Studierte Mädel von heute - Else Ury - E-Book

Studierte Mädel von heute E-Book

Else Ury

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Beschreibung

In 'Studierte Mädel von heute' erzählt Else Ury die Geschichte von jungen Frauen, die sich mit den Herausforderungen des modernen Lebens auseinandersetzen. Der Roman zeichnet sich durch seine klare und lebendige Sprache aus und bietet einen Einblick in die Gedankenwelt der Protagonistinnen. Ury schafft es, die Balance zwischen Unterhaltung und Bildung zu halten und reflektiert dabei Themen wie Bildung, Karriere und gesellschaftliche Erwartungen. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Literatur über das aufstrebende Bürgertum zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Else Ury, eine bekannte deutsche Schriftstellerin der Weimarer Republik, war bekannt für ihre realistischen Darstellungen des Alltagslebens junger Menschen. Durch ihre eigene Bildung und Interessen konnte Ury die Geschichten junger Frauen authentisch und glaubwürdig gestalten. Ihr Sinn für soziale Gerechtigkeit spiegelt sich in diesem Werk wider, in dem sie die verschiedenen Facetten der weiblichen Emanzipation beleuchtet. Für Leser, die sich für die Entwicklung der Frauenrechte, Bildung und soziale Dynamiken im frühen 20. Jahrhundert interessieren, ist 'Studierte Mädel von heute' von Else Ury eine fesselnde Lektüre. Mit einer klugen Mischung aus Unterhaltung und Bildung bietet das Buch Einblicke in eine Zeit des Wandels und der Herausforderungen, die bis heute relevante Themen anspricht. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Else Ury

Studierte Mädel von heute

Bereicherte Ausgabe. Ein Roman für junge Mädchen
Einführung, Studien und Kommentare von Carolin Vogler

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-1453-2

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Studierte Mädel von heute
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Studierte Mädel von heute vereint zentrale Prosatexte Else Urys, einer prägenden Stimme der deutschsprachigen Mädchen- und Jugendliteratur. Die Sammlung führt Leserinnen und Leser in die Welt junger Frauen, die zwischen Schulbank, Hörsaal und erstem Beruf eigene Wege suchen. Im Mittelpunkt steht nicht ein einzelner Roman, sondern ein thematisch gebündelter Querschnitt durch erzählerische Arbeiten, die Bildung, Freundschaft und Selbstbehauptung ausloten. Ohne auf zeitgeschichtliche Details zu pochen, macht die Zusammenstellung erfahrbar, wie Ury Alltagsmomente verdichtet und zu Entwicklungsgeschichten formt. So entsteht ein Panorama weiblicher Lebensentwürfe, das Nähe schafft, Orientierung bietet und zugleich sensibel für Nuancen gesellschaftlicher Erwartungen bleibt.

Die Auswahl umfasst Erzählungen und kürzere Prosastücke, die einen gemeinsamen Fokus haben: den Weg vom Gymnasium zur akademischen Ausbildung und in erste berufliche Felder. Titel wie Auf dem Gymnasium, Das Abiturium oder In der Kinderklinik markieren Stationen dieses Weges, während Stücke wie Auf dem Maskenball, Eine Landpartie oder O alte Burschenherrlichkeit soziale Räume und Rituale beleuchten. Damit bündelt die Sammlung wesentliche Texte zu einem kohärenten Themenfeld. Ziel ist es, Urys Blick auf Bildung, Gemeinschaft und persönliche Reife in seiner Breite nachvollziehbar zu machen, ohne die Eigenständigkeit der einzelnen Beiträge zu überblenden.

Gattungsmäßig liegt der Schwerpunkt auf erzählender Prosa. Die Texte erscheinen als Erzählungen, szenische Momentaufnahmen und stimmungsvolle Milieubilder; sie verbinden Handlung, Dialog und Beobachtung zu kompakten Entwicklungsminiaturen. Einige Beiträge entfalten sich als Folge zusammenhängender Episoden, andere verdichten einen einzigen Nachmittag, ein Fest oder eine Prüfungsphase. Essayistische Reflexionen und lyrische Formen treten, wenn überhaupt, hinter das Erzählen zurück; im Vordergrund stehen Figuren, Situationen und die Dynamik sozialer Beziehungen. Damit spannt die Sammlung ein Spektrum kurzprosanaher Formen auf, das den Zugang zu Urys Stoffen erleichtert und zugleich die Vielfalt ihrer Gestaltungsmittel sichtbar macht.

Thematisch verbindet die Stücke ein präziser Blick auf Lernorte, Übergangsriten und Beziehungen. Schule und Hochschule erscheinen als Räume der Leistung und der Selbstverortung; Freundschaften und familiäre Bande geben Halt und stellen zugleich Fragen nach Pflicht und Freiheit. Titel wie Ein trotziges Mädel oder Erster Schmerz verweisen auf innere Reifung, während Ein vornehmer Freier oder Daisy soziale Erwartungen und Statuscodes berühren. Jahreszeiten- und Festmotive – Spätsommer, Unter Eis und Schnee, Auf dem Maskenball – rahmen Stimmungen, ohne die Figuren zu überdecken. So entsteht ein Geflecht von Erfahrungen, das den Schritt ins Erwachsensein in vielen Facetten ausleuchtet.

Stilistisch arbeitet Else Ury mit einer klaren, anschaulichen Sprache, die Nähe schafft und Situationen schnell konturiert. Dialoge tragen wesentlich zur Charakterisierung bei; kleine Gesten, Blicke und räumliche Details öffnen die Figurenwelt. Der Ton schwankt zwischen heiterer Leichtigkeit und nachdenklicher Ernsthaftigkeit, ohne ins Sentimentale zu kippen. Humor und Wärme wirken als Brücken, die Konflikte zugänglich machen, während moralische Setzungen eher durch Handlung als durch Belehrung sichtbar werden. Wiederkehrende Motive, sorgfältige Szenenwechsel und ein sicheres Gespür für Tempo bündeln die Episoden zu dichten Bildern, in denen individuelle Wünsche und soziale Normen produktiv aufeinanderprallen.

Die anhaltende Bedeutung dieser Texte gründet in ihrer doppelten Lesbarkeit: als lebendige Unterhaltungsliteratur und als Quelle für Vorstellungen von Bildung, Geschlechterrollen und bürgerlicher Kultur. Wer sich für die Geschichte weiblicher Bildungswege interessiert, findet hier exemplarische Konstellationen, die bis heute Fragen nach Teilhabe, Anerkennung und Selbstbestimmung berühren. Zugleich sind die Stücke durch ihr Tempo und ihre Konkretheit unmittelbar zugänglich. Sie bewahren die Perspektive junger Protagonistinnen, ohne deren Realität zu verklären, und halten damit einen Dialog offen, der aktuelle Debatten über Chancen, Erwartungen und Gemeinschaftsformen produktiv ergänzt. Gerade darin liegt ihre Relevanz weit über den Entstehungskontext hinaus.

Die vorliegende Zusammenstellung lädt dazu ein, die Texte einzeln oder als lockeren Entwicklungsbogen zu lesen. Wer der Reihenfolge folgt, entdeckt vom schulischen Alltag über Prüfungen und Feste bis zu ersten beruflichen Schauplätzen unterschiedliche Bewährungsproben; wer auswählt, findet in jedem Stück ein eigenständiges Profil. Ohne Vorwissen zugänglich, erschließen sich Nuancen beim Wiederlesen: Motive spiegeln sich, Nebenfiguren gewinnen Kontur, Stimmungen tragen über mehrere Beiträge. Damit öffnet Studierte Mädel von heute einen konzentrierten Zugang zu Else Urys erzählerischem Kosmos und bietet eine verlässliche Grundlage, um ihr Werk neu zu betrachten und im Gespräch zu halten.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Else Urys Sammlung Studierte Mädel von heute entstand im Spannungsfeld des frühen 20. Jahrhunderts, als das deutsche Kaiserreich in die Weimarer Republik überging. Ihre Erzählungen – von Hurra – erreicht! über Auf dem Gymnasium und Das Abiturium bis In der Kinderklinik – spiegeln den Weg bürgerlicher Mädchen in höhere Bildung und akademische Berufe. Berlin als Wohn- und Beobachtungsort Urys und universitäre Zentren wie Heidelberg bilden den geografischen Hintergrund. Wiederkehrend sind Motive des Übergangs: vom Lyzeum zum Gymnasium, vom Elternhaus zur Studentenbude, von Geselligkeit zu Leistung. Dabei verbinden sich Bildungsaspiration, Moral und zeitgenössische Jugendkultur.

Prägend war die Mädchenschulreform der 1900er Jahre. Baden ließ Frauen bereits ab 1900 an Universitäten zu; in Preußen folgte 1908 die volle Immatrikulation und die Möglichkeit zum regulären Abitur über Oberlyzeen und externe Prüfungen. Reformpädagoginnen wie Helene Lange und Gertrud Bäumer, getragen vom Bund Deutscher Frauenvereine (gegründet 1894), forderten Gymnasialbildung statt reiner „Töchterschule“. Diese Veränderungen strukturieren Urys Figurenhorizont: Ehrgeizige Schülerinnen und Studentinnen treten aus dem bürgerlichen Salon in Hörsäle, Kliniken und Labore. Gleichwohl bleibt die Generation zahlenmäßig klein, mit männlich dominierten Fakultäten, die Disziplin, Fleiß und soziale Anpassung als Aufstiegspfad erwarten.

Die Gymnasialkultur jener Zeit war von Selektivität, Prüfungsritualen und einem klaren Kanon geprägt. Das Abitur öffnete den Weg zu Medizin, Philologie oder Naturwissenschaft – ein Motiv, das Ury in Übergangsszenen von Klassenarbeiten bis zur mündlichen Prüfung verdichtet. Koedukation blieb im Kaiserreich die Ausnahme; Mädchen lernten meist in eigenen höheren Mädchenschulen, deren Oberlyzeum ab 1908 universitätsberechtigende Kurse bot. Der Habitus der „strebsamen Tochter“ kollidierte dabei mit pubertären Freiheitswünschen, Vereinsleben und Ausflügen; Landpartien, Spätsommerstimmungen und Maskenbälle kontrastieren mit Latein, Mathematik und strenger Disziplin, wodurch Bildung als zugleich soziale und emotionale Initiation erscheint.

Universitätsstädte wie Heidelberg verkörperten eine lange, männlich geprägte Studententradition: Corps und Burschenschaften, Mensuren, Lieder wie „O alte Burschenherrlichkeit“ strukturierten das akademische Milieu. Mit der Öffnung der Hörsäle für Frauen ab 1900/1908 trafen neue Akteurinnen auf ritualisierte Räume, die Zugehörigkeit über Duellnarben und Trinkkomment prägten. Ury spielt mit diesem Kontrast, wenn Titel auf „Alt Heidelberg“ und feine Geselligkeit anspielen und zugleich die nüchterne Arbeit im Seminar oder der Klinik betonen. Die Figur der Studentin muss Grenzen neu verhandeln: respektable Sichtbarkeit, fachliche Exzellenz und die Distanz zu männerbündischen Exzessen bilden den Rahmen der Selbstbehauptung.

Der Erste Weltkrieg (1914–1918) bildete einen tiefen Einschnitt. Viele Schülerinnen und Studentinnen engagierten sich in Lazaretten, in der Kinderpflege oder in der kommunalen Fürsorge, teils über das Rote Kreuz. Studienpläne wurden beschleunigt oder unterbrochen, Dozenten und Kommilitonen eingezogen, Ressourcen verknappt. Urys erzählerischer Ton bleibt tröstend und pflichtbewusst, doch Kriegserfahrung, Trauer und Entbehrung verschieben Prioritäten: Dienst am Gemeinwohl legitimiert weibliche Berufsaspiration. Medizinische Schauplätze wie die Kinderklinik stehen zugleich für Professionalisierung und Empathie. Diese Verbindung aus Pragmatismus und Fürsorge prägte die zeitgenössische Wahrnehmung weiblicher Bildung als nützlich, moralisch akzeptabel und staatlich erwünscht.

Mit der Weimarer Republik veränderten sich Referenzrahmen: 1919 erhielten Frauen das Wahlrecht, Verwaltungen und Hochschulen öffneten sich graduell, und die „Neue Frau“ stand als Leitbild von beruflicher Erwerbstätigkeit und urbaner Freizeitkultur. Maskenbälle, Kinos und Tanzlokale signalisieren Vergnügen und Selbstinszenierung, die mit bürgerlicher Respektabilität austariert werden mussten. Zugleich traf die Inflation von 1923 viele Familien hart; Stipendien, Nebenjobs und familiäre Netzwerke wurden entscheidend für Bildungswege. Ury balanciert Optimismus mit Sparsamkeitsethik: Ehrgeiz bleibt tugendhaft, solange Loyalität zur Familie, sittliche Haltung und Gemeinsinn gewahrt sind – ein Kompromiss, den Leserinnen und Leser schätzten. Zugleich relativierte die Nachkriegsarbeitslosigkeit manche akademische Träume.

Else Ury (1877–1943) schrieb aus der Perspektive einer assimilierten jüdisch-bürgerlichen Berlinerin. Ihre populären Mädchenbücher verbanden Leistungsfreude, Häuslichkeit und Vaterlandstreue – Werte, die im Kaiserreich sozial aufstiegswirksam waren und in der Weimarzeit neu justiert wurden. Nach 1933 änderte sich der Kontext radikal: Als Jüdin wurde Ury aus dem Literaturbetrieb gedrängt; ihre Werke verschwanden aus vielen Bibliotheken. 1943 wurde sie in Auschwitz ermordet. Diese Biographie überlagert retrospektiv die heiteren Studienerzählungen mit Wissen um Ausschluss und Gewalt, erklärt aber auch, warum zeitgenössische Leserinnen vor 1933 Urys affirmativen Ton als integrierend, unpolitisch und lebensnah wahrnahmen.

Zeitgenössische Debatten über Mädchenbildung – Unterrichtsinhalte, Abiturberechtigung, Berufsziel Lehrerin oder Ärztin – bildeten den Resonanzraum der Sammlung. Pädagogische Zeitschriften diskutierten Koedukation, Wandervogel und Reformpädagogik; Vereine organisierten Landpartien und Vortragsabende, die soziale Bildung mit Naturerlebnis verbanden. Urys Texte bieten dafür leicht identifizierbare Szenen: Maskenball versus Klassenarbeit, Bewerbungsgespräch versus Familienpflicht. Sie wurden als Ermutigung gelesen, ohne die Grenzen bürgerlicher Anständigkeit zu sprengen. So entsteht ein historisches Dokument der Übergangszeit zwischen wilhelminischer Ordnung und weimarischer Öffnung, in dem „studierte Mädel“ als Trägerinnen eines neuen, vorsichtig modernen weiblichen Lebenslaufs sichtbar werden. Auch die Universitätsorte Berlin und Heidelberg fungieren darin als symbolische Bühnen sozialer Mobilität.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Gymnasium und Prüfungen (Auf dem Gymnasium; Das Abiturium; Hurra – erreicht!)

Ein Kreis junger Frauen trägt die Mühen und kleinen Triumphe des Gymnasialalltags, zwischen Lernfleiß, Rivalität und Freundschaft.

Prüfungsdruck und Selbstbehauptung erscheinen im flotten, zuversichtlichen Ton als Schritte zu Bildung und Unabhängigkeit.

Studentisches Milieu und Tradition (Alt Heidelberg, du feine; O alte Burschenherrlichkeit)

Ausflüge ins studentische Brauchtum zeigen Glanz und Patina alter Herrenrituale aus dem Blick moderner Mädchen.

Zwischen Anziehung und milder Ironie werden die Grenzen von Tradition, Zugehörigkeit und zeitgemäßem Selbstverständnis abgetastet.

Geselligkeit und Ausflüge (Eine Landpartie; Auf dem Maskenball; Unter Eis und Schnee)

Picknick, Maskenball und Wintertage bieten eine Bühne für Etiketteproben, Verkleidungen und kleine Mutproben.

Leicht, spielerisch und mit Sinn für Situationskomik kontrastiert die Darstellung Temperamente und stiftet Gemeinschaft.

Herz, Wahl und Ernüchterung (Erster Schmerz; Ein vornehmer Freier; Daisy; Ein trotziges Mädel; Es fiel ein Reif)

Erste Zuneigungen, gesellschaftliche Angebote und Trotzproben lassen Herzensbildung und Maßhalten sichtbar werden.

Der Ton schwankt zwischen zarter Sentimentalität und nüchterner Selbsterkenntnis, wobei Eigenständigkeit und Loyalität über romantische Verheißungen stehen.

Schwellenzeiten und Abschiede (Spätsommer; Das Abschiedslied)

Spätsommerstimmung und Abschiedslied rahmen den Übergang vom unbeschwerten Lernen zum nächsten Lebensabschnitt.

Melancholie mischt sich mit Aufbruchswillen, während Abschiedsrituale das Gemeinschaftsgefühl vertiefen.

In der Kinderklinik

Ein Blick in den Klinikalltag konfrontiert die Protagonistinnen mit Verantwortung, Leid und praktischer Fürsorge.

Sachlichkeit und leise Empathie verbinden berufliche Orientierung mit einem wachsenden Sinn für Dienst am Anderen.

Wiederkehrende Motive und Stil

Prüfungen als Initiationsriten, Jahreszeiten als seelische Kulissen und Feste als Experimentierräume strukturieren die Entwicklung der Figuren.

Der Stil bleibt dialogreich, heiter-anschaulich und moralfest; weibliche Solidarität und moderne Selbstbehauptung bilden den roten Faden.

Studierte Mädel von heute

Hauptinhaltsverzeichnis
Hurra – erreicht!
Es fiel ein Reif
Auf dem Gymnasium
Daisy
Ein trotziges Mädel
Spätsommer
Das Abschiedslied
Eine Landpartie
O alte Burschenherrlichkeit
Auf dem Maskenball
Erster Schmerz
Ein vornehmer Freier
Das Abiturium
Alt Heidelberg, du feine
Unter Eis und Schnee
In der Kinderklinik

Hurra – erreicht!

Inhaltsverzeichnis

»Hilde, du willst studieren[1q]?« –

»Na, so was, gerade du!« – – – »Und heut schon wird Sturm gelaufen?« – – – »Wirklich – ich glaubte, du ulkst den Direks nur an!« – – – »Gerade du, die immer durch Faulheit geglänzt hat!« – – – »Ach, dein Vater gibt's ja doch nicht zu!« – »Hast du nicht mächtige Angst?« – – – so schwirrten die aufgeregten Mädchenstimmen auf dem Schulhof durcheinander.

»Was – Kinder – 'n Bammel soll ich haben? – Keine Spur,« unterbrach die lebhafte Hilde Dahlen mit blitzenden Augen das auf sie eindringende laute Stimmengewirr der Mitschülerinnen. »Na, so feige bin ich nicht. Heute gleich nach Tisch schwinge ich mich zu einem Speech mit Papa auf. Er wird zwar erst paff sein – aber – ich werd' den alten Herrn schon rumkriegen!« Damit schlang sie den Arm um ihre Busenfreundin Daisy Greeham und schlenderte langsam, mit gesundem Appetit ihr Frühstücksbrot vertilgend, unter dem kahlen, graubraunen Geäst der Schulhofslinden auf und nieder.

Die Erregung der zurückbleibenden Mädchenschar legte sich nicht so schnell. Der Direktor hatte eben in der vorhergehenden Stunde die in kurzem abgehenden Schülerinnen gefragt, wie sich jede ihre Zukunft zu gestalten gedenke – und da war es herausgekommen! Hilde, die lustige Hilde Dahlen, die zu keiner französischen Stunde präpariert hatte, die noch nie eine Rechenaufgabe selbständig gelöst und grundsätzlich Turn- und Handarbeitsstunden schwänzte, die wollte jetzt noch aufs Gymnasium – wollte studieren!

»Das ist doch ganz sicher nur Nachäfferei; weil Daisy studiert, muß Hilde auch aufs Gymnasium,« meinte die blasse Anna, die im geheimen auf die innige Freundschaft der beiden neidisch war.

»Na, ein halber Student ist sie ja schon ohnedies durch ihre Brüder, viel burschikoser braucht sie nicht mehr zu werden,« meinte die Erste der Klasse ein wenig zimperlich.

»Wie kann der Mensch nur so vernagelt sein und sich auch nur eine Stunde länger als nötig in dem Schulgefängnis einsperren lassen – Kinder – noch siebenundsiebzig Stunden – dann sind wir frei!« Die helle Blondine reckte ihre jungen Arme jubelnd in die feuchtwarme Frühlingsluft.

»Na, ich danke für Obst,« lachte Lilli, ein niedlicher kleiner Backfisch. »Schulmädel bin ich lange genug gewesen, jetzt will ich die Dame spielen,« und dabei sah die Kleine so drollig und kindlich aus, daß die andern in ihr fröhliches Lachen einstimmten.

Himmel – da läutete es schon wieder – hu, jetzt wurden die englischen Extemporalien zurückgegeben – seufzend trollten sich die Mädchen in die erste Klasse zurück. – – –

»Daisy, nimm mich mit unter deinen Schirm – es gießt mit Mollen,« sagte Hilde zwei Stunden später, ihre Büchermappe hin und her schlenkernd, als sie auf die Straße traten.

Daisy spannte gemütlich das schwarze Regendach auf.

»Aber beeile dich doch, ich bin ja schon naß wie eine Katze,« Hilde trippelte ungeduldig von einem Fuß auf den andern.

» All right – komm, Kleinchen,« schützend hielt die schlanke Daisy den Schirm über die etwas kleinere Freundin, die sich fest in ihren Arm hängte.

»Daisy, hast du das klassische Gesicht von dem Direks gesehen, als ich heute sagte, daß ich aufs Gymnasium möchte?« kicherte Hilde. »Als ob ich seiltanzen lernen wollte, so sprachlos hat er mich angestarrt.«

»Seiner Ansicht nach würdest du dich dafür vielleicht auch besser eignen, als zum Studieren, Hilde.«

»Und du, Daisy – was ist deine Ansicht?«

»Ich bleibe dabei, was ich dir immer gesagt habe. Es ist jammerschade, daß du solch arger Faulpelz bist. Du hast die glänzendsten Fähigkeiten von der Welt – lernst spielend, was ich mir mühsam durch Fleiß erringen muß. Wenn du Ausdauer genug hast, wirst du sicher dein Ziel erreichen.« Daisys weiche Stimme verriet, trotzdem sie schon einige Jahre in Deutschland lebte, immer noch die Amerikanerin. Hildes hellbraune, sonst so mutwillige Augen blickten ein wenig zaghaft zu der Freundin auf.

»Und Rechnen, Daisy, meine schwache Seite – im Rechnen bestehe ich die Aufnahmeprüfung in die Obersekunda nie!«

»Deutsch-Literatur macht es wieder wett, darling ,« tröstete Daisy. »Professor Richter, der Direktor, legt den Hauptwert auf Deutsch – leider!« sie seufzte drollig.

Sie standen vor dem Hause von Daisys Verwandten, bei denen diese nach dem Tode ihrer Eltern Aufnahme gefunden hatte.

»Du begleitest mich doch noch ein Stückchen,« bat Hilde, und sie setzten sich wieder in Trab.

»Wenn nur deine Eltern es erlauben,« meinte Daisy beklommen.

»Ach – Mutters bin ich sicher,« Hilde zog die Stirn in nachdenkliche Falten. »Muttchen ist eine moderne Frau, die ist mit der Zeit mitgegangen, aber Vater – Vater denkt, die Mädchen sind gleich mit dem Kochlöffel auf die Welt gekommen,« da brach sich der Übermut schon wieder Bahn.

Im Gespräch vertieft, begleitete Hilde bereits zum zweiten Male wieder die Freundin zu ihrer Wohnung zurück.

»Na, und deine Brüder?«

»Werden einfach gar nicht gefragt,« lachte Hilde. »Richard ist bestimmt dagegen, so 'n Referendar denkt wunder, was er ist. Aber Max, der ist ja selbst noch ein junger Fuchs, der findet es sicher kolossal schneidig von mir.«

»Na ich bin gespannt, was Richards Freund, Günter Berndt, dazu sagen wird,« meinte Daisy mit möglichst gleichgültiger Stimme, während verräterische Röte ihr langsam in das zarte Gesicht stieg.

»Pah, der,« – Hilde war viel zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um auf Daisy zu achten – »der hetzt Richard sicher nur noch auf, behandelt mich sowieso immer noch wie ein Baby im Steckkissen. Aber er soll nur was sagen – weißt du, was ich ihm dann antworte? ›Herr Doktor‹ werde ich sagen – ich nenne ihn jetzt immer Herr Doktor, trotzdem er's noch gar nicht ist, weil er noch ganz dreist Hilde zu mir sagt – ›Herr Doktor, das ist ja nur Konkurrenzneid von Ihnen, weil ich auch Medizin studieren will, wie Sie‹ – ja, das sage ich ihm!« Hilde schleuderte zur Bekräftigung ihrer Worte ihre Büchermappe so nachdrücklich hin und her, daß der Federkasten in weitem Bogen entsprang. Hochauf spritzte die Pfütze zu Füßen eines ihnen entgegenkommenden Herrn, der nahm mit einem erstaunten »Nanu?« das längliche Etwas empor.

»Hilde – – –!« Daisy kniff die Freundin vor Aufregung in den Arm. Da hatte Günter Berndt die beiden auch schon erkannt.

Er lächelte ein ganz klein wenig und lüftete den Hut.

»Süß« fand die errötende Daisy heimlich dieses Lächeln, während Hilde es innerlich als unglaublich mokant bezeichnete.

»Wem gehört dieser Ausreißer?« fragte Günter Berndt, den schmutzigen Federkasten mit spitzen Fingern emporhaltend.

»Mir,« rief Hilde, ihm den Kasten so energisch aus der Hand reißend, daß ihr weißer Trikothandschuh schwärzliche Spuren aufwies.

»Na, machen Sie nur, daß Sie nach Hause kommen, Hilde, die Suppe steht schon auf dem Tisch. Ich komme eben von Richard. Sonst gehen Sie heute mittag leer aus,« rief er lachend.

Hilde warf einen entsetzten Blick auf die Turmuhr drüben.

»Allmächtige Schokolade – gleich zwei – Daisy, ich komme nachmittags zu dir, um Bericht zu erstatten – adieu, Herr Doktor!«

Trotz ihrer Eile betonte sie die spöttische Anrede noch so auffallend, daß es wieder belustigt um Günters Lippen zuckte. Trapp – trapp rannte sie durch den strömenden Regen ihrem Hause zu, während Daisy herzklopfend an Günters Seite in entgegengesetzter Richtung dahinschritt.

»Netter kleiner Backfisch!« sagte Günter Berndt harmlos zu Daisy, ohne im geringsten zu ahnen, daß er ihre empfindlichste Stelle damit traf.

Daisy richtete sich in ihrer ganzen stattlichen Größe empor. Sie war nicht viel kleiner als der junge Mediziner.

»Backfisch!« – sagte sie kühl und sehr von oben herab, »meine Freundin wird bald siebzehn und geht in drei Wochen von der Schule ab. Bei uns in Amerika heiratet man in diesem Alter.«

»Verzeihung, gnädiges Fräulein,« er machte ein ganz zerknirschtes Gesicht, »man vergißt, daß man alt wird. Gedenkt denn Ihre Freundin nun auch gleich zu heiraten?« Da erst merkte sie den Spott in seinen grauen Augen. – Hilde hatte recht, er konnte wirklich unausstehlich sein.

»Hilde wird studieren!« Voll Empörung warf sie ihm das große Geheimnis an den Kopf.

»Was denn? – Küchenchemie?« neckte er.

Daisys Blauaugen flammten.

»Nein, Medizin – gerade wie ich!« – Lachte er nicht schon wieder?

Daisy sah ihn scheu von der Seite an.

»Sie – Miß Daisy – Sie auch?« Sie wollte den ernsten Ton in seiner Stimme nicht hören.

»Jawohl ich – ich – Herr Berndt – denken Sie, ich bin zu dumm dazu? – Oh, ich werde es Ihnen schon beweisen ...«, die sonst so sanfte Daisy war ganz außer sich.

Er reichte ihr die Hand.

»Sie sind viel zu zart zum Medizinstudium, dazu muß man aus derberem Stoff sein,« sagte er. Dann grüßte er kurz und ging schnellen Schritts davon.

Daisy aber starrte ihm noch nach, als längst schon der letzte Zipfel seines wehenden Lodenmantels um die Ecke verschwunden war.– – –

Hilde stieg inzwischen herzklopfend die Treppen zu ihrer Wohnung empor – war nur das schnelle Laufen an dem ungestümen Pochen ihres Herzens schuld oder – hatte sie am Ende doch ein ganz klein bißchen »Bammel«? Sie wagte sich selbst keine Antwort darauf zu geben.

Fatal, daß es schon so spät war. Nun war Papa sicherlich schlecht gelaunt. Aber »Mut zeiget auch der Mameluck,« murmelte Hilde vor sich hin und drückte dann die Klingel unter dem weißen Schild, auf dem mit großen schwarzen Buchstaben »Dr. Ludwig Dahlen, Augenarzt« prangte.

»Die Herrschaften sind schon beim Fleisch, Fräulein Hilde,« flüsterte ihr Mine, der dienstbare Geist, nicht sehr ermutigend zu. Vier Augenpaare richteten sich bei Hildes Eintritt fragend auf sie. Tiefe Stille.

»'n Tag,« sagte Hilde möglichst unbefangen und nahm ihr Mundtuch hoch.

Da lagen auf ihrem Teller drei Taschenuhren – selbst der Vater hatte ihr seine Uhr aufgebaut – dann war er nicht allzu böse! Hilde lachte befreit auf.

»Na – hier gibt's nichts zu lachen, Mädel,« sagte der Vater mit angenommener Strenge. »Ist das eine Art, so spät zu Tische zu kommen, wo hast du dich denn 'rumgetrieben, he?« Mit geheimem Stolz betrachtete er sein blühendes Töchterchen.

»Hast wohl nachsitzen müssen, was, Kleine?« neckte Bruder Max.

»Es regnete so ...« begann Hilde.

»Ach – ne!« machte Max erstaunt.

»Höchstens ein Grund, schneller nach Haus zu kommen,« sagte Richard mit seiner gräßlichen Logik. »Also erste Entschuldigung wird rundweg abgelehnt. Was kann die Angeklagte sonst noch zu ihrer Entlastung anführen?«

»Ach – hör' doch schon mit deinem Unsinn auf,« rief Hilde unwirsch. »Ich hab' mich eben mit Daisy verspätet.«

»Ja – natürlich – an mich denkst du ja nicht,« klagte die Mutter. »Das ist dir ganz gleich, ob Wäsche ist oder nicht, selbst den Tisch habe ich heute für dich decken müssen.«

»Na, laßt sie nur in Ruhe essen,« brummte Papa, der es nicht mit anhören konnte, wenn andere seinem Liebling etwas taten. Hilde blickte dankbar zu dem guten Vater hinüber.

Das Essen rutschte nicht – erstens gab's Kohl, das obligate Waschfrauenessen, und dann überhaupt – sie hatte keinen rechten Hunger. Vater war in sein Sprechzimmer gegangen, die Teller waren zusammengestellt, der Tisch abgefegt – Hilde fand keinen Grund mehr, die Sache hinauszuschieben.

»Also denn los!« Mit gepreßtem Herzen folgte Hilde dem Vater in sein Zimmer.

Sie legte ihm die Zeitung auf sein Tischchen neben dem Klubsessel und stellte Zigarren, Aschbecher und Streichhölzer zurecht. Verwundert schaute der Vater ihr zu.

»Nanu, Wildfang, solch zarte Aufmerksamkeiten bin ich ja gar nicht von dir gewöhnt. Da steckt doch irgend was dahinter – also heraus mit der Sprache!«

Die große Hilde sprang dem Vater wie ein kleines Mädel auf das Knie und schlang ungestüm beide Arme um seinen Hals.

»Du bist mein kluges, allerbestes Vaterchen!« schmeichelte sie.

Zärtlich strich der Vater seiner Jüngsten das zerzauste goldbraune Haar aus der Stirn.

»Also zur Sache, Kind, die lange Einleitung kannst du dir schenken, wo hapert's denn?«

Hilde schwieg noch immer.

»Wieder was ausgefressen in der Schule, hm?«

Sie schüttelte das hübsche Köpfchen.

»Ach, Papa – ich habe eine Riesenbitte!«

»Konnte ich mir lebhaft denken – na, was ist's denn – ein neues Kleid – nochmal Tanzstunde oder –«

»Nein, Vater – ich möchte studieren!« –

Gottlob – nun war es heraus!

Der Vater brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Weiß der Himmel, Mädel, du verstehst es, einen doch immer vergnügt zu machen, man mag noch so verstimmt sein – aber nun geh, Kind, ich bin heut noch nicht dazu gekommen, die Zeitung zu lesen.«

»Aber es ist doch mein Ernst, Papa,« beharrte Hilde, »ich möchte aufs Gymnasium gehen und dann später Medizin studieren.«

»Wa–as?« Der Vater hob ihren Kopf zu sich empor, blickte ihr in die hellbraunen Schelmenaugen, die ernst und bittend zu ihm ausschauten, und griff nach ihrem Puls.

»Ist dir die warme Frühlingsluft zu Kopf gestiegen oder – – –«

»Aber Vaterchen, es gehen doch so viele Mädchen aufs Gymnasium. Daisy kommt doch auch hin!«

Hilde zeigte eine gekränkte Miene.

»Daisy ist eine vorzügliche Schülerin, das ist etwas ganz anderes! Aber du – Mädel – jedes Halbjahr zittert Mutter vor deiner Zensur – du studieren! – Es ist wirklich zum Lachen.«

»Ach, Papa – nur im Betragen, Aufmerksamkeit und Fleiß hatte ich ein schlechtes Zeugnis und – und im Rechnen.«

»Ja – aber Betragen – – –«

»Ist die Hauptsache bei einem Mädchen,« fiel Hilde dem Vater lachend ins Wort, »das weiß ich ja noch ganz genau von der letzten Zensur her! Du kannst es doch mal probieren, Vaterchen. Wenn ich nicht vorwärts komme, ist es doch immer noch Zeit, mich herauszunehmen – und Richard und Max hast du's doch auch erlaubt,« schloß sie weinerlich.

»Jawohl,« sagte der Vater grimmig, »zwei studierte Esel hab' ich schon.«

»Alle guten Dinge sind drei,« flehte Hilde, die um der guten Sache willen selbst den Esel mit in Kauf nahm. Aber der Vater fuhr unbeirrt fort: »Weiß gar nicht, wie meine Tochter zu solchen Ideen kommt – in die Küche gehört ein Mädel, an den Herd – und nicht in den Seziersaal!«

»Ja, früher, Vaterchen,« erwiderte Hilde eifrig. »Wir Mädel wählen uns doch jetzt genau so unsern Beruf wie die Jungen. Fast zu jedem Beruf wird das Abiturium verlangt. Und du hast doch immer gesagt, ich hätte eine weiche, sichere Hand und solle einmal deine Assistentin werden. Nun sei doch auch mein einziges, süßes, allerallerbestes Vaterchen und sage ›ja‹ – ja?« Ihre kleinen Hände strichen glättend über des Vaters gefurchte Stirn.

»Nein!« sagte der Vater mit Nachdruck, »ganz ausgeschlossen!«, und griff nach seiner Zeitung. »Wer so wenig in der Schule geleistet hat wie du, der gehört nicht aufs Gymnasium. Erst wünsche ich mal für dich ein Haushaltungsjahr unter Mutters Anleitung. Und dann können wir weiter von Berufen reden. So – und nun geh, Kind, ich will endlich meine Ruhe haben!«

Hildes Augen begannen zu tropfen. Sie sah, wie der Vater sich in die Reichstagsverhandlungen vertiefte. Nun war nichts mehr zu wollen. Für heute mußte sie die Waffen strecken. Weinend schlich Hilde in ihr Stäbchen.

Ach, das war ein trauriger Nachmittag! Zu Daisy durfte sie auch nicht, um ihr Herz zu erleichtern. Sie mußte der Mutter beim Blauen und Stärken der Wäsche zur Hand gehen. Mit todestraurigem Gesicht drehte Hilde die Wringmaschine.

Der Mutter fiel schließlich die Einsilbigkeit ihres sonst so munteren Töchterchens auf.

»Hilde, du drehst ja wie im Schlaf – sei doch bei der Sache, Kind! Flink und gewandt muß ein junges Mädchen sein. – Nanu, Tränen? Aber was ist denn los, Hildchen, du bist doch sonst nicht so dicht am Wasser gebaut?«

Hilde schluchzte, daß es einen Stein hätte erbarmen können. Vergeblich suchte die erschreckte Mutter durch sanften Zuspruch ihr Kind zu beruhigen. Nach und nach erst kam es heraus – stoßweise – das ganze große Elend – ihr heißer Wunsch, zu studieren, der Überfall heute nachmittag auf den ahnungslosen Vater und ihre jämmerliche Niederlage.

»Ach, Muttchen, hilf du mir doch bloß,« schloß Hilde mit verzweifelter Miene, »vielleicht kannst du Papa noch umstimmen.«

Die kluge Mutter, die im Herzen ihres Kindes zu lesen gewöhnt war, zeigte absolut keine Überraschung. Längst schon hatte sie den geheimen Wunsch ihrer Hilde erkannt, und im Grunde war sie demselben durchaus nicht abgeneigt. Hilde hatte ihrer Ansicht nach auf der Schule blutwenig gelernt, es schadete ihr gar nichts, wenn sie noch ein paar Jahre gewissenhaft arbeitete, vielleicht nahm sie sich auf dem Gymnasium mehr zusammen. Lauter Dummheiten und lustige Streiche spukten der Hilde im Kopfe herum; ernstes, zielbewußtes Streben konnte ihrer geistigen Entwicklung nur förderlich sein. Und mit dem Studium, da hatte es ja noch gute Wege, das konnte man sich ja dann immer noch überlegen.

So versprach die Mutter, selbst noch einmal mit dem Vater zu reden, und ein klein wenig getröstet, half Hilde beim Aufhängen der Feinwäsche. Allerdings erschien sie beim Abendbrot immer noch mit verheulten Augen. Richard, der scharfsichtige Jurist, hatte es natürlich gleich entdeckt.

»Was ist's, daß du so traurig bist. Wo alles froh erscheint. Ich seh' dir's an den Augen an. Gewiß – du hast geweint!«

deklamierte er mit pathetischer Stimme.

Hilde warf dem älteren Bruder einen bitterbösen Blick zu und zerknudelte nervös ihr Mundtuch – die Tränen stiegen ihr schon wieder heiß in die Augen.

»Na, weine man nicht, na, weine man nicht – In der Röhre stehn Klöße, du siehst sie bloß nicht!«

begann jetzt Max in höchst unmelodischen Tönen das Schwesterlein anzuulken. Das nahm Hilde nun aber gewaltig krumm. Heftig sprang sie von ihrem Stuhl auf.

»Ihr sollt mich in Ruhe lassen – ihr dummen Jungs!« rief sie laut weinend und wollte aus dem Zimmer.

»Aber hier geblieben!« rief Papa, der die ganze Zeit über schon unbehagliche Blicke auf das verstörte Gesicht seines Lieblings geworfen hatte.

»Laßt mir das Kind in Frieden, verstanden!« wandte er sich an die Herren Söhne – »und du, Hildchen, komm, sei vernünftig, sie meinen es doch nicht böse. Hier hast du ein schönes, zartes Stück Schinken; so, nun iß, Kind,« er legte dem Töchterchen eigenhändig das Fleisch auf den Teller.

»Eklige kleine Kratzbürste!« brummte Max, während Richard etwas von »empfindsamem Backfisch« murmelte.

Hilde aber würgte und würgte, sie konnte nicht essen. Bald nach dem Abendbrot sagte sie gute Nacht und suchte ihr Lager auf. Ach, was würde Daisy bloß sagen! Und all die andern in der Schule – wie schadenfroh würden sie sein, daß sie sich so blamiert hatte! Oh, wie schämte sie sich – ruhelos wälzte sich Hilde in ihren Kissen hin und her.

Mit bleichem Gesicht erschien sie am nächsten Morgen am Kaffeetisch. Hatte Mama schon mit dem Vater gesprochen?

»'n Morgen,« sagte sie mit müder Stimme.

Der Vater blickte prüfend in Hildes blasses, trauriges Gesichtchen.

»Ja, sag' mal, Hilde, soll das nun etwa so weitergehen, diese Jammermiene und das miesepetrige Wesen? Ich will mein frisches Mädel wieder haben – verstanden! – nicht solche Tranfunzel!«

Hilde schwieg verstockt.

»Ihr werdet ja nicht eher klug, ihr junges Volk, als bis ihr selbst Lehrgeld bezahlt habt,« meinte der Vater seufzend – »also denn meinetwegen – wirst mich bald genug quälen, meine Erlaubnis wieder rückgängig zu machen. Und nun bitte ich mir ein anderes Gesicht aus!«

Hilde glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.

»Was – du – erlaubst – es?« stieß sie zweifelnd heraus und blickte fragend auf die Mutter. Diese nickte ihr lächelnd zu. Laut jubelnd fiel Hilde dem Vater um den Hals. Dann kam die Mutter an die Reihe, glückselig sprang sie von einem zum andern.

»Aber das sage ich dir gleich, du Strick,« sagte der Vater ernst, »Bälle und sonstigen Firlefanz gibt's dann nicht, nun wird stramm gearbeitet – entweder – oder!«

So meldete sich Hilde an einem der nächsten Tage zur Aufnahmeprüfung in dem Gymnasium. – – –

Es fiel ein Reif

Inhaltsverzeichnis

Natürlich – die Familie stand kopf! Sämtliche alten Tanten der Familie schüttelten das Haupt. Unglaublich – gar nicht zu verstehen – die Eltern waren doch sonst so vernünftige Leute, warum gaben sie die Tochter nicht lieber in eine Haushaltungsschule – na, sie würden es ja sehen, wohin es führte, was sie sich für einen Blaustrumpf damit erzogen! Hilde, das unweibliche, wilde Ding, hatte es doch gewiß nötig, mädchenhafter und häuslicher zu werden!

Hilde aber kümmerte sich nicht um alle rückständigen Tanten der Welt, sie strahlte, nichts war imstande, ihre gute Laune zu trüben. Selbst die ständigen Neckereien der Brüder ertrug sie mit ungewöhnlicher Sanftmut. Sie lehnte höflich die Zigarren ab, die sie ihr jeden Mittag nach dem Essen anboten, fuhr nicht wütend los, als sie in ihrem zierlichen Mädchenzimmer an der Wand eines Tages eine lange Pfeife und ein Rapier entdeckte, und stopfte die blauen Strümpfe Richards, die dieser extra für sie heraussuchte, mit wahrer Todesverachtung.

Max redete nur noch Lateinisch oder in Hexametern zu ihr, sandte ihr mit der Post Einladungen zu seinen Studentenkneipen und zum Katerfrühstück und lehrte sie mit Stöcken kunstgerecht fechten und seinen Hieben parieren. Aber als die erste Fensterscheibe daran glauben mußte, machte die Mutter ein für allemal diesen Mensuren ein Ende. –

So kam der Tag der Aufnahmeprüfung heran.

Hilde hatte Mühe, ihr zuversichtliches Wesen den düsteren Prophezeiungen der Brüder gegenüber, daß sie niemals die Prüfung bestehen würde, aufrecht zu erhalten, denn sie war ihrer Sache selbst mehr als unsicher.

»Du sollst sehen, Daisy,« sagte sie zur Freundin, die ebenfalls sehr erregt war, als sie beim Eintritt in die fremden Klassenräume, in denen die Prüfung stattfand, sich all den neugierig musternden Augen der Konkurrentinnen ausgesetzt fühlte, »paß bloß auf, Mathematik bricht mir den Hals!«

Direktor Richter, ein liebenswürdiger Herr, ermutigte die Schüchternen. Hilde fand ihre Unverfrorenheit wieder.

Kinderleicht war es ja – die schriftlichen Arbeiten in Deutsch, Französisch und Englisch glücklich vorüber, in Mathematik allerdings hatte sie trotz eifrigen Schielens auf Daisys Heft die letzte Ausrechnung nicht genau entziffern können – warum schrieb Daisy auch so undeutlich!

Nun nahm der Direktor sie natürlich noch extra scharf beim Mündlichen heran, eklig zwiebelte er sie, aber Hildes frische, dreiste Art machte ihm augenscheinlich Spaß.

Und als sie in Literatur, ihrem Lieblingsfach, einige treffende Antworten über die schlesische Dichterschule gegeben, ließ Direktor Richter ein vernehmliches »Gut« hören.

Hilde hatte bestanden.

Daisys Aufnahme war ja über jeden Zweifel erhaben gewesen, selbst deutscher Aufsatz, die Achillesferse der jungen Ausländerin, war zur Zufriedenheit ausgefallen.

»Mächtiges Schwein hab' ich gehabt,« berichtete Hilde frohlockend daheim ihrem Intimus Max, während Mama über die derb burschikose Ausdrucksweise ihres Töchterchens erschrocken den Kopf schüttelte.

»Natürlich hab' ich gleich Schillerlocken aus Dankbarkeit spendiert, da, Max, hast du noch ein paar. Ach, Daisy war auch ganz glücklich.«