Tanz der Finanzen - Thomas Neiße - E-Book

Tanz der Finanzen E-Book

Thomas Neiße

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Beschreibung

In der Wertebank entsteht die Idee, der Regierung die Schaffung eines Bürgerfonds vorzuschlagen, finanziert aus zu Nullzinsen begebenen Anleihen. In Aktien investiert entstünde so ein stetig wachsendes Volksvermögen in Deutschland. Tatsächlich erhält sie von der Regierung den Zuschlag zum Management dieses Fonds. Das weckt in der Branche Neid und Begehrlichkeiten. Außerdem be­fürch­tet Amerika eine Verschiebung der globalen Kapitalmarktgewichte zu seinen Ungunsten. Die Versuche, den Fonds zu torpedieren, gipfeln schließlich in Mord und Totschlag. Doch auch die Wertebank kämpft erbittert gegen ihre Wider­sacher – bis zum atembe­rauben­den ­Finale.

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Seitenzahl: 504

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Thomas Neiße

TANZ DER FINANZEN

Ein Wirtschaftskrimi

»Tanz der Finanzen« ist eine fiktive Geschichte. Handlung, Personen und Dialoge sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten wären rein zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2021 by R. G. Fischer Verlag

Orber Str. 30, D-60386 Frankfurt/Main

Alle Rechte vorbehalten

Schriftart: Bergamo 11pt

Herstellung: rgf/bf/1A

ISBN 978-3-8301-1875-6 EPUB

Für meine Tochter Sabrina,die immer an mich geglaubt hat.

Inhalt

Prolog

Treffen

Lichtblick

Abschneiden

Verkrümeln

Überraschungen

Rachegelüste

Teambildung

Angriffsplanung

Details

Anpfiff

Signale

Bestandsaufnahme

Frust

Lackmustest

Rückschritt

Fortschritte

Strategieänderung

Wechselbad

Entdeckungen

Veränderung

Einweisung

Permanenz

Entwicklung

Vorbereitung

Veränderungen

Fiasko

Frontveränderungen

Rückschläge

Erkenntnisse

Wiederbelebung

Aussprache

Fortgang

Präparieren

Zuspitzung

Faktensammlung

Planspiele

Wandel

Repetition

Eskalation

Management

Erkenntnis

Diskreditierung

Wechsel

Kraftproben

Nachverfolgung

Bombenwirkung

Probleme

Eskalation

Eruption

PROLOG

So schlecht ging es ihm gar nicht. Sie hatten ihm eine Einzelzelle zugewiesen, selbst in diesem vergleichsweise komfortablen Gefängnis ein Privileg. Das hatte am Anfang sehr viele kritische Blicke und Anfeindungen, sowohl von den Mitgefangenen als auch den Justizvollzugsbeamten, mit sich gebracht. Aber mittlerweile war er akzeptiert und, was in dieser Umgebung noch wichtiger war, respektiert. Dazu hatte vor allem seine Tätigkeit in der Gefängnisküche beigetragen, bei der er seine Fähigkeiten als exzellenter Hobbykoch voll ausspielen konnte. Aber auch seine mit flotter Musik gewürzte allabendliche Moderation aktueller politischer, wirtschaftlicher und gefängnisrelevanter Nachrichten auf dem hauseigenen Sender hatte ihm viele Pluspunkte eingebracht.

Konrad Pair war durchaus zufrieden mit seiner momentanen Situation, auch wenn der Verlust der uneingeschränkten Bewegungsfreiheit doch ab und zu an seinen Nerven zehrte. Aber letzteres war ja, wie er wusste, nur vorübergehend. Wie zur Bestätigung hörte er das Schloss an seiner Zellentür und sah seinen Aufseher eintreten.

»Sie haben Besuch.«

Na, dachte er, das wurde ja auch allmählich Zeit. An der Identität seines Besuchers hatte er keine Zweifel. Wer zu so später Stunde noch einen Besuchstermin im Gefängnis bekam, verfügte über erstklassige Beziehungen, und da kam nur eine Person in Frage. Als er das Besuchszimmer betrat, war er trotzdem überrascht. Zwar saß, wie erwartet, sein Führungsoffizier in dem Raum, er wurde allerdings von einer zweiten Person begleitet. Diese wies in ihrem Äußeren keinerlei hervorstechende Merkmale auf, sowohl Gesicht als auch Gestalt waren nichts sagend. Unwillkürlich fiel einem bei seinem Anblick die Farbe Grau ein. Sein Chef, Lothar Kaminski, dagegen trug einen etwas altmodischen, aber tadellos geschnittenen Zweireiher in einem kräftigen Blauton.

»Hallo, Herr Pair«, der bewusst joviale Unterton in der Stimme war nicht zu überhören, »schön, Sie wiederzusehen. Sie sehen gut aus. Das Leben in diesem, äh, überschaubaren Umfeld scheint Ihnen bestens zu bekommen.«

Pair nickte ihm zu und setzte sich an die andere Seite des Tisches. Auf seinen fragenden Blick fuhr Lothar Kaminski fort: »Ich habe, Ihre Einwilligung vorausgesetzt, noch Max Snyder, einen Kollegen aus den USA, mitgebracht. Er ist derjenige, der uns damals um Amtshilfe gebeten hat, und wir benötigen ihn noch für ein paar Formalitäten, die auch in Ihrem Sinn sein dürften.«

Konrad Pair sagte immer noch nichts und sah Max Snyder direkt an. Neben der Farbe Grau kam ihm dabei noch kalt, eiskalt in den Sinn.

Snyder lächelte dünn. »Ich freue mich, Sie kennen zu lernen. Sie haben uns damals aus einer ziemlichen Verlegenheit geholfen, aber ich denke, unsere gesamte, mhh, Branche sollte Ihnen dankbar sein. Die US-Regierung ist es jedenfalls. Es wäre äußerst problematisch gewesen, wenn Samuel Leist unsere Existenz und Arbeitsmethoden ausgeplaudert hätte. Daher haben wir uns bereit erklärt, Sie mit einer neuen Identität auszustatten, damit Sie aus der deutschen Öffentlichkeit verschwinden können. Ich hoffe doch, Sie haben nichts dagegen, zu einem Amerikaner zu mutieren.«

Er nahm den von Snyder über den Tisch geschobenen amerikanischen Pass entgegen und blätterte in ihm herum. Das Bild war identisch mit seinem deutschen Passbild.

»John Norton, wer hat sich denn diesen fantasievollen Namen ausgedacht? Und wo soll ich Ihrer Meinung nach wohnen und arbeiten? Ich nehme doch an, dass ich arbeiten soll.«

Snyder und Kaminski tauschten einen flüchtigen Blick, bevor Letzterer antwortete: »Unsere amerikanischen Kollegen sind sehr an einer Mitarbeit in ihrer Organisation interessiert«, das zustimmende Nicken war die bisher lebhafteste Regung von Max Snyder, »das bedeutet natürlich, dass Sie Ihr Domizil in Washington DC aufschlagen. Wir geben Sie hiermit an Silberstein und Partner ab, mich werden Sie in der Ihnen vertrauten Rolle nicht wiedersehen. Sie werden übrigens morgen in aller Herrgottsfrühe entlassen«, dabei umspielte ein leicht boshaftes Lächeln seine Lippen. »Natürlich wegen guter Führung. Sechs Monate Haft haben ausgereicht, um Sie aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit zu tilgen. In Ihrem eigenen Interesse sollten Sie aber unverzüglich in die USA reisen, wir haben für Sie einen Flug für übermorgen gebucht. Sehen Sie zu, dass Sie, wenn Sie Ihre persönlichen Sachen aus Ihrer Wohnung holen, nicht gesehen werden und kontaktieren Sie auch niemanden. Wir wollen keine dummen Fragen bezüglich Ihrer viel zu frühen Entlassung aus dem Gefängnis auslösen. Alles Gute, Herr Norton.«

Mit diesen Worten standen seine beiden Besucher auf, nickten ihm noch einmal zu und schickten sich an, den Raum zu verlassen. Kurz vor der Tür stoppte sie jedoch die Stimme von Pair. »Mich würden aber schon die Auswirkungen meiner kleinen Aktion interessieren. Man erschießt schließlich nicht alle Tage einen Menschen.«

Für einen Moment glaubte er, seine Frage würde ignoriert werden, aber dann drehte sich Max Snyder zu ihm um. »Im Interesse einer künftig guten Zusammenarbeit darf ich Ihnen sagen, dass auch die Gespielin von Samuel Leist einem tragischen Unfall zum Opfer fiel.« Wieder dieses enervierende, dünne Lächeln. »Was die globale Banken-Allianz Ihrer Freunde von der Wertebank angeht, scheint diese wohl zu stocken, wie ich hörte. Der Chef der Allamo Trust hat seinen Posten aus gesundheitlichen Gründen zur Verfügung gestellt, und sein Nachfolger setzt offensichtlich andere Prioritäten. Auch die Chinesen sollen angeblich nicht mehr Feuer und Flamme für diesen Plan Ihres Freundes Peter Nehmer sein. Über deren Gründe kann man natürlich nur spekulieren.«

Bei den letzten Worten konnte auch ein Max Snyder eine boshafte Grimasse nicht unterdrücken.

TREFFEN

Diese Warterei ging ihm nun doch allmählich auf die Nerven. Der Abflug des Barcelona-Fluges verzögerte sich schon fast um zwei Stunden. Am Anfang fand er das nicht so schlimm, er hatte für heute ohnehin noch nichts in Barcelona geplant. Die Maya-Ausstellung, das eigentliche Ziel seiner Reise, öffnete erst morgen ihre Pforten. Allerdings wäre es mit Sicherheit spannender gewesen, sich in Barcelona die Zeit um die Ohren zu schlagen, als hier auf dem Frankfurter Flughafen zu versauern. Niels Werner seufzte resigniert, stand auf und machte sich auf den Weg zu dem kleinen Café nicht weit von seinem Gate. Unterwegs stockte allerdings sein Schritt. Ungläubig starrte er den Mann an, der ihm da entgegenkam.

»Konrad?«

Konrad Pair war nicht minder geschockt, fasste sich allerdings schnell. Er umklammerte Niels Werners Arm und zog ihn zu dem Café. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass in der Nähe des von ihm anvisierten Platzes keine unliebsamen Zuhörer saßen, zwang er Werner mit sanfter Gewalt, Platz zu nehmen. »Mein Name ist John Norton, Herr Werner«, und mit einem leichten Klopfen auf Werners Schulter: »Ich freue mich auch, dich zu sehen, Niels.«

»Du siehst mich leicht perplex. Meines Wissens wurdest du zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, nachdem du vor aller Augen im Gerichtssaal Samuel Leist erschossen hast. Das ist gerade einmal, warte, sechs Monate her.«

»Es war nicht im, sondern vor dem Gerichtssaal. Ich wurde gerade wegen guter Führung entlassen.«

»Konrad, erzähl keinen Scheiß. Was wird hier eigentlich gespielt?«

»Das ist eine lange Geschichte, na ja, so lang auch wieder nicht. Aber auf jeden Fall zu lang, um hier ohne einen Drink zu sitzen. Möchtest du auch ein Bier?«

Nach einem zustimmenden Nicken winkte Konrad Pair die Kellnerin heran und bestellte zwei Bier.

»Also Prost, mein Lieber. Ja, wo fange ich an?«

»Am besten am Anfang und angesichts der vielen Leute hier am besten im Flüsterton. Im Gerichtsaal, nein, vor dem Gerichtssaal hast du vor deinem Schuss zu Leist gesagt, dass Hakim dein bester Freund war.«

»War er auch, deswegen ist es mir ziemlich leichtgefallen, den Mistkerl zu erschießen. Hakim Sailer hat nie einer Fliege etwas zu Leide getan und diese Ratte Leist brachte sein Flugzeug zum Absturz. Das hat er ja selbst zugegeben. Ja, schau mich nicht so skeptisch an. Und dann hat er Peters Jungen entführt, damit Peter der von ihm initiierten Bankenfusion doch noch zustimmt.«

»Konrad«, Niels Werner sah ihn durchdringend an, »du bist doch ein viel zu rationaler Typ, um so einen Mord aus emotionalen Gründen auszuführen.«

Konrad Pair seufzte. »Natürlich war das nicht der einzige Grund für meine Aktion. Ich hatte schon immer gewittert, dass der Typ kein Normalo war. Er gehörte ja, wie wir heute wissen, einer streng geheimen Unterabteilung des Secret Service an. Diese wiederum operiert weltweit im Interesse der USA unter dem Deckmantel der legendären Investmentfirma von Silberstein und Partner. Die Gefahr war einfach zu groß, dass der Leist das alles rausposaunt, um seinen Kopf zu retten. Deshalb musste er aus dem Weg geräumt werden.«

»Aber Konny, was hat das alles mit dir zu tun?«

»Tja, jetzt kommen wir zu des Pudels Kern«, und nach einer längeren Pause: »Es versteht sich doch wohl von selbst, Niels, dass du zu niemandem auch nur ein Sterbenswort sagst?«

Nach dem lautlos formulierten Klar von Niels Werner fuhr Pair fort: »Auch ich gehöre seit ewigen Zeiten einer geheimen Organisation an, die aber deutsche Interessen vertritt, nennen wir sie mal Bundesnachrichtendienst. Die Amerikaner haben uns quasi um Amtshilfe gebeten. Und auch für uns wäre es nicht wünschenswert gewesen, bestimmte Kreise auf die Existenz unserer Zirkel aufmerksam werden zu lassen. Deshalb erging an mich der Auftrag, den Leist zu eliminieren.«

Niels Werner ließ zischend den unwillkürlich angehaltenen Atem entweichen. »Ich habe mich ohnehin schon gefragt, wie du eine Waffe durch die strengen Kontrollen am Gericht hast schmuggeln können.«

»Ja, du bist clever. Ein Gerichtsdiener hat sie mir zugesteckt, deswegen bin ich auch als erstes in den Gerichtssaal gegangen.« »Das bedeutet also, du hast nicht nur für die Wertebank und unseren Chef Peter Nehmer gearbeitet, sondern darüber hinaus auch noch alle Neuigkeiten aus der Wertebank brühwarm an den BND oder wen auch immer weitergeleitet. Sind derartige Arrangements eigentlich der Normalfall in der deutschen Wirtschaft?«

»Da bin ich überfragt, ich kenne ja nur meinen Fall. Die Routine, mit der ich von denen geführt wurde, spricht allerdings dafür, dass Derartiges nicht so selten ist. Schließlich besteht ein großes Interesse an Informationen aus der Wirtschaft und insbesondere aus der Finanzwelt.«

»Echt?«

»Ja. Der Übernahmekampf zwischen dem Brauner und seiner Meinebank und unserem Peter Nehmer mit der Wertebank hat die natürlich brennend interessiert. So etwas war ja in Deutschland einmalig. Und dann Peters Versuch, eine globale Banken-Allianz auf die Beine zu stellen. Da wird jeder Geheimdienst hellhörig, schließlich kann das enorme Komplikationen in der Finanzwelt auslösen.«

»Schon richtig, das erklärt aber immer noch nicht, wieso du jetzt hier herumspazieren kannst.«

»Ich spaziere nicht herum, sondern bin auf dem Weg in die Staaten. Meine dortigen neuen Freunde haben mir eine andere Identität verpasst und werden mich auch beschäftigen. Ich bin also jetzt John Norton, ein Teammitglied von Silberstein und Partner. Und jetzt verstehst du hoffentlich, warum du mich nie gesehen hast. Diese Sorte Amerikaner versteht keinen Spaß, sie haben auch die Geliebte von Leist in Moskau getötet.«

»Puh, Konrad, ich glaube, ich brauche jetzt noch ein Bier. Das muss ich erst einmal verdauen.«

»Ich bin dabei, mein Lieber, aber danach muss ich zum Flieger, der soll pünktlich starten.«

»Ganz im Gegensatz zu meinem.«

Niels Werner gab der Bedienung mit zwei Fingern ein Zeichen.

»Wo willst du eigentlich hin?«

»Nach Barcelona, da ist eine Ausstellung über die neuesten Maya-Funde auf Yukatan. Ich bin ein großer Fan ihrer Kultur.« »Ach, Quatsch, Niels, ich kenne dich doch, du bist mal wieder auf der Suche nach Außerirdischen und hoffst auf neue Hinweise durch die Ausgrabungen.«

Werner hätte sich beinahe an seinem zweiten Bier verschluckt. »Woher weißt du das denn?«

»Das hast du mir selber mal auf einem gemeinsamen Wochenendseminar erzählt. Erinnerst du dich nicht mehr? Nein? Na egal, es gibt wichtigeres für dich zu tun.« Konrad Pairs Gesicht war auf einmal todernst. »Hör zu, vergiss Barcelona und vergiss die Mayas. Fahr nach München zu Peter, der braucht dich. Wenn ich mich nicht allzu sehr täusche, hat er Probleme.«

»Woher willst du das denn wissen?«

»Dieser Typ aus Amerika, der für Silberstein arbeitet, ein gewisser Max Snyder, hat eine Bemerkung gemacht, nach der die Banken-Allianz zum Scheitern verurteilt ist. Sowohl die Amerikaner als auch die Chinesen scheinen aus der Sache auszusteigen. Er hat dabei ein so selbstzufriedenes Gesicht aufgesetzt, dass ich glaube, er hat mit Sicherheit seine Hand im Spiel. Wenn das stimmt, ist die Wertebank in ernsten Problemen, schließlich hat sie für diese Allianz einen Teil ihrer Aktivitäten eingestellt und würde damit mehr oder weniger nackt und bloß dastehen.«

»Puh, das wäre wirklich nicht so super. Aber was kann ich dabei für Peter tun? Wie du weißt, bin ich in erster Linie ein Asset Manager und weniger ein Bankmensch.«

»Genau das ist der Punkt. Deswegen braucht er dich. Um der alten Zeiten willen gebe ich dir jetzt einen Tipp«, Konrad Pair hob abwehrend die Hände, »bevor du etwas sagst, nein, ich gebe diesen Tipp nur dir und niemandem sonst. Im Gefängnis hat man viel Zeit zum Nachdenken, und ich habe ja so eine Art Abendnachrichten im Gefängnissender moderiert und kommentiert.« »Was du als exzellenter Ökonom bestimmt auch super gemacht hast.«

Konrad Pair prostete Niels Werner zu. Offensichtlich freute er sich über das Kompliment. »Danke, ich war ja nicht umsonst Chefvolkswirt unserer Bank. Aber hör zu, die Zeit wird knapp. Der derzeit lächerlich niedrige Zins, den die Bundesrepublik Deutschland bei neuen Schulden zahlen muss, ach was, mittlerweile ist dieser Zins ja teilweise negativ, hat mich dabei auf eine Idee gebracht. Wie wäre es, wenn Deutschland, sagen wir mal 500 Milliarden, neue Schulden aufnehmen und dieses Geld in den Aktienmarkt investieren würde? Du nimmst Geld zu Nullzinsen auf und investierst es in eine Anlage, die sich immer noch langfristig jedes Jahr mit sechs bis acht Prozent verzinst. Die Belastung für den Jahreshaushalt ist gleich Null, du zahlst ja keine Zinsen für das neue Geld, und die, sagen wir, siebenprozentigen Erträge aus dem Investment des Geldes lässt du in einem Fonds anwachsen und kreierst so Werte für jeden einzelnen Bürger. Wenn du es schaffst, die Politiker von dieser Idee zu überzeugen, dann verwaltest du für die Wertebank zusätzliche 500 Milliarden mit wachsender Tendenz und hast ausgesorgt. Keine Bankenallianz würde auch nur annähernd so viele Erträge erzeugen und Peter könnte diese Lieblingsidee von ihm getrost vergessen. Die Einzelheiten auszubaldowern überlasse ich dir, du bist ein kluger Kopf.«

Niels Werner hatte völlig vergessen, sein Bier weiter zu trinken, so fasziniert hatte er zugehört. Konrad Pair tätschelte ihm leicht die Wange. »Mach den Mund zu und denk darüber nach, mein Freund. Ich muss mich jetzt sputen, der Flieger wartet nicht. Pass auf dich auf und vergiss nicht, du hast mich nie gesehen.«

Mit diesen Worten umarmte er ihn und eilte zu seinem Gate. Niels Werner blieb noch einen Moment wie betäubt sitzen. Was für eine geile Idee! Aber wie er wusste, lag bei diesen Dingen der Teufel im Detail. Und ihm war klar, dass er so schnell wie möglich Kontakt mit Peter Nehmer aufnehmen musste. Er war sich zwar nicht sicher, wie der ihn begrüßen würde, aber es war allemal einen Versuch wert. Fürs Erste konnte ihm der Flieger nach Barcelona den Buckel runterrutschen. Gut, dass er nur Bordgepäck dabeihatte.

LICHTBLICK

Nachdem er das Telefonat beendet hatte, pfiff Peter Nehmer in seinem Büro leise vor sich hin. Das war in der Tat eine, wie Niels Werner es gerade formuliert hatte, geile Idee. Die Frage war nur, wie sie im Detail aussah und wie er den zuständigen Politikern das Ganze schmackhaft machen konnte. Oh, er hörte im Geiste schon die Einwände, all die Worthülsen, die Politiker so gerne formulieren, wie sozial ungerecht, verteilungspolitisch problematisch und ähnliches. Darüber hinaus verstand die Mehrzahl der in der Verantwortung stehenden Politiker nichts von ökonomischen Zusammenhängen. Wie denn auch, dachte er resigniert, die sind ja vor allem Berufspolitiker. Als solche agieren sie nicht kreativ im Sinne der Bürger, sondern im Sinn von Macht und Einfluss. Wer handelt, macht sich angreifbar und könnte Wählerstimmen verlieren. Da ist es doch besser, mit der Meute zu heulen.

Er rief sich innerlich zur Ordnung. Das vordringlichste Problem war jetzt erst einmal, seine Vorstandskollegen mit ins Boot zu holen. Das würde schwierig genug werden, er konnte sich noch gut an die Diskussionen im Rahmen des Übernahmegefechtes mit der Meinebank erinnern. Insbesondere sein Risikovorstand Barbara Kohler hatte ihm das Leben mit bohrenden Fragen schwer gemacht. Na, mal sehen, ob es da nicht Möglichkeiten gab, sie etwas zu zähmen. Auch beim ständig nach Beratern rufenden Vorstandskollegen Wohler konnten ein paar Daumenschrauben nicht schaden. Von wegen Berater, von dieser Idee durfte nichts nach draußen sickern. Aus diesem Grund würde er auch seinen Kollegen noch nicht komplett reinen Wein einschenken, sondern nur die grobe Richtung seines Strategiewechsels andeuten. Bankvorstände generell waren häufig Selbstdarsteller und auch der eine oder andere Vorstandskollege von ihm neigte zum Plaudern in der Öffentlichkeit.

Nehmer griff erneut zum Telefon und rief seinen Personalchef Jan Bernhardt an.

»Bernhardt.«

»Hallo, Herr Bernhardt«, obwohl sie schon jahrelang zusammenarbeiteten, waren sie immer noch per Sie. »Ich sehe Sie nachher bei unserem Vorstandstreffen?«

»Selbstverständlich, wenn Sie das wünschen.«

»Sehr schön, dann bringen Sie doch bitte eine detaillierte Aufstellung der Mitarbeiterzahlen mit. Vielleicht brauche ich sie zwecks Erläuterung der durch die Umstrukturierung zur Bankenallianz ausgelösten Bewegungen bei unseren Arbeitnehmern. Eventuell müssen wir erneut eine andere Weichenstellung in unserem Geschäftsmodell diskutieren, und da möchte ich ein Gefühl für mögliche Auswirkungen im Personalbereich haben.«

»Gehen wir denn zu unserem alten Modell zurück?«

»Ganz sicher nicht, aber ehrlich gesagt, weiß ich selbst noch nicht, wo die Reise hinführt. Es ist aber klar, die ursprünglich angedachte globale Bankenallianz wird sich so nicht verwirklichen lassen. Wir werden unseren Plan zumindest adjustieren müssen.«

»Ich werde die Zahlen parat haben, Herr Nehmer.«

»Ach, Herr Bernhardt, wenn ich Sie schon mal am Telefon habe«, die Sprechpause hatte genau die richtige Länge, um unschuldig zu wirken, »sagen Sie, wie sieht es eigentlich mit den Vorstandsverträgen aus? Stehen da einige zur Verlängerung an?«

Soso, dachte Jan Bernhardt, kommen wir jetzt zum eigentlichen Zweck des Anrufs? »Nun, Ihr Vertrag ist ja gerade verlängert worden«, sein Tonfall war absolut neutral, »Herr Kern hat noch vier Jahre und Herr Wohler zwei Jahre Laufzeit. Lediglich bei Frau Kohler müsste der Aufsichtsrat so langsam aktiv werden, ihr Vertrag endet in zwölf Monaten.«

»Danke, Herr Bernhardt, wir sehen uns später.«

Dachte ich es mir doch, Nehmer war hochzufrieden. Dann wollen wir mal sehen, wie die Gute reagiert. Aber erst muss ich den Kaiser briefen. Auch bei seinem Finanzchef rief er direkt an, die Sekretärinnen mussten ja nicht alles mitbekommen. Bereits nach dem ersten Klingeln war Horst Kaiser am Telefon. »Peter?«

»Hallo, Horst, wir sehen uns ja nachher beim Vorstandstreffen. Ich möchte bewusst nur ein Treffen und keine offizielle Vorstandssitzung. Du und der Bernhardt sind dabei. Du kennst ja schon das Thema, und wie du dir denken kannst, wird es an der einen oder anderen Stelle hoch hergehen. Deine Aufgabe wird es sein, auf einen Wink von mir darauf hinzuweisen, dass es vielleicht gut wäre, bei einer Neuausrichtung unserer Aktivitäten uns an den erzielbaren Renditen zu orientieren. Mit anderen Worten, wir sollten das Asset Management und die Vermögensverwaltung weiter forcieren.«

Horst Kaiser erfasste sofort den tieferen Sinn des Anliegens seines Chefs. »Heißt das, du hast einen Plan, wie das gehen soll? Und du weißt, dass wir endlich wieder einen absoluten Spitzenmanager für diese Sparte brauchen.«

»Niels Werner hat mich angerufen und mir dafür eine Superidee geliefert. In Kurzform: Staat leiht sich zu den derzeitigen Nullzinsen Geld und investiert in den hoch rentierlichen Aktienmarkt. Und diesen, ich nenne ihn mal Bürgerfonds, verwalten wir und verdienen so nebenbei eine hübsche Summe Geld.«

Es dauerte einige Momente, bis die Antwort kam. »Wow, umso dringlicher ist die Managementfrage. Meinst du, du kannst Niels zurückholen?«

»Da bin ich mir ziemlich sicher.«

»Super, dann lass uns diese Sache angehen. Vermutlich wird aber die Kohler wieder Zicken machen.«

»Du alter Chauvi, ich glaube, ich kann sie etwas einbremsen. Ihr Vertrag steht zur Verlängerung an.«

»Endlich mal eine gute Nachricht, sie piesackt mich ganz schön. Und das Schlimme ist, du kannst ihr auch kein X für ein U vormachen. Clever ist sie.«

»Lass mich mal machen.«

Mit diesen Worten beendete er das Gespräch und rief seine Assistentin Hannah Pauli herein.

»Hannah, bitte doch Frau Kohler, mir vor der Vorstandssitzung ein kurzes Briefing über unsere Risikosituation zu geben.«

Bereits nach fünf Minuten war seine Assistentin zurück. »Frau Kohler hat gerade einen Besucher von der Finanzaufsicht empfangen und kann noch nicht so ganz abschätzen, wann das Gespräch beendet sein wird. Sie kommt so bald als möglich.«

Nehmer nickte. »Danke, bis Frau Kohler kommt, bitte keine Gespräche«, und als sich ein Hoffnungsschimmer im Gesicht von Frau Pauli breitmachte: »Nein, auch keine Postbesprechung. Ich muss nachdenken.«

Wieder allein nahm er ein Blatt Papier aus dem Schreibtisch und fing an, seine ersten Überlegungen zu skizzieren. Der Gedanke von Niels Werner war brillant. Deutschland konnte in der Tat zu Nullzinsen Geld am Kapitalmarkt aufnehmen, weil seine Reputation als Schuldner erstklassig war. Der Haushalt würde daher durch diese Aktion nicht belastet werden. Die Frage war nur, was mit diesem Geld geschehen sollte. Das könnten zum einen Investitionen in Infrastrukturoder Umweltprojekte sein. Aber es könnten auch Finanzinvestitionen sein, also Aktienkäufe. Dazu war die Expertise von Asset Managern nötig, sowohl für die Begebung der Anleihen als auch für die Käufe von Wertpapieren und natürlich vor allem für das Managen der getätigten Investments. Da kam dann seine Bank ins Spiel. Es mussten also drei Schritte gelingen, erstens Politiker von der Kreditaufnahme zu überzeugen, zweitens ihnen die Anlage der Gelder im Aktienmarkt schmackhaft zu machen und drittens die Wertebank als das Kompetenzzentrum für diese Transaktionen zu etablieren.

Der dritte Schritt war angesichts der in der Vergangenheit erworbenen hervorragenden Beziehungen in die Politik vermutlich der einfachste. Vor allem die Bayernpartei dürfte ihn stark unterstützen, sie war ihm noch so einiges schuldig für die infolge der gewonnenen Übernahmeschlacht gegen die Meinebank mögliche Rettung von tausenden Bankarbeitsplätzen in München. Den zweiten Schritt musste er mit einem zündenden Marketingschlagwort garnieren, wie Bürgerfonds, Schaffen von Werten für die Bevölkerung, Schaffen eines dritten Standbeins für die marode Rentenversicherung oder ähnliches. Der erste Schritt dürfte der schwierigste sein. Wer macht schon gern ohne Not Schulden? Da müssten in Berlin so einige über ihren Schatten springen, insbesondere der Finanzminister, der immer noch seinen Traum von einer schwarzen Null im Budget hochhielt.

Es war aber völlig klar, dass er einen detaillierten Plan zur Ausgestaltung und Umsetzung nicht allein bewerkstelligen konnte, er brauchte dafür eine Arbeitsgruppe. Dazu sollten auf alle Fälle sein Finanzchef Horst Kaiser und Niels Werner, den er hoffte zurückholen zu können, gehören. Vielleicht wäre es ja nicht schlecht, auch Barbara Kohler hinzuzuziehen. Zuckerbrot und Peitsche, das altbewährte Mittel. Und er hätte sie dann schon mal auf seiner Seite. Er selbst könnte nur sporadisch mitarbeiten, schließlich hatte er so nebenbei noch eine Bank zu führen, deren internationale Allianz gerade in Trümmern lag. Woher Niels Werner das wusste, war ihm völlig schleierhaft, er selbst hatte erst gestern diesbezügliche Hinweise erhalten. Er ließ derzeit von seinen Experten eine Ad-hoc-Mitteilung für die Kapitalmärkte vorbereiten, schließlich war es seine Pflicht, Eigenkapital- und Kreditgeber sofort über geschäftsrelevante Veränderungen zu informieren. Ach ja, und dann musste er noch seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Benjamin Fieber die bittere Nachricht der auseinanderdriftenden Partner der Bankenallianz überbringen.

Nehmer notierte sich die einzelnen Schritte und malte jede Menge Diagramme in sein Notizbuch. Er registrierte weder, wie schnell die Zeit verging, noch dass Barbara Kohler plötzlich vor seinem Schreibtisch stand. Erst als sie sich räusperte, schaute er auf. »Ah, Frau Kohler, setzen Sie sich doch bitte.« Er zeigte auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

»Ich fürchte, dazu haben wir keine Zeit, Ihr Vorstandstreffen soll doch in zehn Minuten beginnen.«

»Ach, entspannen Sie sich, ohne uns können die nicht anfangen.« Er drückte den Knopf der Sprechanlage. »Frau Pauli, informieren Sie doch bitte meine Kollegen, dass das Treffen fünfzehn Minuten später beginnt, wir haben hier erst noch etwas zu klären. Danke.«

Daraufhin setzte sich Frau Kohler an den kleinen Besprechungstisch und schaute ihn erwartungsvoll an. Nehmer konnte sich nun nicht mehr hinter seinem Schreibtisch verschanzen, sondern musste ihr Gesellschaft leisten. Seinem Gesicht war dabei nicht anzusehen, ob er sich ausgebremst fühlte oder nicht.

»Frau Kohler, ich habe Sie natürlich nicht wegen des Risikoberichtes hergebeten. Mir war es ein Bedürfnis, Sie, bevor wir in das Treffen mit unseren Kollegen gehen, über unsere bröckelnden Bankallianzen zu informieren.«

Barbara Kohler zog hörbar die Luft ein. »Oh nein, bloß nicht das. Wer bröckelt?«

»Nun, unser amerikanischer Partner, die Allamo Trust, hat einen neuen Chef, und der hat mir gestern seine neuen Prioritäten mitgeteilt. Wir kamen in dieser Aufzählung nicht mehr vor. Er will sich vor allem auf den US-Markt konzentrieren. Damit nicht genug, wollen auch unsere chinesischen Freunde nicht mehr mitmachen.«

»Ausgerechnet. Die beiden waren doch die Eckpfeiler unserer künftigen Strategie. Jetzt stehen wir schön blöd da, wir haben schließlich ganze Geschäftsbereiche zu deren Gunsten geschlossen. Wieso kriegen die auf einmal kalte Füße?«

Er zuckte mit den Schultern. »Da bin ich auf Vermutungen angewiesen. Die Chinesen könnten sauer sein, weil wir unseren Anteil an der Meinebank an die Bundesrepublik Deutschland verkauft haben. Dadurch konnten sie ihre Absicht nicht realisieren, im deutschen Bankenmarkt nachhaltig Fuß zu fassen. Bei den Amerikanern tappe ich im Dunkeln, allerdings hat die dortige Regierung sich über die Silbersteins wohl mit der Meinebank verbündet. Zumindest habe ich die Andeutung von Brauner über seine unbegrenzten Finanzmittel, um uns aufzukaufen, so verstanden. Vielleicht liegt hier, wie bei den Chinesen, der Hund begraben.«

»Du lieber Himmel, was wurde und wird denn hier gespielt?« Die Denkfalten in Barbara Kohlers Gesicht vertieften sich um einiges.

»Ja, Frau Kohler, mir dämmert auch erst so langsam die ganze Dimension unseres Kampfes mit Gerd Brauner und seiner Meinebank. Wir sind da offenbar zwischen die Mühlen der zwei mächtigsten Nationen geraten. Aber was jetzt viel wichtiger ist, ist die Frage, wie geht es weiter.« Er machte eine vielsagende Pause, bevor er tief in Barbara Kohlers Augen sah. »Frau Kollegin, ich habe einen sehr ambitionierten Plan, um diese Bank zukunftsfähig neu auszurichten. Ich werde dazu für einen längeren Zeitraum ein hochrangiges Team zusammenstellen müssen, das verschwiegen und absolut loyal mir zuarbeitet.« Er machte wieder eine kurze Pause. »Werden Sie mir dafür zur Verfügung stehen?«

»Aber was für eine Frage, selbstverständlich werde ich das. Wieso fragen Sie das überhaupt?«

»Weil«, und wieder eine kleine Pause, »weil ich nicht weiß, wie lange Sie noch bei uns sind.«

Barbara Kohler durchströmte es heiß und kalt, ihre Lippen zuckten kurz.

»Ihr Vertrag läuft noch ein Jahr, glaube ich.« Der Mistkerl, dachte sie, das weiß er doch ganz genau. »Hat Herr Fieber schon einmal mit Ihnen über eine Verlängerung gesprochen?«

»Nein, noch nicht. Ich dachte, das sei nur eine Formalität.«

Angesichts ihrer leicht zittrigen Stimme war jetzt die Zeit für das Zuckerbrot gekommen. Seine Stimme hatte ein betont gütiges Timbre. »Ist es sicherlich auch.« Er widerstand dem Impuls, ihre Hand zu nehmen. »Da muss ich unserem Herrn Aufsichtsratsvorsitzenden wohl mal einen Hinweis geben. Üblicherweise werden Verträge zwölf Monate vor Ablauf erneuert. Dafür sind dann aber noch umfangreiche Gespräche nötig, die sind auch nicht in wenigen Tagen abgeschlossen. Ich sehe Herrn Fieber vermutlich heute Nachmittag und werde ihn in Marsch setzen. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn Sie bei uns bleiben.«

»Danke, Herr Nehmer, ich fühle mich auch sehr wohl in dieser Bank, und in München sowieso. Und ich werde loyal an Ihrer Seite stehen, darauf können Sie sich verlassen. Darf ich fragen, wie Ihr ambitionierter Plan für diese Bank in seinen Grundzügen aussieht? Völlig vertraulich, versteht sich.«

Nehmer beugte sich mit verschwörerischer Miene vor. »Es fällt mir nicht leicht, aber ich muss wohl meinen Traum von einer internationalen Bankenallianz begraben. Ich plane, unser Haus noch stärker auf das Asset Management auszurichten.«

»Das würde unserem Risikoexposure sicherlich guttun. Sie wissen ja, ich war aus Sicht des Risikomanagements immer skeptisch gegenüber dem internationalen Geschäftsmodell. Immer, wenn zusätzliche Geschäftspartner ins Spiel kommen, steigen auch die Risiken. Man ist schließlich auf Gedeih und Verderb an die Ertragsentwicklung des Partners gebunden, hat aber auf dessen Geschäftspolitik kaum Einfluss, schon gar nicht, wenn er im Ausland residiert. Wird er insolvent, haben auch wir ein Problem. Im Asset Management dagegen handelt es sich ja um Zug-um-Zug-Geschäfte, du gibst mir und gleichzeitig gebe ich dir. Von daher sind hier Kontrahentenrisiken so gut wie nicht vorhanden.«

Er nickte zustimmend. »Ja, in der Tat. Bleibt nur die Frage, wie wir zusätzliches Asset-Management-Geschäft kreieren.«

»Vielleicht können wir dazu unsere exzellenten Beziehungen in Regierungskreise nutzen. Die brauchen doch Vermögensverwalter, jetzt, wo die Milliarden aus den Atomrückstellungen der Elektrizitätsversorger professionell in einem Staatsfonds gemanagt werden.«

Donnerwetter, die Kollegin hatte er ja wohl gründlich unterschätzt. »Eine sehr gute Idee, das werden wir in der Arbeitsgruppe ausführlich zu diskutieren haben. Ich hätte da noch die eine oder andere kleine Ergänzung, über die wir aber jetzt nicht reden können, dafür fehlt uns die Zeit. Wir können unsere Kollegen nicht noch länger warten lassen.«

Peter Nehmer geleitete mit einem hochzufriedenen Gesichtsausdruck Barbara Kohler aus seinem Büro.

ABSCHNEIDEN

Er liebte Washington DC. Die Stadt hatte das Flair einer Machtmetropole, war aber gleichzeitig noch irgendwie beschaulich. Man konnte alles zu Fuß erreichen, es gab wunderbare Museen, erstklassige Restaurants und sehr viele geschichtsträchtige Denkmäler. Ihn persönlich zog es vor allem zum Vietnam-Memorial. Stundenlang konnte er auf den Namen seines Bruders starren, der dort inmitten der Namen vieler anderer Gefallener eingraviert war, als ob der dadurch wieder lebendig würde. Er war so ziemlich der einzige Mensch, zu dem er eine tiefere emotionale Beziehung gehabt hatte.

Heute allerdings hatte er schnurstracks den Weg zu seinem Büro am Woodland Park eingeschlagen. Er hatte ein volles Programm und vor allem musste er die leidige Affäre Konrad Pair entscheiden. Natürlich hatte der nur deswegen eine amerikanische Identität bekommen, damit er besser aus dem Weg geräumt werden konnte. Max Snyder ließ bei seinen Aktivitäten niemals lose Enden zurück. Und hier in den Staaten konnte er bei einem überraschenden Tod von Pair massiven Einfluss auf die polizeilichen Ermittlungen nehmen. Dadurch war sichergestellt, dass sie im Sande verlaufen würden. In Deutschland wäre so etwas nur äußerst schwierig zu bewerkstelligen gewesen.

Er wollte gerade die Treppe zum Eingang des unscheinbaren Gebäudes hochgehen, in dem sich seine nur Spezialisten bekannte Behörde befand, als sein Handy vibrierte. »Ja?«

»Max?«

»Ja.«

»Jerry hier, ich muss dich sprechen. Wo bist du?«

»Bin gleich in meinem Büro. Ist es dringend?«

»Mega.«

»Dann komm gleich, nachher bin ich im Stress.«

Er beendete das Gespräch und machte sich auf den Weg in sein Büro. Was hatte denn seinen Nachrichtenspezialisten nur so aufgescheucht? Der war doch sonst die Ruhe selbst. Und da war er auch schon, er hatte doch tatsächlich noch vor ihm sein Büro erreicht.

»Komm rein, Jerry. Was gibt es?«

»Du hattest mir doch ein Foto von diesem John Norton in die Hand gedrückt und mich gebeten, meine Lauscher aufzustellen. Hattest du dabei etwas Bestimmtes im Sinn?«

»Eher eine Ahnung. Nennen wir es Instinkt. Bist du über etwas gestolpert?«

»Gestolpert ist gut, gefallen trifft es eher. Schau dir das mal an. Ist das unser Kandidat?«

»Das ist er.« Max Snyder sah Jerry Darkin scharfan. »Woher stammen diese Aufnahmen und wer ist der Typ neben Norton auf dem Bild?«

»Das haben wir noch nicht raus.« Darkin hob die Hände. »Aber wir arbeiten daran. Diese Bilder stammen von einer Überwachungskamera im Frankfurter Flughafen. Wie du weißt, durchsuchen wir regelmäßig die uns von der deutschen Polizei überlassenen Filme nach verdächtigen Personen. Wenn du uns nichts gesagt hättest, wären uns die beiden nicht aufgefallen.« Darkin sah ihn bewundernd an. »Kein Wunder, dass du so gut bist.«

»Geschenkt. Jerry, schick mir Liam rein. Aber bitte unauffällig. Und ich will schleunigst wissen, wer der Typ neben Norton ist.«

Nachdem Darkin sein Büro verlassen hatte, ließ sich Snyder in seinen Sessel fallen. Dieser Mistkerl von Pair! Er sollte doch jeden Kontakt vermeiden. Nicht auszudenken, was der alles erzählt hatte. Er schlug mit der flachen Hand auf seinen Schreibtisch. Das war es dann ja wohl, Herr Norton. Damit hast du dein Todesurteil besiegelt. Max Snyder griff zum Telefon.

»Ilan, Max hier.«

»Hallo, Max. Was treibt dich um?« Die Stimme von Ilan Silberstein, dem nominellen Chef der Investmentfirma Silberstein und Partner in New York, klang wie fast immer sehr distinguiert.

»Wir hatten ja schon über unseren deutschen Freund gesprochen und die finale Möglichkeit erörtert. Jetzt sind neue Fakten aufgetaucht, die uns bestätigen und die Dinge beschleunigen. Ich schicke ihn zu dir nach New York. So etwas lässt sich in einer Millionenstadt besser bewerkstelligen.«

Trotz der aus Sicherheitsgründen unscharfen Ausdrucksweise verstand Silberstein perfekt, wovon Snyder sprach.

»Wen hast du ausgewählt? Liam?«

»Ja, Samuel steht ja nicht mehr zur Verfügung.«

»Gut, ich werde John Norton nach Ankunft bei mir mit Arbeitspapieren ausstatten und ihn dann in unsere Dependance auf Staten Island setzen. Da ist er ungestört und kann in Ruhe seinen Aufgaben nachgehen. Liam kann ihm dort assistieren.«

»Danke, Ilan.« Snyder trat ans Fenster und schaute nachdenklich in die Senke des Woodland Park hinab. Plötzlich schnippte er mit den Fingern und griff erneut zum Telefon.

»Jerry, habt ihr schon etwas?«

»Nein, Max, die deutschen Freunde haben unsere Anfrage noch nicht beantwortet.«

»Vergiss die, da kommt ohnehin nichts. Zapf die Fotodateien der Immigration-Jungs an. Alle Ausländer, die ESTA, Global Entry oder die Greencard beantragt haben, sind dort mit Passfotos festgehalten. Vielleicht ist unser Mann auch dabei.«

»Superidee, machen wir.«

Alles muss man selber machen, dachte Snyder. An alles muss unsereiner denken. Was machen die bloß, wenn ich mal nicht mehr da bin? Dabei war Jerry noch einer seiner besten Leute, aber auch ihm mangelte es manchmal an Fantasie. Bevor er sich noch tiefer in seinen Frust hineindenken konnte, betrat Liam Waggoner den Raum und setzte sich auf einen Wink vor seinen Schreibtisch.

Wortlos schob ihm Snyder die Fotos zu und wartete, bis Waggoner die Aufnahmen studiert hatte. Der ließ sich Zeit und sah sich jedes Bild mehrmals genau an. Er schien jedes gezeigte Detail in sich aufzusaugen. Dann zeigte er mit dem Finger auf Konrad Pair und sah Max Snyder an. Der nickte.

»Ganz richtig, unser neuer Kollege John Norton. Ich denke, Sie sollten seinen Arbeitsvertrag vorzeitig beenden. Am besten in New York, da fällt ein Toter mehr oder weniger kaum auf. Ich schicke ihn zu Silberstein, und die werden ihn im Büro auf Staten Island platzieren. Da haben Sie freie Bahn.«

»Können Sie mir ein paar Informationen über Norton geben? Ich weiß ganz gern, über welche Fähigkeiten mein Gegenspielerverfügt. Das erspart unliebsame Überraschungen.«

»Nun, er war zwar in Diensten unserer deutschen Freunde, aber nicht sehr aktiv. Die meiste Zeit hat er den Chefvolkswirt einer deutschen Bank gemimt. Ich glaube kaum, dass er Ihnen auch nur annähernd ebenbürtig ist.«

»Irgendwelche Jahre in der Armee, irgendwelche Spezialausbildungen?«

»Ach, Liam, jetzt hören Sie auf. Gut, er kann mit einer Waffe umgehen, das hat er ja kürzlich erst unter Beweis gestellt. Aber darüber hinaus traue ich ihm eigentlich nichts Besonderes zu.«

»Ist er etwa bewaffnet?«

»Natürlich, wie jeder hier hat er seine Standardausrüstung bekommen.«

»Na super. Was für eine Schulbildung hat er, wie ist seine Fitness, hat er Freunde in den Staaten, irgendwelche Angewohnheiten, Besonderheiten und dergleichen?«

»Was weiß ich, ich kenne den Mann ja kaum. Was ist bloß mit Ihnen los?«

»Sie kennen den Mann kaum, das genau ist das Problem, Herr Snyder. Ich kenne ihn überhaupt nicht, ich habe ihn nur einmal ganz kurz gesehen. Dieser John Norton stellt eine Unwägbarkeit dar, und Unwägbarkeiten mag ich in meinem Geschäft gar nicht. Wenn dieser Mann Chefvolkswirt war, dann hat er ein Hochschulstudium absolviert. Dann ist er nicht dumm, und das allein macht ihn zu einem Risiko. Mit welcher Begründung werden Sie ihm seinen Transfer nach New York schmackhaft machen?«

»Na, wie denn wohl? Plötzlich auftretende personelle Engpässe in New York bei der Analyse der aus Deutschland hereinkommenden Meldungen. Wir haben sonst niemanden, der Deutsch spricht. Das wird er wohl schlucken.«

Liam Waggoner schüttelte seinen Kopf, aber auch ohne diese Geste drückte seine Körpersprache Zweifel aus. »Wenn er das mal glaubt. In unserer Branche werden plötzlich auftretende Ereignisse grundsätzlich mit Misstrauen betrachtet. John Norton dürfte da keine Ausnahme sein.«

»Na, wenn schon, Sie werden das schon machen. Und jetzt muss ich Sie hinauskomplimentieren, ich habe mich auch noch um andere Dinge zu kümmern.«

VERKRÜMELN

Nicht, dass er sonderlich überrascht gewesen wäre, und natürlich hatte er kein Wort von dem geglaubt, was ihm da als Erklärung angeboten wurde. Von wegen Personalengpass in New York, lächerlich. Der gute Max Snyder wollte keinerlei Risiko eingehen und ihn aus dem Weg haben. Seine Organisation konnte es sich nicht leisten, irgendwelche Spuren zu hinterlassen. In Washington schien ihnen offenbar das Risiko bei seinem plötzlichen Tod zu groß, das war mit Sicherheit in New York kleiner. In solch einer Riesenmetropole wurden jeden Tag viele Menschen umgebracht. Einer mehr oder weniger fiel da nicht ins Gewicht, schon gar nicht angesichts einer notorisch unterbesetzten Polizei.

Bestätigt in seinen Überlegungen hatte ihn der Schatten, der ihm seit seinem gestrigen Gespräch mit Snyder folgte. Er hatte ihn sofort erkannt. Er wusste zwar seinen Namen nicht, aber mit Sicherheit war der ihm in der Organisation schon über den Weg gelaufen. Warum wollten die ihre eigenen Leute überwachen? Dafür gab es nur eine Erklärung. Sein Entschluss war daher schnell gefasst. Er würde nach Deutschland zurückgehen. Schließlich hatte er noch seine deutschen Papiere, seine Wohnung in München, seine Kreditkarten und seine ordnungsgemäße Entlassungsbescheinigung aus dem Gefängnis. In Deutschland kannte er sich aus, und mit diesem Aas von Kaminski würde er schon fertig werden.

Er hatte seinen unscheinbaren Duffle Bag aus abgewetztem Leder aus dem Schrank geholt und die Moleskinhose und - jacke sowie das großkarierte Baumwollhemd eingepackt. Hinzu kamen neben Unterwäsche und Socken noch seine aus weichem Rindsleder gefertigten Stiefel. Jeder Soldat hätte ihn um diese beneidet.

In Washington musste er aber zunächst seinen Schatten loswerden. Er hatte sich im Taxi zum Reagan Airport fahren lassen, schließlich hatte ihm Snyder einen Flug bei Delta Airlines gebucht, und er musste zumindest so tun, als ob er diesen auch nehmen würde. Dann war er in das mit Leuten vollgestopfte Terminal gegangen. Als er seinen Schatten ebenfalls aus seinem Taxi steigen sah, verließ er das Gebäude durch einen Seiteneingang. Wieder im Taxi hatte er sich zur Union Station fahren lassen und die ganze Zeit auf den rückwärtigen Verkehr geachtet.

Sein kleiner Trick hatte offenbar funktioniert, weit und breit war von einem Verfolger nichts zu sehen. In der Union Station erstand er eine Fahrkarte für den Amtrak nach New York. Als er drei Stunden später in der Pennsylvania Station in New York den Zug verließ, hatte sein Äußeres nichts mehr mit John Norton alias Konrad Pair gemein. Er trug jetzt die Moleskinsachen, das Baumwollhemd und seine Stiefel. Eine Baseballkappe komplettierte sein Outfit als Holzfäller. Dafür war er aber selbst für Manhattan ziemlich markant, schließlich liefen hier nicht allzu viele dieser Typen herum. Aus diesem Grund hatte er auf ein Taxi verzichtet und es vorgezogen, den langen Weg zu den Port Authorities, dem Startpunkt der Greyhound-Busse, zu Fuß zurückzulegen. Schließlich sollten die Silbersteins es nicht so leicht haben, seine Fährte aufzunehmen.

In der Nähe des Union Square angekommen gönnte er sich eine Pause in einem mexikanischen Restaurant mit einem kleinen Außenbereich. Dort bestellte er erst einmal ein Corona und studierte die Speisekarte. Seine letzte Mahlzeit lag eine Weile zurück und die Fahrt mit dem Greyhound sollte ungefähr neun Stunden dauern. Da war es gut, vorher noch einmal anständig zu essen.

Die Würfel waren ja gefallen, und bis jetzt hatte alles ganz gut geklappt. Er war in den Amtrak gekommen, ohne seine Identität preisgeben zu müssen, und auch im Zug selbst war das Personal mehr als nachlässig gewesen. Jetzt musste er es nur noch beim Greyhound schaffen, aber das dürfte wohl schwieriger werden. Schließlich würde der Bus auf dem Weg nach Montreal die Grenze passieren, und in solchen Fällen wurden üblicherweise bereits beim Erwerb der Fahrkarte die Personalien aufgenommen.

Spätestens aber die kanadischen Grenzbehörden wollten mit Sicherheit seinen Ausweis sehen. Innerlich zuckte er mit den Schultern. Na wenn schon, dann würde er sich halt wieder in Konrad Pair verwandeln und seinen deutschen Pass hervorzaubern. Wichtig war es vor allem, in New York seine Identität geheim zu halten. In Montreal selbst würde er den Flughafen ansteuern und mit seiner Konrad Pair-Kreditkarte einen Flug nach Paris buchen. Von dort könnte er mit einem Mietwagen bequem nach Deutschland fahren. Damit dürfte es jeder sehr schwer haben, seinen Weg nachzuverfolgen.

Seine Gedanken wurden von einer Stimme unterbrochen. »Entschuldigen Sie, mein Herr, hätten Sie wohl etwas Geld für mich?«

Konrad Pair schaute von seinem Tisch auf und sah sich einem ungefähr 25-jährigen Mann gegenüber, der in respektvoller Entfernung von seinem Tisch verharrte.

»Wofür?«

Die Antwort war entwaffnend ehrlich. »Ich habe Hunger.«

Er musterte sein Gegenüber. Intelligentes Gesicht, wache Augen und nicht ungepflegt. Vermutlich ein Student, dachte er. »Sie haben Hunger? Dann setzen Sie sich und bestellen sich etwas. Ich lade Sie ein.«

»Kein Scherz?«

»Nun machen Sie schon oder wollen Sie da noch ewig herumstehen?«

Das ließ der junge Mann sich nicht zweimal sagen und hatte im Nu Enchiladas und eine Cola bestellt. Dann sah er ihn verlegen an.

»Ich bin übrigens Daniel. Ich habe seit zwei Tagen nichts mehr gegessen und kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich bin. Die meisten Menschen hätten mich bestenfalls einfach nur mitleidig angesehen.«

»Was ist Ihr Problem?«

»Ein ganz banales. Ich bin Student und meine Eltern sparen sich meine Studiengebühren vom Mund ab. Ich muss also für meinen Lebensunterhalt selbst sorgen, und nun habe ich letzte Woche meinen Nebenjob als Bartender verloren. Die Bar musste schließen. Ein neuer Job ist schwer zu finden, eine Erfahrung, die nahezu alle meine Kommilitonen ebenfalls machen. Jeder ist auf einen Nebenverdienst angewiesen. Deswegen bin ich heute zum Union Square gekommen, in der Hoffnung, in einem der vielen Restaurants hier etwas zu finden. Leider Fehlanzeige, aber ich versuche es nachher weiter.«

Konrad Pair lächelte ihm aufmunternd zu. »Nicht aufgeben, Sie finden bestimmt etwas.«

»Darf ich fragen, was Sie in New York machen? Vom Akzent her würde ich Sie in Deutschland oder Holland verorten.«

»Da liegen Sie ziemlich richtig. Ich bin in der Tat aus Holland. Amsterdam, um genau zu sein.«

»Und was machen Sie hier in New York, sind Sie Tourist?«

Die Kellnerin, die just in diesem Moment das Essen servierte, enthob ihn einer Antwort. Er nickte Daniel zu. »Na, dann wollen wir uns das mal schmecken lassen. Genießen Sie es.«

Die Geschwindigkeit, mit der die Enchiladas vertilgt wurden, war rekordverdächtig. Konrad Pair konnte nicht umhin, den korrekten Umgang mit Messer und Gabel bei seinem Gast zu registrieren. Offenbar stammte er aus einem guten Haus und hatte Tischmanieren gelernt, ganz im Gegensatz zu den barbarischen Essgewohnheiten, die er sonst bei Amerikanern sah. Während des Essens nahm in ihm eine zuerst vage Idee immer mehr konkrete Gestalt an. Da bot sich ihm vielleicht die Gelegenheit, seinen Häschern ein Schnippchen zu schlagen.

»Das hat Ihnen offenbar geschmeckt«, sagte er. Und nach dem bestätigenden Nicken: »Möchten Sie noch eine Cola?«

»Nein, danke, ich bin Ihnen schon genug zur Last gefallen.«

»Aber ganz und gar nicht, es war mir ein Vergnügen. Wenn Sie erlauben, würde ich Ihnen gern noch einmal helfen. Ich gebe Ihnen hier eine Kreditkarte. Mit der gehen Sie jetzt in den Publix dort hinten und kaufen für sich Lebensmittel ein. Damit kommen Sie dann einige Tage über die Runden. Ich trinke hier noch ein Bier und warte darauf, dass Sie mir die Karte zurückbringen. Was meinen Sie?«

»Oh, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Warum tun Sie das alles?«

»Sagen wir mal, ich war auch mal Student und kann mich ziemlich gut in Ihre Situation hineinversetzen.«

Immer noch ungläubig nahm Daniel zögernd die ihm gereichte Kreditkarte entgegen und machte sich auf den Weg zum Supermarkt. Konrad Pair winkte die Kellnerin heran und beglich die Rechnung. Als Daniel im Publix verschwunden war, stand er auf und machte sich eiligen Schrittes auf den Weg zur Port Authority. Durch den Einkauf würde Daniel eine falsche Spur legen, falls die Kreditkarten-Aktivitäten eines John Norton nachverfolgt wurden. Und er war sich sicher, dass dies geschehen würde. Wenn ihn der Student nach seiner Rückkehr nicht mehr vorfand, würde er die Kreditkarte entweder wegwerfen oder weiter benutzen. Letztere Variante wäre perfekt, denn sie würde suggerieren, dass er sich immer noch in New York aufhielt. Er pfiff vor sich hin. Seine neuen Kollegen hatten da eine schöne Nuss zu knacken.

Bei den Port Authorities angekommen, war er doch ein wenig platt. Sein Alter prädestinierte ihn nicht gerade für diese Art von Gewaltmärschen. Obwohl er mit 50 noch ziemlich fit war, hatte ihn doch sein, insbesondere seit dem Union Square, hohes Tempo ganz schön aus der Puste gebracht. Er hatte keine Mühe, die Abfahrtsplattform für den Bus nach Montreal zu finden. Dankenswerterweise fuhr der erst in einer guten Stunde los, so dass ihm noch genügend Zeit blieb, sich für die lange Fahrt mit Getränken und Sandwiches einzudecken.

Zunächst jedoch ging er zum Fahrkartenschalter. Der übergewichtige Mann in dem Glaskasten sah ihn kurz an, wobei sein schwarzes Gesicht eigentlich nur Langeweile verriet. »Fahrkarte?«

»Ja, nach Montreal bitte.«

»Hin und zurück?«

»Nein, nur hin.«

Nun schaute der Schaffner doch etwas interessierter. »Aha«, wobei sich das bedeutungsschwere Aha auf alles Mögliche beziehen konnte, »das macht 86 Dollar.«

»Okay.« Konrad Pair fingerte einen 100 Dollar-Schein aus der Hosentasche.

»Pass.«

Da hatte er es, dieser schläfrig wirkende Typ hatte nicht nach dem in den USA üblichen Führerschein gefragt, sondern den Pass angemahnt. Sein Akzent hatte ihn wohl gleich als Ausländer entlarvt. Konrad Pair fingerte einen weiten Hunderter aus der Hose und legte ihn auf den Counter. Der Schaffner zeigte keinerlei Reaktion, stempelte das Ticket ab und ließ den Geldschein verschwinden. Dann reichte er ihm die Fahrkarte und sah ihn mit einem unlesbaren Gesichtsausdruck an.

»Ich habe Sie nie gesehen. Gute Fahrt.«

ÜBERRASCHUNGEN

Beim Verstauen seiner Einkäufe wurde ihm die Stille in seinem Schwarzwälder Berghof unangenehm bewusst. Gabi war mit ihren Jungen wieder zu ihrem Mann zurückgegangen, nachdem Norbert sie diesbezüglich händeringend angefleht hatte. Er war offensichtlich seiner neuen Flamme doch relativ zügig überdrüssig geworden. Zwanzig Jahre Altersunterschied waren auf die Dauer einfach zu viel.

Nicht nur Gabi fehlte ihm, zusätzlich hatte er vor zehn Tagen auch noch seine Schäferhündin einschläfern lassen müssen. Ihre Hüftprobleme waren immer schlimmer geworden und in Absprache mit der Tierärztin hatte er sich zu diesem Schritt durchgerungen. Ihm war immer noch ganz schwer ums Herz und wo immer er sich im Haus bewegte, sah er seine Nicki. Aber es half nichts, seine einzige Unterhaltung waren jetzt zweimal in der Woche die etwas einsilbigen Dialoge mit Agathe, seiner Haushälterin.

Das Telefon riss ihn aus seiner etwas düsteren Stimmung.

»Werner.«

»Hallo, Niels, hier ist Peter, Peter Nehmer.«

»Hallo, Peter, wie geht es?«

»Danke der Nachfrage, mein Lieber. Den Jungen geht es prächtig und Claire, na – du kennst sie ja, sie wird mit jedem Tag schöner. Das Alter scheint ihr überhaupt nichts auszumachen. Ich hoffe, du bist auch gut drauf?«

»Alles okay. Was kann ich für dich tun?«

»Ich will dich nur kurz ins Bild setzen. Deine Idee des … ich nenne es mal Staatsfonds … ist hier bestens aufgenommen worden. Horst war sofort Feuer und Flamme, Boris ist sowieso immer positiv, was meine Vorschläge angeht, die Kohler habe ich mit sanftem Druck auf meine Seite gebracht, nur der Wohler war zögerlich. Natürlich wollte er mal wieder einen Unternehmensberater einschalten.«

Niels Werner stöhnte leicht. »Oh nein, nur das nicht. Da kannst du ja gleich in den Medien unser Vorhaben hinausposaunen. Hast du deinen Kollegen irgendwelche Details gesagt?«

»Wo denkst du hin! Die haben von mir nur vage die grobe Richtung mitgeteilt bekommen. Genauso wie unser Aufsichtsratsvorsitzender Fieber. Der schwätzt ja auch gerne rum. Was mich persönlich noch umtreibt, ist die Frage, woher du so schnell die Information bezüglich des Scheiterns unserer Bankenallianz bekommen hast. Ich meine, ich wusste das ja mal gerade einen Tag vorher. Darf ich fragen, welches Vöglein dir das gesungen hat?«

»Fragen darfst du.«

Nach einem längeren Moment der Stille kam wieder Peter Nehmers Stimme durch das Telefon.

»Schon gut, ich habe verstanden. Übrigens denkt die Kohler, wir sollten uns um das Management des Atomfonds bemühen. Was meinst du?«

»Kann man machen, aber gemessen an den 500 Milliarden, die du im Visier haben solltest, sind das eher Peanuts.«

»Da hast du wohl Recht, ich habe sie zur Tarnung in dem Glauben gelassen, dass das ein guter Vorschlag ist. Horst hat mich übrigens noch auf eine Dringlichkeit aufmerksam gemacht, falls wir deinen Plan umsetzen wollen.« Horst Kaiser, der Finanzchef, die graue Eminenz der Wertebank, war immer für gute Vorschläge gut. Niels Werner schätzte ihn sehr.

»Und was meint er?«

»Er hat mich schon vor Wochen darauf aufmerksam gemacht, dass wir einen guten Chef für das Asset Management brauchen. Die Frage, Niels, ist schlicht, ob du bereit bist, zu uns zurück zu kommen.«

»Du hattest mich doch entlassen, erinnerst du dich?«

»Ich weiß.« Nehmers Stimme klang leicht gequält. »Im Nachhinein betrachtet habe ich damals wohl überreagiert.«

»Ich weiß, ich wollte dich eben auch nur ein wenig piksen.«

»Niels, ich hatte mich bei meiner Entscheidung zu sehr auf deine angedachte Rolle als trojanisches Pferd für Gerd Brauners Meinebank fokussiert und weniger auf deine enormen Verdienste für unsere Bank und mich persönlich natürlich. Ohne dich wäre die Entführung unseres Sohnes wohl nicht so glimpflich ausgegangen.«

Das Angebot zur Wertebank zurückzukommen und seine alte Position wieder einzunehmen, hatte Niels Werner befürchtet. Er fühlte sich hier auf seinem Berghof im Schwarzwald pudelwohl, auch wenn es im Moment sehr still in seinen vier Wänden war. Aber natürlich würde es ihm auch Spaß machen, wieder in seine alte Rolle bei der Wertebank zu schlüpfen.

»Denk darüber nach, Niels. In drei Tagen halte ich in Straßburg eine Rede. Das Europaparlament zieht mal wieder für eine Woche dorthin. Claire will mit den Kindern anschließend nach Colmar zu ihren Eltern fahren. Ich könnte von dort schnell bei dir vorbeischauen, mit dem Auto ist es ja nur eine Stunde.«

»Du bist herzlich willkommen, Peter.«

»Gut, dann also bis Freitag.«

Puh, was sollte er bloß machen? Offenbar ließ ihn seine alte Branche nicht los. Vielleicht sollte er hin und her pendeln? Dann könnte er zumindest das Wochenende hier verbringen. Wenn bloß die Verkehrsverbindung nach München nicht so schlecht wäre. Mit dem Zug war das eine Katastrophe, da kam nur der Wagen in Frage. Aber auch das würde zeitaufwändig sein.

Erst jetzt bemerkte er das laute Klopfen. Als er die Haustür öffnete, stand vor ihm ein etwas verlegen wirkender Josef. Der alte Mann vom tiefer gelegenen Bauernhof war sein nächster Nachbar, allerdings hatte er mit ihm noch nie mehr als drei Worte gewechselt, und das meistens auch nur, wenn seine Nicki die Katze vom Josef gejagt hatte. Das hatte ihn dann stets eine Flasche Rotwein gekostet. Gegenseitige Besuche waren aber völlig ausgeschlossen und hatten auch nie stattgefunden. Entsprechend verlegen trat Josef von einem Bein auf das andere und drehte seinen verwitterten Strohhut in der Hand.

»Entschuldigung, ich habe keine Klingel gefunden – und da habe ich halt an die Tür geklopft. Ich hoffe, ich störe nicht.«

»Aber nein, ganz und gar nicht. Wollen Sie hereinkommen?«

»Nein, passt schon, ich bleib lieber hier draußen in der schönen Sonne und setze mich an den Tisch dort.«

Wie immer hatte Niels Werner Schwierigkeiten mit dem alemannischen Dialekt, aber viele Jahre im Schwarzwald hatten sein Ohr mittlerweile dafür geschärft.

»Haben Sie zwei Gläser?« Mit diesen Worten holte Josef aus den Untiefen seines Umhangs eine Flasche Schnaps hervor. »Selbstgebrannt, versteht sich.«

Nachdem die Gläser auf dem Tisch standen, schenkte er großzügig ein. Mit einem »Prost« kippte er sein Glas hinunter und füllte es sofort wieder nach. Niels Werner kam gar nicht hinterher. Bevor das Ganze allerdings zum Kampftrinken ausartete, begann Josef seine für seine Verhältnisse unfassbar lange Rede.

»Also, die Gerda, was meine Frau ist, und ich, wir haben gedacht, jetzt, wo die Jungen weg sind und auch die Nicki nicht mehr da ist, muss es doch hier oben ziemlich einsam sein und dass Ihnen ein wenig Gesellschaft gut tun würde. Und da wir schon so lange eine gute Nachbarschaft pflegen«, Niels Werner traute seinen Ohren nicht, »habe ich eine Flasche von meinem Selbstgebrannten geschnappt und bin hier hoch gekommen.«

»Das ist eine Superidee von Ihnen, Josef. Ich weiß das sehr zu schätzen. Sagen Sie das auch Ihrer Frau.«

Josef nickte vor sich hin und kippte mittlerweile das dritte Glas seines Schnapses hinunter, ehe Niels Werner fortfuhr: »Aber ich hatte gedacht, die Nicki geht Ihnen auf die Nerven, weil sie doch immer Ihre Katze gejagt hat.«

»Ja, ja, die Nicki, eine bildschöne Hündin, und so lieb war sie, tat keiner Menschenseele etwas zuleide. Und meine Katze, na ja, es gab ja immer eine gute Flasche Rotwein hinterher.«

Josef sah ihn augenzwinkernd an und er begriff, dass wahrscheinlich sein Hund immer dann angeblich die Katze gejagt hatte, wenn der Josef eine neue Flasche Wein brauchte. Das alte Schlitzohr!

»Ja, und die Jungen, die haben doch sicher jede Menge Lärm gemacht und ständig Ihre Äpfel vom Baum geklaut.«

»Ach, die Jungen, lebhaft waren sie schon«, Josef kippte sein viertes Glas, während Niels Werner immer noch mit dem zweiten kämpfte, »aber Äpfel haben wir doch alle geklaut in der Jugend. Die schmeckten immer am besten. Ich bin übrigens der Josef. Du kannst ruhig du zu mir sagen.«

Jetzt musste er doch sein zweites Glas erheben, während Josef sich sein mittlerweile fünftes einschenkte.

»Ich bin der Niels, Prost, Josef.«

»Prost, Niels.«

Dann stand der Josef auf, verkorkte seine Flasche und ließ sie wieder in seinem Umhang verschwinden. Danach kam er um den Tisch herum und legte Niels Werner die Hand auf die Schulter.

»Mein Bruder, der Karl, der hat einen Hof weiter oben in der Nähe vom Höllental und seine Hündin hat Junge bekommen. Das sind Hirtenhunde, vielleicht auch Mischlinge. Aber wenn du einen Welpen willst, sag mir Bescheid. Wir würden auch auf ihn aufpassen, wenn du mal nicht da bist.«

Niels Werner hätte den alten Bauern fast in den Arm genommen, so überwältigt war er von dessen unerwarteter Herzlichkeit.

»Danke, Josef. Aber ich werde eventuell künftig wohl wieder, zumindest in der Woche, in München sein.«

»Sag nur ein Wort und wir werden ein Auge auf deinen wunderschönen Hof haben. Ich muss mich jetzt aber wieder um mein Vieh kümmern. Wenn du etwas brauchst, du weißt ja, wo wir sind.«

Mit diesen Worten drehte er sich um und stapfte wieder den Weg herunter zu seinem Hof, wobei seinem Gang nicht anzusehen war, dass er gerade eine gehörige Menge Schnaps in sich hineingeschüttet hatte. Trotzdem behielt Niels Werner ihn von seiner erhöhten Position im Auge. Man konnte ja nie wissen. Aber Josef meisterte den doch recht steilen Abstieg mit traumwandlerischer Sicherheit und erreichte unbeschadet seinen Hof.

Dort allerdings wurde er von einem Autofahrer angehalten, der ihn offensichtlich nach dem Weg fragte. Josefs Zunge war wohl immer noch vom Schnaps gelöst, denn er beugte sich durch die geöffnete Scheibe zu dem Fahrer herunter und verharrte eine ganze Weile in dieser Position. Dann machte er mit seinem Arm eine einladende Geste den Weg hinauf, den er gerade heruntergegangen war. Der Wagen setzte sich daraufhin in Bewegung und schlug den Weg zu seinem Berghof ein. Jetzt war Niels Werner hochgradig alarmiert. Was kam denn da auf ihn zu? Als der Fahrer, auf seinem Hof angekommen, ausstieg, dachte er nur: Mich laust der Affe!

»Konrad, was in aller Welt machst du denn hier?«

»Hallo, Niels, wie es aussieht, besuche ich einen alten Freund und Ex-Kollegen.«

»Aber um Himmels willen, ich denke, du bist in Amerika und darfst dich in Deutschland nicht mehr blicken lassen.«

»Eins nach dem Anderen. Darf ich vorher erst einmal dein Bad benutzen?«

»Na klar, komm, ich zeige dir den Weg. Möchtest du etwas trinken?«

»Wenn ich unverschämt sein darf, Kaffee wäre schön, und vielleicht hast du auch noch eine Kleinigkeit für meinen Magen.«

»Kein Problem.«

Während Konrad Pair im Bad verschwand, warf Niels Werner die Kaffeemaschine an und stellte schon einmal Milch und Zucker bereit. Es dauerte auch nicht lange, bis sein Gast sichtlich entspannter wieder auftauchte.

»Das ist ja ein Superdomizil, ich muss schon sagen, Niels, schön hast du es hier. Das gefällt mir«, und mit einem ironischen Zwinkern, »hier werde ich mich sicherlich wohlfühlen.«

»Hast du vor zu bleiben?«

»Wenn ich darf. Ich müsste für einige Tage untertauchen, und ich glaube, hier wird mich keiner vermuten und schon gar nicht finden.«

»Du bist willkommen, in dieser Hütte ist es in letzter Zeit ohnehin zu still. Das Gästezimmer ist frei und du hast da auch dein eigenes Bad. Wollen wir uns raussetzen? Auf der Terrasse im Garten ist es am angenehmsten und du hast einen Superblick über das Dreisamtal.«

»Gern.«

Konrad Pair ließ seinen Blick schweifen, während Niels Werner Kaffee und Teile des von Agathe gebackenen Zwetschgenkuchens auf den Tisch stellte. Sein Gast griff beherzt zu.

»Das sind die Dinge, die man in Amerika vermisst. Der Kaffee ist eine Katastrophe und so einen Kuchen bekommst du nirgends.«

»Und deswegen bist du nach Deutschland zurückgekehrt?«

Pair gluckste vor sich hin. »Nicht so ganz. Ich bin vor allem zurückgekommen, um am Leben zu bleiben.«

»Erzähl.«

»Na ja, warum wollten die Amis Samuel Leist eliminieren und warum hat der deutsche Geheimdienst durch meine Person dabei geholfen? Weil nichts über die Existenz dieser Organisationen bekannt werden soll. Nachdem Leist tot war, verblieb nur noch ein Restrisiko.«

»Du redest von dir.«

»Exakt. Ich glaube, sie hatten von Anfang an vor, mich ebenfalls mundtot zu machen. Nur deswegen haben sie mich in die USA gelotst. Natürlich bot sich für ihr Vorhaben New York an, in dieser Millionenstadt fällt ein Toter nicht so auf. Nachdem die mir in Washington erklärten, dass mein künftiger Arbeitsplatz in New York sei, war mir klar, ich muss verschwinden. Ich habe mich dann von New York aus in einem Greyhound abgesetzt und bin nach Montreal gefahren. Dort habe ich einen Flug mit Air France nach Paris gebucht. Vom Flughafen Charles de Gaulle ging es dann mit dem Mietwagen hierher. Den Wagen gebe ich morgen in Freiburg zurück.«

»Und nun? Wie willst du verhindern, dass die dich finden?«

»Das dürfte für die Jungs erst einmal nicht so einfach werden. Ich habe in New York eine falsche Spur gelegt und die John-Norton-Kreditkarte einem dortigen Studenten gegeben. Der wird sie eifrig benutzt und den Amis damit signalisiert haben, ich sei noch in New York. Beim Buchen des Greyhound-Tickets habe ich meine Identität nicht offenlegen müssen und beim Passieren der kanadischen Grenze hat sich so spät in der Nacht kein Grenzer für uns interessiert. Mein Ticket in Montreal lautete dann auf Konrad Pair, ebenso dieser Mietwagen da hinten. Natürlich werden sie mich finden, aber es wird wohl eine Weile dauern.«

»Ja, und dann?«

»Bis dahin werde ich mir eine Rückversicherung schaffen. Ich werde alles niederschreiben und einem Notar übergeben, der im Falle meines plötzlichen Todes diese Informationen an die Presse weitergibt. Und ich werde dafür sorgen, dass sowohl die Geheimdienste in Deutschland als auch in den USA davon wissen. Das dürfte deren Wunsch mich zu töten spürbar dämpfen.«

»Na, das hast du dir ja fein ausgedacht. Aber was ist, wenn es die Öffentlichkeit mitbekommt, ich meine, dass du frei bist?«

»Da wird es dann wohl den einen oder anderen bissigen Zeitungsartikel geben, von wegen Beugung des Rechtssystems und so weiter. Aber ich habe ordnungsgemäße Entlassungspapiere, die als Grund extrem gute Führung angeben. Rechtlich bin ich damit sauber. Der deutsche Geheimdienst kann ja schlecht seine Hilfe bei dieser Entlassung zugeben.«

»Mhm, wenn das so ist, dann könntest du ja wieder in die Wertebank eintreten.«

»Theoretisch schon. Was ist mit dir, hast du mit Peter gesprochen?«

»Ja, er hat mir diesbezüglich schon Avancen gemacht. Er will übrigens in ein paar Tagen hier vorbeikommen. Da kannst du ja auch mit ihm reden.«