SUBLEVEL 1: Zwischen Liebe und Leid - Sandra Hörger - E-Book

SUBLEVEL 1: Zwischen Liebe und Leid E-Book

Sandra Hörger

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Beschreibung

**Weil Liebe nur eine Antwort kennt** Lange hat Sunrise Garcia auf den Tag gewartet, der ihr Leben für immer verändern wird. Als sogenannte Hoffnungsträgerin steht sie kurz davor, sich einen Platz in der Oberschicht zu sichern. Ihr einziges Ziel: einen guten Beruf auszuüben und genug Geld zu verdienen, um ihre Familie aus der Armut des Sublevels, dem untersten Stockwerk des Raumschiffes, zu retten. Doch als sie dem Präsidentensohn Corvin Corvus begegnet, kann sie nur noch an seine sturmgrauen Augen denken. Aber Sunrise ist es verboten, ihren Gefühlen nachzugeben. Immerhin hängt die Zukunft ihrer gesamten Familie davon ab, dass sie einen kühlen Kopf bewahrt… Sandra Hörger bezaubert wortwörtlich mit einem beeindruckenden Romanuniversum und lädt den Leser zum Träumen und Schwärmen ein. //Alle Bände der romantischen »SUBLEVEL«-Reihe:  -- SUBLEVEL 1: Zwischen Liebe & Leid  -- SUBLEVEL 2: Zwischen Reue & Revolte  -- SUBLEVEL 3: Zwischen Ehre & Exil -- Die SUBLEVEL-Trilogie: Alle drei Bände in einer E-Box!// Diese Reihe ist abgeschlossen.

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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Sandra Hörger

SUBLEVEL 1: Zwischen Liebe und Leid

**Weil Liebe nur eine Antwort kennt**Lange hat Sunrise Garcia auf den Tag gewartet, der ihr Leben für immer verändern wird. Als sogenannte Hoffnungsträgerin steht sie kurz davor, sich einen Platz in der Oberschicht zu sichern. Ihr einziges Ziel: einen guten Beruf auszuüben und genug Geld zu verdienen, um ihre Familie aus der Armut des Sublevels, dem untersten Stockwerk des Raumschiffes, zu retten. Doch als sie dem Präsidentensohn Corvin Corvus begegnet, kann sie nur noch an seine sturmgrauen Augen denken. Aber Sunrise ist es verboten, ihren Gefühlen nachzugeben. Immerhin hängt die Zukunft ihrer gesamten Familie davon ab, dass sie einen kühlen Kopf bewahrt …

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Vita

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© Klaus Wiest

Sandra Hörger schlüpfte schon als Kind ständig durch die geheimen Portale ihrer Fantasie. Nach dem Magisterabschluss und vielen Jahren als Drehbuchautorin, kehrt sie nun mit ihren Romanen in die Welt ihrer Träume zurück. Im realen Leben wohnt sie mit ihrer Familie in München.  

CORVIN

»Es ist mir egal, wie viel Einfluss ihre Familie hat! Ich werde mein Leben nicht mit einem verwöhnten Miststück verbringen. Wir landen auf einem völlig verwilderten Planeten, Vater. Da kann ich mit so jemandem wie Cäcilia nichts anfangen!«

Wütend schleudert Corvin seine Serviette auf den Tisch. Kristall und Porzellan klirren. Der in das Geschirr eingeprägte Rabe, das Wappentier seiner Vorfahren, funkelt Corvin aus kalten Augen an – ebenso gefühllos wie der Mann, der an der Schmalseite der reich gedeckten Tafel thront. Präsident Lucius hat keinerlei Verständnis für die Empfindungen seines Sohnes.

»Salus populi suprema lex«, zitiert er.

Das Wohl des Volkes ist oberstes Gesetz.

Ein Stuhl fällt krachend zu Boden. Corvin ist aufgesprungen. Er kann die antiquierten Phrasen nicht mehr hören. Das gezierte Getue bringt sein Herz dazu, wie eine geballte Faust auf seine Rippen einzudreschen, und lässt seinen Magen rebellieren.

»Spar dir die Volksansprache. Dich kümmert das Gemeinwohl einen Dreck! Wenn du wirklich an andere denken würdest, dann würdest du alles dafür tun, dass die SPES-Mission gelingt. Ich kann Cäcilia nicht mitnehmen! Es geht nicht! Da draußen …«

Sein Finger stößt gegen das Fenster. Er weist in die Tiefen des Alls. Ins Nichts. Jenseits ihrer Raumstation erstrecken sich dreißig Gigaparsec mörderische Kälte und Finsternis, nur durchbrochen vom Schimmer lebensfeindlicher Sterne und tödlicher Strahlung.

Überlebenschancen ohne Ausrüstung: null.

Überlebenschancen mit der Ausrüstung, die an Bord des Erkundungsschiffes SPES zur Verfügung steht: unkalkulierbar.

Instinktiv schaltet Corvins Körper in den Energiesparmodus. Er senkt die Stimme. »Da draußen brauche ich eine echte Partnerin an meiner Seite.«

Mit verschränkten Armen lehnt sich der Präsident in seinem Stuhl zurück. Seine goldene Toga wirft Falten. Unwillkürlich muss Corvin an die Metallfolie denken, in die man unterkühlte Personen hüllt.

»Reside!«, zischt Lucius. »Setz dich!«

Der Befehl ist kalt genug, um jeden Widerstand einzufrieren. Doch die Tage, in denen Corvin aus Angst vor Strafe erstarrte, sind vorüber – spätestens seit er vergangene Nacht zum Kommandanten der SPES-Mission ernannt wurde. Anstatt zu gehorchen, verlässt er den Raum.

An der Ausgangstür eilt ihm Verus entgegen. Der glatzköpfige Diener hält Corvins Paradehelm und ein Paar schwere Stiefel in den Händen. Als er vor dem Sohn des Hauses auf die Knie sinkt, geschieht dies nicht nur aus Gründen der Ehrerbietung. Nach einem Wirbelbruch – von dem Corvin glaubt, dass eine Disziplinierungsmaßnahme von Lucius ihn verursacht hat – kann der Alte sich nur noch schwer bücken.

Sein körperliches Gebrechen hält Verus nicht davon ab, sich weiterhin jeden Tag mit den Riemen und Schnallen an Corvins Schuhwerk abzumühen. Der kurze Ankleidedienst ist wichtig für Corvin – und in gewisser Hinsicht auch für die ganze Station, für alle Bewohner von SPHAERA, die auf eine Veränderung hoffen. Während dieser einen Minute bietet sich die Gelegenheit, mit Lucius' Sohn unauffällig zu kommunizieren, ihn die Gedanken des einfachen Volkes wissen zu lassen, ihn zu trösten, zu warnen und ihm Mut zu machen. Auch jetzt hat Corvin den Eindruck, dass die altersdürren Finger länger als nötig auf seiner Wade ruhen. Er sieht hinab und findet sich bestätigt. Der Diener nickt kaum merklich.

Corvin tut die Zustimmung gut. »Danke«, flüstert er und lässt offen, ob er die Hilfe beim Ankleiden oder die seelische Unterstützung meint.

Verus lächelt. In der Zuversicht, die von dem alten Mann ausstrahlt, beginnen Corvins Schutzschilde zu bröckeln. Für die Dauer eines Blinzelns kommt zum Vorschein, was der Präsidentensohn vor allen anderen verbirgt: die Unsicherheit eines Neunzehnjährigen, der keine Ahnung hat, worauf er im Leben zusteuert, und dem man über Nacht die Verantwortung für neunzigtausend Menschen aufgebürdet hat. Dann hat er sich wieder unter Kontrolle. Er ergreift seinen Helm und schickt sich an, zu gehen.

Mit einem Wutschrei gebietet Präsident Lucius seinem Sohn Einhalt.

»Mane!«, brüllt er in herrischem Latein. »Bleib hier! Du gehst nicht zu diesem Interview, hörst du! Du bleibst hier!«

Corvin hält auf der Türschwelle an und versucht durchzuatmen. Sein Offiziersoverall, der sich wie eine glatte silberne Haut an jeden Muskel seines Körpers schmiegt, scheint sich in einen Stahlpanzer zu verwandeln. Der Druck auf seine Brust wird schier unerträglich. Es schnürt ihm die Luft ab. Das Abzeichen der Raumstation – ein Kranz goldener Sterne – spannt über seinem Bizeps und verrät den Fausthieb, den er liebend gern jemandem verpasst hätte, vorzugsweise seinem Vater.

Entschlossen stülpt sich Corvin den Helm über den goldgesträhnten braunen Schopf. Er trägt seine Haare viel zu lang. Schon seit Monaten ignoriert er Lucius' Befehl, sich einen korrekten Militärschnitt zuzulegen. Früher oder später wird sein Vater ihn dazu zwingen. Die Möglichkeiten, sich gegen den Präsidenten von SPHAERA aufzulehnen, sind begrenzt, auch wenn die Situation sich seit dem gestrigen Abend entschieden verbessert hat.

»Was sonst, Vater? Wenn ich jetzt gehe … Was willst du dagegen tun?«

Er spricht leise, dennoch hallt seine Herausforderung von den Wänden wider. Lucius überläuft ein Schauder. Die Härchen in seinem Nacken stellen sich auf, als stehe er im Einflussbereich eines impulsgeladenen Energiefeldes. Fast glaubt er, die Kraft, die sein Sohn ausstrahlt, physisch sehen zu können.

Was soll er gegen den Jungen noch ausrichten? Wie soll er ihn dorthin steuern, wo er ihn haben will?

Lucius sagt nichts. Ihm fällt nichts ein.

Reglos steht Corvin in der Lichtschranke der geöffneten Tür. »Du hast sonst niemanden, der deinen Namen trägt, Vater. Du hast nur mich.«

Es ist eine Feststellung und zugleich die wirksamste Drohung, die Lucius' Stammhalter formulieren kann. Sollte er sich weigern, die SPES zu fliegen, so würde eine andere Senatorenfamilie die Leitung der Mission übernehmen – und die damit verbundene Ehre und Macht fielen statt Lucius einem anderen Patriarchen zu.

Unfähig, seinen Filius aufzuhalten, beschränkt Lucius sich darauf, ihn zu warnen.

»Du machst einen Fehler.«

Corvin stößt ein sarkastisches Schnauben aus.

Fehler? Welchen Fehler soll er schon machen? Sich die falsche Frau nehmen? Und wenn schon! Schlimmer – ungeeigneter – als Cäcilia kann keine sein.

Mindestens ein Dutzend Mal hat er alle Argumente, das Für und Wider, durchgespielt. Das Ergebnis ist jedes Mal dasselbe, und es hat nichts mit seiner persönlichen Abneigung gegen Cäcilia zu tun. Bei der Wahl seiner Partnerin geht es um rein pragmatische Überlegungen. Gefühle spielen keine Rolle. Er hat noch nie etwas empfunden, egal mit welchem Mädchen er zusammen gewesen ist. Lust? Ja, das schon. Verlangen? Durchaus. Aber Liebe? Wie fühlt sich das an? Macht es einen wirklich wirr im Kopf? Bringt es das Herz zum Rasen?

Nun, dann liebt er seinen Vater wohl doch, und vielleicht hat dieser tatsächlich recht. Um Corvins Bedürfnisse als Mann zu befriedigen, reicht Cäcilia völlig aus. Zwei lange Beine, zwei perfekt geformte Brüste, und wenn es darauf ankommt, schließt sie die Augen, was ihn der Notwendigkeit enthebt, in zwei glasige, ausdruckslose Murmeln zu starren, in denen er nichts als sein eigenes Spiegelbild sieht.

RISE

Unsere Wohnung hat sieben Schlafzimmer – in einem Raum. Nein, ich wohne nicht im Domizil des Präsidenten. Zwanzig Quadratmeter Wohnfläche kann man nicht ›Domizil‹ nennen, ebenso wenig wie man das harte Ding, auf dem ich jeden meiner Knochen spüre, als Bett bezeichnen kann.

Ich liege auf einer schmalen Bodenmatratze, die jetzt, um N–3, drei Stunden vor der Nachtabschaltung, eigentlich als Sofa dienen sollte. Dass ich sie als Bett benutze, signalisiert der aus Stofffetzen zusammengenähte Vorhang, der dieser Ecke ein wenig Intimität verleiht. Ohne den Sichtschutz wandelt sich die Matratze zur allgemeinen Sitzgelegenheit, durch den aufgehängten Flickenvorhang wird sie zur persönlichen Schlafstätte, so einfach ist das.

N-2:56. Der in die schmucklose Kunststoffverkleidung der Wand eingelassene Zeitanzeiger zählt der Stunde null entgegen.

Nicht mehr lange. Halt durch, Rise. Noch knapp drei Stunden, dann hast du's hinter dir.

Ein Knistern folgt meiner Bewegung, als ich mich zur Seite wälze. Ich schwitze. Nicht nur, weil man das auf Matratzen, die aus Recyclingfolien und geschreddertem Plastikmüll bestehen, immer tut, sondern auch, weil der entscheidende Moment näher rückt. Der Abschied.

Ein letztes Mal steht mir der Spießrutenlauf entlang der hoffnungsvollen Gesichter bevor. Mindestens eines von ihnen wird nicht mehr da sein, wenn ich in zehn Monaten zurückkehre. Egal wie sehr ich mich abhetze und anstrenge, ich werde es nicht schaffen, alle Mitglieder meiner Familie zu retten.

»Kchck! Kchck!«

Ein kehliges Husten nähert sich draußen auf dem Gang. Eve braucht nicht anzuklopfen. Man hört sie von Weitem.

Meine Mutter öffnet die Wohnungstür.

»Welkam«, grüßt sie im Sublevel-Slang – einem grammatikarmen Kauderwelsch, das schon auf der Erde den Massen zur Verständigung diente. Der Willkommensgruß weht den Gästen zusammen mit dem Festtagsduft von frisch geschmortem Fleisch entgegen. Mein Magen verkrampft sich, Übelkeit verätzt mir die Kehle.

Hinter Eve tritt ihr Mann Thank ins Apartment, gefolgt von den drei Söhnen. Aus dem allseitigen »Welkam«-Gemurmel sticht eine Stimme heraus – nicht wie eine geschliffene Stahlklinge, eher wie ein rostiger Nagel, in den ich mit bloßem Fuß trete. Ich zucke zusammen.

Die Stimme gehört Agri.

Meinem Verlobten.

Ich wünschte, ich könnte den Vorhang in eine Wand verwandeln, hinter der ich unerreichbar bleibe.

Unantastbar.

Der dünne Flickenstoff bewegt sich im Luftzug, als immer mehr Gäste den stickigen Raum zu füllen beginnen. Noch schützt mich das Tuch vor ihren Blicken.

N-2:41. Nicht mehr lange.

»Klinap, pliz. Itstaim«, bittet meine Mutter jenseits des Vorhangs. Ihre Aufforderung gilt meinen beiden kleinen Geschwistern. Sie sollen aufhören zu spielen, wir werden bald essen. Der sechsjährige Light und die zwei Jahre ältere Life sitzen auf dem Boden. Sie konstruieren Türme und Brücken, Meisterwerke der Statik, wenn man bedenkt, dass als Baumaterial nur ein Sammelsurium aus zerkratzten Blechnäpfen und Tassen zur Verfügung steht.

Unser Essgeschirr.

Light jammert. Dieses Mal nützt ihm sein Betteln nichts. Heute kann … heute darf unsere Mutter nicht nachgeben. Ich erwarte, dass mein Bruder einen Wutanfall bekommt, stattdessen höre ich ihn lachen. Wahrscheinlich ist Life dazu übergegangen, eines ihrer berühmten Schmusetiere zu knoten. Sie kann absolut jedes Stück Stoff in ein knuffiges Fantasiewesen verwandeln.

Ich denke an den grauen Sockenbären, den sie mir vor zwei Jahren mitgegeben hat, und daran, wie meine Freundin Miriam wissen wollte, ob wir da unten denn kein echtes Spielzeug kennen. Miriam stammt von Ebene -8, aus der Nutztierhaltung. Guter, solider Mittellevel. Sie hat keine Ahnung. Meine Geschwister kennen Spielzeug. Viel zu gut. Sie halten die neuesten Erzeugnisse der Spielwarenindustrie in Händen, noch bevor diese überhaupt auf den Markt kommen. In den Fertigungshallen kleben, schrauben und nähen sie den ganzen Kram zusammen, der für die Oberen gedacht ist – für die Leute unter der Kuppel.

Draußen mehren sich die Stimmen. Nach und nach trifft die ganze bucklige Verwandtschaft ein. Warum sagt man das eigentlich so? Bucklige Verwandtschaft? In meinem Fall stimmt es jedenfalls. Sie schuften sich alle krumm; sie arbeiten sich kaputt, damit ich mir das Ticket hier raus leisten kann …

Die Begrüßungen werden spärlicher. Unsere Gäste fangen an, sich zu unterhalten. Über mich. Worüber auch sonst?

Unaufhaltsam wie die Abwässer in den Fallrohren plätschern die Worte dahin. Das leise Murmeln schwillt zu einem Rauschen an. Ich gehe in all den Erwartungen, in den Mutmaßungen und Befürchtungen unter. Mein Brustkorb wird eng, zu eng, um zu atmen. Keine Luft! Ich bekomme keine Luft mehr!

Mit letzter Kraft klammere ich mich an ein Lachen, das meine Cousine Shine draußen bei den anderen von sich gibt.

Sie weiß noch nicht, was sie erwartet.

Sie ist erst sechs.

Ich bin siebzehn.

Der Vorhang wird ein wenig zur Seite geschoben. Meine Mutter streckt ihren Kopf herein. Ich blicke in das Gesicht, das meinem auf erschreckende Weise ähnelt: der gleiche goldbraun schimmernde Teint, die gleichen großen, dunklen Augen unter langen Wimpern. Lediglich die vom Alter faltige Haut und die silbernen Strähnen in ihrem schwarzen Haar unterscheiden uns.

Mom ist ich in alt, nach sechs Kindern von einem Mann, den sie nie geliebt hat. Wenigstens das wird mir erspart bleiben. Ich darf keine Kinder bekommen.

Liebe …

Wie fühlt es sich an, mit jemandem zusammen zu sein, den man liebt? Schmetterlinge im Bauch … Diese Vorstellung bleibt abstrakt. Ich habe noch nie einen echten Schmetterling gesehen. Niemand von uns hat das. Schmetterlinge gibt es nicht mehr.

Meine Mutter geht in die Hocke und streicht mir über den Kopf. Man könnte fast denken, die Berührung meine mich. Ich mache mir nichts vor. Wahrscheinlich bringt sie nur meine Frisur in Ordnung, denn meine Haare sind durch das Hin- und Herwälzen auf der Matratze elektrostatisch aufgeladen.

Kaum jemand aus meiner Familie sieht mich noch als eigenständiges, fühlendes Wesen. Das, was mich als Person ausmachte, wurde ausgelöscht, als man mich vor elf Jahren zur Hoffnungsträgerin bestimmte. Ich habe keine Träume. Keine Wünsche. Ich bin zwei Dutzend Träume – die verkörperte Zukunftsvision der dreiundzwanzig Menschen, die sich inzwischen in unserem Ein-Raum-Apartment versammelt haben. Schwitzende, schwatzende Leiber. Sie hocken dicht an dicht auf den Matratzen und auf dem Boden. Heute haben alle früher mit der Arbeit aufgehört. Morgen werden sie wieder schuften.

Ich nicht.

Ich steige heute Nacht in den VT, in den Vertikaltransporter.

Habe ich Glück gehabt?

Wenn ich Light und Life, Hope, Bloom und die anderen Kinder und Jugendlichen aus meiner Sippe sehe, bin ich mir nicht sicher. Ihr Leben ist eintönig und mühsam, doch es gehört wenigstens ihnen. Ich lebe nur für andere.

Ich bin auserwählt.

Meine Hand ballt sich um den Flickenvorhang zur Faust, dann ziehe ich das Tuch mit einem Ruck beiseite. Es fühlt sich an, als reiße ich mir jeden Fetzen Stoff vom Leib. Ich fühle mich nackt, entblößt bis auf die Knochen. Und dabei habe ich die schönste Kleidung an, die man derzeit hier unten bekommen kann: eine fast neue, dunkelblaue Retro-Jeans und ein Shirt, dessen strahlendes Weiß geradezu hinausschreit, dass es noch nie zuvor getragen wurde.

Stille empfängt mich. Alle starren mich an. Dann breitet sich ein Lächeln auf ihren Gesichtern aus. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.

»Kchck! Kchck!«

Eve kann ihr Husten nicht unterdrücken. Das harsche Geräusch bringt uns allen zu Bewusstsein, dass unsere Zeit abläuft. Als das geschäftige Reden und Rascheln, das Klirren der Münzen und das monotone Plop, Plop, Plop, mit dem die Geldstücke in die vorbereiteten Plastikröhren fallen, von Neuem einsetzt, bin ich direkt erleichtert.

Sozialkundler nennen die Zusammenkunft, die stattfindet, kurz bevor ein Hoffnungsträger zum VT eskortiert wird, dasFest. Blödsinn! Es mag vielleicht aussehen, als feierten wir, doch wir tun es nicht. Feiern verschwendet Ressourcen. Hier im Sublevel verschwendet man nichts. Keinen Atemzug. Meine Verwandten versammeln sich nicht, um zu feiern. Sie kommen aus einem anderen Grund.

Geld.

Dieses Jahr wird ein Großteil des Betrages, den meine Sippe zusammengespart hat, von meinem Onkel Sky einkassiert und nicht von meinem Vater. Nichtsdestotrotz hilft mein Vater so eifrig mit, als habe man ihn aufgefordert, sich für all die Jahre, die man ihn unterstützt hat, an einem einzigen Abend zu revanchieren.

Bislang bin ich die Einzige von unserer Familie, die schreiben und lesen kann, aber nun wird auch meine Cousine Shine die Schule besuchen. Dass zwei Kinder einer Sublevel-Sippe gleichzeitig in den Ausbildungslevel aufsteigen, das gibt es normalerweise nicht und das können wir uns auch nur deshalb leisten, weil ich für mein Abschlussjahr ein Stipendium erhalten habe.

Beste meines Jahrgangs. Das ist eine Sensation. Sublevler rangieren so gut wie nie unter den Besten. Wie auch? Unsere Mitschüler aus der Oberschicht werden schon im Krabbelalter auf Höchstleistung gedrillt. Ihr Vorsprung ist nicht einzuholen.

Ich habe es dennoch geschafft. Ich habe die Hoffnungen, die in mich gesetzt werden, weitgehend erfüllt. Jetzt muss ich nur noch das Abitur mit dem erforderlichen Notendurchschnitt absolvieren, das anschließende Studium summa cum laude abschließen und eine lukrative Anstellung ergattern. Ich muss Karriere machen, viel Geld verdienen – und dann all meinen Verwandten ein besseres Leben finanzieren. Das ist der Plan. Dafür haben alle erbittert gespart.

Dad und Onkel Sky, die beide in der Mülltrennung arbeiten, sortieren den Haufen Münzen, der vor ihnen liegt, im Akkord. Je hundert passen in ein Plastikröhrchen. Plop, plop, plop. Die pyritgoldenen Werteinheiten fallen in die gelb getönten Röhren, die kupfernen in die roten und die aluminiumsilbernen in die grauen. Wir können den Aufstieg in den Ausbildungslevel und die Unterbringung im Internat nicht mit einem Sack kunterbunter Münzen bezahlen. Am Ticketschalter des Vertikaltransporters nehmen sie das Geld nur vorsortiert.

Geld.

Das ist das Wichtigste. Darum dreht sich alles.

Mit etwas mehr Geld würde Eve sich nicht zu Tode husten, wir hätten genug zu essen und müssten uns hier nicht zusammendrängen wie Bakterien auf einer infizierten Wunde. Mit dem nötigen Geld könnten wir ein zweites Zimmer bekommen. Zur Miete. Auf einer Raumstation gibt es keinen Grundbesitz. Nun, zumindest nicht für uns, die wir auf den unteren Ebenen hausen. Wer weiß schon, wie es unter der Kuppel aussieht, im Domizil der Reichen?

Angeblich existieren dort oben sogar ein kleiner Wald und ein Trinkwassersee. Denkbar wäre es. Die Leute im Mittellevel züchten Nutzpflanzen und -tiere. Wer sagt denn, dass die Reichen sich nicht zum Vergnügen ein wenig Natur gönnen? Sie schwelgen gerne in Erinnerungen an die gute alte Erde, die sie mit ihren Machtkämpfen vernichtet haben.

Ich starre auf das handzettelgroße Bildnis des Präsidenten Lucius, das über meiner Matratze an der Wand klebt. Ich habe es von einer Bürgerversammlung mitgebracht. Auf dem Digitalstreifen im unteren Drittel kann man Bemerkungen und Beschwerden abspeichern, die dann in der Zentralbehörde ausgewertet werden. Nicht, dass ich politisch besonders interessiert wäre. In Wahrheit blicke ich auf den Jungen, auf dessen Schulter die kräftige, von Siegel- und Amtsringen schwere Hand des Vaters ruht.

Corvin Corvus.

Wir sind uns nie begegnet. Werden wir auch nie. Aber etwas in seinen titangrauen Augen zieht mich unweigerlich an. Ich habe das Gefühl, auf die Außenhülle eines Weltraumgleiters zu blicken, in dessen Innerem sich ein ganz besonderer Mensch verbirgt – ein Mann, der es gewohnt ist, Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung dafür zu tragen. Der jüngste Kommandant in der Geschichte SPHAERAS. Manchmal träume ich davon, dass er mich auf seinen Radar bekommt. Dass er mich zu sich ins Cockpit beamt und, ohne zu fragen, einfach beschleunigt. Mit Maximalgeschwindigkeit ins Ungewisse. In die Freiheit.

Dann blinzle ich und sehe die Dinge wieder, wie sie sind. Mein Traumbild ist nichts weiter als ein Propagandazettel, wie er vor jeder Wahl zu Tausenden unter die Bevölkerung gestreut wird. Ich bin eine unter Tausenden. Gesichtslos reihe ich mich in die Masse ein – eine kleine, graue Noppe im kilometerlangen Bodenbelag unter Corvins Stiefeln.

DIE ANKÜNDIGUNG

N-1:27. Nur noch knapp eineinhalb Stunden bis zur Nachtabschaltung. Wir sind spät dran mit dem Essen. Ich würde unser Festmahl ohnehin nicht genießen, aber all die anderen in meiner Familie… Wann finden sie in ihren Schüsseln denn schon INE, identifizierbare Nahrungseinheiten?

Normalerweise schlingen wir nur den traditionellen Sublevel-Eintopf hinab, einen bräunlichen Brei aus Speiseresten. Heute nicht. Bei unserem diesjährigen Abschiedsessen sind sogar die Originallebensmittel zu erkennen. Ein paar von den Reichen haben gestern wohl ausgiebig gefeiert. Wenn nach einer ihrer Partys das abgeräumte Buffet in die Abfallverwertung wandert, dann gibt es auch hier unten Delikatessen zu kaufen.

Wir im Sublevel verwerten alles. Davon leben wir. Meine Leute schuften in der Mülltrennung, in den Recyclingfabriken oder den Fertigungshallen. Sie rackern sich ab, bis sie tot umfallen.

Appetitlos stochere ich in meiner Schüssel herum, zerhacke und zermansche das große Kartoffelstück, das auf dem Weg zu uns wie durch ein Wunder heil geblieben ist.

Ich glaube nicht an Wunder. Nicht mehr.

Meine kleine Cousine will wissen, was sie sich auf den Löffel lädt. Ihre Augen glänzen– groß, rund und dunkel wie die Fettaugen in der Bratensoße.

»Wots sät?«, fragt sie neugierig.

Ich kenne die Lebensmittel. Ich weiß, wie sie aussehen, bevor sie durch den Müllschacht in die Tiefe fallen. Ich deute auf die dicken, orangeroten Scheiben und die Fleischstücke und gebe den Dingen die passenden Namen. Meine Mutter hat es irgendwie geschafft, Karottengemüse und Schweinenacken zu ergattern.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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