4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 1,99 €
Sie sucht einen neuen Job. Er braucht Nachhilfe. Der perfekte Deal - bis die Liebe dazwischenkommt.
Amber kann es nicht erwarten, nach ihrem Abschluss endlich die verschlafene irische Kleinstadt hinter sich zu lassen und mit ihrer Kamera die Welt zu bereisen. Doch als sie plötzlich ihren Job verliert, scheint dieser Traum in weite Ferne zu rücken. Die Lösung: ein Deal mit dem Bad Boy der Schule.
Josh ist der Star der Rugby Mannschaft - draufgängerisch, unverschämt und überzeugt davon, dass ihm die Welt zu Füßen liegt. Doch wenn er nicht bald seine Noten verbessert, fliegt er aus dem Rugby Team und verpasst seine Chance auf eine Profi-Karriere.
Amber willigt ein, Josh zu helfen - schließlich braucht sie das Geld. Während der Nachhilfestunden nutzt Josh jede Gelegenheit, um Amber aus dem Konzept zu bringen, und seine Flirtversuche gehen ihr gehörig auf die Nerven. Doch nach und nach erkennt, dass viel mehr in ihm steckt, als er der Welt zeigt. Aber als ihre Vergangenheit sie einzuholen droht, werden die Gefühle der beiden auf eine harte Probe gestellt ...
Große Träume, hitzige Wortgefechte und das Herzklopfen der ersten Liebe - mit den Trend-Tropes Enemies to Lovers und Found Family.
ONE. Wir lieben Young Adult. Auch im eBook!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 402
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Über dieses Buch
Titel
Kapitel 1
Amber
Kapitel 2
Josh
Kapitel 3
Amber
Kapitel 4
Josh
Kapitel 5
Amber
Kapitel 6
Josh
Kapitel 7
Amber
Kapitel 8
Josh
Kapitel 9
Amber
Kapitel 10
Josh
Kapitel 11
Amber
Kapitel 12
Josh
Kapitel 13
Amber
Kapitel 14
Josh
Kapitel 15
Amber
Kapitel 16
Josh
Kapitel 17
Amber
Kapitel 18
Josh
Kapitel 19
Amber
Kapitel 20
Josh
Kapitel 21
Amber
Kapitel 22
Josh
Kapitel 23
Amber
Kapitel 24
Josh
Kapitel 25
Amber
Josh
Kapitel 26
Amber
Kapitel 27
Josh
Amber
Kapitel 28
Josh
Kapitel 29
Amber
Kapitel 30
Josh
Kapitel 31
Amber
Kapitel 32
Josh
Kapitel 33
Amber
Kapitel 34
Josh
Kapitel 35
Amber
Kapitel 36
Josh
Epilog
Amber
Über die Autorin
Impressum
Amber kann es nicht erwarten, nach ihrem Abschluss endlich die verschlafene irische Kleinstadt hinter sich zu lassen und mit ihrer Kamera die Welt zu bereisen. Doch als sie plötzlich ihren Job verliert, scheint dieser Traum in weite Ferne zu rücken. Die Lösung: ein Deal mit dem Bad Boy der Schule.
Josh ist der Star der Rugby Mannschaft – draufgängerisch, unverschämt und überzeugt davon, dass ihm die Welt zu Füßen liegt. Doch wenn er nicht bald seine Noten verbessert, fliegt er aus dem Rugby Team und verpasst seine Chance auf eine Profi-Karriere.
Amber willigt ein, Josh zu helfen – schließlich braucht sie das Geld. Während der gemeinsamen Nachhilfestunden nutzt Josh jede Gelegenheit, um Amber aus dem Konzept zu bringen, und seine Flirtversuche gehen ihr gehörig auf die Nerven. Doch nach und nach blickt sie hinter seine Fassade und erkennt, dass viel mehr in ihm steckt, als er der Welt zeigt. Und auch Amber, die sich sonst so gerne hinter ihrer Kamera versteckt, kommt immer mehr aus sich raus. Aber als ihre Vergangenheit sie einzuholen droht, werden die Gefühle der beiden auf eine harte Probe gestellt ...
Stefanie Collins
Tackled by Love
Das vertraute Klicken erzeugte eine Gänsehaut auf meinen Armen. Ohne einen zweiten Blick durch den Sucher zu werfen wusste ich, dass das Bild perfekt geworden war. Es fing die Sonnenstrahlen ein, die sich im ruhigen Wasser spiegelten. Dazwischen die Blätter eines alten Baumes, die bereits in den buntesten Farben des Herbstes leuchteten. Ich hoffte, die kräftigen Rot- und Gelbtöne würden auf dem entwickelten Foto genauso gut herauskommen, wie sie in Wirklichkeit strahlten.
Gerade um diese Jahreszeit war der Stadtpark Coldwyns perfekt, um stimmige Fotos zu schießen. Besonders liebte ich diesen Ort morgens, wenn der Nebel noch über Lough Dwyn hing und bis auf das Gezwitscher der Vögel alles ruhig war. Doch nur jetzt, in der goldenen Nachmittagssonne, brachten die Strahlen die Wasseroberfläche des Sees zum Glitzern, als würden sich darunter Tausende Diamanten verstecken. Obwohl die Sonne jetzt noch mit voller Kraft strahlte, spürte man in den Schatten der Bäume bereits, wie kalt es werden würde, sobald sie hinter dem Horizont hinabgesunken war.
Ich schlenderte den Kiesweg weiter entlang und beobachtete die Menschen, die ebenfalls die letzten Sonnenstrahlen des Tages genossen. Ein paar Kinder tobten unter der Aufsicht ihrer Eltern auf dem kleinen Spielplatz. Auf einer Bank am See saß ein alter Mann und sah den Enten zu. Ein paar Meter vor mir standen einige ältere Damen beisammen, redeten und lachten. Eine junge Mutter joggte mit einem Kinderwagen an uns vorbei.
Die Szene war bilderbuchreif. Sie entsprach vermutlich genau den Vorstellungen, die die meisten Menschen vom Leben auf dem irischen Land hatte, wo man mehr Schafe auf den umliegenden Feldern als Einwohner zählen konnte. Coldwyn war das Musterbeispiel für das verschlafene, kleine Dorf in idyllischer Landschaft, in dem die Zeit ihren eigenen Weg zu gehen schien. Ich konnte verstehen, wieso meine Mutter diesen Ort so liebte. So sehr, dass wir vor drei Jahren hierher und zu ihrem Freund Keiran gezogen waren, der hier aufgewachsen war.
Schon drei Jahre — so lange war es her, dass wir Deutschland verlassen hatten.
Drei Jahre, die ich mich verloren und einsam fühlte. Schon an meinem ersten Tag hatte ich gespürt, dass ich hier nicht hingehörte. Ich war fehl am Platz zwischen all diesen fröhlichen Dorfmenschen in diesem Kaff, in dem beinahe jeder jeden kannte und die Gerüchte sich schneller verbreiteten als ein Lauffeuer. Die meisten lebten schon seit ihrer Geburt hier und waren in einer so engen Gemeinschaft miteinander verbunden, dass es kaum möglich war, sich zu integrieren. Hätte ich mir mehr Mühe gegeben, mich einzuleben, wäre es vielleicht mittlerweile anders. Meine Mama hatte es schließlich auch geschafft. Sie war sogar stolzes Mitglied von »Fit with Fun« – einer Gruppe motivierter Mittvierziger, die sich jede Woche zum Joggen, Wandern oder für andere sportliche Aktivitäten trafen.
Ich hingegen ging den Menschen in Coldwyn noch immer genauso sehr aus dem Weg wie sie mir. Mir war es ehrlich gesagt egal, dass sie mich für merkwürdig hielten – denn spätestens in einem Jahr war ich weg.
Ich musste lächeln bei dem Gedanken. Vor wenigen Tagen hatte mein letztes Schuljahr angefangen. In genau vierzig Wochen würde ich endlich meinen Schulabschluss in der Hand halten – mein Ticket in die Freiheit. Sobald ich mein Abschlusszeugnis in der Hand hielt, würde ich diese verschlafene Kleinstadt hinter mir lassen und endlich die Welt entdecken. Jeden Kontinent dieser Erde wollte ich besuchen, meine Kamera als steten Begleiter. Es juckte mich in den Fingern, ein Foto von der Ruinenstadt auf Machu Picchu zu schießen, einen afrikanischen Elefanten vor meine Linse zu bekommen oder das wilde Treiben in New York, Tokio oder London einzufangen.
Mein Herz klopfte aufgeregt bei dem Gedanken an das, was mich erwarten würde. Noch neun Monate. Dann würde mein Leben endlich richtig anfangen.
***
Als ich Leo's Pub betrat, war es ruhig – wie jeden Sonntagabend. Die einzigen Gäste waren drei ältere Herren, die sich jede Woche hier trafen, um mit ein oder fünf Gläsern Bier das wöchentliche Rugby-Spiel im Fernsehen anzusehen. Wie üblich saßen Mr McKinney, Mr O'Leary und Mr Bredshard in ihren signierten Trikots der irischen Rugby-Nationalmannschaft auf den drei Barhockern aus dunklem Holz, von denen man den besten Blick auf den Breitbildfernseher über der Bar hatte, und fachsimpelten über die Spielzüge. Ich beobachtete sie über die Bar hinweg, während ich dreckige Gläser abspülte.
Es gab sicher spannendere Möglichkeiten, seinen Sonntagabend zu verbringen, doch ich mochte meinen Job hier. Die wenigen Kunden, die wir im Pub hatten, waren nett und leicht zufriedenzustellen und mein Chef war echt in Ordnung. Leo war nur wenige Jahre älter als ich und einer der wenigen Menschen in Coldwyn, der sich nicht viel aus Tratsch machte. Außerdem war es die einzige Möglichkeit für mich, in Coldwyn Geld zu verdienen. Irgendwo musste mein Budget für die geplante Weltreise ja herkommen.
Ich wischte mir die vom Spülen nassen Hände an meiner Schürze ab und räumte die Gläser hinter mir in den Schrank, bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder meinen einzigen Kunden widmete. Alle drei verfolgten im Fernsehen gebannt jede Bewegung ihres Favoriten-Teams. Obwohl der Bildschirm hinter meinem Rücken aufgehängt war und ich das Spiel somit nicht selbst sehen konnte, war mir klar, dass es gerade eine entscheidende Phase erreicht hatte. Die drei älteren Herren füllten das gesamte Pub mit ihrer Aufregung. Wie ferngesteuert wandte ich mich ebenfalls dem Bildschirm zu und verfolgte die Bewegungen der Spieler, die in schwarzen und weißen Trikots um den eiförmigen Ball kämpften. Zugegeben, ich hatte keine Ahnung von Rugby. Aber sogar ich konnte sehen, wie intensiv das Spiel gerade war – wie sehr die Spieler kämpften und wie entscheidend die nächsten Sekunden für den Ausgang des Spiels waren.
Mr McKinney kommentierte missbilligend den missglückten Versuch eines Spielers, den Ball an seinen Teamkollegen weiterzugeben. Mr O'Leary und Mr Bredshard fielen lautstark in die Diskussion mit ein.
Schmunzelnd wandte ich meinen Blick vom Fernseher ab. Ich fand es immer wieder erstaunlich, wie sehr manche Menschen sich in solche Sportübertragungen hineinsteigern konnten. Mich hatte Sport noch nie so in seinen Bann ziehen können, weder beim Zuschauen noch wenn ich selbst aktiv wurde. Die Begeisterung, bei einer Sportveranstaltung dabei zu sein, würde sich bei mir wohl nur entfachen, wenn ich sie durch den Sucher einer Kamera beobachten und festhalten durfte. Auch die drei Herren vor mir hätte ich gerade zu gerne in einem Foto eingefangen. Die Emotionen in ihren Gesichtern waren so deutlich und präsent, dass ein Blick reichte, um die Spannung zu fühlen. Doch so sehr es mich in den Fingern juckte, ich ließ meine Kamera gut verstaut in meinem Rucksack unter der Theke liegen. Ich machte fast nie Bilder von Menschen. Noch weniger von ihren Gesichtern. Denn dann müsste ich mit diesen Menschen reden, sie um Erlaubnis fragen und ihnen womöglich im Nachgang die entstandenen Fotos zeigen. Alles Situationen, die ich lieber vermied. Deshalb hatte ich mich überwiegend auf Landschaftsfotografie und Stillleben spezialisiert.
Also beließ ich es dabei, die Emotionen in den Gesichtern der drei Herren lediglich zu beobachten. Auf dem Feld ergab sich eine vielversprechende Chance und der Kommentator im Fernsehen erhob seine Stimme, gleichzeitig weiteten sich Mr McKinneys Augen. Mr O'Leary öffnete seinen Mund, als würde er sich auf Jubelschreie vorbereiten. Auch Mr Bredshards Augen funkelten aufgeregt, wenngleich er seine Emotionen vielmehr in Gesten ausdrückte.
Der lang ersehnte Treffer war endlich gefallen und Mr Bredshard stieß sein Guinness-Glas triumphierend auf die Theke. Der letzte Rest Schaum, der am Boden des Glases übrig geblieben war, erzitterte und fiel noch weiter in sich zusammen. Ohne, dass er ein Wort sagen musste, nahm ich das Glas entgegen und füllte ihm ein Neues. Auch vor Mr O'Leary und Mr McKinney stellte ich ein frisch gezapftes Guinness ab, vermutlich die letzte Runde für heute. Ich notierte sie auf der Abrechnung und machte mich direkt daran, die leeren Gläser zu spülen.
»Hey, Amber!« Leo streckte seinen Kopf aus der Tür, die nach hinten in die Küche führte. Wie üblich verursachte die Cap auf seinem Kopf einen Schatten in seinem Gesicht, der seine Emotionen vor mir verbarg. »Hast du mal kurz einen Moment für mich?« Ich warf einen prüfenden Blick auf meine drei Kunden, die jedoch gut versorgt waren, und folgte meinem Chef in sein Büro.
Es kam öfter vor, dass Leo jemanden während der Schicht in sein Büro holte. Manchmal brauchte er Hilfe, um irgendwelche Unterlagen umzusortieren, oder er wollte sichergehen, dass alles in Ordnung war. Meistens hatte er jedoch einfach nur genug von seinen Abrechnungen, Kalkulationen und dem ganzen Papierkram und brauchte jemanden zum Quatschen.
Nun, wo ich ihn im Schein seiner Schreibtischlampe sehen konnte, wirkte er allerdings ungewohnt rastlos. Er rückte seine Cap zurecht und zupfte unruhig an seinem Band-Shirt, sodass ich anfing, mir Sorgen zu machen. Hatte ich irgendetwas falsch gemacht und er sah sich gezwungen, mich zu ermahnen? Mir fiel nichts ein, was ihm Grund dazu gegeben hätte. Ich war immer pünktlich, unseren Gästen gegenüber freundlich und zuvorkommend und ich verließ meine Schicht erst, wenn wieder alles aufgeräumt an seinem Platz stand.
»Ich will gar nicht um den heißen Brei herumreden, also komme ich gleich zum Punkt«, begann er. Seine Stimme klang so unzufrieden wie er aussah. Leo mied meinen Blick – und in mir wuchs der Verdacht, dass es nicht an einem Fehler meinerseits lag.
»Ich werde den Pub leider schließen.«
Es dauerte einen Moment, bis die Bedeutung der Worte bei mir angekommen war. Doch dann schlugen sie mit voller Wucht auf mich ein. Mein Herzschlag stolperte.
»Was?« Mehr als das brachte ich nicht heraus.
»Es tut mir wirklich leid. Aber es ist schon alles beschlossen.«
»Aber, warum?« Mein Herz hatte wieder in einen Rhythmus zurückgefunden, einen schnelleren als zuvor. »Wir haben doch nur diesen Pub in Coldwyn. Wo sollen die Leute denn abends ihre Pommestüten essen? Oder Mr McKinney und die anderen beiden ihre Rugby-Spiele schauen?«
Leo zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Ich weiß, um die drei tut es mir auch leid. Aber seien wir mal ehrlich – wirklich vermissen wird den Pub sonst niemand. Die meisten fahren zum Essen oder Trinken sowieso in die nächstgrößere Stadt.« Also lag es daran, dass wir zu wenige Kunden hatten?
»Wir könnten versuchen, den Pub attraktiver zu gestalten«, schlug ich vor. »Vielleicht mit Sonderaktionen. Wir könnten Flyer verteilen und Thementage veranstalten.« Es gab doch so viele Möglichkeiten, Leo's Pub zu retten. Ich war nicht bereit, es einfach aufzugeben. Doch meine Ideen schienen Leo nicht zu überzeugen.
»Ich finde deine Motivation wirklich bewundernswert.« Er lächelte mich aufmunternd an. »Aber die Sache ist bereits in trockenen Tüchern. Nächsten Samstag haben wir unseren letzten Tag.«
In einer Woche schon?
»Warum hast du denn nicht früher was gesagt? Wir hätten bestimmt noch etwas tun können!« Wie konnte Leo dabei so ruhig bleiben?
»Es tut mir wirklich leid – ich wusste ehrlich gesagt nicht, wie ich es dir sagen soll.« Leo sah mich entschuldigend an. »Ich weiß ja, dass du den Job machst, um Geld für deine Weltreise zu verdienen, und ich hatte gehofft, du würdest vielleicht von selbst kündigen, sobald du genug beisammenhättest.«
Ich lachte freudlos auf. Als ich den Job angenommen hatte, hatte ich fest damit gerechnet, bis zu meinem Schulabschluss zu arbeiten. Selbst dann wäre es knapp geworden, die ganze Reise zu finanzieren, doch es war die beste Option, die ich gesehen hatte. Die einzige. Jetzt fehlte mir beinahe ein ganzes Jahr an Einnahmen und ich hatte keine Ahnung, wie ich das Geld stattdessen zusammenkriegen sollte.
Leo schien meine Gedanken zu erahnen und sah mich mitleidig an. »Es tut mir wirklich leid, Amber. Es war so eine Chance, die man nur einmal im Leben bekommt. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, wenn ich abgelehnt hätte.«
Moment, was? Mein verwirrter Blick forderte Leo auf, weiterzusprechen.
»Ich werde in Hellington ein Restaurant eröffnen.«
Ich blinzelte. Er würde den Pub schließen, weil er ein Restaurant in der Stadt aufmachte? Das war ...
»Oh, wow.« Das Leuchten in Leos Augen war unübersehbar. Ich verzog meine Lippen zu einem Lächeln und hoffte, dass es nicht zu gezwungen aussah. Ich freute mich für ihn. Ein eigenes Restaurant war für Leo immer ein großer Traum gewesen – wie für mich die Weltreise. Es war nur logisch, dass er sich nicht dagegen entscheiden konnte, um den Pub zu retten. Trotzdem hatte ich das Gefühl, er hätte mich hintergangen.
»Amber«, fing Leo an, doch ich unterbrach ihn.
»Hey, das ist doch cool. Herzlichen Glückwunsch!«
Erst jetzt traute Leo sich, seine Freude darüber offen zu zeigen. Als hätte er auf meine Erlaubnis gewartet.
»Ich freu mich, dass du das so siehst.« Seine Unruhe und Unzufriedenheit von vorhin waren wie weggeblasen. Stattdessen strahlte er über das ganze Gesicht.
»Du musst mich unbedingt im neuen Restaurant besuchen kommen. Ich würde dich gerne mitnehmen, aber ich weiß, dass ein Job in der Stadt für dich nicht möglich ist.«
Da hatte er leider recht. Ich hatte kein eigenes Auto und mit dem Fahrrad oder dem Bus dauerte die Fahrt nach Hellington einfach zu lang.
»Klar, das mach ich.« Mein Grinsen sollte zustimmend aussehen. Ich war nicht sicher, wie gut mir das gelang. Am liebsten hätte ich ihn angefaucht, wie er mich hier einfach zurücklassen konnte. Doch natürlich tat ich das nicht. Er hatte es verdient, sich seinen Traum zu erfüllen, und ich sollte mich für ihn freuen – doch mehr als ein erzwungenes Lächeln brachte ich nicht zustande.
Ich war froh, als Leo mich wieder an die Bar schickte, um die drei Herren abzurechnen. Sie schienen mich nicht vermisst zu haben. Ich war nicht einmal sicher, ob sie überhaupt bemerkt hatten, dass ich verschwunden war. Doch sie bezahlten, wie üblich mit einem großzügigen Trinkgeld, und wünschten mir noch einen schönen Abend, bevor sie sich wieder auf die Nachbesprechung des Rugby-Spiels konzentrierten.
Ich zögerte kurz, als ich die Abrechnung beendet und meinen Rucksack geschultert hatte. Am liebsten würde ich einfach verschwinden – doch ich konnte nicht gehen, ohne mich zu verabschieden. Also betrat ich ein letztes Mal Leos Büro.
»Danke, Amber.« Leo sah mich aufrichtig an. »Wirklich, danke. Du hast hier einen richtig guten Job gemacht. Es tut mir sehr leid, dass unsere Wege sich hier nun trennen, aber ich bin froh, dass du meine Entscheidung nachvollziehen kannst.«
Ich nickte. Das konnte ich tatsächlich. Ob ich ihn in seinem neuen Restaurant besuchen wollte, war ich mir jedoch noch nicht so sicher. Aber das musste ich ihm ja nicht auf die Nase binden.
Glücklicherweise war Leo, genau wie ich, keine Person, die Körperkontakt suchte. Ich entkam also einer sentimentalen Umarmung und trat wenig später aus dem Pub.
Die dunkle Nacht war so kalt, wie sie sich heute Nachmittag bereits angekündigt hatte. Doch obwohl es sich eisig anfühlte, bildeten sich keine Wölkchen, als ich meinen Atem ausstieß. Der Herbst hatte gerade erst angefangen, mit ihm das letzte Schuljahr – und ich hatte meinen Job verloren.
Das waren ja tolle Aussichten.
Mein Atem ging schnell, meine Muskeln brannten. Ich würde die Position nicht mehr lange halten können, bevor ich zusammenbrach. Meinen Teamkollegen schien es ähnlich zu gehen. Von links und rechts hörte ich lautes Schnaufen und ein gelegentliches Ächzen.
Ich biss die Zähne zusammen und konzentrierte mich auf meine Atmung. Nur noch ein paar Sekunden. Gleich hatte ich es geschafft. Wie ein Mantra wiederholte ich diese Worte in meinem Kopf, bis der Coach endlich das erlösende Stichwort gab.
Mit aller verbleibenden Kraft sprang ich aus der Liegestützposition in die Höhe und rannte die aus Hütchen vorgegebene Strecke entlang. Ich spürte Harry rechts von mir und versuchte, noch einmal einen Zahn zuzulegen. Meine Beine trugen mich an den Hütchen vorbei, schlugen Haken und rannten weiter. Die kleine, in den Boden gesteckte Flagge, die das Ende der Strecke bedeutete, war schon fast greifbar. Ich ignorierte das Stechen in meiner Brust und das Brennen in meinen Oberschenkeln. Ohne darüber nachzudenken setzte ich einen Fuß vor den anderen. Beim vorletzten Hütchen rutschte ich beinahe aus, fing mich noch im letzten Moment und rannte weiter. Noch drei große Schritte – geschafft!
Schwer atmend stemmte ich meine Hände in die Hüften. Ein breites Grinsen lag auf meinen Lippen. Ich hatte den Parcours am schnellsten durchlaufen – wie üblich. Das war einer der Gründe, weshalb ich die letzten beiden Jahre das Rugby-Team der Samuel Beckett Secondary School angeführt hatte.
»Sehr gut gemacht, Jungs!«, rief Coach Fitzpatrick uns aufmunternd zu. »Harry, da geht noch was. Nächstes Mal legst du noch eins drauf.« Wow, okay. Dann sollte ich nächstes Mal auch noch mehr geben. Er hatte mich diesmal fast gekriegt – und bei dem fast würde ich es gerne belassen.
Harry nickte knapp, während er noch um Atem rang. Sein Oberkörper hob und senkte sich ähnlich schnell wie meiner, seine blonden Locken klebten ihm nass auf der Stirn.
Der Coach gab uns eine kurze Verschnaufpause, dann schickte er uns erneut durch den Parcours – und obwohl meine Beine brannten und das Blut in meinen Ohren rauschte, schaffte ich es erneut vor allen anderen zur Flagge.
Nach dem Zirkeltraining zum Aufwärmen wurden wir in Zweierteams eingeteilt, um Fangen und Werfen zu üben. Wie üblich paarte der Coach mich mit Harry, unserem Scrum-half mit der Nummer neun. Er war für mich, den Kicker und Fly-half der Mannschaft, schließlich einer der wichtigsten Spieler auf dem Feld. Als Bindeglied zwischen den Stürmern und den Hintermännern mussten wir die Mannschaft koordinieren und durch die verschiedenen Spielzüge führen. Im Bruchteil einer Sekunde trafen wir taktische Entscheidungen und sorgten dafür, dass wir eine geschlossene Linie bildeten. Dazu war ein gegenseitiges, blindes Vertrauen unablässig.
Unser jahrelanges gemeinsames Training zahlte sich aus – wir kannten die Bewegungsmuster des anderen so gut, dass wir keine Worte mehr brauchten, um uns zu verständigen. Es war wie ein sechster Sinn, der mir sagte, wo Harry war, was er vorhatte und wie ich ihm zuspielen musste. Doch obwohl ich Rugby sehr ernst nahm und normalerweise keine Trainingsgelegenheit ausließ, ruhten wir uns diesmal ein wenig auf unserer besonderen Verbindung aus. Unsere Pässe waren weniger kraftvoll als sonst, langsamer, fast schon zögerlich, damit wir ausreichend Zeit hatten, unsere Teamkameraden zu beobachten. Es war das erste Training nach den Sommerferien. Das Team war ein wenig geschrumpft. Die Jungs, die vor zwei Monaten ihren Abschluss gemacht hatten, waren nicht mehr dabei. Der Nachwuchs an jüngeren Schülern würde erst in zwei Wochen bei den Tryouts ausgewählt werden – genau jetzt war also der Moment, das bestehende Team zu ordnen.
»Shaun hat sich ganz schön entwickelt in den Ferien«, bemerkte Harry und nickte zu unserer Nummer vier.
Tatsächlich war Shaun nicht nur größer, sondern vor allem breiter geworden. »Vielleicht sollten wir ihn auf Lukes Position schieben. Jetzt, wo er seinen Abschluss hat, fehlt uns mindestens ein Prop.«
»Und ein Flanker«, warf Harry ein. »Micky hatte in den Ferien einen Unfall mit dem Mountainbike und ist erst einmal raus.«
»Dieser Idiot«, knurrte ich. Micky war eigentlich ein guter Spieler, aber er war ein leichtsinniger Adrenalinjunkie. Schon mehr als einmal hatte er sich vor oder während der Saison verletzt. Das Extremsport-Verbot, das Coach Fitzpatrick ihm auferlegt hatte, zeigte leider keine Wirkung.
»Immerhin scheint Stanley inzwischen zu wissen, wie man einen Rugby richtig kickt«, sagte ich mit Blick auf meinen Ersatzspieler. »In einem Jahr muss er einsatzbereit sein.« In einem Jahr, wenn auch Harry und ich unseren Abschluss machten und die Schulmannschaft verlassen würden.
»Macht das Training mal ordentlich mit und strengt euch ein wenig an. Sonst kriegt Stanley deinen Platz noch dieses Jahr.«
Coach Fitzpatrick war unbemerkt an uns herangetreten und hatte unsere entspannten Pässe offensichtlich durchschaut. Er machte sich seine hochgewachsene Statur zunutze und sah bedrohlich auf uns hinab. Würde ich den Coach nicht schon seit Jahren kennen und wissen, dass das noch sein freundlicher Tonfall war, hätte ich womöglich den Kopf eingezogen. So grinste ich ihn nur an. Mit seinem nächsten Satz verrutschte mein Lächeln jedoch leicht.
»Josh, du kommst nachher bitte noch in mein Büro.« Ohne ein weiteres Wort drehte der Coach sich um und widmete sich den anderen Spielern.
»Hast du was verbockt?«, feixte Harry, und obwohl ich mit einem Lachen antwortete, machte ich mir ein wenig Sorgen. Ich traf mich oft mit dem Coach in seinem Büro, um an Taktiken zu feilen und vergangene Spiele zu analysieren. Doch dazu gab es jetzt, noch vor Beginn der Saison, keinen Anlass. Was wollte er also von mir?
Ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, und warf den nächsten Pass mit voller Kraft zu Harry. Der verstand meine stumme Aufforderung und passte sich meinem nun höheren Tempo an. Und schon wenige schnelle Pässe später spürte ich ihn. Den Grund, warum ich Rugby so sehr liebte.
Wenn ich Sport machte, meinen Herzschlag in die Höhe trieb und meine Muskeln bis zum äußersten Limit beanspruchte, dann fiel ich in einen Rausch. Ich nahm nichts mehr wahr, bis auf meinen Körper, den Rugby und die Anstrengung. Mein Kopf wurde komplett leer. Alles, was in dem Moment zählte, war die Bewegung. Schneller, stärker, weiter, besser. Es war wie eine Droge, die sich in meinem Körper ausbreitete und mich alles andere vergessen ließ. Eine Droge, die süchtig machte und nach der mein Körper regelmäßig verlangte. Doch es war auch meine Medizin. Mein Ventil, wenn mir zu Hause alles zu viel wurde. Wenn meine Eltern mich wieder so wütend machten, dass ich das Gefühl hatte, explodieren zu müssen. Dann war Sport das Einzige, was mir wirklich half.
Auch jetzt schaffte es das Training, meinen Kopf vollkommen freizumachen. Die einzigen verbleibenden Gedanken waren Selbstkritik, wenn ich einen Wurf, einen Schritt oder auch nur einen Blick nicht perfekt ausführte. Ich hielt mich grundsätzlich für einen guten Trainer – erfahren, streng, aber geduldig. Doch bei meinen eigenen Fehlern war die Geduld knapp und jede Erfahrung stellte ich infrage.
Schließlich reichte es nicht, einfach nur besser zu werden. Ich musste der Beste werden – und bleiben. Doch ich liebte es. Rugby war das Einzige in meinem Leben, bei dem ich mir wirklich sicher war. Es war mein Sport, und selbst wenn ich in einem Jahr nicht mehr in der Schulmannschaft spielen würde, würde er es für immer bleiben. Ich träumte von einer Karriere als Profi-Spieler und, ohne angeben zu wollen, meine Chancen standen nicht schlecht.
Eine Viertelstunde später war ich dennoch froh, als ich nicht mehr auf dem Rugbyfeld, sondern unter der Dusche stand und mir den Schweiß und Dreck vom Körper waschen konnte. Ich beeilte mich, um Coach Fitzpatrick nicht länger warten zu lassen als nötig. Ich hatte noch immer keine Ahnung, was er mit mir zu besprechen hatte, weshalb ich ihm lieber keinen Grund geben wollte, mich zu ermahnen.
Als ich wenig später mit noch nassen Haaren das Büro von Coach Fitzpatrick betrat, hatte ich bereits eine leise Vorahnung – und es gefiel mir ganz und gar nicht. Denn der Coach war nicht allein. Ihm gegenüber saß Mr Bauer, mein Deutschlehrer und nicht gerade mein größter Fan. Er war also kaum hier, um sich ein Autogramm abzuholen.
»Josh, schön, dass du hier bist«, sagte Coach Fitzpatrick freundlich. »Bitte setz dich.«
Betont lässig ließ ich mich auf den einzigen freien Stuhl fallen, der neben Mr Bauer vor dem Schreibtisch stand. Es sollte bloß niemand merken, wie schnell sich meine Gedanken gerade im Kreis drehten.
»Wie fandest du das Training heute?« Mit einem offenen und interessierten Lächeln sah Coach Fitzpatrick mich an. Es irritierte mich, vor allem, da ich noch immer nicht sicher war, worauf das hier hinauslaufen würde.
»Ganz okay, denk ich«, antwortete ich zurückhaltend. »Für die kommende Saison müssen wir schon noch einiges drauflegen.«
Der Coach nickte. »Das stimmt. Aber mit den Frischlingen, die nächste Woche dazukommen, fangen wir sowieso wieder bei null an. Das Grundlagentraining schadet dem restlichen Team auch nicht.«
Das Grundlagen- und Aufbautraining stärkte nicht nur die Leistungen der einzelnen Spieler, sondern auch das Mannschaftsgefühl und den Zusammenhalt. Wie jedes Jahr starteten wir damit in die neue Saison. Wenn alle Jungs im gleichen Boot saßen, konnten sie einfacher lernen, im Gleichtakt zu rudern.
Mr Bauer räusperte sich – als hätte er Angst, wir hätten ihn vergessen. Der Coach senkte seinen Blick schuldbewusst und seine Mimik änderte sich augenblicklich. Während er eben noch seinen üblichen, taktischen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte, sah er mich nun ernst und fast schon entschuldigend an.
»Eigentlich habe ich dich aber nicht hergebeten, um Trainingspläne zu besprechen«, gab der Coach zu und strich sich einmal über seinen Bart aus grauen Stoppeln. Ich war nicht sicher, ob ich froh darüber war, dass er nun zur Sache kam, oder nicht. Denn obwohl es mir unter den Fingern brannte, zu erfahren, was er zu sagen hatte, konnte ich das schlechte Gefühl nicht ignorieren, welches mich mit Betreten des Büros beschlichen hatte. Auch Mr Bauers Blick nahm mir meine Sorgen nicht – im Gegenteil. Mr Bauer, der sonst fröhlich und unbeschwert wirkte, blickte ebenso ernst drein wie der Coach.
»Josh, dir sollte klar sein, dass ich das wirklich nicht gerne mache. Du bist einer der besten Spieler, die ich je in meinem Team hatte. Sei also versichert, dass unsere Entscheidung rein gar nichts mit deinen Leistungen auf dem Rugby-Feld zu tun hat.«
Normalerweise genoss ich solche Kommentare. Doch heute hatten sie einen so bitteren Beigeschmack, dass ich kaum noch zu atmen wagte.
»Welche Entscheidung?« Meine Stimme klang erstickt, obwohl ich mir größte Mühe gab, mir nichts anmerken zu lassen.
Mr Bauer räusperte sich erneut, und bevor Coach Fitzpatrick noch weiter um den heißen Brei herumreden konnte, ergriff er das Wort.
»Wir wollen dir helfen, Josh. Deine Deutschnote ist nicht gut. Vielleicht schaffst du deinen Abschluss nicht. Wir wissen alle, dass du es eigentlich besser könntest. Deshalb bekommst du von uns nun eine letzte Verwarnung. Wenn du dich mit der nächsten Trimester-Prüfung in Deutsch nicht verbesserst, wirst du aus dem Rugby-Team suspendiert.«
Mr Bauers Worte hallten in meinem Kopf nach. Es dauerte einen kurzen Moment, bis ich deren Bedeutung vollends verstanden hatte. Doch dann schlugen sie wie ein Blitz auf mich ein.
Aus dem Rugby-Team suspendiert. Mr Bauer und Coach Fitzpatrick wollten mich aus dem Team werfen?
»Das können Sie nicht machen!«, protestierte ich und starrte Mr Bauer und Fitzpatrick schockiert an.
Mein Herz schlug so hart gegen meinen Brustkorb, als versuchte es, daraus auszubrechen.
»Daher unser Appell: Streng dich ein wenig an. Mach im Unterricht mit, lerne ordentlich für die Deutschprüfung«, sagte Coach Fitzpatrick, als hätte ich nichts gesagt. »Mir wäre es am liebsten, wenn es bei dieser Verwarnung bleibt und wir nicht zu härteren Mitteln greifen müssen. Wir brauchen dich im Team.«
»Natürlich brauchen Sie mich. Ohne mich hat das Team keinen Captain mehr. Und keinen brauchbaren Fly-half. Wie stellen Sie sich die Saison denn so vor?«
Ich war einer der Top-Spieler der Samuel Beckett. Wollte der Coach tatsächlich die Schulmeisterschaften aufs Spiel setzen, weil Mr Bauer mit meiner Note nicht zufrieden war?
»Sie können mich nicht einfach rauswerfen«, betonte ich noch einmal, als keiner der beiden auf meine Worte einging. Denn ein Leben ohne Rubgy konnte ich mir nicht vorstellen.
Seit ich das erste Mal diesen eiförmigen Ball in den Händen gehalten hatte, seit ich das erste Mal mit meinem Großvater Pässe geworfen hatte, seit ich mit Harry mein erstes Spiel verloren und später auch so viele gewonnen hatte – seitdem hatte ich nicht einen einzigen Moment in Erwägung gezogen, diesen Sport wieder aufzugeben. Es war für mich immer eine feste Konstante in meinem Leben gewesen. Und obwohl meine Eltern nie sonderlich überzeugt von diesem Sport gewesen waren, hatte es für mich nie einen Grund gegeben, daran zu zweifeln.
Jetzt wurde es von meinem eigenen Coach das erste Mal infrage gestellt. Allein bei dem Gedanken, was eine Welt ohne Rugby für mich bedeuten würde, wurde mir schlecht. Eine Welt ohne stundenlange Zirkeltrainings im strömenden Regen. Ohne Wochenendspiele gegen andere Schulmannschaften. Ohne selbstständige Workouts zum Muskelaufbau im Morgengrauen vor Schulbeginn.
»Es tut mir leid, Josh, aber die Verwarnung gilt. Nimm sie einfach ernst und lerne für die nächste Deutschprüfung. Dann bleibst du wie gehabt im Team.«
»Als ob Sie das wirklich durchziehen würden«, schnaubte ich und schüttelte den Kopf. »Sie wollen die Schulmeisterschaften doch mindestens genauso sehr gewinnen wie ich. Und dafür brauchen Sie mich.«
»Dafür brauche ich ein Team, das gut aufeinander abgestimmt ist und sich im Training darauf vorbereitet hat. Und wenn ich sehe, dass du unsere Verwarnung nicht ernst nimmst, werde ich Stanley im Training stärker in den Fokus setzen.«
»Das ist nicht Ihr Ernst.« Harry und ich waren ein unschlagbares Duo. Coach Fitzpatrick konnte mich nicht einfach ersetzen.
»Es ist deine Entscheidung, Josh.«
Welche Entscheidung sollte das sein? Wenn ich wirklich vor die Wahl gestellt wurde, ob ich Rugby spielen durfte oder nicht, würde ich mich immer für den Sport entscheiden. Ganz egal, welche Bedingungen daran geknüpft waren. Doch war Coach Fitzpatrick wirklich hart genug, um die Konsequenzen am Ende durchzusetzen? Oder war das alles nur ein riesiger Bluff?
War ich mutig genug, das herauszufinden?
Mit spitzen Fingern platzierte ich das Foto des Herbstbaumes auf dem freien Fleckchen der aufgeschlagenen Seite meines Fotobuches. Das Rot und Gelb der Blätter leuchtete auf dem Bild leider nicht ganz so kräftig wie gestern im Park. Dafür wirkten die im Wasser glitzernden Sonnenstrahlen auf dem Foto daneben so echt, als würde ich nicht in mein Fotobuch, sondern durch ein Fenster gucken.
Ein Klopfen an meiner Zimmertür ließ mich zusammenzucken.
»Kommst du zum Essen?« Die gedämpfte Stimme meiner Mama drang durch die verschlossene Tür.
»Ja, gleich.« Schnell schrieb ich noch ein paar Worte zu den eingeklebten Bildern und legte das Buch dann zurück in seine Schublade.
Schon den ganzen Tag hatte ich mich auf Keirans selbst gemachte Chili-Cheese-Chips gefreut – ganz besonders, als ich in der Mittagspause feststellen musste, dass ich mein Sandwich offenbar zu Hause vergessen hatte.
Zum Glück waren meine Eltern bereits in ein Gespräch vertieft, als ich an unserem runden Esstisch in der Wohnküche Platz nahm, sodass ich meine großzügige Portion ohne Unterbrechungen schnell vernichten konnte. Ich war gerade dabei, mir einen Nachschlag der besten Pommes der Welt zu nehmen, als sie mich nach meinem Tag fragten. In wenigen Worten berichtete ich von meinem recht ereignislosen Schultag, in dem tatsächlich das vergessene Pausenbrot das Spannendste gewesen war. Ich musste jedoch auch zugeben, dass ich den ganzen Tag schon mit meinen Gedanken nicht recht bei der Sache war. Immer wieder hatte ich das Bild vom gestrigen Abend im Kopf. Leo, der mich entschuldigend ansah. Mr McKinney und seine Freunde, die in diesem Pub ihr letztes Bier getrunken hatten – ohne dass sie es selbst wussten. Vermutlich war ich eine von wenigen in ganz Coldwyn, die Leos Pläne bereits kannte.
»Leo wird seinen Pub schließen«, weihte ich meine Eltern ein. Spätestens in der Sonntagsausgabe der Hellington Post würde es ohnehin im Lokalteil zu lesen sein.
»Tatsächlich? Wieso das?« In der Stimme meiner Mama lag Überraschung und ehrliches Interesse.
»Er wird in der Stadt ein Restaurant eröffnen. Das war ja schon immer sein großer Traum.«
»Wow, das ist ja toll!« Von Bedauern war in Mamas Blick nichts zu sehen. Sie schien sich wirklich für Leo zu freuen, wirkte fast stolz auf ihn. Ihre braunen Augen, die meinen so ähnlich waren, funkelten aufgeregt. So sollte ich mich auch fühlen. Sofort überfiel mich wieder das schlechte Gewissen. Wieso konnte ich nicht einfach Leos Chancen feiern?
Ich rang mir ein Lächeln ab, als ich Keirans Blick auf mir spürte. Doch er durchschaute mich – wie üblich.
»Das heißt, du hast keinen Job mehr.« Es war kein Vorwurf, lediglich eine Feststellung. Trotzdem lösten seine Worte in mir den Drang aus, mich verteidigen zu wollen.
»Er hat es mir gestern Abend gesagt.«
»Amber, das tut mir leid.« Weder Keirans Worte noch sein entschuldigender Blick linderten die Enttäuschung, die seitdem auf mir lastete. Während Leo sich seinen Traum erfüllen konnte, drohte meiner zu zerplatzen wie eine Seifenblase.
»Natürlich unterstütze ich ihn. Es ist super, wenn er endlich sein Restaurant bekommt, das er sich schon so lange gewünscht hat. Aber ...«
Keiran sah mich verständnisvoll an. »Du hattest mit den Einnahmen gerechnet. Da ist es nur verständlich, dass du enttäuscht bist.«
»Ach Spätzchen.« Mama drückte sanft meine Hand. »Lass den Kopf nicht hängen. Wenn du wieder einen Job willst, findest du sicher ganz schnell einen neuen.«
Ein Job in Coldwyn? Das war definitiv leichter gesagt als getan.
»Du weißt, wir sind immer für dich da. Und wenn du uns brauchst, unterstützen wir dich natürlich jederzeit.« Auch Keiran legte seine Hand auf meine. Sein Blick galt jedoch nicht mir, sondern Mama.
Moment. Hatten sie etwa ... Ich hätte nie damit gerechnet, dass Mama ihre Meinung ändern würde, weshalb ich es kaum wagte, zu fragen.
»Wollt ihr mir etwa doch einen Zuschuss zur Weltreise geben?« Erwartungsvoll sah ich zwischen den beiden hin und her. Doch in ihren Gesichtern konnte ich die Antwort bereits sehen, bevor sie sie aussprachen.
»Oh, also so war das nicht gemeint.« Mama lachte peinlich berührt. »Du weißt, dass ich deine Idee der Weltreise nicht unterstütze. Du ganz allein in fremden Ländern – bei dem Gedanken ist mir einfach nicht wohl.«
Ich seufzte. Irgendwo tief in mir konnte ich Mama ja verstehen. Ich wusste, dass sie mich nur beschützen wollte. Doch würde sie mich nicht viel mehr beschützen, wenn sie sicherstellte, dass ich während meiner Weltreise stets genug Geld für eine Unterkunft oder ausreichend Essen hatte?
»Amber, ich weiß, dass diese Weltreise dein großer Traum ist. Du wirst bald volljährig, und sobald du deinen Schulabschluss hast, werde ich dich nicht einsperren. Aber ich kann dir nicht finanziell bei einer Sache helfen, die ich nicht für richtig halte.«
Es hätte mich auch überrascht, wenn Mama ihre Meinung geändert hätte. Aber vielleicht war Keiran nun ein bisschen leichter zu überzeugen?
»Sieh mich bloß nicht so an!«, lachte er, als ich ihm meinen besten Hundeblick zeigte. Die Fältchen um seine Augen vertieften sich, als er erneut einen liebevollen Blick in Richtung Mama warf. »Ich bin hier auf der Seite deiner Mutter. Und ich bin trotzdem sicher, dass du einen Weg für dich finden wirst.«
Ich hatte einen gehabt. Es war alles durchgeplant gewesen. Doch nun steckte ich in einer Sackgasse. Und wohin ich mich auch drehte – ich sah weit und breit keinen Weg, der mich weiter nach vorne führte. Nicht einmal einen Trampelpfad.
***
Auch am nächsten Tag drehten sich meine Gedanken vor allem um meinen verlorenen Job. Die Grammatik-Regeln, die Mr Bauer gerade erklärte, schafften es kaum, meine Aufmerksamkeit zu erobern. An den gelangweilten Blicken meiner Klassenkameraden konnte ich ablesen, dass es nicht nur mir so ging. Zum Glück war ich jedoch, im Gegensatz zu meinen Mitschülern, nicht auf Mr Bauers komplizierte Ausführungen angewiesen, da ich als deutsche Muttersprachlerin ganz intuitiv korrekte Satzgefüge verwendete.
Schon als wir noch in Deutschland gewohnt hatten, hatte ich es immer als Vorteil empfunden, zweisprachig aufgewachsen zu sein. Durch unser Leben in Deutschland, deutsche Freunde und die deutsche Schule, die ich besucht hatte, war die Muttersprache meines leiblichen Vaters meine geworden. Gleichzeitig hatte jedoch Mama als gebürtige Irin immer Wert darauf gelegt, mir auch ihre Muttersprache mitzugeben. Und während ich im Kindergarten die beiden Sprachen noch kunterbunt gemischt hatte, war ich spätestens in der ersten Englischstunde in der Grundschule allen anderen Kindern mehrere Schritte voraus gewesen. Ich hatte mich riesig gefreut, als meine Freunde endlich meinen Vornamen richtig aussprachen, den mir Mama in Gedenken an ihre Heimat gegeben hatte.
Um meinen Kopf zu beschäftigen und nicht länger in den Sorgen um einen möglichen neuen Job zu versinken, die mich die letzte Nacht wachgehalten hatten, zog ich möglichst unauffällig mein Smartphone aus meinem Rucksack und platzierte es so zwischen meinem Deutschbuch und dem Federmäppchen, dass es vor Mr Bauers Augen verborgen blieb. Mit einem Gesichtsausdruck, als würde ich mich höchstmotiviert auf die Grammatikübungen stürzen, öffnete ich die Fotobearbeitungsapp.
Normalerweise bearbeitete ich meine digitalen Fotos auf dem Computer im schuleigenen Fotolabor. Der Handy-Schnappschuss, der heute morgen während meiner Fahrradfahrt in die Schule entstanden war, versprach jedoch nicht die Qualität, die diesen Aufwand rechtfertigen würde. Außerdem war in der Mittagspause die erste Sitzung des Fotoclubs in diesem Schuljahr – wodurch mir heute schlicht die Zeit für eine Fotobearbeitung fehlen würde. Zudem war ich wenig scharf darauf, dass mir irgendjemand über die Schulter schaute, während ich Kontraste erhöhte oder Helligkeiten anpasste. Auch wenn die anderen Mitglieder des Fotoclubs wussten, dass das Foto mitten in der Bearbeitung oft ein wenig seltsam und unnatürlich wirken konnte, verzichtete ich lieber auf fremde Blicke. Ich war auch noch gar nicht sicher, ob der Schnappschuss tatsächlich gut genug war für die Augen anderer Betrachter und sich somit einen Platz auf meiner öffentlichen Instagram-Seite verdient hatte. Vermutlich landete er, wie der Großteil meiner Fotos, auf meiner externen Festplatte im Schrank, ohne Aussicht auf Veröffentlichung.
Leider war meine heimliche Handynutzung nicht so unauffällig wie gedacht. Ohne dass ich ihn bemerkt hatte, war Mr Bauer an meinen Tisch getreten.
»Ich glaube nicht, dass du dein Smartphone bei der Bearbeitung der Übungen brauchst, Amber.« Sein Ton war freundlich, aber bestimmt und ließ keinerlei Widerspruch zu. Mit schuldbewusstem Blick legte ich das Handy in seine ausgestreckte Hand.
»Du kennst meine Regeln. Zum Ende der Stunde kannst du es wieder bei mir abholen.«
Wäre mir der Moment gerade nicht so verdammt peinlich, hätte ich mich vermutlich über mich selbst geärgert, so unvorsichtig gewesen zu sein.
Die restlichen vierzig Minuten versuchte ich, meine Aufmerksamkeit auf den Unterrichtsstoff zu lenken. Als Mr Bauer uns endlich entließ, packte ich meine Sachen betont langsam zusammen. Die meisten meiner Mitschüler waren schon weg, als ich mit klopfendem Herzen an Mr Bauers Pult trat.
Normalerweise hielt ich mich an Regeln. Es war für mich daher ungewohnt, eine Strafpredigt eines Lehrers zu erhalten. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete.
»Ah, Amber. Mit dir wollte ich noch reden.«
Oh nein, das klang ganz und gar nicht gut. Nervös strich ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Vielleicht konnte ich ihn mit einem Schuldeingeständnis besänftigen?
»Ich weiß, dass Handynutzung in Ihrem Unterricht nicht erlaubt ist. Tut mir wirklich leid. Ich wollte nur -«
Ich stockte. War es wirklich wichtig, warum ich mich Mr Bauers Regeln widersetzt hatte? War die Bearbeitung eines dämlichen Schnappschusses tatsächlich so wichtig?
Ich schluckte. »Es wird nicht wieder vorkommen.«
»Ach so, klar. Kein Problem.« Mr Bauer wirkte fast so, als hätte er die ganze Handy-Sache schon wieder vergessen. Er zog mein Smartphone zwischen seinen Unterrichtszetteln hervor und drückte es mir in die Hand.
War es das schon? Ich hatte irgendwie mehr Strafe erwartet. Möglicherweise eine Zusatzaufgabe. Oder ein Aufsatz über die Missachtung von Regeln. Doch Mr Bauer hatte seinen Blick schon wieder von mir gelöst und durchwühlte weiter seine Unterlagen. Ich wollte mich schon auf den Weg in die nächste Unterrichtsstunde machen, als er mich zurückhielt.
»Ah, hier hab ich's ja.«
Mit einem Grinsen hielt er mir eine Auflistung einiger Grammatik-Regeln der deutschen Sprache sowie mehrere Vokabellisten unter die Nase.
»Was meinst du? Hast du diese Lektionen verstanden und kannst sie wiedergeben?«
»Ähm – ich denke schon.« Meine Stimme ging zum Ende des Satzes nach oben – als hätte ich eine Frage gestellt. Mr Bauer schien dies jedoch nicht weiter zu stören.
»Perfekt. Ich habe nämlich eine Bitte.«
Sein Blick war so begeistert, dass ich beinahe Angst bekam. Was genau hatte er vor?
»Ich habe einen Schüler im Ordinary Level, der ein wenig Schwierigkeiten hat, am Ball zu bleiben.« Bei den Worten gluckste er. Fast, als hätte er einen Witz gerissen, den ich nicht verstand.
»Ich würde mich sehr freuen, wenn du ihm ein bisschen unter die Arme greifen könntest. Vielleicht trefft ihr euch ein- oder zweimal die Woche und wir schauen mal, wie ihr zurechtkommt?«
Ich sollte Nachhilfe geben? Mein erster Instinkt war es, abzulehnen. Ich war wirklich nicht der Typ dafür, mit anderen Menschen zu lernen. Meine Fähigkeiten, Wissen zu vermitteln, waren gelinde gesagt ausbaufähig, und meine Geduld anderen Menschen gegenüber war schlichtweg nicht vorhanden. Doch noch während ich überlegte, wie ich das Mr Bauer erklären sollte, ploppte eine Frage in meinem Kopf auf: Würde die Nachhilfe bezahlt werden? Sicherlich würde ich nicht ansatzweise das verdienen, was ich in Leo's Pub bekommen hatte. Schließlich hatte ich dort etwa zwölf Stunden die Woche gearbeitet, während die Nachhilfe, wie Mr Bauer angedeutet hatte, lediglich ein bis zwei Stunden pro Woche stattfinden würde. Doch es war besser als nichts – zumindest so lange, bis ich wieder einen richtigen Job gefunden hatte.
Also sprang ich über meinen Schatten und sagte Mr Bauer zu.
»Das freut mich, vielen Dank. Ich bin mir sicher, mit deiner Hilfe wird er schnell wieder auf die richtige Spur finden.«
Ich antwortete lediglich mit einem Lächeln und diktierte Mr Bauer dann meine Handynummer, die er an seinen Schüler weitergeben wollte. »Er wird sich bestimmt bald bei dir melden. Falls du irgendwelche Fragen hast, dann komm einfach auf mich zu.«
Wieder nickte ich, verabschiedete mich von Mr Bauer und eilte zu meiner nächsten Unterrichtsstunde, zu der ich nun spät dran war. Doch ich hatte einen Mini-Job in Aussicht, was die Verspätung hoffentlich wert war.
Zudem war ich nicht die Letzte, die das Klassenzimmer von Ms Perish kurz vor knapp betrat. Direkt nach mir huschte Josh McKee durch die Tür, der jedoch im Gegensatz zu mir keinen entschuldigenden Blick für unsere Irisch-Lehrerin übrighatte. Stattdessen verdrehte er auf ihre Ermahnung hin bloß die Augen.
Ich wandte den Blick wieder von ihm ab und versuchte, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Doch noch während Ms Perish das Thema der heutigen Stunde verkündete, sprangen meine Gedanken zurück zu der Anfrage von Mr Bauer. Es war ein glücklicher Zufall, dass er ausgerechnet jetzt nach einer Nachhilfelehrerin suchte.
Die Suche nach einem richtigen Job durfte ich trotzdem nicht vernachlässigen. So leicht, wie Mama sich das vorstellte, würde es sicherlich nicht werden. Leo's Pub war der einzige in ganz Coldwyn gewesen und auch Restaurants gab es erst wieder in Hellington, der nächstgrößeren Stadt. Lediglich ein kleines Café gab es noch, in dem mir meine Erfahrungen als Kellnerin möglicherweise nützlich waren. Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, dass die beiden älteren Damen, die das Café führten, ausgerechnet jetzt eine Aushilfe einstellen wollten. Schließlich hatten sie dies seit ihrer Eröffnung vor über zwanzig Jahren nicht als notwendig empfunden.
Einen Versuch war es dennoch wert. Zumindest würde ich dann nach der erwarteten Absage guten Gewissens in Selbstmitleid versinken und meiner Weltreise schweren Herzens nachtrauern können.
Es hatte keine zwei Tage gedauert, bis die gesamte Mannschaft von meiner Verwarnung gehört hatte. Spätestens morgen wusste vermutlich die ganze Schule Bescheid und in ein paar Tagen jeder in der Stadt.
Obwohl es mich nervte, der Gesprächsstoff der Mannschaft zu sein – besonders, weil es ausnahmsweise diesen negativen Beigeschmack hatte –, hatte diese Sache auch etwas Gutes. Denn jedes Mal, wenn mich jemand auf die Verwarnung angesprochen hatte, hatte ich auf meine Erklärungen dieselbe Reaktion erhalten: »Das kann der Coach doch nicht machen!«
Und je öfter ich diese Worte gehört hatte, desto sicherer war ich, dass ich nichts zu befürchten hatte. Wieso sollte Coach Fitzpatrick meine Rugby-Zukunft von einem einzigen Schulfach abhängig machen? Bestimmt hatte Mr Bauer ihm ins Gewissen geredet. Sobald ich dem Coach aufzeigte, wie unfair seine Verwarnung war, würde er diese sicherlich zurückziehen.
Deshalb war ich gerade auf dem Weg in sein Büro. Ich musste Coach Fitzpatrick zur Vernunft bringen.
Wie erwartet saß der Coach über der Anmeldeliste für die Tryouts und bat mich sofort zu sich, als ich an seine Tür klopfte.
»Kennst du jemanden von den Frischlingen? Es sind wohl ein paar Geschwister von aktuellen oder ehemaligen Spielern dabei.«
»Nicht wirklich«, gab ich zu. »Ich hab nicht viel Kontakt zu den Kids.« Die einzige Person im Junior Cycle, die ich wirklich kannte, war Harrys Schwester, die jedoch nicht auf der Liste der Frischlinge stand.
»Dann werden wir sie uns wohl erst einmal alle genau anschauen müssen, bevor wir uns eine Einteilung überlegen können. Hast du dir schon Gedanken gemacht, wie wir Positionen schieben? Shaun wird auf jeden Fall weiter nach vorne rutschen.«
Natürlich hatte der Coach auch schon bemerkt, was Harry und ich letzte Woche im Training festgestellt hatten. Doch ich hielt mich zurück, auf seine Frage einzugehen, um mit ihm nicht in endlosen Diskussionen über Rugby zu enden und mein eigentliches Anliegen aus den Augen zu verlieren.
»Eigentlich bin ich gekommen, um mit Ihnen über die Verwarnung zu sprechen«, sagte ich deshalb. »Ich verstehe ja, dass Sie und Mr Bauer mich motivieren wollen, und ich verspreche auch, dass ich mir in Zukunft mehr Mühe geben werde. Aber Sie können doch nicht ernsthaft vorhaben, mich aus dem Team zu werfen!«
Der Coach seufzte und wirkte plötzlich überhaupt nicht mehr erfreut über meine Anwesenheit.
»Josh, ich weiß, das ist eine unschöne Situation. Aber du hast die Fäden in der Hand. Wenn du dich anstrengst, wirst du ganz normal im Team bleiben.«
»Ich werde mich anstrengen, wirklich. Aber Mr Bauer wird es mir nicht gerade leicht machen. Was soll das überhaupt heißen: in der nächsten Prüfung verbessern? Und außerdem hat meine Deutsch-Note doch überhaupt nichts mit Rugby zu tun. Sie können doch nicht aufgrund irgendeines unwichtigen Fachs über meine Rugby-Zukunft entscheiden!«
»Ich entscheide gar nichts, sondern ganz allein du«, sagte der Coach und klang dabei fast vorwurfsvoll. »Mr Bauer verlangt von dir ja nichts Unschaffbares. Er will lediglich sehen, dass du die Prüfung zum Ende des ersten Trimesters mit einer besseren Note abschließt als letztes Jahr. Es liegt also ganz allein bei dir, ob du dir von einem Schulfach deine Rugby-Position wegnehmen lässt oder ob du dafür kämpfst, im Team zu bleiben.«
»Sollte ich wirklich dafür kämpfen müssen, im Team zu bleiben? Sie haben selbst gesagt, dass Ihre Entscheidung nichts mit meiner Leistung auf dem Feld zu tun hat. Ich bin einer der wichtigsten Spieler für Sie. Verdammt, ich bin sogar Captain. Wenn ich für das zweite Trimester aus dem Team suspendiert werde, dann zerstören Sie nicht nur meine Rugby-Zukunft, sondern auch die Chancen auf den Meisterschaftspokal für das ganze Team! Also warum lassen Sie sich von Mr Bauer überhaupt in diesen Deal hineinziehen?«
Der Coach holte Luft, doch ich gab ihm keine Gelegenheit, sich zu verteidigen. Ich war gerade erst in Fahrt gekommen.
