Tarmac - Nicolas Dickner - E-Book

Tarmac E-Book

Nicolas Dickner

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Beschreibung

"Tarmac - Apokalypse für Anfänger" erzählt die Geschichte der Familie Randall. Seit über sieben Generationen durchleben alle Angehörigen ihre "schlimme Viertelstunde": jenen Moment, in dem ihnen durch eine Vision das präzise Datum des Weltuntergangs offenbart wird - über die Jahrhunderte natürlich immer ein anderes Datum. Im Sommer 1989 versucht Ann Randall ihrem Schicksal zu entfliehen und packt alles für eine nukleare Katastrophe Überlebensnotwendige in ihren alten Lada. Es bleibt kaum Platz für ihre Tochter Hope, den letzten Spross in der langen Linie der Randalls, und die einzige, die das Datum ihres Weltuntergangs noch nicht offenbart bekommen hat. Arme Hope Randall: Nachdem Sie mit Ihrer Mutter in dem kleinen kanadischen Nest Rivière-du-Loup gestrandet ist, bleibt ihr nichts anderes übrig, als abzuwarten. Währenddessen begegnet sie dem gleichaltrigen Mickey: Sprössling eines Familienclans, der seit mehreren Generationen in der Betonherstellung tätig ist. Er ist verzaubert von Hopes roten Haaren, ihren Sommersprossen und ihren 195 IQ-Punkten. Hope wiederum findet Halt in den langen Abenden, die die beiden im Familienkeller von Mickeys Eltern verbringen und die sie vor den Wahnvorstellungen ihrer Mutter schützen. Doch Hope ist schließlich eine Randall, sie entkommt ihrem Schicksal nicht. Nachdem ihr ein Datum, der 17. Juli 2001, offenbart wird, macht sie sich auf eine lange Reise.

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Nicolas Dickner

TARMAC

Apokalypse für Anfänger

Roman

aus dem Französischen von Andreas Jandl

Für Z und G

Inhalt

1. Verdampft

2. Das Zoogeschäft

3. Die Randalls

4. Produkt des Zufalls

5. Eine beunruhigende Logik

6. Russisch zu Hause lernen

7. Vom Schicksal getroffen

8. Albert Einsteins vierundzwanzig Anzüge

9. Die letzte große Phobie

10. Kalte Fusion

11. Ein über längere Zeit problemlos bewohnbarer Raum

12. Termiten

13. Bitte unter Vermeidung der Verben sein und haben

14. Grenzmauer

15. Bumm!

16. Der Beginn einer neuen Ära

17. Megazitronen

18. Die Fundamente der Wirklichkeit

19. Einstein hat sich getäuscht

20. Tora! Tora! Tora!

21. Ein kleines Gebet

22. Illustrierte Enzyklopädie der Psychiatrie

23. Eine recht optimistische Sichtweise des Kosmos

24. Parampampampam

25. Aufruhr bei Saint-Vincent de Paul

26. Schimpansen im Wandschrank

27. Jäger und Sammler

28. Eine zumindest verstörende Entdeckung

29. Amenorrhöa mysteriosa

30. Randall’sche Denkart

31. Kleine Schritte führen zum großen Ziel

32. Muster

33. In heimischen Sphären

34. Alles, was brennt

35. Ich bin Shiva

36. In den römischen Thermen

37. Die normalste Sache der Welt

38. Chilistückchen und Gewürze

39. Marcus war hier

40. Das Fernsehen ist der Feind

41. Ophir III

42. Vertrieben aus dem Paradies

43. Weitere Berichte auf Seite 47

44. Satellitenfernsehen

45. Der Anfang der Welt

46. Plutonium

47. Eine winzige Wärmeoase

48. Schaumstoff und Krümel

49. The End Is Near

50. Verlässlicher als ein Päckchen Nudeln

51. Der unangenehmste Verleger im bekannten Universum

52. Ein Markt in vollem Wachstum

53. Mission

54. Greyhound

55. Reisemenü

56. There Were No Good Old Days

57. Labyrinth

58. Und dann der arme Chuck bekam Probleme

59. Überreizt

60. Sie verlassen den amerikanischen Sektor

61. Dürfte ich Ihre Gasmaske benutzen?

62. Die große Ursuppe

63. Die Sackgasse

64. 1945

65. Ein unmöglicher Winkel

66. Toleranter im Umgang mit unwahrscheinlichen Dingen

67. Aufklärungskommando

68. In ständiger Veränderung

69. Moderne Kunst

70. Strömungssystem

71. Carpet Bombing

72. In Raum und Zeit

73. Besser ausgerüstet als 546

74. Die Zeit totschlagen

75. Die wissenschaftliche Entdeckung des Tages

76. Die neunzehnte Haltestelle

77. Madame Sicotte

78. Siebenunddreißig Minuten

79. Crosswords Weekly

80. Die kollektive Psyche verformen

81. Eine einzigartige Fähigkeit

82. Die Geschwindigkeit der Welt

83. In einem anderen Licht

84. Eine dreitausendjährige Reise

85. Massenvernichtungswaffe

86. Wer spricht noch vom nuklearen Winter?

87. Strahlend weiße Wellen

88. Eine tiefe Lücke in der Realität

89. Die Bürde der Arterhaltung

90. DRO

91. Nur noch dreißig Stunden Angst

92. Frau Hikari

93. Ein ganz gewöhnlicher Tag

94. Geschafft!

95. Ethnologische Beobachtung Nr. 743

96. Die jung-dynamische Japanerin von heute

97. Wie es weiterging

Nachweise

Danksagungen

Impressum

Über den Autor

The future ain’t what it used to be.

Yogi Berra

1. Verdampft

August 1989. Ronald Reagan hatte das Weiße Haus verlassen, der Kalte Krieg neigte sich dem Ende zu, und das städtische Freibad war (wieder einmal) geschlossen. Grund des Ärgernisses: ein Rohrbruch.

Rivière-du-Loup versank in einer Hühnerbrühe: Die Luft war gelblich gefärbt, vollgesogen mit Blütenstaub, und ich irrte missmutig mit meinem Badetuch um den Hals durch das Viertel. In drei Tagen würde die Schule wieder losgehen, und nur ein paar Bahnen im gechlorten Wasser hätten meine Stimmung heben können.

So kam ich schließlich ins städtische Stadion. Keine Menschenseele war zu sehen. Soeben mussten die Linien des Baseballfeldes nachgezogen worden sein, denn der Kalkgeruch lag noch in der Luft. Baseball interessierte mich eigentlich nicht besonders, aber ich liebte die Stadien, aus welchem Grund auch immer. Ich ging am Unterstand der Spieler vorbei, vor dem eine alte, von der Sonne ausgeblichene Zeitung lag. Mit etwas Mühe konnte man eine Reihe Panzer auf dem Platz des Himmlischen Friedens erkennen. In diesem Moment fiel mir das Mädchen oben im letzten Rang auf, den Kopf tief in ein Buch gesteckt, als wolle sie so die Zeit bis zum nächsten Match totschlagen. Ohne lange zu überlegen, stieg ich die Stufen zu ihr hinauf.

Ich hatte sie bei uns im Viertel noch nie gesehen. Sie war schlank, hatte kantige Hände und ein mit Sommersprossen übersätes Gesicht. Sie trug eine Baseballmütze der New York Mets (den Schirm tief in die Stirn gezogen) und eine Jeans mit Loch am rechten Knie – keine von diesen topmodischen, säuregebleichten Dingern, sondern eine einfach geschnittene Arbeitshose, eine uralte Levis, die direkt aus einem Kohlestollen in der Wüste von New Mexico zu stammen schien.

Gegen die Absperrung gelehnt, las sie in einem Sprachlehrgang: Russisch zu Hause lernen, Band 13.

Ohne ein Wort zu sagen, setzte ich mich neben sie. Sie zuckte mit keiner Wimper.

Die Holzbank, auf der wir saßen, war höllisch heiß. Die Sonne knallte auf uns herab, und hätte nicht die Gefahr bestanden, mich der Lächerlichkeit auszusetzen, hätte ich mir das Handtuch als improvisierten Turban um den Kopf gewickelt. Ich reckte die Nase hinauf in den Himmel. Hoch oben in der Atmosphäre durchzog eine Boeing 747 langgestreckte Schönwetterwolken. Aussicht auf trockenes Wetter.

Gerade wollte ich irgendeine meteorologische Belanglosigkeit von mir geben, als das Mädchen den Schirm ihrer Mütze nach oben klappte:

»Letzte Nacht habe ich von der Atombombe von Hiroshima geträumt.«

Ich brauchte einige Sekunden, um über diese ungewöhnliche Gesprächseröffnung nachzudenken.

»Und warum ausgerechnet die Atombombe von Hiroshima?«

Sie verschränkte die Arme:

»Die Sprengkraft der heutigen Bomben übersteigt unser aller Vorstellungskraft. Ein ganz banaler Marschflugkörper mit ungefähr fünfhundert Kilotonnen zum Beispiel. Die Explosion könnte ein Stück Kontinentalplatte ins Weltall schleudern. Das menschliche Gehirn kann sich so etwas nicht vorstellen.«

Woher kam dieses Mädchen? Sie hatte einen unbestimmbaren Akzent. Englisch, Akadisch, vielleicht Brayonisch. Ich tippte auf Edmundston. Sie zog eine leere Packung Cracker Jack aus einem Bretterspalt hervor und schickte sich an, Konfetti aus ihr zu machen.

»Little Boy hatte ungefähr fünfzehn Kilotonnen. Kein kleiner Böller, aber irgendwie noch nachzuvollziehen. Wenn die über uns explodieren würde, sagen wir in sechshundert Metern Höhe – wie in Hiroshima –, dann würde die Druckwelle die Stadt in einem Umkreis von anderthalb Kilometern ausradieren. Das entspricht einer Fläche von etwa sieben Quadratkilometern. Umgerechnet macht das …«

In ihre imposante Rechenoperation versunken, kniff sie die Augen zusammen.

»… zweitausendfünfhundert Baseballfelder wie dieses hier.«

Sie hörte kurz mit dem Zerpflücken auf und umrahmte mit elegant-pädagogischer Geste die Umgebung:

»Das Einkaufszentrum würde zerbersten, die Bungalows einfach umklappen, die Autos wegwehen wie Pappkartons, die Laternen umknicken. Und das nur durch die Druckwelle. Denn danach kommt die Wärmestrahlung. Alles im Umkreis von zig Quadratkilometern würde zu Asche – sehr, sehr viele Baseballfelder! In der Nähe der Bombe wäre die Temperatur höher als auf der Oberfläche der Sonne. Alles Metall schmölze dahin. Im Sand bildeten sich Glaskügelchen.«

Sie hatte die Zerhäckselungsaktion abgeschlossen und wog den Haufen Konfetti in der Hand:

»Und weißt du, was mit uns passieren würde, uns zwei armen kleinen Primaten, die zu sechzig Prozent aus Wasser bestehen?«

Langsam drehte sie den Handteller nach unten, und der Wind trug das Häufchen Konfetti in Richtung left field:

»Wir würden innerhalb von drei Millisekunden verdampfen.«

Schließlich wandte sie sich zu mir und musterte mich mit regen Augen, bestimmt, um zu sehen, wie ich mit dieser Steilvorlage würde umgehen können. Recht gut, alles in allem. Ihr Blick gab mir zu verstehen, ich hätte bestanden.

Ihr Gesicht entspannte sich. Sie schenkte mir ein warmes Lächeln und vertiefte sich ohne ein weiteres Wort wieder in ihr Russischlehrbuch.

Leicht angeschlagen von der Druckwelle, ließ ich mich gegen die Absperrung fallen. Während ich mir die Stirn mit einem Zipfel meines Handtuchs abtupfte, sah ich mir das Mädchen verstohlen an. Ich hätte schwören können, dass sie dabei war, mit ihrem IQ von hundertfünfundneunzig ein Magnetfeld um sich aufzubauen.

Nicht nur, dass ich dieses Mädchen hier noch nie gesehen hatte – so ein Mädchen hatte ich noch nie irgendwo gesehen –, und in genau diesem Augenblick wurde mir klar: Wenn ich einmal mit irgendjemandem verdampfen müsste, dann nur mit ihr.

2. Das Zoogeschäft

Sie hieß Hope Randall und war gerade aus dem neuschottischen Yarmouth hergezogen.

»Weißt du, wo das liegt?«

Sie zeichnete mit dem Zeigefinger eine Karte Neuschottlands in die Luft und setzte einen Fliegenschiss auf das südliche Ende der Halbinsel, direkt gegenüber dem Bundesstaat Maine – eintausendzweihundert Kilometer entfernt von hier.

»Nie gehört.«

»Das macht nichts.«

Erst vor drei Tagen waren sie und ihre Mutter angekommen und hatten in der Rue Amyot eine Bleibe gefunden: eine Wohnung, eingezwängt zwischen dem Waschsalon Clean-O-Matic und den Küchenräumen des Chinese Garden. Zwei berühmt-berüchtigte Orte der Reinheit und Hygiene in der Stadt.

Sie drehte den Schlüssel ein paarmal im Schloss und trat gegen die Tür.

»Willkommen in Randalls Zoogeschäft!«

Und plötzlich erinnerte ich mich wieder: Hier befand sich einmal eine Zoohandlung, Die Arche Noah (sic), geschlossen seit dem vorigen Winter und jetzt in eine allerdings nur halbwegs bewohnbare Behausung umgebaut. Auf dem Boden konnte man noch die Verfärbungen erkennen, wo Verkaufstresen, Regale und Aquarien gestanden hatten. Asiatischer Frittiergeruch lag in der Luft, ohne jedoch den Gestank von Papageienscheiße, Katzenkot und Chinchilla-Urin überdecken zu können.

Die Möblierung war im Preis inbegriffen, sie bestand aus einem wackeligen Tisch, vier Stühlen, einer Grundausstattung an zerbeulten Elektrogeräten und einer Couch, die, in Abwesenheit eines Fernsehers, dem Betrachter vollkommen überflüssig erschien.

Hope beteuerte, noch keine zweiundsiebzig Stunden hier zu sein, doch stapelten sich in allen Ecken unglaubliche Mengen an Lebensmitteln: säckeweise Mehl und japanische Ramen-Nudeln, Wasser und Öl in Fässern, allerlei Konservendosen. Genau genommen war im näheren Umfeld das Einzige, was nicht zum Verzehr bestimmt war, ein Stapel von Russisch zu Hause lernen (die Bände 8, 14 und 17), auf den Hope vorsichtig den Band Nummer 13 legte, den sie mit ins Stadtstadion genommen hatte.

»Hast du Durst?«

Ich nickte. Während sie mir ein Glas Wasser einschenkte, schaute ich mich in der Zoohandlung neugierig nach angrenzenden Zimmern um. Abgesehen von einem auffällig geräumigen Badezimmer – zweifellos dem ehemaligen Reptilienraum – gab es offenbar kein weiteres Zimmer. Aber wo schliefen sie dann? Hope, die meine Frage erahnte, deutete auf die Couch:

»Die kann man ausziehen. Und ich schlafe im Bad, bei geschlossener Tür. In weniger als drei Metern Abstand von meiner Mutter kriegt man kein Auge zu.«

»Schnarcht sie?«

»Nein, sie redet im Schlaf.«

»Aha?«

Ich trank einen Schluck Wasser. Ein bedenklich metallischer Geschmack:

»Und was erzählt sie so?«

Besorgt begann Hope an ihrem Daumennagel zu kauen:

»Keine Ahnung. Irgendwas auf Assyrisch.«

»Auf Assyrisch?«

»Assyrisch oder Armenisch, was weiß ich. Von toten Sprachen habe ich keine Ahnung.«

Mit einem Biss kaute sie einen schmalen Nagelstreifen ab und spuckte ihn weg:

»Ich komme aus einer mehrsprachigen Familie.«

»Ganz offensichtlich«, sagte ich und deutete mit dem Fuß auf die Russischlehrbücher.

»Ich hatte auch mit Deutsch angefangen, musste aber einen Teil meiner Bücher in Yarmouth zurücklassen, weil sie nicht mehr ins Auto passten.«

»Zurücklassen?«

»Ja. Wir sind nachts aufgebrochen, weil …«

Sie seufzte:

»Okay. Fangen wir lieber am Anfang an.«

3. Die Randalls

Mary Hope Juliet Randall, genannt Hope, war die jüngste Vertreterin einer Familie, die seit einem nicht mehr genau bestimmbaren Moment – einige sprachen von sieben Generationen – an schweren Weltuntergangsvorstellungen litt.

Die Randins, eine Familie wohl weitestgehend akadischer Herkunft, waren 1755 von den Briten deportiert worden. Nach ihrer Aussetzung auf Maryland änderten sie den Familiennamen in Randall, ohne sich jedoch assimilieren zu lassen, und kehrten nach Neuschottland zurück, wo sie Jahrzehnte darauf verwandten, sich karges Torfland anzueignen.

Man könnte nun glauben, dass die familiäre Obsession für die Apokalypse in diesem geopolitischen Trauma ihren Ursprung fand. Denn war es nicht nachvollziehbar, wenn nicht gar unvermeidlich, dass die Nachkommen deportierter Bauern gegenüber städtischen Ballungsgebieten, großen Katastrophen und einem normalen Verlauf der Geschichte gewisse Vorbehalte hegten? Doch fand diese Theorie keinen Konsens, so dass schließlich einige Genealogen die Weltuntergangsvorstellungen einer Erbkrankheit zuschrieben, die sich aufgrund blutsverwandter Ehen entwickelt habe (die Randalls waren recht häuslich veranlagt).

Fest stand, dass dieselben Symptome sich mit choreographischer Präzision von Generation zu Generation wiederholten: Sobald ein Mitglied der Randall’schen Familie, egal ob männlich oder weiblich, die Pubertät erreichte, wurde es auf übernatürliche Weise und sehr detailgenau über den künftigen Weltuntergang in Kenntnis gesetzt: über Datum, Uhrzeit und Hergang.

In aller Regel kam diese Vision in der Nacht. Genau genommen handelte es sich dabei nicht wirklich um eine Vision – diese hätte man als einen gewöhnlichen Albtraum abtun können. Nein, die Randalls erlebten das Weltende in Echtzeit und 3D. Sie spürten das Regenprasseln und die Verbrennungen auf ihrer eigenen Haut, sie erstickten in Feuersbrünsten, schmeckten die Asche, hörten die Schreie, rochen den Gestank verwesender Leichen.

Die Randalls nannten dieses Phänomen die »nächtliche Offenbarung«, das »Licht«, die »Prophezeiung« oder gemeinhin »die kleine Höllentour«.

Jeder Randall bekam übrigens ein anderes Datum offenbart, was es gehörig erschwerte, mit dem jeweils eigenen Weltuntergang ernst genommen zu werden. Wenn ein Randall dann den Tag seines Weltuntergangs überlebte, zeigte sich bei ihm zumeist plötzliches seelisches Ungleichgewicht oder ein Hang zur Beschädigung öffentlichen Eigentums. Die Geschichte endete üblicherweise in der Irrenanstalt oder in sonstigen einschlägigen Einrichtungen.

Der Familienstammbaum der Randalls wäre bestens dafür geeignet, an ihm die Geschichte der nordamerikanischen Psychiatrie über die letzten einhundertfünfzig Jahre aufzuzeigen, vom eiskalten Duschen über die Lobotomie, die Beschäftigungstherapie, die Zwangsjacke und das Lithium bis zur offenen Psychiatrie.

1. Fall: Harry Randall Truman, Urvater der Familie, verlor den Verstand im Herbst 1835, kurz nachdem der Halleysche Komet an der Erde vorbeigeflogen war. Er hatte die Rückkehr Moses’ auf einem strahlend weißen Walfänger verkündet und dann in der Scheune eines presbyterianischen Pfarrers Feuer gelegt. Nachbarn hatten ihn überwältigen und fesseln können und ins Halifax Mental Asylum verfrachtet, wo er den Rest seines Lebens in der Abteilung für Pyromanen und andere Soziopathen verbrachte.

37. Fall: Gary Randall hatte sich fünfzehn Jahre lang in einer Sperrholz-Hütte verschanzt, durch deren Fenster er die – in diesem Landstrich äußerst seltenen – Psychotherapeuten mit seinem Zwölfer-Kaliber begrüßte. Man fand ihn erfroren an sein Gewehr geklammert, nachdem die Temperatur eines Morgens plötzlich auf minus vierzig Grad gefallen war: steif und blau und endlich von seinem Wahn erlöst.

53. Fall: Henry Randall jr., Hopes Großvater, der noch die große Wirtschaftskrise miterlebt hatte, zeigte sich weniger destruktiv. Er kanalisierte seine Ängste, indem er die Reformierte Minoritätenkirche des Siebten Wiederkäuers gründete, eine parachristliche Sekte, die das Armageddon für den 12. Juni 1977 angekündigt hatte. Eine vergleichsweise durchaus gesunde Art, seine Zeit totzuschlagen. Die Kirche existierte bis zu besagtem Datum, nach dessen Verstreichen sich Henry das Leben nahm, er schluckte eine Handvoll Dachnägel.

Ähnlich erging es Gary Randall, Harry Randall, Harriet Randall, Hanna Randall, Henry Randall, Randolph Randall, Handy Randall, Hans Randall, Hank Randall, Annabel Thibodeau (geborene Randall), Henryette Leblanc Randall, Hattie Randall, Pattie Randall und anderen – während die Tage friedlich und unbeirrbar verstrichen und der Planet beharrlich wie ein schlechter Witz seine Kreise zog.

4. Produkt des Zufalls

Ann Randall erblickte das Licht der Welt in Yarmouth im März 1954, genau an dem Tag, als die Amerikaner auf den Marschall-Inseln eine neuartige Wasserstoffbombe testeten.

Das schüchterne kleine Mädchen war von ebenso strahlender wie frühreifer Schönheit und zeigte ein wundersames Talent beim Erlernen von Sprachen: Im Alter von zehn Jahren sprach sie bereits Englisch und Französisch und lernte Latein mit Hilfe einer alten Vulgata, die sie in der Sakristei hatte mitgehen lassen – ein Diebstahl pädagogischer Art. Der Pfarrer gab vor, es nicht bemerkt zu haben.

Sie verlebte eine einsame Kindheit zwischen einem Vater, der vollkommen von seinen Pflichten als Führer der Reformierten Minoritätenkirche des Siebten Wiederkäuers in Beschlag genommen war, und einer launischen Mutter – die sie allerdings im Sommer ihres zwölften Lebensjahres verlor. Die Mutter, die vergeblich auf eine apokalyptische Feuersbrunst gewartet hatte, schluckte den gesamten Inhalt der Hausapotheke: Tabletten, Säfte und Tinkturen. Nach Auspumpen des Magens wurde sie in die psychiatrische Notaufnahme nach Halifax gebracht, von wo sie niemals zurückkehrte.

Am frühen Morgen des 1. September 1966 wachte Ann Randall, nach zweitägigen Krämpfen und Kopfschmerzen und noch immer von der Internierung ihrer Mutter erschüttert, schweißgebadet auf. Das Laken klebte ihr am Körper. In einiger Entfernung von Yarmouth hörte man ein Gewitter heraufziehen.

Ann wusste fortan – und würde es keine Sekunde ihres Lebens mehr vergessen –, dass der Weltuntergang im Sommer 1989 bevorstand.

Doch stutzte sie sofort über die mangelnde Vollständigkeit dieser Information. Sommer 1989? Weiter nichts? Ihre Cousins hatten ihr doch versichert, ihr würde nicht nur der genaue Zeitpunkt des Weltendes mitgeteilt, auf die Minute genau, sondern sie erhielte auch detaillierte Bilder, Tastempfindungen, Gerüche. Man hatte ihr eine Offenbarung auf Großleinwand versprochen, und was sie bekam, war ein unscharfes Dia, auf dem Bilddetails fehlten.

Sie setzte sich im Bett auf und bemerkte, dass ein anderes Ereignis gerade eingetreten war – ein feuchtes, zähflüssiges und endgültiges Ereignis. Sie fuhr sich mit der Hand zwischen die Beine und zog drei Finger hervor, an denen rötlich braunes Blut glänzte. Somit war sie mit ihrer kleinen Höllentour also durch.

Sie ging noch ein paar Jahre zur Schule, hatte auch immer gute Noten, verließ diese aber in der 12. Klasse ohne Nennung von Gründen. Es hätte sie ohnehin niemand danach gefragt. Sie trat eine Stelle in der Stadtbibliothek an (sie bestand aus ein paar Regalen im Keller des Rathauses), wo sie Bücher einordnete und ihr Latein aufbesserte.

Mit achtzehn hatte Ann ein sehr kurzes Abenteuer mit einem Gerichtsschreiber und wurde auf der Stelle schwanger. Bei der Zeugung handelte es sich selbstredend um ein Produkt des Zufalls. Die Randalls vermehrten sich ausschließlich auf ungeplante Art und Weise. Die genaueren Umstände des nächtlichen Ereignisses blieben ungeklärt, der lokalen Legende zufolge wurde es nach der Öffnungszeit zwischen den Regalen der Kinderbuchabteilung vollführt. Böse Zungen behaupteten, dass Ann sehr wohl darauf aus gewesen war.

Der Gerichtsschreiber, ein guter Familienvater und angesehener Bürger, verschwand daraufhin von der Bildfläche und überließ Ann sich selber – in der Auseinandersetzung mit der öffentlichen Meinung wie auch mit der winzigen Kohlenstoff-Kopie seines genetischen Codes.

Die Schwangerschaft ließ in Ann Randalls Gehirn eine ganze Reihe von Sicherungen durchbrennen: Sie wurde umgehend von apokalyptischen Panikanfällen sowie unkontrollierbaren Zwängen heimgesucht. Beispielsweise verwandte sie die Hälfte des Jahresbudgets der Bibliothek für die Anschaffung einer extravaganten Sammlung antiker Texte: Bibeln in Armenisch, Hebräisch und Griechisch, ein Faksimile der Schriftrollen vom Toten Meer, das Gilgamesch-Epos, das altbabylonische Enuma Elisch und das ägyptische Totenbuch. Sie ging nun auch nicht mehr nach Hause, sondern verbrachte die Nächte im Keller des Rathauses mit dem Lernen der toten Sprachen Mesopotamiens und ernährte sich von Ramen-Nudeln.

Nach einigen Monaten wollte sie in völliger Erschöpfung ihren Tagen ein Ende setzen und schluckte ein ganzes Pillenglas Aspirin, ein Unterfangen, das ihr akute Leberbeschwerden bescherte. Im Krankenhaus wurden nacheinander die Vergiftung der Leber, die psychotischen Anfälle und der Fötus entdeckt. Drei Diagnosen zum Preis von einer.

Sie wurde zum Gynäkologen geschickt, der sie an einen Sozialarbeiter verwies, der sie zum Psychologen brachte, der sie wiederum an den Psychiater weiterleitete, von dem aus sie mit einem Rezept nach Hause ging, das sich gewaschen hatte: 250 mg Clozapin jeden Morgen in Orangensaft gelöst – und eine Tablette Doxylamin gegen die Übelkeit.

Die Psychosen hörten auf, und Ann arbeitete wieder in der Bibliothek. Alles schien unter Kontrolle. Sie schwebte in einem euphorischen Zustand, legte im Beckenbereich ordentlich zu, sortierte Bücher, stempelte Karten. Durch eben diesen medikamentösen Vorhang erblickte Hope drei Wochen vor dem errechneten Termin das Licht der Welt (Genauigkeit war eine Tugend, die bei den Randalls ganz offensichtlich ausstarb). Der eilig hinzugezogene Großvater Henry kam ins Säuglingsheim gerauscht. Er blieb gerade lange genug, um einen Blick auf das Baby zu werfen und zu erklären, dass sie Mary Hope Juliet heißen solle.

So landete Mary Hope Juliet in ihrem Kuckucksnest.

5. Eine beunruhigende Logik

Das kleine Mädchen Hope mit ihrem aufmerksamen Blick und dem eigenständigen Wesen weinte selten und verweigerte sehr früh die Brust. Sie besaß nicht die zerbrechliche Schönheit ihrer Mutter, aber es ging von ihrer Erscheinung und ihren Gesten eine nicht zu leugnende Anmut aus. Sie hatte glattes, unfrisierbares Haar, und die Sommersprossen, die im Jahrhundertsommer des Jahres 1977 in ihrem Gesicht auftauchten, vollendeten das Bild eines Findelkindes aus dem hintersten Winkel des amazonischen Regenwalds.

Die Jahre vergingen. Ann sortierte Bücher und hielt sich an die vorgeschriebene Dosierung. Hope besuchte die Grundschule auf der anderen Straßenseite. Sie hatten wenig Freunde, besuchten selten die Familie. Die Randalls trafen sich alle paar Monate auf dem Friedhof, wenn wieder einmal eine Tante oder ein Cousin der persönlichen Apokalypse anheimgefallen war. Und aus diesen Familienzusammenkünften am Grab bestand zu einem wesentlichen Teil ihr gesellschaftliches Leben. Sie führten im Großen und Ganzen ein Leben ohne Überraschungen.

An dem Tag allerdings, als Ann in der Bibliothek kündigte – nicht ohne die Bibelsammlung mitzunehmen, deren Abwesenheit im Übrigen niemand bemerkte –, geriet dieses Leben ins Wanken. Sie verdingte sich daraufhin als Kassiererin bei Sobeys und begann, beachtliche Mengen an Lebensmitteln zu horten – genug, um damit über mehrere Monate eine von der Außenwelt abgeschnittene Großfamilie zu versorgen.

Diese ernährungsphysiologische Auffälligkeit beruhte auf einer beunruhigenden Logik: Ann weigerte sich, Gemüse und frisches Obst zu kaufen – also Essware, die zu raschem Verfall verurteilt war. Ihre Nahrungsauswahl fand in Kubikmetern statt und richtete sich nach Proteingehalt und Nährwert. Aber vor allem nichts Verderbliches. Sie brachte von Sobeys unmäßige Ladungen mit nach Hause: fünf Pfund Reis, zehn Pfund Kartoffeln, vier Dosen rote Bohnen, vier Dosen geschmorte Tomaten, zwanzig Dosen Thunfisch in Olivenöl, zwanzig Dosen Birnen, zwanzig Dosen Pfirsiche, zwanzig Dosen Erbsen – und Ramen, Hunderte von Nudelpäckchen, die sie in jedem freien Winkel verstaute.

Wenn ihre Tochter sie über den Zweck dieser Vorräte befragte, antwortete Ann Randall mit geheimnisvoller Miene:

»Tauschware, wenn die Chinesen kommen.«

Die gerade achteinhalbjährige Hope fand den Humor ihrer Mutter bereits damals suspekt.

6. Russisch zu Hause lernen

Nachdem es einige Jahre stillgehalten hatte, nahm sich das Sozialamt die Akte Ann Randall wieder vor. Ein Routinebesuch hatte in der Tat Anlass zu der Annahme gegeben, dass in dieser Familie tatsächlich nicht alles rund lief. Nicht nur, dass die Erziehungsberechtigte eine psychiatrische Vorgeschichte hatte, sie sammelte auch noch Tausende Päckchen Ramen-Nudeln und stapelweise Sardinendosen. Das war verdächtig.

Glücklicherweise war Hope immer auf der Hut. Jedes Mal, wenn sich ein Sozialarbeiter ankündigte, wischte sie den Boden, goss einen Liter Chlorreiniger in die Toilette, füllte einen hübschen Weidenkorb mit Äpfeln und Orangen. Wenn man sie in sorgfältig hergerichteter Umgebung antraf, konnte Ann Randall fast normal wirken.

Dieser Zirkus wiederholte sich alle sechs Monate, und Hope lernte mit der Zeit immer besser, nach außen die Illusion von Normalität zu erzeugen. Sie hatte schnell verstanden, dass bestimmte Details Verdacht erregten – vor allem eine Wohnung ohne Fernseher. Ein Fernseher war weitaus mehr als ein einfaches Haushaltsgerät, er bewies ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Hope durchstöberte also die Abfälle und stieß auf einen alten Schwarzweißfernseher der Marke Zenith. Der untere Teil des Bildschirms wollte zwar kein Bild mehr zeigen, aber solange man ihn nicht anstellte, erfüllte er seinen Zweck aufs Beste.

Sobald der Fernseher seinen Platz im Esszimmer eingenommen hatte, änderte sich die Haltung der Sozialarbeiter. Sie nahmen diese positive Entwicklung zur Kenntnis, und ihre Besuche erfolgten in immer größeren Abständen. Zwischen den Inspektionen musste der Fernseher allerdings verschwinden: Ann Randall verabscheute diesen Apparat, der Netzhautkrebs auslöste und einem das Gehirn zumüllte.

Das Fernsehgerät markierte einen Wendepunkt in Hopes Leben. Bisher war die Bibelsammlung ihrer Mutter ihre einzige Informationsquelle gewesen. Hope hatte einmal die King-James-Bibel gelesen – von der ersten bis zur letzten Seite –, und das hatte ihr wahrlich gereicht!

Von nun an schloss sie sich jeden Abend in ihrem Schrank ein, um die internationalen Nachrichten der CBC News zu sehen, alte Filme aus dem Spätprogramm und vor allem, unverzichtbar, The Nature of Things mit David Suzuki. Astronomie, Genetik, Chemie – sie interessierte sich für alles. Jeden Freitagabend durchquerte die frohe Botschaft, von Vancouver in Britisch-Kolumbien kommend, den Kontinent von Transponder zu Transponder, bis sie schließlich einen jämmerlichen Fernseher in der hintersten Ecke eines Kleiderschranks im neuschottischen Yarmouth erreichte und das Gehirn eines kleinen, wissensdurstigen Mädchens zum Glühen brachte.

Der Kalte Krieg neigte sich dem Ende zu. Der Amtsantritt von Michael Gorbatschow war ein gutes Vorzeichen. Die Perestroika war ein sehr gutes Vorzeichen und die Glasnost ein sehr, sehr gutes Vorzeichen. Fortan war keine Rede mehr vom nuklearen Holocaust: Man fragte sich, wann es wohl den ersten McDonald’s auf dem Roten Platz geben würde.

Mit ihrem besonderen Gespür für künftige Entwicklungen hatte Hope auf der Suche nach einem Lehrbuch für Russisch per R-Gespräch alle Buchhandlungen in Halifax angerufen. Bei Book Room wurde sie schließlich fündig. Eine Woche später brachte der (fluchende) Postbote drei riesige, in braunes Packpapier eingeschlagene und gut verschnürte Pakete mit 17 Bänden Russisch zu Hause lernen.

Während sich ihre Mutter in der Küche die Nägel abkaute, verbarrikadierte sich Hope im Kleiderschrank, schaltete den Fernseher im Undercovermodus ein und lernte im stroboskopartigen Schein des Bildschirms alles über Personalpronomen, Konjunktionen und Konjugationen.

Sie war gerade bei den ersten unregelmäßigen Verben angelangt, als sich der Zwischenfall in Tschernobyl ereignete.

Ein einfacher Wartungsfehler, dreißig winzige Sekunden Unachtsamkeit, und ein Atomkraftwerk in der weit entfernten Ukraine zerschmolz so leicht wie ein Karamellbonbon auf einer heißen Herdplatte. Hope saß drei Tage lang wie angewachsen vor dem Fernseher. Zum ersten Mal konnte die Welt Stunde um Stunde eine Katastrophe mitverfolgen, die auf sowjetischem Gebiet stattfand – eine Situation, die zwei oder drei Jahre früher an Science-Fiction gegrenzt hätte.

Für Ann Randall hingegen war Tschernobyl eines der Vorzeichen – bis zum Sommer 1989 waren es immerhin nur noch drei Jahre –, und sie litt erneut unter Angstzuständen, begleitet von Schlaflosigkeit und Phasen plötzlicher und unerklärlicher Fiebrigkeit. Etwas Neues kam allerdings hinzu: Seit kurzem sprach sie im Schlaf auf Assyrisch.

Hope tippte darauf, dass es Assyrisch, Hebräisch oder Sumerisch war, auch wenn sie ehrlich gesagt nur wenige Anhaltspunkte hatte. Ihre Mutter schlief jeden Abend beim Lesen einer dicken mehrsprachigen Bibel ein. Vielleicht vollzog sich hier eine Art Kontaminierung? Immerhin stand es fest, dass es bestimmt kein Russisch war.

Für Hope, die Hüterin des häuslichen Gleichgewichts, waren diese apokalyptischen Psychosen nicht einfach ein archaisches Familienerbe, sondern ein echtes Problem. Sie schleppte ihre Erzeugerin also zum Psychiater, der bestätigte, dass die Dosierung des Clozapins, mit der sie über viele Jahre gut gefahren waren, nunmehr erhöht werden musste. Neue Dosierung, neuer Trott.

Woher kam dieser plötzliche Wirkungsabfall? Der Arzt konnte keine genaue Erklärung dafür geben. Er nannte mehrere mögliche Gründe: Fortschreiten der Krankheit, Veränderungen im Metabolismus, Gewöhnungseffekt. Hope dachte bei sich, dass vielleicht eine von der Wissenschaft noch nicht erkannte Unverträglichkeit zwischen Clozapin und den internationalen Nachrichten bestünde.

Doch ganz egal, woran es lag, sie würde von nun an ihre Anstrengungen vervielfachen müssen, um den Kern der Familie stabil zu halten. Ihre Einsamkeit wie auch die Anzahl der wöchentlich im Schrank verbrachten Stunden würde also zunehmen.

Sie fühlte sich von der Situation überfordert, aber wen hätte sie schon um Hilfe bitten können? Gewiss nicht die anderen Randalls, die sie eher tolerierten, als sie wirklich zu akzeptieren. Der Grund dafür lag auf der Hand: Hope hatte ihre kleine Höllentour noch nicht gehabt – und was galt schon eine Randall, die ihr Weltuntergangsdatum nicht kannte? Eine Unter-Randall, ein Wurm, ein Fremdkörper im Orbit des Familienstammbaums.

Hope bewegte sich im Niemandsland zwischen zwei Welten, die ihr jedoch beide verschlossen blieben. Glücklicherweise gab es David Suzuki.

7. Vom Schicksal getroffen

Der Sommer 1989 rückte unaufhaltsam näher.

Hopes Mutter litt unter unbeschreiblicher Angst, verschlimmert durch die Ungewissheit, nicht genau zu wissen, was auf sie zukam. Schon seit einiger Zeit hatte sie damit aufgehört, auch nur die kleinste Pille zu schlucken, und die unangebrochenen Clozapin-Fläschchen stapelten sich in der Hausapotheke. Ergebnis: Sie verbrachte ihre Abende Solitaire spielend am Küchentisch und zuckte beim leisesten Fliegengesumm zusammen, das in ihrer Phantasie sofort zu einer herannahenden Katastrophe wurde.

Durch die Wand war unablässig der Fernseher des Nachbarn zu hören, eine Mischung aus The Price Is Right, Three’s Company und Wok With Yan, untermalt von gelegentlichen Wutausbrüchen, die einem übermäßigen Bierkonsum zugerechnet werden konnten. Das Theater begann täglich um sechs Uhr morgens und dauerte bis Mitternacht – was jeden in den Wahnsinn getrieben hätte –, und Ann Randall baumelte nur noch an einem Finger über dem Abgrund, wie eine Zeichentrickfigur, die am Felsvorsprung hängt.

Ihre Angst schwoll unablässig an, bis eines Nachts im Juli das Fass überlief.

Hope befand sich gerade zwischen zwei Schlafphasen, als ein Porzellanklappern sie weckte. Jemand durchwühlte die Schränke. Sie schlich zur Küche, die aussah, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Mit fiebrigem Blick war ihre Mutter dabei, den Kühlschrank leerzuräumen.

»Was machst du da, Mama?«

Ann Randall fuhr erschreckt herum, wie eine auf frischer Tat ertappte Einbrecherin. Sie musterte ihre Tochter einige Zeit, ohne sie zu erkennen, und räumte dann weiter den Kühlschrank aus.

»Ich packe.«

»Wo willst du hin?«

»Nach Westen.«

Ann Randall glaubte tatsächlich, mit ihrer Flucht nach Westen Zeit zu gewinnen, vielleicht, weil sie die abnehmenden Zeitzonen einkalkulierte. Aber mit größerer Wahrscheinlichkeit beruhte ihre Entscheidung auf einer obskuren biblischen Auslegung der vier Himmelsrichtungen oder einem Song von Led Zeppelin, den sie an diesem Abend im Radio gehört hatte. Wer weiß.

Hope resignierte, stieg aus ihrem Schlafanzug und warf sich die erstbesten Kleider über, die sie greifen konnte. Eine uralte, löchrige Jeans, ein T-Shirt und eine Baseballmütze der New York Mets. Seufzend packte sie ihre Tasche und stopfte auch ein halbes Dutzend ihrer Russischlehrbücher mit hinein. Sie warf einen letzten Blick in den Kleiderschrank – in ihren Kokon mit den Büchern, ihrem Fernseher, ihren Kissen und den David-Suzuki-Postern. Hope wusste bereits, dass sie nicht zurückkehren würden. Sie seufzte erneut. Warum war sie nicht in eine Familie hineingeboren worden, die auf Hirschjagd, Super Bowl oder Lokalpolitik versessen war?

In der Küche räumte ihre Mutter die letzten Vorräte aus dem Kühlschrank. Sie drückte Hope eine Tüte mit Proviant in die Arme.

»Hier, bring das ins Auto.«

Hope gehorchte widerwillig. Vor dem Haus wartete der alte Lada mit weit geöffneten Türen – eine klapprige Kiste, die im Vorjahr als Gebrauchtwagen von den mageren Familienersparnissen angeschafft worden war. Der Kofferraum quoll über vor Taschen, Krimskrams, Kleidern. Sogar den Ersatzreifen hatte Ann Randall herausgenommen, um Platz für ihre Bibelsammlung zu schaffen. Außer dem Fahrersitz waren alle Sitze mit Kisten vollgestellt, und auf dem Boden stapelten sich Mehlsäcke, Kisten mit Ramen-Nudeln, Flaschen mit Relish, Ketchup und Essig, Sojasoße sowie ein paar Senfgläser.

Hope besah sich den armen Lada, der schwer auf seine Stoßdämpfer drückte. Konnte er so überhaupt auf mehr als dreißig Stundenkilometer kommen?

Sie kehrte ins Haus zurück, griff sich im Vorbeigehen ihre Tasche und verschwand rasch im Badezimmer. Ein Stapel mit etwa zwanzig Gläschen Clozapin-Pillen wartete dort in der Hausapotheke. Plötzlich hörte man eine Wagentür zuschlagen: Ann Randall hatte sich ans Steuer gesetzt. Hope warf die Gläschen in ihren Rucksack, zog ein kleingefaltetes Rezept unter der Vaseline hervor und rannte schnell zu ihrer Mutter, bevor diese auf die Idee kam, alleine durchzubrennen.