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Vivi ist mit ihren Eltern Eva und Kristoph vor nicht zu langer Zeit aufs Land gezogen - in Tant' Maries Hus. Hier kann Vivi ihre geliebteb Isis "hinterm Haus" halten. Doch eines schönen Tages wird ein Alptraum wahr: die Ponys sind spurlos verschwunden... Dieser Ausbruch bringt ungeahnte Wendungen in Vivis Leben...
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Dörte Nibbe
Tant Maries Hus
Der Reitklub
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Danke
Schreck in der Morgenstunde
Ende und Anfang
Dienstag
Marits Besuch
Manama
Manama, Mangold und Mut
Ferien – endlich Zeit für wirklich Wichtiges!
Eva gibt Rätsel auf
Manchmal kommt es anders…
Wege neu entdeckt
Kinder, Kinder!
Tant’ Maries Reitklub
Gut gelaunt
Feuer in der Nacht
Morgenritt
Impressum neobooks
Danke
Danke an meine Eltern - ohne sie hätte ich nie das erlebt, was ich erleben durfte!
Danke an alle Pferde, die mein Leben so bereichert haben - besonders an Kella und Kinning!
Danke an alle, die mich auf meinem Pferdeweg begleitet haben!
Und Dank an meine Familie, die mein Schreiben akzeptiert...
Und noch eine Bitte: Ich liebe Pferde, aber seinen eigenen Weg mit ihnen muss jeder selbst finden.
Meine Beschreibungen sind keine Reitlehre... Es ist nur eine Geschichte und erhebt keinerlei Anspruch auf Professionalität...
Als Ronja Vivienne aufwachte, schien die Sonntagssonne bereits warm in ihr Zimmer und blendete sie im ersten Moment in ihren blauen, noch etwas schläfrigen Augen. Doch schon bald war sie hellwach, schlüpfte ohne weiteres Bedauern aus ihrem kuscheligen Kojenbett, schnappte sich von ihrem Stuhl die Klamotten von gestern und verschwand im Badezimmer. Ihre Mutter Eva rümpfte zwar immer die Nase, wenn sie diese Klamotten mit in ihr Zimmer nahm, weil sie den Geruch - ganz im Gegensatz zu ihr selbst - nicht ausstehen konnte. „Vivi!“, pflegte sie zu sagen. „Die Kleidung stinkt! Dein Zimmer ist doch kein Stall!“ Leider, dachte Vivi dann immer. Kopf an Kopf mit den Islandpferden zu schlafen war ihr Traum. Aber Eltern sind da eben komisch.
Eine kurze Wäsche reichte Vivi heute, sie nahm sich die Bürste und ein dickes, hellblaues Haargummi und band ihr aschblondes, leider recht dünnes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. Gut gelaunt schlüpfte sie in ihre halbhohen, etwas derben, jedoch äußerst praktischen Reitschuhe aus Fettleder, denen man den intensiven Gebrauch ansah.
Das Wohnhaus, in das sie mit ihren Eltern vor gar nicht so langer Zeit gezogen war, hatte einen Zugang über die Diele, eine praktische Dreckschleuse. Hier hatte Vivi auch ihre Schuhe, Stalljacken, Halfter und vieles mehr, was man im Umgang mit Pferden brauchte, untergebracht.
Das alte Haus bot ihnen allen viel Platz. Hier und da war noch Renovierungsbedarf und die Räume wurden im Winter nicht so warm beheizt. Dafür gab es in der Küche einen Holzofen und einen gemütlichen Kamin im Wohnzimmer. Für den Rest halfen warme Socken, Puschen und Wollpulli. Der Kopf blieb jedenfalls kühl und das war angenehm so. Vivis Oma hatte es immer so warm bei sich, dass Vivi davon ganz müde und mall im Kopf wurde. Dabei hieß ein alter Spruch doch: „Kopf kalt, Füße warm, das macht den reichsten Doktor arm!“
Vivi ging zur Diele hinaus in Richtung Paddock. Die beiden Isis, also Islandpferde, waren Mutter und Tochter. Sie hatten einen netten Offenstall mit Auslauf, dem Paddock. Um diese Zeit hatten sie immer Hunger - kein Hunger war bei den beiden ein Alarmzeichen!
Vivi rief sie beim Namen: „Kella, Kinning!“ Doch weder ein schwarzbrauner Kopf mit unregelmäßiger noch einer mit regelmäßiger Blesse tauchte auf!
„Nanu,“ wunderte sich Vivi, „da stimmt etwas ganz und gar nicht!“ Besorgt kletterte sie schnell über das Paddocktor in den gut eingezäunten Paddock und ging zum Offenstall. Alles, aber auch alles leer! Nicht eine Schweifspitze war zu sehen! Leer und verlassen! Der Schreck fuhr Vivi in die Glieder als sie wahrnahm, dass die Ketten am kleinen Durchgang neben dem Offenstall locker am Pfosten herunterhingen. „Scheiße!“, entfuhr es ihr wenig damenhaft. „Ich Idiot habe die Ketten gestern Abend nach dem Abäppeln nicht wieder eingehakt!“ Schnell lief sie über das Anwesen, aber nirgendwo war auch nur irgendein Hinweis auf die Ponys! Es blieb zu ihrem Entsetzen dabei, die beiden Isis waren weg - ohne eine Spur zu hinterlassen... Vivi wurde es abwechselnd heiß und kalt, die Knie waren wackelig. Weg, weg, weg dröhnte es in ihrem Kopf!
Was, was um Himmels Willen, konnte sie nun tun? Panik kam in ihr auf. Ausgebrochene Ponys waren beileibe kein Spaß! Die Straße in der Nähe war vielbefahren! Düstere Szenarien von verunfallten Ponys und Autos sowie Menschen schossen ihr durch den Kopf. Die Angst lähmte sie. Vertrieb das letzte bisschen klaren Verstand aus ihrem Kopf. Sie spürte es ganz genau, sie wollte schreien, weinen, heulen. Sich hinschmeißen und nie, nie wieder aufstehen. Aber jetzt kam zum Glück ein Funken Vernunft zum Vorschein und donnerte in ihrem Inneren: „Vivi, jetzt reiß dich zusammen, davon wird es nicht besser! Ruhe noch einmal! Überlegen und dann handeln!“
Vivi schluckte, atmete tief durch und sagte sich selbst: „ Immerhin kennen beide Ponys Verkehr und sind auch vieles andere gewohnt. Trotzdem bleibt es gefährlich.“ Sie wurde langsam wieder klarer!
Vivi brauchte jetzt Hilfe! Sie lief zurück ins Haus. Ihre Eltern waren gerade aufgestanden. Eva, ihre Mutter, kochte Kaffee. Das schulterlange und ebenfalls aschblonde Haar wollte mal wieder nicht so, wie es Eva gerne gehabt hätte, deshalb strich sie es andauernd zurück übers Ohr. Insgesamt sah Eva zierlich und schmal aus, fast knabenhaft in ihrer Jeans und dem T-Shirt. Kristoph war am Tischdecken. Vivis Vater war ebenfalls schlank, aber sein Haar war dicht und dunkel - naja, jedenfalls stellenweise noch. Er gehörte zu denjenigen, die früh meliertes Haar hatten, dafür ewig lange jung aussahen. Seine blauen Augen waren meist fröhlich und er tüftelte mit Ausdauer an Lösungen für die vielfältigsten Probleme.
„Mama, Papa,“ brach Vivi los, „die Ponys sind weg! Ich habe gestern Abend die Ketten nicht vorgemacht...Und ich kann sie nicht finden! Oh, mir ist ganz übel...“
„Mist!“, war Kristophs erster Kommentar und damit schon etwas weniger deftig als der erste Ausruf von Vivi - aber entscheidend waren Umgangsformen nun, gerade zu diesem Zeitpunkt, wirklich nicht!
„Ruhig! In der Ruhe liegt die Kraft!“ Eva weigerte sich hartnäckig, in solchen Situationen sich ihren Emotionen hinzugeben. Dies hatte sie sich weitgehend abgewöhnt, wenn es auch nicht einfach gewesen war.
„Ja,“ sagte Kristoph, „da hast du recht! Laßt uns sinnvoll vorgehen. Als erstes fragen wir bei der Polizei nach. Danach ist das Turnier dran, das heute im Dorf stattfindet. Vielleicht kann uns dort jemand weiterhelfen. Und wenn das nicht genug ist, sehen wir einfach weiter!“
Eva hatte sich bereits das Telefonbuch geholt und die Nummer der örtlichen Polizeistation herausgesucht. Während sie diese mit dem Finger markierte, wählte Vivi sie. Freundlich, klar und sachlich erklärte sie dem Polizisten die Lage. Die selbstverständliche Hilfe ihrer Eltern stärkte ihr den Rücken.
„Leider haben wir keine Meldungen über entlaufene Ponys hereinbekommen. Aber ich nehme die Beschreibung auf und melde mich, sobald ich etwas höre. Bitte rufe mich zurück, wenn du sie wieder hast! Und viel Glück - muss ja nicht immer gleich etwas passieren!“
„Natürlich melde ich mich, sobald wir sie haben!“, antwortete Vivi. „Vielen Dank!“
Vivi war erst einmal unglaublich erleichtert. Zwar waren die Ponys weiterhin verschwunden, aber immerhin hatte es wohl keinen Unfall gegeben! Das beruhigte sie sehr. Dennoch blieb genug Anspannung übrig. Sie musste weiter, weiter, weiter. Jetzt untätig zu sein schien ihr unmöglich - absolut unmöglich. „Ponys, Mensch, wo seid ihr denn bloß?“, rief sie innerlich. Aber sie bekam keine Antwort, nicht einmal ein Wiehern...
„Sollen wir jetzt zum Turnier?“, fragte Vivi. Eva nickte, blieb aber sachlich. „Ich bleibe besser zu Hause, falls der Polizist sich melden sollte oder die Ponys wiederkommen!“
„Danke, Mama, du denkst total mit!“ sagte Vivi bewundernd, denn trotz der gerade erlebten Erleichterung und ihres souveränen Telefonats blieb sie gefühlsmäßig etwas durch den Wind.
Kristoph lächelte ihr aufmunternd zu und nahm seine Autoschlüssel klimpernd und unternehmungslustig in die Hand.
„Los geht’s!“, sagte er munter, „vielleicht finden wir Spuren!“ War in ihm ein Pfadfinder oder etwa gar ein kleiner Indianer erwacht? Jedenfalls stand fest, dass er es Vivi dadurch leichter machte.
Der Turnierplatz, zu dem sie fuhren, war nur etwa zwei Kilometer weit entfernt am Rande des nächsten Dorfs. Der dörfliche Reitverein veranstaltete jedes Jahr ein Turnier, dass viele Reiter mit ihren Pferden lockte und sehr bekannt und beliebt war. Der Außenplatz war großzügig und gut angelegt. Die Reithalle, die mitten im Dorf lag, war hingegen sehr klein, aber gemütlich. Vor Jahren hatten engagierte Mitglieder diese Halle bei der nahen Bundeswehr demontiert und dort wieder aufgestellt. Ab und zu hatte Vivi sie auch im letzten Winter nutzen dürfen, deshalb war sie dem Verein beigetreten, dessen Beiträge wirklich sehr human waren.
Trotzdem es noch relativ früh war, hatte sich der Turnierplatz schon sehr gefüllt. Immer mehr Gespanne rumpelten auf den Parkplatz, Pferde wurden entladen und vorbereitet, Hunde kläfften und zogen an Leinen. Auffällig viele Jack Russels waren zugegen. Vivi fragte sich, warum diese Hunderasse so in Mode war. Aber insgeheim schwärmte sie selbst ja auch für einen Islandhund...
Das Turniertreiben interessierte Vivi nicht weiter, sie nahm es nur nebenbei wahr, während sie mit Kristoph über den Platz ging. Sie sprachen alle, die sie kannten, wegen der Ponys an - doch keiner hatte sie gesehen oder etwas vernommen. So strebten sie weiter auf die Turnierleitung zu und teilten auch dieser ihr Anliegen mit. Natürlich würde man sie benachrichtigen, sobald man etwas sehe oder höre. Hier war es egal, ob man Großpferde ritt oder Ponys, in der Not half man sich gerne. Auf der einen Seite wurde Vivi mit ihren Isis etwas belächelt im Verein, auch weil sie anders ritt, auf der anderen waren auch viele fasziniert und neugierig. Was hatte es mit dem Tölt auf sich? Waren die Ponys wirklich so robust? Und diese ausgeglichene Ruhe, die sie demonstrierten wurde auch bemerkt, manchmal mit einem Anflug von Neid.
„So, direkt ein Erfolg war es nicht,“ kommentierte Vivi. „Was jetzt?“
„Wir nehmen das Auto und fahren die Feldwege entlang, ob wir sie irgendwo erblicken können. Komm’, irgendwann tauchen sie auf!“ bestimmte Kristoph.
Kristoph nahm alle Wege, die Vivi sonst auch ritt und die ihnen bekannt waren. Es blieb dabei, nirgends auch nur irgendwo in der Ferne zwei braunschwarze Punkte. Vivi hatte schon das Gefühl, dass ihre Augen automatisch alles abscannten und nach Schema F sortierten. Zunehmend wurde sie innerlich leerer, matter und eine Form der Niedergschlagenheit durchzog sie.
„Du Papa,“ sagte sie schließlich, „ es macht keinen Sinn noch weiter zu suchen. Sie könnten überall sein - und nirgends sind sie zu sehen...“
„Ja, sieht im Moment leider so aus,“ gab Kristoph zu. Auch er war nicht mehr ganz so munter wie zuvor. Mechanisch betätigte er den Blinker und bog in den Feldweg ein, der nach Hause führte.
Es folgten noch ein paar mehr Wege, doch es blieb, es blieb unerbittlich dabei, dass die Ponys verschwunden waren. Still und auch etwas erschöpft kamen sie zu Hause, bei Tant Maries Hus wie sie es nannten, wieder an.
„Hallo, ihr Lieben,“ begrüßte Eva sie. „Leider kann ich auch nichts Neues bieten, weder eine Nachricht noch die Ausreißer persönlich! Aber ein Frühstück, dass ist fertig!“
„Mama, du bist lieb, das brauche ich jetzt, auch wenn ich wirklich nicht mehr weiter weiß. Es kommt mir so unerträglich vor, dass ich nun nur warten kann, untätig sein. Kann denn hier keiner zaubern oder hellsehen?“
„Nee, kann keiner. Aber du kannst essen und dich stärken. Ein Häufchen Elend bringt die Ponys auch nicht wieder!“ Eva blieb pragmatisch. Sie wusste, dass Aufregung körperlich anstrengend war und hinterher ihren Tribut forderte. Entweder man war vernünftig und gönnte sich Stärkung oder man wurde schwach und bekam Bauch- und Kopfschmerzen. Entschieden favorisierte Eva die vernünftige Lösung und ließ daran keinen Zweifel.
So aß Vivi zu ihrer eigenen Überraschung mit großem Hunger und war trotz des warmen Wetters dankbar für den frischen Kräutertee, den ihre Mutter aufgesetzt hatte. Eva hatte mit Bedacht erfrischende Kräuter wie Minze und Melisse aus ihrem Garten genommen.
Kristoph war ebenfalls dankbar am essen und genoss den frisch gebrühten Kaffee.
„Jetzt heißt es warten,“ stellte er noch einmal fest. Vivi nickte stumm.
Zermürbend langsam verging die Zeit. Es schien geradezu, als ob die Uhrzeiger den extra langsamen und äußerst bedächtigen Gang einer schleichenden Schnecke eingelegt hätten. Durst und Hunger waren schon lange gestillt. Das Gespräch am Tisch drehte und dreht und drehte sich nur noch im Kreis. Immer wieder kamen Aufmunterungen, aber alles blieb wie es war. Kein Isi, kein Pony. Vivi fühlte, dass ihr die Tränen kamen. Was, wenn Kella und Kinning irgendwo tot oder verletzt waren? Wo, wo sollte sie sie suchen? Verdammt noch einmal, wo?
Vivi war sich sicher, dass Kella und Kinning schon in der Nacht losgelaufen waren, bald nachdem sie ihr Heu gefressen hatten. Kella und Kinning waren gut trainiert. Vivi ritt Kella oft lange Strecken. Kinning, Kellas Tochter, war erst vier und noch nicht angeritten. Isländer gehörten zu den spätreifen Rassen. Frühestens mit vier Jahren begann man sehr leicht mit dem Reiten. Aber Vivi hatte Kinning oft als Handpferd mit und das auch auf längeren Ritten. Zum ersten Anreiten sollte Kinning doch schon Ausdauer haben! Vivi schluchzte. Ob sie Kinning jemals reiten könnte?
Kinning hatte doch schon so viel gelernt, ließ sich super führen, gab anstandslos die Hufe und die Bodenarbeit lief ebenfalls super! Ab und zu hatte ihre Mutter ihr mit brauchbaren Tipps zur Seite gestanden, im Grunde wie eine Reitlehrerin, eben nur sehr sporadisch und fast immer unvorbereitet aus heiterem Himmel. Vivi war fasziniert vom Pferdeverstand ihrer Mutter, die so gar keinen Pferdeduft im Haus dulden wollte. Jedes Mal wieder fragte sie sich, warum Eva nicht mehr ritt, denn früher musste sie doch geritten sein. Eva hatte allen Versuchen Vivis, sie aufs Pferd zu bekommen, getrotzt, vehement. Und Papa Kristoph wusste bestimmt mehr, schwieg jedoch wie ein vermauertes Grab.
Vivis Gedanken kehrten zurück. Sie stellte gedanklich noch einmal klar, dass die Ponys Kondition hatten. Hinzu kam ihre instinktive Pferdeseite - sie waren Fluchttiere. Zusammengenommen bedeutete dies, dass sie irgendwohin, mehr oder weniger kopflos, kilometerweit gelaufen sein konnten. Sonst wohin. Diese Gedanken munterten Vivi keineswegs auf.
„Vivi,“ riss Eva sie aus diesen Gedanken, „vom Herumsitzen wird die Arbeit nicht weniger. Du kannst genauso gut den Paddock abäppeln und alles fertig machen! Wenn jemand anruft, bin ich ja hier.“ Pragmatische Eva! Vivi wusste, dass ihre Mutter recht hatte. Sie erhob sich von ihrem Stuhl, ging in die Diele und zog wieder die Fettlederschuhe an. Ihr Blick fiel auf die vereinsamten Halfter, die ordentlich an ihren Haken hingen. Noch so ein Punkt, schoss es Vivi durch den Kopf, denn wie sollte jemand die Pferde festbinden oder fangen, wenn sie nackt, halfterlos waren? Vivi selbst hatte nie Probleme, sie ohne Halfter zu fassen zu bekommen. Beide ließen sich auch sehr gut aufhalftern. Nur nicht, wenn sie gerade erst ein paar Minuten auf der Weide waren und fressen wollten. So ließ Vivi sie grundsätzlich ohne Halfter laufen, sowohl auf der Weide als auch im Paddock. Halfter waren immer Gefahrenquelle für Verletzungen, egal wie gut sie saßen. Vivi hatte zudem niemals Zweifel daran, dass sie ihre Ponys aufhalftern konnte. Ihr Vertrauen in sie war bodenlos tief.
Ja, in Vivis Augen waren die Ponys einmalig grandios. Sowohl Kella als auch Kinning waren absolut verkehrssicher, beide konnten lange Zeit ruhig angebunden stehen und sie konnte jedes Pony für sich allein nehmen, ohne dass es am anderen klebte, unwillig wurde oder ängstlich. Das hatte Vivi sehr früh mit ihren Isis geübt und war stolz darauf. Manchen guten Tipp hatte sie auch von ihrer Mama bekommen. Es blieb unglaublich, dass Eva selbst nicht ritt...
Vivis Gedanken schweiften weiter. Sie wusste, dass Kristoph sehr lange mit ihrer Mutter geredet hatte, bevor sie Kella und Kinning bekam. Irgendetwas, da war Vivi sich sicher, hielt ihre Mutter vom Reiten ab. Irgendein Erlebnis? Eva erzählte nichts und Vivi bohrte auch nicht mehr weiter, wie sie es früher versucht hatte. Sie hatte zu deutlich gespürt, dass Eva sehr abweisend und wütend werden konnte, wenn sie dieses Thema anschnitt. Außerdem fand Eva dann immer Beschäftigungen für Vivi, die vom Thema ablenkten und nicht zu Vivis bevorzugtem Zeitvertreib gehörten. Vivi zuckte mit den Achseln und murmelte: „Kommt Zeit, kommt Rat!“
Aus der kühlen und angenehm schattigen Diele trat Vivi in die späte Vormittagssonne, die schon heiß brannte. Automatisch, als ob sie programmiert wäre, ging sie zur Mistplatte und sammelte die ordentlich bereitstehenden Geräte, den Äppelboy und die Forke, auf die Schubkarre. Geräuschvoll rumpelte sie mit der beladenen Karre den Weg zum Offenstall. Keine Kette versperrte ihr den Weg...
„Vivi,“ schimpfte sie mit sich selbst, „es ist passiert, nun musst du da durch!“ Das war zwar richtig, aber auch nicht tröstlich. Vivi begann mit dem Stall, doch im Stroh lagen nur zwei verwaiste Haufen Pferdeäppel, im Auslauf, dem Paddock, waren es auch kaum mehr. Viel zu schnell war die Arbeit getan. Die Ponys mussten wirklich früh ihre Chance ergriffen haben...
Viel zu früh hatte Vivi alles nach dem Misten wieder ordentlichst weggeräumt, es gab nichts mehr zu tun. Aus der Werkstatt ihres Vaters hörte sie Bohrgeräusche. Auch Kristoph war am Werken.
Vivi füllte als letztes noch die Futtereimer für den Abend. Normalerweise waren die Pinys jetzt ein paar Stunden auf der Weide... Doch, sorry, was war an diesem herrlich sonnigen Sonntag schon normal? Vivi wollte sich beschäftigen, aber ihre Arbeit war bereits getan. An einem anderen Tag hätte sie sich darüber gefreut. Heute wünschte sie sich, dass die Arbeit ewig gedauert hätte...
„Komm, Vivi,“ munterte sie sich selbst auf, „dann putzt du endlich mal Sattel, Trense und alles andere... Muss doch auch gemacht werden!“ Sie tauchte wieder in den Schatten der Diele ein und holte sich als erstes den Sattel, welchen sie über das Paddocktor legte. Danach kramt sie Sattelfett, Lappen, Bürste, Sattelseife und einen Putzeimer hervor. In den Eimer füllte sie etwas Wasser, dann trug sie alles zum Sattel. Vivi löste gerade die Schnallen vom Sattelgurt, als sie die Stimme ihrer Mutter hörte.
„Vivi! Herr Hansen hat angerufen! Seine Tochter Marit hat heute morgen zwei Ponys eingefangen und auf die Hausweide gestellt! Nun war er zum Turnierplatz gefahren , um zu fragen, ob die Ponys vermisst werden! Da bekam er unsere Telefonnummer. Also, den Ponys geht es bombig, die Nasen stecken im leckersten Gras!“
„Juchhu!!!“ Vivi rannte zu ihrer Mutter und umarmte sie erleichtert. Eva kam es vor, als ob sie erdrückt würde! Kristoph kam ebenfalls angestürzt.
„Puh,“ sagte er, „dann wollen wir mal die Ausreißer heimholen, oder? Wo wohnt denn der Herr Hansen?“ Typisch Kristoph, er war sofort wieder beim nächsten Schritt, während in Vivi alles pochte und hämmerte, in ihr alles zu jubeln und vor Freude zu hüpfen schien!
„Zwei Ortschaften weiter,“ antwortete Eva, „im Außenbereich Du musst in Hackstedt Richtung Wiel abbiegen und dann weiter fahren, am Wald vorbei und bei der nächsten Kreuzung geradeaus. Der erste Hof auf der linken Seite ist es dann. Der Stall hat grünes Blech und zur Straßenseite hin steht ein Feldstein mit ‘Hansen’ darauf.“
„Ich hole Trense, Halfter und Stricke!“ rief Vivi, die nun auch wieder handlungsfähig war und klare Gedanken fassen konnte. So schnell wie möglich wollte sie jetzt zu ihren Lieblingen. In Windeseile hatte sie alles zusammen, sämtliches Zaumzeug sowie die Putztasche und eine Bauchtasche mit Leckerlis. Kristoph packte alles in den geräumigen Kofferraum des betagten silbernen XM Breaks, den er manchmal liebevoll als seine Großraumsänfte bezeichnete. Kristoph hatte sich fasziniert in die Schwebetechnik von Citroën eingearbeitet und nahm alle Herausforderungen an, die das Instandhalten der alten Dame bot. Entsprechend hatte er sich seine Autowerkstatt eingerichtet. Im Nebengebäude von Tant’ Maries Hus war es ihm endlich möglich geworden, alles geordnet unterzubringen. So war es kaum verwunderlich, dass auch Eva einen XM fuhr und alle das Schweben über die manchmal doch etwas holprigen Wege genossen. Über akute Bastelstellen im Auto oder ungewöhnliche Techniken wie Extrakabel im Motorraum, die man an die Batterie halten musste, damit die Dame doch ihre Dienste tut, wurde großzügig hinweggesehen. Wie auch jetzt, als Vivi sich auf den Beifahrersitz setzte und ihre Füße neben den Kabelsträngen platzierte, die Kristoph gerade bearbeitete. Wahrscheinlich hätte sich Vivi im Moment sogar auf ein Fakirkissen aus Nägeln gesetzt und nichts gemerkt, so aufgeregt war sie gerade.
Eva hatte versprochen, die Polizei über das Wiederfinden zu informieren. Noch hatte der nette Polizist von heute Morgen Dienst.
Als Kristoph vom Hof auf den Weg bog, sagte er zu Vivi: „Merk’ Dir mal den Kilometerstand, am Ende des Zählers steht 18,4! Bist du echt sicher, dass du zurück reiten willst?“
„Klar, die beiden sind doch echt lieb und zuverlässig - jedenfalls wenn die Ketten zu sind!“, erwiderte Vivi entschlossen. Da mussten beide lachen und etwas der vergangenen Anspannung fiel herab. Vivi war es fast, als ob sie es plumpsen gehört hätte. Sie hatte eh schon das Gefühl, dass auf dem Platz vor dem Haus ein paar Steine mehr lagen als zuvor, so viel leichter war ihrem bangen Herzen geworden.
„Hier ist der Wald,“ sagte Vivis Vater. Die Straße war von mehr oder weniger dicht bewachsenen Knicks gesäumt, die im frischen Grün strahlten und freundliches Geleit gaben. Leicht und weit führte sie bergab. Nach einem ebenen Straßenabschnitt kamen sie auf die Kreuzung zu. Das grüne Blech des Stalls schimmerte ihnen durch alte Bäume entgegen, die den Hofplatz von der Weide trennten, die an der Straße lag. Auf der Weide war ein Fuchs zu sehen, der rotgold in der Sonne glänzte, jedoch kein Isi.
Kristoph querte die Kreuzung und bog hinter dem Feldstein mit ‘Hansen’ darauf auf den Hof ab. Auf der Auffahrt hielt er den Wagen in der Höhe des roten Backsteinhauses mit den grünen Fenstern an. Kaum hatten sie gehalten, kam aus der Klöntür der Diele, die zwischen dem alten Stall und dem Wohnhaus lag, ein älterer Bauer heraus, der einfach Herr Hansen sein musste. Er begrüßte sie freundlich und nahm sie gleich mit zu der Weide, die am Ende der Hofauffahrt lag. Hinter dem Knick, der nur durch das Weidetor unterbrochen war, konnte Vivi endlich, endlich ihre beiden Ausreißer erblicken, die zufrieden das saftige Gras fraßen. Als Vivi sie rief, blickten sie kurz auf, fraßen dann jedoch unbeirrt weiter.
„Heute Morgen,“ erzählte Bauer Hansen, „war die Überraschung riesig! Marit hörte Hufgetrappel auf der Straße und traute ihren Augen nicht, als sie die beiden Ponys erblickte. Sofort hat sie Manamas Halfter gegriffen und etwas Futter in einen Eimer getan und ist klappernd und lockend zu den Ponys gegangen. Die Ältere kam näher und ließ sich anfassen und aufhalftern. Als Marit sie zum Hof führte, kam die Junge hinterher. Marit hat sie dann auf der Weide quasi dingfest gemacht!“ Bauer Hansen lachte. „Marit meint, das die beiden Isländer sein. Stimmt das?“
„Ja, da hat sie recht! Gott sei Dank war Marit so geistesgegenwärtig und hat gehandelt! Ist sie zu Hause?“, wollte Vivi wissen.
„Nee, leider nicht. Se jobbt ein bisschen. Ich habe ihr deshalb versprochen, mich beim Turnierplatz zu erkundigen, ob jemand Ponys vermisst. Ist ja immer dumm, wenn einem die Viecher weggelaufen sind... naja, Marit wäre schon gerne hier,“ erklärte Bauer Hansen. „Marit wollte schon länger gerne mal Isländer kennen lernen, die gehen wohl irgendwie anders. Ich kann das ja nicht verstehen. Ihr Holsteinmix auf der Weide vorn scheint mir doch reeller zu sein, gerade wenn man auch anfängt, erwachsen zu werden!“
Vivi lachte innerlich und blieb ruhig. Typisch Bauer, dachte sie. Laut sagte sie jedoch:
„Du, Papa, Marit kann uns doch besuchen und Kella und Kinning richtig kennen lernen. Dann kann ich mich bei ihr auch noch einmal ordentlich bedanken!“ Diese Idee fand sofort bei allen Anklang und für Mittwoch wurde gleich ein Besuch verabredet, wobei Marits Einverständnis vorausgesetzt wurde.
„Tja,“ sagte Bauer Hansen, „wenn ihr jetzt allein zurecht kommt, mache ich Mittagstunde. Bin leider nicht so ganz gesund.“
„Natürlich!“ antwortete Vivi. Sie und Kristoph bedankten sich noch einmal sehr herzlich.
„Ist doch selbstverständlich,“ sagte Bauer Hansen, „mit den Viechern muss man sich gegenseitig helfen!“ Er schüttelte ihnen zum Abschied die Hand und verschwand hinter der Klöntür der Diele.
Vivi ging nun mit Halftern und Stricken auf die Weide und holte Kella und Kinning nach einer ausführlichen Begrüßung zum Tor, an dem sie sie festband. Beide Ponys standen ruhig und vollgefressen dar. Nachdem Vivi Kella ausgiebig geputzt hatte, putzte sie Kinning kurz über. Kristoph hatte ihr inzwischen aus dem Kofferraum Sattel und Trense geholt und nahm ihr das Putzzeug ab.
Vivi sattelte Kella routiniert und sorgfältig auf, schimpfte leise, weil der Bauch so dickgefressen war, und legte ihr anschließend die Trense an. Das Halfter hatte sie über dem Hals gelassen und knotete den Strick so fest, dass Kella nicht gestört wurde. Kinnings Strick löste sie ebenfalls vom Tor und stieg mit Kinning an der Hand auf Kella auf. Ihr Vater reichte ihr die lange blaue Gerte.
Aufmunternd schnalzte Vivi und Kella stapfte brav los, Kinning folgsam nebenher. Unter ihrem Reithelm strahlten Vivis blaue Augen mit dem sonnigblauen Himmel um die Wette. Beim Auto parierte Vivi die Ponys zum Halt und fragte: „Papa, wie viele Kilometer sind es nach Haus?“
„Augenblick, ich schaue schnell im Auto nach!“ Kristoph öffnete die Fahrertür und schaute auf das Armaturenbrett. „23,7 ist der Kilometerstand, also 5,3 km Distanz!“ Er sah Vivi fragend an, ob das machbar sei.
„Ist okay!“, sagte Vivi, „so ungefähr eine gute Stunde brauchen wir! Danke für deine Hilfe! Bis später und grüß Mama!“ Auf einem leichten Druck mit ihren Beinen setzte Kella sich in Bewegung, Kinning folgte wie gewohnt und der Heimritt begann.
