Sweet Temptation - Ein Milliardär zum Anbeißen - Karin Koenicke - E-Book

Sweet Temptation - Ein Milliardär zum Anbeißen E-Book

Karin Koenicke

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Beschreibung

New York City, 16. Straße Emilias ganzer Stolz ist ihre kleine Konditorei „Pastry Passion“ mitten in Manhattan. Als der attraktive Richard Stone den Laden betritt, ahnt Emilia nicht, dass dies fatale Folgen für ihr Geschäft haben wird. Denn Richard ist nicht nur einer der begehrtesten Junggesellen der Stadt, sondern auch Boss des riesigen Schokoladenkonzerns „Sweet Temptation“. Der charmante Milliardär umgarnt Emilia. Doch hat er es wirklich auf sie abgesehen oder eher auf ihre exquisiten Pralinenrezepte? Emilia weigert sich strikt, dem Mann aus der High Society zu vertrauen. Und ihrem Herz schon gar nicht! Doch so ganz kann sie sich dem Zauber dieses Richard Stone nicht entziehen, zumal er offenbar ein sehr belastendes Geheimnis mit sich herumträgt ...

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Table of Contents

Titel

Kurzbeschreibung

1. Creamfudge Blackberry Truffle

2. Lowfat vegan Brownies with chocolat drops

3. Chocolate Bomboloni with orange touch

4. Coconut Pecan Crunchies

5. Hot Dog

6. Chocolate Cappuccino with liquid center

7. Macarons

8. Crème brûlée

9. Donut with Vanillacream and Strawberry-Icing

10. Almond Crunch Caramel Cheesecake

11. Tiramisu

12. Himbeer-Nougat-Trüffel mit weißer Schokoladenblume

13. Peppermint Ponds

14. Quarkschnecken mit Walnuss-Crumble

15. Cinnamon Knots

16. Cornetto

17. Blueberry Muffins

18. Chili Bagels

19. Schafskäse Oliven Focaccia

Rezepte

Karin Koenicke

Impressum

 

 

 

 

Sweet Temptation -Ein Milliardär zum Anbeißen

 

 

 

Ein romantischer Liebesroman von

Lotte Römer und Karin Koenicke

 

 

Kurzbeschreibung

New York City, 16. Straße

Emilias ganzer Stolz ist ihre kleine Konditorei „Pastry Passion“ mitten in Manhattan. Als der attraktive Richard Stone den Laden betritt, ahnt Emilia nicht, dass dies fatale Folgen für ihr Geschäft haben wird. Denn Richard ist nicht nur einer der begehrtesten Junggesellen der Stadt, sondern auch Boss des riesigen Schokoladenkonzerns „Sweet Temptation“. Der charmante Milliardär umgarnt Emilia. Doch hat er es wirklich auf sie abgesehen oder eher auf ihre exquisiten Pralinenrezepte?

Emilia weigert sich strikt, dem Mann aus der High Society zu vertrauen. Und ihrem Herz schon gar nicht! Doch so ganz kann sie sich dem Zauber dieses Richard Stone nicht entziehen, zumal er offenbar ein sehr belastendes Geheimnis mit sich herumträgt ...

 

Eine traumhaft romantische Liebesgeschichte

 

 

Über die Autorinnen

Lotte Römer und Karin Koenicke sind erfolgreiche Liebesromanautorinnen und haben sich über eine literarische Agentur kennengelernt. Eines Tages steckten sie die Köpfe zusammen und dachten sich eine märchenhafte Romanze aus - natürlich auch mit einem Schuss Humor. Viel Spaß beim Lesen und Träumen!

 

Anmerkung:

Handlung, Personen sowie Firmen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Orten, Menschen oder Unternehmen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Für beim Lesen auftretende Hungerattacken und Appetitanfälle übernehmen wir keine Haftung. Die erwähnten Lieder sind alle real und haben uns beim Schreiben begleitet, selbst Matt the Electrician ist ein echter Musiker und kein Handwerker.

 

Selbstverständlich waren wir schon oft bei Emilia in der New Yorker Konditorei und haben genau die eine einzigartige Praline aus unseren kühnsten Schokoladenträumen gekauft. Wir sollen liebe Grüße von ihr weitergeben und teilen am Ende des Romans gerne einige ihrer Rezepte mit euch!

 

Lotte Römer

Karin Koenicke

 

 

 

 

Für mehr Rezepte, Gewinnspiele und Hintergrundinfos besucht uns doch auf unseren Facebookseiten

https://www.facebook.com/k.koenicke/

https://www.facebook.com/lotteroemerschreibt

1. Creamfudge Blackberry Truffle

 

 

Samtenes Karamell vereint sich mit der dezenten Säure der Beeren zu einer überraschenden Geschmacksexplosion

 

New York, Manhattan, 16. Straße

 

„Nur noch ein Hauch von Zimt obendrauf, dann seid ihr perfekt“, erklärte Emilia den frisch gebackenen Dark Chocolate Brownies und bestäubte sie vorsichtig. Sie schob das Tablett mit den Leckereien in die Theke, zwischen die säuberlich aufgereihten Pralinen und die Cupcakes. Keine New Yorker Bäckerei, die etwas auf sich hielt, kam ohne diese bunt verzierten Küchlein aus. Wobei Emilias winziger Laden, der sich „Pastry Passion“ nannte, mit einer herkömmlichen Bakery so wenig zu vergleichen war wie die Yankees mit den Toronto Blue Jays. Langweiliges Weißbrot oder fetttriefende Donuts fanden sich hier nicht. Emilia machte den meisten Umsatz mit selbst hergestellten Pralinen und aufregenden Gebäckkompositionen, deren Rezepturen es nur bei ihr im Laden gab. Das Geschäft war ihr ganzer Stolz und sie probierte ständig neue Sorten aus.

Als die Türklingel hell bimmelte, blickte Emilia auf.

„Hallo, Mrs. Witherleaf“, begrüßte sie die grauhaarige Frau, die gerade den Laden betrat. „Wieder einmal Lust auf etwas Süßes bekommen?“

„Ach ja“, seufzte sie, „diese Schokoladen sind einfach zu einladend! Davon hätte ich gern zwei.“ Sie deutete auf die Brownies mit Bitterschokolade. „Die hätten sogar meinem Steve, Gott hab ihn selig, geschmeckt.“

Emilia wusste, dass Mrs. Witherleaf verwitwet war und keine hohe Rente hatte. Ihr Mann war Police Officer beim NYPD gewesen und vor über zehn Jahren bei einem Einsatz ums Leben gekommen. Seither versuchte sie, allein zurechtzukommen. Als Highlight gönnte sie sich hin und wieder eine Leckerei von „Pastry Passion“.

„Ich packe Ihnen ein paar davon ein“, sagte Emilia und strich sich eine ihrer dunklen Haarsträhnen hinters Ohr. „Und dazu noch sechs von den Toffee Trüffeln mit Blackberries?“

Mrs. Witherleaf kramte unschlüssig in ihrer Geldbörse.

„Ich weiß nicht recht. Ich habe nur drei Dollar dabei“, antwortete sie und ließ beschämt den Kopf hängen.

„Die Trüffel sind heute im Angebot“, log Emilia.

Sie gab einige davon in ein Tütchen, packte noch vier Brownies dazu und ein wenig von dem Schokoladenbruch, der vom Garnieren übrig war. Solche unverkäuflichen Restbestände hob sie immer auf, um sie Mrs. Witherleaf zu schenken.

Die Augen der grauhaarigen Frau strahlten, als sie Emilia zusah.

„Sie sind ein echter Engel“, sagte sie.

„Unsinn.“ Emilia schüttelte den Kopf, dass ihre Locken nur so flogen. „Man muss hier in der Nachbarschaft doch zusammenhalten. Außerdem ist Frühling und ich mache gleich Feierabend.“

Mrs. Witherleaf nickte zustimmend, zahlte und legte die Tüte mit den Köstlichkeiten bedächtig in ihre abgewetzte Handtasche.

„Noch einen schönen Abend, Emilia“, wünschte sie und verließ den Laden mit einem glücklichen Lächeln.

Emilia freute sich immer, wenn die grauhaarige Frau vorbeikam. Natürlich verdiente sie an ihr nichts, aber das war egal. Es gab zum Glück noch ein paar andere Kunden, die das ausglichen. So hoffte sie zumindest. Für die neue Kühltheke, die sie vor drei Monaten angeschafft hatte, war ein Kredit nötig gewesen. Den galt es jetzt erst einmal abzustottern, was nicht leicht war. Aber wenn man einen Laden hatte, musste man eben auch investieren. Finanzen und Buchhaltung waren allerdings etwas, mit dem sich Emilia ungefähr so gut anfreunden konnte wie mit einem Magengeschwür. Schon in der Schule war Mathe ihr schlechtestes Fach gewesen. Aber bisher kam sie mit „Pasty Passion“ gut über die Runden. Sie verdiente kein Vermögen, doch sie liebte ihren Job und es reichte zum Überleben.

Emilia sah auf ihre Armbanduhr. In einer Viertelstunde würde sie hier abschließen. Sie überlegte gerade, ob sie schon einige der Backwaren in die luftdichten Aufbewahrungsboxen geben sollte und beugte sich nach unten zu einer Schublade, da klingelte die altmodische Türglocke Sturm. Irgendjemand hatte heftig die Ladentür aufgerissen.

Erschrocken fuhr Emilia hoch. Zwei elegant gekleidete Männer betraten mit hastigen Schritten den Raum. Mit einem schnellen Blick versuchte sie, die beiden einzuschätzen. Der erste, der hereinstürmte als handle es sich um eine Razzia, trug einen mürrischen Gesichtsausdruck vor sich her und einen riesigen Blumenstrauß in der Hand. Seine rotblonden Haare waren hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden und vorne mit Gel an den Kopf geklebt. Emilia hatte schon freundlichere Typen gesehen. Bei seinem Anblick ging alles an ihr in Habachtstellung.

Der andere, ein hochgewachsener Mann Mitte dreißig in einem perfekt sitzenden schwarzen Anzug und mit der Aura eines hochrangigen Geschäftsmannes, hielt ein Handy ans Ohr, in das er hineinredete. Sein markantes Kinn war für Emilias Geschmack viel zu glattrasiert, die blauen Augen zu kühl und seine Haare waren so dunkel, dass sie sich fragte, ob das schimmernde Schwarz echt sein konnte. Er war einer dieser typischen New Yorker Businesstypen, stellte Emilia sofort fest. Solche Wichtigtuer konnte sie von Haus aus nicht leiden, insbesondere wenn sie nicht einmal „Guten Tag“ herausbrachten, sondern ohne aufzusehen in ihr Smartphone sprachen.

„Das Marketingkonzept sollte bis heute um fünf auf meinem Schreibtisch liegen! Verzögerungen akzeptiere ich nicht. Ich erwarte, dass meine Anordnungen befolgt werden. Geben Sie mir fünfhundert Gramm von Ihren besten Pralinen.“

Es dauerte einen Moment, bis Emilia klar wurde, dass mit dem letzten Satz sie selbst und nicht sein bemitleidenswerter Gesprächspartner gemeint war. Sie funkelte den Anzugträger vorwurfsvoll an. Er hatte sie nicht einmal angesehen! Am liebsten hätte sie ihn vor die Tür gesetzt, aber bei dieser Bestellmenge überlegte sie es sich doch schnell anders.

Alles an dem Kerl roch nach Geld. Seine goldene Uhr, die maßgeschneiderten Klamotten, das teure Handy an seinem Ohr, dem er weiterhin seine volle Aufmerksamkeit schenkte. Sie würde ihm einen Sonderpreis machen – aber in anderer Richtung als bei Mrs. Witherleaf.

„Soll ich die Pralinen in eine Schachtel packen als Geschenk oder wollen Sie sie selbst essen, als Heilmittel gegen Ihren stressigen Job?“, fragte sie mitten in sein Gespräch hinein und lächelte ihn dazu betont freundlich an.

Das brachte ihn offenbar aus dem Konzept. Sein Blick schoss zu ihr und hielt den ihren fest. Emilia musste unwillkürlich schlucken, so intensiv war das Blau seiner Augen, aber auch der selbstbewusste Ausdruck in seinem Blick. Er war es allem Anschein nach nicht gewohnt, infrage gestellt zu werden.

„Natürlich als Geschenk. Ich esse nichts Süßes“, erwiderte er barsch, wandte sich wieder seinem vernachlässigtem Handy zu und diskutierte anschließend eine immens innovative Verkaufsstrategie.

Mit hochgezogenen Augenbrauen befüllte Emilia eine lila Schachtel, die das Emblem ihres Ladens trug. Auch wenn ihr durch den Augenkontakt für einen Moment die Luft weggeblieben war – von einem Typen wie diesem ließ sie sich nicht einschüchtern. „Hätte mich tatsächlich gewundert, wenn so jemand einen Sinn für Genuss mitbrächte“, murmelte sie vor sich hin, während sie die Pralinen zusammensuchte. Sie fand es unmöglich, dass diese Typen hier hereinmarschierten, als sei „Pastry Passion“ ein Schnellrestaurant. Schließlich war das hier nicht irgendein Laden. Emilia wusste, dass ihre Pralinen und ihre Gebäcke die besten weit und breit waren.

Der Rothaarige stopfte sich inzwischen den halben Inhalt des Probiertellers in den Mund. Als er bemerkte, dass sie ihn vorwurfsvoll ansah, schnauzte er sie an.

„Los, ein bisschen schneller. Wir haben nicht ewig Zeit!“

Dann vertilgte er die nächste Nougatkugel. Der Kerl war widerlich. Wenn der andere Mann schon kein Genussmensch war – dieser hier warf ihre wertvollen Pralinen ein, als wären sie gesalzene Erdnüsse auf der Tribüne des Yankees-Stadions.

Emilia beeilte sich, die lilafarbene Geschenkverpackung zu schließen. Kaum war sie fertig, streckte sie sie dem fleißigen Telefonierer entgegen, aber der reagierte gar nicht. Glaubte der allen Ernstes, sie würde ewig so dastehen?

„Macht achtundsiebzig Dollar“, verlangte sie laut.

Der Dunkelhaarige nickte dem Pferdeschwanztypen wortlos zu, welcher ihr eine Hundert-Dollar-Note in die Hand drückte.

„Stimmt so, Schätzchen“, sagte der Rote und grinste schleimig. Dazu zwinkerte er ihr auch noch anzüglich zu.

Emilia kochte innerlich. Da war ihr Mrs. Witherleaf tausend Mal lieber.

Endlich hatte der Anzugträger aufgelegt und sah zu ihr herüber. Sie nutzte die Chance, um ihn anzusprechen.

„Ich habe Ihnen meine Creamfudge Blackberry Truffles mit eingepackt. Die passen nämlich außerordentlich gut zu Ihrem Handy“, erklärte Emilia und schenkte ihm ein aufgesetztes Verkäuferinnenlächeln.

Er schien Emilia zum ersten Mal als Person wahr zu nehmen. Seine meerblauen Augen, die einen attraktiven Kontrast zu den dichten, dunklen Haaren bildeten, weiteten sich leicht.

„BlackBerry?“, wiederholte er fragend, als wisse er nicht genau, ob sie vom Smartphone oder von der Praline gesprochen hatte. Er sah sie an, als wolle er sie genau ergründen. Wieder fand sein Blick den ihren, verweilte bei ihr, machte sie atemlos. An ihrem Nacken prickelte es und die Luft im Verkaufsraum schien mit einem Mal zu flirren. Seine Augen hatten irgendetwas an sich, das andere Menschen zu durchdringen schien. Emilia hatte so einen Blick noch nie erlebt und fühlte sich hin- und hergerissen. Sie spürte eine fast magnetische Anziehung, die es ihr unmöglich machte, einfach wegzuschauen. Gleichzeitig war sie verärgert, weil der Mann sie abschätzend taxierte. Es fiel ihr schwer, sich auf die Unterhaltung zu konzentrieren. Dabei hatte sie sich vorgenommen, diesen aufgeblasenen Wichtigtuer mit lieblicher Höflichkeit aus dem Konzept zu bringen. Sie räusperte sich und kam auf das Thema zurück.

„Genau. Blackberry Truffle. Mit Sahnekaramell, das ich zu einer leicht herben Note eingekocht habe, und der aparten Säure von Schwarzbeeren. Sehr gerne dürfen Sie diese exquisite Kreation probieren! Sie ist geradezu ideal für hart verhandelnde Geschäftsmänner wie Sie.“

Emilia hielt ihm auffordernd einen Trüffel mit der Zange hin. Ihr Ton war sehr bestimmend. Dass ihr Atem viel zu schnell kam, hörte man zum Glück nicht. Drohend schob sie die Süßigkeit noch näher an sein Gesicht. Niemand hier in ihrem Laden kaufte einfach so nebenbei Pralinen, nicht mal ein attraktiver Manager mit hypnotischem Blick! Das war eine ernste Angelegenheit und sie würde auch diesen ungehobelten Kerl dazu zwingen, sich ihren Köstlichkeiten mit dem ihnen gebührendem Respekt zu nähern.

„Also gut“, sagte er und seine raue Stimme ließ winzige Eiskristalle über ihren Rücken rieseln. Er nahm ihr den Trüffel vorsichtig ab und schob ihn sich gehorsam in den Mund. Hübsche Lippen hatte der Mann, das musste man ihm lassen. Sinnlich und so schön geschwungen, als hätte Botticelli sie gemalt.

Gespannt blickte Emilia ihn an. Hatte sie ihn mit der Praline für Süßes begeistern können? Ein leichter Duft nach Bergamotte, Baumrinde und würzigem Moos stieg in ihre Nase. Sie schnupperte. So ein Männerparfüm war ihr noch nie untergekommen. Irgendwie roch er anders als die Anzugträger, die sonst hier hereinschneiten. Natürlicher. Nicht so künstlich. Der andere Typ, der ekelhafte, roch wie Emilias schlimmster Geruchs-Albtraum. Süßscharf, verbunden mit einem säuerlichen Eigengeruch. Aber der Dunkelhaarige verströmte einen Duft, der sie an laue Sommerabende in einem Pinienhain vor den Toren von Rom erinnerte. Sie wäre am liebsten näher an ihn herangetreten und hätte das Aroma genauer erkundet. Emilia hatte eine gute Nase, schon als Kind hatte sie sich an Düfte erinnern können und diese Fähigkeit kam ihr auch bei ihrer Arbeit zugute.

Prüfend musterte sie den Geschäftsmann. Was war das für ein Typ? Er wirkte mächtig und selbstbewusst. Sicher war er einer, der bestimmte, wo es lang ging. Wie würde er sich zu der Blackberry-Praline äußern? Ihre Blicke trafen erneut aufeinander, nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber Emilias Puls beschleunigte sich, obwohl sie arrogante Manager wie ihn nicht mochte.

Doch der kurze Augenblick wurde jäh unterbrochen. Der rothaarige Pralinenvernichter räusperte sich laut. „Senator Barrington wartet vor dem Dinner noch auf uns“, warf er ein. „Wir haben doch jetzt alles. Es wird wirklich Zeit loszufahren.“

Er nahm dem anderen Geschäftsmann die lila Schachtel mit dem „Pastry Passion“-Logo ab und ging zur Tür. Der Mann mit den blauen Augen wandte sich mit einer abrupten Bewegung von Emilia ab. Er folgte seinem Kollegen umgehend, ohne sich zu verabschieden oder auch nur ein Wort über die Trüffelkreation fallen zu lassen. Nur ein zarter Hauch von Waldduft blieb zurück.

„Unhöfliche Holzklötze!“, rief Emilia den beiden hinterher, kaum dass sie den Gehweg betreten hatten und die Tür hinter ihnen zugefallen war. Sie holte den Ladenschlüssel und ging nach vorne, um für heute abzusperren. Als sie auf die Straße blickte, sah sie eine abgedunkelte Limousine losfahren. Na wunderbar. Das waren also tatsächlich irgendwelche hoch bezahlten Manager aus einem der vielen Glaspaläste gewesen. Investmentbanker oder Anwälte, die zu einem noblen Dinner eingeladen waren und unterwegs in letzter Minute noch Blumen und Pralinen für die Gastgeberin besorgt hatten. Dass der Strauß von Sam, der neben ihrem Laden eine Blumenhandlung führte, gewesen war, hatte sie gleich erkannt.

Auf dem Weg nach Hause fiel ihr ein, dass sie noch nie Bergamotte für ihre Pralinen verarbeitet hatte. War eigentlich keine schlechte Idee. Vielleicht sollte sie das demnächst einmal ausprobieren.

 

*

 

Draußen roch es nach Sommer. Der Frühling neigte sich fast schon dem Ende zu. Obwohl sich ihr Laden mitten in Manhattan befand, erschnupperte Emilia den dezenten Duft von aufblühendem Jasmin und Mandelbäumchen, die in schweren Töpfen manchen Hinterhof bevölkerten. Emilia liebte es, wenn der Sommer unmittelbar bevorstand. Es war eine einzige Verheißung. Die Menschen kamen ihr freundlicher vor um diese Jahreszeit und sie mochte es, wenn man die Sonne wieder warm auf der Haut spürte. Das erinnerte sie immer an ihre Kindheit in Rom. Ach, wie hatte sie die Wärme dort genossen! Und auch den Duft von Oleander. Den hatte sie heute noch in der Nase, wenn sie an die warmen Monate in Italien dachte.

Auf dem Weg nach Hause ging Emilia noch kurz in den italienischen Supermarkt. Es gab dort diese fantastische Pasta, handgemacht. Und sie wollte Tante Violetta eine Freude bereiten. Emilias Tagliatelle Salmone waren Vios Leibgericht. Eigentlich war sie ihre Großtante, aber so durfte man sie nicht ansprechen, außer man wollte Ärger.

Als Emilia mit der vollen Einkaufstasche in der Hand die Tür zu der Wohnung aufschloss, die sie mit ihrer Großtante teilte, kam ihr eine Rauchwolke entgegen.

„Violetta? Violetta!“

Emilia stürmte in die Küche, wo sie den Ursprung des Gestanks und des Rauchs vermutete. Violetta hatte wohl wieder einmal vergessen, dass sie gerade beim Kochen gewesen war. Emilia packte die Pfanne und ihren bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Inhalt und hielt sie unter das kalte Wasser. Es dampfte und zischte. Dann riss sie die Küchenfenster auf und holte tief Luft.

Wo war Violetta nur?

„Tantchen, wo bist du?“

Emilia fand Violetta am Fenster im Wohnzimmer. Sie streckte den Kopf hinaus, um mehr sehen zu können, und rauchte gemütlich eine Zigarette.

„Da steckst du ja, dio mio!“

Emilia stützte sich neben Violetta auf der Fensterbank ab. „Du hättest fast die Bude abgefackelt! Die ganze Küche war schon zugeraucht und…“

„Ciao, Bella! Schön dass du jetzt da bist.“ Violetta hielt Emilia ihre gepuderte Wange zum Kuss hin. Wie immer war die Tante perfekt geschminkt. Die grauen Haare trug sie zu einer Art Turban aufgetürmt. Das Mundstück ihrer Zigarette war fünfzehn Zentimeter lang, was ihren Gesten beim Rauchen Eleganz verlieh.

„Ich dachte, ich koche dir etwas Schönes. Daraus wird jetzt wohl nichts, tut mir wirklich leid. Haben wir einen Plan B?“ Violetta lächelte Emilia an und tätschelte ihr die Wange.

Diese Frau war wirklich durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Emilia drehte die Augen gen Decke. Sie hatten diese Diskussion schon oft geführt.

„Ich habe doch mehrmals gesagt, dass ich für uns koche! Irgendwann brennt noch das ganze Haus.“

Tante Violetta blies Rauchkringel in die Luft. Sie war voll auf ihre Tätigkeit konzentriert.

Emilia gab auf. Vio war ein Schatz. Aber stur wie ein Esel. Und wenn sie etwas nicht wahrhaben wollte, konnte Emilia sich auf den Kopf stellen und mit den Füßen wackeln, bringen würde es am Ende nichts.

Sie stieß sich von der Fensterbank ab und machte sich auf den Weg in die Küche. Der Lachs musste noch in ihre spezielle Zitrusmischung eingelegt werden. Sie wollte die Gewürze frisch mörsern und das Gemüse musste auch blanchiert werden. Bestimmt würde Violetta sich über die Tagliatelle Salmone freuen.

Emilia deckte liebevoll den kleinen Tisch mit der rotkarierten Tischdecke, entkorkte eine Flasche Weißwein und briet den Lachs genau auf den Punkt. Alles war perfekt. Die Pasta war al dente, der Pinot Grigio hatte genau die richtige Temperatur und das Wasser war „gassata“, wie Violetta es mochte.

Als die Tante an den Tisch kam und sah, was es zu essen gab, strahlte sie.

„Emilia, es ist wirklich ein Segen, dich hier zu haben.“ Violetta hob ihr Glas und stieß mit Emilia an. „Auf dich, Carissima!“

Die beiden Frauen tranken den ersten Schluck Wein. Er war wunderbar trocken, wie Emilia es liebte. Sie gab noch frischen weißen Pfeffer auf die Tagliatelle. Dann saßen die beiden einträchtig beisammen und genossen ihre Nudeln.„Genau so lecker wie ein Burger“, sagte Violetta, als sie ihre Portion aufgegessen und das letzte bisschen Soße mit einem Stückchen Ciabattabrot aufgetunkt hatte.

„Ein Burger? Violetta! Das ist eine Beleidigung!“, rief Emilia in gespielter Entrüstung.

Violetta war New Yorkerin mit ganzem Herzen. Sie liebte die Stadt. Zwar hatte sie wie Emilia italienische Wurzeln, aber sie lebte schon ihr Leben lang in New York. Für sie war der Vergleich von Emilias fantastischer Pasta mit einem Burger ein hohes Lob, während Emilia wohl nie verstehen würde, was den Reiz von Fastfood ausmachte.

Emilia genoss die Abende mit Violetta in der Küche. Sie fühlte sich hier wohl und geborgen. Die antiken Möbel, die nicht so recht zueinander passen wollten, der goldumrandete Spiegel im Flur, die Küche, die seit Jahrzehnten gute Dienste tat – was man ihr mittlerweile auch ansah. Für Emilia war das hier der gemütlichste Platz auf der Welt. Hier erfand sie ihre einzigartigen Rezepte und verfeinerte altbekannte Backgenüsse. Ihre Schokoladenpudding-Bomboloni beispielsweise waren ein Renner! Normalerweise waren diese italienischen Krapfen mit Vanillepudding gefüllt. Aber weil Violetta Schokopudding nun mal liebte, hatte Emilia ihr zum Geburtstag eine schokoladige Version des süßen Genusses zubereitet. Jetzt waren die Gebäckstücke im Laden immer sofort ausverkauft, wenn sie sie in die Theke sortiert hatte.

„Wie war denn dein Tag, Bella?“

Violetta riss Emilia aus ihren Gedanken. Nun, wo ihre Tante älter wurde, kam sie nicht mehr so viel unter die Leute. Es war ein bisschen so, als würde sie Emilias Leben mitleben. Jeden Abend erzählte sie ihr von ihrem Tag und schmückte die Anekdoten ein wenig aus, sodass die Augen ihrer Tante nur so strahlten.

„Heute ist so ein BlackBerry-Business-Heini dagewesen. Du weißt schon, einer von diesen Ego-Typen. Sein Begleiter hat meine Schüssel mit den Schokoladenproben leergefressen. Ehrlich, es war widerlich. Und dieser Anzug-Fuzzi hat mich behandelt wie Luft. So extrem ist mir das überhaupt noch nie passiert.“

Emilia gestikulierte wild herum, wie es nur Italienerinnen können, und erzählte die ganze Geschichte. Sie war eine sehr gute Erzählerin. Violetta lauschte gebannt, mit leicht geröteten Wangen.

Als Emilia von der Blackberry-Truffle Praline erzählte und wie sie das Schokowerk quasi direkt in seinen Mund gezwungen hatte, musste Violetta herzlich lachen.

„Typisch, Bella! Du kannst es nicht lassen.“ Sie schüttelte den Kopf und kicherte noch immer.

Dann jedoch bekam sie diesen besonderen Blick, den Emilia nur zu gut kannte. Sie wusste, was jetzt kommen würde, und behielt natürlich recht.

„Hatte dieser reiche Kerl einen Ehering am Finger? Und war er attraktiv?“, fragte Violetta gerade heraus.

Emilia verdrehte die Augen. Sie wusste, dass ihre Großtante sie nur zu gern unter der Haube sehen würde. Eine von Violettas Lieblingsbeschäftigungen war es, in Hochzeitsmagazinen zu blättern. Doch so gerne Emilia ihre Verwandte hatte – diesen Wunsch konnte sie ihr nicht erfüllen.

„Er war ein arroganter Holzklotz!“, stellte sie klar. „Ohne den geringsten Anstand. Den würde keine Frau der Welt haben wollen.“

Violetta wiegte ihren Kopf hin und her.

„Täusch dich da nicht, Cara. Geld macht Männer anziehend“, sagte sie.

„Für mich nicht. Für mich ist dieser Kerl so anziehend wie ein eingewachsener Zehennagel.“

Sie stand auf, um das Geschirr in die Küche zu räumen. Doch Violetta packte sie am Ellbogen.

„Ich habe irgendwie das Gefühl, dass ihr euch wiederseht“, sagte die Tante mit bedeutungsschwerer Stimme. „Manchmal habe ich Vorahnungen, das weißt du doch.“

Jetzt musste Emilia lachen. „Wäre mir nur recht. Der Typ hat mir hundert Dollar da gelassen. Als Kunde darf er gerne jeden Tag kommen.“

Violetta ließ sie los, seufzte theatralisch und ging zum Sideboard, wo die Flaschen standen. „Du nimmst die Liebe einfach nicht ernst, das ist dein Problem! Wirklich schlimm mit dir.“

Dann goss sie sich ein großes Glas Grappa ein, leerte es in einem Zug und deutete auf die Flasche. „Außerdem solltest du daraus mal Pralinen machen, nicht nur aus Nüssen und Marzipan.“

„Gute Idee, Tantchen. Ich nehme die Flasche morgen mit und probiere das aus.“

Beide lachten.

Emilia wischte den Tisch ab und gesellte sich dann zu ihrer Großtante. Satt und zufrieden lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück. Wieder einmal fiel ihr auf, wie wohl sie sich in dieser unkonventionellen Wohngemeinschaft fühlte.

Violetta deutete mit dem Kopf in Richtung des Flurs.

„Hast du die Post beim Reingehen gesehen?“, fragte sie. „Du hast ein paar Briefe bekommen.“

„Du bist ja witzig, Tante. Beim Reingehen habe ich nur Rauch gesehen, sonst gar nichts.“

Violetta hatte wohl doch einen Anflug von schlechtem Gewissen, denn sie stand selbst auf und kam kurz darauf mit zwei Briefen zurück, die sie ihrer Nichte übergab. Einer war von einem kleinen Kakaohersteller, mit dem sie kürzlich Kontakt aufgenommen hatte. Seine Schokosplitter hatten eine feine Zimtnote, die Emilia sich einfach wundervoll auf Apfelcupcakes vorstellte. Sie musste das Rezept unbedingt bald mal ausprobieren.

Und dann war da noch ein Brief von der Hausverwaltung des Gebäudes, in dem sich ihre Bäckerei befand. Oh Gott, hoffentlich war das keine Mieterhöhung! Das würde sich Emilia nicht leisten können, sie stotterte schließlich immer noch die Raten für die Kühltheke ab.

Sie warf Violetta einen verstohlenen Blick zu. Doch die Tante hatte zu einem kleinen Taschenspiegel gegriffen und zog sich ihre Lippen hochkonzentriert in leuchtendem Pink nach.

Mit einer schnellen Bewegung riss Emilia den Brief auf. Es half ja nichts. Während sie las, wurde sie immer blasser. Das durfte einfach nicht wahr sein!

Emilias Herz klopfte wie wild, als sie den Brief ein zweites und drittes Mal las. Das war eine Katastrophe!

„Ist alles gut, Bella?“ Tante Violetta schaute sie besorgt an.

„Ja, klar, warum? Es geht nur um die Nebenkosten…“, sagte sie schnell.

Emilia brachte es nicht fertig, ihrer Tante die Wahrheit zu sagen. Violetta hatte schließlich ihr ganzes Vermögen in das Geschäft gesteckt. Außerdem litt sie manchmal unter Herzrhythmusstörungen und Emilia hatte sich geschworen, jede Aufregung von ihrer Großtante fernzuhalten.

„Gut, dann geh ich mal ins Wohnzimmer.“ Violetta zückte ihre Zigarettenspitze und verließ die Küche.

Emilia starrte noch immer auf das Schreiben in ihrer Hand. Ihre Finger zitterten. Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen:

„… müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass das Gebäude verkauft wurde und Sie bis zum Ende des übernächsten Monats Ihren Laden räumen müssen“, las sie zum wiederholten Male.

Sie musste also raus. Musste in drei Monaten ihren Laden, den sie so mühsam aufgebaut hatte, aufgeben.

Emilias Kehle war wie zugeschnürt. Sie konnte förmlich spüren, wie die Verzweiflung von ihr Besitz ergriff. Was sollte sie nur tun? Ihre Existenz hing von diesem Geschäft ab.

Mit zittrigen Händen schenkte sich Emilia einen Grappa ein und kippte ihn, was sonst gar nicht ihre Art war, in einem Schluck hinunter. Das Brennen in der Kehle tat gut, sie wurde ein wenig ruhiger.

Langsam erholte sich ihr Gehirn von dem Schock und begann wieder zu arbeiten.

Man hatte ihr also eine Kündigung geschickt. Okay. Aber das hieß noch lange nicht, dass sie das einfach so hinnehmen würde.

Entschlossen schüttelte Emilia das negative Gefühl ab. So einfach würde sie nicht aufgeben! Schon allein wegen Violetta. Sie beide hatten für den Erfolg von „Pastry Passion“ hart gearbeitet und nun ließ sich Emilia das alles nicht einfach kaputt machen, von irgend so einem dahergelaufenen Hausverwalter. So konnte man mit ihr nicht umspringen. Sie würde das tun, was sie schon ihr Leben lang gewohnt war: Sie würde kämpfen!

 

2. Lowfat vegan Brownies with chocolat drops

 

Fettreduziertes Schokoladengebäck, mit zartschmelzenden Schoko-Minz-Tropfen verfeinert für die ganz besondere Note

 

 

Emilia schreckte aus dem Schlaf auf. Was für ein fürchterlicher Albtraum! Sie streckte sich und rieb sich die Augen. Da fiel ihr alles schlagartig wieder ein. Die Kündigung für den Laden war kein Traum gewesen, sondern bittere Realität.

Kein Wunder, dass sie kaum geschlafen hatte.

Gleich am Abend hatte sie noch versucht, die Hausverwaltung zu erreichen, aber natürlich war dort niemand mehr gewesen um die späte Uhrzeit.

Also hatte sie die Zeit bis zum Schlafengehen irgendwie totgeschlagen, die Küche geputzt und noch einen Grappa mit Violetta getrunken. Violetta liebte Grappa. Sie hatte ein bisschen über den Durst getrunken und war dann zu Paolo Conte durchs Wohnzimmer getanzt. „Via con me“ war eigentlich ein Song, der bei Emilia sofort gute Laune zauberte, aber es war ihr schwer gefallen, ein fröhliches Gesicht zu machen. Gut, dass Violetta dank des Grappas und des von ihr sehr verehrten Signor Conte nicht besonders aufmerksam gewesen war.

Emilia rieb sich den Schlaf aus den Augen. Sie musste unbedingt gleich die Hausverwaltung anrufen. Ob es schon spät genug war? Sie schaute auf ihren Wecker. Oh nein! Das auch noch. Sie hatte verschlafen. Das war ihr noch nie passiert! Seit sie ihr Geschäft betrieb, war sie eigentlich immer von selbst aufgewacht. Meistens ging sie schon ganz früh in den Laden, weil sie viele Pastries schon vor den Öffnungszeiten in den Ofen schob. Heute hatte sie die Apfelcupcakes in Angriff nehmen wollen und Chocolate Bomboloni machte sie freitags eigentlich auch immer.

Emilia sprang aus dem Bett und stürmte ins Bad, um sich notdürftig zu waschen und ihre widerspenstigen Locken zu einem Pferdeschwanz zu binden. Sie schlüpfte in ihre Arbeitsuniform – schwarze Hose, schwarzes T-Shirt – und lief in die Küche. Ein schneller Espresso musste einfach sein, sonst funktionierte sie nicht richtig.

Violetta saß in einem seidenen Morgenrock und mit einem riesigen Handtuchturban auf dem Kopf am Tisch und schlürfte einen Latte Macchiato. Ohne ihr abenteuerliches Make-up wirkte sie so alt wie sie war und sah ein wenig zerbrechlich aus.

„Buongiorno, Emilia.“ Die alte Frau trank einen Schluck aus ihrer Tasse und lächelte ihre Nichte liebevoll an.

Die drückte aufs Knöpfchen für den Espresso. „Warum weckst du mich denn nicht? Ich muss doch zur Arbeit!“

„Ach Kind! Die Welt besteht nicht nur aus Arbeit, Arbeit, Arbeit. Du solltest das Leben auch ein wenig genießen. Schließlich bist du jung und schön. Die Welt ist voller Abenteuer.“

Der Blick von Violetta schweifte in die Ferne und sie machte eine weit ausholende Geste.

„Bist du noch betrunken, Tante?“

Emilia sah Vio zu, wie diese einen weiteren Schluck ihres Kaffees nahm und genüsslich die Augen schloss. Manchmal wusste sie wirklich nicht, ob ihre Großtante sich ein wenig Schnaps in den Kaffee kippte. Aber sie vermutete, dass das gar nicht nötig war. Violetta hatte nun mal eine etwas andere Lebenseinstellung. Dazu brauchte es keinen Alkohol.

Hastig trank Emilia ihren Espresso aus, küsste ihre Tante auf die Wange und rannte aus der Wohnung. Ihr Ziel für diesen Morgen war klar: Sie musste dringend die Hausverwaltung erreichen.

Heute hatte sie keinen Blick für die Morgenstimmung und das geschäftige Treiben auf den Straßen. Sie rannte fast in die 16. Straße, um „Pastry Passion“ aufzusperren. Schon von Weitem sah sie das auffällige lila Schild, das sie sich extra hatte anfertigen lassen. Der Gedanke, dass sie alles, was sie sich hier aufgebaut hatte, verlieren könnte, war einfach unerträglich.

„Bist spät dran heute, Em!“

Sam, der Besitzer des Blumenstandes von nebenan, winkte freundlich zu ihr herüber. Er trug wie immer eine alte Jeans und ein Sweatshirt, heute mit einem Grizzlybären als Aufdruck. Das Bärenoberteil war sein Lieblingskleidungsstück und Emilia fand, der rundliche Grizzly passte gut zu Sams graumelierten Vollbart.

Emilia erwiderte seine freundliche Geste und grinste ihm zu. Sie würde ohnehin gleich einen Kaffee mit ihm trinken. Aber erst musste sie ans Telefon.

Emilia sperrte ihren Laden auf.

Sofort stiegen die unterschiedlichen Gerüche in ihre Nase. Da war der zartherbe Duft bester Schokolade, die Vanillenote, die über allem schwebte und ein zarter Geruch von Zimt und Nelken. Die Nelken waren die geheime Zutat der Brownies für Mrs. Hannigan-Flynn. Emilia hatte sie eigens für die Jetset-Lady erfunden. Sie waren extra fettarm, hatten viele Ballaststoffe und waren vegan. Also eine low-fat und low-carb Leckerei, was genau den Bedürfnissen der New Yorker High Society-Ladies entsprach. Mrs. Hannigan-Flynn holte jeden Freitag eine riesige Ladung Brownies für ihr Kaffeekränzchen mit den anderen Upperclass-Damen ab. Es war eine große Herausforderung gewesen, für die Damen, die sich quasi ohne Kohlenhydrate und nach strengem Diätplan ernährten, etwas Süßes zu kreieren. Aber dank Agavensirup, Vollkornschrot und einer großen Ladung ausgeklügelter Gewürze hatte Emilia das Wunder vollbracht. Nun war die Hannigan-Flynn-Clique süchtig nach ihren gesunden Brownies und das schlug sich äußerst positiv im Umsatz nieder.

Emilia schmiss die Espressomaschine an. Sie brauchte eindeutig einen zweiten Kaffee, bevor sie sich auf das Gespräch einließ. Anschließend kramte Emilia in ihrer Handtasche nach dem Brief von der Hausverwaltung.

Als sie die Nummer gewählt hatte und den Hörer ans Ohr drückte, hielt sie vor Aufregung die Luft an. Endlich meldete sich jemand. Nachdem sie ihr Aktenzeichen mitgeteilt hatte, kam sie direkt auf ihr Anliegen zu sprechen.

„Wer hat denn das Haus gekauft? Ich meine, vielleicht lässt der neue Besitzer ja mit sich reden.“

„Ich bedaure sehr, Madam, aber ich darf Ihnen da keine Auskunft geben“, sagte die neutrale Stimme am anderen Ende der Leitung.

Emilia spürte leichte Panik in sich aufsteigen – gepaart mit einer deutlichen Portion Wut wegen der so offensichtlich zur Schau getragenen Gleichgültigkeit ihres Gesprächspartners.

„Ist Ihnen klar, dass meine Existenz bedroht ist?“ Emilia musste sich zusammenreißen, um den emotionslosen Kerl nicht anzuschreien.

„Wie schon gesagt, ich kann Ihnen da leider nicht weiterhelfen. Ich bin nicht befugt, Ihnen Auskunft zu erteilen.“

„Ich will doch nur den Namen des Käufers wissen. Bitte! Ich möchte doch nur nachfragen, ob ich mein Geschäft hier weiter betreiben kann. Haben Sie ein Herz!“ Emilia hasste es zu betteln. Aber was blieb ihr übrig?

„Es tut mir leid.“ Die Stimme am anderen Ende des Apparats war ein wenig weicher geworden. „Wir haben Schweigepflicht. Ich bin genauso auf meinen Job hier angewiesen wie Sie auf Ihr Geschäft. Ich habe Familie.“

„Verstehe.“

Emilia seufzte. Offensichtlich war ihr Telefonat aussichtslos. Sie musste sich etwas anderes einfallen lassen. Dann verabschiedete sie sich und legte auf.

Die Hausverwaltung würde ihr niemals verraten, wer der Käufer des Hauses war. Ob Sam mehr wusste? Sie würde gleich zwei Tassen Cappuccino machen und zu ihm rübergehen. Das Backen verschob sie ausnahmsweise auf später. Die Sache mit dem Haus ging einfach vor.

Als Emilia Sam seinen Kaffee hinhielt, strahlte er sie an.

„Danke Em, dein Cappuccino ist einfach der Beste in ganz Manhattan.“

Sie erwiderte sein Lächeln und umschloss ihre Tasse mit beiden Händen.

„Sag mal, Sam, hast du was mitgekriegt, dass die Häuser hier verkauft werden?“

„Nein, warum?“ Auf Sams Stirn bildete sich eine kleine Sorgenfalte.

„Ich habe die Kündigung bekommen. Es wird wohl renoviert oder so. Zumindest gibt es einen neuen Besitzer. Und du weißt, dass ich mir den Laden dann nicht mehr leisten kann.“

Emilia spürte, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten. Sie wollte hier nicht weg. Allein wegen Sam und weil sie gerade so viel Geld in das Geschäft investiert hatte. An Violetta wollte sie gar nicht denken. Sie erinnerte sich, wie ihre Tante am Vorabend mit dem Grappa in der Hand durch die Wohnung getanzt war. Wie hätte sie ihr sagen sollen, dass „Pastry Passion“ und somit Vios gesamten Ersparnisse in Gefahr waren? Allein der Gedanke daran bereitete Emilia Magenschmerzen.

Sam schlürfte ein wenig Milchschaum.

„Und was machst du? Du wirst dich doch sicher wehren!“ Für ihn war ganz klar, dass Emilia niemals klein beigeben würde – dafür kannte er sie schon gut genug.

„Ich muss erst einmal herauskriegen, wer das Haus gekauft hat, um handeln zu können. Aber so schnell lasse ich mich nicht vertreiben, keine Sorge.“

Emilia nippte an ihrer Tasse. In diesem Moment bremste der rote Porsche von Mrs. Hannigan-Flynn neben ihr und hupte.

„Juhuuu“, flötete die spindeldürre Frau und winkte affektiert. Obwohl sie die fünfzig sicher schon weit überschritten hatte, war ihr Gesicht dank Botox fast faltenfrei. Nur mit der Mimik haperte es etwas, vielleicht neigte sie deshalb zu übertriebener Gestik. Die vegane Kuchenliebhaberin parkte direkt vor „Pastry Passion“ im Halteverbot und stieg aus. Emilia verabschiedete sich von Sam und ging zu dem Sportflitzer.

„Kommen Sie gleich mit, Mrs. Hannigan-Flynn, ich habe Ihre Brownies schon hergerichtet. Vielleicht wollen Sie ja auch ein paar kandierte Apfelstücke mit Nüssen und Rosinen probieren? Die sind auch vegan und wären bestimmt ein Renner bei ihren Freundinnen.“

„Ach, Emilia, Sie wissen einfach, was ich brauche.“ Mrs. Hannigan-Flynn stöckelte hinter Emilia her in das Ladenlokal.

Emilia reichte ihr eines der kandierten Apfelstückchen über den Tresen.

„Köstlich, einfach köstlich! Ob man das auch mit Aprikosen machen kann? Ich könnte zu meinem Geburtstag nächste Woche ein Kandisfruchtbuffet anrichten. Es wird nur ein kleiner Umtrunk, wissen Sie. Und man weiß ja heutzutage nicht mehr, was man noch bieten soll. Sie verstehen das sicher.“

Emilia nickte mitfühlend. „Natürlich. Man hat es schon nicht leicht heutzutage.“ Innerlich verdrehte sie die Augen. Aber natürlich durfte ihre Kundin das nicht merken.

„Selbstverständlich kann ich Ihnen sämtliche Köstlichkeiten auch aus Aprikosen zaubern. Alles was Sie wünschen. Ich würde auch ein paar Nussbissen für die Herren vorschlagen. Mit Marzipan. Und vielleicht ein paar Grissini mit hausgemachten Dips zum Champagner?“

„Großartig, so machen wir es! Sie sind einfach die Beste!“

Emilia freute sich über den unerwarteten Auftrag. Gerade jetzt konnte sie wirklich jeden Dollar brauchen.

„Wollen Sie, dass ich die Sachen liefere?“

„Ja, das wäre gut. Mein Auto ist einfach zu unpraktisch.“ Mrs. Hannigan-Flynn steckte sich vermeintlich unbemerkt eine Nougatpraline vom Probierteller in den Mund, als Emilia sich über ihren Notizblock beugte.

Was ihr Personal Trainer wohl dazu sagen würde, dass sie sich eine Kombination aus Fett und Zucker zu Gemüte führte? Emilia musste heimlich lächeln.

Sie schrieb sich alles genau auf. Es war ein toller Auftrag. Sicher fünfhundert Dollar, die extra in die Kasse flossen, bei den Mengen, die Mrs. Hannigan-Flynn orderte. Sie würde Bitterschoko-Gewürz-Weintrauben, Erdbeer-Balsamico-Spieße mit Kandis, die Apfelstücke und Aprikosen im Kokosmantel liefern. Dazu noch die Nussbissen und deftige Aufstriche mit Vollkorngrissini, selbstgebacken, aber das war bei Emilia sowieso selbstverständlich.

Als Mrs. Hannigan-Flynn ihr Geschäft verlassen hatte, nahm Emilia einen weiteren Schluck des mittlerweile kalt gewordenen Cappuccinos. Sie musste sich beschäftigen und über ihre missliche Situation nachdenken.

Wenn Emilia sich unwohl fühlte, fand man sie von jeher in der Küche, wo sie sich mit Kochen ablenkte. Gestern hatte sie sich nach dem Vorschlag ihrer Tante ein Rezept für Pralinen mit flüssiger Grappafüllung ausgedacht. Mal sehen, ob es sich in die Praxis umsetzen ließ. Man könnte sicher wunderbare Süßspeisen mit gutem Grappa zaubern. Und das wäre sogar etwas, womit man männliche Kunden begeistern könnte, da diese Pralinen erstens nicht süß wären und zweitens Alkohol beinhalteten. Vielleicht eine ganz neue Verkaufsstrategie.

Emilia verschwand in dem kleinen Nebenraum, um Schokolade zu schmelzen, zu würzen und in Formen zu gießen. Dabei dachte sie über ihre Optionen nach. Ihr fiel im Moment nicht ein, wie sie – außer über die Hausverwaltung – an den neuen Besitzer des Hauses herankommen konnte. Womöglich musste sie sich nach einem anderen Ladenlokal umsehen. Was das wieder kosten würde! Dabei konnte sich Emilia im Augenblick keine großen Sprünge erlauben.

Wunderbare Gerüche stiegen aus den Formen mit den langsam trocknenden Pralinenhüllen auf. Emilia gab etwas vom Zuckergranulat, das sie selbst erfunden hatte, in die Rohlinge. Es würde etwas dauern, bis sich die gewünschte Kruste gebildet hatte.

Sie schob eine CD in den Player, die leise im Hintergrund laufen würde. Fabrizio de Andre. Emilia liebte die italienischen Liedermacher. Und seine melancholischen Songs passten zu ihrer heutigen Stimmung. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu ihrer finanziellen Situation. Beim letzten Mal, als sie ihre Kontoauszüge angeschaut hatte, war sie gerade so im Plus gewesen. Es würde auch jetzt nicht viel besser sein. Violetta konnte sie nicht fragen. Sie traute sich ja nicht einmal, ihr von der Kündigung zu erzählen.

Es war wirklich ausweglos.

Den ganzen Tag über grübelte sie über eine Lösung nach, aber ihr fiel nichts ein. Nachdenklich widmete sie sich am späten Nachmittag den inzwischen erkalteten Grappapralinen. Emilia füllte die einzelnen Stücke mit dem Alkohol. Anschließend schmolz sie die Ränder der Deckel, die sie mittig mit Traubenmarzipan bestrichen hatte, an und drückte sie auf die Unterseiten.

Perfekt!

Trotzdem hatte sie keine Freude an der neuen Kreation, ihr Kopf war einfach nicht frei.

Gerade als Emilia die Grappapralinen in die Theke gestellt hatte und sich im Nebenzimmer die Hände wusch, klingelte die Türglocke.

Schnell wischte sich Emilia ihre Finger an der Schürze ab und lief nach vorne in den Verkaufsraum.

„Oh, hallo!“ Emilia war mehr als erstaunt. Sie hätte nicht gedacht, dass der Businesstyp von gestern noch einmal hereinschneien würde. Er stand in seinem dunkelblauen Maßanzug und der edlen Krawatte im Laden, als wäre er direkt einem Hochglanzmagazin entsprungen. Die schwarze Limousine parkte genau wie der Porsche von Mrs. Hannigan-Flynn direkt vor der Tür im Halteverbot. Anscheinend war es den reichen Leuten allesamt nicht möglich, auch nur einen Meter zu Fuß zu gehen.

„Guten Tag“, sagte der Mann. Seine Miene war undurchdringlich.

Emilia trat näher an die Theke und wollte gerade fragen, was es heute sein dürfte, da nickte er ihr kurz zu.

„Sie haben das wirklich gut gemacht“, erklärte er mit tiefer Stimme. Er strahlte eine Art natürlicher Autorität aus, die Emilia nicht einordnen konnte. Ihr Herzschlag beschleunigte sich.

„Die Praline?“ Sie war verwirrt. Sollte das ein verspätetes Lob für den Blackberry Trüffel sein? Fragend sah sie ihn an und spürte dabei wieder dieses eigenartige Prickeln im Nacken. Seine Anwesenheit löste etwas in ihr aus, was ihr gar nicht gefiel.

Ein winziges Lächeln blitzte auf seinem Gesicht auf.

„Nein. Mir zu zeigen, dass ich mich daneben benommen habe. So etwas hat bisher noch nie jemand getan – aber ich habe den Wink mit dem Zaunpfahl gestern durchaus verstanden.“

Emilia fühlte, wie ihr eine leichte Röte ins Gesicht stieg. Als Geschäftsinhaberin sollte sie sich eigentlich im Griff haben und neue Kunden nicht mit aufgedrängter Schokolade vergraulen, vor allem, wenn diese für viel Geld einkauften. Es war ihr ein wenig peinlich, wie sie sich am Vortag verhalten hatte.

„Ich war wohl nicht besonders professionell“, sagte sie.

„Im Gegenteil. Sie haben mir auf äußerst charmante Art zu verstehen gegeben, dass ich mich völlig daneben benehme. Allerdings wurde mir das erst richtig bewusst, als ich im Wagen saß. Der Tag gestern war extrem hektisch.“

Er kam näher an den Tresen heran und beugte sich ihr ein Stück entgegen.

„Aber eine Sache muss ich unbedingt noch klarstellen.“

Emilia hielt die Luft an. Was hatte er Wichtiges zu sagen? Erneut stieg sein aparter Geruch in ihre Nase und vernebelte ihr die Sinne. Und wieder dieser Blick, dem sie sich nicht entziehen konnte.

„Was denn?“, presste sie hervor. Ihre Rückenmuskeln spannten sich an.

„Diese Blackberry-Praline war köstlich“, erwiderte er. „Dabei bin ich absolut kein Freund von Süßem. Aber Ihre Kreation hat mich sehr beeindruckt.“

Er nahm die Augen nicht von ihr, während er sprach.

Emilia musste sich räuspern. Die Nähe dieses attraktiven Fremden brachte sie durcheinander. Dabei konnte sie mit Managern, die sich selbst viel zu wichtig nahmen, wirklich nichts anfangen.

„Vielen Dank.“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wusste nicht, was sie nun sagen konnte.

Überrascht beobachtete sie, wie der Geschäftsmann sein Handy hervorzog und es demonstrativ auf das andere Ende des Tresens legte.

„So komme ich erst gar nicht in Versuchung“, erklärte er. Das Lächeln stand ihm gut.

Emilia war mehr als überrascht. Sollte dieser Kerl tatsächlich einen Funken Anstand besitzen? Sie musterte ihn, aber konnte ihn nicht ergründen.

„Außerdem wollte ich die Unmenge Pralinen bezahlen, die mein Assistent verkostet hat“, fuhr er fort. „Im Gegensatz zu mir liebt er Schokolade.“ Er zückte seine Geldbörse und zog eine Note heraus.

Sprachlos starrte Emilia auf den Geldschein, ohne diesen richtig wahrzunehmen. Allein diese Geste fand sie erstaunlich.

„Also, danke“, stammelte sie. „Das ist wirklich nett von Ihnen.“

Ihre Hände berührten einander, als sie nach dem Geld griff. Es prickelte in ihren Fingerspitzen, als hätte sie in Eiswasser gefasst. Gleichzeitig wurde ihr so heiß, dass sie sich am liebsten kühle Luft zugefächelt hätte. Sie nahm den Schein an sich und schloss ihre Faust um ihn.

„Ich bin übrigens Richard.“

„Emilia.“

„Freut mich, Emilia.“ Richard lächelte sie an. Seine außergewöhnlichen Augen blitzten und für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen. Der Knoten seiner silbernen Seidenkrawatte war ein bisschen schief gebunden. Das gefiel Emilia. Vielleicht war der Mann doch nicht der stets perfekte und knallharte Businesstyp, für den sie ihn gehalten hatte? Immerhin war er hergekommen, um sich für sein Verhalten zu entschuldigen.

Er sah sie immer noch an und sein Blick machte sie nervös. Emilia wollte etwas sagen, irgendetwas Geistreiches oder Charmantes, aber in ihrem Kopf herrschte gähnende Leere. Da ihr nichts Besseres einfiel, griff sie mit ihrer kleinen Zange zur nächstbesten Praline und hielt sie ihm unter die Nase.

„Die geht auf‘s Haus“, sagte sie reflexartig. Wieso war sie plötzlich so angespannt?

Er zögerte.

„Ich mag eigentlich nichts Sü-…“

„Das ist Grappa“, unterbrach sie ihn und ärgerte sich sofort über den barschen Ton in ihrer Stimme. Was war nur los mit ihr? Sie benahm sich schon wieder so aufdringlich wie gestern!

„Dann ist es natürlich etwas anderes“, lenkte Richard ein, schmunzelte und steckte sich die Praline gehorsam in den Mund.

Er kaute mit geschlossenen Augen.

„Die ist einfach wunderbar. Und darauf können Sie absolut stolz sein. Ich mag nämlich wirklich keine Schokolade. Aber die Füllung ist großartig.“

Wieder ließ Richard sein jungenhaftes Lächeln sehen. Emilia musste einfach zugeben, dass dieser Kerl attraktiv war. Wäre er nur nicht so ein reicher Schnösel gewesen…

„Der Grappa kommt direkt aus Italien“, erklärte sie.

„Wenn ich es richtig herausschmecke, arbeiten Sie auch noch mit Marzipan?“

Begeistert nickte Emilia. Er interessierte sich offenbar für ihre Praline. Das war ein großes Lob von einem Schokoverweigerer.

„Um genau zu sein: Es ist Traubenmarzipan. Und die Zuckerkruste mache ich auch selbst, ich gebe ein paar Tropfen Grappa mit hinein, damit es harmonisch schmeckt.“

„Mein Kompliment. Sie haben ein ganz besonderes Händchen für Pralinen. Und für Kunden offenbar auch, schließlich haben Sie mir schon wieder eine Süßigkeit untergejubelt. Auch das hat noch niemand fertiggebracht.“

Richard lachte. Es war ein sehr melodisches Lachen, das Emilia an italienische Feste erinnerte. An Rotwein und Mandolinenklänge, an reife Pfirsiche und den Duft von Jasmin, an kichernde Kinder und einen großen Tisch voller Menschen.

„Woher kommen Sie, Emilia?“, fragte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Er stützte seinen Anzugarm am Tresen auf, wie es sonst nur Sam tat. Heute schien Richard offenbar alle Zeit der Welt mitgebracht zu haben.

„Aus Rom.“ Emilia fand es überraschend angenehm, mit ihm zu plaudern. Sie hatte ganz plötzlich Lust, sich noch viel länger mit Richard zu unterhalten. „Aber ich lebe schon seit…“

In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen und der unsympathische Rothaarige streckte den Kopf zur Tür herein.

„Chef, wir müssen. In einer halben Stunde ist die Besprechung wegen der neuen Werke in Mexiko. Und Sie wollten doch vorher noch die Controllingabteilung in die Zange nehmen.“ Der Assistent würdigte Emilia keines Blickes.

„Ja, ich komme schon, Leroy.“ Richard blickte auf seine goldene Armbanduhr. Seine Gesichtszüge wurden härter, kühl und professionell. Eilig wandte er sich ab.

„Danke, Emilia. Es war nett, Sie kennenzulernen“, sagte er geschäftsmäßig und verließ im Laufschritt Emilias Laden, direkte hinter dem Rotschopf. Der Chauffeur sprang aus dem Auto und hielt den beiden Männern die Wagentür auf. Richard nickte ihm zu. Dann stiegen die beiden Geschäftsleute hinten ein, der Fahrer schloss die Tür, setzte sich hinters Steuer und brauste davon.

Richard hatte nicht zurückgeschaut.

Emilia warf einen Blick auf den Geldschein in ihrer linken Hand. Fünfzig Dollar! Ihr blieb fast die Luft weg. Dieser Kerl musste im Geld nur so schwimmen. Für diese Summe konnte Leroy, der Ekelhafte, Pralinen essen, bis sie ihm zu den Ohren rauskamen. Typisch. Diesen Reichen fehlte jede Relation zu ihrem Geld, während sie selbst um ihre Existenz kämpfen musste.

Trotzdem sah sie der Limousine hinterher, als diese sich elegant in den fließenden Verkehr einreihte.

Emilia fiel die Liste von Mrs. Hannigan-Flynn ein, für die sie noch einiges vorbereiten musste, als ein seltsames Geräusch sie erschreckte.

Was war das denn?

Seit wann krähte ein Hahn mitten in ihrem Laden?

Es dauerte einen Moment, bis Emilia verstand, woher das Geräusch kam. Auf dem Tresen lag immer noch das BlackBerry, das wütend vor sich hin vibrierte. Und das Krähen war sein Klingelton. Emilia musste zum ersten Mal an diesem Tag lachen. Sie schüttelte den Kopf. Ein Krähen!

Dieser Richard würde sicher bald noch einmal auftauchen, um sein Telefon wiederzubekommen. Oder jemanden vorbeischicken, um es abzuholen. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass es ihr lieber wäre, er käme selbst vorbei. Emilia wunderte sich über sich selbst. Aber dann musste sie erneut schmunzeln, weil das Handy krähte.

Ganz offensichtlich war Richard für so manche Überraschung gut.

3. Chocolate Bomboloni with orange touch

 

 

Luftig-zarter Hefeteig mit reicher Schokoladenfüllung und einem Hauch Orangenaroma

 

 

Emilias Nachmittag im Laden war den Vorbereitungen des Geburtstags von Mrs. Hannigan-Flynn gewidmet. Immer wieder kamen Kunden. Als es Abend wurde, trödelte sie noch eine Zeit lang im Geschäft herum, darauf wartend, dass dieser superwichtige Richard nochmal vorbeikäme, um sein ebenso wichtiges Handy abzuholen. Als er jedoch zur Feierabendzeit immer noch nicht da war, beschloss sie, sich auf den Heimweg zu machen. Wäre ja noch schöner, wenn sie wegen dieses Schnösels noch ihren Abend opfern würde! Er war bestimmt auch über das Festnetz der Firma, in der er arbeitete, zu erreichen. Oder konnte sich das Telefon dieses rothaarigen Wichtigtuers ausleihen. Morgen würde er sicher jemanden vorbeischicken, um sein BlackBerry abzuholen.

Sie schob das Handy achtlos in ihre Handtasche, schloss ab und machte sich auf den Weg nach Hause.

Dieses Mal hatte Violetta nichts in Brand gesetzt, was schon mal ein guter Beginn des Feierabends war. Da Emilia noch nicht dazugekommen war, eine neue Pfanne zu besorgen, bereitete sie kurzerhand einfach Bruschette zu. Diese knusprigen Brotscheiben mit Tomaten, Parmesan und Kräutern aß auch ihre Tante gern.

„Gib noch ordentlich Knoblauch drauf“, verlangte Violetta. „Oder musst du heute noch jemanden küssen?“

Emilia lachte.

„Nicht dass ich wüsste. Außer, du hast Onkel Alfredo eingeladen.“

„Um Himmels Willen, nein!“, rief Violetta entsetzt. Alfredo entstammte einem anderen Familienzweig, und seit irgendeiner alten Fehde um nichts konnte Violetta den Verwandten nicht leiden. Er besaß in Queens und Brooklyn zwölf Pizzerien und hatte netterweise dafür gesorgt, dass Emilia eine Green Card erhielt und arbeiten konnte. Dafür war sie Onkel Alfredo sehr dankbar.

Als Emilia voll Appetit in ihr erstes Bruschetta biss, sah Violetta sie plötzlich komisch an. Die Tante neigte den Kopf zur Seite und setzte ihr mystisches Gesicht auf, das nie etwas Gutes verhieß.

„War er heute da?“, fragte sie.

Emilia hatte zwar eine Ahnung, worauf ihre Großtante hinaus wollte, spielte aber erst einmal die Ahnungslose.

„Wer denn?“, fragte sie unschuldig.

„Na, dein Anzugträger.“

„Tantchen, er ist nicht mein Anzugträger! Er ist nur irgend so ein reicher Schnösel. Und außerdem kann er nicht mal eine Krawatte richtig binden.“

„Hah!“ Violetta klatschte begeistert in die Hände. „Er war also da, ich wusste es! Und du hast ihn dir ganz genau angesehen, das ist ein hervorragendes Zeichen. Das hatte ich doch von Anfang an im Gefühl.“

Emilia verdrehte die Augen.

„Es fiel mir einfach nur auf, sonst nichts“, versuchte sie, die Begeisterungsstürme ihrer Tante abzuschwächen. Doch die ließ nicht so schnell locker.

„Natürlich, weil das ein untrügliches Zeichen ist, dass er keine Frau hat! Und du hast darauf geachtet! Brava! Es ist also doch nicht Hopfen und Malz verloren bei dir, ich bin stolz auf dich.“

Violetta schob beiläufig eine Zeitung zur Seite, sodass die darunterliegenden Magazine hervor spitzten. Man sah die Beine einer Braut.

„Er war nur ein paar Sekunden im Laden, mach dir keine Hoffnungen, Vio“, erwiderte Emilia schnell. „Und er wird sicher nicht so bald wiederkommen. Es war also eine einmalige Begegnung, rein geschäftlich, nichts weiter.“

„Soso“, murmelte die Tante vielsagend.

Emilia gab es auf. Hatte Violetta sich einmal eine Idee in den Kopf gesetzt, brachte nichts und niemand sie davon ab. Das Einzige, was jetzt half, war ein Ablenkungsmanöver. Sie brachte das Gespräch auf Violettas baldigen Besuch bei einer alten Freundin. Der war zwar erst in zwei Wochen, aber ihre Tante war schon ganz aufgeregt, weil sie New York selten verließ. Dabei wohnte Rosemary in New Jersey, was fast vor der Haustür war.

„Ich bin ewig nicht aus der Stadt rausgekommen, hoffentlich finde ich mich zurecht“, sagte Violetta.

„Das ist kein Problem, Rosemarys Schwiegersohn holt dich doch ab.“

„Ja schon. Aber ich bin eben ein Großstadtkind“, betonte die Tante und zündete sich mit einer eleganten Geste ihre Zigarette an.

Emilia musste schmunzeln. Vio war schon echt eine Marke.

Sie wusch die Teller ab, während Violetta drüben im Wohnzimmer die Wäsche zusammenlegte. Plötzlich kam die alte Frau erschrocken angelaufen.

„Im Flur ist ein Tier!“, rief sie und schloss schnell die Küchentür.

„Eine Kakerlake?“, fragte Emilia und blickte sich nach einer geeigneten Waffe um, mit der sie dem Ungeziefer den Garaus machen konnte. Diese Schaben waren eine echte Plage in New York und schafften es auf geheimnisvolle Weise immer wieder, in die Wohnbereiche vorzudringen.

„Nein, etwas Größeres. Ein Huhn!“

Emilia sah ihre Tante an, als hätte diese den Verstand verloren.

„Wir wohnen im dritten Stock“, entgegnete sie.

„Ja eben“, sagte Violetta. „Das ist ja das Unheimliche.“

Während sie sprachen, erklang plötzlich aus dem Flur ein lautes Krähen.

„Da!“, rief Violetta entsetzt und wurde blass um die Nase. „Schon wieder!“

Endlich wurde Emilia klar, was da herumkrakeelte. Das war natürlich nur Richards Handy, das noch in ihrer Handtasche steckte. Und diese lag auf dem Schuhschränkchen im Flur. Sie hatte es beim ersten Krähen überhört, weil sie mit den Tellern herum geklappert hatte.

„Ach, das ist nur ein Klingelton“, erklärte Emilia, lief in den Flur und holte das Corpus Delicti aus ihrer Tasche.

„Klingelton?“, wiederholte Violetta fragend, als sie das Mobiltelefon sah. „Aber wieso hast du da einen so lauten Gockel eingestellt?“

„Das ist nicht mein Handy.“ Emilia legte das BlackBerry auf den Tisch und hoffte, dass ihre Tante sich mit dieser Erklärung zufrieden gab. Doch Violetta war wie ein Drogenspürhund, sie erschnupperte einen Mann zwei Meilen gegen den Wind.

„Wem gehört das Ding?“, fragte sie und blickte Emilia so tief in die Augen, dass diese nicht schwindeln konnte.

„Dem Anzugträger. Er hat es liegen lassen.“

„Hah!“, rief Violetta schon zum zweiten Mal an diesem Abend. Es klang sehr triumphierend. „Er war also doch länger da. Von wegen: nur dienstlich. Und garantiert hat er das Handy absichtlich liegen lassen. Ja, das ist völlig klar. Er ist Single-Mann, das hast du selbst schon festgestellt, sonst würde ihm seine Ehefrau die Krawatte anständig binden. Einen Ring trägt er auch nicht, hast du gesagt. Und er kam extra nochmal bei dir vorbei, um sein Handy liegen zu lassen. Weil er sich nämlich auf den ersten Blick in dich verliebt hat.“

Entsetzt blickte Emilia ihre Tante an, die sich immer mehr in Rage redete. Violettas Wangen röteten sich und die Augen strahlten. Fast tat es Emilia leid, sie enttäuschen zu müssen.

„Ich habe nie etwas von einem Ring gesagt“, stellte sie trotzdem klar. „Ich habe nicht einmal danach geschaut. Und es war echt ein Versehen mit dem Handy. Dieser Typ mag ja nicht einmal Schokolade!“

„Papperlapapp. So was lässt man doch als Geschäftsmann nicht einfach herumliegen, da kannst du mir nichts erzählen, Bella. Er ist sicher verrückt nach deinen dunklen Augen und deinen tollen Haaren! Wenn ich ein Mann wäre, oh Mama mia!“

„Aber Tante, ich …“

Der vorlaute Hahn krähte schon wieder los.

„Geh doch ran!“, schlug Violetta vor. „Sicher ist er selbst dran, das hat er extra so eingefädelt. Er will dich jetzt garantiert ausführen. Ins Ritz oder ins Plaza. Hach, ich bin ganz aufgeregt!“

Sie hob das Mobiltelefon mit spitzen Fingern auf und hielt es Emilia entgegen.

„Der Bildschirm ist garantiert gesperrt, ich kann da nichts bedienen“, sagte diese und starrte auf das Telefon.

Ein Name blinkte auf.

„Samantha privat“, stand in großen Lettern auf dem Display.

„Schau, seine Freundin ruft ihn an“, erklärte Emilia.

Das unterbrach die Hochzeitspläne ihrer Tante nun doch. Zumindest kurzfristig. Sie zog die Stirn in Falten, hatte aber wie immer blitzschnell eine Erklärung parat.

„Ach was, mit so einer affektierten Samantha, die ihm ständig mit Telefonterror auf die Nerven geht, nimmst du es doch leicht auf“, sprach sie nach ein paar Sekunden Bedenkzeit, machte eine wegwischende Handbewegung und setzte sich an den Küchentisch. Dort zog sie das Brautmodenmagazin, das sie irgendwo abgestaubt hatte, vollständig unter dem Zeitungsstapel hervor und vertiefte sich ohne weitere Worte aber mit bedeutungsschwangerem Blick darin.

Emilia lachte. Ihre Großtante war wirklich unerschütterlich.

Nach dem dritten Hahnenschrei stand Emilia vom Tisch auf und stopfte das vorlaute Gerät mit entschlossenem Gesicht zwischen zwei Sofakissen.

„Hier kann es krähen, bis die Sonne aufgeht“, stellte Emilia fest und setzte sich dann seelenruhig wieder zurück an den Tisch.

Es war wieder Samantha gewesen, die angerufen hatte. Emilia ärgerte sich über sich selbst, weil ihr das einen kleinen Stich versetzte. Schließlich stand dieser Richard für niemanden außer Violetta tatsächlich zur Diskussion. Was sollte sie denn bitteschön mit einem großkotzigen Manager anfangen, der sich herumkutschieren ließ, von einem Meeting zum anderen hetzte und sich dabei superwichtig vorkam? Und überhaupt – ein BlackBerry! Wo doch allgemein bekannt war, dass auch Barack Obama mit so einem Modell telefonierte. Wahrscheinlich hatte es Richard nur deshalb gekauft. Um ganz besonders mächtig rüberzukommen. Solche Leute hatte sie noch nie ausstehen können.

Außerdem war sie seit der Sache mit Anthony damals sowieso an keiner Beziehung mehr interessiert. Der Schmerz saß noch immer tief, sobald sie an der Erinnerung rührte. Nie wieder würde sie sich so sehr von jemandem verletzen lassen, das stand fest.

---ENDE DER LESEPROBE---