Sturmflimmern - Moira Frank - E-Book

Sturmflimmern E-Book

Moira Frank

4,5
13,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein flirrend heißer Sommer in einer amerikanischen Kleinstadt: Die 15-jährige Sofia würde am liebsten einfach nur die großen Ferien genießen, mit ihren Freunden Partys feiern und im Fluss baden gehen. Doch mit ihrer eigensinnigen Art hat sie unbeabsichtigt den Konflikt zwischen ihrem besten Freund Oscar und seinem brutalen älteren Bruder David verschärft. Aus ein bisschen Geplänkel entsteht eine gefährliche Spirale der Gewalt. Dabei fangen mit der Ankunft eines alten Bekannten von Sofias Vater die Probleme gerade erst an ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 685

Veröffentlichungsjahr: 2016

Bewertungen
4,5 (18 Bewertungen)
12
3
3
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Moira Frank

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

1. Auflage 2016

© Moira Frank. Dieses Werk wurde vermittelt

durch die Literarische Agentur Michael Gaeb.

© 2016 cbt Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: *zeichenpool, München

Umschlagmotive: Gettyimages (Jaclyn Sollars);

Shutterstock (EpicStockMedia, Dunescg)

MI · Herstellung: TG

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-18886-3V001

www.cbt-buecher.de

Für euch.

Der Kassierer beobachtete sie, seit sie hereingekommen war. Er hatte ihr Gesicht gesehen. Das getrocknete Blut unter ihrer Nase, das sie nicht ganz hatte abwischen können. Ihre aufgeplatzte, dick geschwollene Lippe. Wahrscheinlich sogar ihre zitternden Hände.

Im Kiosk roch es nach Kaffee und Zeitschriften und schwach nach dem Diesel, mit dem der Angestellte draußen die Autos betankte. Aus dem Kofferradio im Regal hinter dem Tresen drang blechern klingender, schläfriger Country. Am Durchgang ins Hinterzimmer hing ein Wandtelefon. Um halb vier in der Nacht war Harriet die einzige Kundin, doch sie fühlte sich, als durchbohrten ihren Rücken noch Dutzende mehr Augenpaare als nur das des Kassierers, einem weißen Mittvierziger in kariertem Hemd und mit Baseball-Schirmmütze, der wahrscheinlich gleichzeitig der Inhaber war. Harriet stand am Kühlschrank und hatte ihm den Rücken zugewandt. In der linken Hand balancierte sie drei eingepackte Sandwiches, unter den Ellbogen hatte sie eine Flasche geklemmt, deren Kälte durch ihren Mantel strahlte. Die geschwollene untere Hälfte ihres Gesichts pochte. Auf ihrem linken Ohr war seit drei Stunden ein leises, aber hartnäckiges Pfeifen. Aus den Augenwinkeln sah sie den Inhaber durch das Fenster Blicke mit jemandem wechseln, dann zum Telefon blicken.

Harriet nahm instinktiv von ganz unten eine Flasche Milch und schloss den Kühlschrank mit der Schulter. Als sie sich umdrehte, sah der Inhaber sie plötzlich nicht mehr an, sondern blätterte in etwas hinter dem Tresen. Harriet hielt die Flaschen so fest, dass ihre Hände still waren, ging zu ihm hinüber und stellte sie auf den Tresen.

»Abend«, sagte sie. Ihre Stimme war rau, aber fest.

Der Mann sah von seiner Zeitung auf und räusperte sich. Er vermied, ihr direkt in die Augen zu sehen. Auf seinem Gesicht sah Harriet wie schon bei dem Tankwart, dem sie draußen zehn Dollar gezahlt hatte, eine Mischung aus Misstrauen und Mitleid. Das Misstrauen überwog.

»Abend auch«, sagte er. Er trug eine Kappe der Cincinnati Reds, die im letzten Jahr, 1971, eine katastrophale Saison gespielt hatten. Sie legte die drei eingepackten Sandwiches und eine Packung Tylenol neben die Flaschen und zog einen zerknitterten Schein aus ihrer Hosentasche. Im Radio löste ein melancholischer Titel von Johnny Cash den letzten Song ab. Der Inhaber nahm den Schein und hielt ihn bloß in der Hand. Harriet sah, dass er heftig mit sich rang. Als er endlich den Mund öffnete, kam sie ihm zuvor.

»Das war das letzte Mal«, sagte sie. »Ich lass mich von ihm nicht mehr so behandeln, wissen Sie?«

»Ach ja?«, sagte der Inhaber, verdutzt von ihrer Initiative.

»Ja«, sagte Harriet und zwang sich zu einem Lächeln, bei dem ihre Unterlippe wieder zu bluten begann. »Diesmal geh ich ganz bestimmt nicht zu ihm zurück. Mir reicht’s.«

Der Inhaber hielt noch immer ihren Schein. »Es geht mich ja nichts an«, sagte er, »aber ich hoffe doch, dass Sie bei der Polizei waren. Ich will nicht unhöflich sein, aber Sie sind ganz schön zugerichtet. Und Sie bluten sogar.«

»Wenn ich mir gleich eine kalte Coke an den Mund halten kann, geht’s mir viel besser.«

Er warf einen kurzen Blick aus dem Fenster. Harriet ballte die Hand, die sie nicht auf den Tresen gelegt hatte, zu einer zitternden Faust. In ihren Ohren dröhnte es.

»Es ist nett, dass Sie sich Sorgen machen«, sagte sie, »aber das müssen Sie nicht.«

Plötzlich sah er sie wieder an, zum ersten Mal direkt. »Er hat Sie doch nicht gezwungen? Zu tanken und dann hier reinzukommen und was zu kaufen?«

»Nein«, sagte Harriet zu rasch und zu schrill, »nein, um Gottes willen!«

»Wissen Sie, ich kann die Cops rufen, ganz unauffällig. Wenn Sie Hilfe brauchen. Ich tu so, als würde ich meine Frau anrufen oder irgendwen, und Sie bleiben hier, bis die Cops kommen.«

»Das ist wirklich nett, aber ich bin mit meinem Schwager hier. Er hat mich abgeholt. Mein Ex hat ihn ganz schön zugerichtet. Deshalb fahre ich und er hat sich auf dem Rücksitz hingelegt. Wir wollen heute noch zu meiner Schwester nach Columbus. Das habe ich ihr versprochen.« Und einer Eingebung folgend fügte sie hinzu: »Sie ist großer Fan der Reds, wissen Sie. Meine Schwester. Vielleicht werd ich’s ja auch, wenn ich zu ihr und ihrem Mann ziehe.«

Wie durch ein Wunder wirkte das. Er hörte auf nachzubohren, auch wenn er nicht völlig überzeugt davon schien, die Cops aus dem Spiel zu lassen. »Wenn Sie bis Columbus durchhalten müssen, brauchen Sie und Ihr Schwager einen Kaffee. Der geht aufs Haus.«

»Nein, vielen Dank, aber ich glaube, eine kalte Coke wäre jetzt viel besser.«

»Dann geht die Coke aufs Haus«, sagte er und begann, die einzelnen Posten in die Kasse einzugeben. Ihre Einkäufe steckte er in eine Papiertüte. »Passen Sie auf sich auf.«

»Mache ich.«

»Und gehen Sie bloß nicht zu ihm zurück. Das darf man mit keiner Frau machen.«

Harriet zwang sich noch einmal zu einem Lächeln, diesmal nicht ganz so breit, weil ihr Mund ertaubte und sie plötzlich Tränen in den Augen hatte. »Der sieht mich nie wieder.«

Sie verließ den Laden. Es regnete noch, doch es war nichts im Vergleich zu dem Sturm in Philadelphia, der innerhalb von zwei verregneten Tagen den Delaware River über die Ufer hatte treten lassen und die halbe Stadt unter Wasser gesetzt hatte. Sie ging rasch in Richtung Wagen, die Papiertüte umklammernd, den Kopf gegen den Nieselregen gesenkt, der sich auf ihrem Gesicht und ihren Händen wie feine Nadeln anfühlte. Der Tankwart stand neben der Zapfsäule und rückte seine Kappe zurecht, als sie auf ihn zukam.

»Ma’am«, sagte er. Sie nickte ihm zu und hoffte, dass er sie nicht ebenfalls beiseitenahm und ihr anbot, die Cops zu rufen. Er war jung, sichtbar ein guter Sportler. Er war schwarz, und vielleicht sah er sie deshalb mit viel weniger Misstrauen an als sein Chef. »Alles in Ordnung?«

»Mir geht’s gut. Sagen Sie Ihrem Chef von mir noch mal Danke. Wenn er Ihr Chef ist«, fügte sie hinzu.

Er nickte mit sichtbarer Skepsis. »Werd ich. Gute Fahrt, Ma’am«, sagte er und ließ sie vorbei.

Als Harriet einstieg, roch sie zuerst das Blut. Schill war noch bei Bewusstsein. Er atmete schwer aus vor Erleichterung, dass sie zurück war. Sie stellte die Einkäufe neben sich und sah sich kurz nach ihm um.

»Fahr«, sagte er erstickt.

Harriet schnallte sich an, ließ den Wagen an und bog vom leeren Parkplatz zurück auf die vom Regen glänzende, die Leuchtanzeige der Tankstelle spiegelnde Straße. Im Rückspiegel sah sie den Tankwart zum Kiosk hinübergehen und eintreten.

»Er ruft die Cops«, sagte Schill, träge vor Schmerzen. Er war aschfahl und saß vornübergebeugt, die rechte Schulter gegen die Tür gestützt, um sich nicht auf die linke lehnen zu müssen. »Verdammtes Wunder, dass er mich nicht zur Rede gestellt hat. Sah so aus, als wollte er das tun, wenn du nicht gekommen wärst.«

Harriet bezweifelte, dass der Tankwart tatsächlich einen Versuch gemacht hätte, Schill mit den Gesichtsverletzungen seiner Begleiterin zu konfrontieren. Breitschultrig, muskulös und größer als die allermeisten Männer, hätte Schill auch unverletzt Respekt einflößend gewirkt. Doch wenn er näher in den Wagen gesehen hätte, würde wahrscheinlich bereits jetzt die örtliche Polizei nach ihnen fahnden.

»Ich habe den Chef überzeugt. Ich habe ihm gesagt, du wärst mein Schwager und hättest mich vor meinem Ex gerettet.« Sie redete gegen ihre Zweifel an. »Schill, wir mussten tanken, und sie wären viel misstrauischer gewesen, wenn ich nicht ausgestiegen wäre.« Die Tankstelle war weit hinter ihnen zu einem vom Regen verwaschenen Lichtfleck verschwommen. Harriet musste sich beherrschen, nicht das Gaspedal durchzudrücken. Ihr Puls war immer noch zu hoch. Ihre Muskeln brannten vom Zittern. Die Angst saß ihr heiß und spitz in der Brust. Gleichzeitig kam ihr alles unwirklich vor, wie durch eine Glasscheibe beobachtet. Vielleicht, dachte sie, schlief sie oder sah mit Julie einen schlechten Kriminalfilm im Kino. Dann fielen ihr die Einkäufe wieder ein. Sie war inzwischen ruhig genug, um eine Hand vom Lenkrad zu nehmen. »Versuch, ob sie nicht was essen will«, sagte sie. »Und ich habe dir Tylenol mitgebracht.«

Schill nahm ihr die Tüte mit der gesunden Hand ab, stellte sie neben sich und lehnte sich steif vor Schmerzen nach vorn, um in den Fußraum greifen zu können.

»Hey«, sagte er leise. »Du kannst wieder hochkommen.«

Harriet warf einen kurzen Blick über die Schulter und sah Sofias zerzausten Kopf unter der Decke auftauchen, mit der Schill sie im Fußraum verborgen hatte. Er zog sie vorsichtig hoch auf die Rückbank. Ihr Haar, immer noch feucht vom Regen, stand ihr wild vom Kopf ab. Ihre Augen waren verquollen vom vielen heftigen Weinen in dieser Nacht, doch jetzt war sie ruhig. Harriet sah zurück auf die Straße.

»Bist du hungrig?«, hörte sie Schill zu Sofia sagen.

Sofia streckte sich, um in die Tüte zu spähen. Schill nahm ihre Hand und schlug ihr Julies viel zu großen weißen Strickpullover an den Ärmeln hoch. Sofias verbundene Hände kamen zum Vorschein. Schill holte ein Sandwich aus der Tüte und wickelte es für sie aus. Er konnte nur eine Hand für alles benutzen. Wie Harriet zitterte er.

»Thunfisch?«, sagte er. »Ernsthaft, Harriet? Für ein vierjähriges Kind?«

Doch Sofia verschlang es in großen Bissen. Schill strich ihr ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, damit sie ihr nicht in den Mund gerieten. Dann nahm er vier Tylenol auf einmal und trank die Hälfte der Cola hinterher, die der Cincinnati-Reds-Mann Harriet geschenkt hatte.

»Fuck«, sagte er heiser. »Danke. Willst du auch welche?«

»Nein. Ich werde sonst müde. Aber gib mir die Flasche, solange sie noch kalt ist.«

Sofia stopfte sich den Rest des Sandwiches in den Mund. Schill schraubte ihr die Flasche Milch auf und hinderte sie daran, sie sich vor lauter Eifer über den Schoß zu kippen.

»Langsam«, sagte er. Er ließ sie ein Drittel der Flasche trinken. Danach leckte Sofia sich die Finger ab und wischte sich mit den bandagierten Händen über den Mund, behutsam, weil sie wehtaten. Ihre unter dem Verband hervorragenden Fingerknöchel waren gerötet davon, dass sie auf ihnen gekaut hatte.

Sie schlief nicht sofort wieder ein. Harriet sah ihre Augen im Dunkeln schimmern, ihr herzförmiges kleines Gesicht in Schills Arm gedrückt.

»Wir müssen das Auto bald wechseln«, sagte Schill.

»Ich weiß.« Die Flasche tat Harriets Lippe gut, dämpfte den Schmerz. Sie sah Schill im Rückspiegel an. Er sah zurück. Seine Augen waren eingesunken. Sein Gesicht war hohl. Der Anblick versetzte ihr erneut einen heftigen, heißen Stich Angst. »Haben wir sie abgeschüttelt?«, fragte sie.

»Wenn nicht, hätten sie uns längst.«

Da war die Pistole, die sie erkämpft hatte, unter dem Fahrersitz. Sie wollte sie nicht. Sie wollte nie wieder in ihrem Leben eine Waffe anrühren.

»Wenn sie uns diesmal finden, werden sie uns umbringen«, sagte Harriet bemüht sachlich. Sie spürte beim Schlucken, wo ihr der Hals zugedrückt worden war. Das Dröhnen in ihrem Kopf. Die Pistole, die ihr aus der Hand gezogen wurde. Ihr letzter Gedanke: Das war’s. Ich hab’s versucht. »Die werden nicht verhandeln. Isaac –«

»Du machst Sofia Angst!«, sagte Schill laut und scharf. Harriet verstummte. Sofia zuckte zusammen, als er die Stimme erhob, beruhigte sich jedoch gleich wieder. Sie sah nicht verängstigt aus. Sie hatte sich entspannt und sah aus dem Fenster, beobachtete die gelegentlich vorbeiziehenden Lichter anderer Autos, einsamer Schilder.

Harriet fing das Gespräch nicht wieder an. Schills Tabletten begannen zu wirken. Seine flachen, gequälten Atemzüge wurden tiefer, und schließlich schlief er ein. Kurz darauf passierten sie die Grenze. Aus der Dunkelheit tauchten großen Schilder auf, die sie in Ohio begrüßten: Mit Gott sind alle Dinge möglich.

Harriet stellte das Radio an. Sie hielt es nicht allein mit dem Pfeifen in ihrem Kopf aus, mit den kurzen, heftigen Anfällen, die ihren Puls hochjagten und sie wieder in kalten Schweiß ausbrechen ließen. Sofia, die sich, barfuß, winzig, auf sie warf, um ihr zu helfen. Die splittrigen Einschusslöcher in den Dielen. Der dritte Schuss, laut und schneidend im Treppenhaus. Schill, zwischen dessen Stiefeln sich auf dem Boden des Aufzugs eine kleine Pfütze Blut sammelte, verblüfft die weinende Sofia umklammernd. Die überflutete Stadt, das Blinken von Umleitungen, während Harriet versuchte, einen Weg auf den Highway zu finden, und Schock, Schmerz und Adrenalin in ihrem Körper wüteten. Während sie betete, flehte, dass Schill nicht auf der Rückbank verblutete.

Sie fuhr an Columbus vorbei. Danach sagte ihr kein Ortsname mehr etwas. Sie dachte an Julie, die in dieser Nacht der Zufall davor bewahrt hatte, in all das mit hineingezogen zu werden. In New York hatte sie und ihre Brüder, die zum Eisfischen am Ontariosee gewesen waren, ein Schneesturm überrascht, sodass sie länger bleiben mussten. Vielleicht hatte schlechtes Wetter ihr das Leben gerettet.

Irgendwann auf der langen, einsamen Strecke, ihr bester Freund und das fremde Kind tief schlafend auf der Rückbank, erkannte Harriet, dass sie nie wieder zurückkehren konnte.

Die Dämmerung setzte ein, als sie zu einem billigen, anonymen Motel am Rand eines Industriegebiets abbog, aus dessen vielen dünnen Schloten bläulicher Rauch in den Himmel stieg. Die Frau an der Rezeption fragte Harriet nicht, wer sie geschlagen hatte. Sie gab ihr kommentarlos den Schlüssel.

Das Zimmer hatte ein winziges Bad, ein durchgelegenes Doppelbett und ein Portrait von Kennedy an der Wand. Harriet trug die schlafende Sofia zum Bett, ging zurück zum Wagen und weckte Schill. Der provisorische Verband aus Kompressen und Mullbinden, den sie ihm auf einem windigen Rastplatz in Pennsylvania angelegt hatte, war zwar blutig, aber nicht stark. Für einige Stunden würde es noch gehen. Schills Arm war grau vor Blutmangel, seine Tätowierungen wirkten schmutzig. Die Wunde fühlte sich warm an. Auch Schills Stirn war heiß. Sie musste ihm Antibiotika besorgen.

Schill schlief wieder ein, sobald sie ihm half, sich zu Sofia aufs Bett zu legen. Harriet schloss sie beide ein. Sie fuhr den Wagen eine Meile die Straße hinab und ließ ihn offen und mit dem Schlüssel in der Zündung in einer Seitenstraße stehen. Sie ging zu Fuß zurück, den Verbandskasten in der Hand, die Pistole in der Manteltasche. Während sie über den dunklen Parkplatz vor dem Motel zu ihrem Zimmer ging, ließ das Pfeifen auf ihrem Ohr nach. Ihre Schultern brannten, ihr Rücken war steif. Sie musste schlafen, wenigstens für zwei Stunden. Dann musste sie irgendwie einen neuen Wagen besorgen. Sie würde Sofia und Schill eine halbe, vielleicht eine Stunde länger schlafen lassen. Sie würde Julie anrufen, und dann mussten sie weiter.

Sofia hatte sich auf die Seite gedreht und die Knie angezogen, schlief aber noch tief, als Harriet zurückkam. Sie hatte die Hände im Schlaf geballt. Unter ihrem linken Ärmel war das laminierte Papierarmband hervorgerutscht.

Harriet schloss ab und zog die Vorhänge zu. Sie ging ins Bad und wusch sich die Hände und das Gesicht mit Seife, bis ihre Haut brannte, löschte das Licht und setzte sich zu Schill und Sofia aufs Bett. Schill lag auf der unverletzten Seite, Sofia zugewandt, und atmete vor Schmerz gepresst, aber er schlief. Draußen war es ganz still und noch nicht hell.

Harriet lehnte sich zu Sofia, die auf dem großen Bett verloren wirkte, und zog ihr die Decke über die Schultern. Sofia roch nach Julie und nach Schills Jacke, in die er sie eingewickelt zu ihr getragen hatte, nach dem Thunfischsandwich und darunter wie ein ganz normales Kind.

Harriet saß auf der freien Seite des Betts und kämpfte gegen die bleierne Müdigkeit. Dann bemerkte sie, dass Sofia sich bloß schlafend stellte. Sie wusste nicht, wann sie aufgewacht war, doch als sie ihr vorsichtig die Hand hinschob, tat Sofia, als bewege sie sich im Schlaf, und griff Harriets Hand mit warmen, von den Mullbinden rauen Fingern.

TEIL 1: HITZE

1.

Sofia stand barfuß, ihren abgewetzten Armeerucksack an einem Riemen über die Schulter gehängt, auf ihr Fahrrad gestützt auf der Maple Street. Sie sah abwechselnd unruhig die Straße hinab und zurück auf die Anzeige der Stoppuhr, die an einer Schnur um ihren Hals baumelte. Der Asphalt unter ihren nackten Füßen war bereits warm vom Sonnenlicht. Unter ihrem ausgeleierten T-Shirt, das Prinzessin Leia mit Blaster und Luke Skywalker mit erhobenem Lichtschwert vor der riesigen schwebenden Maske Darth Vaders zeigte, begann sie zu schwitzen.

Die ganze Straße war durchflutet von goldenem Licht. Die Dächer der stillen Häuser glänzten. Der in den Vorgärten vertrocknende Rasen und die ihn umsäumenden Hecken waren noch feucht vom Niederschlag, doch die Schatten, die die Bäume in den Straßen warfen, schrumpften rasch. Von der staubigen Einöde vor der Stadt her, über die sich ein wolkenloser, durchdringend blauer Himmel spannte, roch es schon nach der herannahenden Hitze.

Als Sofia erneut aufsah, sah sie Oscar, die Sporttasche um die Schultern gehängt, auf seinem Fahrrad in die Maple Street einbiegen. Der Fahrtwind bauschte sein T-Shirt auf. »Fahr zu!«, rief er, als er sie sah.

»Wo zum Teufel bist du gewesen?«, schrie sie ihm entgegen.

»Red nicht, fahr!«

Sofia sprang auf ihr Fahrrad. Er fuhr so schnell, dass er sie schon erreicht hatte. Sie stellte sich barfuß in die harten Pedalen und überholte Oscar mit brennenden Waden. Die Straße war leicht abschüssig, sodass man, sobald man einmal richtig Fahrt aufgenommen hatte, rasch um den Block kam.

»Was hast du so ewig gemacht? Ich wäre dich fast holen gekommen!«

Oscar, groß und dünn, mit kräftigen Händen, sommersprossigem Gesicht und gesenktem Kopf, war blass und nass geschwitzt. Das wilde dunkelbraune Haar, das gerade lang genug war, um nicht mehr als von seinem Vater angeordneter Militärschnitt durchzugehen, stand ihm vom Kopf ab. »Sporttasche vergessen«, keuchte er. »Wie viel Zeit haben wir?«

»Zwei Minuten!«

»Das schaffen wir nie im Leben!«

»Don’t stop believin’!«

Sie kamen an die Hauptstraße, die sich zwischen zwei Highways einsam durch die unebene Landschaft schlängelte, aus der Luft ein schimmerndes, von wenigen Ortschaften gesäumtes Band. Sie passierten eines der Ortsschilder. Über die Jahre seit ihrer Errichtung hatten Sonne und Wind die großen hölzernen Tafeln ausgebleicht, die an der Straße seltene Reisende begrüßten und verabschiedeten. Der Aufdruck, an dem Sofia und Oscar vorbeifuhren, war noch immer gut zu lesen: Auf ein baldiges Wiedersehen hofft Highville! Jemand hatte mit schwarzem Marker an die untere Kante Werden Sie high in Highville! geschrieben.

Die Schule, ein grober grauer Gebäudekomplex, den sich Middle und Highschool lange genug teilten, dass sich die jüngeren Schüler mit den Schikanen der älteren abgefunden hatten, lag am Ende des Blocks kurz vor der Stadtgrenze. Es hatte bereits geläutet, das Gelände war leer gefegt. Die Fahne vorm Eingang hing schlaff vom Mast. Sofia bremste an den Fahrradständern hart, sprang außer Atem ab, stellte ihr Fahrrad ab, zog ihre Turnschuhe an und rannte zusammen mit Oscar nach drinnen.

Das Sportfeld hinter dem Hauptgebäude grenzte direkt an die Turnhalle, wo die Umkleiden und Duschen waren. Die Mädchenumkleide war menschenleer. Es stank nach altem Schweiß, Deo und erstem Parfüm, vom Taschengeld gekauft, von Freundinnen geliehen oder großen Schwestern gestohlen. An den Haken über den Bänken hingen Handtücher, T-Shirts, zusammengeknüllte Kleider und ärmellose Blusen. Sofia stolperte über Taschen und verstreut liegende Sandalen, zog ihr Star Wars-T-Shirt aus und das graue mit dem Highville Sports-Logo auf dem Rücken an, stopfte ihren Rucksack in einen freien Spind, versuchte ihr widerspenstiges, von der Fahrt hoffnungslos zerzaustes Haar in einen Knoten zu bekommen, kehrte noch einmal um, um ihre Wasserflasche zu holen, und rannte nach draußen aufs Feld.

Auf dem Sportplatz stand die Luft dick wie Leim. Beide 9. Klassen waren da, aber noch standen alle am trockenen Feldrand und warteten darauf, dass das Footballteam der Highschool den Platz räumte, und Mr. Hoke war nicht zu sehen. Sofia stützte japsend vor Erschöpfung und Erleichterung die Hände auf die Knie.

»Ein Dollar für Nicky«, sagte jemand bedauernd. »Ich dachte, ihr macht blau.«

Beim Anblick des Jungen, der sich soeben von einer Gruppe lachender Schüler gelöst hatte und herübergekommen war, vergaß Sofia für einen Moment ihr heftiges Seitenstechen. Als Einziger auf dem Feld trug er keine Sportkleidung. Er war barfuß und komplett in Schwarz erschienen. Zu der langen schwarzen Hose mit kunstvoll abgewetzten und zerrissenen Knien, die Sofia an ihm schon kannte, trug er ein neues T-Shirt mit der verzerrten gelben Aufschrift Christian Death.

»Bist du lebensmüde?«, fragte Sofia Jeremy.

Jeremy, einer von Sofias ältesten Freunden, war kräftig gebaut, hatte dichtes blondes Haar, das ihm zu weit in die Stirn reichte, und auf dem Gesicht ein pausenloses Grinsen. Er ging in die Nachbarklasse. Die gleichmütige Würde, mit der er seine Zahnspange trug, erstreckte sich auch auf das Ertragen des Spotts anderer. Vor einem halben Jahr hatte er mit einem Ehrgeiz, den er für nichts sonst an den Tag legte, mit der endgültigen Zermürbung seiner Eltern begonnen, indem er angefangen hatte, der Kirche fortzubleiben, wann immer sich die Gelegenheit ergab, The Cure, Joy Division und Siouxsie and the Banshees zu hören und seine Klamotten selbst zu kaufen. Warum seine Eltern ihn noch nicht dauerhaft ins Bibelcamp gesteckt hatten, war Sofia ein Rätsel. Sie war viel von Jeremy gewöhnt, doch Sportkleidung zu verweigern und in Schwarz bei Hoke zu erscheinen, war ungeschlagen dreist und unleugbar beeindruckend.

»Wenn Hoke ihn nicht vorher umbringt, kriegt er auf jeden Fall ’nen Hitzschlag«, sagte der Junge, der Jeremy gefolgt war. Nicky Glover war wie Jeremy einer der besten Freunde von Sofia und Oscar. Klein, drahtig und zäh, der beste Baseballer ihrer Stufe, mit braunen Haaren und Augen, rundem Gesicht, abstehenden Ohren und spitzem Kinn, hatte er etwas von einer Maus.

»Was ist das überhaupt?«, fragte Sofia und deutete auf Jeremys T-Shirt. »Eine Band oder ein Motto?«

»Du schuldest mir einen Dollar«, sagte Nicky zu Jeremy und fügte hinzu: »Und Oscar hat’s auch geschafft, also sind es zwei.«

Oscar, der gerade von den Umkleiden kam, sah aus, als würde eine Stunde Sport ihn endgültig erledigen. Er hatte nur einen knappen, ungläubigen Blick für Jeremy übrig. »Ist Debra wert, einen Hitzetod zu sterben?«, fragte er.

Jeremys Empörung war gespielt, sein rascher Blick über die Schulter zu besagter Debra, die lachend bei ihren Freundinnen stand und deren kupfernes Haar in der Sonne leuchtete, nicht. »Dachte nicht, dass du das verstehst, Coleman, aber du würdest mir trotzdem ’nen Gefallen tun, wenn du hier nicht so rumschreist.«

Jeremys bibelfeste Eltern waren nicht die Einzigen, die sich durch Bands mit dramatischen Namen, zerrissene Kleidung und Gotteslästerung beeindrucken ließen. Jeremys Interesse an Debra Gross, die in seine Klasse ging und seit einem Jahr als jüngstes Mädchen im offiziellen Cheerleader-Team der Schule war, reichte bedeutend weiter zurück als sein neuer Musikgeschmack und hatte seinen Teil zu Letzterem beigetragen.

Jeremy war bei Weitem nicht der Einzige, der auf Debra mit dem unglücklichen Nachnamen stand. Alle Jungs ihrer Stufe waren in sie verknallt. In Debra verliebt zu sein hatte mit kindischen Schwärmereien in der Grundschule begonnen und sich bis zur Highschool zu einer ernsten Angelegenheit entwickelt, die gute Freunde plötzlich nicht zusammenschweißte, sondern heftig entzweite. Debra, die dieses neue Gesicht altbekannter männlicher Aufmerksamkeit mit empörend geringem Interesse zur Kenntnis nahm, war bislang mit keinem Jungen lange gegangen und konnte sich das leisten: Sie war beliebt, schlank und umwerfend schön, stand auf der Cheerleader-Pyramide in ihrem knappen Outfit ganz oben und war obendrein so gut in der Schule, dass sie auf Auswärtsspiele der Highschool-Mannschaften mitgehen durfte. Sie war, wie Sofia Jeremy nie vergessen ließ, eindeutig außerhalb seiner Liga.

»Gott arbeitet auf mysteriöse Weise«, verkündete Jeremy ihr dann jedes Mal mit seiner besten Predigerstimme.

Bislang hatten Jeremys subtile und beiläufige Bemühungen um Debra zu wenig außer Spott von Sofias, Augenrollen von Nickys und ruhigem Mitgefühl von Oscars Seite geführt. Debra nahm zwar Jeremys Existenz zur Kenntnis und lachte wie die meisten anderen auch über die besseren seiner Witze, aber vor allem Ersteres zu vermeiden war unmöglich. Jeremys Superkraft war, immer und überall gehört und gesehen zu werden, ob man wollte oder nicht.

»Willst du ihr Herz gewinnen, indem du dich von Hoke kaltmachen lässt?«, fragte Oscar, rieb sich die schmerzenden Rippen und grinste grimassierend. »Ist sie das wert?«

»Vielleicht steht sie auf Tattoos«, sagte Sofia. »Das solltest du als Nächstes versuchen, wenn das hier schiefgeht.«

In diesem Moment tauchte Mr. Hoke auf, sodass Jeremy darauf nicht mehr erwidern konnte als einen würdevollen Mittelfinger. Ihre Mitschüler, von denen sich viele erregt darüber unterhielten, was sie in den Ferien, die nächste Woche begannen, tun und ob und wohin sie verreisen würden, verstummten.

Angeblich hatte Mr. Hoke, ihrem Sportlehrer, einem großen, bulligen Mann, in Vietnam eine Granate die Hüfte zertrümmert. Jeremy behauptete steif und fest, er habe einfach nur Rheuma. Hoke, der seine Unterrichtsmethoden aus der Army mitgebracht hatte, gab Sport, trainierte die Baseballmannschaften der Stadt und konnte lauter brüllen als alle anderen Lehrer der Schule.

»Leichtathletik!«, bellte Hoke sie an. »Vorher drei Runden aufwärmen ums Feld!«

»Wozu müssen wir uns aufwärmen?«, sagte Jeremy laut. Neben Nicky, Oscar und Sofia in ihren Sportsachen wirkte er so fehl am Platz wie irgend möglich. »Es ist ungefähr hundert Fahrenheit!«

Ein paar lachten verhalten, darunter Debra Gross. Jeremy sah es.

»Saunders, Schluss mit dem Grinsen! Vier Runden und fünfzig Liegestütz für diesen Aufzug, und danach gehst du dich umziehen! Und jetzt Marsch!«

Unter allgemeinem verhaltenem Gestöhne machten sie sich an ihre Runden. Sofia hatte sich von ihrer halsbrecherischen Fahrt erholt. Oscar hingegen lief schleppender als sonst und presste mehrmals die Hand in die Rippen, als habe er immer noch Seitenstechen. Er war kein guter Sportler, noch weniger im Vergleich mit Nicky und Jeremy, der trotz seiner Statur einer der besten Sportler seiner Klasse war. Sofia war immer schmal und klein für ihr Alter gewesen, hatte jedoch vom Fahrradfahren und Klettern im Brachland vor der Stadt kräftige Waden und drahtige Schultern und eine hervorragende Ausdauer. Jeremy meinte, Oscar habe vielleicht Asthma. Die Schulkrankenschwester, zu der Hoke ihn geschickt hatte, als er letztes Jahr in der Halle beim Basketball plötzlich umgekippt war, hatte ihm versichert, er wäre spät im Wachstum und hielte sich selbst zurück, und mit genügend Training würde sich das geben.

Hoke teilte sie in drei Gruppen, schickte eine zum Staffellauf, eine zum Weitwurf und den Rest, darunter Sofia, Oscar und Nicky, der einer von Hokes wenigen Lieblingen war und eines der Maßbänder abbekam, zur Sprunggrube. Oscar ging leicht schwankend und schien entschlossen, sich seine Schmerzen nicht anmerken zu lassen.

Ein paar Minuten später kam Jeremy in Unterhemd und Sporthose aus der Umkleide zurück. »Seid ihr immer noch nicht dran?«, fragte er ungläubig. Er reckte den Hals nach Debra. Er schien sich nicht zu genieren, vor ihr im Unterhemd herumzulaufen. »Was machen die denn da vorn?«

Vorn bei der Grube hatte sich ein kleines Gedränge um zwei Mädchen aus der Nachbarklasse gebildet. Sofia, die bis eben mit Nicky über das Baseballcamp gesprochen hatte, für das er sich für die Ferien angemeldet hatte, sah jetzt auch hin. Cathy Pearce’ laute, spöttische Stimme drang klar zu ihnen herüber: »Hast du nicht dran gedacht, Wasser mitzunehmen?«

Inzwischen hatten alle bemerkt, dass etwas vor sich ging. Cathy, laut und nervtötend und wie Jeremy immer auf Aufmerksamkeit aus, sprach zu Abigail Hawley, einem schlaksigen schwarzen Mädchen, das für seinen lächerlich altmodischen Stil bekannt war. Neben Jeremy war sie das andere Extrem: In ihrem blütenweißen T-Shirt, frisch gebügelter, knielanger schwarzer Hose und mit hohen weißen Socken in den Turnschuhen sah sie aus, als ginge sie auf ein englisches Internat. Sofia, die außer in Sport nichts mit Abigail zu tun hatte, wusste sogar über ihre große Schwester, die letztes Jahr eine Auszeichnung für eine Biologiearbeit und damit einen Artikel in der Tageszeitung aus Kane bekommen hatte, mehr als über Abigail selbst. Ab und an sah man sie in den Pausen in einer Ecke sitzen und alte Romane lesen, die die anderen Schüler nicht für Geld angerührt hätten. Als Ziel von Spott war Abigail, still alles erduldend, Cathy und ihren Freundinnen normalerweise nicht aufregend genug.

Cathy hielt eine Wasserflasche in der Hand, goss den Inhalt in den sorgfältig mit dem Rechen geglätteten Sand und ließ die leere Flasche fallen. »Willst du was aus meiner Flasche?« Sie hielt sie Abigail hin. »Nimm ruhig, ich hab ja genug.«

Ein paar Umstehende lachten jetzt. Sofia bemerkte, dass Cathy Debra Gross im Blick behielt. Offenbar war Jeremy nicht der Einzige, der sie unbedingt beeindrucken wollte.

Cathy stieß Abigail die Flasche in den Bauch. »Hey, Abby, bist du blöd? Bist du gestört?«

Die Mädchen kicherten. Cathy machte einen Schritt zurück, und einen Moment lang dachten sie alle, sie hätte genug. Dann schraubte sie die Flasche auf, holte aus und schleuderte Abigail einen Schwall Wasser ins Gesicht. Ein paar der Umstehenden sprangen erschrocken zurück. Eine von Cathys Freundinnen kreischte. Das Mädchen neben Debra fing hysterisch an zu lachen. Abigail stand stocksteif und mit tropfenden Haaren da. Ein großer Fleck breitete sich auf ihrem T-Shirt aus und zeichnete ihren Sport-BH darunter ab.

Sofia reichte es. »Hey!«, rief sie schneidend.

Cathy drehte sich halb zu ihr um. »Ist was?«, fragte sie. Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als Abigail ihr mit einer Wucht ins Gesicht schlug, die Cathy rückwärtstaumeln und sich überrascht in den Sand setzen ließ.

Es war so schnell gegangen, dass alle noch erstarrt waren. Cathy hielt sich mit einer sandbedeckten Hand die Nase. Sie starrte mit großen Augen zu Abigail hoch. Unter ihren Fingern lief ein einzelnes rotes Rinnsal hervor. Dann brach sie in Tränen aus. Abigail machte einen Schritt rückwärts.

»Was ist hier los?«

Sie schraken zusammen. Isabel, Cathys beste Freundin, hatte sich gebückt, um ihr aufzuhelfen. Sie machte einen Satz von ihr zurück, als sie einen wutentbrannten Hoke auf sie zuhumpeln sah. Die Schüler machten ihm stumm Platz. Cathy hatte sich vornübergebeugt und wimmerte. Tränen strömten ihr übers Gesicht. Ihre Schultern zuckten heftig.

»Wer war das?«, blaffte Hoke. Abigail stand da, noch immer tropfend, allein im Halbkreis, weil alle von ihr zurückgewichen waren. Sie rührte sich nicht. Ihr Blick war starr auf Cathy gerichtet.

Isabel zeigte anklagend auf Abigail. »Sie hat Cathy geschlagen!«

»Cathy hat ihre Flasche ausgeschüttet und sie mit Wasser übergossen«, sagte Oscar laut, bevor Sofia den Mund öffnen konnte. Er war immer noch blass und sah wütend aus. »Sie hat sich nur gewehrt.«

»Zeig dein Gesicht«, befahl Hoke Cathy barsch. Sie hob schluchzend ihre bebende Hand und zeigte ihren blutbeschmierten Mund. »Hör auf zu heulen. Geh rein und lass dir von der Schwester was zum Kühlen geben. Isabel, du gehst mit.«

Isabel nickte, warf Abigail einen letzten schockierten Blick zu und ging, einen Arm schützend um die wimmernde Cathy gelegt, übers Sportfeld hinüber zur Schule. Hoke wandte sich an Abigail, und alle hielten den Atem an.

»Nächstes Mal landest du beim Schulleiter. Unter die Dusche und nach Hause. Morgen bist du wieder fit, oder das wird ein Nachspiel haben.«

»Ja, Sir«, sagte Abigail dumpf.

»Abmarsch.«

Sie sahen alle verblüfft Abigail nach, wie sie zu den Umkleiden ging. Es gab Getuschel, bis Hoke sich umdrehte und sie anblaffte: »Und warum seid ihr nicht am Springen?« Er deutete auf Oscar und Jeremy, der wegen Cathy immer noch feixte. »Auch ihr zwei, Coleman, Saunders!«

Cathy kam in dieser Stunde nicht mehr zurück. Es war noch nicht einmal zehn, als die Hitze so unerträglich wurde, dass Hoke sie vor dem Läuten vom Feld schickte.

Die Duschen waren bereits alle belegt. Sofia tauschte ihr nasses Sporthemd gegen ihr Star Wars-T-Shirt zurück, zerrte ihren Rucksack aus dem Spind, schlängelte sich durch die Umkleide nach draußen und ging, wieder barfuß, den kurzen Weg zurück zur Schule. Die überhitzten Flure waren leer. Sofia füllte an einer Wasserfontäne ihre Plastikflasche und ging dann auf die erstbeste Toilette, drehte einen der angeschlagenen Hähne auf und wusch sich dort notdürftig überm Waschbecken. Sie trocknete sich das Gesicht mit ihrem T-Shirt, fischte die Stoppuhr darunter hervor und wischte sich noch einmal über den Mund. Es musste gleich läuten.

Sofia zog sich selbst, verschwitzt und mit rotem Kopf im beschlagenen Spiegel eine Fratze, hob ihren Rucksack auf und ging hinaus. Beim ersten Schritt auf den Flur stieß sie heftig mit jemandem zusammen. Die Wucht des Aufpralls brachte sie beide aus dem Gleichgewicht. Sofia, die ein ganzes Stück kleiner war, ließ ihre Flasche fallen und knallte schmerzhaft gegen einen metallisch krachenden Spind.

»Pass doch auf!«, fauchte sie. Dann erkannte sie, mit wem sie zusammengestoßen war.

Vor ihr standen zwei Jungen. Der eine war Oscars älterer Bruder David. Er war achtzehn, groß und braun gebrannt, und man sah ihm seine Kraft an. Er hatte nicht Oscars gequälte Verlegenheit, nicht sein Lächeln, nicht sein atemloses, zynisches Lachen. Als Oscar Sofia erzählt hatte, wie David ihm vor drei Jahren den Arm gebrochen hatte, hatte er gesagt: Er war vollkommen ruhig. Er hat nicht mal geblinzelt. Er hat es einfach getan, als hätte er es tun müssen.

Für Jazz Massey, der einen raschen Schritt aus dem Weg gemacht hatte, als sie gegen David gerannt war, und der mit seinen dunklen Augen und dem pechschwarzen Haar unanfechtbar gut aussah, schwärmten auch in Sofias Stufe die Mädchen. Seine Familie war die reichste und eine der mächtigsten in Highville. Sich mit den Masseys anzulegen war glatter Selbstmord, auch wenn Jazz dafür bekannt war, die Dinge sehr gut ohne Mommy und Daddy regeln zu können.

»Ist das nicht die Freundin von Oscar?«, fragte Jazz, der sich zuerst wieder fing.

»Ja«, sagte David tonlos. Er hatte seinen Rucksack, wie Sofia es immer tat, an einem Riemen über seine Schulter gehängt und schob ihn mit einem Achselzucken zurecht, als stelle er sicher, dass er richtig saß, um beide Hände frei zu haben. Sofia kannte David nicht gut, hatte auch nie länger mit ihm gesprochen, als sie alle noch jünger gewesen waren und sie Oscar in den Ferien oder an den Wochenenden noch von zu Hause abgeholt hatte. Sie war ihm seit fast einem Jahr nicht mehr bewusst begegnet, doch er sprach noch immer mit dieser merkwürdigen, unheimlichen Ruhe, als könne ihn nichts auf dieser Welt aufregen.

Jazz, der Sofia von Kopf bis Fuß musterte, zog die Brauen hoch. »Willst du dich nicht besser entschuldigen?«, fragte er Sofia. Bei seinem Tonfall wurde ihr heiß, und ihre Kehle begann zu brennen. Es pochte in ihrer Schulter, wo sie in David hineingerannt war.

»Lasst sie in Ruhe«, sagte jemand hinter ihnen, und auf Jazz’ schönem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus.

Oscar war da. Er sah seinen Bruder an und hielt sich gerade und wachsam wie ein Soldat. Sein Haar war feucht vom Duschen. Obwohl er einen Sonnenbrand hatte, war er sehr blass.

»Komm schon, Sofia«, sagte er, den Blick auf David ruhend. Sofia wandte sich ab, aber Jazz packte sie am Arm und zog sie mit einem Ruck zurück.

»Du hast dich noch nicht entschuldigt«, sagte Jazz. Sein Griff war fest wie ein Schraubstock.

»Lass sie los«, sagte Oscar. Er machte einen Schritt auf Jazz zu. David stellte sich ihm in den Weg, griff ihn mit einer Hand vorn am T-Shirt und stieß ihn rückwärts gegen die Spinde.

»Hey!«, schrie Sofia, packte Davids Oberarm und zerrte ihn nach hinten. Er ließ Oscar los, der die Zähne zusammengebissen hatte wie jemand, der auf Schläge wartet. Die Sonnenbrille, die David zusammengeklappt im Ausschnitt seines T-Shirts trug, fiel klappernd zu Boden. Er wandte sich Sofia zu. Jazz griff nach ihrem anderen Arm, aber Sofia hatte bereits ausgeholt und schlug David mit aller Kraft, die sie aufbrachte, die Faust ins Gesicht.

Sie traf ihn schlecht seitlich an der Wange. Ihre Hand ertaubte vor Schmerz. David stolperte seitwärts gegen die Spinde, Sofia, aus dem Gleichgewicht gebracht, nach vorn. Unter ihrem nackten Fuß knackte die Sonnenbrille. Jazz riss sie ruckartig zurück, packte ihre Arme und drehte sie ihr auf den Rücken.

»Du dreiste kleine Schlampe!«, zischte er.

David hatte sich rasch wieder gefangen. »Lass sie los«, sagte er zu Jazz. »Ich mach sie fertig.«

Jazz ließ Sofia los, und Oscar warf sich, als hätte er nur auf den richtigen Moment gewartet, auf David.

Sofia unternahm einen blinden, geduckten Fluchtversuch nach vorn und schaffte es halb an David vorbei. Er erwischte ihr Haar und das Band der Stoppuhr in ihrem Nacken. Es schnürte sich ruckartig in ihren Hals, sodass sie zurückgerissen wurde, ausrutschte und hinfiel. Das Band riss. Sie wälzte sich instinktiv auf den Bauch, um sich vor Tritten zu schützen. Ihre Luftröhre fühlte sich an, als wäre sie wie ein Strohhalm abgeknickt. Oscar schrie etwas, das sie nicht verstand. Jazz hatte ihn von David gerissen und hielt jetzt ihn im Klammergriff.

David packte Sofia am Rücken ihres T-Shirts, um sie auf die Beine zu ziehen. Es rutschte aus ihrem Hosenbund und entblößte ihren Rücken und Bauch. Sofia, ein merkwürdiges Klingeln in den Ohren und ein heftiges Pfeifen im brennenden Hals, suchte hektisch mit beiden Händen nach Halt. Mit der rudernden rechten Hand, taub von ihrem lahmen Faustschlag, stieß sie gegen den Hals der Plastikflasche, die sie hatte fallen lassen. Ihre nackten Füße rutschten auf dem Boden.

Sofia packte die Flasche am Hals, riss sie seitlich über die Schulter hoch und sah, während sie sich halb herumdrehte, dass ihr zweiter Schlag zwar mit scharfem neuem Schmerz in ihrem Handgelenk kam, aber viel besser gezielt war. Sie traf David mit der Flasche mitten ins Gesicht. Es gab einen dumpfen, klatschenden Schlag. David schrie auf und ließ los.

»Pack sie!«, schrie Jazz.

»Nein!«, brüllte Oscar. »Hört auf! David! Sofia, nein!«

Sofia kam taumelnd auf die Beine, ein weißes Dröhnen im Kopf, blind vor Zorn und von Kopf bis Fuß heiß wie von einem Sonnenstich, hob blindlings erneut die Flasche über den Kopf und schlug nach David, diesmal mit aller Kraft. Sie traf ihn seitlich an den Kopf und auf den Arm, den er vors Gesicht drückte. Er stolperte brüllend rückwärts, fasste sich und fing ihren nächsten Schlag ab. Er blutete aus der Nase. Sein Blick war wild.

Irgendwo schlugen Türen auf. Jetzt schrien auch noch andere Stimmen. David gewann gerade die Oberhand, als die Englischlehrerin, die aus einem der angrenzenden Klassenzimmer gestürzt war, sie mit Oscars und Jazz’ Hilfe voneinander herunterriss.

2.

Auf Davids Armen bildeten sich unter den langen Kratzern, die Sofias Fingernägel hinterlassen hatten, bereits dunkle Blutergüsse. Er hielt ein paar zusammengeknüllte Papierhandtücher unter die Nase gepresst und starrte unverwandt Sofia an. Sie konnte seinen bohrenden, leeren Blick am Rande ihres Sichtfelds spüren, aber sie sah stoisch zur Tür.

Weder sie noch David hatten ein einziges Wort gesprochen, seit sie allein gelassen worden waren. Sie saßen sich auf unbequemen Plastikstühlen im Zimmer des Schulleiters gegenüber. David hatte sich zurückgelehnt und den freien Arm auf die Stuhllehne gestützt. Er hätte lässig gewirkt, wenn er nicht unaufhörlich aus der Nase geblutet hätte. Sofia hockte krumm nach vorn gebeugt und fuhr mit der Zunge immer wieder über ihre geschwollene Unterlippe. Ihr Hals pochte, wo das Band der Stoppuhr eingeschnitten und einen schmalen roten Striemen hinterlassen hatte, und sie hatte höllischen Durst. Im Raum war es heiß wie in einem Ofen. Auf dem Tisch stand, mit inzwischen sicher lauwarmem Wasser gefüllt, die Pepsi-Cola-Flasche, die Mrs. Price, die Englischlehrerin, als Beweisstück aus dem Flur mitgenommen hatte. Sie war noch voll, aber Sofia befürchtete, dass die Sekretärin, die Sofia und David vom Vorzimmer aus durch die offene Tür im Blick behalten konnte, durchdrehen würde, wenn sie aufstand und die Flasche holte.

Der Raum des Schulleiters war ein hässliches Zimmer mit klobigen Aktenschränken, schweren Möbeln und Teppichboden. Sofia stellte sich vor, dass es im Rathaus so aussehen musste. Ein großer Ventilator war an der Decke befestigt, der aus dem Baujahr der Schule stammen musste und bereits so dick Staub angesetzt hatte, dass er nur kaputt sein konnte. Auf dem Tisch stapelten sich neben Faxgerät und Schreibmaschine Papiere. An den Wänden hingen über Urkunden und Fotos der Schule und des Lehrpersonals die amerikanische Flagge und die Staatsflagge. Pflanzen gab es keine. Die Fenster standen unter den Jalousien offen, aber es machte inzwischen überhaupt keinen Unterschied mehr. Draußen regte sich keine Brise.

Auf dem Flur näherten sich Schritte, und Sofia und David zuckten beide leicht zusammen. Der Schulleiter trat ein, schloss die Tür hinter sich und ging zwischen ihnen hindurch zu seinem Schreibtisch.

Der Schulleiter war ein älterer Mann namens Chandler, der in seinen asphaltgrauen Anzügen und mit dicker Hornbrille aussah wie ein zweitklassiger Politiker. Man kannte ihn von den sich endlos wiederholenden öden Reden auf den Schulversammlungen und seinen Besichtigungen der einzelnen Klassenräume, bei denen er sie aufstehen und auf die Fahne schwören ließ. Sofia war bereits mehr als einmal in seinem Büro gewesen, aber das letzte Mal war eine Weile her, und bislang hatte sie immer nur Briefe mit nach Hause bringen müssen.

»Ihr Vater müsste gleich hier sein, Ms. Field«, sagte Chandler. Er setzte sich an den Tisch und legte die Hände zusammen. An der Wand tickte eine Uhr. »Mr. Coleman, da Ihr Vater arbeitet, habe ich Ihre Mutter hergebeten.«

David grunzte halblaut zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Sofia schwieg, obwohl wieder die Wut in ihr hochkroch.

»Sie beide werden bis zum Ende des Schuljahrs vom Unterricht suspendiert und erhalten einen Eintrag in Ihre Akten. Mr. Coleman, Sie sind vom Abschlussball ausgeschlossen.«

David zuckte mit keiner Wimper.

Chandler, der trotz der Hitze seine Anzugsjacke nicht abgelegt hatte, zog ein Taschentuch aus seiner Jacke und tupfte sich die schweißnasse Stirn ab. »Es sind über hundert Grad Fahrenheit im Schatten«, sagte er. »Warum Sie beide sich ausgerechnet diesen Tag aussuchen mussten, ist mir ein Rätsel. Mr. Coleman, würden Sie bitte nicht auf den Teppich bluten?«

David blinzelte, hob die Papiertücher und drückte sie wieder unter die Nase. In der Hitze war der kleine Gefrierschrank ausgefallen, in dem Medikamente, Eisbeutel und Kühlgel-Kompressen für Sportverletzungen aufbewahrt wurden. David hatte sich mit unter dem Wasserhahn nass gemachten und inzwischen wieder getrockneten Papiertüchern zufriedengeben müssen, nicht als Erster, wie die Krankenschwester betont hatte. Ein heulendes Mädchen, garantiert Cathy, war ebenfalls ohne Eis weggeschickt worden.

»Sie haben die Schulregeln gebrochen und werden sich dafür verantworten, genauso wie Ms. Field«, sagte Chandler. Sofia, die nicht zugehört hatte, zuckte zusammen. »Ich bin mir bewusst, dass Sie Ihren Abschluss hinter sich haben und dass ein Ausschluss für den Rest des Schuljahres Sie vielleicht nicht – Mr. Coleman, der Teppich!«

»Fuck!«, fauchte David und lehnte sich zurück, um das Blut besser auffangen zu können.

»Solche Worte will ich hier nicht hören!«, blaffte Chandler.

Es klopfte. Die Tür ging auf und die Sekretärin steckte den Kopf herein. »Entschuldigen Sie, Mr. Chandler. Mr. Field ist da.« Sie ließ die Tür offen und kam kurz darauf mit einem Mann zurück, den sie mit einem Lächeln hereinließ. Er beachtete sie nicht. Sie schloss die Tür leise hinter ihm.

»Mr. Field«, sagte Mr. Chandler und erhob sich hinter seinem Schreibtisch. Er streckte die Hand aus, doch Schill war in der Tür stehen geblieben und offenbar überlegte Chandler es sich rasch anders.

Nichts an Schill sah nach einem vorbildlichen Vater aus. Falls Chandler gehofft hatte, mit ihm ließe sich reden, dann sah er spätestens jetzt, dass er sich geirrt hatte.

Dass Schill zwei Meter groß war, ließ ihn, durchtrainiert, grimmig und mit der von der alten Schussverletzung leicht abgesackten linken Schulter, noch bedrohlicher aussehen. Er trug trotz der Hitze lange Jeans und Armeestiefel, ein Unterhemd, das den Eindruck machte, als hätte er darin an einem Auto geschraubt, was er vermutlich hatte, wenn Sofia an den widerspenstigen Ford dachte, und ein langärmliges kariertes Hemd, das er offenbar noch rasch übergezogen hatte, bevor er aus dem Haus gegangen war. Da die Ärmel hochgekrempelt waren, war das tätowierte Messer auf seinem rechten und der untere Teil der sich durch Wellen windenden Schlange am linken Arm sichtbar. Er sah aus wie jemand, der nicht den geringsten Skrupel hatte, im Büro des Schulleiters eine Halbautomatische zu ziehen.

»Was ist jetzt wieder los?«, fragte er, David musternd, der aus der Nase blutete, dann Sofia, die noch etwas tiefer in ihren Stuhl rutschte und finster wegsah.

»Bitte setzen Sie sich doch, Mr. Field.«

»Ich stehe gut. Würden Sie mir jetzt sagen, worum es hier geht?«

Chandler war so klug, nicht auf Höflichkeiten zu bestehen. »Mr. Field, wir haben Sie angerufen, weil eine Prügelei vorgefallen ist. Ihre Tochter hat Mr. Coleman während der zweiten Stunde auf dem Flur provoziert, woraufhin sie einander angriffen. Mrs. Price musste Ihre Tochter mit Gewalt von Mr. Coleman wegziehen. Sie hat sie mit einer Flasche«, er deutete auf die Plastikflasche auf dem Tisch, »auf ihn einprügeln sehen.« Chandler machte eine kurze, dramatische Pause, aber Schill sagte nichts. »Ihre Tochter erhält einen Eintrag in ihre Akte, und ich halte es für angebracht, sie für den Verbleib dieses Schuljahrs vom Unterricht zu suspendieren.«

Schill hielt sich davon ab, die Augen zu verdrehen, indem er sie kurz schloss. »Ich nehme nicht an, dass Sie mir erklären können, wie ein fünfzehnjähriges Mädchen einen Achtzehnjährigen überwältigt«, sagte er. »Aber das ist Ihre Schule. Tun Sie, was Sie wollen. Ich nehme meine Tochter jetzt mit nach Hause. Schönen Tag noch.« Er wandte sich Sofia zu. »Sofia, komm.«

»Mr. Field«, sagte Chandler, halb verblüfft, halb empört, »ich denke, Sie verstehen, dass Sie sich mit Mr. Colemans Mutter unterhalten sollten. Ihr Sohn wurde schwerer verletzt als Ihre Tochter.«

»Er hat ein paar Kratzer«, sagte Schill verächtlich.

»Ich kann ohne meine Mutter mit ihm reden«, sagte David gleichzeitig scharf und laut.

»Mr. Coleman hat eine Gehirnerschütterung und seit über einer Stunde Nasenbluten, Mr. Field!«

»Dann soll er sich Taschentücher in die Nase stecken! Was hat er überhaupt während des Unterrichts draußen auf den Gängen verloren?«

»Wenn Ihre Tochter keine Plastikflasche gehabt hätte, hätte sie ihm den Kopf einschlagen können!«

Schill wirkte auch dann gefährlich, wenn er müder und ausgelaugter aussah als heute, und heute hatte er sich sogar das Haar gekämmt und sich vor ein paar Tagen rasiert. Sofia war ausgesprochen beeindruckt, dass Chandler nicht hinter seinem Tisch in Deckung ging.

»Wenn ein Schüler der Highschool, drei oder vier Jahre älter als meine Tochter, das Bedürfnis hat, ein deutlich jüngeres und körperlich deutlich unterlegenes Mädchen wegen was auch immer zusammenzuschlagen und Sie die Verletzungen, die er sich dabei zuzieht, ihr ankreiden wollen, tun Sie das meinetwegen, aber ich nehme jetzt meine Tochter mit.«

»Das ist nicht das erste Mal, dass Ihre Tochter Ärger macht, Mr. Field!«

»Und es ist sicher nicht das erste Mal, dass er hier Ärger macht, also was soll das Theater? Richten Sie seiner Mutter beste Wünsche von mir aus. Ihr Sohn hat gekriegt, was er verdient hat. Wenn Mrs. Coleman sich unbedingt mit mir über die Wehwehchen ihres Sohnes unterhalten will, dann soll sie vorbeikommen. Sofia, komm!«

Sofia warf noch einen letzten Blick auf Chandler, der schwitzend und sprachlos dastand, dann zu David, der ihr direkt ins Gesicht sah, mit leerem, totem Blick, der sie einen langen, eisigen Momentlang fast dazu brachte, stehen zu bleiben. Sie schulterte ihren Rucksack und folgte Schill aus dem Büro, und das kalte Gefühl fiel von ihr ab, sobald sie den Raum verlassen hatte.

Sie hatte Mühe, mit Schill mitzuhalten, der durchs Sekretariat ging, ohne auf sie zu warten. Die Sekretärin stand auf, als sie ihn sah. »Mr. Field«, sagte sie überrascht. »Mrs. Coleman ist noch nicht da.«

»Bringen Sie ihrem Jungen einen Waschlappen«, sagte Schill. »Sofia, komm jetzt!«

Die Sekretärin stand völlig konfus da. Sofia rannte Schill nach, der die Treppe hinunterstieg und rasch durch den leeren Flur zum Ausgang ging, ohne nachzusehen, ob sie ihm folgte. Das Gelände war menschenleer. Oscar saß gerade in Englisch, der Platz neben ihm war leer.

»Was ist mit meinem Fahrrad?«, rief Sofia Schill nach.

»Lass es stehen!«

Schill hatte den alten grauen Ford Pinto ganz hinten geparkt. Er schloss auf. Sofia kletterte auf den Beifahrersitz und kurbelte sofort das Fenster herunter. Im Wagen war fast keine Luft vor Hitze. Es roch nach Zigaretten, obwohl Schill nicht im Auto rauchte, wenn Sofia dabei war.

Sie schwiegen, bis sie auf die Hauptstraße gebogen waren. Sofia hielt ihren Rucksack auf den Knien und wartete darauf, dass Schill endlich anfing. Er konzentrierte sich auf die Straße, aber sie sah die Anspannung in seinen Armen und seinen harten Gesichtsausdruck. Schließlich sagte sie: »Ich habe mich gewehrt, das ist alles.«

Schill seufzte tief und gequält. »Sofia, weißt du, was du getan hast?«

»Ich habe ihn nur geschlagen, damit er mich loslässt!«

»Du hast mit einer Flasche auf ihn eingeprügelt!« Er ließ sie nicht zu Wort kommen, um sich zu verteidigen. »Du weißt ganz genau, dass wir keine Aufmerksamkeit auf uns lenken dürfen!« Er wurde noch lauter. Sofia klammerte sich finster an ihren Rucksack. »Wir sind so verdammt vorsichtig, Sofia, und du machst das alles kaputt, weil du dich mit einem von der Highschool anlegen musst?«

»Er hat Oscar angegriffen!«

»Natürlich, Oscar«, sagte Schill wütend. »Ihr beide zieht Ärger magnetisch an, was? Du hättest dem Kerl den Schädel brechen können!«

Sofia war die Hitze ins Gesicht gestiegen. »Du hast gesagt, er hätte nur Kratzer!«

»Natürlich habe ich das gesagt«, schnaubte Schill. »Sofia, das war eine volle Zweiliterflasche! Du hättest ihn umbringen können!«

Sie knirschte mit den Zähnen. »Als ob«, murmelte sie.

»Du hast verdammtes Glück, dass sie dich nicht rausschmeißen. Ehrlich gesagt wundere ich mich. Wenn so was noch mal passiert, kann uns das alle den Hals kosten.«

»Er hat angefangen, er und Jazz fucking Massey, der nie in Schwierigkeiten kommt, weil seine Eltern die halbe Stadt besitzen!«

»Darum geht es hier nicht! Ich will dein Wort. Du legst dich nicht noch mal mit jemandem an, der so viel größer und älter ist als du. Wenn du dich mit jemandem schlagen willst, dann kann ich nichts dagegen machen, aber du tust es nicht in der Schule.«

»Ich habe –«

»Hast du mich verstanden, Sofia? Das muss doch in deinen Schädel gehen!«

Sofia lehnte sich aus dem Fenster. Der Fahrtwind zog ihr angenehm kühl ins Gesicht. »Ich hab’s verstanden«, sagte sie barsch.

Schill warf ihr einen letzten wütenden Blick zu, aber Sofia wusste, dass er für dieses Mal fertig war. Den Rest der Fahrt, fünf Minuten, da sie am anderen Ende der Stadt wohnten, schwiegen sie beide, und Sofia sah die meiste Zeit hinaus, um Schill nicht ansehen zu müssen, der eine ausgesprochen schlechte Laune ausstrahlte.

1972 waren sie nach Highville gekommen, vor neun Jahren. Die Stadt war gerade groß genug, dass man in Ruhe gelassen wurde, wenn man sich unauffällig verhielt. Es zog kaum jemand weg und nur wenige Leute zu. Das Neubaugebiet, ein vor Jahren von einem seltenen Geldüberschuss finanziertes Ansiedlungsprojekt des County, lag brach. Der Sheriff, der für das County zuständig war, sah alle zwei Wochen nach dem Rechten und überließ die Arbeit ansonsten dem Deputy, Nickys Vater.

Die Stadt besaß einen kleinen Park mit einem Veteranendenkmal vor dem Rathaus, das aus Bürgerspenden errichtet worden war, ein Sportfeld, auf dem unter anderem der Baseballverein und das Footballteam der Schule trainierten, sowie zwei Kirchen, eine mormonische Church of Jesus Christ of Latter-day Saints und eine baptistische etwas außerhalb. Entlang der breiten Hauptstraße gab es einen Drugstore, einen Waschsalon, eine Änderungsschneiderei, eine Videothek, die Betamax und VHS führte, ein Musikgeschäft und einen kleinen Buchladen sowie einen Laden, der Ausrüstung für Jagd und Camping verkaufte. An der größeren der beiden Kreuzungen lag eins der zwei konkurrierenden Diners von Highville. Hinter der Tankstelle und der Autowerkstatt führte eine kleine Straße aus der Stadt hinab in ein karges Waldstück, durch das der Fluss floss, an dem Sofia und Oscar diese Sommerferien verbringen würden.

Am äußersten Rand der Stadt, von wo es noch zwanzig Meilen bis nach Kane waren, wo es ein Kino, eine Video-Arcade und ein Krankenhaus gab und auch alles sonst, was jede größere Stadt zu bieten hatte, stand ein großer Supermarkt, das modernste Gebäude in Highville. Direkt dahinter begann das Nichts. Das bereits vor Jahren geplante Motel war nie gebaut worden, die zur Hälfte asphaltierte Baustelle verfiel, und die Anwohner parkten dort, wenn sie die Einkäufe im Supermarkt erledigten.

Highville klammerte sich mit beeindruckender Hartnäckigkeit an sein Fortbestehen. Obwohl sein Kohlevorkommen schon vor über fünfzehn Jahren erloschen und auch die Kiesförderungen lange eingestellt worden waren, hatte es das nach dem Schluss der Minen und der letzten Fabriken aufgetane Loch der Arbeitslosigkeit überstanden. Die Stadt war so zäh wie die Pflanzen, die spärlich, aber unerbittlich das umgebende Brachland bewuchsen.

Das Brachland ähnelte der Wüste, in die man kam, wenn man hundert Meilen nach Westen fuhr. Es erstreckte sich über zehn Meilen, bis an seiner Grenze die Berge begannen. Niemand wusste mehr, ob das Brachland schon immer eine Wüste gewesen war oder ob erst Kohleabbau und Kiesförderung es hatten veröden lassen. Die meisten der klaffenden Löcher und Förderschächte, die die Maschinen noch vor zwei Jahrzehnten in die Landschaft gerissen hatten, waren mit Bauschutt und von Kies und Kohle getrenntem nutzlosem grauen Gestein zugeschüttet. In einigen der flacheren Gruben hatten sich pfützenartige Seen gebildet, die die umliegende Vegetation anzogen und kleine Oasen in der kargen Landschaft bildeten. Andere waren abgesperrt, ausgetrocknet und voller Schlangen, die sich in den Gesteinsspalten verkrochen. Nur die größte, tiefste und Furcht einflößendste der Gruben, die mitten im Brachland lag und in der Stadt schlicht Das Loch hieß, hatte sich ganz mit Grundwasser gefüllt. Es war so klar, dass man fast bis auf den Grund sehen konnte, und im Schatten war das Wasser schwarz und über zwanzig Meter tief.

Die Second Wood Lane lag am von kleinen Kakteenarten und niedrigen, anspruchslosen Büschen bewachsenen Brachland, sodass die Bäume, Gärten, die Häuser und die davor geparkten Autos stets mit einer dünnen Schicht Staub bedeckt waren. Das kleine, zweistöckige Haus, das am Ende der Straße auf dem letzten bebauten Grundstück stand, war das heruntergekommenste der ganzen Second Wood Lane, in den späten Fünfzigern billig aus Holz gebaut. Die Löcher im Dach waren mit Teerplatten gedeckt, die in der Hitze dampften. Die Laubbäume, die die Veranda überschatteten, ließen, wie alle in der Straße, die Blätter hängen. Der letzte Anstrich blätterte, vom Sand abgeschmirgelt, von den Wänden. Hinten im Garten, einem verwilderten Fleck Rasen, bildeten Kiefern ein windschiefes Wäldchen. Vor dem Haus führten Stufen auf eine überdachte Veranda, die rechts herum außer Sichtweite verlief und in der jedes zweite Brett knarrte, dass es in den Ohren wehtat. Sofia liebte das Haus.

Im Inneren war es kaum kühler als draußen. Links führte eine enge Treppe in den oberen Stock. Die Dielen waren im ganzen Haus durchgelaufen, der Teppich im Flur verrutschte, als Sofia ihre verschwitzten Turnschuhe mit den Zehen von den Fersen zog, sie beiseitekickte und ihren Rucksack unter die Garderobe fallen ließ.

»Was ist mit deinem Hals?«, fragte Schill hinter ihr.

»Nichts.«

ENDE DER LESEPROBE