SYLTKRIMI Wellengrab - Krinke Rehberg - E-Book

SYLTKRIMI Wellengrab E-Book

Krinke Rehberg

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Beschreibung

»Die Wellen lassen das Meer beben.« Am Strand von Westerland wird ein Obdachloser tot aufgefunden. Die Obduktionsergebnisse lassen Hauptkommissarin Bente Brodersen an der Version eines Unfalltodes zweifeln. Zeitgleich verschwinden zwei schwererziehbare Jugendliche aus einer Pflegeeinrichtung. Die eingeleiteten Mordermittlungen führen bei der jungen Kommissarin Heike Röder zu einer Konfrontation mit ihrer eigenen Vergangenheit. Wie hängen der Tod des Obdachlosen und das Auffinden des schwer misshandelten Jugendlichen zusammen?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Leseprobe
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DANKE

KRINKE REHBERG

 

 

 

 

 

 

 

 

Wellengrab

 

 

 

 

 

Dieser Kriminalroman ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und/oder realen Handlungen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

 

 

 

Für Sabine

Sie ist alles in oin!

 

 

 

 

 

 

 

ACH JA: NIEMAND IST PERFEKT!

Daher bitte ich, eventuelle Rechtschreibfehla zu entschuldigen ...; )

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

© 2022 KRINKE REHBERG

Alle Rechte an Cover/Logo/Text/Idee vorbehalten

ISBN:

Imprint: Independently published

Covergestaltung: MOTTOM

Bildnachweis: 1959Marcus on istock / Pixabay Chorengel / Pixabay GDJ

Autorenservice at Tomkins – Krinke Rehberg, Am Wald 39, 24229 Strande

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

»Die Wellen lassen das Meer beben.«

 

1885

55°32’29.8“N 1°35’57.0“E

162 Seemeilen östlich von Edinburgh

 

Bjarne Lärsson klammerte sich an das Steuerrad der Rieke. Der fünfundsechzig Fuß lange Frachtsegler stampfte ächzend gegen die haushohen Wellen an. Wütend spielte die Nordsee mit dem Schiff und ließ es wie einen Pingpongball auf ihrer Oberfläche hin und her springen.

Bjarne kannte den Auslöser für diese Wut. Es waren die achtzehn Kisten, die der Pfarrer und seine vier Gefolgsleute an Bord gebracht hatten. Käpt´n Carstensen hatte von ihm einen prallen Beutel voll Sterlingsilber für die Überfahrt nach Husum erhalten. Die Fracht von fünfzig Säcken Salpeter füllte den Frachtraum nur halb, sodass die Passagiere dort Platz gefunden hatten.

Als sie aus der Landabdeckung heraus waren und der Sturm mit Stärke 11 die Rieke erfasste, krochen sie nacheinander aus der Luke und klammerten sich kotzend an die Reling. Der Pfarrer sah Bjarne an und ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. Noch nie hatte er so tiefschwarze, böse Augen gesehen.

Bjarne war schon zur See gefahren, bevor er laufen gelernt hatte. Sein Großvater hatte ihn Tag für Tag mit hinaus zum Fischen genommen. Auf nassen, rutschigen Decksplanken hatte er die ersten Schritte gemacht, angeleint wie ein räudiger Köter. Die Fähigkeit, jede Schiffsbewegung auszugleichen, war überlebensnotwendig gewesen und ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Er hatte alles aufgesogen, was es über die Nordsee zu wissen gab. Er sah an Strömungen und Wellenmustern, wo gefährliche Sandbänke lauerten, und wusste, wo Kabeljau, Aal und Hering sich tummelten.

In all den Jahren waren ihm Mastbrüche und über Bord gegangene Seeleute nicht erspart geblieben, aber das bei feuchtfröhlichen Abenden gesponnene Seemannsgarn über Kaventsmänner und den Klabautermann hatte ihn immer kalt gelassen. Bis heute. Dieser Sturm war anders. Er spürte mit jeder Faser seines Körpers, dass die tosende See einen Plan verfolgte. Sie forderte eine Schuld ein und würde nicht ruhen, bis sie bekommen hatte, was sie wollte. Inbrünstig betete er zu Njörd, dem Schutzgott aller Seefahrer. Es war nicht Bjarnes Schuld, dass die Rieke ausgelaufen war, er hatte vergeblich versucht, den Käpt´n von dieser Fahrt abzuhalten. An Umkehren war nicht zu denken, sie hatten bereits über einhundertfünfzig Seemeilen zurückgelegt. Den Kurs zu halten, war unmöglich. Es ging ums nackte Überleben.

Bjarne konzentrierte sich darauf, den Bug der Rieke in die Wellen zu steuern. Sollte einer dieser Brecher das Schiff längsseits treffen, wäre es ihr Todesurteil.

Der schwere Tampen, der ihn mit dem Steuerrad verband, schlug ihm beim Abtauchen in das nächste Wellental mit voller Wucht ins Gesicht. Er schmeckte das Blut, bevor seine Zunge über die aufgeplatzte Lippe fuhr. Mit eisernem Griff umfasste er das Steuerrad und versuchte, die Rieke auszurichten. Schockiert brüllte er gegen den Sturm an: »Die Ladung ist nach Backbord gerutscht, wir haben Schlagseite!«

Käpt´n Carstensen hörte ihn und befahl den beiden nächststehenden Seeleuten, in den Frachtraum hinabzusteigen, um die Steckschotten zu versetzen.

Bjarne hatte die Statur und Kraft eines Bären, aber er konnte das Ruder nicht herumreißen. Mit Schlagseite war die Rieke manövrierunfähig. Er betete mit zusammengekniffenen Augen zu Gott, dem Allmächtigen. Dann riss er den Kopf hoch. Deutlich konnte er den Umriss eines Mannes auf der oberen Saling erkennen, die Wanten peitschten um seinen Körper. Wer in drei Teufels Namen kletterte bei dem Sturm in den Mast?

Brüllend streckte er seinen Arm aus und alle Köpfe folgten seinem Finger.

»Holt ihn da runter!«, schrie Bjarne gegen den Wind an, doch weder der Käpt´n noch einer der Seemänner reagierten.

»Da ist niemand!«, schüttelte der Käpt´n den Kopf.

Als Bjarne spürte, dass die Rieke sich wieder aufrichtete, krallte er sich an das Steuerrad und drehte mit aller Kraft frontal auf die nächste Riesenwelle zu. Aus dem Augenwinkel sah er wieder die Gestalt des Mannes oben im Mast. Unwirsch schalt er sich einen Trottel. Den Klabautermann gab es nicht, und niemand anders als ein Geist konnte dort oben sein! Fluchend hielt er Kurs geradeaus, direkt auf die schwarze, haushohe Wasserwand zu. Die Rieke stieß mit dem Bug voran in die Welle, wurde auf dem Wellenkamm wie eine Trophäe mitgetragen und stürzte schließlich in die Tiefe. Dann war nur noch Wasser um sie herum. Ein letztes Aufbäumen des hölzernen Schiffsrumpfes ließ sie aus den Wellen emporsteigen.

Alle brüllten ihre Angst heraus. Bjarne folgte dem Blick des Pfarrers zum Mast. Ungläubig starrte er auf die Gestalt, die sich just in diesem Moment durch die Takelage hangelte. »Einer von euch?«, schrie er dem Pfarrer zu.

Der schüttelte den Kopf und rief etwas zurück.

Bjarne konnte die zarte Stimme durch den Sturm nicht hören, die Antwort aber von den Lippen ablesen: »Der Teufel!«

Plötzlich schwirrte ein schwerer Schekel durch die Luft, traf den Geistlichen an der Stirn und er fiel zu Boden. In Zeitlupentempo wurde der Körper des Pfarrers mit dem abfließenden Wasser mitgezogen. Er verschwand in der Weite der Nordsee.

Langsam legte Bjarne den Kopf in den Nacken und stieß ein tierisches Gebrüll aus, als die Gestalt sich vom Mast abstieß und mit einem Hechtsprung dem Pfarrer in den sicheren Tod folgte. Deutlich sah Bjarne die teuflische Grimasse, bevor die nächste Welle seine volle Aufmerksamkeit forderte. Wieder wurde die Rieke emporgehoben und es dauerte einen Moment, bis er verstand, was seine Augen sahen. Ein Abgrund, der direkt in die Hölle zu führen schien, ein Trichter, an dessen Ende der Tod wartete. Bjarne wusste, dass dies ein Kaventsmann war. Er sah das Entsetzen in den Augen seiner Kameraden. Langsam löste er die Hände vom Steuerrad und faltete sie zum Gebet. Eine beängstigende Stille lag über der Rieke. Dann stürzte sie in die Tiefe.

Alle Seeleute, Passagiere und auch die achtzehn Kisten fanden ihr nasses Grab auf dem Meeresboden.

 

 

1

Vor 10 Tagen

 

Ulrike wimmerte und fiepte schon seit Einbruch der Dunkelheit. Jede Stunde ging Bente mit ihr vor die Tür. Offenbar hatte die Hündin sich einen Magen-Darm-Virus eingefangen. Das war noch kein Fall für die Tierärztin, aber sollten das Erbrechen und der Durchfall länger anhalten, brauchte die Hündin ein Medikament. Auf jeden Fall würde sie einen Tag nicht fressen dürfen, um den Verdauungstrakt zu regenerieren.

Bente stand um 4:30 Uhr in der Küche ihres kleinen Apartments, kochte einen Liter Gemüsebrühe und füllte lauwarmes Wasser in den Trinknapf. »Armes Mädchen!«, flüsterte sie Ulrike zu, meinte aber sich selbst.

Es lohnte nicht, noch einmal unter die warme Decke zu kriechen, die Dämmerung setzte bereits ein und an Schlaf war nicht zu denken. Bente seufzte müde, ging für eine Katzenwäsche ins Bad und schlüpfte in ihre Klamotten. Dann machte sie sich mit Ulrike auf den Weg zur Bäckerei, um sich ihren ersten Coffee to go zu holen.

»Sie sind aber früh heut morgen! Wie immer?«, lachte ihr die Verkäuferin entgegen.

»Ja, bitte, ohne Kaffee übersteh ich den Tag nicht«, grinste Bente zurück.

Drei Minuten später stand sie an dem überdachten Strandübergang zur Promenade und hielt Ausschau nach dem Obdachlosen, der hier seit einigen Wochen sein Nachtlager aufschlug. Es war zur Routine geworden, dass sie ihm einen Kaffee und ein Eibrötchen brachte. Die anfängliche Verlegenheit war schnell einer Wiedersehensfreude auf beiden Seiten gewichen. Der Mann war immer schon wach, wenn Bente mit Ulrike die morgendliche Gassirunde ging, und manchmal unterhielten sie sich kurz, bis die Hundeohren genug gekrault waren.

»Für´n Bullen sind Sie schwer in Ordnung!«, hatte er vor ein paar Tagen zu ihr gesagt und grinsend seine Zahnlücken gezeigt. Im ersten Moment hatte sie ihn perplex angestarrt. »Woher wissen Sie ...?«

»Ich lebe auf der Straße und bekomme viel mehr mit, als die meisten denken. Sie würden sich wundern!«

»Ich wundere mich schon lange nicht mehr!«, hatte sie geantwortet und ihm einen schönen Tag gewünscht.

»Ich könnte glatt als Informant für Sie arbeiten!«, war seine Antwort gewesen, aber Bente hatte nur abgewinkt, ohne sich umzudrehen. Sie hatte unwillkürlich an Lutz gedacht. Er war verdeckter Ermittler für das Drogendezernat gewesen und Informanten hatten zu seinem Alltag gehört.

Sie schüttelte den Gedanken beiseite, stellte Kaffee und Brötchentüte an die Mauer und sah sich noch einmal um. Der Mann war nirgends zu sehen, würde aber sicher bald zu seinen Sachen zurückkehren. Kurz überlegte sie, ihn zu rufen, aber sie kannte seinen Namen nicht. Das musste sie nachholen!

Sie beschloss, einige Minuten auf der Promenade zu warten. Weit konnte der Obdachlose nicht sein und es war zu früh, um ins Büro zu gehen. Die frische Nordseebrise wehte ihr die Haare in die Stirn. Sie liebte diese salzige Meeresluft und atmete tief durch. In den letzten Monaten, in denen die Beziehung zu Erik immer enger geworden war, hatte sie nur selten an die Zeit in Kiel zurückgedacht. Damals hatten die Kollegen sie dafür verurteilt, dass sie Lutz, ihren eigenen Ehemann, nicht mit einer Falschaussage vorm Gefängnis bewahrt hatte. Keiner von ihnen hatte die Gefahr für Anka gesehen. Lutz hatte der albanischen Mafia beschlagnahmte Drogen aus Polizeibeständen verkauft. Er war erpresst worden, mehr zu beschaffen, andernfalls würde seiner Familie etwas zustoßen. Für Bente war die Entscheidung, Anka zu schützen, alternativlos gewesen. Als Lutz verhaftet worden war, hatte er sie um ein falsches Alibi gebeten. Sie war nicht Polizistin geworden, um zu entscheiden, wer über oder unter dem Gesetz stehen sollte.

Mit einem flüchtigen Grinsen dachte sie an Erik, der wahrscheinlich gerade seine Nachtschicht beendete und auf dem Weg in seine Wohnung war. Sie waren zwar ein Paar, aber weder sie noch er wollten die eigene Wohnung aufgeben. In Gedanken versunken, schaute sie sich um. Wo war Ulrike? Bente drehte sich im Kreis, pfiff und reckte suchend den Kopf, als sie aufgeregtes Hundegebell vernahm. Dann sah sie eine Frau auf sich zu rennen. Ihre Hände waren blutverschmiert.

 

2

Jessica Brandt kam kaum ins Schwitzen, wenn sie morgens am Strand die sieben Kilometer vom Quermarkerfeuer in Kampen bis nach Westerland joggte. Diese sportliche Aktivität war in ihren regelmäßigen Sylturlauben zu einem festen Ritual geworden. Zu Hause in Stuttgart drehte sie jeden Morgen ihre Runde am Neckar entlang, aber hier auf Sylt war die Luft salziger und der Wind rauer. Sie genoss die Wochen auf dieser Insel. Alle zwei Monate gönnte sie sich eine Auszeit in dem kleinen Apartment in Kampen und hatte das Gefühl, diese Zeit wirke wie ein Jungbrunnen auf Körper und Geist.

Zu ihrer Rechten brandete die Nordsee in regelmäßigen Wellen, es war Ebbe und der menschenleere Strand schien ihr allein zu gehören. Die Sonne, die hinter der Steilküste im Osten emporstieg, ließ das dreißig Meter hohe Rote Kliff dunkel und bedrohlich erscheinen.

Jessicas Atem ging ruhig und gleichmäßig, als sie nach einer knappen halben Stunde die Strandpromenade in Westerland erreichte. Sie fiel in eine langsamere Gangart, um sich für den Rückweg zu wappnen, als ihr der Mann auffiel. Er saß im Sand und lehnte an einem Strandkorb. Plötzlich kippte er zur Seite und blieb reglos liegen. Als Krankenschwester litt sie, wie so viele ihrer Zunft, an einem ausgeprägten Helfersyndrom. Aufseufzend lief sie zu ihm. Seinem Äußeren nach handelte es sich um einen Obdachlosen, wahrscheinlich schlief er seinen Rausch aus. Kurz dachte sie darüber nach, dass sie immer geglaubt hatte, auf Sylt gäbe es keine Armut und schon gar keine Obdachlosen. »Hallo, geht es Ihnen nicht gut?«, rief sie schon von Weitem. Bei dem Strandkorb angekommen, hockte sie sich nieder. »Hallo?«

Sie versuchte, seinen Kopf aufzurichten und erstarrte in der Bewegung, als neben ihr ein Hund auftauchte und aufgeregt bellte.

 

3

Heike kam mit zwei Bechern Kaffee zum Strand. Bente nahm gierig einen heißen Schluck. Mehrere Polizeibeamte sperrten bereits den Strandabschnitt für die Öffentlichkeit ab.

»Was ist passiert?«, fragte Heike und vermied es, zu der Leiche zu sehen. Noch immer drehte sich ihr beim Anblick eines Toten der Magen um.

»Wir haben noch keine Personalien, aber er hat in den letzten Wochen hier am Strandübergang sein Lager aufgeschlagen.«

»Obdachlos?«

Bente nickte und dachte an den Mann, dessen Namen sie nicht wusste. Es gab viele Gründe, aus denen Menschen in die Obdachlosigkeit abrutschten. »Ich habe ihm die letzten Wochen immer Frühstück gebracht«, erklärte sie traurig. Sie sah zum Strandübergang, wo die wenigen Habseligkeiten und der bunte Schlafsack lagen.

»Und du hast ihn gefunden?«, hakte Heike nach.

»Nein«, murmelte Bente. »Eine Krankenschwester aus Stuttgart, die joggen war. Sie ist ihm zu Hilfe geeilt, aber er war schon tot.«

Heike schüttelte sich bei dem Gedanken, beim Frühsport auf eine Leiche zu treffen.

Auf der Promenade kam ein Minivan der KTU angefahren.

»Flackner ist auf Fortbildung und kommt erst nächste Woche wieder,« erklärte Bente und erinnerte sich an das Telefonat. Er hatte fröhlich geklungen und verkündet, dass die Mörder für zehn Tage eine Pause einlegen sollten, damit er unbehelligt die Insel verlassen könne. Sie hatte verzichtet, ihn darauf hinzuweisen, dass er nicht der einzige Gerichtsmediziner auf der Welt war, und ihm stattdessen viel Spaß gewünscht.

Die Leiche des Obdachlosen musste nach Husum in die Gerichtsmedizin überführt werden.

»Gehst du von einem Unfall aus?«, fragte Heike.

Bente nickte und zeigte auf den niedrigen Mauervorsprung, der den Strand von der Promenade abgrenzte. »Wie es aussieht, ist er nachts von seinem Lager aufgestanden, um sich an dieser Mauer zu erleichtern.« Bente zeigte auf die Urinspuren an dem Beton. »Dann muss er zum Strandkorb gegangen sein.« Sie wies auf eine Flasche Korn, die halbvoll im Sand lag. »Er trug Socken, aber keine Schuhe. Wahrscheinlich ist er gestolpert und unglücklich mit dem Kopf auf die Ecke gefallen!«

Heike beobachtete die Kollegen der KTU, die den schmucklosen Aluminiumsarg zum Strand trugen. »Keine Fremdeinwirkung?«

»Nicht offensichtlich, aber wir werden mehr wissen, wenn der Obduktionsbericht vorliegt.« Bente dachte darüber nach, ob er sofort tot gewesen war oder vielleicht mit medizinischer Hilfe überlebt hätte.

Heike trat zu dem Kollegen, der die Aussage der Krankenschwester aus Stuttgart aufnahm, und nickte der Frau bedauernd zu. »Moin, Kommissarin Röder, geht es Ihnen gut oder soll ich einen RTW rufen? Solch eine Entdeckung ist ein Schock und die nächsten Stunden können Symptome auftreten, Frau ...?«

»Brandt, Jessica Brandt. Ja, ich weiß, als Krankenschwester habe ich schon einige Leichen gesehen, aber so unerwartet im Urlaub beim Laufen auf eine zu stoßen, ist was anderes! Ich werde in mein Apartment gehen, die Adresse habe ich angegeben. Sollten Schocksymptome auftreten, such ich einen Arzt auf, versprochen!« Sie sah traurig und erschüttert aus, aber nicht geschockt.

»Ein Streifenwagen wird Sie zu Ihrem Apartment bringen. Alles Gute für Sie«, nickte Heike.

Immer mehr Schaulustige trafen an der Promenade ein. Bente schüttelte angewidert den Kopf, als sie sich einen Weg zu dem Schlaflager des Toten bahnte. Auch dieser Bereich war großräumig abgesperrt worden. Sie streifte Latexhandschuhe über und hockte sich vor die Habseligkeiten des Toten.

In einer abgewetzten Plastiktasche fand sie einige abgetragene Kleidungsstücke und ein Paar gut erhaltene Turnschuhe. Ein zerschlissener Wanderrucksack enthielt sauberes Campingbesteck, ineinandergestapeltes Geschirr und einen Kochtopf. Außerdem befanden sich ein Gaskartuschenkocher, ein Glas löslicher Kaffee und ein noch ungeöffnetes Paket Pumpernickel darin.

Heike hatte den Schlafsack angehoben und rief: »Hier ist irgendwas drin!« Sie öffnete den seitlichen Reißverschluss und zog eine zusammengeschobene Angelrute hervor. »Warum hat er die Angel in seinem Schlafsack aufbewahrt?«

»Ich denke, dass Obdachlose zwangsläufig ihr Hab und Gut so verstauen, dass kein Dieb im Vorbeigehen etwas mitnehmen kann«, mutmaßte Bente. »Sein Lager macht auf den ersten Blick zwar den Eindruck von abgelegtem Sperrmüll, aber bei genauerer Betrachtung ist alles sauber und geordnet.« Sie stellte den Rucksack zurück neben die Tasche.

»Und du hast ihm jeden Morgen Frühstück gebracht?«, fragte Heike.

»Das hört sich jetzt so an, als hätte ich ihn gekannt, aber so war es nicht. Ich weiß nicht mal seinen Namen, nur, dass er sympathisch war.«

»Also anders als all die anderen Penner?«, hakte Heike sarkastisch nach.

»Das habe ich weder gesagt noch gemeint! Obdachlosigkeit kann viele Gründe haben, bei diesem Mann schien mir die Lebensweise einfach selbstgewählt, das meinte ich«, erklärte Bente ernst. Sie öffnete einen Karton, der in eine Plastikplane eingewickelt war, die wiederum von zwei bunten Spannhaken gehalten wurde. Ein kleiner Rundgrill, ein Rost, eine alte Grillzange und kleine Salz- und Pfefferstreuer aus Plastik kamen zum Vorschein. Sie erinnerte sich an einen Abendspaziergang mit Erik, da hatte sie den Mann von Weitem an diesem kleinen Grill im Sand sitzen sehen.

»Ob er wohl glücklich mit seinem Leben war?«, murmelte Heike.

Bente runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht, ob glücklich der richtige Ausdruck ist. Auf mich wirkte er jedenfalls ausgeglichen, freundlich und zuvorkommend. Ich denke nicht, dass das Obdachlosendasein wirklich glücklich machen kann.«

Heike seufzte. »Vielleicht gibt es gar keine Angehörigen? Es ist einfach traurig, einsam und allein, fern der Heimat, zu sterben.« Sie schüttelte sich.

»Stimmt, aber genau das macht mich stutzig.«

Heike hob fragend die Augenbrauen.

»Kein Portmonee, keine Papiere, kein Handy, nichts! Auch als Obdachloser kann man sich registrieren lassen, um einen Anspruch auf Sozialleistungen zu erhalten. Außerdem haben wir keinen Cent Bargeld gefunden. Schließlich heißt obdachlos nicht automatisch pleite.«

Heike sah sich um. Das Lager befand sich an der Seite des überdachten Strandübergangs. »Wir wissen nicht, wie lange er schon tot ist. Vielleicht hat jemand seine Wertsachen gestohlen?«

»Einen Obdachlosen beklauen? Das ist ja wohl an asozialem Verhalten kaum zu überbieten, oder?«

»Jep, aber ich sag der SpuSi, sie sollen hier nach entsprechenden Spuren Ausschau halten.«

Bentes Handy klingelte. Eine unbekannte Nummer stand auf dem Display. »Brodersen«, meldete sie sich knapp und zog den Kragen ihrer Jacke hoch, um die Windgeräusche auszublenden.

»Was?«

Heike erschrak beim Anblick von Bentes Gesicht, das binnen einer Sekunde bleich geworden war.

 

 

4

Heute

 

Der modrige Geruch kroch wie träge Nebelschwaden in seine Nase. Die Erinnerung an die qualvollen Schmerzen war angesichts des grauenhaften Anblicks verblasst. Der kurze, unruhige Schlaf hatte ihn nicht gestärkt, im Gegenteil, er spürte nichts als kaltes Grauen und Hoffnungslosigkeit.

Kraftlos hockte er auf dem harten Boden, wippte mit dem Oberkörper vor und zurück und lallte mit schwerer Zunge:

Ich möcht so gern nach Hause gehn,

wenn nur der böse Mann nicht käm!

Es war eine abgewandelte Version des Liedes, das seine Mutter ihm immer vorgesungen hatte. Tränen liefen über seine Wangen.

Angestrengt starrte er auf die Wand gegenüber des kleinen, vergitterten Fensters. Es half nicht, das Bild hatte sich in seine Netzhaut gebrannt. Für immer.

Ich möcht so gern nach Hause gehn,

wenn nur der böse Mann nicht käm!

Ich möcht so gern nach Hause gehn,

wenn nur der böse Mann nicht käm!,

wimmerte er leise. Sie durften ihn nicht hören. Er könnte die wütende Brutalität kein weiteres Mal ertragen!

Durch den Tränenschleier sah er auf seinen nassen Schoß. Der beißende Ammoniakgeruch übertünchte sogar den des modrigen Kellers.

Sein Magen knurrte laut und fordernd. Panisch sammelte er Spucke im Mund und schluckte sie hinunter. Wann er zuletzt etwas gegessen hatte, wusste er nicht mehr.

Zaghaft drehte er den Kopf einen Millimeter Richtung Fenster, nur um im nächsten Moment wieder auf die Wand vor sich zu starren. Das naive Verhalten ähnelte dem des Versteckenspielens aus Kindertagen. Aber egal, wie oft er wegsah, der Tod verschwand nicht. Es gab weder ein Zurück noch einen Neustart. Ganz im Gegenteil, der Tod war nah und verlor nichts an seinem Schrecken.

Der Gestank in dem feuchten Keller löste einen Brechreiz in ihm aus, den er nicht unterdrücken konnte. Gepeinigt übergab er sich zwischen seine Füße. Angeekelt sah er den gelben Schaum in der Pfütze auf dem Boden wabern und übergab sich ein weiteres Mal. Ein fahler Lichtstrahl fiel durch das Gitter des Fensters und malte bizarre Schatten an die Wand. Winzige Staubpartikelchen schienen einen Tanz aufzuführen und ihn zu verhöhnen. Plötzlich knarzte der Schlüssel in dem rostigen Schloss der schweren Eichentür. Warm lief der Urin seinen Schritt entlang und tropfte neben das Erbrochene. Zitternd rollte er sich zusammen und bewegte lautlos die Lippen:

Ich möcht so gern nach Hause gehn,

wenn nur der böse Mann nicht käm!

Ich möcht so gern nach Hause gehn,

wenn nur der böse Mann nicht käm!

Ich möcht so gern ...

 

5

Edda Bleickens Blick war auf die Nordsee gerichtet. Am Hörnumer Leuchtturm vorbei starrte sie auf die dreieinhalb Kilometer entfernte Kormoraninsel, die sich auf halber Strecke zwischen Sylt, Amrum und Föhr aus dem Meer erhob. Die Sicht war diesig, sodass ihre Augen lediglich das graue Wasser und den grauen Himmel wahrnahmen, aber sie kannte die Position des sich stetig verändernden Hochsandes.

Seit Generationen war diese Kormoraninsel der Familie Bleicken heilig. Erst in den letzten Jahrzehnten hatte die Erhebung im Meer Beachtung in den Seekarten gefunden. Sie war schon immer dort gewesen, verdeckt von der Nordsee zwar, aber bei Ebbe gut zu erreichen. Es gab weder Bewuchs, noch hatten sich im Laufe der Jahre Dünen gebildet, lediglich einige Seehunde, Austernfischer und Seeschwalben residierten auf dieser Insel, die keine war.

Früher, lange vor den Weltkriegen, hatte die Familie Bleicken einen Besitzanspruch auf diesen Flecken Erde erhoben.

---ENDE DER LESEPROBE---