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**Weil Liebe über alles siegt** Öffentlich für tot erklärt, sieht Sunrise keinen Ausweg mehr. Verwundet und orientierungslos befindet sie sich nun in einem unbekannten Stockwerk des Sublevels. Umringt von völliger Dunkelheit nimmt ihre Verzweiflung zunehmend überhand, bis Sunrise durch einen Schlag auf den Kopf plötzlich ihr Bewusstsein verliert. Das ist der Moment, der alles verändert. Denn die darauffolgenden Ereignisse geben der geschundenen Hoffnungsträgerin endlich die Möglichkeit, hinter die Machenschaften des Präsidenten zu kommen und die Menschen aus dem Sublevel zu befreien. Doch ob die Liebe zwischen ihr und Corvin eine weitere Chance bekommt, wird sich erst noch zeigen… //Alle Bände der romantischen »SUBLEVEL«-Reihe: -- SUBLEVEL 1: Zwischen Liebe & Leid -- SUBLEVEL 2: Zwischen Reue & Revolte -- SUBLEVEL 3: Zwischen Ehre & Exil -- Die SUBLEVEL-Trilogie: Alle drei Bände in einer E-Box!// Diese Reihe ist abgeschlossen.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Sandra Hörger
SUBLEVEL 3: Zwischen Ehre und Exil
**Weil Liebe über alles siegt** Öffentlich für tot erklärt, sieht Sunrise keinen Ausweg mehr. Verwundet und orientierungslos befindet sie sich nun in einem unbekannten Stockwerk des Sublevels. Umringt von völliger Dunkelheit nimmt ihre Verzweiflung zunehmend überhand, bis Sunrise durch einen Schlag auf den Kopf plötzlich ihr Bewusstsein verliert. Das ist der Moment, der alles verändert. Denn die darauffolgenden Ereignisse geben der geschundenen Hoffnungsträgerin endlich die Möglichkeit, hinter die Machenschaften des Präsidenten zu kommen und die Menschen aus dem Sublevel zu befreien. Doch ob die Liebe zwischen ihr und Corvin eine weitere Chance bekommt, wird sich erst noch zeigen …
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Vita
Danksagung
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© Klaus Wiest
Sandra Hörger schlüpfte schon als Kind ständig durch die geheimen Portale ihrer Fantasie. Nach dem Magisterabschluss und vielen Jahren als Drehbuchautorin, kehrt sie nun mit ihren Romanen in die Welt ihrer Träume zurück. Im realen Leben wohnt sie mit ihrer Familie in München.
Mit einem leisen Zischen schließt sich die Todesschleuse hinter mir. Ich bin meiner Hinrichtung entronnen und frage mich, ob das, was mich nun erwartet, nicht vielleicht sogar noch schlimmer ist als die Verbannung ins All. Minus 270 Grad Weltraumtemperatur hätten mich auf einen Schlag schockgefroren. Die Eiseskälte hingegen, die von meiner Retterin ausstrahlt, kriecht quälend langsam in meine Knochen. Ich spüre, wie sich mein pochendes Herz in einen stechenden Eiszapfen verwandelt.
»Qua de causa?«, will ich wissen.
Aus welchem Grund hat mich Hera – die Gattin des Mannes, der mich zum Tode verurteilt hat – im letzten Moment herausgeholt?
Meine Retterin wendet sich ab und gleitet vor mir her wie ein Geist. Keine Regung bringt ihre weiße Robe zum Wallen, während ihre Füße fest auf einem Lamina-Schwebebrett stehen.
»Wir wissen nicht, in welcher Verfassung Corvin sein wird, wenn er aus dem Koma aufwacht. Es könnte sein, dass wir dich benötigen, um seine Psyche zu stabilisieren. Omnia sanat amor.«
Die Liebe heilt alle Wunden.
Ich bin mir ziemlich sicher, das Zitat lautet im Original: Die Zeit heilt alle Wunden. Allerdings wundert es mich kaum, dass Präsident Lucius auf die Zeit nicht mehr vertrauen will. Nachdem er in der vergangenen Nacht die SPES hat abschießen lassen, manifestiert sich Zeit für uns nur noch als Countdown, der unserem sicheren Ende entgegenzählt. Unsere einzige Hoffnung, das Raumschiff, mit dem wir die Evakuierung unserer auseinanderbrechenden Weltraumstation hätten einleiten können, ist zerstört.
Oder nicht?
Hera lächelt kalt. Sie weiß etwas, das ich nicht weiß. Etwas, das mit Corvin zu tun hat und wofür sie ihn bei klarem Verstand haben möchte.
Das Pochen in meiner Brust setzt wieder ein, heftiger als zuvor. Es erinnert mich daran, dass ich noch lebe und dass der Mann, den ich liebe, seinen Herzschlag derzeit einer lebenserhaltenden Maschine verdankt.
»Darf … darf ich zu ihm?«
Für mich ist das die einzig logische Schlussfolgerung, wenn ich zu Corvins Genesung beitragen soll. Hera aber sieht mich an, als habe ich den dümmsten aller möglichen Sätze von mir gegeben.
»Dixi valetudinem eius nobis ignotam esse. Ich sagte dir doch, wir wissen nicht, in welcher Verfassung er sich befinden wird, wenn er aufwacht.«
Soll heißen: Es kann sein, dass sie mich gar nicht brauchen, weil Corvin auch ohne meine seelische Unterstützung wieder auf die Beine kommt. In diesem Fall werden sie meine Hinrichtung nachholen – ohne dass ich ihn zuvor noch einmal wiedergesehen habe.
Ich grüble noch, ob es sich wohl lohnt, zu fragen, wohin wir unterwegs sind, da zwingt mich ein nahezu unsichtbares Hindernis, abrupt stehen zu bleiben.
Vor mir parkt ein verspiegelter V-Gleiter. Der Einstieg öffnet sich von selbst, als Hera das Gefährt berührt. Augenscheinlich plant die Präsidentengattin, mich höchstpersönlich zu chauffieren.
Wenn unsere Prinzipalin die Anstrengung auf sich nimmt, meinen Fahrer und den Handlanger ihres Mannes zu spielen, unterliegt meine Befreiung der höchsten Geheimhaltungsstufe. Oder Lucius gehen allmählich die verlässlichen Henkersknechte aus. Letzteres vermutlich. So erbarmungslos wie er nicht nur die unfreiwilligen, sondern auch die willfährigen Augenzeugen seiner Untaten beseitigt, dürfte er bald keine Leute mehr haben, die für ihn die Drecksarbeit erledigen.
Ich zwänge mich in den v-förmigen Bug des Gleiters. Die Einstiegsluke verriegelt sich und schließt mich in Heras widerlich dominanten Parfümduft ein. Ein Kratzen steigt in meiner Kehle auf.
»Was … was wollt ihr der Bevölkerung sagen? Wie wollt ihr erklären, warum es keine Hinrichtung gibt?«
»Oh, es wird eine Hinrichtung geben. Ein Spektakel noch dazu. Terror sceleris cunctis poena illustretur!«, zitiert sie einen Grundsatz des amtierenden Staatsrichters Auriga. Das Grauen der Tat möge allen durch die Strafe veranschaulicht werden.
Fast genüsslich schildert sie mir den Showteil des Planes: »Dir – beziehungsweise der Person, die an deiner Stelle ins All verbannt werden wird – wurde ein Raumanzug zugestanden. Die Delinquentin wird den Sternenanzug tragen, den Corvin bei dem Attentat anhatte.«
Das Hinrichtungsopfer wird nicht schockgefrostet werden. Es wird keinen gnädigen, schnellen Tod erleiden. Die Sauerstoff- und Stromversorgung des Sternenanzugs wird nach und nach versagen. Wer auch immer statt meiner exekutiert werden wird, ihn oder sie erwartet ein einsames, sich über Stunden der Todesangst hinziehendes Sterben irgendwo in der Unendlichkeit des Weltraums … grausam und wirkungsvoll. Niemand wird hinter das strahlungsabweisend beschichtete Visier des Helmes blicken und niemand wird infrage stellen, ob es sich bei der hingerichteten Person tatsächlich um Sunrise Garcia handelt. Es genügt, wenn unser Staatsoberhaupt und die Moderatorin der wichtigsten meinungsbildenden Live-Sendung dies zweifelsfrei behaupten.
Hera steuert den verspiegelten Gleiter ins Areal des Vertikaltransporters. Sie hält erst an, als die Bugspitze unseres Gefährts beinahe gegen die geschlossenen Türen des Aufzugs stößt. Sofort erscheint die Zuordnung ›Sonderfahrt‹ im Display.
Hier und da ist ein leises Murren unter den wartenden Fahrgästen zu hören. Doch keiner wagt es, sich offen über die Zurücksetzung zu beschweren. Verspiegelte Gleiter werden nur bei wichtigen Einsätzen der EXSEC oder bei geheimen Unternehmungen der SANITAS gefahren – und kein Mensch ist so dumm, sich den Organen des Staatsschutzes in den Weg zu stellen.
Auf dem großen Projektionsbildschirm im Warteraum läuft SPHAERA AD PUNCTUM. Ich sehe meiner eigenen Hinrichtung zu.
Die Delinquentin hämmert mit beiden Fäusten gegen das Sichtfenster der inneren Schleuse. Schreit sie um Hilfe? Durch den Helm und die hermetisch verschlossene Tür ist nichts zu hören. Orchestrale Klänge füllen die Stille. Der Frau, die gleich sterben wird, ist es nicht gestattet, ein paar letzte Worte zu äußern.
Woher weiß ich, dass es sich um eine Frau handelt? Anhand ihrer Bewegungen? Aufgrund ihrer Figur? Wohl kaum. Der Sternenanzug mit seinen breiten Schultern und der weiten, an die Weltraumstiefel angedockten Hose ist viel zu klobig, um solche Feinheiten zu erkennen.
Das Hinrichtungsopfer versucht vergeblich, das arretierte Spiegelvisier hochzuklappen oder den fest mit dem Anzug verschraubten Helm abzusetzen. Sie ist nicht ich. Wenn sie das beweisen könnte … würde sich auch nichts ändern. Sie wird in jedem Fall sterben. Lucius lässt niemanden am Leben, der gegen ihn aussagen könnte.
Mein Herz hämmert qualvoll. Gleich wird ein unschuldiger Mensch sein Leben verlieren. Meinetwegen. Ein scharfzahniges, nagendes Gefühl von Schuld reißt an meiner Seele.
Die Todesschleuse öffnet sich. Der Sog des Nichts – das Vakuum – zieht die Unbekannte ins All.
Schreie ich?
»Tace! Schweig!«, herrscht Hera mich an.
Vor unserem Gleiter öffnen sich die Türen des Vertikaltransporters. Mit einem kurzen Antriebsschub schweben wir in die Kabine. Ich vergrabe den Kopf in den Armen und konzentriere mich aufs Atmen. Es fühlt sich an, als wäre ein Teil von mir mit der Fremden ins All gerissen worden.
Was, wenn sie keine Fremde war?
Miriam …?
Nein!
Warum sollte Lucius meine Freundin umbringen? Ihr Verschwinden würde bemerkt werden! Es muss jemand sein, der im Oberlevel keine Verwandten und keine Freunde hat, die Nachforschungen anstellen könnten.
Meine ältere Schwester? Meine Mutter?
Von Panik getrieben, will ich nachhaken, doch unterlasse es, um Hera gar nicht erst auf den Gedanken zu bringen. Lucius hat im Moment jede Menge andere Dinge zu regeln. Wenn wir Glück haben, hat er sich noch nicht damit befasst, was nun aus meinen Angehörigen wird: ob er sie lediglich in den Sublevel zurückverbannt oder sie gleich ins All hinauswirft.
Sie könnten alle sterben.
Ich zittere. Angst nistet sich in mir ein wie ein Virus, der mir kalten Schweiß aus allen Poren treibt. Schüttelfrost setzt ein. Mein Denken gefriert zu einem leblosen Weiß – passend zu der Umgebung, in der ich mich wiederfinde, als ich durch die Fenster des Gleiters nach draußen schaue.
Alles steril weiß, stahlgrau oder grün.
Das Grün stammt nicht von einem Stück Natur, nicht mal von den projizierten Pflanzen einer Holo-Dekoration. Es kommt von den klinischen Utensilien eines OP-Raumes.
Hat Hera mich etwa doch in die Klinik gebracht? Bin ich in Corvins Nähe?
Unser V-Gleiter hält mitten im Raum an. Bei einer ehemaligen Todeskandidatin wird wohl nicht besonders viel Wert auf ein keimfreies Umfeld gelegt.
Hera entriegelt die Seitentür des Gleiters. »Exi!«
Auch wenn es nur darum geht auszusteigen, der Befehl hat für mich den Beiklang von Tod. Exitus. Dennoch gehorche ich. Ich ziehe die Beine aus dem vorne spitz zulaufenden Bug, in den sie während der Fahrt eingezwängt waren, und klettere aus dem Fahrzeug.
»Muta vestem!«
Ich soll mich umziehen?
Der Rest der Anweisung folgt in einer herrischen Geste. Ich blicke zu dem kleinen Häufchen Stoff, auf das sie zeigt. Auf dem OP-Tisch liegt ein Patientenkittel.
Was haben sie mit mir vor?
Mein Puls beginnt zu rasen, als würde ich aus voller Kraft rennen. Fliehen! … Wohin? Zu wem? Wer könnte mich verstecken? Sinnlos, darüber nachzudenken. Wahrscheinlich käme ich nicht einmal durch die geschlossene Tür dieses Raumes.
Schweigend tue ich, was Hera verlangt. Ich ziehe meine Kleider aus, streife den Klinikkittel über und lasse meine langen schwarzen Haare komplett unter dem grünen Vlies der OP-Haube verschwinden. Als die Präsidentengattin mir die Anweisung gibt, mich auf den Operationstisch zu legen, tue ich auch das widerstandslos. Heras manikürter Zeigefinger vollführt eine Kreisbewegung, die ich zunächst nicht deuten kann, dann aber dahingehend interpretiere, dass ich mich auf den Bauch drehen soll. Widerstrebend gehorche ich. Mein Kopf verschwindet in einer Aussparung, die genau mein Gesicht aufnimmt.
Magnetfesseln legen sich um meine Handgelenke und um meine Knöchel. Die Präsidentengattin befestigt sie mit einer erschreckenden Souveränität, als fixiere sie jeden Tag irgendwelche Mädchen an einem OP-Tisch.
Das blanke Metall ist eiskalt, ebenso wie Heras Stimme. »Nunc est tacendum! Kein Wort! Kein Laut! Der Medicus erledigt seinen Job und verschwindet dann wieder zu seiner Familie. Insofern er dich nicht erkennt. Sollte er dich erkennen …«
… wird er ebenfalls verschwinden, allerdings wird er danach nie wiederauftauchen.
»Wäre bedauerlich«, fährt sie fort. »Neurochirurgen sind rar.«
Sie weiß, wovon sie spricht. Diesen Fachkräftemangel hat ihr eigener Mann verschuldet, indem er Professor Litores und dessen komplettes Assistenzteam beseitigt hat.
»Equidem meam identitatem non prodam«, versichere ich ihr. Ich werde mich nicht zu erkennen geben. Sie kann sich darauf verlassen. Unter keinen Umständen will ich am Tod eines weiteren Menschen schuld sein.
Die Frau unseres Staatsoberhauptes nimmt grüne Tücher vom Stapel und breitet sie über mich. Sie bedeckt mich fast ganz. Nur am Nacken – zwischen dem Tuch, das über meinem Kopf liegt, und dem Laken, unter dem der Rest meines Körpers verborgen ist – bleiben ein paar Zentimeter frei. Ein steter kühler Luftzug aus der Klimaanlage streicht über den Streifen entblößter Haut in meinem Genick. Schaudernd verkrampfe ich mich.
Tschsch. Die Tür des OP-Raumes öffnet sich im selben Moment, in dem der Gleiter surrend abhebt. Hera lässt mich allein. An ihre Stelle tritt ein Fremder. Ein Mann. Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich seine Schuhe. Sie schimmern metallisch. Gewisse Legierungen wirken keimabtötend.
Ein Sprühstrahl trifft mich kalt im Genick. Rinnsale fließen rechts und links meinen Hals entlang und tropfen zu Boden. Die klare Flüssigkeit riecht wie eine Mischung aus hochprozentigem Alkohol und Toilettenreiniger. Weshalb wird mein Nacken desinfiziert? Oder war das etwa eine örtliche Betäubung?
Falls ja, so wirkt sie nicht richtig. Etwas setzt in der Mitte meines Nackens an. Es positioniert sich dort, wo die Wirbelsäule in den Schädel übergeht und sich Rückenmark und Gehirn zum zentralen Nervensystem verbinden. Ich weiß nicht, ob ich eine Gluthitze oder eher so etwas wie Frostbrand spüre, ich weiß nur, dass es wehtut. Und doch ist dieser diffuse Schmerz nichts im Vergleich zu dem ruckartigen Einstich, der folgt. Einstich? Nein. Es handelt sich wohl eher um ein Einstanzen! Was der Arzt mir soeben ins Fleisch gerammt hat, war mit Sicherheit keine Nadel, es muss ein dünnes Rohr gewesen sein.
Schmerz schießt durch alle Nervenstränge in jeden Winkel meines Körpers, breitet sich mit Dutzenden von Tentakeln in meinem Schädel aus. Ich schreie gellend. Nicht einmal ich erkenne meine Stimme wieder. Sie ist verzerrt, als hätte man sie durch einen Vocoder gejagt. Nur einen Augenblick später verliere ich die Besinnung.
***
Ein Luftzug streift die feinen, nach dem chirurgischen Eingriff hyperempfindlichen Härchen in meinem Nacken. Mein Gleichgewichtssinn meldet, dass ich mich noch immer in der Horizontalen befinde. Ich öffne die Lider. Durch die Aussparung im Operationstisch blicke ich auf zwei verschwommene Farbflächen: Grün auf Weiß. Grüne Tücher auf weißem Grund. Die OP-Laken, mit denen ich zugedeckt gewesen war, sind herabgerutscht und liegen nun auf dem Boden.
Das erklärt zumindest, warum ich friere. Ich trage nur das dünne OP-Hemd und die Metallfesseln am Leib. Wenigstens wurde der Magnetmechanismus inzwischen deaktiviert. Ich kann meine Gliedmaßen bewegen … und bereue sofort, es auch nur versucht zu haben. Eine Woge der Übelkeit und des Schmerzes schlägt über mir zusammen. Ich schließe die Lider und atme dagegen an, doch bin letztlich froh, dass ich den Kampf verliere. Mit einem schwindelerregenden Gefühl freien Fallens stürze ich erneut in Bewusstlosigkeit.
Wie viel Zeit verstrichen ist, bis ich das nächste Mal zu mir komme, kann ich nicht abschätzen. Es könnten ein paar Minuten oder ganze Tage vergangen sein. Hm, Minuten sind es wohl eher nicht gewesen.
Ich fühle mich merklich besser. Vorsichtig setze ich mich auf und sehe mich um. Ich bin allein. Kein verspiegelter Gleiter, kein Arzt. Neben mir auf einer Ablage für chirurgische Instrumente liegt ein krude verarbeitetes Stück Stoff. Einzig meine Sublevel-Erfahrung lässt mich diesen recyclinggrauen, T-förmigen Sack, der um die Taille mit einer Schnur zusammengebunden wird, als Kleid erkennen.
Unaufgefordert ziehe ich es an. Es kratzt so stark, dass ich um jeden Zentimeter meines Körpers froh bin, der nicht unmittelbar damit in Berührung kommt. Nichtsdestotrotz wärmt das bodenlange Sackkleid deutlich besser als das OP-Hemd und ich fühle mich darin auch nicht ganz so ausgeliefert wie in der funktionalen Aufmachung einer Patientin.
Leicht schwindlig fasse ich mir ins Genick. Eine Wunde ist nicht zu ertasten, aber die Stelle, die der Arzt malträtiert hat, fühlt sich taub an. Meine Fingerkuppen berühren ein Stück Haut, das nicht rückmeldet, dass es berührt wird: ein Dermatransplantat-Pflaster. Die Behandlung, der man mich unterzogen hat, kann nicht allzu lange her sein. Sonst wäre das Transplantat bereits angewachsen und hätte sich mit meinen Sinnesrezeptoren verbunden.
Was haben sie mit mir angestellt, verdammt?
Darauf werde ich vorerst keine Antwort erhalten. Eine andere Frage hingegen ist es wert, dass ich mich mit ihr näher befasse: Wohin führen die beiden Türen, die von diesem Raum hier abgehen?
Die eine erweist sich als verriegelt, hinter der anderen verbirgt sich eine Sanitärzelle. Ich blicke auf eine sitzförmige, weiß beschichtete Entsorgungseinheit mit Vakuumspülung und auf ein ebenfalls weißes Waschbecken, auf dem ich einen Kunststoffblister mit Tabletten bemerke. Schmerzmittel, vermute ich und sehe mich bestätigt, nachdem ich die Aufschrift studiert habe. Ich schalte den Aquaregulator an und nehme einen großen Schluck Wasser. Ohne Tablette. Die medikamentöse Dröhnung spare ich mir auf.
Ich mache mich ein wenig frisch und krieche in Ermangelung eines Bettes wieder auf die OP-Liege. In diesem Moment sehe ich dort, wo zuvor das Kleid bereitlag, eine Schüssel Nährstoffbrei. Wenn sie mich hier in der Klinik behalten und mit Essen versorgen, weiß ich, dass Corvin noch lebt.
Befinden wir uns auf demselben Stockwerk? Ist er hier? Irgendwo ganz in der Nähe?
Vor Verzweiflung könnte ich die Wände hochgehen. Was ist das eigentlich für eine dämliche Vorstellung? ›Die Wände hochgehen‹? Ich wünschte, ich könnte durch sie hindurchgehen, wenn nicht körperlich, so doch wenigstens als Astralwesen, als Seele, als Geist. Ich möchte durch alle Räume dieser klinischen Einrichtung huschen und Corvin finden. Ich muss ihn sehen! Ich muss ihm sagen, dass die Hand, die das Attentat auf ihn verübt hat – meine Hand –, nicht durch meinen Willen gesteuert worden ist. Jemand hat meinen Körper dazu benutzt, diesen Anschlag zu verüben. Ich würde niemals willentlich etwas tun, das Corvin schadet. Ich liebe ihn!
Habe ich ihm das eigentlich je gesagt? Ich habe versucht, es ihm zu zeigen. Doch habe ich es ihm unmissverständlich gesagt? Vermutlich nicht. ›Ich liebe dich‹, das klingt kitschig. Und ich bin nicht der kitschige Typ. Bei uns unten im Sublevel gilt es, die Zähne zusammenzubeißen. Da redet man nicht viel.
***
Gemessen an den Mahlzeiten, die ich hin und wieder vorfinde, vergehen Tage. Eines Abends – es dürfte ungefähr eine Woche verstrichen sein – kehre ich aus der Sanitärzelle in mein Zimmer zurück und erstarre vor Schreck.
Ein junger Mann mit militärischem Haarschnitt steht vor mir. Er kehrt mir den Rücken zu. Das Schwarz seiner Uniform symbolisiert Blindheit, nicht als körperliche Einschränkung, sondern als verfassungsmäßiges Recht. Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit, urteilt anhand von Fakten und nicht aufgrund des äußeren Anscheins. Der Mann ist ein Staatsbeamter, wahrscheinlich ein Investigator, vielleicht sogar ein ausführender Judikator, ein Scharfrichter.
Jetzt ist es so weit. Sie bringen mich um. Sie brauchen mich nicht mehr.
Die Todesangst hat keine Chance, sich in mir auszubreiten. Sie wird sofort von einer geballten Ladung Schmerz erstickt.
Corvin ist tot.
Mein Kampfgeist und mein Überlebenswille quittieren den Dienst. Was steht mir bevor? Der Rausschmiss ins All? Eine Todesinjektion? Worauf warten wir noch? Let’s gou!
Der Schwarzuniformierte blickt auf das Display seines Porkos. Auf dem Bildschirm ist er selbst zu sehen, wie er sein Porko betrachtet, in dem er abermals selbst mit seinem Porko zu erkennen ist. So geht es immer weiter, dasselbe Bild endlos ineinander geschachtelt, bis das Ganze zu klein ist, um Details wahrzunehmen.
Das ist surreal. Wie eine Szene aus einem künstlerischen Experimentalfilm oder einem Albtraum.
»Functio satisfacit«, meldet der Beamte.
Was soll das heißen? Was funktioniert zufriedenstellend?
»Salve!« Mein Gruß kommt betont hart und unfreundlich. Der Fremde dreht sich um. Bei seinem entwaffnenden Lächeln lockern sich meine zur Faust geballten Finger. Seine braunen Augen erinnern mich an meinen Ex-Verlobten Agri. Dies beschwört zwar nicht unbedingt nostalgische Erinnerungen herauf, doch es gibt mir intuitiv das Gefühl, dass mir seinerseits keine Gefahr droht. Er ist nicht hier, um mich zu eliminieren.
Mit einer knappen und dennoch fast höflichen Geste weist er durch die geöffnete Tür auf einen V-Gleiter. Ich protestiere nicht. Es ist ja nicht so, dass ich unbedingt für alle Zeit in diesem Klinikzimmer bleiben möchte. Wortlos klettere ich auf den Beifahrerplatz im Bug. Kaum sitzt der Uniformierte am Steuer, frage ich betont locker: »Wo geht’s hin?«
»Ad ultimum locum …«
Zum endgültigen Verwahrort?
Mein Chauffeur zeigt sich nicht sonderlich gesprächig. In den nächsten Minuten überhört er sämtliche meiner Fragen.
Durch die verspiegelten Fenster unseres Gefährtes beobachte ich, wie wir aus einem abgeschotteten Bereich des Militärlazaretts zum Vertikaltransporter schweben. Schweigend warten wir, bis die Stahltüren des Aufzugs sich für unsere ›Sonderfahrt‹ öffnen.
»Sie sehen nicht aus wie jemand, der Leute gerne auf die Folter spannt«, wage ich einen letzten Versuch. »Grata essem, si scirem, quid me exspectet.«
Ich wäre echt dankbar, wenn ich wüsste, was mich erwartet.
Der Uniformierte reagiert nicht. Zumindest nicht mit Worten. Stumm steuert er den Gleiter ins Innere der Beförderungskabine.
»Area tricesima tertia minus«, weist er den Fahrstuhlführer durch die Außenlautsprecher an.
Stockwerk minus dreiunddreißig.
Die Ebene, die wir ansteuern, liegt tief unten im Sublevel. Dort, wo der Bodensatz der Gesellschaft, verbannte Verbrecher, Parasiten und Krankheitserreger hausen.
Der Vertikaltransporter hält. Als die Türen sich öffnen, empfängt uns Dunkelheit. Nur eine spärliche Notbeleuchtung verbreitet einen bläulich getönten Schimmer. Statt der nächsten Abfahrtszeiten leuchtet eine Reihe von Sternen auf den Bildschirmen: **********. Es muss nach zwanzig Uhr sein, denn die Nachtabschaltung– die komplette Abriegelung der unteren Ebenen– ist bereits wirksam. In den Korridoren, den Fabriken und Unterkünften des Arbeitersektors gibt es bis morgen früh keine Milliwattsekunde Strom.
Mein Chauffeur manövriert den Gleiter zum Ausgang des VT-Bereichs. Dort steigt er aus und weist mich an zu warten. Manuell entriegelt er eine Pforte in den hohen, verschlossenen Sicherheitsschotten des Areals, bevor er zu mir zurückkehrt und den Frontstrahler unseres Gefährtes aktiviert. Der Lichtkegel, der die abgenutzten, klebrig verdreckten Gumminoppen des Bodens, die schmutzig grauen Wände und fleckigen Türen erhellt, erscheint mir viel zu grell. Es kommt mir vor, als würden wir in die lauernde Schwärze hinausschreien: ›Hallo, hier sind wir!‹
Aus irgendeinem Grund macht mir das Angst. Man sollte meinen, dass mich die Furcht in einen Alarmzustand versetzt, durch den ich mental auf alles Mögliche vorbereitet bin. Leider ist das nicht der Fall. Schreck fährt mir wie eine scharfe Klinge in die Eingeweide, als sich unvermittelt eine Gestalt aus der Finsternis löst. Der Mann, der wie ein öliger, tonnenförmiger Roboter auf uns zu stampft, lässt sich mit einem einzigen Wort beschreiben: fett. Schmierige Haare, ein feister Bauch und ein breites Grinsen im Gesicht. In einem Sektor, in dem alle Menschen hungern und kaum mehr als ihre Haut haben, um die Knochen zu bedecken, wirkt seine Körperfülle geradezu obszön. Der erste Eindruck festigt sich, als er den Mund aufmacht. Was er von sich gibt, ist nicht nur Sublevel-Slang, es ist tiefste Gosse– eine Anhäufung von Fäkalausdrücken, ausgerotzten Worten und groben Satzfetzen. Es fällt mir schwer, ihn zu verstehen, zumindest aber begreife ich, dass es um mich geht, genauer gesagt um einen Deal, der zwischen seinem Boss und dem Auftraggeber meines Fahrers geschlossen worden ist. Mir ist nur nicht ganz klar, ob ich die Aufgabe bin, die erledigt werden muss, oder der Lohn, der überbracht wird. Im Grunde kann es mir gleich sein. Weder das eine noch das andere erscheint in irgendeiner Weise erstrebenswert.
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