Summer Girls - Jobien Berkouwer - E-Book

Summer Girls E-Book

Jobien Berkouwer

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Beschreibung

Die Profilerin Lot van Dijk wird aus Amsterdam in eine verschlafene Gemeinde auf dem Land versetzt. Die männlichen Kollegen nehmen die junge Frau nicht ernst, und abgesehen von ausgebrochenen Pferden gibt es für die Polizei nur selten etwas zu tun. Doch dann wird in einer Waldhütte nach einem Sturm eine Leiche gefunden. Lot sieht ihre Chance, sich zu behaupten, und erstellt ein Täterprofil. Es weist eindeutig auf einen Serienkiller hin, aber sie wird nur müde belächelt. Bis im Wald ein zweites ermordetes Mädchen gefunden wird. Denn nun liegt es an Lot, den Mörder aufzuhalten, bevor er sein nächstes Opfer findet …

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Seitenzahl: 631

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Jobien Berkouwer arbeitete fünfzehn Jahre in verschiedenen Abteilungen der niederländischen Polizei, unter anderem als Hauptkommissarin. Heute ist sie als Profilerin tätig und berät außerdem Firmen und Privatpersonen im Umgang mit Stalkern, Erpressung und Drohungen. Sie ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Amsterdam.

Jobien Berkouwer

Summer Girls

Thriller

Aus dem Niederländischen von Simone Schroth

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Die niederländische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Zomermeisjes« bei A.W. Bruna Uitgevers, Amsterdam.

PENGUIN und das Penguin-Logo sind Markenzeichen

von Penguin Books Limited und werden

hier unter Lizenz benutzt.

Copyright © 2016 by Jobien Berkouwer /A.W. Bruna Uitgevers B. V., Niederlande / The Fame Game Books, Niederlande

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Penguin Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: Hafen Werbeagentur, Hamburg

Covermotiv: Dragan Todorovic / Mark Owen / Rekha Garton / Trevillion Images

Redaktion: Karin Labhart

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-21901-7 V002

www.penguin-verlag.de

1

Wie ein Samuraischwert peitscht der Zweig an ihrer Wange entlang. Ratsch. Dann ein scharfer Schmerz. Sie achtet nicht darauf. Sie muss rennen, immerzu weiterrennen. Immer wieder bleiben ihre nackten Füße im schlammigen Waldboden stecken. Ihre Wadenmuskeln schmerzen. Zwischen den Zehen spürt sie Blätter, Zweige, Steine, Hartes und Weiches. Rennen, immer weiterrennen, dann wird alles gut.

Sie ist nackt. Und sie hat keine Ahnung, weshalb.

Sie hätte nicht absteigen dürfen, das weiß sie jetzt. Sie hätte niemals vom Fahrrad steigen dürfen.

Rennen, rennen. Immer weiterrennen.

Im Dunkeln sieht sie die Umrisse von Bäumen, die im nebligen Nichts verschwimmen. Vor ihren Augen flackern feurige Blitze auf, wie schlimme Vorboten des Unheils. Der Donner folgt unmittelbar danach.

Sie kann ihn keuchen hören; er ist nicht weit hinter ihr. Keuchen, Schritt, Keuchen, Schritt. Er ist schon ganz nah. Ganz nah. Durch das Rauschen des Regens hört sie sein Schnaufen, seine Schritte, sein Näherkommen. Reden wäre zwecklos; hier geht es um ihr Leben. Was ihn betrifft, ist ihr Leben bereits zu Ende. Das hat sie in seinem Blick gelesen, in diesem merkwürdig ruhigen Blick. Er sieht sie bereits tot vor sich. Es spielt keine Rolle, warum, wie oder wann genau. Für ihn ist es beschlossene Sache.

Sie muss sterben. Sie wird sterben.

Der Sturm tanzt um ihren nackten Körper, in engen Bahnen und gnadenlosen Kreisen. Eine unbarmherzige Kälte, die sie so bisher noch nicht kannte, dringt bis tief in ihre Knochen. Sie rennt und fühlt sich dabei wie das Reh aus dem Kinderfilm, den sie sich früher immer mit ihrer Mutter angeschaut hat. Er der Jäger, sie die Beute.

Rennen, immer weiterrennen. Geradeaus, ohne zu zögern.

Eine Baumwurzel bringt sie zu Fall. Hart schlägt sie auf dem Boden auf. Die Lippe durchgebissen, die Zunge voller Schlamm. Das Knie aufgeschlagen. Das kann nicht wahr sein, das kann nicht das Ende sein. Sie darf nicht aufgeben. Schmerzen, überall Schmerzen. Und schwindlig, ihr ist so entsetzlich schwindlig. Ihr Kopf verlangt hämmernd nach Aufmerksamkeit. Klebriges Blut kitzelt sie am Ohr. Sie rappelt sich wieder auf, findet Halt an einem umgestürzten Baum, zieht sich hoch und rennt weiter. Er hat mehrere Meter aufgeholt. Er ist jetzt dicht hinter ihr.

Nicht daran denken. Einfach rennen. Und schreien, soll sie schreien?

Sie schreit. Brüllt. Kreischt. Bis sie keine Luft mehr bekommt.

Besser nur immer weiterrennen, einfach nur rennen. Ihre Füße graben eine schlammige Spur in den Boden, der er mühelos folgt, als wäre ihr der Tod auf den Fersen.

Sie ignoriert die Stiche auf ihrer Haut, die Muskelkrämpfe. Den Schlamm in den Nasenlöchern, den Sand in den Augen. Rennen, bis sie dabei hinfällt – noch mal.

Seine Fingerspitzen streifen ihre Schulter. Er greift zu, aber er verfehlt sie. Ganz knapp. Ihre Schenkel und Waden müssen noch härter arbeiten. Rennen, springen, weiter, schnell. Nur nicht aufgeben, dieser Wald muss doch irgendwann zu Ende sein? Der Pfad, sie muss den Pfad erreichen, hin zu Menschen, zum Licht, zu jemandem, der sie rettet.

Sie schreit noch mal – was soll sie auch sonst tun?

Wieder diese Finger, schon etwas fester. Auch er wird schneller. Warum nur? Warum gerade sie?

Sie kann ihn nicht fragen.

Die blutigen Schrammen auf ihrer Haut tun so weh. Die feuchte Erde brennt wie Feuer in ihren Wunden. Sie knickt um und taumelt zur Seite. Jetzt ist es vorbei, jetzt ist alles vorbei. Als er nach ihr greift, sieht sie den Waldpfad vor sich. Sie hat es beinahe geschafft, wirklich beinahe, aber da packt er sie bereits. Mit beiden Händen drückt er ihr die Kehle zu. Sie knurrt wie ein Tier, kreischt, wirft sich auf den Rücken und tritt mit den Füßen wild nach seinem Gesicht. Sein Kopf wird ein Stück nach hinten geworfen; er schreit auf, muss sie loslassen und verliert das Gleichgewicht.

Sie ist frei! Sie kriecht und kraxelt weiter, weg von ihm, weg von hier. Sie hört ihn ganz seltsam jaulen, als er nach ihren Füßen greift. Knapp daneben. Er steht auf, sie auch; auf wackeligen Beinen, aber sie steht. Sie spürt keine Schmerzen; das Adrenalin rast durch ihren Körper. Rennen, weiterrennen. Auf dem schmalen Waldpfad geht es jetzt etwas leichter. Radfahrer haben ihn gebahnt. Die liegen jetzt sicher daheim im Bett. In einem Haus mit Mauern und einer Tür mit Schloss. Sie ist nackt, und hier ist niemand. Niemand, der ihr zu Hilfe kommen könnte.

Er verfolgt sie, ist schon wieder so dicht hinter ihr. Jeder Atemzug brennt in der Kehle, ihr Körper kann nicht mehr. Das Waldmonster wird ihr die Haut vom Leib ziehen. Ihr laufen Tränen übers Gesicht und tropfen ihr vom Kinn. Sie wankt. Ihre Knöchel geben nach. Das Ende des Waldes ist schon zu sehen, aber sie ist so müde. Sie ist am Ende.

Sie kann nicht mehr.

2

Als Lot versucht, nach dem Tier zu greifen, spritzt ihr der Schlamm an die Hosenbeine. Von allen Seiten bläst ihr der Wind das hellblonde Haar wild um den Kopf. Der Regen der vergangenen Tage hat inzwischen aufgehört. Der Sturm Gott sei Dank auch, aber jetzt geht das Ganze erst richtig los. Wenn das Ausmaß der Schäden erst einmal sichtbar wird.

Das Tier wiehert und trabt davon. »Verdammt noch mal«, flucht sie. »Drecksvieh.«

»Hier rüber!«, ruft Jaap. »Da ist noch eins! Hilf mir mal.«

Lot dreht sich um und entdeckt ihren Kollegen in einer wenig eleganten Umarmung mit einem der ausgebrochenen Pferde. Der schon etwas ältere Bauer kommt angerannt, um ihm zu helfen. Lot seufzt nur. Sie hasst den Nachtdienst. Vor allem nach einem Sommersturm.

Vor ein paar Tagen ist die Dinkel wieder über die Ufer getreten. Die Überschwemmungsmeldungen strömen nur so in die Polizeistation. Vom Sturm umgerissene Bäume, verwüstete Scheunen. Von abgebrochenen Ästen blockierte Wege.

Auch diese ausgebrochenen Pferde sind eine Gefahr für den Verkehr, der weiter oben über die Landstraße rast. Aber wie gern würde sie es dem Bauern selbst überlassen, die Sache in den Griff zu bekommen. Musst deine Zäune eben besser absichern, Mann. Zumindest gegen Wind und Wetter.

Sie macht noch einen weiteren Versuch und geht vorsichtig auf eines der Tiere zu. Sie hat viel gelernt in den vergangenen Jahren, aber leider nichts, was ihr jetzt helfen würde. Sie greift dem Ausreißer in die Mähne und führt ihn langsam zu dem Bauern zurück. Das Pferd wiehert ungehalten. »Tut mir leid, mein Freund«, flüstert sie. »Die Party ist vorbei.«

Der Bauer dankt ihr mit einem unverständlichen Gemurmel. Sie hat inzwischen jeden Versuch aufgegeben, den Dialekt der Region zu verstehen. Sie nickt und schaut weg, als sie auf dem Pfad neben der Weide Autoreifen quietschen hört. Ein Streifenwagen. »Na endlich«, seufzt sie. »Das wurde auch Zeit.«

Sie geht auf den Wagen zu, aber bleibt mit dem Fuß im Schlamm stecken, so dass sie der Länge nach hinfällt. Sie ist nass bis auf die Knochen, durch die Hose hindurch. Verdammte Scheiße. Auch das noch.

Ganz kurz sind sogar die Pferde still, aber dann hört sie, wie Jaap leise lacht. Sie steht auf, läuft ein paar Schritte weiter und zeigt ihm den Stinkefinger. Hoffentlich ist das Tageslicht schon hell genug, dass er es auch gut sehen kann.

Leider gehören solche Hilfegesuche zu ihrer Arbeit: auf der Weide hinter irgendwelchen Pferden nachjagen. Genau davor hat sie sich gefürchtet, als sie vor ein paar Monaten direkt von der Polizeischule in die Region Twente versetzt worden ist.

In Amsterdam gab es so etwas nicht.

Wenn sie Dienst hat, jagt sie tausendmal lieber hinter einem Täter her als hinter so einem gottvergessenen Pferd auf Abenteuersuche. Und sei es ein verwirrter Junkie – auch gut. Alles besser als das hier.

Die Streifenpolizisten sind jung, deutlich jünger als sie. Einer von ihnen lächelt, als er ihre schmutzige Hose im Scheinwerferlicht sieht. Grinsend murmelt er: »Und, Spaß gehabt?«

Sie ignoriert den Rotzbengel mit seinem Akzent einfach. »Schau mal, da drüben läuft noch mindestens ein Pferd frei herum«, sagt sie und deutet in die Richtung. »An eurer Stelle würde ich mich beeilen, gleich rennen die noch auf die N214.«

Die beiden nehmen Haltung an und rennen los. Führungsqualitäten besitze ich auf alle Fälle, denkt Lot. Dann sieht sie, wie wieder ein Pferd ausbricht. Mit weit ausgestreckten Vogelscheuchenarmen und einem Bärengebrüll jagt sie das Tier auf die Weide zurück.

Sie muss über sich selbst lachen. Ganz offensichtlich schlummern in ihr noch einige verborgene Talente.

Plötzlich beginnt das Funkgerät zu rauschen– als würde der Sommersturm auch in der Zentrale wüten. Eine krächzende Stimme, dann wieder Stille. Lot beugt sich vor und geht hinter dem Auto in die Hocke, um Schutz vor dem Wind zu suchen. Sie presst das Ohr fest an den Apparat und lauscht angestrengt.

»Hier Zentrale. Welcher Wagen kann sofort zum Akkerweg? Uns wird eine weibliche Leiche im Wald gemeldet, auf der Höhe von Leitpfosten 28,3.«

Ein paar Sekunden lang starrt Lot nur vor sich hin. Das ist die Chance, die große Chance, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen und zu zeigen, was sie wirklich draufhat.

Sie dreht sich um, starrt vor sich hin und sieht, wie Jaap den Kampf mit dem Pferd verliert. Unglaublich. Man sollte diesem Bauern mal verklickern, wie viele Jahre Ausbildung sie beide hinter sich haben.

Sie hebt die Hand. »Jaap!«

Dankbarkeit wäre jetzt unangebracht, aber Jaap entscheidet sich im Bruchteil einer Sekunde, das Pferd dem Bauern und den jüngeren Kollegen zu überlassen. So schnell es der durchweichte Boden zulässt, steuert er auf Lot zu. Leichtes Grinsen, seine unverwechselbaren, vergnügten blauen Augen. Den Autoschlüssel hält er schon in der Hand.

»Zentrale«, sagt Lot ins Funkgerät. »Hier 3501. Wir sind ganz in der Nähe und fahren jetzt direkt dahin.«

Das Adrenalin jagt durch ihren Körper. Das ist für sie – darauf hat sie gewartet.

»Verstanden, 3501«, kommt die Antwort. »3502, was ist mit euch?«

Jaap hockt sich zu Lot hinunter. Eine Männerstimme mischt sich in das Gespräch: »Hier 3502. Nein, wir schaffen es nicht. Wir sind mindestens eine halbe Stunde vom Tatort entfernt.«

»Shit«, flüstert Jaap.

Lot schüttelt den Kopf. Die Anfahrtszeiten in diesem Teil des Landes sind einfach lächerlich. Ihre Kollegen befinden sich erschreckend oft in lebensgefährlichen Situationen. Das geht irgendwann noch mal schief.

»3501, der Einsatzleiter hat sich auch schon auf den Weg gemacht.«

»Sehr gut«, antwortet Lot sachlich. »Wenn die 3502 zu weit weg ist, brauchen wir Leo und Stefan.« Dann flüstert sie Jaap zu: »So was, Leo wuchtet seinen fetten Wanst auch mal aus dem Schreibtischsessel.« Laut sagt sie: »Wir steigen gerade ins Auto, Zentrale.«

»Gut. Der Anrufer wartet auf dem Waldweg, da er erst dort Handyempfang hat. Zacharias heißt er. Er wird euch zum Tatort führen.«

Zacharias, wiederholt Lot in Gedanken. Nicht gerade ein häufiger Name.

Routiniert steigen Lot und Jaap ein, lassen sich in die Sitze fallen und schnallen sich an. Lot bedient das Navi, Jaap startet den Motor.

3

Jaap biegt ab und fährt über den Waldweg. Überall herrscht Chaos; der Sturm hat gewütet, wie ein Angriff auf die Natur. Ruhig steuert Jaap den Wagen zwischen riesigen umgewehten Bäumen und mit Regenwasser vollgelaufenen Kuhlen hindurch.

»Mach schon, ein bisschen schneller«, flüstert Lot. »Der Mann wartet schließlich immer noch.«

Eine Leiche in einem unbewachten Wald – die Sache gefällt ihr nicht. Der Tatort muss abgeriegelt werden; sie will die nackte Wahrheit sehen, bevor jemand alle Spuren verwischt.

Am Tatort findet sich die Geschichte des Täters, hat Magnus immer gesagt. Lot will diese Geschichte am liebsten pur und unverändert begutachten, ohne Störenfriede, die das nicht zu schätzen wissen und aus Neugierde über alles hinwegtrampeln.

»Immer mit der Ruhe, junge Dame«, meint Jaap. »Du siehst doch, dass der ganze Weg versperrt ist.«

»Halt an.«

»Was?«

»Halt den Wagen an«, befiehlt sie.

Seufzend tritt Jaap auf die Bremse. »Was hast du denn vor? Du willst doch nicht etwa …«

Sie nickt. »Zu Fuß weiter.«

Er hat noch immer diesen amüsierten Blick – jetzt aber mehr aus Unglauben als aus Freude. Er hält beide Hände hoch. »Du denkst doch wohl nicht, ich würde aus Versehen die Leiche überfahren?«, fragt er lachend.

»Vom Auto aus sehen wir gar nichts, zu Fuß geht das besser.«

Sie steigen aus. Eine Wagentür fällt zu, dann noch eine. Die Scheinwerfer hat Jaap brennen lassen, als Orientierungspunkt. Jetzt, wo sich der Sturm gelegt hat, hüllt sich der Wald in ein düsteres Schweigen. Die Morgendämmerung weckt ein paar Vögel, aber sonst ist nichts zu hören.

»Wo steckt der Mann?«, flüstert Lot – die Hand hat sie an ihrer Waffe.

»Der Täter kann hier schließlich auch noch rumlaufen.«

Lot schaut kurz zu ihrem Kollegen hinüber. »Sag mal, willst du hier für ein bisschen zusätzlichen Stress sorgen oder was? Das brauchst du mir echt nicht zu sagen, Mann.«

In der Mitte des Pfades schmatzt der schlammige Waldboden unter ihren Füßen, während am Rande heruntergefallene Äste unter ihrem Gewicht brechen. Dann sieht Lot, wie ein Ungetüm zwischen den Bäumen zum Vorschein kommt. Sie hält den Atem an. Intuitiv legt sie ihre Hand auf den Holster an ihrem Gürtel.

Täter oder Melder?

Seine Gestalt ist kräftig und muskulös, sein Schritt selbstsicher. Er hat sie noch nicht gesehen.

Täter oder Melder?

Hinter ihm schießt plötzlich ein Tier auf vier Pfoten hervor. Lautes Gebell hallt durch den Wald. Die Gestalt entdeckt sie und beginnt zu winken.

»Boris!«, ruft er. »Hierher.«

Boris hört nicht auf ihn und sprintet Lot entgegen. Sie mag Hunde nicht besonders, hat sie noch nie gemocht, und schon gar nicht, wenn sie ihr bellend entgegenrennen. Sie hofft inständig, dass das Tier seinem Herrn gehorchen wird.

»Hierher, Leute«, ruft die Gestalt und zeigt mit dem Daumen in eine Richtung. »Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr. Ihr müsst noch ein Stück mit.«

Der Melder, er ist der Melder.

Kurz bevor der Hund bei Lot ankommt, ruft der Mann: »Boris!« Und mit einem kräftigen Händeklatschen mahnt er das Tier zur Ruhe. Der Hund bleibt schwanzwedelnd stehen.

Der Mann wartet, bis sie beide bei ihm sind, und streckt ihnen dann die Hand entgegen. Jaap und Lot schauen ihn mit routiniert prüfendem Blick an. Was für ein Typ Mensch ist das? Hat er eine Waffe bei sich? Wie sehen seine Kleider aus? Was ist in seinem Blick zu lesen?

Lot registriert den Schlamm auf seiner Kleidung, auf seinen Schuhen. Wer eine Straftat meldet, wird dadurch per se verdächtig. Das sind die übermütigsten Täter, die einem begegnen können, das weiß sie so gut wie kein anderer. Die leben im Glauben, unangreifbar zu sein. Eine Beleidigung für ihren Beruf und ihr Können. Sie schüttelt ihm die Hand, spürt seine Stärke und Entschlossenheit. Jaap tut es ihr nach.

Der Mann in der Militäruniform stellt sich tatsächlich als Zacharias vor. Lot nickt. Weiter; er scheint vorerst in Ordnung zu sein.

Zacharias dreht sich um, und die beiden Polizisten klettern ihm nach, über Äste und umgewehte Baumteile.

»Markierst du die Strecke?«, flüstert Lot.

Jaap hat das Absperrband schon in der Hand. »Yep«, erwidert er.

Zacharias räuspert sich. »Mein Zelt steht etwa hundert Meter von hier entfernt.«

Lot sieht auf und bleibt kurz stehen. »Ihr Zelt?«

»Ja, das klingt vielleicht ein bisschen seltsam«, sagt er und schaut sich kurz nach den beiden um, »aber das mache ich im Sommer öfters mal. Wildcampen.«

»Wild …«, stammelt Jaap, der gerade seinen festgeklemmten Fuß aus ein paar Ästen befreit, »… campen?« Lot stupst ihn im Weitergehen neckisch in die Seite. »Nicht jeder ist so auf Pauschalurlaub aus wie du, Kollege.«

Zacharias zieht die Schultern hoch und lacht etwas unbehaglich. »Es wäre mir ein wenig feige vorgekommen, vor dem Unwetter der letzten Tage zu flüchten, schließlich war ich ja mal Soldat, aber wenn ich das gewusst hätte …«

»Wo liegt die Leiche?«

»Nun ja, liegt …« Er deutet in eine Richtung. »Noch ein Stück weiter, wir sind fast da.«

»Wie haben Sie die Leiche eigentlich gefunden?«, fragt Lot. »Das Wetter lädt ja nicht gerade zu längeren Spaziergängen ein.«

»Mein Hund hier …«

»Boris.«

»Ja, Boris. Ich hörte plötzlich einen Riesenlärm, und Boris ist total durchgedreht, wirklich, wie ein kleines Kind. Da half es auch nichts mehr, ihm zu sagen, dass er weiterschlafen soll …«

»Was denn für einen Riesenlärm?«, will Jaap wissen.

»Eine Art Urgeräusch, ein dumpfes Krachen. Wir also aus dem Zelt raus, Boris und ich. Dann ein Stück gelaufen. Und natürlich war ich auch neugierig, woher dieses Geräusch kam. Es stellte sich heraus, dass am Waldrand ein Baum auf eine dieser ganz alten Salzhütten gestürzt war.«

Lot kann plötzlich seine Fahne riechen. Zacharias hat gestern ganz schön einen gebechert.

Sie schaut zu Jaap hinüber. »Was ist denn eine Salzhütte?«

Jaap bewegt den Arm ein wenig hin und her. »Die gibt es hier überall; früher hat man in dieser Region viel Salz abgebaut. Die Hütten stehen nun meist leer, gelten als Denkmäler, glaube ich.«

»Ich war also neugierig und ging hin«, berichtet Zacharias weiter. »Vor allem wollte ich sehen, ob da noch jemand drin war, verstehen Sie, ob jemand Hilfe brauchte.«

»Was hätte denn jemand in einer Salzhütte zu suchen?«, fragt Lot.

»Was weiß ich; vielleicht bin ich auch aus übertriebenem berufsbedingtem Eifer losgezogen.«

Übertriebener berufsbedingter Eifer. Oder Neugierde. Oder Täterwissen.

»Und was haben Sie da gesehen?«

»Erst habe ich an die Tür geklopft, aber als ich nichts hörte, habe ich durch einen Spalt geschaut, der durch den Sturz des Baumes entstanden war. Ich habe mit der Taschenlampe hineingeleuchtet, und da …«

Jaap hustet ungeduldig. »Was haben Sie da gesehen?«

»Den Leichnam eines Mädchens, der an einem Haken hing«, sagt Zacharias plötzlich in hastigem, sachlichem Ton. »Wie in einer Schlachterei.«

Jaap sucht Augenkontakt mit Lot. Sein Blick macht die Worte des Mannes lebendig; ihr wird eiskalt, als sie sich vorstellt, wie das Mädchen aussehen muss.

Dann schaut Lot zu dem Soldaten hinüber. Seine kühle und distanzierte Haltung gehört vielleicht zu seinem Beruf. Da hängt eine Leiche. Und so sah das aus.

Sie fragt sich, wo er wohl gedient hat. Wie viele Leichen er schon gesehen hat.

Sie nähern sich der verfallenen Salzhütte am Waldrand, hinter der sich die unendliche flache Landschaft erstreckt. Die Weite, die normalerweise das schöne Gefühl von Raum entstehen lässt, in das sich Lot bei ihrem Umzug hierher verliebt hat. Jetzt wirkt diese Weite sehr einsam auf sie. Die tote Frau ist hier mutterseelenallein, in einer Art Niemandsland.

Jedes Wort von Zacharias stellt sich als wahr heraus: Ein riesiger Baum hat sich in das Dach gebohrt. Es sieht bedrohlich aus – im Moment ist lediglich ein Teil des Daches eingedrückt, aber wenn der Stamm ganz bricht, kann es gut sein, dass das Häuschen völlig in sich zusammenstürzt.

»Zentrale, wir sind vor Ort«, ruft Lot in das Funkgerät.

Ein vages Geräusch erklingt. Die Antwort kann Lot nicht verstehen, aber es klang ungefähr wie »Danke, alles klar«. Lot legt die Hand wieder an die Waffe, als Vorsichtsmaßnahme, genau wie Jaap. »Better safe than sorry«, sicher ist sicher. Der Täter kann sich hier überall herumtreiben.

Mit gespannten Armen geht sie auf das Häuschen zu, der Soldat folgt ihr. Sie schaut sich kurz um, sieht seine schlammverschmierten Schuhe und spürt, wie sich ihr der Magen zusammenkrampft, wenn sie daran denkt, wie viel Beweismaterial er mit diesen Tretern vernichten kann. Oder während seiner Entdeckungstour bereits vernichtet hat.

»Warten Sie kurz hier«, sagt Jaap zu ihm.

An der Tür der Hütte befindet sich ein Schloss. Mit zusammengekniffenen Augen spähen die Polizisten durch den Spalt nach drinnen, genau wie vorher der Soldat. Es sieht nicht gut aus. Jaap macht einen Schritt zurück, schaut Lot fragend an. Die nickt zustimmend.

Mit einem kräftigen Hieb tritt er die Holztür ein. Das Schloss springt auf. Dann hört sie das Summen der Insekten, die immer als Erste zur Stelle sind. Vorsichtig schauen sie nach drinnen. Ziehen die Taschenlampe aus dem Waffengurt und leuchten in die Hütte hinein.

»Polizei, ist da jemand?«, ruft Jaap.

»Polizei, ist da jemand?«, wiederholt Lot.

Keine Antwort.

Jaap schaut sie an; der Gestank bestätigt ihre Befürchtungen. Eine Hand auf der Waffe, in der anderen die Taschenlampe, betritt Lot die Salzhütte, direkt hinter Jaap. Es dauert einen Augenblick, bevor alles zu ihr durchdringt, und selbst dann noch kann sie nicht wirklich erfassen, was sie da vor sich hat.

Die Lichtstrahlen, die das Dach durchlässt, beleuchten eine Szene, wie sie Lot noch nie in ihrem Leben gesehen hat. In der Mitte des Raumes ein nackter Körper an einem Haken. Ganz kurz verspürt sie die Neigung, am Hals den Puls zu fühlen, aber dann begreift sie, dass das keinen Sinn mehr hat. Um den Körper schweben Insekten in allen Größen und Formen.

Das Summen.

Der Gestank.

Der penetrante Geruch ist nicht auszuhalten. Er macht einem das Atmen beinahe unmöglich.

Ihr Blick fällt auf eine Säge, die neben der Leiche auf dem Boden liegt. Daneben eine Art Vorhang, eine Art Gaze.

Ihr schießen sofort die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Ihre Sinne sind hellwach. Ab jetzt wird sich ihre gesamte Energie auf diese Fragen konzentrieren: Wer hat dieses arme Mädchen ermordet? Wer ist sie?

Wer ist der Täter? Nomen Nescio, denkt Lot,Name unbekannt. Nomen Nescio. Ich kenne seinen Namen noch nicht. Nein, noch kenne ich dich nicht. Sie schaut kurz hoch, in das leblose Gesicht des Mädchens. »Ich komme schon dahinter«, flüstert sie so leise, dass nicht einmal Jaap es hört. »Ich werde schon herausbekommen, wer das getan hat.«

Lot nimmt jedes Detail in sich auf. Vom staubigen, sandigen Boden bis hin zum völlig zerstörten Dach. Sie kann es kaum erwarten, bis sie allein ist und ruhig alles auf sich wirken lassen kann. In den Kopf des Täters kriechen.

Ist es ein Täter? Oder sind es mehrere?

Wurde das Opfer hier ermordet? Oder irgendwo anders?

Sie sieht keine Spuren eines Mordes. Kein Blut. Wurde das Mädchen irgendwo anders umgebracht? Wie hat er sie dann hierhergeschafft? Warum hierher?

Ist jemand in Gefahr? Hat der Täter schon mehr als einen Menschen ermordet? Was ist sein Motiv?

Lot lässt die Fingerknöchel knacken. So viele Fragen, die sich ihr gleichzeitig aufdrängen. Das überwältigt sie. In Gedanken redet sie sich selbst gut zu, um ihren Enthusiasmus in die richtigen Bahnen zu lenken. Vor allem muss sie professionell sein. Gut nachdenken. So gut sie kann.

»Gütiger Himmel«, meint Jaap, »das ist …«

Dann hören sie plötzlich Fußtritte am Eingang der Salzhütte.

Mit einem Ruck drehen sich beide um. Routiniert zieht Lot ihre Waffe und richtet sie auf die Tür, genau wie sie es in der Ausbildung gelernt hat. Aber dann sieht sie, dass es Zacharias ist, mit der Hand vor dem Mund.

Sie schüttelt den Kopf. Die Neugierde siegt so oft über den Verstand. Wie bei den Gaffern, wenn auf der Autobahn ein Unfall passiert.

»Draußen warten!«, weist sie ihn an, während Zacharias sie etwas einfältig anguckt. »Sofort! Raus mit Ihnen.«

Jaap schaut sie ärgerlich an. »Dabei habe ich es ihm so klar gesagt«, flüstert er ihr zu. »Idiot.«

Lot steckt die Waffe weg und drückt den Knopf am Funkgerät. »Zentrale, hier die3501, totes Mädchen in einer Salzhütte im Wald vorgefunden. Wo bleibt der Einsatzleiter?«

Keine Reaktion aus der Zentrale.

»Funktioniert das Teil denn überhaupt?«, flüstert Jaap.

»Nein, kein Empfang, fürchte ich.«

Er flucht leise. »Drecksdinger.«

Dann verspannt sie sich plötzlich. Jaap auch. Sie richten den Blick auf denselben Punkt. Es ist kaum hörbar, aber da ist tatsächlich ein leises Rascheln hinter dem Haus.

4

Der Wagen fährt über einen holprigen Teppich aus Moos und Ästen. Im Hintergrund erklingt leise Musik. Immer dasselbe Lied, New World in the Morning. Er summt mit, denn das beruhigt ihn, und es ist wichtig, dass er jetzt ruhig ist. Er will sie nicht beschädigen, und er ist manchmal so ungeschickt.

Das Mädchen. »Hmmm, hmmm.« Er schüttelt zufrieden den Kopf. Sie ist schön geblieben, bildschön. Ja, sie ist zweifellos seine Schönste. Sie ist beinahe so perfekt wie in seiner Fantasie.

»Hmmm.«

Beinahe.

Die Scheinwerfer hat er ausgeschaltet, denn er darf nicht gesehen werden, von niemandem. Es wäre schrecklich, wenn er gesehen und erkannt würde. Dann wäre alles vorbei. Und nicht nur das. Das Leben auf dieser Erde wäre für immer zu Ende.

Er spürt, wie eine überwältigende Angst von ihm Besitz ergreifen will, aber es gelingt ihm, sie zu unterdrücken, indem er weiter vor sich hin summt.

Der Sturm hat hier ordentlich gewütet. Man kommt nur schwer vorwärts, noch schwerer als zuvor. Unsicher holpert er über Berge von Ästen und manövriert seinen Kleinbus über die Hindernisse, welche die Natur ihm in den Weg geworfen hat.

Um ihn herum ist es still. Die beruhigende Dunkelheit ist schon seit der frühen Kindheit sein bester Freund. Der schwarze Schleier, unter dem er sich verstecken kann und wo es keine Verurteilung gibt, wo Worte nichts bedeuten. »Hmmm …« Die Nacht ist seine treue Gefährtin, egal ob sie sich warm oder kalt gibt, er kann sich auf sie verlassen. Eine Melodie, die immer vertraut klingt und die er nachsummt, leise, aber mit hellen Tönen.

Von einem Augenblick auf den anderen hält er im Summen inne. Nimmt den Fuß vom Gaspedal und stellt den Motor ab. Die Musik auch.

Nichts.

Alles still.

Er macht sich klein und kneift die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Er spürt, wie es ihn überfällt, das Blinzeln. Unkontrolliert und ganz oft, als ob ihm eine Motte ins Auge geflogen wäre. Er ballt die Fäuste und hat Mühe mit dem Luftholen. Wie durch einen platten Strohhalm zieht er den Sauerstoff in die Lungen, Zug um Zug, bis sie wieder gefüllt sind. Es wird immer mühsamer, immer schwieriger.

Er blinzelt immer noch wild mit den Augen. Aber zwischendurch sieht er es trotzdem. Da steht ein Auto auf dem Waldweg, und jemand hat ein rot-weißes Absperrband zwischen die Bäume gespannt.

Sofort lässt er den Motor wieder an. Er muss weg hier, ganz schnell. Zusammen mit seinem Mädchen. Aus Versehen gibt er ein bisschen zu viel Gas, und das Auto brummt wie ein Bär.

Weg hier, ganz schnell, wegfahren.

Er tritt noch einmal voll aufs Gas und schießt davon, weiter in den Wald hinein, den er wie seine eigene Westentasche kennt. Erst als er an dem Ort angelangt ist, wo er hinwollte, bringt er den Wagen zum Stehen, genau unter einem niedrig hängenden Ast. Er steigt aus, deckt das Auto mit den Blättern des Astes zu und geht zu Fuß zu seinem anderen Mädchen zurück. Leise gehen, nicht so schwer atmen.

Es ist jetzt sehr wichtig, dass er keine Geräusche macht. Es darf nicht sein, es kann nicht sein. Gleich haben sie ihn. Er ist nicht dumm, er weiß sehr gut, dass dieses Band von der Polizei ist. Von denen will er nicht verfolgt werden. Plötzlich halten seine Füße im Laufen inne, kurz nachdem seine Augen das Unheil registriert haben. Ein großer, böser Baum ist auf das Dach seiner Hütte gefallen. Fest, fester und noch fester presst er seine Hände gegeneinander. Sein schönes Mädchen. »Hmmm.« Seine schöne Freundin ist da drinnen.

In der Ferne bewegen sich kleine Puppen hin und her. Die Polizei? Die Leute mit dem rot-weißen Absperrband. Die sind da wirklich, die gehen wirklich auf das Häuschen zu. Sie nähern sich der Tür, sie sind jetzt ganz dicht davor. Er presst seine Hände noch ein bisschen fester zusammen – sein schönes Mädchen. »Hmmm, hmmm.« Seine schöne Freundin.

Das Atmen fällt ihm jetzt noch schwerer. Er keucht inzwischen, bekommt gar keinen Sauerstoff mehr. Ringt nach Luft. Trotzdem versucht er, ganz leise zu summen, denn das ist das Einzige, was hilft. Aber da kommt nichts mehr, kein Ton, nichts.

Und dann passiert es. Sie brechen die Tür auf. Sie betreten sein Reich. Sie werden sie finden. Jetzt ist sie verloren. Jetzt hat er sie verloren.

5

Sie wagt nicht zu atmen. Sie hört ihr eigenes Herzklopfen. Er ist jetzt ganz dicht bei ihr, so dicht, dass sie seinen Atem hören kann. Kleine Äste knacken. Sie macht sich ganz klein und schaut nach unten, wartet auf das, was kommen wird. Sie sieht, wie ein Regentropfen in eine Pfütze fällt. Hört den Wind und dann wieder seinen Atem. So nah. So unheimlich nah.

Wild schaut sie um sich. Zur Pfütze und dann wieder nach rechts, zur Pfütze und dann wieder nach links. Wo ist er? Wo läuft er entlang? Sie kann sich nicht orientieren, es ist überall so dunkel. Sieht er sie? Er sagt nichts, aber seine Schritte klingen bedrohlich.

Sie riecht den frischen Sommerregen, die Baumrinde und noch etwas anderes. Den wehmütigen Geruch von Lavendel.

Sie spürt den Schlamm zwischen den Zehen, kalt und nass. Plötzlich kein Knacken mehr. Er ist stehen geblieben. Sie rollt sich noch mehr in sich zusammen, kneift die Augen zu, als würde das etwas helfen. Wenn sie nichts sieht, sieht er auch nichts. Sie presst die Lippen aufeinander. Ballt die Fäuste.

Ein Knacken, ein ganz leises Knacken. So schrecklich nah bei ihr.

Sie will schreien, schluckt den Schrei aber herunter. Sie will wegrennen, krampft sich aber zusammen. Dann erklingt ein Schnaufen, ein Atemholen. Er nimmt ihre Witterung auf.

Sie muss hinschauen. Öffnet das rechte Auge ein bisschen, nur ganz kurz. Seine Beine, ganz nah, wirklich direkt vor ihrem Gesicht. Sie schaut seitlich auf seine Beine. Er steht einfach nur da, ganz still. Keine Ahnung, ob er sie gesehen hat. Oder ob er sie nur quält und sie wie ein geschwächtes Tier auf den letzten Schlag warten lässt.

Er steht einfach so da.

Ganz still.

Sie schließt das eine Auge wieder; besser, sie schaut nicht mehr hin. In ihrem Inneren schreit es. Es schreit, dass ihre letzte Stunde geschlagen hat. Sie denkt an den Ast, den sie einfach auf dem Radweg hätte liegen lassen sollen. Einfach drumherum fahren. Dann denkt sie plötzlich an ihre Mutter, an das Wochenende, das sie zusammen verbringen wollten. Sie denkt an eine Schokoladentorte, warum gerade jetzt? Sie denkt an ihren Ex. Ach, mit dem hat sie so viel Zeit verschwendet. Dann denkt sie an ihre Träume. An all die schönen Träume.

6

Schweigend und mit zusammengekniffenen Augen beobachtet er die Eindringlinge, die einfach so, als wäre es gar nichts, sein Heiligtum betreten. Er weiß, dass er besser nicht hierbleiben sollte, aber er fühlt sich wie gelähmt.

Er steht einfach nur da und schaut zu. Er muss zurück zu seinem Auto, zu seinem anderen Mädchen. Aber er steht einfach nur da und bewegt sich nicht.

Sein Mädchen. Seine Freundin ist da drinnen.

Zweige knacken, Blätter rascheln, als er sich ein bisschen bewegt. Er späht in die Ferne und versteckt sich hinter den Bäumen. Leise pfeift er vor sich hin. Er mag wohl Angst haben, aber es ist am besten, wenn er gefasst bleibt. Seine Beine sind plötzlich von Unruhe erfüllt, seine Füße trampeln auf der Stelle und lassen die Erde seufzen und zittern, so als ob sie seine Angst teile.

Seine Finger flechten sich krampfartig ineinander. Sie gehört ihm. Sie gehört doch ihm? Blinzelnd schaut er sich an, was da passiert. Seine Finger graben sich tiefer und tiefer in die eigene Haut. Bis die Knöchel weiß werden, bis es wehtut und er es nicht mehr aushält.

Er hätte es wissen müssen. Zwischen dem unaufhörlichen Zittern seiner Augenlider hindurch schaut er zu dem riesigen Baum hinüber, der das Dach seines Häuschens durchbohrt hat. Er hätte wissen müssen, dass seine Freundin bei diesem Sturm auch dort nicht sicher ist. Der Baum, das gähnende Loch im Dach, das allem freien Zugang bietet, was lebt und ihr Schaden zufügen will. Er hat nicht genug darüber nachgedacht. Er hat versagt, genau wie es zu erwarten war.

Schon wieder. Er ist ein Versager, der alles falsch macht und nichts auf die Reihe bekommt. Ein Nichtsnutz. Ein Niemand.

Er blinzelt heftig. Hält kurz die Beine still, um zu Atem zu kommen. Wieder dieses Ringen nach Luft. Wann hört das endlich auf? Atmen, Atem holen, eins, zwei, ruhig einatmen. Eins, zwei, ruhig ausatmen. Irgendwann muss er das doch unter Kontrolle bekommen.

Gar nichts hat er unter Kontrolle. Verdammt noch mal.

Das Blinzeln hört einfach nicht auf. Er nimmt nur bruchstückhaft etwas wahr, während er auf der Stelle marschiert, um die Unruhe zu bezwingen. Um zu verhindern, dass seine Füße einfach so zu laufen anfangen und er mit ihnen mitmuss. Denn dann sitzt er in der Scheiße. Er darf nicht gesehen werden. Man darf ihn nicht sehen. Auf gar keinen Fall.

Sie ist verloren. Verloren an die Eindringlinge, verloren an den Verfall.

Versager. Totaler Versager. Er schaut nach oben und schlägt sich selbst auf die Wange. Dummer Junge.

Dann hört man plötzlich das laute Bellen eines Hundes.

7

Oft reicht ein einziger Blick. Hier ist etwas faul. Jaap macht eine Gebärde mit der Hand, Lot befolgt seine Anweisung. Die Anspannung steht ihm ganz deutlich ins Gesicht geschrieben. Das Rascheln kann alles Mögliche bedeuten: der Täter, der Melder, ein Hund. Sie dürfen nicht das geringste Risiko eingehen.

»Zacharias?«, ruft Lot vorsichtig.

Keine Reaktion. »Raus hier«, flüstert Jaap, »raus hier, sofort.«

Er läuft vorneweg, die Hand an der Waffe. Lot hat ihre sicher am Holster. Die Situation gefällt ihr ganz und gar nicht.

Auf der Polizeistation wird sie als allererstes Krach schlagen, weil die Funkgeräte nur eine so geringe Reichweite haben. Es besteht Lebensgefahr, niemand weiß, was hier in diesem Augenblick vor sich geht, und sie kann nur raten, wann die Verstärkung eintreffen wird. Sie hat keine Ahnung, ob ihre Kollegen überhaupt den richtigen Weg finden werden. Natürlich, Jaap und sie haben ganz ausgezeichnetes Training erhalten, aber trotzdem sind sie nur zu zweit. Sie können es hier nicht mit dem Rest der Welt aufnehmen.

Sie verlassen die Hütte. »Zacharias?«, ruft Jaap jetzt.

»Da!«, sagt Lot und macht eine Handbewegung.

Ein Stück von ihnen entfernt sitzt der Soldat auf einem Baumstamm, neben sich seinen Hund. Er wendet sich um und schaut nervös in ihre Richtung.

Plötzlich beginnt der Hund zu bellen und rennt zu der Hütte. »Boris!«, ruft Zacharias. »Boris, bleib hier!«

Das Tier stürmt an Jaap und Lot vorbei, verschwindet hinter der Hütte.

»Rufen Sie den Hund zurück«, befiehlt Jaap. »Sofort. Möglicherweise ist da jemand.«

Zacharias setzt sich in Bewegung. Aber noch bevor Lot ihm sagen kann, dass er sich nicht rühren soll, kommt ein Mann hinter der Hütte zum Vorschein. Ein ungepflegter Mann, das sieht man sofort. Er hat einen rötlichen Bart, aus dem hier und da ein paar lange Stoppeln hervorragen. Auf dem Kopf einen wirren Haarschopf, der ihm bis halb über die Schultern hängt. Eine grüne Arbeitshose voller schwarzer Flecken. Eine dunkelblaue Fleecejacke, die ganz staubig ist.

»Stehen bleiben und Hände hoch!«, reagiert Jaap sofort.

Der Hund springt bellend an dem Mann hoch.

»Zeigen Sie mir Ihre Hände«, ruft Lot. »Ich will Ihre Hände sehen.«

Zögernd streckt der Mann die Hände nach oben.

Neben Lot steht Zacharias, wie erstarrt. Ganz offensichtlich weiß er nicht, was er tun soll. Ihrer Einschätzung nach verhält er sich für einen Soldaten sehr träge. Auf jeden Fall ist es lange her, dass er einen Drill absolviert hat.

»Moment mal«, sagt der Mann sichtlich erschrocken. »Zacharias, was soll das?«

Lot schaut wieder zur Seite, zu dem Soldaten, der auszuprobieren scheint, wie lange er ganz stillstehen kann. »Zacharias?«, hakt sie nach. »Kennen Sie diesen Mann?«

Sein Kopf bewegt sich gerade mal so viel, dass Lot vermuten darf, es soll Ja bedeuten. Sie guckt kurz zu Jaap rüber, der sie fragend ansieht. »Wie heißen Sie?«, fragt Lot den Mann.

»Bob«, ist die Antwort. »Bob Altena.« Mit zitternder Hand deutet er auf Zacharias. »Ich gehöre zu ihm.«

Der Soldat rührt sich noch immer nicht von der Stelle.

»Bleiben Sie, wo Sie sind. Nicht bewegen, ich komme zu Ihnen«, erklärt Jaap. »Ich werde Sie durchsuchen.«

In diesem Augenblick ertönt ein Knacken aus dem Funkgerät, das Lot um den Hals trägt. Halleluja! Sie haben Empfang. »Hier die 3504 mit dem Einsatzleiter, wir sind vor Ort. Wir stehen hinter eurem Dienstwagen.«

»Hier die 3501 für die 3504«, antwortet Lot mit ruhiger Stimme. »Folgt dem Pfad ungefähr dreißig Meter und biegt dann nach rechts ab, in den Wald. Von da aus könnt ihr dem Absperrband folgen. Wir stehen bei einer Holzhütte. Einer Salzhütte.«

»Alles klar, wir sind auf dem Weg.«

Lot schaut zu, wie Jaap den Mann durchsucht, sich seine Daten notiert und ihr zur Beruhigung kurz zunickt. Der Mann ist vorerst okay, hat ihr Kollege festgestellt, aber Lot kann den Blick nicht von ihm abwenden und beobachtet ihn, während er auf Zacharias zugeht. Er löst etwas bei dem Soldaten aus, was ihr nicht gefällt. Das professionelle Verhalten, das sie vorher bei ihm bemerkt hat, scheint durch die Anwesenheit von diesem Bob zunichtegemacht. Zacharias wirkt nervös. Sie schaut zu ihm hinüber und stellt fest, dass er gestresst aussieht. Ein Stress, der ihn selbst überrumpelt.

Dann räuspert sich Lot. »Zentrale, hier die 3501. Totes Mädchen vorgefunden. Zwei Männer am Tatort, davon einer der Melder und einer ein Bekannter des Melders. Situation unter Kontrolle. Ich werde den Tatort jetzt absichern.«

»Zentrale hier, danke für das Update, 3501. Ich schicke euch noch mehr Verstärkung und ein Spurensicherungsteam. Bleibt wachsam.«

Der junge Mann mit dem Bart bleibt kurz vor Zacharias stehen und sagt seltsamerweise kein Wort. Unauffällig beobachtet Lot die beiden eine Weile. Sie versucht, ihr Alter zu schätzen. Etwa Mitte zwanzig?

Dann schreckt sie auf, als ihr Vorgesetzter Leo de Graaf zusammen mit ihrem Kollegen Stefan Koopmans plötzlich den Tatort betritt. So was, es ist Leo ganz offensichtlich gelungen, sich aus seinem Schreibtischsessel aufzuraffen. Auf seiner Vorstellung, die Einsatzleitung vom heiligen Hauptquartier aus übernehmen zu können, anstatt von der Straße, wo sich alles abspielt, kann er während eines unzureichend besetzten Nachtdienstes mit einer Toten natürlich nicht beharren. Sie seufzt, als sie an ihre Zeit in Amsterdam zurückdenkt. Da war es ganz normal, dass der Einsatzleiter sich auch nach draußen begab. Ob jemand Führungsqualitäten besitzt, zeigt sich nämlich erst außerhalb des Büros.

Sie redet sich selbst gut zu. Konzentriere dich, Lot, konzentriere dich.

Es ist an der Zeit, dafür zu sorgen, dass dies ihr Fall wird. Und dass sie ihr Wissen aus den langen Studienjahren endlich geltend machen kann.

Jaap stellt sich wieder zu ihr. »Mann«, seufzt er leise. »Was für eine Nacht.«

Sie schaut in sein immer gutmütiges Gesicht. Er wirkt sichtlich müde und angeschlagen, vielleicht sogar ein wenig schockiert wegen der unheimlichen Entdeckungen, die sie in der verlassenen Hütte gemacht haben. Dennoch ist er die ganze Zeit unerschütterlich beherrscht, und deswegen hat sie in ihm ihren idealen Partner gefunden.

Seltsamerweise ist sie selbst gar nicht schockiert. Vielmehr spürt sie, wie das Adrenalin wild durch ihren Körper hämmert, während gleichzeitig eine professionelle Ruhe dafür sorgt, dass sie einen klaren Kopf behält. Sie kann es kaum erwarten, mit der ersten Analyse anzufangen, und danach mit der Interpretation, mit dem Erstellen des Profils. Mitdenken, dem Ganzen eine Richtung geben, Entscheidungen fällen. Eine Auswahl treffen. Die Psyche des Täters ergründen. Die Geschichte dahinter in ihren Einzelheiten erforschen.

Sie wirft einen kurzen Blick auf die Hütte. Das ist der Fall, auf den sie gewartet hat.

Die ganze lange Zeit.

Dann ballt sie eine Hand zur Faust. Denn Ruhe, Beherrschtheit und Sorgfalt sorgen nun dafür, dass sie auch wirklich an dieser Sache teilnehmen darf. Also eins nach dem anderen. Los geht’s. Sie hebt das Absperrband vom Boden auf und wirft es Jaap zu. »Wir müssen den Tatort sichern«, erklärt sie. Dann deutet sie auf den Soldaten und seinen Begleiter. »Sie beide bleiben hier. Unsere Kollegen werden gleich mit Ihnen sprechen.«

»Wir würden eigentlich lieber …«, setzt der Mann mit dem Bart zu einer Antwort an.

»Bob«, unterbricht sie ihn, »Sie heißen doch Bob, oder? Bob Altena?« Er nickt. »Bob, Sie und Zacharias bleiben beide hier, bis jemand Ihnen ganz ausdrücklich sagt, dass Sie nach Hause gehen dürfen. Und man wird Sie gleich vernehmen. Haben Sie das verstanden?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, dreht Lot sich um und geht auf Leo zu, um ihn persönlich darüber zu informieren, was sie hier vorgefunden hat.

8

Still, still, still. So fest sie kann, presst sie sich die Hand auf den Mund, um nicht vor Angst zu schreien und um nicht zu atmen. Wenn sie nur ganz still ist, dann hat sie vielleicht noch eine Chance. Wenn sie nur ganz still ist.

Er bewegt sich.

Vor Schreck schnappt sie ganz leise nach Luft.

Er bewegt sich wieder. Hat er sie gehört?

Dann spürt sie, wie sich sein Blick langsam auf sie herabsenkt, und plötzlich geht alles ganz schnell. Obwohl er wild blinzelt, erfasst er sie mit dem Blick. Er hat sie gesehen. Jetzt ist sie dran, jetzt ist alles vorbei. Sie sieht seine großen Hände, immer größer, immer näher. Kurz guckt sie ihm in die Augen, noch immer dieses heftige Blinzeln, aber dann sieht sie wieder seine Hände, jetzt ganz dicht vor sich; sie legen sich ihr um den Hals, und ihre Luftröhre wird zugedr…

9

Der Trampelpfad von der Hütte zum Weg ist inzwischen abgesperrt und markiert, und obwohl sie sehr sorgfältig gesucht haben, besteht immer die Möglichkeit, dass auf so einem Pfad Spuren des Täters vernichtet werden. Trotzdem ist es wichtig, dass jeder schnell vor Ort ist. Es wimmelt nur so von Männern in weißen Overalls; am Rande des Tatorts halten sich Kollegen in Blau auf, und zwischen ihnen bewegen sich Leo, Jaap und Stefan in Zivil.

Die Umgebung wird sorgfältig abgesucht, Zentimeter für Zentimeter. Man hat den Tatort großräumig abgesperrt und innerhalb dieser Absperrung noch eine kleinere Markierung gezogen, innerhalb derer die Spurensuche erfolgt. Kollegen in Uniform durchkämmen Teile des Waldes, bewegen sich in einer Linie nebeneinander, um nicht die geringste Spur des Täters zu übersehen. Eine zurückgelassene Jacke, eine Trinkflasche, Reifenspuren von einem Auto, alles lässt sich finden, alles kann von Nutzen sein.

Lot läuft mit Plastikschutzhüllen über den Schuhen neben den Kollegen her, die das Beweismaterial in den dafür vorgesehenen Tüten deponieren. Außerdem ist ständig das Klicken der Fotografen zu hören; sie halten alles fest, was ihnen vor die Linse kommt. Videomaterial wird ebenfalls aufgenommen.

Während ihrer Ausbildung in Amsterdam hat Lot genug gesehen und erlebt, aber etwas so Grausiges wie das hier kennt sie nur aus ihrem Training bei Magnus in Schweden.

Flüchtig schießen ihr Fotos von Leichen, die sie sich während dieser Zeit ansehen musste, durch den Kopf. Lässt sich eines davon mit dem Fall hier vergleichen? Sie denkt an die spannenden Tage zurück, an denen sie morgens die Akte eines Cold Case auf ihrem Schreibtisch vorfand und damit von Magnus ins kalte Wasser geworfen wurde. »Schau dir die Sache nur gut an«, sagte er dann zu ihr. »Ich bin gespannt auf deine Schlussfolgerungen.« So tauchte sie tief in den Fall eines Mädchens namens Eva ein. Man hatte sie nackt am Wegrand liegen lassen, sorgfältig in eine Decke eingerollt.

Lot ruft sich ins Gedächtnis, dass so komplexe Fälle in den Niederlanden kaum vorkommen, und in dieser Region schon gar nicht. Langsam, aber sicher steigt ein leises Schamgefühl in ihr auf. Wenn sie nur an das Theater zurückdenkt, das sie zuerst gemacht hat, als sie dahinterkam, dass sie hierher versetzt wurde. In diese Region, wo man ihrer Überzeugung nach nichts anderes tat, als ausgebrochene Pferde einzufangen, und wo die Hälfte ihrer Kollegen mittags nach Hause ging, um eine liebevoll von der Ehefrau zubereitete warme Mahlzeit zu essen. Und jetzt sieht sie, wie sich ihre Kollegen hochkonzentriert und perfekt aufeinander abgestimmt an die Arbeit machen, obwohl die Situation für sie alle ungewohnt ist. Jeder weiß, was er zu tun hat, das Team ist sehr gut eingespielt. Lot schämt sich dafür, dass sie nicht dazugehören wollte. Sie sollte Stolz empfinden, ein Teil dieses Teams zu sein. Während Lot die Fingerknöchel knacken lässt, spürt sie, wie ein Kribbeln ihren Bauch durchläuft. Zusammen können sie es schaffen. Und der Täter, der sich angemaßt hat, ein nacktes Mädchen an einem Haken aufzuhängen, soll bloß aufpassen. Sie werden ihn kriegen. Darauf kann er sich verlassen.

Sie betritt die Hütte, wo Leo, Stefan und Jaap dabei sind, sich zu beraten. Sie lässt die Männer reden und schaut sich gründlich um. Inzwischen brennen grelle Lampen im Raum, und es wird immer noch eifrig nach Spuren gesucht. Auch hier macht man Fotos.

Ihr Blick streift den jungen Körper am Haken. Das Mädchen ist nicht sehr groß, Lot schätzt sie auf einen Meter sechzig. Mit dem Blick folgt sie den Konturen des Körpers und hält bei den Fingern inne, die leblos herunterhängen. Sie tritt ein wenig näher, ohne die Männer in Weiß zu stören, und stellt fest, dass die Nägel in grellem Rot lackiert sind, was in einem seltsamen Kontrast zu dem blassen Körper steht.

Behutsam berührt Lot eines der Beine. Kurz erschrickt sie, aber dann wiederholt sie die Geste. Sie bemerkt, dass die Männer sie genau beobachten; ihre Blicke bohren sich ihr in den Rücken, ihr Schweigen verrät, dass die Kollegen finden, sie gehe zu weit.

Sie dreht sich um. »Ihre Haut, sie fühlt sich an wie Leder.«

Jaap kommt auf sie zu und berührt das andere Bein. »Verdammt. Das ist ja seltsam.«

»Wie lange hängt sie wohl schon hier?«, murmelt Lot vor sich hin. »Wann wurde sie ermordet?«

Dann läuft sie zu einem interessanten Beweisstück hinüber, das man markiert, mit einer Nummer versehen und fotografiert hat. In einer Plastiktüte steckt es noch nicht.

»Ein Tagebuch«, flüstert sie.

Fragend schaut sie zu dem Experten von der Spurensicherung hinüber. »Darf ich?«

Er reicht ihr einen Handschuh und nickt. »Nur zu!«

Sie bückt sich und hockt sich neben das Beweisstück. Dann steckt sie die Finger gierig in den Handschuh. Vorsichtig öffnet sie den Umschlag. Eine Zeichnung, skizzenhaft einfach. Eine junge Frau, oder nein, eher ein Mädchen – kaum Rundungen, klein und zierlich. Langes schwarzes Haar, auf einem Bett. Die Beine sittsam übereinandergeschlagen.

Vorsichtig blättert Lot um. Wieder eine Zeichnung. Kritzeleien, viele Linien. Hektischer als auf der ersten Seite. Auf dieser Zeichnung ist ebenfalls ein Mädchen zu sehen.

Dasselbe Mädchen? Jedenfalls das gleiche lange Haar. Sie liegt im Bett mit ausgestreckten Beinen und Armen, die neben ihrem Körper liegen. Mit geschlossenen Augen, als ob sie schläft. Als ob sie tot ist. Direkt neben der Zeichnung entdeckt Lot hingekritzelte Wörter. Sie schaut genauer hin: »Du bist so schön, jetzt, wo du bei mir bleibst, für immer.«

Lot stellt sich wieder aufrecht hin und schaut sich kurz um. Wie alt ist das Mädchen wohl? Achtzehn, neunzehn? Vielleicht sogar minderjährig.

Dann fällt es ihr plötzlich auf. »Shit«, murmelt sie. »Leute, schaut mal …«

»Was denn?«, fragt Leo.

Lot zeigt nach oben, auf den Holzbalken, an dem der Haken befestigt ist. »Noch ein Haken«, erklärt sie, »und er ist leer.«

Alle Anwesenden halten in ihrem Tun inne. Schweigen. Starren nach oben.

Jaap nickt langsam. »Tatsächlich, noch einer«, flüstert er. »Meinst du, dass …?«

Sie starrt vor sich hin. »Vielleicht.«

»Das halte ich für eine etwas voreilige Schlussfolgerung«, murmelt Leo.

Sie dreht sich um und schüttelt den Kopf. »Nein, nein«, erwidert sie ruhig. »Keine Schlussfolgerung.«

Die Zeit für Schlussfolgerungen ist noch längst nicht gekommen. Das weiß sie. Aber die beiden Haken wirken sehr neu und sehen auf den ersten Blick gleich aus.

»Wir sollten untersuchen, woher die Haken kommen und wann sie in den Balken geschlagen wurden«, sagt Lot zu ihren Kollegen.

Dann sucht sie weiter, bewegt sich an den Holzwänden der Hütte entlang.

Lot späht in die dunkelste Ecke des Raumes, wo sie etwas Auffallendes am Boden liegen sieht. Sie geht und hockt sich davor hin. Es ist ein Schlafsack. Daneben liegen ein Öllämpchen, eine Rolle Toilettenpapier und … Sie holt tief Luft. »Leute«, ruft sie, »habt ihr das hier schon erfasst?«

Einer der Kollegen in Weiß kommt auf sie zu und schaut in die Richtung, in die sie deutet. »Eine Flasche mit Alkohol. Vielleicht hat er daraus getrunken.«

»Yes«, flüstert Leo, der in Gedanken wahrscheinlich schon die Verhaftung durchführt. »Sehr gut, sehr gut.«

Sehr gut ist das sicher, denn es besteht die Chance, konkretes Beweismaterial zu bekommen, aber in Wirklichkeit bedeutet es noch gar nichts. Wenn die DNA oder der Fingerabdruck des Täters nicht polizeilich erfasst sind, kommen sie damit immer noch keinen Schritt weiter. Lot schaut zu, wie der Kollege die Flasche vorsichtig in Plastik wickelt.

Dann sieht sie, dass auf dem Boden ein halb geöffneter Müllsack liegt, auf dem einige Insekten herumkrabbeln.

»Jaap«, sagt sie, »komm mal her.«

Zusammen mit Stefan gesellt sich Jaap zu ihr. Leo verschwindet nach draußen, dem reicht es wahrscheinlich, so auf nüchternen Magen.

»Was denkst du?«, will sie wissen. »Könnte das hier interessant sein?«

»Du meinst, so interessant wie das zweite Opfer, das jemand in Stücke gehackt hat?«

Sofort sieht Lot alles vor sich. »Hör auf, Jaap«, stöhnt sie. »Bitte …«

»Den überlasse ich gern dir«, erklärt Jaap und deutet auffordernd zu Stefan hinüber. »Du machst das immer so gut.«

Stefan verdreht spöttisch die Augen. »Ihr Weicheier«, murmelt er, »jetzt muss ich natürlich wieder ran.« Er zieht sich Handschuhe an und nimmt den Müllsack in beide Hände.

Als er kurz zögert, müssen alle lachen. So ein Held ist der robuste Stefan nun auch wieder nicht.

Galgenhumor. Der gehört dazu.

Er öffnet langsam den Müllsack und scheint dabei immer größeres Vertrauen zu entwickeln, dass er darin nichts Widerliches vorfinden wird. Die Insekten rennen wie wild hin und her. »Was ist denn das hier?«, murmelt er, als er ein Stück Pappe aus dem Müllsack holt.

Lot schaut genauer hin. »Du liebe Zeit. Eine Pizza.«

Die Spannung ebbt ab, und Lots Blick wandert wieder zur Leiche hinüber. Wie das Mädchen da hängt. Nackt. Und mausetot.

10

Als Jaap und Lot die Polizeistation betreten, erklingt aus dem Empfangsbereich ein herzzerreißendes Weinen. Ganz offensichtlich ist der Mann hinter dem Tresen überfordert. Die Frau steht da und schreit, was die Lungen hergeben. Auf der einen Seite neben ihr steht ein Mann – wahrscheinlich der Ehemann –, der sie trösten will, auf der anderen Seite der Mann vom Empfang, der auf ungeschickte Weise versucht, sie zu beruhigen, indem er ihre Hand festhält.

Lot und Jaap tauschen einen Blick, gehen dann zusammen zu der Gruppe hin.

»Guten Tag«, sagt Lot, während sie der Frau die Hand auf die Schulter legt. »Beruhigen Sie sich doch, was ist denn passiert?«

Zwei Augen voller Panik richten sich auf Lot, zwei Hände greifen nach ihrem Arm. Die Frau schreit, und zwar noch lauter als vorher. »Ist es Li, ist es Li, ist es …« Sie ringt nach Luft und lässt sich von Jaap und Lot zu einer Bank im Warteraum führen. »Ist es Lisanne?«, wiederholt sie kreischend. Ihr Blick ist voller Schmerz und Hilflosigkeit.

»Lisanne«, wiederholt Lot ruhig. »Wer ist Lisanne? Ist das Ihre Tochter?«

Obwohl sie selbst keine Kinder hat, erkennt sie die Unruhe einer Mutter sofort.

»Ja«, antwortet die Frau schluchzend. »Meine Tochter. Lisanne ist meine Tochter.«

Der Mann setzt sich beschämt neben seine Frau. Dann erklärt er mit ernstem Blick: »Ich bin der Ehemann, der Vater von Lisanne. Unsere Tochter wird seit fast einem Jahr vermisst.«

Lot schaut Jaap an, und Jaap schaut Lot an. Jetzt geht es darum, professionell zu bleiben und die beiden in einen Raum zu führen, in dem man sich ruhig unterhalten kann. Jede Minute, die sie warten müssen, wäre für diese Eltern zu viel, zu viel nach den grausigen Neuigkeiten, die wahrscheinlich längst durch das Dorf geistern.

»Würden Sie uns bitte begleiten?«, fragt Lot. »Dann suchen wir uns erst einmal einen ruhigeren Ort.«

»Ich will sie sehen! Darf ich sie sehen?«

»Beruhigen Sie sich«, sagt Jaap auf die für ihn typisch beherrschte Weise. »Bitte kommen Sie mit uns. Hier herrscht doch viel zu viel Betrieb für Sie.« Er nimmt sie fest am Arm und führt sie ins nächstgelegene Vernehmungszimmer. »Wir wissen noch gar nichts«, erklärt er dort, »deswegen können wir Ihnen leider auch noch nichts sagen. Sobald wir mehr Informationen haben, melden wir uns natürlich bei Ihnen.«

Jetzt, wo klar ist, dass die Leiche noch keinen Namen hat und infolgedessen auch noch nicht ihre Tochter ist, hört die Frau auf zu weinen. Es muss sich anfühlen, als wäre die Hinrichtung vertagt worden, überlegt Lot, während sie die beiden menschlichen Wracks vor sich betrachtet. Sie befürchtet das Schlimmste und beschließt, sich sofort mit diesem Vermisstenfall auseinanderzusetzen. Allerdings merkwürdig, dass das Mädchen offenbar bereits ein Jahr verschwunden ist. Dann hätte der Täter sie aber lange festgehalten. Lot spürt, wie die Anspannung in ihrem Bauch zunimmt.

Moment, meldet sich eine Stimme in ihrem Kopf, für Schlussfolgerungen ist es noch viel zu früh.

Während die Eltern mit Wim, einem Ermittler, der auf Familienangelegenheiten spezialisiert ist, einen Kaffee trinken, beginnt für Lot und Jaap das erste Briefing. Alle finden sich im Versammlungsraum ein, wo es von Handys, Telefonen und Funkgeräten nur so wimmelt. Mit einem Blick in die Runde stellt Lot fest, dass die digitale Revolution auch unter ihren Kollegen ausgebrochen ist. Fast niemand spricht noch miteinander, jeder sitzt mit einem Display vor der Nase da.

»Wir warten noch immer auf Leo«, erklärt Silvester van Schoonbeek, der Staatsanwalt. »Hat ihn jemand gesehen?«

Kopfschütteln bei einigen. Eine unbehagliche Stille tritt ein.

Der Staatsanwalt beehrt sie nicht oft mit seinem Besuch. Und es ist allgemein bekannt, dass er großen Wert auf Pünktlichkeit legt. Warten wird ihm also sicher nicht gefallen.

Lot fragt sich, wo sich Leo herumtreibt. Er hat den Tatort schon vor einiger Zeit verlassen, es kann also überhaupt nicht sein, dass er noch unterwegs ist.

Dann kommt er hereingestürmt, mit Schweiß auf der Stirn. Ist er etwa gerannt? Die Tür lässt er offen. Er geht direkt auf Silvester van Schoonbeek zu. »Verzeihung«, bringt er keuchend heraus. »Es tut mir wirklich sehr leid. Ich, äh …«

»Lassen Sie uns anfangen«, erwidert der Staatsanwalt.

Gerade, als Lot die Tür schließen will, wendet sich Leo ihr zu: »Lotje, holst du noch eben für alle Kaffee?«

Lotje? Er nennt mich Lottchen?

Kaffee?

Noch eben?

Sofort steigt Empörung in ihr auf, aber sie lässt sich nicht vor allen auf die Palme bringen. Sie sieht sich im Raum um, in dem sich neben den achtzehn Männern nur eine einzige Frau befindet: sie selbst. In Amsterdam wäre eine solche Bitte ganz sicher ein Scherz gewesen, über den sie alle gemeinsam laut gelacht hätten. Aber hier scheint sich niemand über die Frage zu wundern. Hilfesuchend schaut sie zu Jaap hinüber, aber der ist ganz in das Protokoll vertieft, das vor ihm liegt. Prima, wenn einen der Partner in solchen Momenten nicht unterstützt.

Sie fängt den Blick ihres Kollegen Jan auf, der zu den Älteren im Team gehört, aber der schaut sie nur ausdruckslos an. Er scheint es ganz selbstverständlich zu finden, dass sie den Kaffee holen soll.

»Gut, Kaffee für alle«, wiederholt sie in übertrieben fröhlichem Tonfall. »Aber gern doch. Wünschen die Herren noch etwas dazu? Ein wenig Gebäck vielleicht?«

Leo schüttelt den Kopf.

Was für ein Idiot.

In der Kantine sucht sie sich drei Thermoskannen zusammen und füllt sie mit frischem, dünnem Kaffee. Außerdem nimmt sie kaltes Wasser mit. Tassen, Zucker, Milchkännchen, Rührstäbchen, es kommt genau hin. Unsicher trägt sie das Tablett vor sich her und fühlt sich wie eine Kellnerin an ihrem ersten Arbeitstag. Für solche Dinge besitzt sie absolut kein Geschick. Mit dem Ellenbogen versucht sie, die Tür zu öffnen, aber die klemmt. Durch das Glasfenster sieht sie, dass niemand sie bemerkt, denn zu ihrem Erstaunen ist das Briefing bereits in vollem Gange. Auf dem Bildschirm erkennt Lot das grauenvolle Bild vom Gesicht des Opfers. Sie tritt mit dem Schuh gegen die Tür. Jaap dreht sich um und beeilt sich, ihr die Tür aufzuhalten; der Rest der Kollegen schaut regungslos zu.

»Nett von euch«, meint sie, als sie die Kannen unter lautem Geschepper abstellt, »dass ihr kurz auf mich gewartet habt.«

Verstört wendet Leo den Blick vom Foto ab; die anderen murmeln etwas wie »Ach ja« oder »Sorry«, aber mehr kommt nicht. Jaap zwinkert ihr zu. Sie antwortet darauf mit einem bösen Blick. Verdammt noch mal, er könnte sich ruhig ein bisschen mehr für sie einsetzen.

Dann gießt Lot sich selbst eine Tasse Kaffee ein und setzt sich auf einen der freien Stühle im hinteren Teil des Raumes. Ganz kurz muss sie daran denken, wie sie den anderen vorgestellt wurde. Als der Begriff »Profilerin« fiel, konnte sie sehen, wie das bei einigen Kollegen Überraschung auslöste. Etwas Neues, Fremdes. Wie unheimlich! Und manchen engstirnigen Leuten kann man auch nicht erklären, was genau sie eigentlich tut.

Okay, jetzt muss sie sich konzentrieren. Sie sitzt schließlich nicht ohne Grund hier. Lot schaut voller Aufmerksamkeit auf das Gesicht der jungen Frau, während sie sich anhört, was Leo so alles über den Tatort erzählt. »Auffällig ist dieser Nagellack.«

»Vielleicht war sie ja eine Prostituierte«, hört Lot Jan sagen.

Leo nickt nachdenklich. »Das wäre eine Möglichkeit.«

»Weil sie Nagellack trägt?«, erkundigt sich Lot in spöttischem Tonfall. Jaap kichert leise; wahrscheinlich hat er mit dieser Reaktion gerechnet. »So ein Unsinn. Den hat sie sich übrigens nicht selbst auf die Nägel geschmiert. Davon bin ich überzeugt.«

Achtzehn Augenpaare richten sich auf sie. Leo hüstelt etwas gekünstelt. »Ich …«, meint er, »ich bin nicht sicher, ob wir das jetzt schon so definitiv sagen können. Wir sollten alle Optionen unvoreingenommen betrachten.«

»Da bin ich gleicher Meinung, aber ich stelle lediglich fest, dass eine Frau ihre Nägel wohl kaum so schlampig lackieren würde; das Zeug klebt ihr ja überall an den Fingern. Es ist ganz einfach zu viel. Und das Ganze sieht auch etwas zu frisch aus, vor allem, wenn man ihren sonstigen Zustand betrachtet. Wenn man ermordet in irgendeiner Hütte aufgehängt wird, und zwar für Gott weiß wie lange, scheint es mir nicht sehr wahrscheinlich, dass sich der Nagellack so gut hält. Und falls doch, wüsste ich wirklich zu gern, welche Marke sie verwendet hat.«

»Gut«, antwortet Leo, »dann wenden wir uns jetzt dem nächsten Bild zu.«

Wie in einer Diaschau ziehen die Fotos vom Tatort an ihr vorbei. Auch ein Bild von dem schmuddeligen Tagebuch erscheint. Lot lässt die Fingerknöchel knacken. Das Tagebuch!

Was hat es mit diesem Buch auf sich, überlegt sie. Es könnte eine sehr wertvolle Informationsquelle für ihr Täterprofil darstellen. Eine Möglichkeit, Einblick in die Fantasien des Täters zu gewinnen.

Jaap meldet sich zu Wort. »Was machen wir mit den Eltern von Lisanne Vermeer? Lot und ich haben uns um sie gekümmert; sie wollen endlich wissen, ob das hier ihre Tochter ist.«

»Da werden sie abwarten müssen.«

Lot hebt die Hand. »Vielleicht wäre es eine Idee …«

»Machen wir weiter«, unterbricht sie Leo.

»Wäre es eine Möglichkeit, sie zur Identifikation …«, lässt Jaap nicht locker.

»Kommt nicht infrage«, meint Leo. »Das Opfer ist kaum zu erkennen. Der Familienbegleiter soll ihnen nur erzählen, dass die Resultate der DNA-Untersuchung wahrscheinlich nächste Woche kommen. Die vergleichen wir dann mit dem DNA-Material, das wir vor einem Jahr bei der Familie abgenommen haben. Aber erst warten wir den Bericht des Pathologen ab. Hoffentlich wissen wir bis dahin mehr über den Todeszeitpunkt, das Alter, die Verwundungen und die Todesursache – all das würde uns beim Ermitteln der Identität helfen. Selbstverständlich werden die Eltern daheim auf diese Informationen warten müssen.«

Auf dem Bildschirm erscheint ein vergrößertes Foto von einer langen schwarzen Haarsträhne, die auf einem weißen Bogen Papier der Ermittler liegt. Leo deutet darauf. »Wie bereits erwähnt, sind auf dem Kopf des Opfers einige lange schwarze Haare gefunden worden. Das ist ungewöhnlich, weil das Mädchen ganz eindeutig blond ist. Wir haben die Haare ins Forensische Institut geschickt. Dort wird man herausfinden, ob es sich um menschliches oder tierisches Haar handelt.«

Jetzt kommt die Aufgabenverteilung.