Tabak, Tod und Traubenlese - Martina Bellanova - E-Book

Tabak, Tod und Traubenlese E-Book

Martina Bellanova

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Beschreibung

Die Pfalz – das sind mächtige Burgen, gutgelaunte Menschen auf Weinfesten, das sind ein Meer von Reben und der Dom zu Speyer, die größte romanische Kirche der Welt. Aber verbirgt sich zwischen den reifen Trauben eine blutige Rebschere? Lauert am Fuß der steilen Burgmauer der Tod? Und hat die erhabene Kathedrale nicht schon manches Verbrechen gesehen? Zwischen Haardt und Rhein, zwischen Worms und Landau finden die Autorinnen der Mörderischen Schwestern e. V. abgründig spannende Geschichten und zeichnen ein überraschend tödliches Bild dieser reizvollen Gegend. Lassen Sie sich an die Hand nehmen und erfahren Sie alles über die kleinen und großen Verbrechen hinter bürgerlichen Fassaden und an idyllischen Plätzen des Landstrichs, den man auch die Toskana Deutschlands nennt.

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Moni Reinsch, Susanne Querfurth (Hg.)

Tabak, Tod und Traubenlese

Mörderische Schwestern töten in der Pfalz

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Impressum

1. Auflage Oktober 2025

Lektorat: Moni Reinsch, Susanne Querfurth,

Jacqueline Meyer, Kathrin Butt

Satz und Gestaltung: Medienwerkstatt Kai Münschke, Essen

Umschlaggestaltung: Guido Klütsch, Köln

Druck und Bindung: CPI Books GmbH,

Eberhard-Finckh-Straße 61, 89075 Ulm

© Klartext Verlag, Essen 2025

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-8375-2740-7

ISBN ePUB 978-3-8375-2741-4

Inhalt

Vorwort

Mit allen Wassern gewaschen Martina Bellanova

Ene Hexe bistu! Gudrun Bendel

Schweigen Christine Bonvin

Mainstream Jutta Büsscher

Die Nacht des Jakobspilgers Monika Deutsch

Einigkeit und Recht und Freiheit Anna Dross

Ein einfacher Auftrag Babette Fritzsching

So wenige Worte Stefanie Gregg

Zisterziensermorde Anne Hechenberger

Dem Vergessen anheimgegeben Angelika Lauriel

Fünf Zigaretten Katja Montejano

Das Pfefferminzbähnel Heidi Moor-Blank

Der Werwolf von Weinheim Ingrid Noll

7 Uhr 40 ab Speyer Hbf Susanne Querfurth

Reifezeit Ingrid Reidel

Der Superschmecker Moni Reinsch

Einer muss es ja machen Kirsten Sawatzki

Treppe abwärts Regina Schleheck

Die Jagd nach dem verlorenen „Buch der Sonne” Petra Treiber

Schein oder nichts sein Fenna Williams

Die Autorinnen

Vorwort

Eine Kurzgeschichte ist wie Fingerfood – viel Inhalt in einer kleinen Portion.

Eine Anthologie ist demzufolge die Tapas-Platte der Literatur. Und wie bei einer Häppchen-Auswahl bekommen Sie in einer Anthologie unterschiedlichste Variationen serviert, die Sie nach Lust und Laune verkosten können. Wo man nach einem Roman gesättigt und manchmal ein wenig erschöpft ist, heißt es bei der Kurzgeschichte: Ja, danke, eine geht gerne noch.

Wer sich im spanischen Lieblingslokal die gemischte Tapas-Platte bestellt, der bekommt bei überschaubaren Portionen die Gelegenheit, Vertrautes zu genießen und Neues zu probieren. In dieser Kurzgeschichten-Sammlung können die Leserinnen und Leser den psychologischen Thriller finden, Mord im historischen Gewand beobachten oder harte Detektive vom Schlag eines Philip Marlowe bei der Arbeit erleben – und das alles in der Form des Regio-Krimis, der sich in der Pfalz zwischen Haardt und Rhein bewegt.

Der Band, den Sie in Händen halten, wird aus Anlass des Ladies Crime Festivals, der jährlichen Mitgliederversammlung des Vereins Mörderische Schwestern e. V., veröffentlicht, die 2025 in Speyer stattfindet. Der Verein hat das Ziel, Kultur, insbesondere von Frauen verfasste deutschsprachige Kriminalliteratur, zu fördern. Mitglieder sind Autorinnen, Leserinnen, Bücherfrauen und Spezialistinnen aus kriminologischen, juristischen, medizinischen, psychologischen und journalistischen Bereichen. Die „Mörderischen Schwestern“ gelten als der größte europäische gemeinnützige Zusammenschluss deutschsprachiger Kriminalautorinnen. Eine Woche lang steht die Stadt im Zeichen des literarischen Mordes, denn die alte Domstadt Speyer am Rheinufer wird von rund einhundert Krimiautorinnen besucht und feiert Spannung, Thriller und Aufklärung von Verbrechen.

Lassen Sie sich also mitnehmen nach Speyer und in die Pfalz, die man wegen ihres milden Klimas auch die Toskana Deutschlands nennt. Besuchen Sie mittels der Geschichten den Dom und das Hambacher Schloss; erleben Sie Speyer im Mittelalter oder machen Sie einen Ausflug zum Deutschen Weintor und zu vielen weiteren, mörderisch spannenden Orten – mit anderen Worten: Lassen Sie die Kurzgeschichten Ihre Reiseführer sein.

Sollten Sie nicht oder noch nicht auf Reisen gehen, so schenken Sie sich doch einen frischen Pfälzer Riesling, einen samtigen Spätburgunder oder einen fruchtigen Pfälzer Traubensaft ein, schalten Sie das Kopfkino an und träumen Sie sich mit den Mörderischen Schwestern in die Pfalz.

Viel Spaß dabei wünschen Ihnen die Herausgeberinnen

Moni Reinsch und Susanne Querfurth

Mit allen Wassern gewaschenMartina Bellanova

„Gott, ist das ekelhaft!“, murmelte Wiebke und drehte demonstrativ den Kopf zur Seite.

„Selten so 'n haarigen Arsch gesehen!“ Markus lachte.

Na, der hatte ja Nerven. Das war das erste Mal, dass sie zusammenarbeiteten, aber sie hatte so was befürchtet. Markus' Ruf eilte ihm voraus. „Was haben wir?“

„Jens Holler, achtundvierzig, wohnhaft hier in Speyer-Nord. Manager bei WBA, anscheinend im Einkauf. War Dauerbesucher hier im AquaWorld, vermutlich wegen seiner beiden Kinder, Mia und Leon“, leierte Markus routiniert herunter.

„Woher wissen wir das alles so schnell?“ Wiebke runzelte die Stirn.

Grinsend hielt Markus eine schwarze Brieftasche hoch. „Die hier gehörte dem Opfer.“

„Der Spurensicherung wird nicht gefallen, dass du den Tatort verunreinigst.“ Wiebke verfluchte sich für den reservierten Unterton in ihrer Stimme. Als sie sich von Niedersachsen nach Speyer versetzen ließ, hatte sie sich geschworen, nicht den Klischees der typischen Norddeutschen zu entsprechen. Sie wollte sich hier wunderbar einfügen. Sich gesellig zeigen. Warmherzig. Markus sah sie zu gleichen Teilen verblüfft und beleidigt an, während er die Brieftasche langsam sinken ließ. Sein Unterkiefer bewegte sich, als würde er die soeben erhaltene Schelte erst noch kauen müssen, bevor er sie schlucken konnte.

Aber verdammt, sie hatte doch recht. Nicht mal Einweghandschuhe hatte der Typ angezogen!

„Wer hat ihn gefunden?“ Sie versuchte, ihre Stimme versöhnlicher klingen zu lassen.

„Die Putzfrau, heute Morgen. Diana Schneider, achtundfünfzig, putzt hier seit sechs Jahren.“ Markus war kurz angebunden. Kein gutes Zeichen.

Wiebke betrachtete den Toten. Sein Oberkörper hing, Gesicht voran, in dem niedrigen Fischtank. Seine Beine baumelten außerhalb, die Schuhspitzen berührten gerade noch den Boden.

Er war voll bekleidet, allerdings – und das war ungewöhnlich – hatte ihm jemand die Jeans samt Boxershorts bis auf die Knöchel heruntergezogen.

„Woran ist er gestorben?“

„Wissen wir noch nicht, das muss die Obduktion ergeben. Auf den ersten Blick gibt es aber keine eindeutigen Anzeichen, worum es sich handeln könnte. Kein Blut zu sehen.“

* * *

Diana war noch immer außer sich, als sie die Polizeiinspektion verließ. Sie ist ausführlich befragt worden, über zwei Stunden lang. Diana hatte erzählt, wie sie am Morgen die Leiche gefunden hatte. Die ganze Sache wurde durch die Gutgläubigkeit des Beamten nicht besser. Sie war eine gottesfürchtige Frau, und irgendetwas sagte ihr, dass diese Geschichte böse ausgehen würde. Sie drehte den Schlüssel im Schloss und öffnete die Wohnungstür. Ihre Schwester Judith kam ihr stirnrunzelnd entgegen.

„Und? Wie ist es gelaufen?“

Diana seufzte.

„Denke, die haben mir geglaubt.“

* * *

„Er ist ertrunken.“ Gerichtsmediziner Lange stützte beide Hände seitlich neben dem Toten auf den Seziertisch und sah Markus direkt in die Augen. Wiebke fühlte sich ausgeschlossen. Die beiden kannten sich wohl.

„Ertrunken? In dem kleinen Fischbecken?“ Markus zog ungläubig die Augenbrauen zusammen und ahmte die Haltung des Mediziners am Tisch nach. „Quatsch. Hatte er 'nen Herzinfarkt, oder wie?“

„Ne.“ Lange schüttelte den Kopf.

„Sicher?“

„Sicher.“

Wiebke mischte sich ein.

„Wie eindeutig sind Ihre Ergebnisse?“ Lange hob die Brauen und wechselte einen schnellen Blick mit Markus.

„Einhundert Prozent.“

„Und könnte er woanders ertrunken sein?“, hakte Wiebke nach.

„Theoretisch ja. Allerdings unwahrscheinlich“, war die prompte Antwort des Gerichtsmediziners. Er ging zu einem metallenen Beistelltisch und kam mit einer langen Pinzette zurück. „Echinodorus amazonicus.“

Er hielt ihnen die Pinzette hin. Darin war ein kleines grünes Blatt.

„Wurde in seiner Lunge gefunden. Wächst ursprünglich im Amazonasgebiet, gehört aber zum Bewuchs des Beckens, in dem er gefunden wurde.“

Wiebke runzelte die Stirn.

„Haben mir die Kollegen von der Spusi verraten.“ Lange lächelte ihr voller Befriedigung zu. Er musterte sie über den Rand seiner Brille. „Natürlich ist es nicht meine Aufgabe, Vermutungen zum Tatort anzustellen. Aber wenn er nicht in dem Becken ertrunken ist, dann an einem anderen Ort, an dem diese Amazonaspflanze wächst. In Speyer eher unwahrscheinlich.“ Wiebkes Wangen wurden heiß. Sollte das eine Anspielung auf ihre norddeutsche Herkunft sein? Markus rettete sie.

„Okay, also ist er im Becken ertrunken. Aber was ist mit … seinem anderen Ende? Irgendwas Besonderes? Verletzungen?“ Verwundert bemerkte sie, dass es ihm leichtfiel, ernst zu bleiben. Lange zückte nun ein Klemmbrett.

„Keine Besonderheiten. Keine Verletzungen am After, Anzeichen für Gewalteinwirkung oder Ähnliches. Eigentlich überhaupt keine Verletzungen, soweit ich das beurteilen kann. Weder Hinweise auf Herzinfarkt noch Apoplex. Leichte Blutergüsse am Bauch, ziemlich sicher vom Beckenrand, über den er offenbar eine ganze Weile hing. Keine anderen Blutergüsse und auch keine Anzeichen eines Kampfes.“

Die drei schwiegen für einen Augenblick.

„Keine Anzeichen eines Kampfes“, wiederholte Markus nachdenklich. „Das heißt, er wurde nicht ertränkt?“

„Zumindest weist nichts darauf hin, dass er ertränkt wurde. Der Tote ist kein Leichtgewicht. Man hätte ihn sehr gut festhalten müssen, um ihn zu ertränken. Üblicherweise verursacht so was Blutergüsse, und die gibt es nicht.“ Lange klang selbst etwas ratlos und zuckte mit den Schultern.

Wiebke versuchte zu rekapitulieren.

„Also, er ist ertrunken, und zwar sehr wahrscheinlich in dem Becken, in dem er gefunden worden ist. Außerdem gibt es keine Anzeichen dafür, dass ihn jemand unter Wasser gedrückt hat, weil wir sonst Blutergüsse hätten. Aber, Frage: Das deutet ja nun alles darauf hin, dass er bewusstlos gewesen sein musste, um zu ertrinken – oder?“

Lange nickte ernst.

Wiebke fuhr fort.

„Und falls es so gewesen sein sollte, dann war er nicht durch einen Schlaganfall oder Herzinfarkt bewusstlos, weil es dafür auch keine Anzeichen gibt.“

„Vom Herzinfarkt wird man nicht bewusstlos“, schob Markus ein.

„Wie auch immer, er hatte auf jeden Fall keinen.“ Wiebke musste sich bemühen, nicht gereizt zu klingen. „Es gibt ja noch andere Ursachen für Bewusstlosigkeit.“

Lange nickte wieder langsam. „Das stimmt schon, allerdings hat auch der toxikologische Bericht nichts ergeben.“

„Also keine Drogen?“

„Keine Drogen. Jedenfalls keine, die wir feststellen konnten.“

„Was soll das heißen?“ Markus neigte fragend den Kopf. „Wovon sprechen wir dann?“

Lange sah ihnen ernst in die Augen.

„Bei den Drogen, die schwerer oder gar nicht nachweisbar sind, handelt es sich meist um K.-o.-Tropfen.“

* * *

Judith saß am Küchentisch und zog an einer qualmenden Zigarette. Ihre Hand zitterte. Sie strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Scheiße“, murmelte sie. „Und nun?“

„Nun was?“ Diana zuckte mit den Schultern. „Was hätte ich sagen sollen? Vielleicht die Wahrheit?“

„Nein.“ Judith rieb sich über die Stirn.

„Außerdem hast du ihnen ja die Wahrheit gesagt. Nur halt nicht alles.“

„Ist auch besser so. Oder willst du über uns in der Zeitung lesen?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Mal abgesehen davon: Was ist denn überhaupt die Wahrheit? Was ist passiert? Wurde der wirklich ermordet, nachdem wir weg sind?“ Diana klang noch immer aufgewühlt.

Judith blickte zum Fenster.

„Keine Ahnung. Muss wohl – oder? Wie sonst ist das passiert? Oder meinst du, er ist aufgewacht?“

„Der Typ hat doch gesagt, das Zeug wäre sicher. Zwei Stunden weggetreten, und dann wacht er auf und erinnert sich an nix.“

„Tja, er ist aber nicht aufgewacht“, flüsterte Judith.

Diana griff nach Judiths Zigaretten. Eigentlich hatte sie das Rauchen vor vier Jahren aufgegeben.

* * *

„Irgendwas stimmt hier nicht.“ Markus' Stimme klang felsenfest.

Wiebke runzelte zweifelnd die Stirn.

„Und das sagt dir was? Deine männliche Intuition?“

Markus zog eine Augenbraue hoch und warf ihr einen genervten Seitenblick zu. Ja, eindeutig genervt.

Sie fuhren gerade vom Haus des Toten zurück zur Wache. Die Befragung der Ehefrau hatte nichts ergeben, was Markus offenbar nicht akzeptieren wollte.

„Die Logik, Schätzchen, die Logik.“

„Wie bitte?“, zischte Wiebke empört.

Markus ignorierte sie.

„Der Mann hatte keine Feinde. Ein einfacher Familienvater. Keine Schulden, sogar das Häuschen ist abbezahlt, dank Erbe vom Opa. Guter Job, ja, aber letzten Endes war er nur 'n Angestellter mit etwas besserem Gehalt. Jedoch nicht so viel, dass er groß Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde.“

„Ein Jahresgehalt von hundertzwanzigtausend nennst du nur etwas besser?“ Wiebke klappte die Sonnenblende herunter und lehnte sich im Sitz zurück. Von solchen Beträgen konnten sie im öffentlichen Dienst nur träumen. Und auch das nur selten.

Markus rollte mit den Augen.

„Der hatte ja vier Mäuler zu stopfen. Eigentlich fünf, wenn man die Schwiegermutter mitzählt. Und bis vor zwei Jahren hat der das Haus finanziert. Familienurlaube, Ballettstunden, Klavierstunden für drei Leute, Nachhilfe und im letzten Jahr 'n Treppenlift für die Alte. Da bleibt doch heutzutage kaum was übrig, um neidisch zu sein.“

„Und was sagt uns das jetzt?“

„Es sagt uns, dass da was faul ist.“

„Das erwähntest du bereits. Und was genau ist faul?“

„Tja, wenn ich das wüsste.“

* * *

„Du meinst, sie wollten ihn erpressen? Wegen Geld?“, fragte Markus ungläubig.

„Ja, warum denn nicht? Sieht doch irgendwie danach aus.“ Wiebke saß hinter dem Lenkrad und biss in ihren Zwiebelkuchen. Kauend führte sie weiter aus.

„Er ist Stammkunde im AquaWorld. Da hat die Schneider ihn getroffen. Hast sie ja gehört, sie war nicht nur die Putzfrau, sondern hat auch immer öfter an der Kasse ausgeholfen wegen Personalmangel.“

Markus leerte seine Apfelschorle und rülpste hörbar. Sie verzog das Gesicht.

„E-KEL-HAFT.“

Markus lachte nur. „Na, und wie geht die Geschichte weiter?“

Wiebke schluckte.

„Er ist also regelmäßig im AquaWorld, und sie kennen sich, haben vielleicht ab und zu ein paar Worte gewechselt. Am vierzehnten geht er aus irgendeinem Grund abends hin, und am nächsten Morgen ist er tot. Was ist passiert?“

„Tot war er schon viel früher, nämlich gegen 20 Uhr etwa“, widersprach ihr Markus.

„Na gut, dann geht er abends ins AquaWorld, und kurz danach ist er tot.“

„Aber die Schneider hatte gar keinen Dienst an dem Abend.“

„Ne, hatte sie nicht, aber 'nen Schlüssel. Und sie war an dem Abend da, zusammen mit ihrer Schwester.“

„Ach?“

„Jupp, die Frage nach dem Schlüssel haben die Kollegen bei der Vernehmung glatt vergessen. Aber ich habe in der Verwaltung vom AquaWorld nachgefragt.“

„Gewieft.“ Markus zog das Wort in die Länge und warf ihr einen bewundernden Blick zu.

„Ich hab' früher selbst viel geputzt, zu Studienzeiten. Egal. Also, er kommt ins AquaWorld, sie verabreicht ihm K.-o.-Tropfen und kurz danach ist er tot.“

„Bissle verkürzt, diese Darstell …“

„Hör gefälligst zu“, unterbrach sie Markus streng und fuhr fort: „Die Schwester, diese Judith, taucht um 19:23 Uhr auf der Webcam der alten Münze auf.“

„Alte Münz heißt das.“

Sie knuffte ihn in den Arm.

„Was macht sie zufällig an dem Tag und um die Uhrzeit da? Sieht aus, als würde sie nach Hause gehen. Und zwar vom Aqua-World übern Domplatz zu ihrer Wohnung am Hauptbahnhof. Die beiden Schwestern teilen sich ein Appartement.“

„Pfff, das ist jetzt aber weit hergeholt“, sagte Wiebke. „Die kann doch überall anders gewesen sein. Einfach in der Stadt.“

„Denkste. Auf Nachfrage gibt die Schneider an, sie wär' zusammen mit ihrer Schwester Judith an dem Abend im AquaWorld gewesen, und zwar um sie rumzuführen und ihr die Räumlichkeiten zu zeigen.“

„Häh?“, Markus sah sie mit einem wenig intelligenten Gesichtsausdruck an.

„Diana Schneider hatte gehofft, Judith ihren Putzjob zu verschaffen und selbst an die Kasse zu wechseln.“

„Okay. Klingt plausibel. Wie biste überhaupt auf die Schwester gekommen?“

„Sie war auf einer der Aufnahmen der Überwachungskamera im Eingangsbereich. Zusammen mit der Schneider, ein paar Tage vor dem Vorfall.“

„Gut und schön, aber das ist doch nicht verdächtig.“

„Ne, ist es nicht. Aber die zwei haben sich auf dem Video relativ lang unterhalten. Also hab ich die Schneider gefragt, wer das ist und woher sie sich kennen.“

„Okay, aber noch mal zurück zum Kern der Sache: Warum sollte der Holler sich überhaupt abends mit der Putze und ihrer Schwester im AquaWorld treffen?“

„Na ja.“ Wiebke zuckte verlegen mit den Schultern.

Markus sah sie fragend an. Sie rollte mit den Augen.

„Na, warum wohl? Er erhoffte sich wahrscheinlich ein Stelldichein.“

„Ein was?“ Markus prustete los. „Sagt man das so bei euch im Norden?“

Wiebke spürte, wie ihre Ohren plötzlich glühten.

„Also, du meinst er wollte 'nen flotten Dreier oder was?“

„Ja, das denke ich.“

Ungläubig schüttelte Markus den Kopf. „Quatsch, die Schneider ist doch zehn Jahre älter als unser Opfer.“

„Sie ist neuneinhalb Jahre älter als Holler, ihre Schwester vier. Was macht das schon? Die sehen beide ziemlich gut aus, gepflegt. Und es ging ja wohl nicht um den Bund fürs Leben.“

* * *

„Er hatte es herausgefunden.“

Diana saß Sybille Kaiser gegenüber. Sie versuchte, selbstbewusst zu klingen, obwohl sie sich alles andere als gut fühlte.

„Was meinst du damit?“ Sybilles Stimme klang ruhig, aber Diana machte sich keine Illusionen über den Gemütszustand ihrer Chefin.

„Wir wollten nur helfen, Judith und ich.“

„Helfen?“ Sybille klang ungläubig.

„Ehrlich, ich weiß nicht, wie er das mit dem Kassensystem herausgefunden hat. Aber er wusste es. Vor zwei Wochen hat er mich drauf angesprochen. Ob mir was Ungewöhnliches aufgefallen wäre. Ob wirklich so viele Besucher hier durchkämen, wie im Geschäftsbericht steht. Ich war eh misstrauisch geworden, weil er jedes Mal mit mir gequatscht hat, wenn er mit den Kindern hier war. Seine Frau war fast nie dabei. Wir dachten, wenn wir die Fotos machen, dann hätten wir was gegen ihn in der Hand. Wir wollten es dir sagen, ehrlich.“

* * *

„Ich kapier's nicht.“ Markus schüttelte den Kopf. „Selbst wenn's so gewesen ist. Sagen wir mal, er war wirklich scharf auf 'nen flotten Dreier. Warum sollten die zwei Schwestern unser Opfer erpressen wollen und wie?“

Sie hatten den Parkplatz bei Rentschlers verlassen, und Wiebke bog in die Rheinallee ab.

„Warum verabreicht man jemandem K.-o.-Tropfen?“

Wiebke klang oberlehrerhaft.

Markus Miene wurde ernst.

„Meistens, um das Opfer gefügig zu machen und sexuell zu missbrauchen.“

„Richtig. Und leider entsteht dabei auch oft Bildmaterial der Tat.“

„Mmh. Und was sagt uns, dass Holler nicht einfach Opfer sexuellen Missbrauchs war?“

„Weil es dann nicht zu meiner Theorie passt. Wenn er nämlich wirklich hin ist, um …“

„… einem Stelldichein zu frönen …“, flötete Markus geziert.

„… dann bräuchten die beiden ja keine K.-o.-Tropfen. Abgesehen davon würde er dann auch nicht in ihr Beuteschema passen.“

Markus sah sie von der Seite an. „Gib's zu, es ist wegen seinem haarigen Arsch.“

* * *

„Was ist, wenn wir zur Polizei gehen?“ Judith klang verzweifelt.

„Und was willst du sagen?“

„Wir haben den nicht umgebracht, da war noch jemand anderes. Der muss es gewesen sein. Oder vielleicht ein Unfall.“

„Ein Unfall?“ Dianas Augen traten fast aus ihren Höhlen hervor.

„Du meinst, er ist plötzlich aufgestanden und hat sich selbst ins Becken geschmissen?“

Judith biss sich auf die Unterlippe. „Aber wer war es denn? Wer hätte den umbringen wollen?“

Diana presste die Lippen aufeinander. Ja, wer hätte den umbringen wollen? Es war leicht gewesen, Holler an dem Abend ins Aqua-World zu locken. Er hatte angebissen, sobald sie angedeutet hatte, während der Arbeit nicht reden zu können. Und dass sie einiges darüber zu berichten hätte, was hier bei AquaWorld vor sich ging. Ein paar Tropfen in sein Glas, und wenige Minuten später hatte er entspannt auf der Couch im Pausenraum des Personals geschlafen. „Wir haben nichts gemacht.“ Judith klang flehend.

Diana sah sie skeptisch an.

„Das nennst du nichts gemacht?“

„Wir haben keine Fotos gemacht.“

„Ja, aber wir wollten. Wir haben ihm die Tropfen gegeben. Wir haben seine Hose runtergezogen, das ist mindestens sexuelle Nötigung.“

Diana gab sich keinen falschen Hoffnungen hin, was die möglichen Auswirkungen ihrer Tat betraf.

„Wir haben nur keine Fotos gemacht, weil plötzlich jemand im Flur war und wir verschwinden mussten.“

„Aber wer war das, Didi? Wer war das? Warum wollte der Holler umbringen?“

„Keine Ahnung. Meinst du, es war die Kaiser?“

Aber noch eine Frage brannte Diana auf der Seele, von der sie Judith jedoch nichts sagte. Wer immer der Mörder auch gewesen sein mochte – woher hatte die Person gewusst, wo Holler an dem Abend war?

* * *

„Es gibt 'ne Verbindung.“ Markus klang triumphierend.

Wiebke versuchte, ihr Handy mit der Schulter am Ohr festzuklemmen, während sie gleichzeitig den Dienstwagen aufschloss, ohne ihren Kaffee zu verschütten.

„Ach ja?“

„Ja. Holler war dafür zuständig, einen Sponsoringvertrag mit AquaWorld auszuhandeln.“

„Was heißt das?“

„Das heißt, er sollte WBA dazu bringen, 50.000 Euro für den AquaWorld Trust zu spenden.“

„Einfach so?“

„Ne, Sponsoring. Das heißt, AquaWorld macht im Gegenzug Werbung für WBA. Also so was wie 'ne Erwähnung auf der Website oder so. Wie toll WBA ist, weil sie sich für den Umweltschutz einsetzen und blablabla.“

Blablabla. Wiebke knirschte mit den Zähnen. Blödian. Umweltschutz war wichtig.

„WBA ist doch ein Flugzeugzulieferer. Machen die nicht auch Waffen?“

„Das ist Verteidigung, Schätzchen, aber darum geht's nicht. Alle Firmen machen das heutzutage. Das ist deren Feigenblatt, um die Auswirkungen ihres schamlosen Profitstrebens ein wenig zu schönen.“

„Aha.“ Wiebke kniff die Augen zusammen. Das waren ja ganz neue Töne.

„Ich wette, irgendwer wollte verhindern, dass es zum Abschluss dieses Sponsoringvertrags kommt.“

„Ich bin in zehn Minuten da.“

„Siehste! Ich wusste, da ist was faul.“

* * *

Sybille Kaiser saß am Schreibtisch und grübelte. Was für eine dumme Gans Diana doch war. Dachte sie wirklich, Holler hätte die Manipulation des Kassensystems erkennen können, indem er vor ihr stand und zusah, wie sie Tickets verkaufte? Wohl kaum. Die Software dafür hatte sie fast 200.000 Euro gekostet.

Sie ärgerte sich, dass sie nicht vorsichtiger vorgegangen war. Ein Sponsoringvertrag mit WBA wäre ideal gewesen, um auch mal größere Summen auf einmal zu waschen. Die gute Aussicht hatte ihr den Blick vernebelt, und als Holler nach den Zahlen der vergangenen drei Jahre gefragt hatte, da hatte Sybille ihm die Geschäftsberichte zukommen lassen. Sie hatte ihn völlig unterschätzt. Holler hatte sofort erkannt, dass die angeblichen Besucherzahlen seit Corona viel zu hoch ausfielen. Aber was zur Hölle hatte Diana und Judith dazu bewogen, den Mann umzubringen? Noch dazu auf so unprofessionelle und auffällige Weise.

* * *

„Sybille Kaiser, ich verhafte Sie wegen des Tatbestands der Geldwäsche sowie des Mordes an Jens Holler.“

Sybille sprang von ihrem Schreibtischstuhl auf und hob beschwichtigend beide Hände.

„Was?“

Wiebke ging entschlossen einige Schritte auf Sybille zu und baute sich breitbeinig vor ihr auf. Für einen Moment sah es so aus, als ob sie versuchen wollte, an ihnen vorbei zur Tür zu stürmen, doch dann erschlafften ihre Schultern.

„Ich will einen Anwalt“, zischte sie aufgebracht.

„Kriegen Sie, Schätzchen, kriegen Sie.“

Markus' Stimme klang ernst. Er ergriff ihren Oberarm und führte sie zur Tür.

* * *

„Du hast das Richtige getan.“ Mareikes Mutter stand hinter ihr und rieb ihre linke Schulter mit Franzbranntwein ein.

„Ich weiß.“ Mareike saß auf ihrem üblichen Stuhl am Küchentisch und stützte den Kopf in die Hände. Sie fühlte sich erschöpft. Ihr Mann war kein Leichtgewicht gewesen. Mit der Rechten zog sie ihre Kaffeetasse näher zu sich heran. Es war ein Souvenir von ihrer Hochzeitsreise nach Elba.

„Du weißt, die beiden waren nicht die ersten. Sei froh, dass du es diesmal vorher herausgefunden hast.“

„Bin ich.“ Mareike gähnte.

„Aber eigentlich bist du zuerst dahintergekommen.“

Sie tätschelte die Hand ihrer Mutter.

„Eine Mutter spürt so was. Ich kann nicht ertragen, dass mein Baby leidet. Er war ein Hallodri.“

„Ja. Ja, das war er.“ Mareike klang schwermütig.

„Ich hätte nur nicht gedacht, dass es so einfach wird. Die beiden Weiber haben sofort das Weite gesucht. Ich vermute, sie haben mich gehört. Haben ihn mit runtergelassenen Hosen liegen lassen. Er hat gar nichts mehr mitbekommen, war total besoffen.“ Sie wandte sich zu ihrer Mutter um.

Hannelore verzog das Gesicht.

„Das ganze Geld ist ihm zu Kopf gestiegen. Manager, ha!“

Mit verächtlicher Miene wandte sie sich ab.

„Ich geh nach oben, ein Nickerchen machen. So viel Aufregung in meinem Alter!“

Mareike musste lächeln.

„Nimm den Treppenlift, Mama. Du ruinierst dir sonst noch das andere Knie.“

Ene Hexe bistu!Gudrun Bendel

Zwei goldene Drachen standen sich aufgerichtet und Feuer speiend gegenüber. Sie schlugen mit den Flügeln, als wollten sie davonfliegen, aber ihre langen Schwänze waren miteinander verschlungen. Ihre Krallen hatten sie in einen Kreis geschlagen, auf dem ein Kreuz stand. Peter Drach, der Drucker aus Speyer, erwachte schweißgebadet aus dem Albtraum. Leibschmerzen quälten ihn. Er keuchte und griff nach dem Krug neben seiner Bettstatt. Gierig trank er das kühle Wasser. Wie die meisten schlief er im Sitzen, weil er schlecht Luft bekam. Schuld daran waren Rauch und Ruß vom offenen Feuer in der Küche. Dazu kam die kalte Zugluft im Haus. Er stöhnte und weckte Suse neben sich: „Suse, gib mir was. Und bring auch den Nachttopf weg.“

Er flüsterte, obwohl er mit Suse allein in einem Raum schlief. Seine junge Frau hatte durchgesetzt, dass die Schwiegermutter und auch der jüngere Bruder das gemeinsame Schlafzimmer verlassen mussten.

Suse fror, als sie barfuß die steile Stiege hinab kletterte und frisches Wasser aus dem Brunnen im Hof holte. In der Küche war es warm. Sie schürte die Glut und schob den Wasserkrug näher zum Feuer. Oben hörte sie Peter husten. Schnell nahm sie den silbernen Schlüssel, den sie an einem Lederband um ihren Hals trug und schloss den kleinen Schrein in der Küchenkammer auf. Vorsichtig nahm sie eine kleine Phiole aus braunem Glas heraus. Am flackernden Feuer vergewisserte sie sich noch einmal, was sie selbst auf das kleine Etikett geschrieben hatte: Artem. absinthium. Leise flüsterte sie den Namen des Krautes: Artemisia absinthium. Sie gab einige Tropfen der Tinktur in einen Becher mit warmem Wasser und schloss das braune Fläschchen wieder sorgfältig ein.

Sie brachte Peter den Becher und raunte: „Trink langsam und in kleinen Schlucken!“, dabei strich sie ihm übers Haar. Beides, die Tropfen und ihre Geste würden ihm gegen die Leibschmerzen helfen.

„Ich hab' wieder von den beiden Drachen geträumt“, flüsterte er. Er hatte ein neues Signet geschaffen, das seine Druckwerke auszeichnen sollte: Zwei Drachen vor rotem Hintergrund standen für Vater und Sohn des Hauses Drach. Beide Männer hatten die Werkstatt ausgebaut und der Besitz umfasste nun einige Lager und eigene Ochsenkarren, mit denen die Händler, die sogenannten Buchführer, die Inkunabeln im ganzen Land auslieferten. Aus der schwarzen Kunst, dem „trucken“, hatten Vater und Sohn Gold gemacht. Und wenn alles gut ging, würde Peter noch in diesem Jahr in den Rat der Stadt gewählt.

„Seit der Vater tot ist, hast du keine Hilfe mehr“, flüsterte Suse. „Dein Bruder muss endlich aus Prag zurückkommen und hier helfen!“

Peter verzog gequält sein Gesicht. „Suse, du sollst nicht so sprechen! Was zu entscheiden ist, bestimme ich! Schweig und sei still! Deine Arbeit ist im Haus!“

Suse seufzte. Sie blieb bei Peter am Bett sitzen und schwieg. Sie hatte die Entwürfe der beiden Drachen und dem Kreuz in der Werkstatt gesehen. Und sie hatte sich gefragt, ob das Signet nur für die Männer des Hauses stand? Sie focht ihren eigenen Kampf mit einem Drachen im Haus: Clementia. Peters Mutter bekämpfte Suse, seit sie ins Haus gekommen war. Sie zeterte und schimpfte über die „unzüchtige“ junge Ehefrau.

Bis es Peter alle paar Wochen zu viel wurde und er seiner Mutter das Hetzen verbot. Lange hielten die Ermahnungen nicht. Suse nahm Peters Hand. Das Haus hüten, ja das war ihre oberste Tugend und Pflicht, den alten, bösartigen Dämon aber zu respektieren und zu achten, das war eine schwere Bürde. Aber so waren die Zeiten. War nicht auch die Kirche in den Klauen zweier Drachen? Sie hatte von den Kreuzzügen gehört und dass aus dem Osten große Gefahr für die Kirche drohte.

Der andere Drache war wohl die Frömmigkeit selbst. Der Ablasshandel sorgte für Murren und Unfrieden unter den Gläubigen. Immer mehr Menschen lernten lesen und fanden in der Bibel keinen Hinweis, dass man sich von Sünden freikaufen konnte, wie es die Kirche predigte. Hinter vorgehaltener Hand schimpfte man auf dem Markt und in den engen Gassen von Speyer auf die falsche Frömmigkeit. Aber so sollte sie nicht denken. Das war nicht recht und sie bekreuzigte sich! Suse ging in die Küche zurück, um Getreideschrot mit Wasser zu mischen. Bald würde die Schwiegermutter ihren morgendlichen Brei wollen. Sie warf sich ihr Oberkleid über und ließ leise die kakelnden Hühner aus der Küche in den Hof. Als das Wasser siedete, rührte sie darin das Getreide kräftig durch. Es dämmerte und die Schwestern im Kloster würden nun die Matutin beten. Die Gebetszeiten waren ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Suse war im Kloster aufgewachsen und es machte sie froh, wenn sie an das Klosterleben dachte.

Clementia hatte sich katzengleich in die Küche geschlichen. Ohne Gruß setzte sie sich auf den Schemel ans Feuer und zeigte stumm auf den Topf. Suse tat ihr einen Löffel Brei in eine Schale. Wie immer fühlte sich die junge Frau zutiefst unbehaglich, wenn die Schwiegermutter in der Nähe war. „Guten Morgen, Mutter!“

„Schwatz nicht!“, zischte die Alte sie an und löffelte den warmen Brei: „Der Fraß schmeckt nicht!“

„Nimm doch ein bisschen Honig!“, bat Suse.

„Damit ich das bittere Gift nicht schmecke, wenn du mir deine Tropfen beimengst? Giftmischerin!“

Suse biss sich auf die Lippen und ging in den Hof. Im hinteren Teil des Hofes an der Stallmauer hatte sie in einer windgeschützten Ecke liebevoll einen Kräutergarten angelegt. Sie betrachtete den Morgentau auf den samtigen Blättern des Salbeis, strich über die dunkelgrünen Blättchen des Thymians und schnupperte an der frischen Minze. Heute war ein guter Tag, denn sie ging wieder einmal ins Kloster. Jede zweite Woche arbeitete sie dort für einen Tag. Hier war sie aufgewachsen und hier fühlte sie sich zuhause, obwohl die Regeln streng und die Arbeit hart waren. Suse hatte bei den Dominikanerinnen Lesen, Schreiben und Latein gelernt. Sie war geschickt im Weben, aber am meisten hatte sie die Kräutergärten geliebt. Stumm und mit heißer Anstrengung hatte sie zugeschaut, wie Schwester Adelheit die Kräuter hegte und pflegte. Sie lernte die Namen der Pflanzen, wann die beste Zeit des Erntens war und wie sie getrocknet und verwahrt wurden und vor allem lernte sie: Wofür und wogegen welche Kräuter halfen. Mit Inbrunst hatte sie sich immer wieder alles vorgesagt, damit sie es nicht vergessen würde. Gütig und geduldig hatte Adelheit dem wissbegierigen Mädchen die Wirkstoffe der Wurzeln, Blätter und Blüten erklärt. Mit zwölf durfte Suse ihre erste Tinktur ansetzen. Mit sechzehn hatte ihr Onkel sie aus der Klostergemeinschaft geholt und mit siebzehn hatte sie Peter geheiratet. Der Orden der „weißen Frauen“ in Speyer war hoch angesehen. Und es war Peter recht gewesen, dass sie dort mitarbeitete. Das machte seine Frau „tugendhaft“. Peter ließ sie gewähren, ob mit ihren Besuchen im Kloster oder mit ihrem eigenen Kräutergarten. Wenn sie ihn nur nicht reizte, weder körperlich noch mit Worten. Während sie Peters Nachttopf leerte, wisperte sie leise in den frühen Morgen, was man über die Nonnen sagte: „Derohalben ein jeder hohen und niederen Standes ist ihnen wohl zugetan … ihre lieben Kinder lernen Zucht, Tugend und andere ehrliche Arbeit …“ Sie war eines dieser Klosterkinder und hier war ihr geliebtes Zuhause gewesen.

Heute ging sie gleich zu Schwester Adelheit, deren Augen immer schlechter wurden. Suse sollte ihr vorlesen. Mit Freude öffnete die junge Frau die Abschrift des Buches über die Kulturen und Gärten „Liber de cultura hortum“, das der Benediktinermönch Strabo vor über zweihundert Jahren geschrieben hatte.

Nach dem Abendgebet im Kloster eilte sie zurück und schnitt Brot und kaltes Fleisch für Peter auf. Sie aßen zu dritt, schweigend. Peter betrachtete sie verstohlen und Suse senkte den Blick. Als Peter ihr das erste Mal beiwohnte, war es nicht gut und nicht schlecht. Es gehörte zu den ehelichen Pflichten und Suse wusste nur, dass sie ihren Mann körperlich nicht reizen durfte. Das war unzüchtig. Sie war Peters zweite Frau. Die erste war im Kindbett gestorben und auch das Kind hatte nicht überlebt. Sie selbst hatte im letzten Sommer einen Abgang gehabt. Man hatte sie in letzter Minute ins Kloster gebracht, wo sie gerettet und gepflegt wurde. Es bedrückte Suse, dass sie Peter noch kein Kind geboren hatte.

Peter machte zur Überraschung beider Frauen eine Ankündigung: „Dieter soll nun aus Prag nach Hause kommen. Er wird hier gebraucht. Mit dem nächsten Buchführer, der nach Prag reist, kommt er zurück.“

Clementia setzte sich aufrecht hin und schlug mit der dürren Faust auf den Tisch. Böse Blicke trafen Suse. „Das hat die dir doch eingeredet. Drei Jahre sollte Dieter bleiben!“

Ungeduldig antwortete Peter: „Das war ausgemacht, aber da lebte der Vater noch. Es ist mehr Arbeit geworden! Dieter kann jetzt von mir lernen, was er noch nicht weiß.“

Am nächsten Morgen kam ein Buchführer, mit dem Peter schon lange Geschäfte machte, und brachte ein neues Manuskript. In dem beigelegten Brief schrieb ein Doctor Theologicus namens Heinrich Kramer, dass er ein ganzes Dutzend gedruckter Exemplare des Manuskriptes bestellte. Für jedes Exemplar wollte er sechs Gulden zahlen. Die Hälfte der Exponate sollte nach Prag geliefert werden. Peter und der Buchführer besiegelten das Geschäft per Handschlag und der Händler gab die Fässer in Auftrag für den sicheren Transport der Inkunabeln.

Peter kam der Auftrag gerade recht. Dieser Batzen brachte ihn noch näher an das Amt im Rat. Er begann, das „Malleus maleficarum“ des Heinrich Kramer zu setzen. Abends berechnete er die Kosten für den Lohn des Buchführers auf dem Weg nach Prag: Kost und Logis, Futter für die Ochsenkarren. Er wusste wohl, was er da druckte. Er hatte von Kramer gehört. Aber Peter war fromm und rechtschaffen. Was in der Welt vorging, darüber maß er sich kein Urteil an. Er arbeitete jetzt oft bis in die Nacht hinein und sein Leibweh marterte ihn. Suse hatte sich angewöhnt, ihm an den langen Abenden einen Becher heißes Wasser mit Kamillenblüten zu bringen. Still saß sie bei ihm und beobachtete, wie geschickt er arbeitete. Manchmal richtete er das Wort an sie. „Das ist ein großer Auftrag, Suse“, erklärte er stolz. „Es wird nicht bei dem einen Dutzend Bücher bleiben.“

„Was ist es denn für ein Buch?“ fragte Suse leise, in der Hoffnung, den richtigen Ton gefunden zu haben.

Peter richtete sich auf. „Das geht dich nichts an! Aber du kannst ja lesen!“

Was meinte er wohl? Wollte er sagen: „Leider kannst du lesen“ oder „Lies doch selbst!“ Er ging hinaus, um Werkzeug zu reinigen. Suse nutzte den Moment und trat an das Manuskript heran. Sie brauchte lange, bis sie begriff, was da vor ihr lag, was in ihrem Haus war und was Peter druckte und verbreitete. Es war der Hexenhammer! Sie erschreckte sich so sehr, dass sie nach Luft ringen musste: Das war der „Malleus maleficarum“ des Heinrich Kramer. Natürlich hatte man im Kloster davon gehört: Etliche Bischöfe und hochrangige Kirchenmänner hatten es als „Schund“ abgetan. Aber nun war dem Buch eine päpstliche Ankündigung, die Bulle, vorangestellt. Suse, die nichts auf Gerüchte gab, erinnerte sich, auf dem Markt gehört zu haben, Kramer sei ein böser Mann. In seinen sogenannten Hexenpredigten drängte er auf Denunziationen und wer nicht an Hexen glaubte, war selbst schon gefährlich. Kramer säte Misstrauen und Angst. Und nun war das Buch dieses Mannes hier in Peters Druckerei. Als ihr Mann zu Bett gegangen war, schlich sie heimlich in die Werkstatt und trug vorsichtig ein ungebundenes Exemplar in die Küche. Sie fühlte sich schlecht, weil es Peter gewiss nicht recht war. Sie lauschte, aber alles war ruhig. Im flackernden Schein des Feuers wendete sie vorsichtig Seite für Seite. Was sie las, verstörte sie.

Heinrich Kramer verdrehte die Schriften von Augustinus und Thomas von Aquin, um so die Existenz von Hexen zu beweisen. Verwirrt las sie, dass die meisten Frauen Hexen seien und systematisch verfolgt und vernichtet werden müssten. Der Schreiber behauptete, dass Frauen nicht „glauben“ könnten. Und dass Frauen durch ihre körperliche Anziehung und die Gier, den Männern beizuwohnen, diese verhexten und die Männer der Zauberei der Frauen zum Opfer fielen. Aufgewühlt und immer wieder nervös aufhorchend, las Suse in den folgenden Nächten im „Hexenhammer“. Ihr wurde angst und bange. Aufgeregt nahm sie dennoch am vierten Abend allen Mut zusammen und sprach Peter an.

„Weißt du, was du da druckst?“

Peter schaute sie erstaunt an. „Weißt du es denn?“, fragte er misstrauisch.

„Es ist der Hexenhammer. Ich habe darin gelesen!“, sagte Suse leise.

Peters Gesicht verfärbte sich rot vor Zorn. Er wurde sehr laut: „Was fällt dir ein? Was hast du in meiner Werkstatt zu suchen. Vielleicht hat Mutter recht! Ist das züchtig? Ist das tugendhaft?“

Suse schluckte, „Peter, du darfst das Buch nicht drucken! Das ist nicht recht. Es ist ein gefährliches Buch, weil es Zwietracht sät!“

„Es ist gegen alles Gute“, flüsterte sie, „da steckt das Böse darin!“

Peter starrte sie mit offenem Mund an. Dann gab er ihr eine schallende Ohrfeige. Suse taumelte und stürzte zu Boden. Er ließ sie liegen und ging hinaus.

An seiner Stelle glitt Clementia in die Küche. Gelauscht hatte sie, voller Schadenfreude. Sie spuckte vor Suse auf den Boden. „Böse wîb, übel wîb“. Clementia hatte das Feuereisen in die Hand genommen und stieß die benommen am Boden kauernde Suse in den Leib: „Du tückisch wîb. Redest mit meinem Sohn wie ein Mann, redest das Geschäft mit dem neuen Buch schlecht.“

Suse versuchte, dem stoßenden Feuerhaken auszuweichen und wollte aufstehen.

„Bleib im Dreck am Boden! Oder ich mach dich tot!“, kreischte die Alte und stocherte nach Suse, die zitternd vor Angst unter der Bank Schutz suchte.

„Unzucht treibst du mit deinem Mann!“ Clementia traf Suses Brust und Bauch. „Gehört hab' ich euch, wie du ihn verführt hast, und er stöhnte und röchelte, obwohl ihr kein Kind gezeugt habt! Das ist Gotteslästerung!“

Suse fühlte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. „Verhext hast du ihn. Er soll das Buch nicht drucken?“, kreischte die Alte. „Willst du uns alle ins Armenhaus bringen? Du willst uns alle zerstören!“

Suse rannten die Tränen übers Gesicht. Sie wagte nicht hochzuschauen. Clementia hatte den Feuerhaken sinken lassen und rang nach Luft, Suse nutzte die kurze Pause und floh aus der Küche über den Hof, tief in die Nacht hinaus auf die Felder.

Peter sprach tagelang nicht mit ihr. Er ging ihr aus dem Weg und sah durch sie hindurch. Sie schlief auf dem Boden in der Küche. Derweil ging das Drucken des Hexenhammers voran. Sogar die Fässer für den Transport der schweren Inkunabeln waren schon im Hof. Ballen von Stroh wurden dazugelegt, um die Fässer damit auszukleiden und die Bücher darin einzubetten. Es war beschlossen, dass Clementia mit nach Prag fahren würde. Das war nicht üblich, aber die Alte bestand darauf. Sie wollte ihre Schwester wiedersehen und sicher wollte sie Dieter alleine für sich auf der Rückreise haben, um ihn aufzuhetzen.

Als Suse abends in die Küche kam, fand sie Peter röchelnd und zuckend auf dem Küchenboden. Er schrie und wimmerte und schlug wild um sich, als kämpfte er gegen unsichtbare Dämonen. Speichel troff aus seinem Mund und er hatte sich übergeben. Suse kniete in seinem Erbrochenen und fühlte seine Stirn, dann sah sie das zerborstene braune Glas einer Phiole. Sie hastete in die Küchenkammer. Der Kräuterschrank war aufgebrochen. Peter hatte sich selbst die Tropfen zugeführt: Wermut. Er hatte zu viel genommen. Sie griff nach dem Krug und versuchte, ihm Wasser einzuflößen. Sie wich seinen schlagenden Fäusten aus und gab ihm immer wieder zu trinken. Mehrmals schlug er sie im Wahn heftig ins Gesicht. Wieder und wieder erbrach er sich. Seine Haut war eiskalt. Sie rieb seine Hände und Füße und gab ihm Wasser. Auf dem Küchentisch lag ein Maßband und ein Exemplar des Hexenhammers. Peter war wohl beim Ausmessen gewesen, als ihn die Leibschmerzen gepackt hatten.

Langsam beruhigte er sich. Aber dann stand plötzlich die Person, die sie am wenigsten in der Nähe haben wollte, kreischend hinter ihr: „Du hast meinen Sohn vergiftet – ene Hexe bistu!“

Suse flehte sie an: „Sei still und hilf mir. Er muss Wasser trinken. Er wird nicht sterben. Aber er muss trinken.“

Clementia rang die Hände und kreischte: „Ene Hexe bistu!“

Peter stöhnte und krümmte sich wieder, sein Kopf schlug hart auf den Küchenboden. Suse hielt seinen Kopf und gab ihm weiter schluckweise Wasser. Clementia wimmerte im Wechsel mit ihrem Sohn.

„Dich bring ich auf den Scheiterhaufen!“, fluchte sie, ihre Stimme war heiser und rau: „Brennen wirst du, Hexe!“

Suse erstarrte und drehte sich nach ihr um.

Die Alte hatte das Buch auf dem Tisch gesehen und zeigte darauf. „Das bringt wieder Zucht und Ordnung! Und mein Sohn hat es gedruckt. Ihr Giftmischerinnen gehört allesamt auf den Scheiterhaufen.“ Suse schossen die Tränen in die Augen. Sie hielt weinend weiter Peters Gesicht in ihren Händen, um ihn zu wärmen.

„Zurückholen kannst du ihn jetzt wohl nicht mehr? Hä?“ Clementia beugte sich zu Suse hinunter und zischte ihr spuckend ins Gesicht: „Und eines ist nun für immer vorbei: Nachkommen wirst du mit ihm keine haben. Dafür werde ich sorgen, immer und immer wieder. Lieber soll er hier krepieren.“

Suse sah die Alte an.