9,99 €
Niemand verschwindet einfach so auf Spitzbergen
Longyearbyen, die Hauptstadt von Spitzbergen: Im städtischen Kindergarten gehen seltsame Dinge vor sich. Immer wieder verschwinden Kinder von dort. Sie sind nicht lange fort. Die Erzieherinnen sind beunruhigt, nehmen es aber nicht wirklich ernst, dass die Kinder nicht erzählen wollen, wo sie gewesen sind. Eines Tages tritt dann das Gefürchtete ein: Ein kleines Mädchen verschwindet - und taucht nicht mehr auf. Eine hektische Suche beginnt. Die Spuren, die sie hinterließ, führen in die Grubenschächte, hinunter in die Tiefe stillgelegter Kohlengruben auf Spitzbergen. Und bald wird klar, dass sie nicht die Einzige ist, die in der überschaubaren Welt von Spitzbergen verloren ging ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2012
Monica Kristensen
Suche
Roman
Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Die norwegische Originalausgabe erschien 2008unter dem Titel »Kullunge« bei Forlaget Press, Oslo
Deutsche Erstveröffentlichung Februar 2012
Copyright © Forlaget Press 2008
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012
by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Published by agreement with Leonhardt & Hoier Agency, Copenhagen
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
RK · Herstellung: BB
ISBN 978-3-641-06991-9V002
www.btb-verlag.de
Vorwort
Dies ist ein Kriminalroman über Spitzbergen – kein Dokumentarbericht. Die Handlung spielt Mitte der Neunziger Jahre. Ich habe mich natürlich von meiner eigenen Zeit auf Spitzbergen inspirieren lassen, aber die Details sind der Handlung im Buch untergeordnet. Namen, Orte und Personen gibt es in der Realität nicht. Ich habe mir große Freiheiten genommen, besonders was die Platzierung und Einrichtung alter und neuer Kohlegruben um Longyearbyen herum angeht. Ich hoffe, das wird mir verziehen, denn ich hege größten Respekt vor dem Beruf des Bergmanns. Wenn sich die Leser und Leserinnen über die tatsächlichen Verhältnisse auf Spitzbergen, oder Svalbard, wie es auf Norwegisch heißt, informieren möchten, so gibt es eine ganze Reihe empfehlenswerter Bücher, die von der Store Norske Spitsbergen Kulkompani AS (www.snsk.no/store-norske) herausgegeben wurden, sowie Birger Amundsens detaillierte und anschauliche Beschreibung SvartHvitt,die leider bislang nur auf Norwegisch erhältlich ist. Diese Erzählung hier handelt von Menschen, die verschwinden. Merkwürdig, wo doch die Gemeinschaft, in der sie leben, so klein ist.
Ulvøya, 28. September 2008
Monica Kristensen
KAPITEL 1Spuren
Donnerstag, 22. Februar, 13.30 Uhr
Er hockte sich hinter einen großen Schneewall und bewegte sich vorsichtig auf den Knien voran. Hinter ihm lagen weitere Schneewehen, die die Straße hinauf zu den Häusern von Blåmyra verdeckten, dort, wo die Junggesellen der Bergbaugesellschaft wohnten. Ab und zu fuhr ein Auto vorbei, doch die Scheinwerferlichter erreichten ihn nicht. In der letzten halben Stunde war kein Fußgänger vorbeigekommen. Es war unwahrscheinlich, dass ihn jemand bemerkte, dort, wo er hockte. Er selbst dagegen hatte freie Sicht.
Es war schneidend kalt. Er zog sich die Kapuze fest ums Gesicht und drückte die Pelzkrempe dicht an die Stirn. Nach einer Weile begann sich unten etwas zu regen. Kleine Gestalten tapsten und krabbelten in den Schnee hinaus, der im Laufe der Nacht gefallen war. Er hielt konzentriert Ausschau und entdeckte fast sofort, wonach er suchte. Seine Augen verengten sich vor Freude. Das kleine Bärchen spielte heute auch draußen. Die Kleine kullerte einen Abhang hinunter und war sofort voller Schnee. Sie schaffte es, sich aufzurappeln, fiel wieder hin und geriet außer Sicht, kam aber schnell wieder zum Vorschein. Zwei Kaninchen hüpften und rutschten auf sie zu. Das eine Kaninchen war grün, eines seiner Ohren war halb abgerissen, so dass es über der Wange baumelte. Das andere war blau. Er schaute ihnen noch lange, nachdem sie hinter einem Schuppen am anderen Ende des Spielplatzes verschwunden waren, nach.
Nach ein paar Minuten rutschte er näher. Er wusste, dass sie hinter dem Schuppen über den Zaun klettern konnten. Hier hatte sich eine so hohe Schneewehe aufgetürmt, dass selbst die Kleinsten es über den Zaun schafften. Aber sie wollten nicht immer. Manchmal blieben sie auch nur stehen und schauten ihn mit ihren glänzenden, fragenden Augen an – als verstünden sie nicht, was er wollte, wenn er ihnen zuwinkte, damit sie näher kämen.
Traute er sich heute, ihnen etwas zu essen zu geben – vielleicht eine Apfelsine? Nein, dazu war es zu kalt. Es war wohl das Sicherste, bei Süßigkeiten zu bleiben. Die mochten sie immer. Er zog sich einen Handschuh aus und wühlte in den tiefen Taschen.
Auf der anderen Seite des Hauses stand die Leiterin des Kindergartens zitternd vor Kälte oben auf dem Treppenabsatz vor der Eingangstür. Sie schaute ängstlich den Fußweg hinauf, der am Kindergarten vorbeiführte. Es war Ende Februar und der Himmel deutlich heller als noch vor ein paar Tagen. Nicht mehr lange, dann würde die Sonne zum ersten Mal im Jahr zu sehen sein. Die Berge um die kleine Polarstadt herum ragten hoch auf und verschwanden in einem Märchenland von Wolken in Rot und Gelb. Aber die Häuser von Longyearbyen lagen immer noch in tiefen blauen Schatten.
Die Kindergartenleiterin fror in ihrem grob gestrickten Pullover, blieb aber trotzdem draußen stehen und spähte besorgt den Weg zu dem kleinen Markt mit all seinen Lichtern hinauf. Einzelne Gestalten huschten in die Geschäfte oder stolperten aus ihnen heraus, die wenigsten blieben stehen, um sich miteinander zu unterhalten. In der ruhigen kalten Luft waren alle Geräusche deutlich zu hören, wenn auch gedämpft – als wären sie in einer kleinen Schachtel eingefangen.
Wo war dieses anstrengende Mädchen geblieben? War es ihr tatsächlich gelungen, auszubüchsen? Die Leiterin konnte eine gewisse Unruhe nicht abschütteln, gleichzeitig fragte sie sich, wie es Ella gelungen sein sollte, die Außenpforte zu öffnen. Schließlich war sie ganz oben, außer Reichweite von kleinen Kinderfingern, mit einem Schnappschloss versehen. Nein, sie würde sicher wieder auftauchen, genau wie auch die anderen Kinder im Laufe des Winters immer wieder aufgetaucht waren. Es war nur so ärgerlich, nicht zu wissen, wo sie sich versteckten. Und ganz und gar unerklärlich, wie es ihnen gelungen sein sollte, eine Ecke zu finden, in der sie nicht entdeckt wurden. Nicht unbedingt beängstigend. So weit wollte sie nicht gehen. Aber ärgerlich, das schon.
Der Kindergartenleiterin war allerdings klar, dass sie etwas sah, was sie beunruhigte. Auf dem Fußweg hinunter zum Polarhotel verlief eine deutliche Spur. Oder besser gesagt: verliefen zwei Spuren. Eine schnurgerade Linie aus Abdrücken von Erwachsenenschuhen. Und daneben winzig kleine Abdrücke von Kinderschuhen, die sich ab und zu mit den Spuren der großen Schuhe verflochten. Konnte jemand Ella abgeholt und mitgenommen haben, ohne Bescheid zu sagen? In diesem Fall wollte sie persönlich dafür sorgen, dass es das letzte Mal war, dass diese Person sich so unüberlegt verhielt. Die Leiterin war in dieser Hinsicht sehr streng. Sie verlangte rechtzeitig darüber informiert zu werden, wenn jemand anderes als die Eltern die Kinder abholten.
Sie sahen friedlich aus, die beiden Perlenketten von Fußabdrücken, die in den Neuschnee gedrückt waren. Von keinem Windstoß verwischt, zeichneten sie sich perfekt in den Lichtkegeln der Straßenlaternen ab. Der Weg war menschenleer, er führte an dem neuen Krankenhaus vorbei, das in beruhigendes hellgelbes Licht getaucht, direkt gegenüber vom Kindergarten lag. Die Spuren folgten den Schneewällen, so weit sie sehen konnte. Aber inzwischen hatte es wieder angefangen, sacht zu schneien. Kleine Eisnadeln rieselten aus dem blauen Licht herab und drehten sich unentschlossen hin und her. Bald würden die Spuren verschwunden sein.
Die Kindergartenleiterin seufzte und betrat den vollgestopften Flur, in dem bunte Kinderkleidung in den niedrigen Fächern lag und an den Haken hing. Die Kinder waren wegen der Kälte früh wieder vom Spielplatz hereingeholt worden. Ellas Schneeanzug hing nicht an ihrem Haken, aber das musste nichts bedeuten. Die Kinder ließen ihre Sachen einfach überall liegen. Aber Ellas braune Bärenmütze mit den Puschelohren lag auch nicht in ihrem Fach. Und die Stiefel waren nirgends zu entdecken. Ella war so stolz auf die Mütze und ihre rosa Fellstiefel mit dem weißen Pelzrand. Niemand sonst hatte so welche. Es war das Geschenk einer geliebten Oma aus dem Süden, und sie würde sie niemals vergessen. Die Kindergartenleiterin dachte, wenn sie Mütze und Stiefel fände, dann wäre Ella sicher auch nicht weit.
Der Kindergarten lag im Zentrum von Longyearbyen. Die ständigen Bewohner sagten das ohne jede Form von Ironie. Es waren nur die Touristen, die sich darüber amüsierten, dass Bezeichnungen wie Marktplatz oder Zentrum für die bescheidene Anhäufung von Büros, Geschäften und Gaststätten benutzt wurden.
Das lag daran, dass die Besucher nichts verstanden. Sie dachten nicht daran, wie viele Kilometer menschenleerer Straßen es waren von den hintersten Häusern im Adventdalen bis zu den Kränen am Kohlekai. Sie achteten nicht auf die Schatten, die tief auf die Häuser in Blåmyra und auf Skjæringa fielen. Und sie hatten die Spuren des einen oder anderen Eisbären vergessen, der durch die Stadt gestapft war, auf dem Weg zu eisbedeckten Fjorden, lautlos und fast unsichtbar vor dem fallenden Schnee. Die Einwohner wussten, dass es auch im kleinsten Dorf ein Zentrum gab, in dem es erlaubt war, sich zu entspannen und sicher zu fühlen. Und mitten im Zentrum, zwischen all den Lichtern und dem friedlichen Fußweg, da lagen Kindergarten und Krankenhaus. Niemand hatte hier jemals eine Eisbärenspur gesehen.
Der Weg begann am Polarhotel, führte weiter über den Marktplatz, wo die lebensecht wirkende Bronzestatue von Grubenarbeitern mit Schutzhelmen auf den Köpfen und den Spaten in der Hand stand, zog sich weiter vorbei an dem neuen Base-camp-Haus, das mit seinem seidengrauen Naturpaneel aus Treibholz protzte, er wurde breiter zwischen Rabiesbua und einem Laden, der Sportausrüstung verkaufte, und verschwand zum Schluss im Hilmar Rekstens vei, wo den Fußgängern nicht einmal mehr ein Bürgersteig blieb, auf dem sie sicher hätten weitergehen können. Denn die Bürgersteige, die wurden von den Schneescooterfahrern benutzt.
Der Fußweg wurde nicht groß begangen, höchstens jeweils das kurze Stück vom Parkplatz am Büro der Spitzbergen-Post bis zu dem Gebäude, das Post und Bank beherbergte. Immer mehr Menschen fuhren mit dem Auto zur Arbeit. Ihre Beine benutzten fast nur noch Hundebesitzer und Jogger.
Die dunkle Zeit war auch nicht mehr so wie früher. Früher konnte man andere ständige Einwohner auf der Straße treffen und sich mit ihnen unterhalten. Alle wussten, wer unterwegs war, wohin jeder gegangen war, und im Großen und Ganzen überhaupt, was so vor sich ging. Jetzt war es schwieriger geworden, alles mitzubekommen. Die Polarnacht hatte den Rand der Stadt zurückerobert.
»Hast du Ella gefunden?« Die Erzieherin, die für die größeren Kinder verantwortlich war, war lautlos auf Strumpfsocken in den Flur gekommen und stand plötzlich neben ihr.
Die Kindergartenleiterin zögerte. Sie wollte ihre Angestellte nicht unnötig beunruhigen. »Draußen vor der Treppe waren Spuren von Kinderschuhen, aber sie kann ja nicht … und selbst wenn sie irgendwie das Schloss von innen aufgekriegt hätte, würde sie es nicht schaffen, es wieder von außen zu schließen. Da oben kommt sie gar nicht dran. Aber natürlich kann ein Erwachsener …« Sie sah bedrückt ihre Angestellte an. »Hast du alle Räume durchsucht? Auch die Toiletten?«
»Ich war überall. Und ich habe auch ihren Vater angerufen. Aber der ist nicht ans Handy gegangen. Er ist wohl unter Tage.«
»Hast du Tone etwas gesagt?« Die Leiterin schaute sich eilig um.
»Nein, die ist bei den Kleinen. Sie sieht ausnahmsweise mal richtig zufrieden aus. Ich habe nicht das Herz gehabt, ihr zu sagen, dass ihre Tochter sich davongeschlichen hat, wieder einmal. Letztes Mal war sie ganz außer sich.«
Die Kindergärtnerin hob einen Handschuh vom Boden auf und legte ihn ins Regal. »Hast du eine Idee, wo sie abgeblieben sein könnte? Ich bin der Meinung, dass ich wirklich überall gesucht habe. Sogar im Besenschrank.«
Sie schauten einander wortlos an.
Der Mann hinter dem Schneewall war sich sicher, dass ihn niemand sehen konnte. Er dachte an die Kinder und deren rote Bäckchen. Rote Nasen und Wangen und das leise Schnauben, wenn sie die nassen Tropfen auf der Oberlippe hochzogen. Die unbeholfenen Bewegungen in den Schneeanzügen und die glänzenden Augen, die ihn offen und neugierig anschauten. Als wäre er nicht anders als die anderen Erwachsenen, die ihnen begegneten. Er sehnte sich danach, die kleinen Körper an sich zu drücken. Aber er streckte nicht einmal die Hand aus, um sie an ihren eifrigen Gesichtern zu berühren.
Die Kinder liebten seine Süßigkeiten, aber es gelang ihm trotzdem nicht, sie zu überreden, auf die andere Seite des Zauns zu kommen. Und selbst auf den Spielplatz zu klettern, das traute er sich nicht. Er konnte die Gestalten hinter den hell erleuchteten Fenstern des Kindergartens hin und her gehen sehen. Einmal war eine der Frauen lange hinter einer Gardine gestanden und hatte in seine Richtung geblickt. Er war wie zu Eis erstarrt und hatte gehofft, dass er mit dem Schatten hinter dem Schneewall verschmolz.
Nichts war passiert. Keine Tür war aufgerissen und gegen die Hauswand gedonnert worden. Keine wütenden Stimmen hatten ihn quer über den Spielplatz angeschrien und gefragt, was er da treibe.
Die Stunden vergingen. Der Mann hinter dem Schneewall fror, aber er rührte sich trotzdem kaum von der Stelle. Und plötzlich war er verschwunden.
Die Leiterin des Kindergartens zog sich warme Kleidung und Stiefel an und ging hinaus auf die Treppe auf der Rückseite des Hauses. Vor ihr lag der Spielplatz mit seinen Rutschen, Schaukeln und dem Klettergerüst. In den blauen Schatten am Zaun zur Straße lag ein vergessenes Rutschbrett. Ella war nicht zu sehen. Sie rief ihren Namen vorsichtig, fast ein wenig verlegen. Wenn nun jemand des Weges kam? Was sollten die Leute denken, wenn sie sie hier stehen sahen und ins Blaue rufen? Ihre Stimme trug nicht weit. Es war, als gäbe sie auf halbem Weg über den Platz auf und sänke hinab in den Neuschnee.
Der Schuppen lag im Schatten. Die Tür war mit einem rostigen alten Metallhaken verschlossen. Den hätte Ella nicht allein öffnen können. Aber wenn nun eines der Kinder sie da drinnen eingesperrt hatte? Und niemand gehört hatte, wie sie um Hilfe rief? Die Leiterin schob all die schrecklichen Alternativen zur Seite, als sie schnelle Schritte die Treppe hinunterlaufen hörte.
Die Kinder konnten die Leiterin durch das Loch in der Schneewand sehen. Sie kicherten, aber ganz leise und durch dicke Fausthandschuhe gedämpft. Zuerst kamen die riesigen Stiefel die Treppenstufen heruntergetrampelt. Dann ging sie mit langen, knirschenden Schritten im Schnee über den Spielplatz, hinüber zum Schuppen. Sie trug ihren braunen Daunenmantel. Was sie wohl im Schuppen wollte? Magnus steckte den Kopf aus dem Loch, um besser sehen zu können, was sie da trieb, wurde aber von Kalle mit fester Hand zurückgezogen. Wortlos blieben sie hocken, warfen sich nur wütende Blicke zu.
Es war noch nicht lange her, dass die Gruppenleiterin die Kinder ins Haus gescheucht hatte, weil es draußen so kalt war. Aber die kleine Gruppe hier hatte die Taschen voll mit Süßigkeiten, die sie noch nicht hatten aufessen können, und Kalle war derjenige gewesen, der vorgeschlagen hatte, sie sollten sich in der Höhle unter dem Haus verstecken. All die anderen Kinder waren mittlerweile hineingegangen, nur die kleine Freundesgruppe hatte sich versteckt. Jetzt schoben sie sich noch weiter hinein in den engen Schneetunnel. Ihnen war klar, dass die Kindergartenleiterin nach ihnen suchte. Aber sie würde die Kinder nicht finden. Die Erwachsenen waren so dumm. So dumm, die Kinder fanden gar keine Worte dafür. Die Erwachsenen kapierten gar nichts. Die Leiterin war sogar fest davon überzeugt, dass sie es nicht einmal schafften, die Haustür zu öffnen!
»Wie doof«, flüsterte Kalle, der fast sechs Jahre alt war. Er kannte all diese spannenden Worte. »Bescheuert. Richtig oberdoof.« Er hatte bereits beide Schneidezähne verloren und zischte bei einzelnen Buchstaben. Dadurch wirkte er nicht ganz so souverän und erwachsen, wie er gern wollte.
Die vier Kinder schoben sich rückwärts weiter hinein in den großen Hohlraum unter dem Kindergarten. Sie versuchten, kein Geräusch zu machen, aber ihre Schneeanzüge raschelten auf dem Schnee. Und sie schafften es auf ihrem Weg weiter unters Haus nicht, das Kichern zu unterdrücken.
»Schubs mich nicht.«
»Du hast zuerst geschubst. Und mich mit dem Stiefel getreten.«
»Habe ich nicht! Das war …«
Die Geräusche wurden leiser und verebbten.
Wie die meisten Häuser in Longyearbyen war der Kindergarten auf hohen Pfeilern gebaut, die tief in den Boden gerammt worden waren. Es gab nur zwei Methoden, auf Spitzbergen zu bauen: entweder man errichtete das Haus direkt auf dem Boden, so dass es sich mit der tauenden und wieder frierenden obersten Schicht des Permafrostbodens bewegte, oder man baute auf Pfeilern, die so lang waren, dass sie bis in die Erdschichten reichten, die niemals tauten. Die erste Methode war am besten geeignet für Holzhäuser, die je nach Jahreszeit nachgeben und sich dehnen konnten. Die zweite Methode musste bei Steinhäusern benutzt werden, sonst würden sich große Risse in den Wänden bilden. Außerdem hatten die Häuser auf Pfählen, wenn sie denn im Hinblick auf die Windrichtung ausgerichtet waren, den Vorteil, dass der Schnee durch die Hohlräume unter dem Haus pfiff, so dass er auf der anderen Seite wieder herauswirbelte. Doch dafür lag der Kindergarten zu tief im Gelände. In schneereichen Wintern legten sich Schneewehen rund um das Gebäude und bildeten einen unsichtbaren Hohlraum.
Im Sommer erlaubte die Leiterin den Kindern, unter dem Haus zu spielen. Dort war es dunkel, der Boden war bedeckt mit Kies und kleinen Steinen, es roch nach Eisen und Erde. Und es war eng und niedrig, zu niedrig für Erwachsene. Da die meisten der Kinder vom Kullungen-Kindergarten Eltern hatten, die in irgendeiner Art und Weise etwas mit der Store Norske Kohlekompanie zu tun hatten, hatte sie zwischen den Stützpfeilern Gänge anlegen lassen, so dass die Kinder spielen konnten, sie wären in einem Bergwerk. Lampen, wie es sie in den Kohlegruben gab, und andere Ausrüstung waren ein Geschenk der Gesellschaft gewesen. Die Leiterin fand, sie hatte ein realistisches Modell zustande gebracht, mit dem die Kinder etwas über den Bergbau lernen konnten. Diese Spiele unter dem Haus fanden im Sommer und im Herbst statt. Im Winter waren die Gänge vom Schnee zugeweht. Glaubte zumindest die Leiterin.
Aber einige der Kinder hatten entdeckt, dass es auch im Winter große Hohlräume unter dem Haus gab. Wenn sie sich durch ein Loch hindurchzwängten, das sich gewöhnlich im Windschatten der Treppe bildete, rutschten sie eine Rinne hinunter und landeten in einer niedrigen, dunklen Grotte aus festgepresstem Schnee. Von hier aus hatten sie kleine Löcher zum Fußweg hin gegraben. Durch diese Löcher sickerten vereinzelt Lichtstrahlen von den Straßenlampen. Und so konnten sie dort unten hocken und heimlich die Leute beobachten, die vorbeigingen – zumindest konnten sie versuchen zu erraten, wem die Schuhe gehörten.
Aber heute waren sie mit etwas anderem beschäftigt. »Du darfst nicht über die Schneewehe beim Schuppen klettern. Dann machst du alles kaputt«, erklärte Kalle wütend einem der Zwillinge. »Sprich mir nach: Ich verspreche, nicht wieder über den Zaun zu klettern.« Kalle hatte einen schwer einzuordnenden Dialekt, eine Mischung aus der Gegend von Trøndelag und Nordnorwegisch, wie die meisten, die in Longyearbyen aufgewachsen waren.
Der kleine Vierjährige nickte, ihm standen schon die Tränen in den Augen. »Ich wollte doch nur die Schokolade haben, die er hingehalten hat, ich wollte nicht …« Er schluchzte und wischte sich mit dem Ärmel unter der Nase entlang.
»Ja, ja.« Kalle drehte sich altklug weg. »Aber wenn du das noch einmal machst, dann reiße ich dir noch das andere Ohr von deiner Kaninchenmütze ab.«
»Du sollst verdammt noch mal nicht immer so gemein sein.« Magnus wusste selbst nicht so genau, welchen Grund er eigentlich hatte, sich zu trauen, dem gleichaltrigen Jungen Kontra zu geben.
»Und du sollst nicht fluchen!«, rief Ella empört.
»Pssst.« Die drei Jungs drehten sich um und zischten sie an, trotz allem war sie ja nur ein Mädchen. »Ingrid kann uns hören, seid still, alle drei.«
Wie üblich war es Kalle, der das letzte Wort hatte. Er schob die Hände in die Taschen seines Schneeanzugs. »Was habt ihr gekriegt?« Drei Karamellbonbons und eine kleine Tüte mit Süßigkeiten lagen auf dem Boden. Unter genauer Beobachtung legten die anderen ihre Schätze auf den Boden. Sie teilten alles untereinander auf und stopften sich schnell die Leckereien in den Mund. Eine Weile saßen sie einträchtig beieinander und kauten vernehmlich.
»Glaubst du, es war der sechste Mann, der dich geschubst hat?«, fragte Ella Kalle.
»Es gibt keinen sechsten Mann und keine Bergmännchen.« Kalle sah sie streng an. »Das ist nur so ein Quatsch, den die Dummen glauben. Am-mateure!« Kalles Vater war Steiger bei Svea und arbeitete seit mehr als zwanzig Jahren für die Bergbaugesellschaft.
»Was ist ein Bergmännchen?«, fragte der Zwilling und schaute sich ängstlich um.
»Das soll so einer sein, der hinter den Hauern in die Grube geht, und keiner weiß, wer er ist«, erklärte Kalle mit überlegener Miene. Der Zwilling guckte ihn verständnislos an. »Na, die Hauer, du weißt, die Grubenarbeiter. Wenn sie im Berg Kohle schlagen. Da ist es dunkel in der Grube, weißt du. Bestimmt noch dunkler als hier. Und dann, wenn dann … Ja, wenn sich jemand umdreht und gucken will, was die Kumpel machen … Dann sieht er, dass da ein Mann zu viel ist. Wenn sie fünf sind, dann sieht er plötzlich sechs Stück, die die Kohle schlagen. Das ist dann der sechste Mann. Aber das sind nur solche wie Ellas Papa, solche Neuen … die an solche Gespenster glauben.«
Ella schaute weg. Sie hätte ihren Papa so gern verteidigt. Wusste aber nicht so recht, was sie sagen sollte. »Mein Papa glaubt an den sechsten Mann. Er hat ihn nämlich gesehen!«, sagte sie schließlich. Aber Kalle erwiderte nicht einmal etwas darauf.
Eine Weile war es still.
»Was glaubst du, was ist da weiter hinten unterm Haus?«, fragte Magnus plötzlich. Er hatte bereits all seine Süßigkeiten aufgegessen.
Kalle zuckte mit den Schultern. Aber Ella war neugierig. »Wollen wir nachgucken?« Sie kroch bereits in den Schnee hinein, durch eine enge Öffnung, die im Dunkel verschwand. Die anderen Kinder beugten sich vor, um zuzugucken, und Magnus schob sich langsam hinterher. Kurz darauf war ein gedämpfter Schrei von Ella zu hören. »Hilfe, es ist eingebrochen. Ich habe Schnee in den Nacken gekriegt. Ach du meine Güte. Hier ist eine richtig große Höhle. Kommt doch auch!«
Aber Kalle zog Magnus am Bein zurück und erklärte, dass sie zurück zum Eingang müssten, um nachzusehen, ob die Leiterin inzwischen reingegangen war.
»Es wird kalt«, schnaubte der Zwilling. »Nun komm schon zurück.«
Kalle kroch als Erster aus der Höhle und achtete darauf, dass ihn niemand von den Fenstern her sah. Vorsichtig ging er die Treppe hoch und klopfte ein paar Mal an die Haustür. Drinnen schob der andere Zwilling die Bank vor die Tür und kletterte hinauf, so dass er das Schnappschloss erreichen konnte. Er musste sich ein wenig abmühen, um es öffnen zu können. Doch schließlich schaffte er es und schob stolz die Bank zurück an ihren Platz. Ein Schlag mit der Hand auf die Tür verkündete Kalle, dass die Luft im Flur rein war.
Unter dem Haus kroch Ella allein in dem schmalen Gang aus hart gepresstem Schnee herum und versuchte sich umzudrehen. Sie kam ins Schwitzen. Und sie war traurig, weil die anderen nicht auf sie gewartet hatten. Als sie schließlich herausgekrochen kam, waren die anderen schon lange fort. Und sie vergaß das Schnappschloss wieder zu verschließen.
Auf der anderen Seite des Kindergartens, auf dem Fußweg, setzten sich große Lederstiefel in Bewegung. Sie stampften kurz auf, weil der Mann, der sie trug, eine ganze Weile still gestanden und den Kindern unterm Haus zugehört hatte. Er musste lächeln. Ein wehmütiges, fast schönes Lächeln in einem so hässlichen Gesicht.
KAPITEL 2 Vermisst
Donnerstag, 22. Februar, 16.10 Uhr
»Spreche ich mit dem Büro der Regierungsbevollmächtigten?« Ihre Stimme klang irritiert.
»Doch, ja. Sie sprechen mit Knut Fjeld, dem Wachhabenden. Tut mir leid, aber ich bin gerade zu Hause in meiner Wohnung und mache mir etwas zu essen. Die Telefonzentrale ist nicht besetzt, deshalb …«
»Ich weiß. Sonst wäre ich ja nicht zu Ihnen durchgestellt worden. Oder ist das nicht der Notruf?« Es war offensichtlich eine energische Frau, mit der er da sprach.
»Doch, natürlich. Tut mir leid. Worum geht es denn?«
»Nun.« Sie seufzte. »Das ist etwas schwierig. Klingt vielleicht komisch …« Sie zögerte. »Aber wir sind zu dem Schluss gekommen, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als Sie zu verständigen.«
Na, komm schon, dachte Knut. Er hatte sich auf einen langen, gemütlichen Abend auf dem Sofa vor dem Fernseher gefreut. Aber er sagte nichts. Oft war Schweigen ein gutes Mittel, um Leute zum Reden zu bringen.
»Ich heiße Ingrid Eriksen und leite den Kullungen-Kindergarten. Und jetzt hat sich herausgestellt … also, wir finden eines der Kinder nicht. Ihre Mutter arbeitet hier. Heute Nachmittag wollte sie ihre Tochter abholen, und da war sie verschwunden. Wir haben den ganzen Kindergarten abgesucht. Und außerdem sind ihre Straßenkleider auch nicht da. Stiefel, Mütze, Schneeanzug und Handschuhe, alles weg.«
Knut fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Es musste eine ganz natürliche Erklärung dafür geben. Kinder verschwanden auf Spitzbergen nicht. Er konnte sich jedenfalls an keinen einzigen Fall erinnern.
»Ich glaube natürlich nicht … ich meine … Longyearbyen ist ja ein kleiner Ort. Und wir wissen genau, wer hier wo wohnt. Wir glauben nicht, dass etwas Kriminelles dahinter-steckt. Aber es ist nur so, dass … dass es so kalt ist. Unter minus zwanzig Grad. Ich mag gar nicht daran denken … Was ist, wenn sie alleine rausgegangen und einen Abhang hinuntergefallen ist oder sich verlaufen hat …«
»Kann sie den Kindergarten auf eigene Faust verlassen haben?« Endlich begannen Knuts Gedanken, in strukturierten Bahnen zu laufen. »Ist sie in der Lage, sich allein anzuziehen?«
»Ja, natürlich. Sie ist bald sechs. Aber unsere Außentüren sind immer verschlossen. Und die Schnappschlösser sitzen so hoch, dass die Kinder nicht drankommen. Und warum sollte sie allein weggehen? Das hat bisher noch keines der Kinder getan. Sie werden immer von ihren Eltern abgeholt oder von jemand anderem, aber in so einem Fall informieren uns die Eltern darüber. Wir sind in dieser Hinsicht sehr streng. Aber …«
»Aber?«
»Es ist möglich, dass ihr Vater sie abgeholt hat, ohne sich bei uns zu melden.«
»Wenn der Vater das Kind abgeholt hat, dann ist sie doch wohl nicht vermisst, oder? War ihre Mutter denn schon zu Hause und hat nachgesehen, ob die beiden dort sind? Von wem reden wir eigentlich?«
Ingrid Eriksen seufzte erneut. »Wir haben zu Hause angerufen. So dumm sind wir ja nun auch wieder nicht. Der Vater heißt Steinar Olsen. Er ist Bergwerksingenieur bei Store Norske. Es ist seine Tochter Ella, die verschwunden ist. Ihr wart nach Weihnachten ein paar Mal bei ihnen. Wegen Familienstreitigkeiten, erinnern Sie sich nicht mehr?«
Offensichtlich glaubte niemand in Longyearbyen, dass im staatlichen Verwaltungsbüro auf so etwas wie Schweigepflicht und Datenschutz geachtet wurde. Wie die meisten ständigen Bewohner ging die Kindergartenleiterin davon aus, dass die Verwaltungsbeamten die Details sämtlicher Fälle kannten, die von der Polizei bearbeitet wurden. Und Knut war tatsächlich schon einmal bei Steinar Olsen in offizieller Mission unterwegs gewesen. Aber nicht wegen eines Familienstreits.
Sie fuhr fort: »Leider haben diese Besuche nichts genützt. Erst gestern war er wieder so betrunken, dass er Möbel zertrümmert hat und die Treppe runtergefallen ist – ohne dass ihr gerufen wurdet. Das letzte Mal waren es die Nachbarn, die sich gemeldet haben, Tone ist ihrem Mann gegenüber viel zu loyal, um die Polizei zu rufen. Außerdem schämt sie sich sicher. Wir haben versucht, ihr klarzumachen, dass häusliche Streitigkeiten auch die Tochter beeinflussen. Und gestern hat sie endlich die Scheidung verlangt, und das endete dann in Gewalt und Drohungen. Deshalb ist sie überzeugt davon, dass Steinar Ella im Kindergarten abgeholt hat, ohne etwas zu sagen. Um ihr Angst zu machen.«
»Dann bittet Tone Olsen also um Hilfe und möchte, dass die Polizei mit ihr nach Hause kommt? Um die Lage etwas zu entspannen?«
»Ja, genau«, bestätigte die Kindergartenleiterin mit offensichtlicher Erleichterung. »Und Sie können ihn gern etwas härter rannehmen.«
»Es ist nicht unsere Aufgabe, die Leute zu maßregeln«, sagte Knut. »Aber ich kann ihm auf jeden Fall erklären, welche Konsequenzen es hat, wenn er wegen Kidnapping angeklagt wird.« Er hoffte, dass die Kindergartenleiterin nicht seinen tiefen Seufzer hörte, als er sein Handy zusammenklappte.
Trotz der Kälte warteten die beiden Frauen an der Treppe vor dem Kindergarten, als Knut mit dem schwarzen Dienstwagen auf dem Bürgersteig vorfuhr. Das war streng genommen nicht erlaubt, und Knut warf schnell einen Blick hinauf zum Büro der Spitzbergen-Post. Es war bekannt, dass der Redakteur der kleinen Lokalzeitung gern hinter den Gardinen seines Fensters, das auf den Marktplatz zeigte, stand und nach Dingen Ausschau hielt, über die er sarkastische Artikel schreiben konnte. Doch das Fenster war dunkel, kein Schatten dahinter zu sehen.
Knut stieg aus dem Wagen. Es war leicht zu erkennen, welche der beiden Frauen die Mutter des vermissten Kindes war. Ihre rot verquollenen Augen lugten unter dem Pelzrand ihrer Anorakkapuze hervor.
»Nichts Neues?«
»Nein, nichts.« Es war die größere der Frauen, die antwortete, die Kindergartenleiterin. Knut konnte sich nicht daran erinnern, sie schon einmal gesehen zu haben, aber er war sich dessen nicht so sicher. Longyearbyen war keine große Stadt, hier wohnten knapp zweitausend Einwohner.
Sie streckte ihm mit einem leichten Lächeln die Hand entgegen. »Ingrid Eriksen. Wir haben uns noch nicht kennengelernt, aber ich weiß, wer Sie sind.«
Knut öffnete die Wagentüren, und die Kindergartenleiterin setzte sich neben ihn. Sie wirkte jetzt optimistischer als vorhin am Telefon. Tone Olsen dagegen kauerte sich auf dem Rücksitz zusammen und reagierte kaum auf Knuts Fragen.
»Wann haben Sie Ella zuletzt gesehen? Können Sie sich daran erinnern?«
Sie schluchzte. »So gegen zwei, als die Kinder vom Spielplatz hereingekommen sind.«
»Haben Sie mit ihr gesprochen? Hat sie etwas gesagt, was darauf hindeuten könnte, dass sie von ihrem Vater abgeholt werden sollte?«
»Nein, wir haben uns nur kurz einen Kuss gegeben. Ihre Wangen waren eiskalt, und sie hatte Schnee auf der Mütze. Ich habe sie gefragt, wo sie gewesen ist, aber sie ist nur wortlos ins Spielzimmer zu den größeren Kindern gelaufen.«
Die Kindergartenleiterin unterbrach sie. »Sie ist sehr spät reingekommen, sicher zehn Minuten nach den anderen. Und sie war die Letzte. Ich habe sie sogar auf der Seite des Hauses gesucht, die zum Bürgersteig zeigt. Irgendwas ist da komisch, aber …« Sie warf einen Blick schräg nach hinten in Tone Olsens erschrockenes Gesicht und begriff, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um dem Beamten von dem merkwürdigen, nur kurz andauernden Verschwinden mehrerer Kinder in den letzten Wochen zu berichten.
Knut nahm sich weitere Freiheiten hinsichtlich der Verkehrsregeln und fuhr mit dem Dienstwagen weiter auf dem Fußweg entlang, am neugebauten Polarhotel bog er ab. Vereinzelte Touristen bewegten sich dicht am Schneerand, eingemummelt in dicke Schneeanzüge oder Daunenjacken. Aber sie wagten sich nicht weit hinaus; und an der Straße nach Blåmyra hin, dort, wo Familie Olsen wohnte, waren keine Fußgänger zu sehen. Obwohl es die dunkle Jahreszeit war und die Sonne sich auch mitten am Tag hinter dem Horizont verbarg, war es relativ hell – ein traumartiger, blauer Streifen hing über den Gletschern. Knut hatte das Abblendlicht eingeschaltet, und dort, wo es auf die Schneeränder traf, zeichneten sich schwarze Schatten auf dem weißen Schnee ab. Eigentlich konnte er im Licht der Scheinwerfer weniger sehen als ohne sie.
»Sie glauben doch nicht …« Ingrid Eriksen sprach leise, an Knut gewandt, wegen des Motorbrummens kaum zu verstehen. »Es ist doch wohl undenkbar, dass Leute mit so einer Veranlagung hier nach Longyearbyen kommen, ohne dass ihr davon wisst?«
Knut schüttelte den Kopf. »Wir kontrollieren die Leute, die nach Spitzbergen kommen, nicht. Oder haben Sie das wirklich geglaubt?«
»Nun, man liest ja so einiges in den Zeitungen und macht sich so seine Gedanken. Aber das ist wahrscheinlich zu weit hergeholt. So etwas passiert ja wohl eher auf dem Festland und nicht hier.« Die Kindergartenleiterin drehte den Kopf und schaute nach hinten. Aber Tone Olsen hatte nicht zugehört. Sie saß mit angespannter Miene da, versunken in ihre eigenen Gedanken.
Knut fuhr an der langen Reihe kleiner Reihenhäuser entlang, bis zu dem Haus, in dem Steinar Olsen und seine Familie wohnten. Es war das letzte auf der rechten Seite.
»Sein Auto ist nicht hier«, sagte Tone Olsen und spähte durch das heruntergekurbelte Fenster hinaus.
Neben dem kleinen Schuppen, der zwischen den Reihenhäusern hervorragte, war ein Autoparkplatz eingerichtet. Knut drehte sich um und sah einen Schneescooter, aber kein Auto. »Parkt er immer hier? Ihr habt keine Garage?«
Sie schüttelte den Kopf und schaute zum ersten Stock hoch. »Und im Wohnzimmer brennt auch kein Licht.«
Die Kindergartenleiterin sah Knut besorgt an. »Er hat auf unsere Anrufe nicht reagiert, ging weder an sein Handy noch am Festnetz dran. Wir haben keine Ahnung, in welchem Zustand er sich befindet.«
Knut überlegte noch, was er darauf erwidern sollte, da hatte Tone Olsen bereits die Wagentür geöffnet, war hinausgesprungen und die Treppe hochgelaufen. Sie drückte die Türklinke. Die Tür war unverschlossen, und sie verschwand im Inneren.
Die beiden anderen blieben am Auto stehen. Lauschten auf Stimmen oder andere Lebenszeichen aus dem Haus, aber es war nichts zu hören. »Wir sollten besser auch reingehen.« Knut nahm die Treppe in zwei großen Schritten und lief weiter hinauf in den ersten Stock.
Tone Olsen war direkt ins Wohnzimmer gerannt, ohne sich die Stiefel auszuziehen. Der Schnee schmolz in kleinen Pfützen auf dem Boden. Sie schaute hinter das Sofa, ging dann schnell in die Küche, lief wieder die Treppe hinunter und öffnete die Türen zu den beiden Schlafzimmern. Beide Räume waren leer. Kleider und andere Dinge, eine Haarbürste und ein Frotteehandtuch, lagen auf den Betten. Es sah aus, als hätten sie und ihre Tochter es morgens eilig gehabt, ihr Zuhause zu verlassen, bemüht, pünktlich im Kindergarten zu erscheinen. Die Kindergartenleiterin blieb im ersten Stock, während Knut versuchte, mit der hektischen Suche der Mutter Schritt zu halten. Schließlich begriff Tone, dass die Gesuchten nicht hier waren. Mit schweren, langsamen Schritten kam sie die Treppe hoch und blieb dann mitten im Raum stehen.
»Haben Sie heute Morgen mit ihm gesprochen?«
»Nein, aber ich wusste schon vorher, dass er zum Schacht sieben wollte. Da gab es irgendwelche Probleme mit dem Kohleabbau.«
»Er hat nichts Besonderes gesagt, als er ging?«
»Nein. Ella und ich sind weg, bevor er aufgestanden ist. Er hat verschlafen. Und ich hatte keine Lust, ihn zu wecken.« Tone Olsen schaute mit trotzigem Blick zur Seite.
»Sehen Sie irgendwelche Hinweise darauf, dass er mit Ella hier gewesen sein könnte, nachdem er sie möglicherweise aus dem Kindergarten abgeholt hat?«
»Nein, aber … ich habe ja nicht so genau darauf geachtet, wie es hier aussah, als wir gegangen sind. Ich meine, wir wohnen ja hier. Es sind immer dieselben Sachen, die herumliegen. Ihre Kleider … Nein, ich weiß es nicht.«
Trotzdem war da etwas, das in dem kleinen Zimmer ihrer Tochter nicht stimmte. Aber sie kam nicht darauf, was es war. Ein verzweifeltes Schluchzen entfuhr ihr. Sie war so sicher gewesen, dass Ella mit ihrem Vater zusammen war, und zwar hier zu Hause. Das Einzige, wovor sie sich gefürchtet hatte, war, dass er wieder getrunken haben könnte und den Streit vom Vortag fortsetzen wollte.
Sie drehte sich um und ging in die Küche, in der die Kindergartenleiterin an der Arbeitsplatte stand.
»Hier könnten sie gewesen sein.« Sie ließ sich auf einen Stuhl am Küchentisch fallen. »Ich glaube nicht, dass es heute Morgen hier so ausgesehen hat. Auf jeden Fall hat hier jemand Brot gegessen, nachdem wir gegangen sind.«
Knut schaute sich in der Küche um. Es stand noch Aufschnitt auf der Anrichte, Wurst und Leberpastete. Eine angebissene Brotscheibe lag auf dem Küchentisch neben einem Glas, in dem immer noch ein wenig Milch war.
»Sind Sie sich sicher, dass das nicht hier stand, als Sie heute Morgen weggegangen sind?«
Tone Olsen saß auf dem Küchenstuhl, das Gesicht in beide Hände gelegt.
»Ja, ich glaube schon … und Steinar trinkt keine Milch.« Sie stöhnte leise. »Was hat er nur getan? Wohin hat er sie gebracht? Oh, wenn ich sie nur wiederkriege, dann werde ich nie wieder mit ihm streiten. Aber wie kann ich ihm das sagen, wenn er nicht zu Hause ist? Was sollen wir tun? Können wir vielleicht übers Radio eine Suchmeldung schicken?«
Ingrid Eriksen ging zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Es ist nicht deine Schuld, Tone. Das darfst du nicht denken.«
»Vielleicht sollten Sie überlegen, offiziell eine Vermisstenanzeige aufzugeben?«, fragte Knut. »Aber vorher könnten wir die Plätze abklappern, an die Ihr Mann Ella eventuell mitgenommen haben könnte. Könnten sie im Café Schwarzer Mann oder im Kroa sein? Oder vielleicht zu Besuch bei irgendwelchen Freunden?«
Alle anderen erschreckenderen Gedanken behielt er für sich. Es war das Beste, möglichst ruhig zu bleiben, sonst würde die Mutter der Kleinen noch zusammenbrechen. Er wandte sich an die Kindergartenleiterin. »Könnten Sie uns helfen? Wenn Sie die Cafés anrufen und nachfragen, ob Steinar Olsen und Ella unter den Gästen sind oder waren, dann können Tone und ich eine Liste der Freunde aufstellen.«
Anne Lise Isaksen, die kommissarische Regierungsbevollmächtigte, war gerade mit dem Essen fertig, als Knut sie anrief. Sie lag ausgestreckt auf ihrem Sofa, die Kaffeetasse auf dem niedrigen, hässlichen Couchtisch aus verschossenem Kiefernholz in Reichweite. Die meisten der Wohnungen in Longyearbyen waren mit solchen Möbeln eingerichtet. Natürlich war es möglich, andere zu kaufen, modernere Möbel vom Festland, und dann selbst die Überführung zu organisieren. Doch das wäre mindestens doppelt so teuer wie hier auf der Insel, und deshalb verzichteten die meisten, die nach Spitzbergen zogen, darauf. Die Kiefernmöbel waren schon in Ordnung, sie waren robust und praktisch. Und es zog ja niemand für alle Zeiten hierher. In der Regel handelte es sich nur um zwei bis vier Jahre.
Sie blätterte nebenbei in einer Zeitschrift, während sie mit ihm telefonierte. Doch schon bald wurde ihr der Ernst der Lage bewusst. »Eines der Kinder aus dem Kindergarten ist verschwunden?«, fragte sie ungläubig. »Meine Güte, es ist doch bitterkalt draußen. Wenn sie sich verlaufen hat! Oder in einer Schneewehe liegt und nicht aus eigenen Kräften herauskommt!«
Knut verwies auf den Familienstreit vom Abend zuvor und auf Tone Olsens feste Überzeugung, dass es ihr Mann war, der das kleine Mädchen abgeholt hatte. Aber die oberste Beamtin unterbrach ihn: »Können wir es uns leisten, die Zeit deshalb untätig verstreichen zu lassen? Und wenn das Mädchen jetzt tatsächlich verschwunden ist, und es ist nur ein Zufall, dass Steinar Olsen nicht zu finden ist?« Sie hatte sich erhoben, stand jetzt mitten im Raum. »Ich gebe dir eine Stunde. Wenn das Mädchen bis dahin nicht gefunden wurde, dann schlagen wir Alarm.«
Steinar und Ella Olsen waren in keinem der Cafés in der Stadt. Sicherheitshalber hatte die Kindergartenleiterin auch noch die Hotels und Kneipen angerufen. Aber niemand hatte Vater und Tochter gesehen. Nach einigem Nachdenken hatte sie die beiden anderen Angestellten des Kindergartens verständigt. Zu dritt teilten sie sich die Eltern untereinander auf und riefen alle mit neu aufkeimender Hoffnung an. Schon der nächste, der ans Telefon ging, konnte dieser unwirklichen Situation ein schnelles Ende setzen. Ingrid Eriksen konnte die Worte bereits deutlich auf der Zunge fühlen. »Vielen, vielen Dank, das ist wirklich gut zu hören. Nein, wir haben uns nur ein wenig Sorgen gemacht, weißt du. Da keiner Tone gesagt hat, dass Ella zu euch mit nach Hause gehen wollte. Das Ganze war sicher nur ein Missverständnis. Vielen, vielen Dank noch einmal.« Aber dazu kam es nicht. Sie ernteten nur Verwirrung, Neugier und beunruhigte Fragen. Ella war mit keinem der anderen Kinder nach Hause gegangen.
Knut wurde langsam ungeduldig. Natürlich würde das Kind bald wieder auftauchen. Niemand verschwand einfach so auf Spitzbergen. Im Winter war die Inselgruppe so gut wie isoliert, abgesehen von dem täglichen Flugzeug vom Festland. Sie wussten, wer in Longyearbyen wohnte, wer zu Besuch kam und wer wieder abreiste. Aber gleichzeitig kam ihm ein anderer Gedanke. Das Gleiche hatten sie schon einmal im Büro des Bevollmächtigten behauptet – und es war noch gar nicht so lange her. Und damals hatte alles mit einer Leiche geendet.
KAPITEL 3Schatten
In Spitzbergens kohlrabenschwarzen Gruben,
wo niemals die Sonne am Horizont steht.
Wo nichts als das Dunkel der Ewigkeit herrscht,
ein Dunkel, das niemals vergeht.
Mittwoch, 3. Januar, 08.20 Uhr
Frühmorgens tauchte Steinar Olsen im Personalbüro auf, nervös und sich durchaus bewusst, dass er diese Chance unbedingt nutzen musste. Es war sein erster Arbeitstag als Bergbauingenieur bei der Store Norske Spitsbergen Kulkompani AS in Longyearbyen.
»Sie haben nur eine einzige Chance, um einen guten Eindruck zu hinterlassen, das wissen Sie?«, hatte ihm der Sachbearbeiter im Personalbüro mit freundlicher Stimme mitgeteilt, nicht ahnend, wie sehr er den neuen Bergbauingenieur damit erschreckte. Aber bei der Store Norske konnten sie ja nichts von dem peinlichen Ende seiner Tätigkeit bei seinem vorherigen Arbeitgeber in Tromsø wissen. Das hatte er natürlich nicht im Bewerbungsgespräch erwähnt gehabt – und es gab wohl kaum jemanden in der Gemeinde auf dem Festland, der laut darüber reden wollte.
Der Mann im Personalbüro in dem großen blaugestrichenen Gebäude unten an den Kais hatte nur nett sein wollen. Steinar Olsen sollte in Schacht 7 herumgeführt werden, bevor am nächsten Tag seine Arbeit ernsthaft beginnen würde. Aber in letzter Sekunde bekam der Mann einen Anruf, und Steinar Olsen musste sich einen Wagen leihen und allein hinauffahren. Er sollte zur Schachtanlage, wie der Mann ihm erklärte. Das war nicht schwer zu finden. Es gab nur die eine Straße aus der Stadt hinaus. Außerdem hieß sie Schacht-7-Weg. Steinar sollte einfach den Lastwagen entgegenfahren, bis er die gigantischen Eingänge zum Bergwerk sah. Das war nicht zu verfehlen.
Die Straße den Berg hinauf war steil und kurvig mit scharfen Biegungen. Nach Longyearbyen hin ging es rechter Hand direkt einen eisglatten Felshang hinunter. Kam hier ein Auto von der Straße ab, würde es erst unten im Tal Halt machen. Ein niedriges Aluminiumgitter zeigte deutliche Spuren von Autos, die dort entlanggeschrammt waren. Eine dünne Schicht Neuschnee lag auf dem Eis. Steinar fuhr dreißig, und jedes Mal, wenn ihm einer der riesigen Lastwagen mit Kohle begegnete, blieb er fast ganz stehen. An der einzigen Kreuzung oben auf der Kuppe des Berges bog er falsch ab und hatte verschwitzte Hände, als er auf einer lächerlich kleinen Ausbuchtung wenden musste.
Das Tagewerk, das zu Schacht 7 führte, lag ins Gebirge eingeklemmt. Er parkte den Wagen vor ein paar Baracken und hastete über den eisbedeckten Boden, der von Kohlenstaub und Kies nur noch rutschiger war. Die Tore hinein in die Grube waren riesig, sicher doppelt so hoch wie ein normales Wohnhaus. Kleinere Eingangstüren normaler Größe führten in die gigantische Halle drinnen. Das Gebäude beherbergte eigentlich nichts anderes als einen Platz, von dem aus die Jeeps mit der jeweiligen Mannschaft in den Berg hinein und wieder hinaus fuhren. Die Kohle wurde auf einem Transportband an anderer Stelle ans Tageslicht befördert. Dieser Eingang war für Menschen und Gerätschaften gedacht.
An einer Seite des Hangars stapelten sich mehrere Containerbaracken übereinander. Ganz oben in einem Fenster stand ein Mann und beobachtete das Geschehen. Er hatte die Ohrenschützer auf die Stirn geschoben und winkte Steinar zu, zur anderen Seite zu gehen, als er entdeckte, wie dieser mit zögerlichen Schritten auf die Baracken zuging.
Der neue Grubeningenieur war spät dran. Als er in den Umkleideraum geeilt kam, war die Tagesschicht bereits auf dem Weg zum Transport in den Berg. Eine Gruppe Männer in Arbeitskleidung mit ausdruckslosen Gesichtern, aber wachsamen Augen drängte sich an ihm in der Türöffnung vorbei, ohne seinen Blick zu erwidern. Der Steiger lief hinter den anderen her, sagte schnell im Vorbeigehen: »Lars Ove und Kristian nehmen dich im Grubenjeep mit hinunter. Sie werden dich herumführen und können alle deine Fragen beantworten.« Damit verschwand er, aber seine Stimme war noch durch die halboffene Tür zu hören. »Kristian, gib ihm Kleidung und die Sicherheitsausrüstung. Einen blauen Helm, keinen weißen. Und macht keinen Quatsch. Ihr wisst schon, was ich meine.« Und nach kurzem Zögern noch an den neuen Grubeningenieur gerichtet: »Ja, herzlich willkommen bei uns. Ich hoffe, es wird dir hier gefallen. Das wird sicher …« Die Stimme verschwand in dem Dröhnen eines aufheulenden Motors, der gestartet wurde.
Steinar Olsen schaute sich in dem schmutzigen Raum mit den abgenutzten Metallspinden an zwei Wänden um. Kisten mit Helmen und Stiefeln standen unter einem fleckigen Spiegel. Eine Reihe Waschbecken hing an einer Schmalseite. Ein anderer Schrank, breiter und niedriger als die Garderobenspinde, enthielt laut einem aufgeklebten Zettel »Sauerstoffselbstretter, Masken, Batterien für Helmlampen«.
Zwei Männer saßen noch auf den niedrigen Holzbänken mitten im Umkleideraum. Sie sollten den Neuen herumführen und ihn mit den Sicherheitsvorschriften wie auch mit ungeschriebenen Gesetzen vertraut machen. »Sorgt dafür, dass er sich im Team willkommen fühlt«, wie der Steiger sich hilflos ausgedrückt hatte. Aber die beiden hatten andere Pläne. Ohne große Eile saßen sie da und rauchten zu Ende, einen Metallaschenbecher, der bis zum Rand mit Kippen gefüllt war, zwischen sich.
»Morgen«, sagte der neue Grubeningenieur und blieb in der Türöffnung stehen.
Die beiden Kumpel standen langsam auf, hatten keine Eile, zu ihm zu kommen. Als Grubeningenieur würde der Neue keinen direkten Einfluss auf ihren Alltag haben. Als der Steiger sie gefragt hatte, ob sie ihn herumführen könnten, hatten sie nicht gerade vor Begeisterung gejubelt. »Warum gerade wir? Kann das nicht einer aus dem Büro oder der Grubenleiter oder …«, hatte Lars Ove in mürrischem Ton protestiert. Der Steiger hatte seine Wut hinuntergeschluckt und geduldig geantwortet, dass sie doch sicher auch wussten, dass am Ende des Transportbandes im Stollen ein Problem entstanden sei und der Grubenleiter wie der Steiger damit den ganzen Vormittag beschäftigt sein würden. »Ist mir doch scheißegal«, hatte Kristian erwidert, womit er die meisten Gespräche beendete.
Nur aus reinem Jux – und weil die beiden Bergwerksveteranen dafür bekannt waren, dass sie das gerne mit Leuten machten, die neu waren – hatten sie die Absperrung vor einem Durchbruch entfernt, der zu einem schon lange geschlossenen Stollen führte. Dieser Stollen war bereits seit vielen Jahren geschlossen, aber dennoch zog irgendetwas immer wieder Leute dorthin – es gab etwas Unheimliches dort in dem Dunkel, die niedrigen, ungesicherten Gänge hatten etwas Bedrohliches und gleichzeitig Geheimnisvolles an sich. Die beiden Führer hatten geplant, mit dem Jeep ein Stück hineinzufahren und waren gespannt darauf, ob der neue Ingenieur erkennen würde, dass es so in einem modernen Kohlenbergwerk nicht aussah. Soweit sie wussten, hatte er in Tromsø gearbeitet, bevor er nach Spitzbergen gekommen war – irgendetwas war dort mit irgendeiner Anlage in dem Tunnel passiert, der von einer Seite der Insel zur anderen führte.
Anfangs führten sie sich für ihre Verhältnisse mustergültig auf. Sie stellten sich vor, hießen den neuen Ingenieur willkommen und versahen ihn mit Overall, Sicherheitsstiefeln und Helm mit Leuchte. Sie befestigten die Batterie an seinem Gürtel und gaben ihm Staubmaske, Sauerstoffbehälter und Selbstretter. Doch dann, als er sich langsam entspannte, begannen sie ihn das Fürchten zu lehren, indem sie ihn mit ernster Miene vor allem warnten, was passieren konnte. Sie tauschten Blicke aus. Sie schüttelten wortlos den Kopf, als würden sie bestimmte Informationen zurückhalten. Und schließlich hatten sie ihm erklärt, dass er in dem offenen Grubenjeep flach auf dem Rücken liegen musste, damit der Kopf nirgends anstieß, gegen Geräte, Kabel und Felsen, die aus der Decke herausragten. Aber das wusste der Neue sicher alles bereits schon? Er zuckte jedenfalls nur mit den Schultern. Er und Angst? Nein.
Ungefähr zehn Minuten lang fuhren sie normal, aufrecht sitzend, einen breiten Hauptweg entlang hinein in den Berg. Das war der Lebensnerv der Grube – ein Stollen mit angenehmer Deckenhöhe, Stützkonstruktionen aus stehenden Baumstämmen entlang den Wänden und ausreichend Licht, um gut nach vorn und seitwärts sehen zu können. Doch dann näherten sie sich der Strosse Nummer 12. Hier kam nach einer scharfen Kurve die Verbindung zu dem geschlossenen Stollen zum Vorschein. Der alte Absatz zeigte ihnen sein schwarzes, ungewöhnlich niedriges Maul. Die Chefs hatten so eine Ahnung, dass er für das Eine und Andere benutzt wurde, und deshalb hatte die Grubenleitung streng verboten, hineinzufahren. Aber in der ganzen Zeit, seitdem sie für die Gesellschaft arbeiteten – Kristian seit sechs Jahren und Lars Ove sogar seit neun –, hatten sie noch nie von jemandem gehört, der in dem alten Stollen von herabfallenden Brocken verletzt worden war.
Der niedrige Jeep mit dem großen breiten Planverdeck bog auf den schmalen Weg ein und schaukelte auf dem unebenen Untergrund von einer Seite zur anderen. Über der Öffnung zu dem Absatz hing eine einsame Glühbirne, danach war Schluss mit der Beleuchtung. Nur die Autoscheinwerfer reichten ein kurzes Stück die schwarzen Felswände entlang, die nach dem Kohleabbau uneben und voller spitzer Ecken waren. Der neue Ingenieur lächelte den anderen nervös zu und legte sich flach auf den Boden des Jeeps, den Kopf auf einer Nackenstütze ruhend.
Kristian packte ihn bei den Schultern und rief gegen das Motordröhnen an: »Jetzt begreifst du wohl, warum wir für mehr Lohn kämpfen. Es gibt in der norwegischen Wirtschaft keinen schlimmeren Job. Das kann mir keiner erzählen. Und die Chefs, die sitzen warm und trocken auf ihren Bürostühlen und scheffeln das Doppelte von dem, was wir kriegen.«
Der neue Ingenieur hatte nichts von einem Lohnkampf im Betrieb gehört, nickte aber mit blasser Miene. Nach fast einem Jahr Arbeitslosigkeit war er froh, wieder einen Job gefunden zu haben. Und er war zufrieden mit all den Aufschlägen. Doch im Augenblick war nicht die Zeit, daran zu denken. Sie fuhren weiter in den Gang hinein, der immer niedriger und enger wurde. Bald schrammte der Jeep an den Seiten gegen den Fels, und sie kamen nur langsam voran. Zwei Kohlestückchen fielen auf sie herab. Der Staub wirbelte im Licht der Helmlampen auf. Der neue Ingenieur hustete und suchte nach der Maske, um zu verhindern, dass Kohlenstaub in seine Lungen drang.
Lars Ove lag fast auf dem Fahrersitz, den Kopf auf der Nackenstütze, und lenkte den Jeep an einen Punkt, an dem sich der alte Gang teilte und der Weg in mehrere Richtungen weiterführte. Sie schafften es kaum, an einem alten Holzschuppen vorbeizukommen. Der Jeep fuhr noch ein kleines Stück weiter, bremste dann, und der Motor wurde in Leerlauf gestellt. So blieb er stehen, leise brummend, zitternd wie ein Tier. Kristian und Lars Ove schälten sich aus den Sitzen, blieben auf den Knien, den Kopf unter der niedrigen Decke gesenkt.
Sie winkten dem Neuen zu. Der sah bereits verängstigt genug aus. Sie mussten ihm wohl langsam beichten, dass sie ihn zum Narren gehalten hatten. Doch der neue Grubeningenieur kam ihnen zuvor. »Ich sehe hier aber keine Spuren von aktiver Arbeit. Wo sind denn die Geräte, Transportband und so weiter?« Er musterte blinzelnd den Bereich vor den Wagenscheinwerfern. Dann hockte er sich plötzlich tief auf den Boden, als das Geräusch von Steinen zu hören war, die dort in der Dunkelheit irgendwo herunterfielen. Er wollte nicht gerade behaupten, dass die beiden Veteranen sich verfahren hatten. Aber er hoffte doch, dass sie so bald wie möglich umkehrten und ihn hier wieder rausbrachten.
Kristian drehte den Kopf, so dass seine Lampe ein paar Meter in den Gang hinein schien. Das Licht traf auf einen Haufen heruntergefallener Steine, die fast die ganze Öffnung bedeckten. »Nein, du hast Recht«, sagte er. »Aber wir wollen dir noch den Ort zeigen, wo einer unserer Kameraden sein Leben verloren hat. Einen Ort, an den wir jeden Tag, den wir unter Tage sind, denken.«
Lars Ove drehte sich verblüfft um. Wovon redete Kristian da? Es hatte seit vielen Jahren kein Unglück mehr in Schacht 7 gegeben, seit den frühen Achtzigern nicht, als Per Leikvik von einer Steinlawine begraben worden war. Aber er war lebend davon gekommen, wenn man auch zugeben musste, dass er nie wieder der Alte geworden war. Er konnte nicht mehr einfahren, wie es hieß, und deshalb hatte er einen Job als Mädchen für alles über Tage bekommen.
»Und das kann wieder passieren«, fuhr Kristian fort. »Wer die alten Gruben unterschätzt, der wird bald merken, wie sie Rache nehmen.«
»Nun komm schon, Kristian. Fahren wir zurück.« Lars Ove war der Meinung, der Spaß wäre weit genug gegangen. Der neue Ingenieur schaute verwirrt von einem zum anderen. So langsam dämmerte ihm, dass sie Schabernack mit ihm getrieben hatten. Aber er wollte seine Angst um keinen Preis zeigen.
Plötzlich erlosch das Licht in Lars Oves Helmlampe. »Scheiße«, fluchte er. »Jetzt reicht es aber. Komm, wir bringen ihn jetzt vor Ort, sonst wird der Steiger uns noch was erzählen.«
Doch sein Kamerad leuchtete unverwandt weiter in den schwarzen Gang vor ihnen hinein. »Hör das Knacken. Das ist der Berg selbst, der uns warnen will. Der Berg lebt, weißt du.« Er drehte sich um und leuchtete in das blasse Gesicht des Neuen. Sie blieben alle drei stehen, ohne etwas zu sagen. Das Motorengebrumm des Jeeps dröhnte leise einige Meter von ihnen entfernt. Aber sie hörten deutlich noch andere Geräusche – das Glucksen von Wasser, das die Wände entlang lief und auf den Boden traf, das Knacken im Fels, ein paar scharfe Töne von Steinen, die sich lösten und fielen.
»Es heißt, dass es natürliche Risse im Fels gibt, einige so breit, dass man sich hindurchzwängen kann. Keiner weiß, wohin diese Risse führen. Aber es gibt Leute, die behaupten, sie hätten tief da drinnen Schatten gesehen. Und etwas gehört.« Wieder machte er eine Pause. »Tja, wer weiß!« Aber jetzt hatte auch Kristian langsam genug. Es war an der Zeit, aus dem alten Gang herauszukommen, bevor er noch selbst an das glaubte, was er da erzählte.
Steinar Olsen stand dicht am Jeep. Er drehte sich um, und dabei huschte das Licht seiner Helmlampe über den Weg, den sie gerade gekommen waren. Plötzlich stieß er einen verängstigten Ruf aus. Er zeigte direkt auf die Felswand. »Was? Was ist das?« Kristian packte ihn beim Arm, aber Lars Ove drängte sich dazwischen. Er lief zum Jeep und warf sich auf den Fahrersitz. Die beiden anderen schafften es gerade noch, sich in das Fahrzeug zu schmeißen und flach hinzulegen, bevor er es rückwärts hinausmanövrierte.
