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Was, wenn eine Begegnung dein Leben für immer verändert?
Meer, Ruhe und Zeit, um zu sich zu finden – das ist es, was Julia sich von ihrem Urlaub auf einer kleinen Nordseeinsel erhofft hat. Nach der unschönen Trennung von ihrem Ex-Freund braucht sie dringend eine Auszeit. Doch als während eines Stromausfalls plötzlich der mysteriöse Lasse in ihrer Hütte steht, ist Schluss mit der Ruhe. Zwar bringt er sie mit seiner grummeligen Art zur Weißglut, trotzdem ist sie gegen ihren Willen von ihm fasziniert.
Allerdings ahnt sie nicht, dass Lasse ein ganz besonderes Interesse an ihren Gefühlen und Träumen hegt. Als ein Unwetter sie zwingt, in Lasses Leuchtturm auszuharren, und sie sich dank einer gewitzten schwarzen Katze näherkommen, ist das Chaos perfekt. Durch ein Unglück erfährt Julia, was Lasse wirklich ist. Nun muss sie sich entscheiden, ob sie die Insel verlässt oder ihrem Herzen folgt und der aufkeimenden Beziehung eine Chance gibt.
Eine cosy Romantasy mit Nordseefeeling!
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Sturmherz- Ruf des Meeres
(Band 1)
Vanessa Carduie
Inhaltsverzeichnis
Title Page
Impressum
Widmung
Über das Buch
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
Danksagung
Weitere Bücher der Autorin Literary Passion
Insomnia - Verführerische Illusion
Lynx Love
Vanessa Carduie ist ein Mitglied der „Schicksalsweber“
Die Autorin
Vanessa Carduie erblickte an einem grauen Herbstmorgen 1988 in Dresden das Licht der Welt.
Geschichten faszinierten sie von klein auf und bald folgten die ersten eigenen Erzählungen. Sie hat
Biologie studiert und widmet sich seit einigen Jahren aktiv ihrer Schreibleidenschaft.
Ihre Geschichten sind eine Mischung aus Liebesroman, Krimi und Fantasy, je nachdem, an
welchem Projekt sie gerade arbeitet. Mit ihren Büchern möchte sie ihre Leserinnen und Leser zum
Lachen, Weinen und manchmal auch zum Nachdenken bringen. Dafür beschreitet sie auch gern
ungewöhnliche Wege.
www.vanessa-carduie.com
www.facebook.com/VanessaCarduieAutorin
www.instagram.com/vanessa_carduie
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.dnb.de abrufbar.
Text Copyright © 2025 Vanessa Carduie
Dieses Buch unterliegt dem deutschen Urheberrecht. Das Vervielfältigen oder Veröffentlichen dieses
Buches oder Teilen davon, ohne Zustimmung der Autorin, ist untersagt.
Sturmherz: Ruf des Meeres
1. Auflage (28.11.2025)
Cover & Buchsatz (Taschenbuch): Phantasmal-Image.de
Korrektorat: A.C. LoClair
Lektorat: Jeanette Lagall - lektorat-lagall.de
Vanessa Carduie
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
Manchmal ist alles, was man braucht, ein Sturm,
der alles durcheinanderwirbelt, um sein Glück zu finden.
Was, wenn eine Begegnung dein Leben für immer verändert?
Meer, Ruhe und Zeit, um zu sich zu finden – das ist es, was Julia sich von ihrem Urlaub auf einer kleinen Nordseeinsel erhofft hat. Nach der unschönen Trennung von ihrem Ex-Freund braucht sie dringend eine Auszeit. Doch als während eines Stromausfalls plötzlich der mysteriöse Lasse in ihrer Hütte steht, ist Schluss mit der Ruhe. Zwar bringt er sie mit seiner grummeligen Art zur Weißglut, trotzdem ist sie gegen ihren Willen von ihm fasziniert. Allerdings ahnt sie nicht, dass Lasse ein ganz besonderes Interesse an ihren Gefühlen und Träumen hegt. Als ein Unwetter sie zwingt, in Lasses Leuchtturm auszuharren, und sie sich dank einer gewitzten schwarzen Katze näherkommen, ist das Chaos perfekt. Durch ein Unglück erfährt Julia, was Lasse wirklich ist. Nun muss sie sich entscheiden, ob sie die Insel verlässt oder ihrem Herzen folgt und der aufkeimenden Beziehung eine Chance gibt.
Eine cosy Romantasy mit Nordseefeeling!
Fröstelnd rieb sie die Hände aneinander und verfluchte sich für die spontane Idee, sich eine Auszeit in der Einöde hier oben an der Nordsee zu nehmen. Lütje Oog war ein winziges Eiland im niedersächsischen Wattenmeer. So klein, dass nur zweimal am Tag eine Fähre fuhr, wenn Wetter und Gezeiten mitspielten.
Julia seufzte. Zwar war sie nun weit weg von der Arbeit und den nach der Trennung von ihrem manipulativen Ex-Freund immer anstrengender werdenden Verpflichtungen ihres angeblich so wichtigen Soziallebens, aber direkt nach ihrer Ankunft in ihrem Ferienhaus hatte sie deutlich gemerkt, warum diese Unterkunft so günstig gewesen war. Das kleine reetgedeckte Häuschen aus rotem Klinker hatte schon bessere Tage gesehen, die letzte Modernisierung war mindestens einige Jahrzehnte her. Was auf den Fotos heimelig gewirkt und einen gewissen Charme versprüht hatte, war in Wirklichkeit alles andere als praktisch. Denn die Ausstattung war nicht Vintage, sondern alt – im Sinne von nicht nur ein bisschen in die Jahre gekommen, sondern museumsreif.
Draußen tobte ein Herbststurm und Julia versuchte vergeblich, ein wenig Wärme in die leicht muffige und vor allem unangenehm kühle Unterkunft zu bekommen. Direkt nach ihrer Ankunft hatte sie gelüftet, doch bei der Kälte, die draußen herrschte, eben nur kurz, damit sie sich nicht fühlte, als säße sie im Kühlschrank. Seit geraumer Zeit war sie auf der Suche nach einer Heizung, die sie hochdrehen konnte, doch offenbar war die Ausstattung des Häuschens nicht so luxuriös, um so etwas wie eine Zentralheizung zu besitzen. Der gekachelte Ofen würde ebenfalls gut ins Museum passen und schied schon aus Prinzip aus, weil sie die Hütte nicht aus Versehen in Brand setzen wollte.
„Da war doch irgendwo ...“, murmelte sie und schritt in den kleinen Flur auf eine schmale Holztür zu, deren hellgrauer Lack an mehreren Stellen abblätterte. Mit einem beherzten Ruck öffnete sie die Tür, die leise quietschte. Eine kleine Staubwolke und abgestandene Luft strömten aus der Abstellkammer, in der laut Infoblatt angeblich ein Ölradiator sein sollte.
Hoffentlich finde ich ihn, dachte sie und trat in den schmalen Raum. Mit den Händen wedelte sie einige Spinnweben fort und zwängte sich zwischen Bügelbrett und einer alten ehemals gelben Öljacke hindurch, um zu erkunden, was weiter hinten stand. Tatsächlich fand sie den Radiator im hintersten Winkel, natürlich verstaubt und zugestellt mit Besen und sonstigem Gerümpel.
„Wehe, du funktionierst nicht!“, grummelte sie. Ein wenig mulmig war ihr schon zumute, denn die Kammer selbst wurde nur durch das Licht im Flur erhellt. Obwohl es total albern war, fühlte sich die junge Frau beobachtet.
So ein Quatsch! Hier ist niemand außer mir!
Entschlossen schüttelte sie das mulmige Gefühl ab und trug diversen Kram in den Flur, damit sie den Radiator nach draußen ziehen konnte. Schnell schloss sie die Tür hinter sich und schwor, das ganze Gerümpel morgen aufzuräumen, wenn es hell war. Heute würden sie keine zehn Pferde mehr in dieses Kabuff bekommen. Rationalität hin oder her.
Mit ihrer Beute ging sie in die Wohnküche, stellte den Teekessel auf den Gasherd und entzündete vorsichtig die Flamme. So wie der allgemeine Zustand des Hauses, vermutete sie, dass auch die Elektrik veraltet war. Mit dem Ölradiator und einer Kanne Tee würde sie bis morgen überleben. Vielleicht fand sie im Dorf ja eine Unterkunft, die weniger antiquarischen Charme besaß, auch wenn sie keine Lust verspürte, sich fremden Menschen aufzudrängen und doppelt zu zahlen. Sie brauchte keinen Luxus, doch hier fühlte sie sich schlicht unwohl. Möglicherweise lag das auch an der düsteren Stimmung, die der Sturm verursachte. Oder hatte sie eine zu lebhafte Fantasie? An den Vermieter konnte sie sich nicht wenden, denn mit ihm hatte sie nur schriftlichen Kontakt über ein Buchungsportal und den Schlüssel mittels Code aus dem dazugehörigen Kasten geholt.
„Tja, du wolltest keine Menschen sehen. Das hast du nun davon“, schimpfte sie leise mit sich selbst, während sie ihre Ersatzheizung mit einem Lappen reinigte. Als das schließlich erledigt war, spülte sie den Lappen aus und zuckte zusammen, als plötzlich ein lautes Pfeifen erklang.
„O Gott! Daran muss ich mich erst noch gewöhnen“, sagte sie zu sich selbst. Unter der Hand, die sie vor Schreck auf ihre Brust gelegt hatte, schlug ihr Herz viel zu schnell. Julia atmete tief ein und aus, dann goss sie den Tee in der bauchigen Teekanne aus Keramik auf.
„So. Dann wollen wir mal.“ Mit diesen Worten schob sie den Radiator zur nächsten Steckdose und steckte ihn ein. Dann legte sie den Schalter um. Es ertönte ein merkwürdiges Geräusch, dann ein Knall und das Licht ging aus.
„Verdammt! Nicht auch noch ein Kurzschluss!“, fluchte sie.
Blind in der plötzlichen Dunkelheit, blieb ihr nichts anderes übrig, als an Ort und Stelle zu verharren. „Das hast du ja wieder super hinbekommen, Julia ...“, murmelte sie und drehte sich tastend dorthin, wo sie die Küchenzeile vermutete, auf der ihr Handy lag. Quälend langsam kam sie voran und zuckte zusammen, als ein mechanisches Brummen erklang, das jedoch im nächsten Donnerschlag unterging. Ein kalt-feuchter Windstoß ließ sie erschaudern.
„Habe ich eins der Fenster vorhin nicht richtig geschlossen oder zieht es hier durch irgendeine Ritze?“, fragte sie sich. Sobald sie wieder Licht hatte, würde sie das überprüfen. Erleichterung erfasste Julia, als sie ihr Smartphone endlich unter ihren Fingern spürte. Ein dumpfes Pochen ließ sie herumfahren und eine Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus. Das laute Donnergrollen sorgte dafür, dass sich Julia wie in einen Horrorfilm versetzt fühlte, in der die einfältige Heldin gleich Opfer eines Mörders wurde. Während sie sich noch innerlich zurechtwies, erhellte ein Blitz für den Bruchteil einer Sekunde den Raum. Genau in diesem Moment wurde die Haustür aufgerissen und eine große dunkle Gestalt stürmte förmlich in die Hütte, deren Tür sie mit einem derben Fluch hinter sich zuknallte.
Julia schrie und sprang gleichzeitig zurück, was zur Kollision mit dem blöden Radiator führte. Sie stöhnte vor Schmerz und versuchte, ihr Gleichgewicht wiederzufinden, um möglichst viel Abstand zwischen sich und den ungebetenen Besucher zu bringen. Plötzlich wurde ihr Arm von einer kräftigen Hand gepackt.
„Oh Mann, haben Sie ein Organ“, grummelte jemand neben ihr. „Der alte Ole hätte mich ruhig vorwarnen können.“
Empörung stieg in Julia auf und rang mit ihrer Angst. Geschickt wand sie sich aus dem Griff und stolperte ein paar Schritte von diesem unheimlichen Kerl weg, bevor sie an etwas Halt fand, das sich wie die Küchenzeile anfühlte.
„Wer sind Sie und was wollen Sie hier?“, sagte sie laut und ärgerte sich darüber, dass ihre Stimme leicht zitterte. Wenn sie in ihrem Beruf eins gelernt hatte, dann, dass man sich nicht einschüchtern lassen durfte.
Statt zu antworten, lief der Fremde offenbar im Raum herum, denn seine schweren Schritte entfernten sich von ihr. Zumindest glaubte sie, dies zu hören. Es war viel zu finster, um irgendetwas zu erkennen.
Wie kann er hier auch nur einen Schritt machen, ohne ständig anzuecken?, fragte sie sich verwundert und ein wenig ängstlich. Hat er etwa dieses Haus ausgekundschaftet und geplant, mich zu überfallen?
Als sie ein Schaben und merkwürdiges Quietschen hörte, zuckte sie zusammen. Was hat er nur vor? Hektisch tastete Julia nach etwas, das sie als Waffe benutzen konnte. Ihr Telefon hatte sie vorhin leider nicht gegriffen, weil der Typ so plötzlich reingerauscht war. Zudem wusste sie, dass sie hier keinen Empfang hatte. Und ob die Polizei so schnell auf diese Insel gelangen würde, wagte sie zu bezweifeln.
„Warum haben Sie den Ofen nicht angeheizt?“, kam die Gegenfrage des Fremden, dessen tiefe Stimme in ihrem Körper vibrierte. Ihre Finger schlossen sich um etwas Hartes, was sich hoffentlich zur Selbstverteidigung eignete.
„Häh?“, erwiderte Julia vollkommen verwirrt von der Frage und diesem eigenartigen Gefühl, das der Fremde in ihr auslöste. Irgendwie passte das alles nicht zum Verhalten eines Meuchelmörders. Oder wollte er sie etwa über den Flammen rösten? Wieder blitzte und donnerte es vernehmlich und unterstrich die Unwirklichkeit dieser Szene. Ganz kurz sah sie die dunkle Gestalt einige Schritte entfernt vor etwas Großem stehen.
„Das heißt: ‚Wie bitte?‘. Hat der Alte Ihnen nicht gesagt, dass Sie nicht mehr als zwei elektrische Geräte gleichzeitig anstecken dürfen, vor allem nicht während eines Unwetters?“
„N-nein.“
Ein genervtes Schnauben ertönte und sie vermeinte ein leises „Diese unbedarften Städter immer ...“ zu hören, war sich aber nicht sicher. Was auch immer dieser Kerl da trieb oder von ihr wollte, es war nicht ratsam, ihn zu provozieren. Dann zischte es und ein kleines, flackerndes Licht tauchte unvermittelt in der Dunkelheit auf. Gebannt verfolgte Julia, wie sich der schwache Lichtschein bewegte und wieder verschwand. Bevor sie seinen Verlust jedoch richtig bedauern konnte, tauchte er wieder auf und schien noch zu wachsen.
Der Kachelofen! Er hat Feuer im Ofen gemacht!, realisierte sie. Vage erinnerte sie sich daran, dass das Holz bereits darin aufgeschichtet gewesen war. Trotzdem entzündete es sich nicht von alleine. Der Unbekannte musste also irgendwo Streichhölzer aufgetrieben haben.
„So. Jetzt sollte Ihnen schnell warm werden und etwas Licht haben wir auch. Hätte ich gewusst, dass Sie gleich einen Kurzschluss produzieren, hätte ich meine Taschenlampe mitgebracht“, sagte er gereizt. Das flackernde Licht des Kaminfeuers malte tanzende Punkte auf die dunkle Gestalt, die erst nach und nach deutlicher sichtbar wurde und sich schließlich aufrichtete. Im Feuerschein wirkte der Mann wild und ungezähmt. Schwarze Haare lugten unter einer dicken Wollmütze hervor, ein ebenso dunkler Bart bedeckte den Großteil des Gesichts.
Julia erschauderte, konnte jedoch nicht anders, als auf den Vorwurf zu reagieren. Viel zu lange hatte sie sich von ihrem Ex-Freund auf ähnliche Weise terrorisieren lassen und sich nach der Trennung geschworen, zukünftig mehr für sich einzustehen. „Ich wusste nicht, dass die elektrischen Leitungen hier dermaßen marode sind.“ Automatisch stemmte sie die Hände in die Hüften. „Wer sind Sie überhaupt, dass Sie hier einfach hereinspazieren und sich wichtig tun?“
Als der Fremde sich nun zu ihr wandte, bereute sie ihre Worte bereits und ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Nun stand er wieder vor der Lichtquelle, sodass es Julia schwer fiel, Details zu erkennen. Dass sie nur mehr erahnen konnte, wie er sie musterte, war nicht dazu geeignet, ruhig und gelassen zu bleiben. Was Julia jedoch wirklich beunruhigte, war das goldene Blitzen in seinen Augen. Das habe ich mir bestimmt eingebildet, redete sie sich ein. Das Feuer hat sich nur in ihnen gespiegelt.
„Lasse, werte Dame. Ole rief mich an und bat mich darum, bei Ihnen nach dem Rechten zu sehen. Offenbar war er der Meinung, dass Sie den Sturm ohne mein Eingreifen nicht überstehen würden.“ Weiße Zähne blitzten im dunklen Bart auf. Generell war dieser Fremde sehr dunkel gekleidet, was es ihr erschwerte, ihn im nur langsam heller werdenden Licht zu erkennen. „So wie es aussieht, hat er mit dieser Einschätzung ins Schwarze getroffen.“
Erleichterung überflutete Julia, als der Name ihres Vermieters fiel. Dann war der Typ wohl doch kein Mörder. Vorhin hatte er auch schon einmal so einen Kommentar gemacht. Allerdings brauchte sie einen Moment, um die Bedeutung seiner restlichen Worte zu verarbeiten. Empört holte Julia Luft. „Also wirklich! Sie ... Sie eingebildeter Schnösel! Ich habe nicht darum gebeten, von Ihnen belästigt zu werden. Wenn Sie mich nur beleidigen wollen, dürfen Sie gern wieder gehen.“
Das brachte diesen unmöglichen Kerl zum Lachen. „Wie Sie wünschen. Dann wissen Sie sicherlich auch, wie man den Kachelofen am Laufen hält oder die Sicherungen wieder reindreht.“ Eindeutig amüsiert, betrachtete er sie und deutete auf die Pfanne, die sie vorhin im Dunklen offenbar gegriffen hatte. „Stellen Sie die besser zurück auf den Herd, nicht, dass Sie sich noch verletzten.“
Peinlich berührt legte Julia die Pfanne sofort weg. Sie hatte ganz vergessen, dass sie diese noch in ihrer Hand hatte. Notwehr war das eine, aber diesem Kerl die Pfanne überzuziehen, weil er sie nervte, wäre sehr dumm.
„Wenn ich hier unerwünscht bin, dann fahre ich wieder nach Hause. Ich hab damit gar kein Problem. Tschüss!“
Fassungslos beobachtete sie, wie er sich zum Gruß an die Mütze tippte und sich zum Gehen wendete.
Oh verdammt! Ich hasse ihn! Julia rang mit sich, denn eigentlich wollte sie keine Minute länger als nötig mit diesem ungehobelten Kerl verbringen, doch er hatte einen wunden Punkt getroffen.
„Moment!“
„Was? Ist Ihnen doch eingefallen, dass Sie meine Hilfe benötigen?“, fragte er und hielt im Gehen inne, drehte sich jedoch nicht zu ihr um.
Julia biss sich auf die Zunge und schluckte einen gepfefferten Kommentar herunter. Solange sie auf seine Fähigkeiten angewiesen war, musste sie ihn wohl oder übel bei Laune halten. „Es tut ... mir leid“, würgte sie hervor. „Sie haben mich zu Tode erschreckt. Wie würde es Ihnen gefallen, wenn plötzlich jemand in ihrem Haus steht?“
„Das kommt immer darauf an, was diese Person will“, antwortete er gelassen und wandte sich ihr wieder zu. „Ich habe übrigens geklopft.“
„Mhm“, brummte Julia wenig überzeugt, auch wenn sie sich vage an ein dumpfes Geräusch erinnern konnte.
„Wie wäre es, wenn Sie mir eine Tasse Tee anbieten würden? Dann bin ich vielleicht geneigt, Ihnen bei Ihren Problemen zu helfen.“ Er warf einen Blick zum Fenster, vor dem es genau in diesem Moment wieder blitzte. „Sobald der Regen nachgelassen hat, kümmere ich mich um die Sicherungen. Aktuell würde ich mich nur selbst grillen, wenn ich draußen am Sicherungskasten hantiere.“
Seufzend fügte Julia sich und ging zur Küchenzeile, auf der die Teekanne stand. Zum Glück hatte sie vorhin nicht danach gegriffen, als sie nach einer Waffe gesucht hatte. Immerhin war der Wohn-Essbereich durch das Feuer nun warm und halbwegs ausgeleuchtet. Während sie Teetassen aus dem Hängeschrank holte, hörte sie, wie jemand hinter ihr herumlief und eine knarzende Schranktür öffnete.
Dieser Kerl fühlt sich hier echt wie zu Hause, stellte sie irritiert fest. Zumindest war es in ihrem Umfeld nicht normal, dass man einfach irgendwo reinplatzte und dann, ohne zu fragen, in fremden Schränken herumkramte. Das zusammen mit seiner ungehobelten Art machte ihn nicht unbedingt sympathisch, auch wenn er ihr geholfen hatte. Sie hasste es, als dumm und unfähig abgestempelt zu werden, das hatte ihr Ex-Freund Daniel oft genug getan. Vielleicht lag es auch daran, dass sie der Rauschebart an ihren Ex erinnerte. Wenn ihr Besucher wirklich so wie Daniel sein sollte, dann würde sie ihn nicht länger als ein paar Minuten ertragen, ohne ihn erwürgen zu wollen. Während sie Tee eingoss, hörte sie, wie der Kerl weiter herumkramte, denn es erklang ein leises Klirren, dann ein Zischen und schon wurde es noch einen Ticken heller.
Julia atmete noch einmal tief durch, bevor sie die zwei mit heißem Tee gefüllten Tassen zum Sofa balancierte, auf dem sich der ungebetene Besucher mittlerweile niedergelassen hatte. Er war in ihren Augen sowohl Segen als auch Fluch. Ungehobelt und irgendwie furchteinflößend war der Typ definitiv, allerdings prasselte Dank ihm ein Feuer im Kachelofen und sorgte für Wärme. Offenbar hatte er irgendwo noch ein Windlicht gefunden, das nun leicht flackernd auf dem Fliesentisch vor der Couch stand und den Raum erhellte. Licht und Wärme – zwei Dinge, die Julia während dieses Herbststurms wirklich zu schätzen wusste.
„Bitte schön, der Tee für den Herrn“, sagte sie und konnte sich einen Hauch von Sarkasmus in der Stimme einfach nicht verkneifen.
„Danke“, antwortete der Fremde nur und nahm ihr eine Tasse ab. Mit einem leisen Seufzer ließ Julia sich am anderen Ende des Sofas nieder und schlug die Füße unter. Zwar konnte sie aus dieser Position heraus schlechter fliehen, wenn der Kerl doch zum Meuchelmörder mutieren sollte, aber es war wärmer und bequemer. Außerdem hatte sie keine Lust, verkrampft neben ihm zu sitzen. Während sie an ihrem Tee nippte, schaute sie versonnen ins Feuer. Beinahe könnte es gemütlich sein, wenn sie allein wäre und wüsste, wie man den Ofen ordentlich bediente.
„Schmeckt gut, auch wenn ich den ostfriesischen Tee bevorzuge. Was ist das für eine Sorte?“
Die Frage des Fremden riss Julia aus ihren Gedanken. „Himbeer-Vanille-Tee. Er ist recht aromatisch, deswegen sollte man ihn nicht zu lange ziehen lassen.“
„Aha.“ Kurz schien er zu überlegen, dann stellte er seine Tasse ab, stand auf und zog seine dicke Jacke aus. Auch die Wollmütze landete neben ihm auf der Sofalehne. Mit der Hand strich er sich einmal durch seine schwarzen Locken, die ein Stück zu lang waren, um modisch zu sein. Trotzdem gelang es Julia nicht, den Eindringling als so unattraktiv abzustempeln, wie er nervig war. Vorher war er ihr schon groß und kräftig erschienen. Ohne Jacke sah sie nun, dass er tatsächlich verhältnismäßig breit gebaut war und sie wahrscheinlich locker unter den Arm klemmen und losspazieren könnte. Etwas, was sie ihm durchaus zutrauen würde. Aber das wollte sie unter keinen Umständen! Auch wenn ein winziger Teil von ihr offenbar auf Nervenkitzel stand, denn die Vorstellung erzeugte nicht nur Abscheu in ihr.
„Was machen Sie eigentlich um diese Jahreszeit hier draußen?“, fragte er plötzlich und blickte sie direkt an. Wieder kam es ihr vor, als würden seine Augen golden schimmern. „Sie wirken nicht, als wären Sie auf das unstete Wetter hier eingestellt. Stürme und Springfluten sind um diese Jahreszeit nicht gerade selten.“
Für einen Moment war Julia zu fasziniert von den wirklich ungewöhnlichen goldbraunen Augen. Dann riss sie sich zusammen und zuckte mit den Schultern. „Ich wollte einfach nur weit weg und meine Ruhe haben.“ Bei den letzten Worten warf sie ihm einen herausfordernden Blick zu.
„Ich kann auch gehen. Dann dürfen Sie sich alleine um den Kachelofen und ihr Stromproblem kümmern. Mir soll‘s recht sein. Hab genug eigene Arbeit, die erledigt werden muss.“
Er wollte sich gerade erheben, als Julia widerwillig zurückruderte. „So blöd es auch ist. Ich fürchte, wir werden uns miteinander arrangieren müssen. Können Sie mir bis dahin bitte erklären, was ich bei dem Ofen beachten muss?“
„Na gut. Kommen Sie her. Ich zeig‘s Ihnen.“
Aufmerksam sah und hörte sie zu, während draußen der Sturm tobte. Das war kein Vergleich zu dem Wetter bei ihrer Ankunft heute Morgen. Da war es vollkommen windstill gewesen. Sie hatte sich gefreut, dass es so ruhig war, dass sie das Meer rauschen hören konnte. Von dem drohenden Unwetter war da noch nichts zu sehen gewesen. Nun musste Julia sich nur noch einprägen, wie der Ofen funktionierte, dann würde sie die Woche hier überstehen, selbst wenn das Wetter so schlecht bleiben sollte.
„Haben Sie alles verstanden oder ist noch etwas unklar?“, fragte der Fremde.
Hatte er nicht vorhin seinen Namen gesagt?, überlegte sie.
„Ich denke, ich habe es verstanden. Solange Glut da ist, sollte ich das Feuer erhalten können. Wo wird denn das Holz für den Kachelofen gelagert?“
„Im Schuppen hinter dem Haus, aber mit dem, was noch hier drin ist, sollten Sie über die Nacht kommen.“
Diese Aussage beruhigte die junge Frau ungemein. Bei dem Sturm wollte sie nur ungern rausgehen. Zumal dann das Holz auch noch nass werden würde.
„Also sollte ich spätestens morgen früh neues Holz holen und es hier neben dem Ofen lagern, damit es trocken wird.“ Julia zeigte auf eine Art gemauertes Regal, das sich daneben befand.
Der Fremde nickte. „Ja, besser wäre es. In den kommenden Tagen soll es so unbeständig und regnerisch bleiben. Wenn es heftige Gewitter gibt, bricht schon mal die Stromversorgung auf der ganzen Insel zusammen. Die Leitungen sind leider nicht die besten.“
„Na prima.“ Julia seufzte und bewunderte den Kerl dafür, dass er so gelassen blieb. Sie würde so etwas tödlich nerven. Aber in der Stadt war an ein Leben ohne Strom schlicht nicht zu denken.
„Man gewöhnt sich dran. Außerdem sind die meisten Häuser hier auf Lütje Oog noch so gebaut, dass ein Kamin oder Ofen vorhanden ist und man nicht im Dunkeln sitzen muss. Die Einheimischen sind jahrhundertelang ohne Elektrizität ausgekommen und robust. Für Touristen ist das sicherlich gewöhnungsbedürftig. Deswegen sind die meisten auch nur im Sommer hier.“
Erleichtert, dass sie nun zumindest grob wusste, wie der Ofen funktionierte und sie nicht erfrieren musste, war Julia geneigt, den Seitenhieb zu ignorieren. Wenn er sie nicht gerade ärgerte, war der Typ eigentlich okay. Außerdem musste sie sich eingestehen, dass sie seine tiefe, warmklingende Stimme und die Art, wie er redete, mochte.
„Hätte ich das mit dem Strom gewusst, hätte ich mich besser vorbereitet und wenigstens eine Taschenlampe sowie die Powerbank für mein Telefon mitgenommen.“ Sie zuckte mit den Schultern und kehrte auf ihren Platz am Ende des Sofas zurück. „Vielen Dank, dass Sie mir die Handhabung des Ofens erklärt haben. Wo wohnen Sie eigentlich? Mir war bei der Anreise gar kein Haus in der Nähe aufgefallen.“
Der Fremde schaute kurz nachdenklich in die Flammen, bevor er sich umdrehte und ebenfalls auf dem Sofa niederließ.
Eigenartig, stellte Julia fest. Er strahlt ordentlich Wärme aus. Wie eine wandelnde Wärmflasche, nur rau und bärtig. Schmunzelnd verwarf sie diesen Gedanken wieder. Das musste sie sich einbilden. Sicherlich kam das nur davon, dass er nah am Feuer gestanden hatte.
„Ich wohne ein paar Kilometer weiter Richtung Küste in dem alten Leuchtturm“, antwortete er schließlich, nachdem er etwas von seinem Tee getrunken hatte.
Julia riss die Augen auf. Das war ein ordentliches Stück entfernt. „Sie sind bei diesem Unwetter hoffentlich nicht hergelaufen?“
Der Mann, dessen Namen sie vergessen hatte, schüttelte den Kopf. „Nein. Mein Auto steht vor der Tür. Ich bin das Wetter zwar gewöhnt, aber angenehm ist es trotzdem nicht.“
„Merkwürdig, dass ich das Motorengeräusch nicht gehört habe.“
„Und mein Klopfen auch nicht.“ Er neigte den Kopf und grinste sie unverschämt an. „Da hätte ein verrückter Axtmörder durch die Gegend laufen können und Sie hätten rein gar nichts mitbekommen.“
Sofort bekam Julia eine unangenehme Gänsehaut. „Sie machen sich wirklich einen Spaß daraus, mir Angst einzujagen.“
„Vielleicht.“ Nun grinste er noch breiter und entblößte bemerkenswert weiße Zähne. „Sie sind auch ein sehr einfaches Opfer. Eine junge hübsche Frau allein in einer einsamen Hütte, kein Strom, kein Telefonempfang und dazu noch ein Unwetter. Das könnte der perfekte Beginn einer Horrorgeschichte sein. Dann taucht plötzlich ein gutaussehender Unbekannter auf.“
Obwohl seine Erzählung ihre Furcht wieder schürte, musste Julia an dieser Stelle lachen. „An Selbstvertrauen mangelt es Ihnen wirklich nicht.“
„Mir?!“ Er riss gespielt empört die Augen auf. „Ich bin die Bescheidenheit in Person.“
Julia konnte nicht anders, sie brach in schallendes Gelächter aus. Obwohl – oder vielleicht weil – die Situation so merkwürdig war, tat ihr das Lachen sehr gut. „Verraten Sie mir Ihren Namen? Der ist vorhin irgendwie untergegangen.“
Ihr Gegenüber grinste. „Lasse, werte Dame.“
„Julia“, antwortete sie. „Willst du wirklich hier ausharren, bis das Unwetter vorbei ist?“ Zweifelnd blickte sie nach draußen. Der Regen prasselte unvermindert heftig gegen das Fenster und immer wieder blitzte und donnerte es. Der Sturm war noch lange nicht vorbei.
Eigentlich wäre es verantwortungslos, ihn jetzt vor die Tür zu setzen.
Lasse schob die Ärmel seines dicken schwarzen Wollpullovers zurück. Auf der gebräunten Haut seines rechten Unterarms entdeckte sie einen Teil eines Tattoos, das wie Wellen und eine Art Kompass aussah. Obwohl sie Lasse anfangs nicht hatte leiden können, weil er sie an ihren Ex erinnerte, war sie nun neugierig, wer dieser Lasse wirklich war. Im Moment fand sie ihn eigentlich ganz nett.
„Wenn du deine Ruhe haben willst, dann fahre ich nach Hause. Laut Wettervorhersage soll das Unwetter allerdings noch bis 23:00 anhalten. Gut möglich, dass es hier noch länger regnet. Solange das der Fall ist, kann ich die Sicherung nicht wechseln. Ich lasse sie dir aber zusammen mit dem Werkzeug hier. Dann kann ich es gleich morgen erledigen, sobald es nicht mehr regnet.“
„So ein Mist“, fluchte Julia leise. Zwar hatte sie sich Ruhe und Abgeschiedenheit gewünscht, aber nicht so. Natürlich konnte sie lesen oder früh ins Bett gehen, aber ob sie bei dem Getöse schlafen konnte, stand auf einem anderen Blatt. Die Frage war nur, ob es besser war, hier alleine herumzusitzen und zu hoffen, dass in den nächsten Stunden keine neue Katastrophe passierte, oder das fragwürdige Vergnügen zu akzeptieren, noch mehrere Stunden in Lasses Gesellschaft verbringen zu dürfen.
„Du könntest natürlich auch mit zu mir kommen. Der Leuchtturm hat immer Strom, weil das Signal gesichert sein muss. Dort spürt man das Unwetter jedoch noch viel deutlicher als hier“, meinte ihr Gegenüber plötzlich.
Vor Überraschung wäre Julia beinahe die Teetasse aus der Hand gefallen. „Wie bitte?!“
Nun wirkte Lasse ein bisschen beleidigt. Offensichtlich bereute er schon, ihr dieses Angebot gemacht zu haben. „Ein ‚Nein, danke‘ hätte es auch getan.“ Er warf einen Blick durchs Fenster nach draußen. „Dann mache ich mich besser auf den Weg. Danke für den Tee. Ich komme morgen Vormittag vorbei, um die Sicherung zu tauschen. Bis dahin sollte der Regen aufgehört haben.“
Überrumpelt sah Julia stumm zu, wie er sich seine Sachen griff und überzog.
Was zur Hölle soll ich jetzt tun?
Als Julia ihn nur wortlos anschaute, tippte er mit der Hand zum Gruß an seine Stirn. „Bis morgen und keinen Unsinn machen, ja?“ Dann wandte er sich zur Tür und zog sich die Kapuze tief ins Gesicht.
Das wird ein Spaß, dachte er und stieß die Tür auf. Sofort peitschte ihm der Wind eisigen Regen ins Gesicht, doch an eine Rückkehr war nicht zu denken.
Ich war viel zu lange bei ihr. Das hätte leicht ins Auge gehen können. Irgendetwas an dieser Frau zog ihn an und das bedeutete nichts Gutes für sie beide. Nun ärgerte er sich, dass er der Bitte des alten Ole gefolgt war. Aber ohne mein Eingreifen stünde ihr eine viel unangenehmere Nacht bevor.
Während er durch den Regen zu seinem Auto stapfte, spürte er, wie sich seine dunkle Seite regte. Diese hatte es ein bisschen zu sehr genossen, Julia in Angst und Schrecken zu versetzen. Nun protestierte sie regelrecht, dass er so ein leichtes Opfer einfach ignorierte und in die Einsamkeit des alten Leuchtturms zurückkehrte. Lasse mochte die Gesellschaft von Menschen nicht sonderlich und bevorzugte daher das Tosen des Meeres. Doch auf gewisse Weise war er von ihnen abhängig, wollte er nicht vorzeitig abtreten.
Am Auto angekommen, schwang er sich hinter das Lenkrad und startete den Motor des Geländewagens. Bei schönem Wetter wäre er die Strecke gelaufen, aber das wäre gerade keine gute Idee. Kurz warf er einen Blick zurück zum Haus und vermeinte eine dunkle Silhouette am Fenster stehen zu sehen. Er spürte Julias widerstreitende Gefühle überdeutlich. Doch sie musste mit ihrer Entscheidung ebenso leben wie er.
Ein Glück, dass sie zu verdattert war, um auf mein Angebot einzugehen. Das hätte nur in einer Katastrophe enden können, dachte er. Lasse stellte den Scheibenwischer auf maximale Geschwindigkeit, wendete und fuhr durch den Sturm Richtung Küste. Er hoffte, dass ihn das Getöse des Unwetters genügend von Julia ablenken würde.
*
Einige Zeit später saß Lasse in seiner kleinen Küche und trank den mittlerweile kalten Tee aus einer zarten Tasse, die zu klein für seine großen Hände wirkte. Zum Glück war der Großteil des Ostfriesentees in der Kanne noch warm, denn die Kerze im Stövchen hatte er vorhin vergessen zu löschen. Beim letzten Schluck verzog er den Mund, denn er war viel zu süß für seinen Geschmack. Eher nebenbei schaute er auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand.
Bald ist es wieder Zeit, das Leuchtsignal zu überprüfen.
Zwar funktionierte der Leuchtturm mittlerweile vollautomatisch, trotzdem schadete es nie, nachzusehen, ob die Technik tat, was sie sollte. Feuchtigkeit und Salzgehalt setzten allen Materialien auf Dauer zu.
Als der Zeiger sich der Zwölf näherte, erhob Lasse sich, griff nach Mütze und Taschenlampe und begab sich an den Aufstieg. Es war beinahe schon ein Ritual, das sich über die Jahre fest in seinen Alltag eingeprägt hatte. Andere fänden es sicherlich gruselig, genau zu Mitternacht dort hochzusteigen, doch für Lasse war es nichts Besonderes. Er fürchtete sich nicht vor Geistern oder Dämonen. Warum sollte er auch? Schließlich war er selbst ein solches Wesen. Das würde auch die junge Dame in der einsamen Hütte bald am eigenen Leib zu spüren bekommen, zumindest, wenn er es nicht schaffte, der Versuchung zu widerstehen, die sie für ihn darstellte. Ihm behagte es überhaupt nicht, dass er ihre Gefühlswelt so anziehend fand. Naturgemäß war er in dieser Hinsicht sehr sensibel, aber Julias Emotionen waren ihm wie ein Leuchtfeuer in finstrer Nacht erschienen. Das war nicht normal.
Quietschend öffnete sich die Luke zur Laterne, wie das Leuchthaus oft genannt wurde. Früher roch es hier deutlich nach Ruß und Petroleum, doch diese Zeiten waren längst vorbei. Vor etwa dreißig Jahren hatte die Modernisierung auch hier Einzug gehalten und damit die Leuchtturmwärter überflüssig gemacht. Bis auf regelmäßige Inspektionen gab es nun nicht mehr viel zu tun. Trotzdem stieg Lasse mehrmals in der Nacht hinauf und schaute nach dem Rechten.
Alte Gewohnheiten legt man nur schwer ab, dachte er.Zudem genoss er den Ausblick und die geballte Macht der Elemente. Von draußen prasselte der Regen auf die dicken Glasscheiben. Das Rauschen der Wellen dröhnte regelrecht in den Ohren, als diese immer und immer wieder gegen die Küste schlugen. Noch war Hochwasser, doch bald würde sich das Meer zurückziehen und den schlammigen Untergrund freigegeben – das Watt. Zwischen den Inseln und dem Festland war dieses Naturschauspiel zweimal am Tag zu erleben. Auf der Meerseite von Lütje Oog spürte man zwar die Gezeiten, doch vollständig verschwunden war das Wasser hier nie.
Im nächtlichen Regenschleier sah man den Lichtkegel des Leuchtsignals deutlich als weißen Balken, der die Dunkelheit durchschnitt, zumindest aus Lasses aktueller Position. Er stand sicher in den Schatten hinter der Blende. Schließlich wurde das Licht nur in einer Richtung benötigt, nämlich auf der Meerseite, nicht zum Festland.
Eine Weile schaute er der Lampe zu, die durch die speziellen Linsen rotierte, dann wandte er sich ab und ließ den Blick ins Landesinnere schweifen. Irgendwo da draußen wartete sein nächstes Opfer. Lasse hoffte nur, dass er bis zu Julias Abreise der Versuchung widerstehen konnte, ihr leckere Emotionen zu entlocken. So kurz die Begegnung auch gewesen war, die junge Frau hatte ihn fasziniert und neugierig gemacht. Aus Prinzip vermied er es, sich in die Träume von Leuten einzumischen, die er kannte oder denen er zumindest hinterher noch öfter begegnete, denn das führte unweigerlich zu Problemen. Im Gegensatz zu den Träumenden konnte Lasse sich an alles erinnern, was in der Traumwelt passiert war. Für ihn war es genauso real wie der Sturm, der draußen wütete. Und genau aus diesem Grund sollte er sich von der jungen Frau in Oles Hütte fern halten, wenigstens in der Traumwelt. Die Art Träume, die er bei seinen Opfern bevorzugte, dürfte Julia nämlich nicht gefallen.
*
Dunkelheit und Schreie der Angst – ein wahrer Ohrenschmaus für ihn. Gierig sog er diese intensiven Gefühle in sich auf und setzte seinem Opfer nach. Dieses rannte panisch immer weiter durch das von ihm erschaffene Labyrinth und endete natürlich in einer Sackgasse. Dröhnend hallten seine Schritte wider, während er dem jungen Mann immer näher kam. Scharfe Zähne und tödliche Klauen waren bereit, dem Opfer den Todesstoß zu versetzen.
Mit glühenden Augen stürzte sich das Monster auf den Träumer. Ein letzter Angstschrei, dann war er plötzlich verschwunden. Sein Opfer würde in diesem Moment wahrscheinlich im Bett hochfahren und froh sein, dass das nur ein Albtraum gewesen war. Genüsslich inhalierte Lasse die letzten Spuren der Lebensenergie, die er dem Menschen eben gestohlen hatte. Der herbe Geschmack der Angst prickelte leicht auf seiner Zunge. Mit einem Fingerschnippen verschwand das düstere Labyrinth mitsamt Monstern. Stattdessen stand er nun wieder in dem rauchgrauen Nichts, das die Traumwelt war, bis ein Träumender oder ein Traumwandler – wie er selbst – kam und diese Welt formte. Gesättigt streckte Lasse sich und überlegte, ob er sich für ein paar Stunden in sein privates Refugium zurückziehen oder lieber aufwachen sollte.
Gerade, als er diese Ebene verlassen wollte, spürte er einen sanften Sog. Instinktiv näherte sich Lasse der grauen wolkenartigen Wand vor ihm, die den nächsten Traum repräsentierte, und durchschritt die Barriere. Die Aura des oder der Träumenden lockte ihn förmlich an, obwohl er gesättigt sein sollte. Als er die Gestalt einer gewissen aufmüpfigen jungen Frau vor sich erkannte, fluchte er leise. „Verdammt! Warum muss Julia ausgerechnet jetzt auftauchen?!“
Offenbar hatte sie lange nicht in den Schlaf gefunden, denn die Nacht war fast vorüber. Nun wälzte sie sich unruhig im Bett hin und her – im Traum wie wahrscheinlich auch in der realen Welt. Dunkle Schatten wuchsen aus den Ecken des Raumes, während ein durchdringendes Heulen erklang. Blitze erhellten für den Bruchteil einer Sekunde den imaginären Raum und ließen die junge Frau hochschrecken. Ihre Furcht drang deutlich zu Lasse, der die Hände zu Fäusten ballte, um der Versuchung zu widerstehen, aus diesem gruseligen Szenario einen ausgewachsenen Albtraum zu machen. Noch war es allein Julias Fantasie, die hier regierte. Offenbar war sie derartige Stürme nicht gewohnt. Wimmernd schaute sie in die finsteren Schatten, die langsam eine dunkle Gestalt formten.
Lasse musste kein Genie sein, um zu erkennen, dass sie sich an ihre erste Begegnung erinnerte. Anscheinend hatte diese so viel Eindruck hinterlassen, dass sie Julia bis in ihre Träume verfolgte. Doch die Stimme, die plötzlich erklang, gehörte nicht zu ihm.
„Na, Julia? Hast du es wieder hinbekommen, dich durch deine Dummheit in eine peinliche Situation zu bringen, aus der du gerettet werden musst?“, höhnte ein Mann, der wie Lasse selbst einen Vollbart trug und scheinbar ein paar Proteinshakes zu viel konsumierte, denn er wirkte regelrecht aufgeblasen.
Wer zur Hölle ist dieser Fiesling?, fragte sich Lasse. Auf gewisse Weise war er froh, dass die junge Frau nicht von seinem Abbild verfolgt wurde, denn wenn er ehrlich war, dann widerstrebte es ihm, dass sie Angst vor ihm hatte.
Verdammt!Das ist kein gutes Zeichen. Es war nicht so, dass er Menschen generell nicht mochte, aber bei seiner Lebenserwartung und seiner Ernährung war es ratsamer, sie auf Abstand zu halten – zu seinem eigenen Schutz, denn er würde sie schlicht überleben. Nur selten machte er Ausnahmen und ging engere Beziehungen ein, wie bei einer gewissen älteren Dame, die sehr unnachgiebig war, was sein einsames Leben im Leuchtturm anging.
Edna würde es sicherlich gefallen, dass die hübsche Urlauberin mein Interesse geweckt hat. Schnell schüttelte er diese Gedanken ab, denn er verpasste wichtige Informationen. Mittlerweile wirkte der Typ riesenhaft, während Julia wie ein kleines Kind vor ihm kauerte. Lasse wunderte es, dass sie sich die anhaltenden Beleidigungen gefallen ließ. Ihm gegenüber war sie doch recht schlagfertig gewesen.
„Du bist einfach zu Nichts zu gebrauchen“, meckerte der Kerl gerade. „Ein Wunder, dass sie dich noch nicht aus der Kanzlei geworfen haben. Sicherlich nur, weil deine Eltern ein gutes Wort bei deiner Chefin eingelegt haben. Oder hast du mit ein paar Kunden geschlafen, um sie zufrieden zu stellen?“
Nicht nur Julia schnappte bei diesem Vorwurf empört nach Luft. Was ist das denn für ein Wichser!?, dachte Lasse und spürte Wut in sich aufsteigen. Er wollte schon eingreifen, als er den Funken der Wut auch bei Julia wahrnahm.
Sie richtete sich auf. „Wage es ja nicht, meine Arbeitsmoral in Frage zu stellen!“, wehrte sie sich endlich. „Im Gegensatz zu dir mussten meine Eltern nie ein gutes Wort für mich bei irgendjemandem einlegen. Meine Staatsexamen und unzählige Gerichtsverhandlungen habe ich erfolgreich abgeschlossen, weil ich verdammt gut bin.“
Oha. Das ist offenbar ein Punkt, den sie sich nicht kleinreden lässt, bemerkte Lasse zufrieden.
„Das ist auch das Einzige, was du kannst!“, wetterte der Kerl, von dem Lasse immer mehr hoffte, dass Julia ihn als Ex bezeichnen würde. „Meine Kumpel haben sich immer über dich lustig gemacht, wobei der eine oder andere dich aus Mitleid vielleicht noch flachgelegt hätte. Aber nachdem ich erzählt habe, was für eine Niete du im Bett bist, hatte keiner mehr Bock.“
Lasse zuckte zusammen. Autsch. Das ist echt unter der Gürtellinie! Er sah den Schmerz und die Scham von Julia, deren Selbstbewusstsein durch die verletzenden Worte sofort in sich zusammenfiel.
Oh nein! So einfach wirst du es ihm nicht machen!, schwor Lasse und ging zu Julia, um ihr heimlich beizustehen. Sachte legte er ihr eine Hand auf die Schulter und flüsterte: „Du bist zu gut für diesen Abschaum. Schmeiß ihn aus deinem Traum. Er hat hier keine Macht über dich.“
Erschrocken blickte sie sich um, doch Lasse wusste, dass er für ihre Augen unsichtbar war – noch. Träumende konnten ihn nur sehen, wenn er das wollte. „Du bist eine begnadete Anwältin. Stell dir vor, dieses miese Arschloch wäre dein Gegner vor Gericht.“
Anscheinend half Julia dieser Gedanke wirklich, denn sie richtete sich auf. „Spar dir diese unsäglichen Lügen, Daniel. Im Gegensatz zu dir war ich treu, auch wenn du es nicht verdient hattest. Du bist Geschichte. Was du oder deine idiotischen Freunde von mir denken, ist mir egal! Ihr legt doch ohnehin alles flach, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.“
Lasse schmunzelte, denn der Kerl wirkte auch im Traum ziemlich belämmert, als Julia sich plötzlich wehrte. „Weiter so!“, feuerte er die junge Frau an.
„Ich habe mich lange genug von dir kleinhalten lassen! Verschwinde endlich aus meinem Leben!“
Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, half Lasse nach und fegte das Abbild des nervigen Ex-Freundes und die dunklen Schatten mit einem Wink seiner Hand fort. Julia atmete erleichtert auf, nur, um im nächsten Moment überrascht aufzuschreien.
Julia wusste nicht, was mit ihr passierte. Eben noch war sie in einem Raum mit ihrem ekelhaften Ex Daniel gewesen, der sie wie üblich erniedrigt hatte, und nun fiel sie in ein bodenloses Nichts. Alles war rabenschwarz, sodass sie sich überhaupt nicht orientieren konnte. Es gab kein oben, unten, links oder rechts, nur das Gefühl des Fallens.
O Gott! Was ist hier nur los? Träume ich?, fragte sie sich ängstlich, denn sie wollte wirklich nicht irgendwo in einem finsteren Loch enden. Als Kind hatte sie oft diesen Albtraum gehabt, indem sie nur fiel und fiel und erst erwachte, kurz bevor sie irgendwo zerschellte. Kann ich aufwachen?
„Möchtest du das wirklich?“, flüsterte ihr eine verführerische Stimme zu, die ihr vage bekannt vorkam. Schon vorhin, als Daniel sie beschimpft hatte, hatte sie ihr bereits Mut zugesprochen.
Wer ist das?!, grübelte sie.
Genau in diesem Moment endete ihr Fall. Zum Glück nicht so abrupt wie befürchtet, sondern erstaunlich sanft. Es war, als würde sie jemand vorsichtig auf dem Boden absetzen.
Meeresrauschen drang leise zu ihr und nach und nach erschienen helle Punkte in der Schwärze über ihr. Als Julia wieder nach unten blickte, fand sie sich an einem leeren Strand wieder. Der feine Sand kitzelte zwischen ihren Zehen und mit jeder Welle spürte sie die Feuchtigkeit, die das Wasser mit sich brachte. Ein plötzlicher Lichtschein ließ sie zusammenzucken. Neugierig schaute sie zur Seite und entdeckte einen Leuchtturm, der auf einer Anhöhe über dem Meer thronte.
Ob das der Leuchtturm ist, in dem Lasse wohnt?, fragte sie sich unwillkürlich und schüttelte dann den Kopf. Sicherlich sieht er in Wirklichkeit ganz anders aus, entschied sie und ärgerte sich ein wenig darüber, dass sie überhaupt an den mysteriösen Mann dachte, der vor einigen Stunden unerwartet in ihrem Ferienhäuschen aufgetaucht war.
Zudem wusste Julia nicht, ob sie ihm noch einmal begegnen wollte. Anfangs hatte er ihr Angst gemacht und doch zog er sie an, obwohl er gar nicht ihr Typ war. Zumindest wollte sie sich das einreden, denn von bärtigen Männern mit zweifelhaften Motiven hatte sie die Nase gestrichen voll. Bei ihrem Zusammentreffen heute hatte er sie abwechselnd zu Tode erschreckt, verärgert und ihr dann wiederum sehr geduldig die Funktionsweise des Ofens erklärt. Das alles machte es ihr schwer, ihn einzuschätzen.
„Ich will mich nicht für einen Mann interessieren, der mich für zu blöd hält, um allein zurechtzukommen!“, murmelte sie.
„Warum denkst du das?“, erklang diese merkwürdige Stimme dicht an ihrem Ohr. Julia wirbelte mit rasendem Herzen herum. Doch hinter ihr war nichts als Strand und Dünen.
„Suchst du jemanden?“ Sachte strichen Finger über ihren Hals, doch als sie sich umdrehte, war auch diesmal niemand zu sehen. Eine Gänsehaut kroch über ihre Arme, obwohl die Nacht erstaunlich warm war. Kurz überlegte sie, ob sie sich das alles nur einbildete, doch sie spürte einfach, dass sie nicht allein war. Doch wer hätte Vergnügen daran, mich zu erschrecken?, fragte sie sich. Da fiel ihr nur einer ein. „Lasse?! Was soll dieses merkwürdige Versteckspiel? Wo bist du?“
„Hier.“
Plötzlich legten sich kräftige Arme um Julias Taille. Ihr Herz machte einen Satz, nur um in schnellem Tempo weiterzuschlagen. Ob nun vor Angst oder Freude konnte sie beim besten Willen nicht sagen. Zu ihrer Verwunderung fühlte es sich erstaunlich gut an, von ihm gehalten zu werden, weshalb sie sich für einen Moment mit dem Rücken gegen Lasse sinken ließ.
„Ich bin wohl doch nicht so schrecklich, was?“, zog dieser sie prompt auf.
„Ach, halt die Klappe!“, schnauzte die junge Frau. „Du machst sonst alles kaputt.“
Tatsächlich genoss Julia seine Nähe. Zusammen mit dem nächtlichen Strand hatte diese Situation etwas Romantisches, obwohl alles irgendwie unwirklich war.
Sein Lachen kitzelte ihr Ohr, dann spürte sie warme Lippen, die eben dieses sanft liebkosten. Julia schloss die Augen und ließ es geschehen. Das war schließlich nur ein Traum, oder? Im echten Leben würde sie sich nicht einfach so einem fremden Mann hingeben, den sie gar nicht kannte. Faszination hin oder her.
Leise seufzte sie und streckte sich Lasse entgegen, als seine Lippen an ihrem Hals entlang wanderten und schließlich auf ihrem Mund zum Liegen kamen. Sein Bart kitzelte leicht, weshalb sie zurückzuckte und das Gesicht verzog. Von Rauschebärten hatte sie die Nase voll. Allein das Gefühl davon erinnerte sie an ihren Ex-Freund.
Lasse ließ sie sofort los. „Hab ich etwas falsch gemacht?“
Julia schüttelte den Kopf und drehte sich zu ihm um. Insgeheim war sie froh, dass ihr ungebetener Besucher deutlich gelassener reagierte als der Mann, von dem sie sich zum Glück vor einigen Monaten getrennt hatte. „Nein. Ich habe nur eine Aversion gegen Bärte entwickelt.“
„Oh.“ Erstaunt zog der die schwarzen Augenbrauen in die Höhe, sodass es wirkte, als würden sie unter den schwarzen Locken verschwinden, die ihm bis in die Stirn fielen. Langsam breitete sich ein Lächeln auf seinen Lippen aus. „Wenn es nur das ist, was dich stört, lässt es sich leicht beheben.“
Urplötzlich war sein Bart verschwunden. Verwundert riss Julia die Augen auf und konnte nicht anders, als den nun rasierten Lasse anzustarren. Wo vorher ein dichter dunkler Vollbart gewesen war, erkannte sie nun ein kantiges Kinn und hohe Wangenknochen. Zusammen mit den golden schimmernden Augen und dem verführerischen Mund ergab es ein stimmiges Gesamtbild, das Julia erschreckend gut gefiel. Lasses dunkle Haare waren noch immer eine Spur zu lang, was jedoch in Ordnung war.
Perfekt gestylt würden ihm wohl alle Frauen zu Füßen liegen, dachte sie. Das lag allerdings nicht nur an der Rasur. Statt des dicken Wollpullovers trug ihr Gegenüber nun ein dunkles Shirt, das sich förmlich an seine Haut schmiegte und die breiten Schultern sowie die muskulösen Arme betonte. Nun erkannte sie auch, dass die Wellen, die sie am Abend bereits auf seinem rechten Unterarm entdeckt hatte, nur ein Teil einer größeren Tätowierung waren. Das zentrale Element bildete ein gestreifter Leuchtturm, an dessen Fuß der Kompass lag. Beides wurde von schäumenden Wellen umrahmt.
Was das wohl für eine Bedeutung hat?, überlegte sie und ließ den Blick schweifen. Auf Lasses schmalen Hüften saß verrucht tief eine ausgeblichene Jeans. Als Julia auf ihre eigene Kleidung schaute, war sie peinlich berührt. Sie trug nur ihren zart geblümten Schlafanzug, was sicherlich lächerlich aussah.
„Also ich finde deinen Pyjama ganz niedlich. Hätte nicht gedacht, dass du der florale Typ bist“, sagte Lasse und grinste. „Ich könnte dir natürlich ein anderes Outfit verschaffen.“
Bevor Julia fragen konnte, was er damit meinte, spürte sie schon einen leichten Luftzug an ihren nackten Beinen.
Nackt?! Moment mal. Hektisch schaute sie nach unten und war erleichtert, dass sie ein kurzes Sommerkleid trug.
„Oh, wo kommt das her? Warst du das?“, rief sie erstaunt und erfreut zugleich. Noch nie hatte sie bewusst geträumt. Es fühlte sich eigenartig, aber auch aufregend an.
„Im Traum ist so einiges möglich“, erklärte Lasse. Dann zog er sie an sich. „Wie wäre es, wenn wir mit dem weitermachen, was wir vorhin wegen des Bartes unterbrechen mussten?“
Julia zögerte kurz, dann zuckte sie mit den Schultern. Wenn das nur ein Traum war, konnte sie doch tun und lassen, was sie wollte. Oder nicht?
Sie legte ihre Arme um Lasses Nacken und kam ihm entgegen. Diese Einladung nahm er nur zu gern an. Sanft eroberte er ihren Mund, doch mit der Zeit wurde der Kuss immer leidenschaftlicher. Besitzergreifend strichen seine Hände über ihren Körper und befeuerten ihre Sehnsucht. Julia fühlte sich wie berauscht. „Mehr“, forderte sie.
„Zu Befehl“, antwortete Lasse amüsiert.
Plötzlich lagen sie auf einer weichen Decke im Sand. Das Meer rauschte leise, was seltsam beruhigend, beinahe hypnotisch auf Julia wirkte. Über ihr erhellten unzählige Sterne den rabenschwarzen Himmel, doch sie hatte gerade keine Kapazitäten, die Szenerie zu bewundern.
Ihre Aufmerksamkeit wurde vollständig von dem mysteriösen Mann gefesselt, der sie wortwörtlich bis in ihre Träume verfolgt hatte. Doch eine leise Stimme flüsterte ihr zu, dass sie vorsichtig sein sollte, denn wie die kleinen Falter, die um ein Licht kreisten, würde sie sich ins Verderben stürzen, wenn sie Lasse zu nahe kam.
Julia seufzte leise, als eben dieser sich neben ihr auf der Decke ausstreckte. Tatsächlich hatte sie eher erwartet, dass er sie direkt mit seinem Körper bedecken würde. Dass er es nicht tat, ließ ihr dummes Herz vor Freude hüpfen. So wie sie Lasse erlebt hatte, war er alles andere als schüchtern und sie hatte das Gefühl, dass er es gewohnt war, sich einfach alles nehmen zu können, was er wollte. Dass er nun so umsichtig mit ihr umging, konnte nur daran liegen, dass es ihr Traum war und nicht die Realität. Zudem konnte die junge Frau den Gedanken einfach nicht abschütteln, dass Lasse etwas Dunkles in sich trug, etwas, mit dem sie definitiv keine Bekanntschaft machen wollte.
„Was meintest du damit, dass ich dich für zu blöd halte, um allein zurechtzukommen?“, fragte er unvermittelt.
Julia wunderte sich, dass er nun auf dieses Thema zurückkam. „Ich habe vorhin gehört, wie du auf die unfähigen Touristen geschimpft hast.“
Lasse seufzte: „Tut mir leid. Ole hat mich mit seinem Anruf überrumpelt und als ich eintraf, hatten sich meine Befürchtungen bewahrheitet. Es war nur ein allgemeiner Ausspruch. Ich wollte dich wirklich nicht beleidigen.“
Überraschung und Freude erfüllten Julia. Ja, das hier muss ein Traum sein, dachte sie. „Dann haben wir wohl beide Glück“, antwortete sie lächelnd.
Interessiert und belustigt zugleich schaute er sie an. „Erleuchte mich bitte.“
„Na ja, ich hätte es nur schwerlich über mich gebracht, mit einem Mann anzubandeln, der mich blöd findet.“
„Ahh“, murmelte Lasse und beugte sich etwas näher zu ihr. „Verständlich. Ich finde dich nicht blöd und du mich offenbar auch nicht oder sehe ich derart blendend aus, dass du mir trotzdem verfallen bist?“
Lachend lehnte Julia sich zu ihm. „Du kannst ja ein richtiger Scherzkeks sein, wenn du willst.“
„Ich gebe mein Bestes“, erwiderte Lasse und zwinkerte ihr zu. Wie auf ein geheimes Kommando tauchten plötzlich Hunderte von Glühwürmchen auf und tanzten um die Decke herum.
„Wow!“, flüsterte Julia und konnte sich an diesem wunderbaren Schauspiel gar nicht sattsehen.
„Das ist noch gar nichts. Komm!“ Mit diesen Worten zog Lasse sie auf die Füße. Julia flog förmlich hinterher und staunte, als sie über dem Meer schwebten, das ruhig und dunkel unter ihnen lag.
„Was würdest du gern im Traum tun?“, fragte Lasse mit funkelnden Augen. Hier an diesem zauberhaften Ort in ihrer Fantasie passte das goldene Leuchten perfekt, das sie vorhin in der dunklen Hütte irritiert hatte.
„Ich wollte schon immer mal Delfine sehen“, antwortete sie sofort.
„Dann schau hin.“ Julia folgte mit ihrem Blick seiner ausgestreckten Hand und jauchzte, als nur wenige Meter von ihr entfernt wirklich ein paar Delfine aus dem Wasser schossen.
„Unglaublich“, murmelte sie begeistert.
„Es ist dein Traum – unser Traum“, wiederholte der mysteriöse Mann an ihrer Seite. „Du kannst tun, was du möchtest.“ Sobald er das gesagt hatte, ließ er sich ins Meer fallen, nur um im nächsten Augenblick zusammen mit den Delfinen über die anrollende Welle zu springen. Julia lachte, dann sprang sie hinterher. Das Wasser war erstaunlich warm, als sie darin eintauchte und sofort von Lasse und den Delfinen umringt wurde. Sorglos wie ein Kind tollte sie mit ihnen herum, schwamm mit Lasse um die Wette und ließ sich von den kräftigen Tieren sogar ein Stück durch das Meer ziehen. Julia genoss das Glücksgefühl, das sie durchströmte. Sie alberte mit Lasse herum und veranstaltete eine zünftige Wasserschlacht mit ihm, bis er genug hatte und sie einfing.
„Man könnte denken, du wärst eine kleine Nixe“, witzelte er.
„Dann musst du aber der knurrige Seemann sein, der sich unsterblich in mich verliebt“, konterte sie grinsend.
Mit funkelnden Augen zog er sie näher. „So, so. Das ist es also, was du dir erträumst.“
Julia schlang ihre Arme um seinen Hals und lehnte ihre Stirn gegen seine. „Vielleicht.“ Beschwingt von diesen traumhaften Erlebnissen küsste sie Lasse. Dieser machte bereitwillig mit und so verlor sie sich regelrecht im verführerischen Spiel ihrer Lippen. Verlangend zog sie ihn näher und schlang ihre Beine um seine Hüften. Lasse brummte zufrieden und seine kräftigen Hände legten sich auf ihren Po. Sanft wurden sie vom Wasser hin und hergeschaukelt, während sie sich küssten. Julia verfluchte die lästige Kleidung und wünschte sie weg. Sie seufzte glücklich, als sie ihn nun Haut an Haut spüren konnte.
„Du hast es aber eilig“, kommentiere Lasse die Veränderung belustigt, während seine Hände bereits erkundeten, was sich unter dem Stoff versteckt hatte.
„Es ist mein Traum, oder nicht?“, antwortete sie keck und ließ die Finger genüsslich über seine starken Schultern wandern. Dass ihm die Situation gefiel, konnte Julia deutlich spüren, denn ein Teil vom ihm drängte sich förmlich in den Vordergrund.
„So, so. Dann zeig mir mal, wie er weitergehen soll“, raunte er.
Julia erschauderte vor Vorfreude, doch hier im Wasser würden sie nicht bleiben können. Da erblickte sie am Strand die Picknickdecke von vorhin. Perfekt.
Nur einen Herzschlag später lagen sie zusammen auf der weichen Decke. Lasse wirkte sehr zufrieden. „Ich mag deine Ideen.“
Julia lachte und rollte sich auf ihn. „Ich auch.“ Dann beschloss sie, dass sie genug geredet hatten. Viel lieber wollte sie sich in seinen Küssen verlieren und von der Leidenschaft fortgerissen werden, die er in ihr entfachte. Lasse spielte nur zu gern mit. Er liebkoste ihren Körper, verteilte Küsse auf ihrer Haut und war so geschickt darin, dass Julia vor Lust erzitterte. Doch sie wollte diesen mysteriösen Mann ebenfalls erkunden. Langsam strichen ihre Hände über seine muskulöse Brust bis hinunter zu seinem flachen Bauch.
„Entspringt das auch meiner Fantasie?“, murmelte sie verzückt. Das brachte Lasse zum Lachen. „Nein. Mein Körper ist etwas, das nur ich verändern kann.“
„Oh.“ Julias Augen weiteten sich. „Dann versteckst du also das unter dem dicken Pullover? So wie dein ansehnliches Gesicht hinter dem Bart?“
„Ich verstecke gar nichts“, konterte Lasse. „Ich bin nur sehr wählerisch, wem ich was zeige.“
„Da habe ich wohl Glück gehabt.“
„Viel mehr als du ahnst“, bestätigte er und schien noch etwas sagen zu wollen, doch dann entschied er sich lieber dafür, sie zu küssen. Julia erwiderte diesen Kuss nur zu gern. Noch nie hatte sie so einen wunderschönen Traum gehabt und den Höhepunkt wollte sie sich nicht entgehen lassen. Sie stützte sich mit ihren Händen auf Lasses Brust ab und hob das Becken, um ihn endlich in sich spüren zu können. Langsam ließ sie sich auf seinem Glied nieder, das heiß in ihr pulsierte. Lasse stöhnte und legte seine Hände an ihre Hüften, jedoch ohne den Druck zu erhöhen. Julia schloss die Augen, während sie ihrem Körper die Zeit gab, die er brauchte, um sich an die Größe zu gewöhnen. Sachte bewegte sie ihr Becken auf und ab, bis er vollständig in ihr war. Mit ihm vereint zu sein, fühlte sich verdammt gut an. Viel zu gut, um wahr zu sein. Doch diesen Gedanken vertrieb sie schnell wieder. Stattdessen küsste sie Lasse verlangend und begann dann, ihre Hüften zu bewegen. Diesmal stöhnte nicht nur er. Als Lasse sich nicht mehr zurückhalten konnte und das Tempo erhöhte, steigerte sich ihr Vergnügen noch. Lust peitschte durch ihren Körper, schlug wie eine Welle über ihr zusammen und riss sie mit sich fort.
„In dir steckt sehr viel Leidenschaft“, murmelte Lasse, nachdem sie wieder zu Atem gekommen waren. Sanft streichelten seine Finger über ihren Rücken und verursachten eine wohlige Gänsehaut. Julia brummte zufrieden. Sie hatte überhaupt keine Muse, sich aufzurichten oder ihren gemütlichen Platz in seinen Armen aufzugeben. Gerade fühlte sie sich herrlich leicht und schwer zugleich an. Befriedigt und sogar glücklich. Sie wollte die Augen nicht öffnen und ganz bestimmt nicht über irgendetwas nachdenken. Lasses Brust unter ihrer Wange vibrierte sachte, als er leise lachte.
„Gerade erinnerst du mich an eine Katze, die sich sattgefressen und nun einen bequemen Schlafplatz gefunden hat.“
Bei diesem Bild musste auch Julia schmunzeln. „Psst. Ich genieße gerade und will nicht gestört werden.“
„Zu Befehl, Ma’am!“, erwiderte er und streichelte sie einfach weiter. Julia seufzte beglückt und spürte, wie sie langsam wegdriftete.
„Zeit aufzuwachen, süße Julia. Du musst Holz für den Ofen holen gehen, wenn du nicht frieren willst.“ Lasses tiefe Stimme holte sie aus ihrem Dämmerzustand zurück. Julia blinzelte verwundert und hob den Kopf. Wieder verlor sie sich im goldenen Glanz seiner Augen. So eine goldbraune Farbe, wie dunkler Honig, hatte sie noch nie gesehen.
„Mhm, was?“, fragte sie noch ganz verträumt.
Lasse lächelte und es kam ihr so vor, als wäre sein Blick liebevoll. Eine Vorstellung, die Julia sehr schön fand. Mit der Hand strich er ihr eine vorwitzige Strähne aus dem Gesicht. „Ich würde gern länger mit dir hierbleiben, aber die Verantwortung ruft. Der neue Tag hat begonnen und du musst aufstehen, damit das Feuer nicht ausgeht.“
„Oh“, hauchte sie enttäuscht. Hier war es so schön und friedlich. Sie verspürte überhaupt keine Lust, jetzt alleine in ihrem kalten Bett zu liegen und später durch den Regen zu stapfen, um neues Holz zu holen. Bevor sie etwas erwidern konnte, hatte Lasse sie schon an sich gezogen und seinen Mund auf ihren gedrückt. Der Kuss war so sanft, dass Julia dahinschmolz.
„Wach auf, Julia“, flüsterte er und sie spürte, wie sie hinfort gerissen wurde.
Als Julia erwachte, war sie enttäuscht. Sie seufzte leise und drehte sich noch einmal im Bett um. Sehnsüchtig klammerte sie sich an das glückselige Gefühl, das ihr der Traum beschert hatte. Sie wollte so gern zurück in diese watteweiche Fantasie, die wesentlich schöner war als die Realität. Doch sie hatte keine Chance. Der Traum war fort, daher öffnete sie widerwillig die Augen und starrte an die Zimmerdecke. Langsam registrierte sie wieder die Dinge um sich herum. Oranges Licht fiel durch das Fenster in ihr Zimmer und erhellte das total zerwühlte Bett sowie die Kleider vom Vortag, die sie achtlos über den klapprigen alten Stuhl in der Ecke geworfen hatte.
Gähnend setzte sie sich auf und vergrub das Gesicht in den Händen. Einzelne Fetzen eines merkwürdig realistischen Traumes tauchten vor ihrem geistigen Auge auf und mit ihnen ein wahres Gefühlschaos. Angestrengt versuchte sie, die Szenen zu ordnen, doch es gelang ihr nur bedingt, weil ihr die einzelnen Teile immer wieder entglitten. Zu Beginn war es einer der typischen Albträume gewesen, die sie leider noch immer hartnäckig verfolgten, obwohl es ihr gelungen war, sich von ihrem manipulativen Ex zu trennen.
Doch da war mehr, viel mehr. Julia erschauderte und fühlte sich, als hätte sie etwas verloren, oder jemanden. Als mysteriöse golden schimmernde Augen in ihrer Erinnerung auftauchten, stöhnte die junge Frau leise.
„Oh je! Hab ich wirklich im Traum mit einem wildfremden Mann herumgemacht, dem ich gleich gegenübertreten muss?“ Sie konnte es nicht fassen und wusste nicht, ob sie lachen oder schreien sollte. Die Bruchstücke, an die sie sich erinnern konnte, waren schön und sogar lustig gewesen. Das passte nicht so recht zu der Begegnung am letzten Abend. Dort hatte Lasse ihr zwar geholfen, war ihr jedoch auch ein wenig unheimlich gewesen. Allerdings musste sie zugeben, dass er durchaus anziehend war. Vielleicht wäre ihr erster Eindruck von ihm auch ein anderer gewesen, wenn er mit dem dunklen Bart und der anfänglichen schlechten Laune ihrem Ex-Freund nicht so sehr geähnelt hätte. „Warum nur kann ich ihn nicht einschätzen?“, murmelte sie. „Irgendetwas hat er an sich, das mich gleichermaßen anzieht wie abschreckt.“
Doch Grübeln brachte sie nicht weiter. Deswegen beschloss sie, aufzustehen und sich anzuziehen. Da es gerade nicht regnete, war die Gelegenheit günstig, neues Feuerholz zu holen. Ob Lasse wie versprochen auftauchte und wann genau, um die Sicherungen zu ersetzen, wusste Julia nicht. Aber im Schlafanzug wollte sie ihm wirklich nicht gegenübertreten. Sie hoffte inständig, dass sie mit ihm reden konnte, ohne an ihren Traum zu denken. Sonst würde sie wahrscheinlich vor Scham im Boden versinken.
*
Einige Zeit später stand sie angezogen und gekämmt in der offenen Wohnküche der kleinen Hütte. Zum Glück konnte der Gasherd ohne Strom betrieben werden, sodass Julia immerhin einen heißen Tee und vielleicht später ein Rührei zubereiten konnte. Doch erstmal musste neues Holz her.
Neugierig schaute sie aus dem Fenster und versank einen Augenblick lang in der idyllischen Landschaft, die sich dahinter erstreckte. Der Sturm war offenbar weitergezogen und die Wolken ließen nun ein bisschen Sonne zu ihr durch. Sanfte Hügel, ein paar Kühe und ganz hinten am Horizont das Meer, beziehungsweise gerade das Watt, ergaben ein reizvolles Bild, vor allem im sanften Licht des frühen Morgens. Kurz verweilte sie an Ort und Stelle, dann wandte sie sich ab, zog ihre Jacke über und Schuhe an. Am Kachelofen stand ein Weidenkorb, aus dem sie vorhin die letzten Holzscheite genommen hatte. Ein bisschen war Julia stolz darauf, dass sie das Feuer erhalten hatte. Der würzige Geruch des Holzfeuers hatte etwas Heimeliges. Obwohl sie noch lange kein Profi im Umgang mit dem Ofen war, war sie zuversichtlich, dass sie diese Herausforderung in den nächsten Tagen ohne Hilfe meistern würde.
