Suche Vegetarier zum Anbeißen - Cora Gofferjé - E-Book

Suche Vegetarier zum Anbeißen E-Book

Cora Gofferjé

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Beschreibung

Das Leben als frisch gebackene Vegetarierin kann ganz schön anstrengend sein! Besonders wenn man einen Vater hat, der Wurstfabrikant ist. In Lanas Heimatort wird sogar eine einfache Essensbestellung zum Spießrutenlauf, jeder Kellner sieht sie an, als ordere sie karierte Maiglöckchen. Da kommt die Auszeit auf einem Bio-Bauernhof mit Freundin Feli gerade recht! Und bei Nic, dem Sohn des Bauern, muss auch Lana feststellen, dass nicht nur Gemüsebratlinge zum Anbeißen sind ... Frech, mit Witz und garantiert ohne Fleisch!

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Autorenvita:

Cora Gofferjé, Jahrgang 1965, lebt mit ihrem Mann und Sohn in Essen. Mit einem Magister-Abschluss in Englisch, Kommunikationswissenschaften und Psychologie startete sie schon während des Studiums ihre Medienlaufbahn. Doch Redakteurin, Producerin und Lektorin waren ihr nicht genug. Es muss noch etwas anderes geben!, dachte sie sich und erinnerte sich an den Spruch ihrer Mutter: »Unsere Cora hat Phantasie mit Schneegestöber!« Es war an der Zeit, herauszufinden, was damit gemeint war. Die Reise in die Welt der Phantasie führte sie über die Internationale Filmschule Köln, wo sie das Drehbuchschreiben lernte, nach Amerika und von dort kehrte sie mit vielen spannenden Geschichten im Gepäck zurück.

Buchinfo:

Das Leben als frisch gebackene Vegetarierin kann ganz schön anstrengend sein! Besonders wenn man einen Vater hat, der Wurstfabrikant ist. Sogar eine einfache Essensbestellung wird zum Spießrutenlauf, denn jeder Kellner sieht Lana an, als ordere sie karierte Maiglöckchen. Da kommt die Auszeit mit Freundin Feli gerade recht! Auf dem Bio-Bauernhof muss Lana feststellen, dass nicht nur Gemüsebratlinge zum Anbeißen sind, sondern auch Nic, der Sohn des Bauern …

Frech, mit Witz und garantiert ohne Fleisch!

Für

Mutzemann!

Gerade als ich mit meiner Vespa in unsere Einfahrt einbiege, höre ich Papa bis auf die Straße hinaus wettern. »Junger Mann, Ihre Anrufe sind hier unerwünscht!«

Schnell stelle ich den Motor aus und schiebe den Roller in die Garage. Am besten schleiche ich mich ins Haus, ich habe keinen Bock, ihm zu begegnen, wenn er in so einer Laune ist.

Vorsichtig drehe ich den Schlüssel im Schloss herum und öffne sachte die Haustür. Durch den Spalt kann ich sehen, wie er den Telefonhörer auf die Station knallt, die Hände in die Hüften stemmt und weitermeckernd durchs Wohnzimmer Richtung Garten marschiert. »Unerhört, diese jungen Männer heutzutage!«

Unbemerkt husche ich die Treppe hinauf. Als ich an der Zimmertür meiner Schwester vorbeikomme, raune ich ihr durch den halb geöffneten Türspalt zu: »Wer hat den denn schon wieder gebissen?«

»Ach, der hat sie doch nicht alle!«, kommt es wütend zurück.

Neugierig öffne ich die Tür und linse hinein. Im selben Moment wirft Ava die Schublade ihrer Kommode mit einer derartigen Wucht zu, dass die Frontklappe jetzt schief herunterhängt.

Huh, die ist ja hochexplosiv. Ich quetsche mich an der Kommode vorbei in ihr Zimmer. »Was is’n los?«, frage ich und versuche, die Schublade provisorisch zu reparieren.

»Papa hat mich beim Rauchen erwischt.« Ava fletscht die Zähne. »Und jetzt tut der fast so, als wäre ich Lindsay Lohan und er hätte mich aus einer Ausnüchterungszelle holen müssen!«

»Du rauchst?«, frage ich verblüfft.

»Boah, nee, Lara, wir haben uns zwar die Plazenta geteilt, aber wahrscheinlich hat die wesentliche Prägung unserer Charaktere in den getrennten Fruchtblasen stattgefunden«, blafft sie mich unfairerweise an.

»Jetzt mach mich doch nicht so an, ich kann ja schließlich nichts dafür, dass du Stress hast!«, meckere ich zurück.

»Ts, das muss sich mal einer vorstellen«, Ava schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn, »das ist so ein alter Fuchs, unser Vater. Wie der dahintergekommen ist, war richtig fies, um nicht zu sagen hinterlistig.«

Arme verschränkend hocke ich mich aufs Bett.

»Erzähl!«

»Da putze ich mir bei Jan extra noch drei Mal die Zähne. Drei Mal!« Zur Verdeutlichung hält sie Daumen, Mittel- und Zeigefinger der rechten Hand in die Luft. »Und als ich nach Hause komme, lasse ich Papa siegessicher an meinem perlweiß-reinen Atem schnuppern, sogar noch bevor er mir befiehlt: Hauch mich mal an!«

Jetzt muss ich doch grinsen, denn sie imitiert Papas strengen Tonfall eins zu eins.

»Ich hauche. Er riecht …« Mit einer künstlichen Pause spannt sie mich absichtlich auf die Folter.

»Ja, und dann?«, will ich ungeduldig wissen.

»Nimmt der doch glatt meine Hand und schnüffelt wie so ein Drogenhund an meinen Fingerkuppen!« Demonstrativ hält sie mir diese jetzt direkt unter die Nase.

»Aha!« Mir ist immer noch schleierhaft, worauf sie hinauswill.

»Und?« Sie reckt ihr Kinn ruckartig vor. »Wonach rochen die wohl?«

»Phhhh …« Ahnungslos hebe und senke ich die Schultern. »Woher soll ich das wissen!«

»Nach NIKOTIN, du Schaf!«

Aufgebracht kickt sie mit dem Fuß gegen die Kommode, was der angeknacksten Schublade den Rest gibt – die vordere Platte knallt mit voller Wucht auf den Boden.

»Die hatte ich natürlich nicht vorher geschrubbt, wer kann das auch ahnen?« Ava wedelt mit den Händen in der Luft herum.

»Und was glaubst du wohl, was er dann gesagt hat?«

»War das eine rhetorische Frage?«, antworte ich mit einer Gegenfrage, bevor ich den Standardspruch unseres Vaters zitiere. Dabei hebe ich den ermahnenden Zeigefinger in die Luft, so wie er es immer macht. »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!«

»Es gibt Essen«, brüllt Papa im selben Moment von unten hoch.

Ich zucke zusammen, weil ich mich ertappt fühle.

»Er hat den Grill angeschmissen«, stellt Ava mit genervtem Gesichtsausdruck fest. »Wir sollen Vorkoster sein für die toskanischen Rostbratwürstchen, die er neu im Sortiment hat. Aber die kann er von mir aus alleine essen, oder sich sonst wo hinstecken. Ist mir scheißegal, ob die gut sind oder nicht …«

Schnüffelnd recke ich die Nase in die Luft. »Riechen tun sie jedenfalls genial!«

Ava stößt mir säuerlich ihren Ellenbogen in die Rippen. »Du erkennst wohl gar nicht den Ernst meiner Lage, was?«

»Doch, klar. Sorry«, entschuldige ich mich, »aber ich hab grad Hunger bis hier!« Mit der Handkante deute ich an meine Nasenspitze.

Ava ziert sich beleidigt und verschränkt ablehnend die Arme vor der Brust.

»Dann geh doch! Ich bleib jedenfalls hier.«

»Komm schon, das ist doch albern und Papa kriegt sich sicher gleich wieder ein. Wenn der Magen voll ist, dann fällt die Strafe bestimmt weniger heftig aus«, versuche ich sie zu locken.

»Zu spät.« Sie zieht die Mundwinkel nach unten. »Einen Monat Unkraut-pflück-Dienst hat er mir bereits aufs Auge gedrückt.«

»Blöd!« Mitleidig verziehe ich den Mund. »Na ja, von dem einen Monat sind wir ja jetzt zwei Wochen im Urlaub.«

»Die Strafe geht nach den Ferien weiter!«

Ich rümpfe die Nase. »Das ist jetzt echt fies von ihm. Aber ich hatte ehrlich gesagt noch viel Schlimmeres befürchtet«, sage ich halbwegs erleichtert.

»Und in der Fabrik muss ich ab sofort jeden Samstag zum Dienst antreten!«, schiebt sie daraufhin hinterher.

»Scheiße!«

»Genau«, bestätigt sie schniefend, »ich bin so froh, wenn Mama wieder da ist.«

»Ich auch«, sage ich nickend und hake sie unter, um mit ihr die Treppe hinunterzugehen. »Komm schon, vielleicht können wir ihn doch noch auf eine Woche runterhandeln.«

Ava stößt einen verzweifelten Laut aus.

»Wir müssen ihn bei Laune halten.«

Daraufhin beuge ich mich aus dem Flurfenster und brülle zu ihm hinunter: »Ich nehme dreihei!«

»Aye, aye«, ruft Papa aus dem aufsteigenden dichten Qualm und winkt mir freudig mit der Grillzange zu, bevor er noch ein paar Würstchen nachlegt.

Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und ich schlucke vernehmlich.

»Das nennt man vermehrten Speichelfluss«, stellt Ava trocken fest.

»Jo«, bestätige ich und deute mit dem Finger auf Papa. »Der ist doch anscheinend wieder ganz gut drauf.«

»Schön für ihn«, murrt Ava immer noch unversöhnlich. »Trotzdem habe ich die Gartenarbeit und die Wursttheke an den Hacken.«

»Ich kann dir ja helfen«, biete ich dumme Nuss ihr spontan an, damit hier gleich wieder gute Stimmung herrscht, denn mir schlägt Streit immer auf den Magen, und prompt erwidert sie: »Lieb von dir!«

Ein zufriedenes Lächeln umspielt ihren Mund, als sie jetzt an mir vorbei die Treppe hinuntertänzelt.

Ich mit meiner sozialen Ader. Warum kann ich nicht ein Mal die Klappe halten? Mein liebes Schwesterherz hätte mir doch nie im Leben ihre Hilfe angeboten.

»Hast du eigentlich mitbekommen, wer da gerade angerufen hat?«, will ich von ihr wissen.

»Das war Jan. Wetten?«, verkündet sie überzeugt.

»Da hat so ein Paul für dich angerufen, Lana«, sagt Papa mit zusammengezogenen Augenbrauen, als wir auf die Terrasse treten, und mustert mich kritisch.

»Paul? Ach ja, der ist neu in meiner Klasse«, lasse ich so gleichgültig wie möglich verlauten, dabei sterbe ich gerade vor Anspannung, »wollte bestimmt die Hausaufgaben wissen.«

Ava beobachtet jede meiner Regungen, sie weiß genau, dass ich seit Monaten wie wahnsinnig hinter Paul her bin.

»Aha, und warum ausgerechnet von dir?«, hakt Papa misstrauisch nach und legt mir eine Wurst auf den Teller.

Wie eine Geistesgestörte warte ich täglich auf einen Anruf von Paul und renne bei jedem Klingeln an den Apparat. Nur heute, ausgerechnet dann, wenn es passiert, geht Papa dran. Hoffentlich ist das hier nur ein Traum, testend kneife ich mir in einem Anflug von Verzweiflung in den Arm.

»Autsch«, quietsche ich und reibe mir die gequetschte Stelle.

»Lana, träumst du? Ich warte auf eine Antwort. Wieso ruft der ausgerechnet bei dir an?«, bohrt Papa weiter nach.

»Keine Ahnung …«, antworte ich und blicke Hilfe suchend zu Ava.

»Vielleicht weil sie Klassenbeste ist«, steht die mir prompt mit einem schlagenden Argument bei.

Ich werfe ihr einen dankbaren Blick zu, wenn es um Papa geht, halten wir zwei immer zusammen.

»Na, wenigstens eine von euch, die sich auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren scheint. Löblich, löblich, Lana.«

Ups, wie gut, dass er jetzt Avas Blick nicht sehen kann, denn der durchbohrt soeben sein Rückenmark.

Plötzlich dreht er sich um und mustert uns eindringlich. »Ich weiß, dass ihr das nicht hören wollt, ich weiß auch, dass ihr meint, ihr wärt alt genug, und sicher denkt ihr, euer Vater sei altmodisch und spießig, aber glaubt mir … ich will wirklich nur euer Bestes! Drogen können …«

»Papa, ich habe eine Zigarette geraucht«, jammert Ava, »mehr nicht!«

»Ja, aber das ist eine Einstiegsdroge!«

»Das ist jetzt nicht dein Ernst!« Stöhnend verdreht sie die Augen.

»Doch! Und das mit den Jungs und so … also, was da alles passieren kann …« Er stottert unsicher herum. »Ihr wollt doch nicht euer ganzes Leben versauen.«

»Ich fasse es nicht!« Ava greift sich an den Kopf.

»Vielleicht solltet ihr besser mal mit Mama … also wenn sie wieder da ist, dann müsst ihr unbedingt mit ihr reden.«

»Jo, machen wir.« Ava klingt gespielt kooperativ und reißt ungläubig den Mund auf, als er sich umdreht, um den Ketchup vom Beistelltisch zu nehmen.

Die Atmosphäre am Tisch wirkt gequält und ab jetzt ist Ava nicht mehr die Einzige, die es kaum noch erwarten kann, dass das Essen endlich vorbei ist.

Unruhig rutsche nun auch ich auf dem Stuhl hin und her. Feli und Josie werden platzen, wenn ich ihnen die Neuigkeit erzähle.

»Ich muss heute ein bisschen früher in den Ruderklub«, verkünde ich und schlinge noch eilig den letzten Wurstzipfel hinein, bevor ich aufstehe. »Ich bring kurz meinen Teller in die Küche, dann muss ich los.«

Ava will ebenfalls aufbrechen. »Genau, ich geh dann auch mal.«

»Du, mein liebes Kind, kannst ja schon mal da vorne anfangen.« Papa deutet mit der Gabel auf das Beet neben der Garage.

»Dein Alter ist ja ein echter Scharfzahn!«, begrüßt Paul mich, als ich mit Feli und Josie die Treppe zu unserem Ruderklub hochsteige.

Erschrocken fahre ich zurück. Oh Gott, Paul hier auch noch leibhaftig zu treffen, darauf war ich jetzt nicht vorbereitet, ich musste mich ja gerade erst mal mit dem Gedanken anfreunden, dass er mich angerufen hat.

»Ist der immer so unfreundlich?«, fragt Paul mit einem Gesichtsausdruck, der Entsetzen, Mitleid und Unverständnis widerspiegelt. Eine Kombination, die ich jedes Mal sehe, wenn ein Junge das erste Mal meinem Vater begegnet ist oder sogar nur mit ihm telefoniert hat.

»Was soll sie sagen? Dass ihr Vater wie ein Schießhund auf seine Töchter aufpasst und sie am liebsten ins Kloster stecken würde?«, kommt es da ungefragt aus Josies Mund.

»Ich dachte mir schon, dass du im Ruderklub bist, deshalb bin ich hierhergekommen.« Paul überhört Josies Kommentar einfach.

»Ach, dann hast du also angerufen?!«, frage ich debil, denn ich bin noch immer in Schockstarre.

»Dann schieß mal los!«, fordert ihn Josie auf, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie positioniert sich wie ein Schutzschild vor mir. »Was wolltest du denn von ihr?«

»Wow …«, Paul nickt anerkennend in Josies Richtung. »Das ist krass!«

Spinnt die?

»Gleich zwei Bodyguards, du wirst ja echt streng bewacht«, stellt Paul grinsend fest.

»Am besten gebe ich dir meine Handynummer«, schlage ich vor.

»Personenschutz brauchst du bei dem aber auch«, murmelt Josie abfällig.

Mein strenger Seitenblick auf sie bewirkt leider genau das Gegenteil.

»Kann man dich auch allein sprechen?«, fragt Paul. »Unter vier Augen?«

»Soll das etwa ’n Date werden, oder was?«, will Josie es jetzt nur noch genauer von ihm wissen, anstatt endlich mal die Klappe zu halten.

»Josie!« Ich hör wohl nicht richtig, gleich springe ich ihr an die Gurgel. Als sie mein erbostes Gesicht sieht, hält sie abwehrend die Hände vor den Körper.

»Hey, war nur ’ne Frage, okay? Alles locker. Er braucht ja nicht zu antworten.«

»Lieb von dir, Josie«, sagt Paul kühl. »Er antwortet aber.«

Paul bleibt so souverän, er lässt sich von Josie nicht provozieren, ich wette, der lässt sich von niemandem einschüchtern. Ich seufze verliebt auf.

Er wendet sich zu mir.

»Okay, eigentlich wollte ich nur fragen, ob du mir Mathenachhilfe geben kannst. Das ist mein zweiter Abi-Anlauf, wenn ich’s dieses Mal vergeige, dann kann ich einpacken.« Er beißt sich so süß auf die Unterlippe. »Tja, und dann heißt’s Studium ade und ich will doch eigentlich Marketing studieren.«

Der scheint ja echt einen festen Willen zu haben! Ziele und Pläne! Es imponiert mir, wenn sich jemand für etwas einsetzt.

»Meine Mutter meinte, jemand mit Mathe-LK könnte mir am besten helfen. Und da bist du mir sofort eingefallen.«

»Da gibt’s doch noch hundert andere!«, bemerkt Josie mit ausschweifender Handbewegung.

»Ja, aber ich kann halt nicht bis hundert zählen«, sagt Paul. »Bei eins hört’s leider schon auf. – Hast du Zeit, Lana?«

Als er meinen Namen sagt, werden meine Knie weich wie Panna Cotta. Schwankend halte ich mich an Feli fest, denn die stabilisiert mich immer so schön.

»Alles wird gut«, flüstert sie dann auch beruhigend.

»Und Lust?«, fragt er ungeduldig, weil ich stumm wie ein Fisch bin.

»Lust? Phhhh.« Als ich laut ausschnaube, weil ich sonst an meiner angehaltenen Luft zu ersticken drohe, sieht er mich irritiert an und missinterpretiert meine Reaktion.

»Nicht umsonst natürlich«, erklärt er schnell.

»Mhm, ach so!« Tapfer versuche ich, nicht allzu enttäuscht zu klingen, ich hatte natürlich gehofft, dass er mich wirklich wegen eines Dates anruft, aber Mathenachhilfe? Na ja, ist wenigstens besser als nichts, rede ich mir unsere Situation schön.

»Ja, wenn du zu mir nach Hause kommen könntest, wäre das klasse!«

Das wäre geradezu genial. Ich werde sehen, wie er wohnt, wie sein Zimmer eingerichtet ist, welchen Geschmack er hat. Vor meinem inneren Auge male ich mir aus, wie wir beide nebeneinander über den Mathebüchern hocken, unsere Körper sich berühren, und als er mich fragt: »Wie geht der Satz des Pythagoras noch mal?«, antworte ich: »Paul2 plus Lana2 ergibt: Paulana2.«

»Wusstest du, dass unsere Namen zusammengesprochen wie eine bayrische Biersorte klingen?«

DAS HABE ICH JETZT NICHT GESAGT!

»Das hast du jetzt nicht gesagt«, raunt Feli mir zu.

Die Schlagfertigkeit und der Humor müssen auch in Avas Fruchtblase gewesen sein. Das ist so was von ungerecht.

»Nee, wusste ich gar nicht. Ist ja witzig«, sagt Paul höflich.

»Ja, sauwitzig.« Josie grinst gezwungen.

Paul tritt jetzt ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, es scheint, als ob er von Josies Kommentaren so langsam die Nase voll hat.

Ich im Übrigen auch, der werde ich nachher was erzählen.

»Also, machst du’s?«, will er erneut wissen.

Natürlich mache ich es, aber ich werde es nicht gleich rausposaunen, ich halte mich bedeckt und zwinge mich zu einem genialen Zweiwortsatz: »Mal sehen!«

Feli knufft mich, zufrieden über mein sprödes Verhalten, in die Seite und sogar Josie zwinkert mir anerkennend zu.

Ha, damit haben die beiden nicht gerechnet, die dachten, ich springe sofort drauf an, so wie sonst, wenn ich verknallt bin. Dabei habe ich mich heute erstaunlicherweise richtig gut im Griff …

»Was wär’s mit heute?«, schlägt Paul kurzerhand vor.

… bis jetzt … »Wann soll ich da sein?«, entfährt es mir dann nämlich doch in meiner alten Manier, wieder eine Spur zu schnell.

Josie schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn und Feli seufzt laut auf.

»In einer Stunde?«, schlägt er vor. »So gegen drei?«

Ich nicke, denn nonverbale Kommunikation scheint mir in dem Fall sicherer, wer weiß, was mir sonst noch so rausrutscht.

»Super, Lana, du bist ’n Kumpel, echt klasse!« Paul klopft mir im Gehen auf die Schulter.

»Wie unpassend«, bewertet Josie Nase rümpfend diese Geste und starrt Paul feindselig hinterher.

»Ja«, kritisiert Feli, an Josie gewandt. »Unpassend waren deine Kommentare tatsächlich. Ich fand das grad echt gar nicht lustig.«

»Was denn?«

»Na, jetzt tu bloß nicht so unschuldig. Du hast Lana ja richtiggehend entmündigt.«

»Halb so wild«, winke ich jetzt doch versöhnlich ab, denn mein Treffen mit Paul habe ich ja schließlich in der Tasche, das kann sogar Josies misstrauische Paranoia ihm gegenüber nicht trüben.

»Bist du jetzt sauer auf mich?«, fragt Josie halbwegs schuldig.

»Nee, Quatsch, alles gut, du hast halt einen ausgeprägten Beschützerinstinkt.«

Man kann sich wahnsinnig schnell mit Josie in die Haare kriegen, aber auch genauso schnell wieder vertragen. Ich kenne sie schon seit dem Kindergarten und weiß, dass sie ihr Herz nicht nur auf der Zunge trägt, sondern dass es auch am richtigen Fleck sitzt. Irgendwie kann ich Josie nie böse sein.

»Sag mal, wie soll das gehen um drei? Wir haben gleich Rudertraining«, erinnert mich Feli. »Du weißt, dass Björn es hasst, wenn man blaumacht.«

»Ich dachte, wenigstens du freust dich für mich«, maule ich beleidigt.

»Tue ich ja«, bestätigt Feli, »aber Training ist Training.«

»Björn traktiert mich sowieso in letzter Zeit, das nervt total, so langsam finde ich es echt anstrengend, mit ihm zu trainieren.«

»Das macht der doch nur, weil du gut bist, richtig gut. Björn will dich fördern, dich für die Deutschen Meisterschaften vorbereiten«, erklärt Josie.

»Ich hab aber keine Lust auf Wettkampf«, murre ich.

»Hä?« Feli legt den Kopf schief. »Was ist denn mit dir los? Du bist doch sonst immer die Erste auf dem Wasser.«

»Ja, weil ich das Rudern liebe, aber nicht den Druck, den Björn mir in letzter Zeit macht.«

»Komm schon, Lana, ich wäre froh, wenn der mich herausgepickt hätte«, wendet Josie ein und schüttelt mich ungläubig. »Du undankbares Geschöpf.«

»Kann schon sein, aber ich muss heute zu Paul!«

»Kommt, wir gehen ins Klubhaus und überlegen, wie du es am besten machst«, schlägt Feli vor.

»Das weiß ich doch selber.«

»Weißt du nicht! Der Typ hat dir doch dein Gehirn gelähmt.« Josie schleift mich mit rein und ich winde mich aus ihrer Umklammerung.

»Ich will jetzt gehen, versteht das doch. Das ist die Chance meines Lebens!«

»Ja«, sagt Feli, »gleich. Nur noch einmal reden, nachdenken und drüber quatschen, okay?«

Angenervt betrete ich den Ruderklub, doch die Atmosphäre des alten Holzhauses auf Stelzen kriegt mich jedes Mal wieder rum, schon bin ich besänftigt. Es gibt einfach keinen schöneren Ort, finde ich. Ich schaue durch die große Glasfront, die einen genialen Blick auf den See freigibt, der durch die Tannen, die bis an den Wasserrand wurzeln, grünlich schimmert. Schon als kleines Mädchen habe ich mich immer hier aufgehalten und meinem Opa und meinem Vater beim Rudern zugesehen. Auf einer der alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die an den inneren Holzbalken befestigt sind, sind die beiden sogar zu sehen, denn sie waren nicht nur richtig gute Ruderer, sondern haben sich auch als Sponsoren für den Erhalt und die Restaurierung des Klubhauses eingesetzt.

»So«, sagt Josie und drückt mir eine Cola in die Hand, »jetzt trink erst mal ’nen Schluck und dann überleg in Ruhe, was dir wichtiger ist: Rudern oder …«, sie verzieht ihr Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, »Paul?«

»Was mir wichtiger ist?« Mit spitzen Lippen umschließe ich die Flaschenöffnung und nippe daran. »Soll das ’n Witz sein? Nichts ist wichtiger als Paul. Das muss ich euch doch nicht erklären.«

Verständnisvoll nickt Feli. »Aber der will doch nur Mathenachhilfe und du trainierst für die Deutschen Meisterschaften.«

»Das ist mir grad so was von egal, ehrlich!« Hektisch wedle ich mit den Händen in der Luft herum und verschütte dabei etwas von meinem Getränk. »Ihr müsst euch was einfallen lassen. ’nen fetten Magen-Darm-Virus oder so. Ist ja nicht mal ganz abwegig, mir ist grad so was von schlecht, vor lauter Aufregung habe ich regelrecht Bauchschmerzen.« Stöhnend reibe ich mir mit der flachen Hand über den Bauch. »Oder sagt ihm einfach die Wahrheit, sagt ihm, ich hätte ’n Date!«, schlage ich vor und blinzle unschuldig mit den Augen.

»Die Wahrheit klingt aber eigentlich ganz anders«, stellt Josie lapidar richtig, »du gibst ’ner Niete Nachhilfe!«

»Das ist unfair, Paul ist keine Niete!«

»Gut, dann hat er eine Dyskalkulie!«, sagt Josie und fügt überflüssigerweise hinzu: »Der nützt dich doch nur aus!«

So langsam bin ich echt sauer.

»Es sind nicht alle gleich, Josie. Nur weil du und Timo, also weil das mit euch nicht so geklappt hat, muss Paul noch lange nicht so ein Fremdgeher, also … so sein … wie, na ja, du weißt schon«, stammle ich herum. Mist, ich habe das Tabu-Thema angesprochen.

Stille. Feli starrt auf ihre Schuhspitzen.

Oje, jetzt ist’s zu spät, ich kann das Gesagte nicht mehr rückgängig machen.

»Solche Typen erkenne ich auf den ersten Blick«, erwidert Josie erstaunlich milde.

Über diese Bemerkung ziehe ich die Augenbrauen hoch, halte jedoch lieber die Klappe.

»Du brauchst gar nicht so blasiert zu gucken, liebe Lana. Ich weiß genau, was du sagen willst: Warum hast du das dann bei Timo nicht sofort erkannt?« Sie stemmt die Hände in die Hüften. »Pass mal auf, Schätzelein, im Gegensatz zu anderen, und damit meine ich jetzt niemanden im Speziellen«, sie tippt mir fest mit dem Zeigefinger auf die Brust, »habe ich dazugelernt.«

Feli fasst Josie beruhigend an den Arm. »Jetzt hört doch mal auf.«

»Außerdem«, fährt Josie, die jetzt so langsam in Rage kommt, fort, »war diese Beziehung eine Art empirische Studie und Timo mein Objekt. Und eins möchte ich dir noch sagen, liebe La…«

»Scheiße«, ich ducke mich, »da ist Björn. Lenkt ihn ab.«

»Wie komm ich denn dazu?«, sagt Josie schnippisch.

»Bitte, bitte, bitte«, bettle ich herzzerreißend. »Es ist für mich so wichtig, es bedeutet alles für mich. Ich muss zu Paul.«

»Hey, Björn, hast du schon die Aufstellung für die nächsten Wochen fertig?«, ruft Josie da plötzlich. »Ich müsste die dringend mal kopieren. Die anderen haben mich schon mehrfach drauf angesprochen und als Jugendwart habe ich ja eine gewisse Verpflichtung …«

»Ja, äh, schon …«, stottert Björn ertappt herum.

Josie hakt ihn unter und schiebt ihn Richtung Büro. »Los, wir holen sie schnell, dann haben wir das erledigt.«

»Ja, ich hab’ da auch noch eine Frage, ich komme gleich mit …«, schlägt Feli vor.

Wusste ich’s doch, letzten Endes ist auf meine beiden besten Freundinnen immer Verlass, denke ich, als ich mich grinsend zur Hintertür hinausschleiche.

Gerade als Paul und ich mit erhitzten Gesichtern über seinem Mathebuch hängen und ich zum x-ten Mal Anlauf nehme, ihm das Prinzip der Vektorrechnung zu erklären, wird die Zimmertür hinter uns aufgerissen.

»Der ist in die verknallt«, stellt eine Jungenstimme überzeugt fest.

»Meinste, die haben schon mal gesext?«, fragt eine andere Stimme, die ebenfalls Lichtjahre entfernt vom Stimmbruch ist.

Grinsend beobachte ich, wie Paul unbemerkt nach einem Kissen greift, sich ruckartig auf seinem Schreibtischstuhl herumdreht und es gezielt seinem kleinen Bruder, der mit einem Freund in der Tür steht, an den Kopf wirft.

»Raus, ihr kleinen Nervensägen!«, motzt Paul die beiden an.

»Selber Nervensäge!«, verkündet sein kleiner Bruder mutig.

Der Pimpf nimmt das Kissen und feuert das Wurfgeschoss zurück. Dabei verfehlt er Paul allerdings und es landet mitten in meinem Gesicht.

»Benno!«, ertönt jetzt Pauls drohende Stimme.

»’tschuldigung!« Benno zuckt mit den Schultern und sieht mich halbwegs schuldbewusst an. »Ich wollte meinen Doofmannbruder treffen.«

»Komm, verzieh dich endlich und nimm den anderen Zwerg gleich mit«, meckert Paul weiter.

Von unten hört man die Stimme ihrer Mutter: »Was ist da oben schon wieder los?«, ruft sie alarmiert.

Jetzt wird Benno doch ein wenig kleinlaut.

»Mama macht gerade ein paar Brote für dich und deine …« Er grinst superbreit, wobei erkennbar wird, dass noch zahlreiche Zähne in seinem Gebiss fehlen »… Babysitterin!«

»Ja, schön. Und?«, will Paul genervt wissen.

»Sie wollte nur fragen, was da drauf soll?«, sagt Benno und macht dabei eine typisch italienische Handbewegung. »Na, wird’s bald!«

»Wie immer!«, sagt Paul und wendet sich zu mir. »Du isst doch bestimmt auch nichts, was Augen hat, oder?«

Häh, was meint der denn jetzt? Schnell sage ich: »Ja, ja.«

Nachdem Benno verschwunden ist, sieht Paul mich eindringlich an. Mir wird heiß und kalt. Wenn er mich jetzt küsst … und ich glaube, oh nein, ich weiß, dass es gleich geschehen wird. Soll ich die Augen besser schließen, oder …

»Lana?«, höre ich seine Stimme wie durch eine schallgedämpfte Wand aus Watte.

»Ja«, schnurre ich und räuspere mich kurz darauf mehrfach.

»Ich wollte dich was fragen.«

Er ist so großartig, so feinfühlig, so unglaublich süß. Wer fragt schon ein Mädchen, ob es bereit ist für den ersten Kuss. Jetzt heißt es cool sein.

»Ja, ich will!«

»Du weißt doch noch gar nicht, was ich fragen wollte!« Er klingt amüsiert.

»Doch«, hauche ich und recke ihm unbemerkt mein Kinn entgegen.

Im Gegenzug schiebt Paul mir sein Matheheft rüber. »Das finde ich echt super von dir. Ich krieg’s aber auch einfach nicht hin.«

»Wie jetzt?« Anscheinend habe ich immer noch ein Brett vor dem Kopf.

»Und wenn du für mich die Hausaufgaben machst, haben wir wenigstens noch ein bisschen Zeit für was anderes.«

»Klingt vielversprechend«, sage ich, immer noch eingelullt von der Aussicht, dass gleich doch noch etwas Weltbewegendes passieren wird. Und während ich mich an die Arbeit mache und seine kompletten Hausaufgaben für ihn erledige, hämmert ununterbrochen die Frage in meinem Kopf: Was genau ist was anderes?

Paul ist mit seinem Smartphone beschäftigt und ich habe soeben die Hälfte der Aufgaben erledigt, als jemand an die Tür klopft.

»Verzieht euch!«, brüllt er genervt.

»Würdest du mir bitte mal die Tür öffnen?«, ertönt die autoritäre Stimme seiner Mutter.

Hektisch lässt Paul das Handy in seiner Hosentasche verschwinden und eilt zur Tür. »Sorry, ich dachte, es wäre Benno mit seinem Chaotenfreund. Die beiden nerven total. Man kann sich kaum konzentrieren.«

Frau Breitenbach kommt herein und platziert das Tablett direkt vor meiner Nase. Schnell schiebe ich Pauls angefangene Hausaufgaben zur Seite.

»Das ist ja lieb«, entfährt es mir, als ich das Potpourri an Schnittchen betrachte, das sie extra für uns gemacht hat.

»Nein«, sagt sie lächelnd, »lieb von dir, Lana, dass du dich Pauls Matheschwäche annimmst.« Sie streckt mir die Hand zur Begrüßung entgegen. »Er hat ziemliche Defizite«, sagt sie und wuschelt ihrem Sohn durchs Haar, der aufgrund dieser wirklich uncoolen Geste richtig süß rot wird. »Und er weiß, wenn er es in diesem Anlauf nicht schafft, kann er seine Studienpläne an den Nagel hängen.«

Jetzt werde auch ich verlegen, denn schließlich habe ich soeben für Paul die Hausaufgaben erledigt. »Ich gebe mein Bestes«, nuschle ich schuldbewusst.

»Bist du mit zehn Euro die Stunde einverstanden?«, schlägt sie vor.

»Das ist doch viel zu viel!«, wehre ich ihr Angebot ab.

»Das ist schon okay.« Sie geht langsam wieder zurück zur Tür. »Ich nehme an, dass du auch Vegetariern bist? Benno meinte, dass du das Gleiche isst wie Paul. Und ihr jungen Leute seid ja auch, was die Ernährung betrifft, so viel bewusster, als wir es früher waren.«

»Äh, ich ähem, also, na ja.« Ich werde sie jetzt sicher nicht daran erinnern, dass mein Vater der Besitzer der hiesigen Wurstfabrik ist. Und nun verstehe ich auch, was Paul damit meinte, als er vorhin sagte, dass er nichts esse, was Augen hat. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.

»Das sind alles vegetarische Beläge«, erklärt seine Mutter und lässt ihren Finger über die Schnittchen-Variation kreisen. »Das ist Champignon, das Tomatino und das ist Delikatess, Pauls …«

»… Lieblingsaufstrich«, beendet er den Satz für sie und bugsiert seine Mutter zur Tür hinaus.

Diese farblose Paste sieht richtig widerlich aus, die kann man doch nicht im Ernst einer köstlichen Cervelatwurst vorziehen, wundere ich mich und hoffe, dass er mir nicht ansieht, wie eklig ich das Essen finde.

Paul nimmt eine Schnitte und hält sie mir auffordernd vor die Nase. »Du siehst aus, als wärst du der Getrocknete-Tomaten-Typ.«

»Ist das ein Kompliment?«, frage ich verunsichert.

»Hört sich irgendwie nicht so an«, gesteht er. Dann müssen wir beide lachen.

Verliebt lasse ich mir das Brot in den Mund schieben und kaue skeptisch darauf herum.

»Ja, tatsächlich, ich bin der Getrocknete-Tomaten-Typ«, verkünde ich erstaunt, denn das ist extrem lecker.

»Ist schon ziemlich geschmacksneutral, oder?«, sagt Paul und spuckt tatsächlich das Essen in den Mülleimer.

Interessiert greife ich zu dem Häppchen mit der Champignoncreme.

»Und?«, fragt er.

»Göttlich!« Ich greife nach dem Brot mit seinem Lieblingsaufstrich.

»Das magst du also am liebsten?«

»Na ja«, murmelt er unschlüssig.

»Das schmeckt ja fast wie Fleisch«, sage ich und frage mich im selben Moment, ob es gut ist, wenn etwas Vegetarisches nach Fleisch schmeckt.

»Ich kann echt nicht verstehen, wieso es Menschen gibt, die immer noch Tiere essen. Apropos, Tiere essen, das Buch ist doch einfach unglaublich!«

»Ja, unglaublich!«, bekräftige ich sein Statement und beschließe im selben Moment, mir das Buch noch heute per Overnight-Express zu bestellen, damit ich spätestens morgen weiß, wovon um alles in der Welt er redet.

»So, jetzt aber ran an die restlichen Hausaufgaben«, sagt er mit diesem umwerfenden Lächeln, das mir jegliche Konzentration raubt.

Aber nicht nur das, es irritiert mich ehrlich gesagt etwas, dass er – während ich die Arbeit für ihn erledige – sich Musik auf sein Smartphone runterlädt.

»Fertig!«, verkünde ich zehn Minuten später und klappe das Heft zu. »Ich habe noch ein bisschen deine Schrift imitiert, damit es nicht so auffällt.«

Feli würde mir die Freundschaft kündigen, könnte sie sehen, wie ich hier gerade meine Seele und Würde verkaufe.

»Du bist ein Schatz, Lana, danke. Ich muss jetzt leider zum Wenderfeld, die Jungs und ich wollen noch ein bisschen kicken. Wir sehen uns dann morgen in der Schule, okay?«

»Okay!«, sage ich enttäuscht und greife zögerlich nach meiner Tasche.

Als ich mich an der Tür noch einmal umdrehe, um ihn zu fragen, wann wir das nächste Mal zusammen lernen sollen, entfährt mir erschrocken ein »Upps«, denn Paul steht mitten in meiner Comfort-Zone. Na endlich, ich warte schon die ganze Zeit auf was anderes machen. Erwartungsvoll schließe ich meine Augen. Dann öffne ich sie doch wieder blitzschnell, denn ich will jeden Moment des Beginns unserer Beziehung festhalten, damit ich ihn immer wieder abrufen kann.

Paul nimmt mich in den Arm, drückt mir einen Kuss auf die Wange, dabei murmelt er sanft in mein Ohr: »Danke, das mit den Hausaufgaben war echt lieb von dir. Ich ruf dich an. Find ich übrigens echt groß, dass du kein Fleisch isst, obwohl dein Vater ja Tiere tötet.«

Rumms! Das war fast wie eine Ohrfeige und sicherlich ganz weit entfernt von dem, was ich mir als Belohnung für meine Hausaufgabenarbeit erhofft hatte.

Während seine Mutter mich im Flur abfängt und in die Küche lotst, um mir das Geld zu geben, verabschiedet sich Paul mit einem: »Ich geh mit den Jungs ’ne Runde Fußball spielen, abreagieren …« Er hält sich den Kopf, als seine Mutter etwas entgegnen will. »Mir brummt jetzt noch der Schädel von den ganzen Zahlen und Gleichungen.«

Seine Mutter sieht ihn mitleidig an. »Mach das, Junge. Ich vereinbare mit Lana noch einen neuen Termin.«

Pauls breites Grinsen sieht sie nicht mehr, als er hinausrauscht.

Als ich mich draußen im Vorgarten auf meinen Roller schwinge, höre ich plötzlich eine weibliche Stimme.

»Ist das nicht Lama?«

Vor Schreck rutscht mir der Helm aus der Hand.

Diesen Spitznamen verwendet nur meine Erzfeindin Konstanze, ich bücke mich schnell, um den Helm aufzuheben.

»Hi, was machst du denn hier?«, säuselt sie gekünstelt.