals – ich finde allerdings zu Unrecht – der Ruch des Mysteriösen an. Der einzige und beste Grund, warum man Philosophie studieren sollte, ist, weil sie einem total gut gefällt. Weil einen ihre fundamentalen Fragen bewegen und weil man etwas zu ihrer Beantwortung beitragen will. Wenn das bei Dir so ist, dann solltest Du es wagen: Sie ist ein tolles Fach und ihr Studium bietet Dir – trotz des gegenteiligen Klischees – sehr gute Berufsaussichten; sowohl innerhalb der akademischen Philosophie wie außerhalb. Wenn die Philosophie also wirklich etwas für Dich ist, dann gibt es keinen Grund, vor einem Philosophiestudium zurückzuscheuen.
Diese Frage ist meiner Meinung nach der mit Abstand wichtigste Punkt in diesem Büchlein. Und die Frage ist vielleicht noch wichtiger als eine mögliche Antwort. Denn wie Du in der Philosophie vielleicht bald feststellen wirst, ist das richtige Verständnis einer auf den ersten Blick einfachen Frage oft die halbe Miete für ihre erfolgreiche Beantwortung. Blöderweise ist es so, dass gerade in der Philosophie dieses Verständnis vermeintlich leichter Fragen das Schwierigste an der ganzen Veranstaltung ist. Und wie wir gleich sehen werden, ist das mit der Frage nach der Philosophie genauso.
Anders als bei den meisten anderen Studienfächern – vielleicht sogar bei allen anderen –, darf man bei der Philosophie nicht erwarten, dass einem diese grundlegende Frage nach ihrem Wesen oder ihrer Natur im Voraus und von jemand anderem beantwortet wird. Und man selbst wird es nicht können, bevor man nicht eine genauere Beschäftigung mit der Philosophie auf sich nimmt; sei es nun organisiert an der Universität oder privat für sich. Der berühmte Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker hat mal gesagt, »Philosophie ist die Wissenschaft, über die man nicht reden kann, ohne sie selbst zu betreiben«.3Damit ist nicht gemeint, dass man sich erst mal gut in ihr auskennen muss, bevor es einem zusteht, darüber irgendetwas, vielleicht sogar etwas Sinnvolles, zu sagen – so wie man etwa besser mal ein bisschen Teilchenphysik betrieben haben sollte, bevor man sich anmaßt zu sagen, was denn wohl ein Higgs-Boson ist (ich weiß das, ehrlich gesagt, auch nicht so genau). Was von Weizsäcker eher im Sinn hatte, ist, dass sobald man auch nur den Versuch macht, die Frage nach dem Wesen oder der Natur von Philosophie zu beantworten, man schon knietief in einigen der schwierigsten und umstrittensten philosophischen Problemen steckt. Man muss also gewissermaßen schon ein Philosoph sein, um diese Frage beantworten zu können; oder anders und noch besser gesagt: sobald man sich mit ihr beschäftigt, ist man automatisch ein Philosoph. Wir haben es also mit einer Frage zu tun, der man sich nur auf philosophischem Wege nähern kann: Die Frage nach dem Wesen der Philosophie ist selbst eine philosophische. Wir beschäftigen uns in diesem Kapitel also mit einer sogenannten »meta-philosophischen«Frage: Wir nähern uns der philosophischen Frage, was es mit philosophischen Fragen auf sich hat.
Auch wenn wir also schon mal festhalten können, dass wir es mit einer meta-philosophischen Frage zu tun haben, sind wir noch keinen großen Schritt weiter gekommen auf dem Weg zu ihrer Beantwortung. Was ist denn nun Philosophie?
Ein möglicher Ansatz wäre, sich die Bezeichnung »Philosophie« einmal genauer anzusehen. Die altgriechische Wortherkunft lässt sich auf φίλος (phílos) »Freund« und σοφία (sophía) »Weisheit« zurückführen, weshalb das zusammengesetzte Wort »Philosophie« oft als »Liebe zur Weisheit« übersetzt wird.
Nun mag das vielleicht wirklich einmal die Bedeutung des Wortes »Philosophie« gewesen sein. Aber für unser Problem hier hilft uns das aus zwei Gründen nicht wirklich weiter. Zum einen ist die Tatsache, dass ein Wort früher mal eine bestimmte Bedeutung hatte, keine Garantie dafür, dass es im heutigen Sprachgebrauch immer noch dieselbe Bedeutung hat. Das Wort »toll« bedeutete einmal etwas nicht so Tolles, nämlich verrückt oder wahnsinnig (was sich zum Beispiel noch in dem Wort »Tollkirsche« widerspiegelt, das sich auf eine Frucht bezieht, deren Genuss zu auffällig pathologischem Verhalten führen soll). Und wenn früher jemand als »blöd« beschrieben wurde, dann wollte man damit gar nichts Blödes über ihn sagen, sondern nur, dass er schwach ist. Diese beiden Fälle zeigen schon, dass es nicht reicht, sich nur die Wortherkunft, also die Geschichte der Bedeutungen eines Ausdruck anzusehen, um festzustellen, was er (heute, für uns) bedeutet. Wörter ändern ihre Bedeutung ständig durch die Art, wie wir sie verwenden, und – so würden Sprachwissenschaftler sagen – Etymologie ist nicht Semantik; das heißt, wir dürfen nicht die Frage nach der Herkunft eines Wortes und der Geschichte seiner Bedeutungen damit verwechseln, was uns eigentlich interessiert: nämlich seine (aktuelle) Bedeutung.
Außerdem liegt es noch aus einem anderen Grund auf der Hand, dass »Liebe zur Weisheit« für unsere Frage wenig hilfreich ist. Denn der Ausdruck »Weisheit« deutet eigentlich nicht auf das hin, um was es an der Uni geht, wenn man Philosophie studiert. Eher schwingt dabei so etwas wie ein bestimmter Lebenswandel mit, eine Lebensklugheit, die man sich dank großer Erfahrung angeeignet hat. Wenn einer weise ist, dann ist damit oft gemeint, dass er aus Erfahrung weiß, wie man ein gutes und richtiges Leben führt, dass er in schwierigen Lebenssituationen einen guten Ausweg kennt und sowieso meistens das Richtige tut. DerDudennennt als Synonyme für das Adjektiv »weise«: »abgeklärt«, »gereift«, »lebenserfahren«, »lebensklug« oder »reif«. Dieser Fokus auf praktische Erfahrungen, die man im Leben sammelt, geht aber ganz am Ziel der akademischen Philosophie vorbei. Hier geht es eher darum, bestimmte Theorien zu bestimmten Fragen aufzustellen und zu prüfen. Und tatsächlich oft mit Rückgriff auf das bisher Erlebte – weil eine philosophische Theorie nicht mit unserer Erfahrung von der Welt in Konflikt geraten sollte –, aber nicht direkt aus diesen Erfahrungen folgend. Zum einen sind diese Theorien in vielen Fällen das Ergebnis abstrakter Reflexion, die nicht direkt auf Lebenserfahrung angewiesen ist, und zum anderen haben die Themen dieser Überlegungen in ganz vielen Fällen nichts mit unserem eigenen Leben im Besonderen zu tun. Die meisten philosophischen Überlegungen handeln von abstrakten Fragen, wie der Struktur der Realität, der Möglichkeit und den Grenzen unserer Erkenntnis der Welt oder warum wir moralisch handeln sollten. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist zwar ein Thema der Philosophie, aber es ist eines unter vielen, und nimmt in der aktuellen akademischen Situation keinen großen Raum in der Philosophie ein. Ich habe zum Beispiel in der gesamten Zeit, in der ich mich mit der Philosophie beschäftige – und das sind immerhin schon 15 Jahre – nicht ein Seminar über den Sinn des Lebens besucht. Wenn, dann habe ich mich in meiner Freizeit damit beschäftigt. Natürlich gibt es Philosophen, die zu diesem Thema arbeiten, aber das ist eine kleine Nische in der Fülle von philosophischen Themen. Und überhaupt ist die Suche nach diesem Sinn nicht das der gesamten Philosophie zugrunde liegende Motiv. Man sollte sich also keinen Illusionen hingeben: So wie man nicht Psychologie studieren sollte, weil man sich selbst therapieren möchte, sollte man auch nicht Philosophie studieren, weil man auf der Suche nach dem Sinn des Lebens oder einer Form von Lebensweisheit ist. Das menschliche Leben ist ein philosophisches Thema unter vielen. Und selbst wenn es behandelt wird, dann findet das meistens auf einer Ebene der Abstraktion statt, die einem im eigenen Leben oft nicht wirklich weiterhilft.
Na klar, vielleicht sind manche Philosophen Menschen, die nach Weisheit streben, und deshalb tun, was sie tun. Das Problem ist, dass beides nicht allgemein stimmt. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass Philosophen tendenziell nicht weiser sind als andere Menschen. Gerade sehr berühmte und erfolgreiche Philosophen neigen manchmal zu einem völlig eingeschränkten, nur auf ihr Fach gerichteten Lebenswandel, der nur mit sehr viel Wohlwollen als weise zu bezeichnen ist. Ethiker – also Philosophen, die sich mit der Frage nach dem moralisch Guten beschäftigen – sind meistens auch nicht moralisch besser als anständige Nicht-Philosophen.4Ihre Theorien können sogar im schlechtesten Fall einem moralisch wertvollen Verhalten im Weg stehen. Wenn man etwa nur fest genug an bestimmte sozialdarwinistische oder neoliberale Theorien glaubt, wird man wahrscheinlich irgendwann, selbst entgegen seinem stärksten Mitgefühl, zu Ungunsten bestimmter Mitmenschen handeln.5Außerdem betreiben die meisten Profi-Philosophen ihren Beruf nicht, weil sie immer weiser werden wollen, sondern schlicht deshalb, weil es ihr Beruf ist und weil es ein (zugegeben ziemlich attraktiver) Beruf unter anderen ist. Ich werde gleich noch auf den Typus des Philosophen kommen und versuchen zu erklären, wie er tickt und was seine Motivation ist. Hier kann ich auf alle Fälle schon mal sagen, dass es ihm nicht in erster Linie um Weisheit geht. Weisheit ist sicher manchmal ein Nebeneffekt des Philosophierens – und dagegen wird kein Philosoph etwas haben –, aber es ist nicht sein primäres Ziel. Wenn wir uns also fragen, was das Wort »Philosophie« heute und für uns bedeutet – was man also studiert, wenn man das Studienfach Philosophie belegt –, dann sollten wir die Rede von der Liebe zur Weisheit ruhig auf Eis legen.
Alle von uns haben eine ungefähre Vorstellung von Philosophie, besonders wenn man selbst gerade überlegt, eventuell ein Philosophiestudium zu beginnen. Dieses Bild ist aber oft sehr vage und manchmal sogar richtiggehend falsch. Eine weit verbreitete Vorstellung ist es, dass Philosophen geniale Menschen sind, die irgendwie durch intensive Kontemplation zu tiefen Erkenntnissen kommen, die »normale« Menschen eigentlich nicht wirklich verstehen können. Hans Clarin, die unsterbliche Stimme eines der großen Weisen meiner Kindheit, ließ sich wahrscheinlich wegen dieser Vorstellung zu der Aussage hinreißen, dass Philosophie die geistreiche Übersetzung des Unerklärlichen ins Unverständliche sei.6Aber auch wenn diese wenig schmeichelhafte Beschreibung für einige Philosophen zutreffend scheinen mag, kann sie nicht charakteristisch für die Philosophie selbst sein. Denn die meisten philosophischen Fragen sind überhaupt nicht tief oder schwer zu verstehen: »Wann ist eine Handlung gut oder schlecht?«, »Was kann ich wissen?«, »Gibt es die Welt wirklich oder ist sie nur eine sehr gut gemachte Simulation?«, »Was ist Schönheit?«, »Was ist Gerechtigkeit?«, »Was ist Gott?« Diese Fragen verstehen und stellen schon Kinder.
Zugegebenermaßen sind philosophische Texte, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, und die darin enthaltenen Antworten nicht immer leicht zu verstehen. Aber manchmal liegt das entweder einfach daran, dass die Texte schon ziemlich alt und in einer Sprache geschrieben sind, die uns nicht mehr vertraut ist, oder aber daran, dass der Autor mit schwierigem und hochtrabendem Vokabular zu verschleiern versucht, dass ihm selbst der volle Durchblick fehlt. Sprachliche Nebelkerzen sind in der Philosophie leider weit verbreitet. Zum Glück kann aber ein philosophisches Studium das beste Training sein, diese zu durchschauen.
Oft führen solch einfache Fragen aber natürlich wirklich zu sehr komplizierten Überlegungen, die ein gewisses Training und eine Vertrautheit mit einem bestimmten Fachvokabular voraussetzen. Aber auch in diesen Fällen folgen viele Philosophen dem Ideal, dass man diese an sich schon komplizierten Sachverhalte in einer möglichst einfachen Sprache und so klar wie möglich zu formulieren hat. Ein guter Philosoph versucht nicht, seine Leser durch tiefe, aber nicht verständliche Texte zu beeindrucken, sondern möchte, dass seine Erklärungs- und Antwortvorschläge verstanden werden. Er ist in erster Linie daran interessiert, dass die philosophischen Probleme gelöst werden, oder dass man zumindest einer Lösung näher kommt. Je verständlicher eine gute Theorie ist, desto eher wird sie auch so übernommen werden, wie sie gemeint ist. Genauso wird sie aber auch leichter zu kritisieren sein, da sich der Autor nicht hinter vagen oder unklaren Formulierungen versteckt. Probleme in der Argumentation treten deutlicher zu Tage. Beides dient aber dem Fortschritt in der Philosophie (ich komme im nächsten Abschnitt darauf zurück, worin dieser Fortschritt besteht): gute und richtige Theorien werden so leichter verbreitet, problematische und unplausible sind leichter zu kritisieren.7Philosophen, die diesem Ideal folgen, werden also Clarins pessimistischer Bemerkung widersprechen, weil sie glauben, dass wir viele der philosophischen Fragen durchaus beantworten können und dass wir dies sogar auf eine Weise tun können, die zwar vielleicht nicht in jedem Fall leicht, aber doch immer zumindest im Prinzip verständlich ist. Nach diesem Bild ist also Philosophie keine Geheimwissenschaft, in der sich Genies mit eigentlich Unerklärbarem herumärgern, sondern, um Clarins Ausspruch in unserem Sinn zu modifizieren, eher der Versuch der Übersetzung des bisher nicht Verstandenen ins Erklärbare.
So richtig weit sind wir bei der Beantwortung unserer Frage nach dem Wesen der Philosophie immer noch nicht gekommen. Wie machen das denn die anderen Fächer? Üblicherweise definieren sich die meisten über ein bestimmtes Thema oder einen bestimmten Gegenstandsbereich. Die Soziologie beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Zusammenhängen, die Germanistik mit der deutschen Sprache und Literatur und die Betriebswirtschaftslehre mit verschiedenen Aspekten der Mikroökonomie (sprich: mit Unternehmen), Juristen haben mit Recht und Gesetzen zu tun wie die Mediziner mit Krankheiten und der Instandhaltung des menschlichen Organismus, Biologen mit Lebensformen und Physiker mit den kleinsten Einheiten der Materie etc. Können wir also vielleicht sagen, dass die Philosophie auch ein bestimmtes Thema hat? Und wenn ja, welches könnte das sein?
Wenn man sich die Geschichte der Philosophie anschaut, stellt man schnell fest, dass dieser Ansatz wenig Erfolg verspricht, denn die Philosophie fasst zahlreiche verschiedene Gebiete unter sich, deren Gegenstandsbereiche wenig bis gar nichts miteinander zu tun haben: Die Erkenntnistheorie beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie wir überhaupt Wissen erlangen können und wie viel dieses Wissen wert ist; die Ethik fragt nach dem moralisch guten Handeln; die Philosophie des Geistes untersucht das menschliche Bewusstsein; die Philosophie der Physik die materiellen Grundlagen der Welt und die Ästhetik beschäftigt sich mit Kunst und der Frage nach dem Schönen. Die Liste ließe sich beliebig erweitern und allein die Unterschiedlichkeit der genannten Themen legt schon nahe, dass die Philosophie kein bestimmtes Thema hat. Eigentlich könnte man sogar mit gutem Grund sagen, dass sie in einem gewissen Sinneeine Wissenschaft von allemist: Wo immer die Einzelwissenschaften keine Antworten liefern können, schlägt die Stunde der Philosophie. Und man sollte nicht den übertrieben Naturwissenschaftsgläubigen auf den Leim gehen, die meinen, dass sich ohnehin jedes Problem naturwissenschaftlich lösen ließe. Zumindest mit dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaften ist das offensichtlich albern. Selbst wenn sie eines Tages alle empirischen Fragen beantwortet haben, dann nur, weil sie selbst philosophische Überlegungen aufgenommen und im engen Dialog mit der Philosophie gearbeitet haben. Wenn Versuche, Berechnungen und andere empirische Forschung im Prinzip keine Antwort auf eine sinnvolle Frage liefern können, dann sind wir schon bei der Philosophie. Denn nur weil die Wissenschaften auf eine Frage keine Antwort liefern können, heißt das nicht, dass wir diese Frage vergessen oder ignorieren könnten. Die menschliche Neugier ist stärker und wenn wir dieser Neugier in solchen Momenten nachgehen, betreiben wir automatisch Philosophie.8
Aber zurück zu unserer Überlegung, dass die Philosophie in Wahrheit eine Universalwissenschaft ist, die von allemhandelt. Selbst die Tatsache, dass sich die verschiedensten Philosophen mit den Themen befassen, mit denen sie sich nun mal befassen, ist im Grunde eine zufällige, die auf verschiedenen historischen und soziologischen Faktoren beruht. Kein Lebensbereich, wie profan er auch sei, ist vor einer philosophischen Auseinandersetzung sicher. Mir würden auch Fragen zur Philosophie des Strickens und zur Philosophie des Pommes-Essens einfallen (wie interessant wir die jetzt fänden, ist etwas anderes). Ich erinnere mich an einen spätabendlichen Vortrag auf einem Philosophenausflug in die schottischen Highlands (tatsächlich halten Philosophen selbst auf Ausflügen Vorträge, aber immerhin gibt es manchmal guten Whisky dazu), in dem ein guter Freund von mir, ein Experte in der Philosophie der Logik, den metaphysischen Unterschied zwischenPiesundCakesbeleuchtet hat. Diese Unterscheidung entspricht im Deutschen keinem sprachlichen Gegensatzpaar, es ist also nicht ganz leicht, die im Englischen getroffene Unterscheidung im Deutschen zu erläutern. Zum einen weil die naheliegende Übersetzung als »Pastete« und »Kuchen« einen ganz anderen Unterschied anzeigt:Pies of fruitsind nämlich gar nicht Pasteten, sondern auch Kuchen. Nur wenn es sich um eine herzhafte Füllung handelt, würde man auch im Deutschen von einer Pastete sprechen. Und auch wenn es oft der Fall ist, sindPies of fruitnicht immer einfach gedeckte Obstkuchen. Der zweite Grund, warum die englische Unterscheidung nicht so einfach zu erklären ist, war der eigentliche philosophische Punkt des Vortrags: In den meisten Fällen wissen wir, was ein Ausdruck in unserer Sprache bedeutet, ohne dass wir eine Definition dieses Ausdrucks parat hätten oder auch nur relativ leicht angeben könnten. Englischsprachige Menschen wissen als kompetente Sprecher einfach, wann sie es mit einemPieoder mit einemCakezu tun haben. Aber sie werden die größten Schwierigkeiten haben, wenn sie eine Definition dafür angeben sollten, für die es keine Gegenbeispiele gibt. Dieser Punkt gilt für die allermeisten alltagssprachlichen Ausdrücke: Man muss etwas schon implizit verstanden haben, bevor man es mit Definitionen erläutern kann. Definitionen stehen also nicht, wie oft verlangt wird, am Anfang, sondern am Ende philosophischer Überlegungen.
Du siehst also, man kann sich jedem Thema philosophisch nähern, nur ist nicht jedes Thema philosophisch von gleich großem Inte-resse (noch kann man für jedes dieser möglichen philosophischen Themen gleich gut rechtfertigen, dass sie von der Gesellschaft finanziell unterstützt werden sollen).
So geht’s also auch nicht, die Philosophie hat kein bestimmtes Thema. Sobald ein Gegenstandsbereich für uns ein bestimmtes Interesse annimmt, ist es sinnvoll, darüber philosophische Fragen zu stellen. Wie wir aber weiter unten sehen werden, gibt es schon eine Reihe von klassischen Fragen, zu denen die Philosophen immer wieder zurückgekehrt sind.
Viele Philosophen haben versucht, die Philosophie über ihre Methoden oder die Geltung der in ihr erhobenen Wissensansprüche zu charakterisieren. So denken einige, dass die Philosophie im Grunde damit beschäftigt ist, philosophisch interessante Begriffe wie »Wissen«, »Existenz«, »Schönheit« oder »Gerechtigkeit« zu analysieren, um auf diesem Weg die entsprechenden philosophischen Fragen zu lösen. Nach diesem Bild besteht die Philosophie also im Wesentlichen aus Begriffsanalyse.
Wir können uns das an dem sehr einfachen Beispiel des Begriffs »Junggeselle«9klarmachen. Es scheint irgendwie Teil der Bedeutung dieses Begriffs zu sein, dass die Personen, auf die er zutrifft, männlich sind. Denn es ist deshalb unmöglich, dass eine Frau ein Junggeselle ist, weil es einfach falsch ist, diesen Begriff auf Frauen anzuwenden. So verwenden wir ihn einfach nicht und die Bedeutung eines Begriffs hängt von unserer Verwendungsweise ab. Aus demselben Grund ist es auch Teil der Bedeutung des Begriffs, unverheiratet zu sein. Junggesellen sind nicht nur zufällig immer unverheiratet, sondern es wäre ein begrifflicher Fehler, einen frischverheirateten jungen Mann einen Junggesellen zu nennen. Und jetzt haben wir den Begriff »Junggeselle« schon einmal mit den beiden einfacheren Begriffen »männlich« und »unverheiratet« analysiert. Ist ein Junggeselle also einfach dasselbe wie eine unverheiratete männliche Person? Sind die Eigenschaften unverheiratet und männlich zu sein also nicht nur jeweils notwendig, sondern gemeinsam sogar hinreichend dafür, ein Junggeselle zu sein? Zur Begriffsanalyse gehört es, solche Fragen zu stellen. Und tatsächlich gibt es scheinbar Gegenbeispiele gegen diese erst mal plausible Analyse. Denn sowohl der Papst als auch mein siebenjähriger Patenjunge sind männlich und unverheiratet, aber es scheint falsch, diese beiden Personen als Junggesellen zu bezeichnen. Und so stellen wir fest, dass es auch Teil des Begriffs ist, dass jemand für die Institution der Ehe überhaupt in Frage kommt. Nun ist »Junggeselle« ein sehr einfacher Begriff. Die meisten Begriffe sind wesentlich komplexer. Und selbst bei einfachen Begriffen klappt es so gut wie nie, ihre Bedeutung zufriedenstellend mit notwendigen und hinreichenden Bedingungen ihrer korrekten Anwendung zu analysieren. Aber es ist oft schon ein philosophischer Fortschritt, wenn wir bloß notwendige Bedingungen herausarbeiten können (so wie wir es gerade für »Junggeselle« getan haben). Ungefähr so verstehen diejenigen Philosophen einen Großteil ihres Handwerks, die die Begriffsanalyse für eine gute philosophische Methode halten und sie auf die Analyse wesentlich komplizierterer Begriffe als »Junggeselle«anwenden.
Andere Philosophen sind der Meinung, dass dieser Ansatz zum Scheitern verurteilt ist, da echte philosophische Fragen eher auf die Erklärungen des Wesens und der Natur verschiedener Phänomene, wie unserem Wissen, dem Seienden, dem Guten und Schönen, aus sind und eine bloße Beschäftigung mit den entsprechenden Begriffen, die sich nur auf diese Dinge beziehen, am eigentlichen Thema vorbeigeht. Allerdings stehen diese Philosophen dann auch in der Pflicht, zu erklären, was die Methoden der Philosophen stattdessen sind. Dafür gibt es viele Vorschläge. Allen gemeinsam ist, dass der Philosoph hauptsächlich mit Gründen arbeitet. Philosophische Theorien müssen gut begründet sein und sich einer rationalen Kritik stellen.
Ein anderer einflussreicher Vorschlag ist, dass philosophische Erkenntnisse a priori sein müssen, das heißt, dass sie sich unabhängig von unseren sinnlichen Wahrnehmungen und daher allein durch unsere Vernunft, durch rationale Überlegungen begründen lassen müssen. Philosophie wäre demnach also das, was man immer noch herausfinden könnte, wenn man nur zu Hause in seinem Sessel sitzt, und sogar wenn man in einem Tank gefangen wäre, der keinerlei Sinneswahrnehmung erlaubt. Von Apriorität sprechen die Philosophen also dann, wenn sie über Wissen reden, dass durch bloßes Nachdenken und ohne Verweis auf irgendwelche Sinneswahrnehmungen begründet werden kann. Einfache Fälle solcher Erkenntnisse, für die wir nur unsere Vernunft benötigen, sind vielleicht, dass ein Kreis keine Ecken hat oder dass eine Kugel nicht gleichzeitig ganz rot und ganz grün sein kann. Wir müssen uns keine speziellen Kreise oder Bälle anschauen, um zu diesen Schlüssen zu kommen.10 Diesem Vorschlag zufolge wären philosophische Aussagen zwar oft komplizierter und weniger offensichtlich als diese Bespiele, aber doch in demselben Sinne a priori.
Aber dieser Vorschlag sieht schlecht aus, wenn man bedenkt, dass es zum Beispiel empirische Fragen sind, was ein bestimmter Ausdruck in einer Sprache bedeutet oder wie unser Bewusstsein von uns selbst und der Welt, in der wir leben, zustande kommt. Denn das sind doch klassische philosophische Fragen. Viele Bereiche der Philosophie erschöpfen sich einfach nicht in apriorischen Überlegungen, die wir erforschen können, ohne in die Welt zu gehen und sie zu untersuchen, sondern erfordern umfangreiches, teilweise naturwissenschaftliches Wissen darüber, wie unsere Welt beschaffen ist. Und solches Wissen können wir nur experimentell, also letztlich nur mit Hilfe unserer Sinnesorgane erlangen.11
Aus einem ähnlichen Grund ist es kontrovers, ob philosophische Fragen Antworten erfordern, die notwendig
