Tatort Villa Rustica - Isabel Holocher-Knosp - E-Book

Tatort Villa Rustica E-Book

Isabel Holocher-Knosp

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Beschreibung

Was haben ein Römerschatz, ein Falke aus Westen und eine antike Fluchtafel mit dem Tod eines Alamannendarstellers zu tun? Uschi Lämmle hat nur ein Wochenende Zeit, um dieses Rätsel zu lösen. Im Freilichtmuseum in Hechingen-Stein findet das große Römerfest statt. Uschi hat sich unter Römer, Kelten und Alamannen gemischt und bietet Führungen durch die „Villa Rustica“ an. Doch was als farbenfrohes, fröhliches Spektakel beginnt, entwickelt sich plötzlich zu blutigem Ernst. Beim Schaukampf gegen die Römer kommt der Fürst der Alamannen ums Leben. Uschi macht eine Entdeckung, die sie bald schon an einem natürlichen Tod des Darstellers zweifeln lässt. Aber weshalb wurde er getötet? Aus Eifersucht? Rache? Oder steckt gar die Mafia dahinter? Ehe sie es sich versieht, verstrickt sich Uschi immer tiefer in die mysteriösen Geschehnisse und gerät schließlich selbst in Gefahr. Klirrende Schwertkämpfe, Furcht einflößende Gladiatoren und antike schwarze Magie halten Uschi Lämmle bei ihrem neuen Abenteuer in Atem und entführen den Leser in die spannende Welt der Römer.

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Seitenzahl: 342

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Isabel Holocher-Knosp

ist in Tübingen 1973 geboren und wuchs am Fuße der Burg Hohenzollern auf. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Albstadt. Wenn sie keine Krimis schreibt, unterrichtet sie an einer Grundschule und ist gleichzeitig Ansprechpartnerin für Hochbegabung am Schulamt Albstadt. Zudem ist sie Gründungsmitglied des Vereins »Spitzenklänge – Begabten Musikförderung Zollernalb«. Die Erste Staatsprüfung im Fach Deutsch/Literaturwissenschaft absolvierte sie erfolgreich zum Thema Krimi. »Tatort Villa Rustica« ist nach »Tatort Hohenzollern« ihr zweiter Krimi mit der pensionierten Lehrerin Uschi Lämmle als private Hobbydetektivin, die bei ihren Ermittlungen auch immer wieder selbst in höchste Gefahr gerät.

Isabel Holocher-Knosp

Tatort Villa Rustica

Ein Schwaben-Krimi

Oertel+Spörer

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2019Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelbild: Jürgen MeyerGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-96555-037-7

Besuchen Sie unsere Homepage und informieren Sie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm:www.oertel-spoerer.de

Ut sementem feceris, ita metes

Wie du aussäst, so wirst du ernten

(Cicero)

Der Heilige Bezirk strahlte eine ehrwürdige Ruhe aus, wie sie sonst nur auf Friedhöfen anzutreffen war. Der Tempeldistrikt lag etwas abseits, außerhalb der ummauerten Anlage des römischen Freilichtmuseums, und wurde ebenfalls durch eine hohe Umfassungsmauer abgeschirmt. Rasch passierte er den Durchlass in der westlichen Außenmauer und eilte über den grasbewachsenen Verbindungsweg.

Nun war es endlich soweit. Seine Neugier hatte ihn seit Wochen nicht mehr ruhig schlafen lassen. Heute Nacht würde er das Geheimnis des Tempels lüften.

Die Fundamente der Kapellen waren in der Finsternis kaum zu erkennen. Er musste aufpassen, wohin er trat. Der Heilige Bezirk war die jüngste Ausgrabungsstätte des Freilichtmuseums und glich derzeit noch einer großen Baustelle. Bislang hatte man lediglich ein Seitengebäude und eine Kapelle restauriert. Der Rest der Tempelanlage dämmerte im Dornröschenschlaf vor sich hin und wartete darauf, wiederbelebt zu werden. Überall lagen die Gerätschaften der Handwerker verstreut umher. Vielleicht sollte er die Taschenlampe herausholen? Er zögerte.

Nein, das wäre ein unnötiges Risiko. Er würde die Stelle auch ohne Licht finden. Zigmal war er den Weg in Gedanken abgegangen. Doch die Orientierung bei Nacht fiel ihm schwerer als gedacht.

Er musste sich beeilen. Es hatte ewig gedauert, bis die letzten Nachtschwärmer ins Bett gefunden hatten und Ruhe ins Lager eingekehrt war. In zwei Stunden würde es schon wieder hell werden. Und es gab noch einiges zu tun.

Ein leises Knacken ließ ihn herumfahren. War da jemand? Er blieb stehen und lauschte mit angehaltenem Atem. Da, wieder! Es kam aus dem angrenzenden Wald. Vermutlich ein Tier, das durchs Unterholz strich. Er machte einen großen Schritt über eine herumliegende Leiter und hastete weiter. Hatte da nicht etwas geraschelt?

Er blickte sich um und lief geradewegs in den Betonmischer hinein, der wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht war. Das blecherne Monstrum kippte zur Seite und krachte mit einem ohrenbetäubenden Scheppern zu Boden. Erschrocken hielt er inne. Verflucht noch mal! Was war das denn gewesen? Welcher Idiot hatte das Ding mitten im Weg stehen lassen? Der Krach war weithin zu hören gewesen. Wahrscheinlich war das halbe Lager nun wach und fragte sich, wer für diese nächtliche Ruhestörung verantwortlich war. So ein verdammter Mist! Jetzt konnte er die Sache abblasen! Er holte aus, verpasste dem Betonmischer einen ungestümen Tritt und sog zugleich die Luft zwischen den Zähnen ein, um den sich ausbreitenden Schmerz in seinem Fuß zu veratmen. So lange hatte er diesem Römerfest entgegengefiebert. Und jetzt das! Wer weiß, wann sich die nächste Möglichkeit bot? Er schloss für einige Sekunden die Augen, rieb sich die Stirn und dachte nach.

Er konnte natürlich auch nächste Woche bei Nacht über die Mauer steigen. Aber das wäre dann ein Einbruch, eine Straftat und somit eine ganz andere Dimension. Heute Nacht war er dagegen Gast im Museum und es stand ihm frei, sich überall auf dem Gelände zu bewegen. Falls man ihn erwischen würde, konnte er immer noch versuchen sich herauszureden. Zugegeben, die Chance war gering, dass man ihm glauben würde. Aber das war letztlich belanglos. Vor Gericht zählten nur Beweise. Und beweisen konnte man ihm erst mal gar nichts. Nicht solange sich die Ware noch auf dem Museumsgelände befand. Die nächste Gelegenheit, sich hier so frei bewegen zu können, würde sich erst beim nächsten Römerfest wieder bieten. In zwei Jahren.

Nein, das kam nicht infrage. Schließlich hatte er bereits im Darknet einen Interessenten gefunden, der ganz scharf auf die Lieferung war. Der Käufer wollte anonym bleiben, aber er hatte deutlich gemacht, dass er beinahe alles dafür zahlen würde. Er war jedoch gewiss nicht bereit, noch länger zu warten. Schon jetzt war er äußerst ungeduldig und fragte täglich nach, wo die Ware blieb.

Er würde die Sache durchziehen. Wenn in den nächsten zehn Minuten keiner hier aufkreuzte, dann würde voraussichtlich auch niemand mehr kommen. Er setzte sich auf ein Mauerfundament, steckte eine Zigarette an und starrte in die Nacht hinein.

Verbotenes hatte ihn schon immer gereizt. Er war süchtig nach diesem Kribbeln. Es begann stets mit einer Idee, die seinem Kopf wie ein plötzlicher Funke entsprang, ihn elektrisierte und nicht mehr losließ. Dann brütete er eine Weile über seinem Geheimnis und genoss die zunehmende Erregung, wenn der Plan konkrete Formen annahm. Der Höhepunkt war erreicht, sobald er den Plan in die Tat umsetzte. Das Bewusstsein, die Grenze der Konventionen ungestraft überschritten zu haben, verschaffte ihm Genugtuung und das Gefühl, dem Rest der Welt überlegen zu sein. Zugleich wurde sein Körper dabei regelrecht von Adrenalin geflutet. Es war wie Bungee-Jumping. Nur besser. Das Kribbeln war phänomenal.

Bereits als Kind hatte er es nicht lassen können, Streiche zu spielen. Lustig war es freilich nur für ihn gewesen, wenn er das Tagebuch seiner Schwester im Aquarium versenkt oder dem Wellensittich seines kleinen Bruders die Freiheit geschenkt hatte. Er gehörte in der Schule der wildesten Clique an und nicht selten animierte er seine Kumpels zu Aktionen, die mit den üblichen Freizeitaktivitäten von Jugendlichen wenig zu tun hatten. So kletterten sie im Hochseilgarten am liebsten außerhalb der Öffnungszeiten und auch Freibadbesuche unternahmen sie ausschließlich nachts. Wenn ihnen langweilig war, angelten sie mit Hilfe eines Magneten die Glücks-Cents im Marktbrunnen heraus oder unternahmen eine heimliche Spritztour im Geländewagen seines Vaters über die Felder.

Nicht immer ging die Sache gut aus. Beim Übersteigen des Freibadzauns war er einmal mit seinem Ring im Maschendraht hängen geblieben und hatte sich dabei den Finger abgerissen. Es war ein hoher Preis gewesen, den er für das bisschen Nervenkitzel damals hatte bezahlen müssen. Da er die näheren Umstände des Unfalls lieber für sich behielt, hatte er sich für potenzielle Nachfragen eine andere Geschichte zurechtgelegt. Er behauptete stets, er habe den Finger bei einem Arbeitsunfall mit der Kreissäge verloren. Das klang spektakulär und löste meist große Anteilnahme aus.

Nachdem er geheiratet hatte, war er etwas ruhiger geworden. Allerdings hatte er bereits nach wenigen Ehejahren festgestellt, dass fremde Frauen, insbesondere verheiratete, eine ungeheure Anziehungskraft auf ihn ausübten. Je höher die Hürde, desto größer war die Verlockung. Diese Abenteuer gaben seinem Leben den gewissen Kick, brachten Abwechslung in den öden Alltag, der manchmal nur noch aus Vorschriften zu bestehen schien. Wenn es ihm gelungen war, eine Sache erfolgreich durchzuziehen, war das Gefühl des Triumphes unbeschreiblich.

Das, was er jetzt vorhatte, übertraf jedoch alles, was er bisher unternommen hatte. Es überschritt mehr denn je die Grenze der Legalität.

Nichts regte sich. Die Grillen zirpten. Sonst war alles ruhig. Vielleicht hatte man das Scheppern im Lager ja gar nicht gehört.

Als er das Gefühl hatte, lange genug gewartet zu haben, verstaute er den Zigarettenstummel in der Vordertasche seines Rucksacks und tastete sich zur südlichen Mauer vor. So! Von der Ecke aus waren es genau fünf Schritte gewesen. Eins, zwei, drei, vier und fünf. Hier musste es sein. Er stellte seinen Rucksack ab, zog den Klappspaten heraus und begann zu graben. Hm, war es so tief gewesen? Eigentlich müsste doch schon was zu sehen sein. Er fing an zu schwitzen. War dies überhaupt die richtige Stelle? Hatte er die Schritte groß genug gemacht? Er musste unwillkürlich an eine Szene im Film »Fluch der Karibik« denken. Pirat Jack Sparrow hatte dabei scheinbar mühelos einen Schatz ausgehoben und nebenbei mit einem frechen Grinsen im Gesicht gegen eine Heerschar von blutrünstigen Piratengeistern angekämpft. Wenn sich Sparrow auf Schatzsuche befand, hatte er jedenfalls stets riesige Schritte gemacht.

Im wahren Leben war es nicht so einfach, einen Schatz zu heben. Aber er war schließlich auch kein Pirat. Er stützte sich auf den Spaten und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Blöd, dass er damals keinen Meterstab zur Hand gehabt hatte. Dann wäre es jetzt ein Kinderspiel, die exakte Stelle zu finden. Es hatte eben alles schnell gehen müssen und angesichts des Zeitdrucks hatte er sich spontan für das Fußmaß entschieden.

Er grub weiter. Fehlanzeige. Das war nicht die richtige Stelle. Er ging in die Ecke zurück und machte dieses Mal kleinere Schritte. Eins, zwei, drei, vier, fünf.

Wiederum rammte er den Spaten in die Erde und grub ein neues Loch. Hoffentlich war das nun die richtige Stelle. Er konnte doch nicht wie ein Maulwurf die gesamte Wiese löchern! Es würde schon schwer genug werden, die beiden Löcher so mit Erde aufzufüllen, dass es hinterher nicht auffiel.

Verdammter Mist! Er hatte schon drei Spaten tief gegraben. Wieder nichts. Oh Mann! Er war ein miserabler Schatzsucher!

Frustriert stieß er den Spaten ein Stück weit daneben in die Erde. Wenn es hier nicht ist, dreh ich durch, dachte er bereits völlig entnervt. Keuchend hob er das nächste Loch aus. Er achtete nicht mehr darauf, ganze Grasplatten auszustechen, sondern schleuderte die ausgehobene Erde achtlos zur Seite. Es musste hier sein!

Oder war es doch etwas weiter rechts gewesen? Gerade als er sich schon abwenden wollte, stach ihm ein heller Fleck ins Auge. Hatte es da nicht ein wenig geglitzert? Er ließ den Spaten fallen, kniete sich nieder, zog die Taschenlampe aus der Hosentasche und leuchtete in das Loch. Mit zitternden Fingern pulte er das Fundstück aus der Erde.

Ja, schrie er im Innern vor Freude auf. Ja, ja, ja! Eine Silbermünze! Mein Schatz! Das ist mein Schatz!

Vorsichtig rieb er das antike Geldstück an seiner Hose sauber. Das Relief eines Kopfes im Seitenprofil kam zum Vorschein. Er betrachtete die Münze genauer. Ja. Es war definitiv der mit einem Strahlenkranz gekrönte Kopf des Kaisers Gallienus. Unter seiner Herrschaft hatten die Römer die Provinzgebiete 260 nach Christus an die einfallenden Alamannen verloren. Die Münze sah exakt gleich aus wie diejenige, auf die er damals zufällig gestoßen war. Er hatte es geahnt: Es handelte sich nicht um eine einzelne Münze, die ein Bewohner hier einst verloren hatte. Das Geld hatte man bewusst an dieser Stelle vergraben. Die Frage war nur, wie viele Münzen es letztlich gab.

Um nichts zu zerstören, grub er mit den Händen weiter. In seinem Eifer spürte er weder den Schmerz in den Fingern noch den Dreck, der sich unter seine Nägel schob. Eine zweite Silbermünze kam zum Vorschein. Kurz darauf drei weitere. Er fühlte sich regelrecht berauscht. Das Goldgräberfieber hatte von ihm Besitz ergriffen. Er buddelte wie ein Verrückter. Mit jeder Erdschicht, die er abtrug, kamen mehr und mehr Münzen zum Vorschein. Das ganze Loch war voll davon. Inzwischen hatte er zudem ein Stück des Eisenkessels freigelegt, in dem sich die Münzen befanden.

Allem Anschein nach hatte ein römischer Bewohner des Landguts diesen Kessel auf der Flucht vor den herannahenden Alamannen hier versteckt. Hatte wohl gemerkt, dass er mit der schweren Last nicht schnell genug vorankam. Bestimmt hatte er vorgehabt, zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukommen, um den Kessel wieder auszugraben. Aber er war nicht wiedergekommen. Irgendetwas war schiefgegangen. Vielleicht war der Flüchtende von den Alamannen ermordet worden. Und der Schatz wurde nie entdeckt. Bis auf heute.

Ein Glücksgefühl durchströmte ihn. Er hatte den Schatz gefunden. Und da er im weitesten Sinne ein Nachfahre der Alamannen war, stand ihm der Kessel im Grunde genommen rechtmäßig zu. Als Kriegsbeute sozusagen.

Gut möglich, dass obendrein noch Schmuck in dem Kessel steckte. Er ließ seine Finger etwas tiefer gleiten und zog tatsächlich einen silbernen Armreif hervor, der mit zwei Widderköpfen verziert war. Ein schönes Stück.

»Ha, da gugsch na, der Mahler«, raunte eine tiefe Stimme.

Er fuhr herum. Hinter ihm stand ein Mann mit einem weiten Umhang, die Arme in die Hüften gestemmt.

Mahler japste und sprang auf die Füße. Als er sich aufrichtete, erkannte er, wer der kleine, dicke Mann mit dem runden Gesicht und den struppigen Haaren war.

»Karle! Verdammt noch mal! Hast du mich erschreckt!«, stieß er hervor.

Karle setzte ein breites Grinsen auf und meinte:

»Hasch a schlechtes Gwisse?«

Mahler stellte sich so vor das Erdloch, dass es halbwegs durch seine Beine verdeckt wurde.

»Was versteckelscht denn da hinte?«, fragte Karle und reckte den Hals, um einen Blick auf das Loch werfen zu können.

»Nix was dich angeht«, grunzte Mahler.

Karle ignorierte die Abfuhr.

»Heidenei!«, sagte er leichthin und nickte anerkennend. »Hasch ’n Römerschatz gfunde?«

Er machte unvermittelt einen Schritt zur Seite, doch Mahler reagierte schnell und verstellte ihm erneut den Blick. Karle rieb sich den Nacken und räusperte sich.

»I wusst gar it, dass du so archäologisch interessiert bischt. Du weischt aber scho, dass du des it behalte darfscht.«

»Das hier ist allein meine Sache«, sagte Mahler barsch.

Karle grinste noch etwas breiter.

»Des war mal allein deine Sache. Bevor du den abartige Krach gmacht hasch. Bischt über den Zementmischer gfloge?« Er lachte. »Des hasch bis Hechinge ghört.«

Mahler lachte nicht. Er postierte sich betont breitbeinig und sah Karle eine Weile nur an. Still und drohend. Dann beugte er sich zu ihm hinab und hauchte ihm ins Ohr:

»Ich sag’s dir jetzt noch ein Mal im Guten: Wenn du keinen Ärger kriegen willst, dann verschwindest du jetzt. Aber ganz schnell!«

Karles Miene verfinsterte sich. Er wich zurück und wischte sich mit der Hand über die feuchte Ohrmuschel.

»Ha, du bisch doch ’n jesesmäßiger Seggl! Glaubsch du im Ernscht, dass i jetzt einfach so wieder gang?«

Er hatte nicht vor, sich von Mahlers Imponiergehabe einschüchtern zu lassen. Bevor dieser etwas entgegnen konnte, sagte er rasch:

»Also, wenn du mir a bissle was abgibscht, dann halt i mei Maul. Dann hab i nix gsehe und nix ghört.«

Mahlers Blick wanderte zum Spaten, der vor seinen Füßen lag.

»Willst du mich erpressen?«, zischte er, baute sich vor Karle auf und sah ihm herausfordernd in die Augen.

Karle hielt dem stechenden Blick stand und versuchte, nicht zu blinzeln. Ein intensiver Schweißgeruch stieg ihm in die Nase. Für einige Sekunden verharrten die beiden Männer in dieser Stellung, doch dann wandte sich der Kleinere ab und zuckte mit den Schultern.

»Wer schwätzt denn was von erpresse? I will dir ja nur helfe!« Er strich sich über das Kinn. »I helf dir beim Grabe. Und für meine Hilfe gibsch du mir die Hälfte.«

Mahler runzelte die Stirn und blickte zum Horizont. Ein hellblauer Streifen kündigte die bevorstehende Morgendämmerung an. Er hatte nicht mehr viel Zeit.

»Also gut. Du bekommst deinen Anteil. Sagen wir zehn Prozent.«

»Zehn Prozent?«, sagte Karle und lachte gekünstelt. »I glaub du bischt net ganz bache! Mei letschtes Angebot: Zweidrittel für dich, ein Drittel für mich. Weil du mein Kumpel bisch.«

Er streckte Mahler die Hand entgegen. Der schlug allerdings nicht ein. Widerwillig betrachtete er die ausgestreckte Hand, als ob Karle die Pest hätte. Am liebsten hätte er ihm den Spaten auf den Kopf gehauen. Dann wäre ihm das Grinsen vergangen.

»Himmel, Arsch und Zwirn! Du bischt ein granatemäßiger Enteklemmer«, brummte Karle, immer noch mit ausgestreckter Hand.

Mahler griff zum Spaten und drückte ihn Karle in die Hand.

»Grab den Kessel aus. Dann kann ich dir sagen, wie viel du bekommst.« Wenn du überhaupt etwas bekommst, dachte er grimmig.

Karle wirkte einen Moment lang perplex. Als er jedoch das gefährliche Aufblitzen in Mahlers Augen bemerkte, fing er tatsächlich an zu graben. Mahler stellte sich daneben und überwachte die Ausgrabung.

»Wie hasch du den Kessel überhaupt gfunde?«

»Ich hab vor einiger Zeit bei den Grabungen mitgeholfen. Hab ein bisschen rumgebuddelt und durch Zufall eine Münze gefunden«, erklärte Mahler widerwillig.

»Aha. Und wieso hasch du da mitgholfe?«

»Weil ich im Förderverein bin.«

»Und des hat keiner gsehe, dass du die Münz gfunde hasch?«, wunderte sich Karle.

»Nein. In der Mittagspause war ich allein auf dem Gelände. Ich hab den Fundort natürlich gleich wieder zugeschaufelt.«

»Und woher hascht du gwusst, dass da no mehr Münze sind?«

»Ich hab es nicht gewusst. War nur so ein Gefühl.«

»Ein Gefühl«, äffte ihn Karle nach. »Da wärscht du ja der perfekte Archäologe. Mit deinem Gefühl könntescht du ruckzuck die gröschten Schätze finden!« Er trocknete sich mit einem Zipfel seines Umhangs den Schweiß vom Gesicht. »Du bischt wahrscheinlich besser als der beschte Metalldetektor!«

»Halts Maul und grab«, murrte Mahler und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihm das Herz bis zum Hals schlug.

Der Kessel war größer, als er gedacht hatte. Und so wie es aussah, war er bis zum Rand mit Silbermünzen und Schmuck gefüllt.

Nun war das Gefäß fast freigelegt. Nur noch der untere Teil steckte im Boden.

Karle legte eine Verschnaufpause ein. Mahler registrierte mit Unbehagen die zunehmende Gier in seinen Augen.

»Weißt du, dass du mit dem Mantel wie ein fetter Hobbit aussiehst?«, sagte Mahler beiläufig und in der Hoffnung, Karles Aufmerksamkeit von dem Kessel abzulenken.

»Schämscht dich eigentlich net, dass du des Zeug klauscht?«, fragte Karle zurück. »Des isch bestimmt ein Kulturgut der Menschheit.« Er legte den Kopf schief. »Genau gnomme isch des ja a mordsmäßige Sauerei, was du da treibscht.«

»Was wir da treiben«, berichtigte ihn Mahler ungehalten. »Glaubst du, dass der Besitzer des Kessels damals Wert darauf gelegt hätte, dass sein Geld 2000 Jahre später in einem Museum ausgestellt wird? Der wollte nur nicht, dass es die Alamannen in die Finger kriegen. Und nun hab ich es eben gefunden. Im Grunde sollte generell derjenige das Zeug bekommen, der es findet.«

»Dann wäre die Archäologe die reichschte Leut auf der Welt. Noi, noi, Mahler. Des glaubsch ja selber net, was du da schwätscht. Und eins isch au klar: Manche Leut isch’s scho für weit weniger wertvolle Sache an de Krage gange. Zum Beispiel weil se Maultasche klaut han.«

»Was wirst du denn mit deinem Anteil machen? Für wohltätige Zwecke spenden?«, fragte Mahler zynisch.

Karle wackelte mit dem Kopf.

»Bin i der Krösus? I han an Berg Schulde. Aber des woiß keiner. It amol mei Weib. Wenn meine Gläubiger zfriede sind, dann isch des im Grund auch ein wohltätiger Zweck.« Er kratzte sich am Kopf. »Jetzt han i aber noch eine ganz andere Frage: Wo verkauft man des Zeug denn am beschte?«

»Darknet.«

»Darknet. Mensch Mahler, lass dir doch net alles aus der Nas ziehe. Was heißt da Darknet? Hasch du eine bestimmte Adresse?«

»Komm, wir versuchen, den Kessel mal vorsichtig anzuheben. Aber gib acht, dass er nicht auseinanderbricht.«

»Der isch aus Eise. Da passiert scho nix«, widersprach Karle, ging aber dennoch äußerst sachte vor, als er die Hände unter den Kesselboden schob.

»Puh! Ist der schwer!«, keuchte Mahler.

»Isch gut, wenn er schwer isch«, meinte Karle begeistert. »Des heißt, dass viel drin isch!«

Auch Mahler war erfreut, als er den ungefähr 40 Zentimeter hohen Eisenkessel vor sich stehen sah. Ich habe es gewusst, jubilierte er innerlich. Womöglich war dies der wertvollste Fund, den das römische Landgut überhaupt zu bieten hatte. Und er war der Glückspilz, der den silbernen Schatz entdeckt hatte! Er warf einen abschätzigen Blick auf seinen Kompagnon. Wenn er nicht allzu viel davon an ihn verlieren wollte, musste er sich schnell etwas Schlaues einfallen lassen.

»Wie wäre es, wenn du den ganzen Schmuck bekommst und ich nehme dafür die Silbermünzen«, versuchte er es.

»Ah wa! Schmuck isch was für Weiber.«

Karle nahm eine Handvoll Münzen, betrachtete sie zufrieden und warf sie wieder zurück auf den Haufen.

Als sie den Kessel umkippten, kullerten jede Menge Münzen und Schmuckstücke auf den Boden. Mahler fuhr mit der Hand durch die klimpernden Münzen und lächelte selig. Mein Schatz, dachte er und musste sogleich an den armen Gollum aus Tolkiens »Der Herr der Ringe« denken, der durch seinen Schatz, den sagenumwobenen Ring, wahnsinnig geworden war. Ja, so ein Schatz konnte schon die Gier und so manchen wüsten Gedanken in einem wecken.

»So! Das …«, er fuhr mit der Hand in den Haufen und schob resolut einen kleinen Teil zur Seite, »… ist deins.«

Karle schwieg. In Mahlers Stimme schwang derart viel Aggressivität mit, dass es riskant, wenn nicht gar lebensgefährlich gewesen wäre, mit ihm in diesem Gemütszustand nochmals zu verhandeln. So wie Mahler gerade dreinschaute, war ihm alles zuzutrauen. Und hier würde ihn mit größter Wahrscheinlichkeit keiner hören, falls Mahler durchdrehte und ihm an die Gurgel ging. Er musste sich vorerst damit zufriedengeben. Zu einem späteren Zeitpunkt konnte er immer noch einen Nachschlag fordern. Ohne weiteren Kommentar breitete Karle seinen Umhang auf dem Boden aus, schaufelte seinen Anteil darauf und faltete den Stoff zu einem Säckel zusammen.

»Was machsch jetzt mit dem Rescht?«, wagte er zu fragen, während er sein Säckel über die Schulter warf. »Des kannscht du allein bestimmt gar net trage.«

»Hau ab!«, sagte Mahler mit eisiger Miene.

Karle zog den Kopf ein und verschwand ohne ein weiteres Wort in der Dunkelheit.

Die Alblandschaft präsentierte sich im sanften Morgenlicht von ihrer lieblichen Seite. Hatte man die Ortschaft Onstmettingen erst einmal hinter sich gelassen, führte die Straße durch ein weites grünes Tal. Linkerhand lag eine steil abfallende Wiese, die im Winter als Schlittenhang diente. Rechterhand erstreckte sich auf einem Hügel die albtypische Wacholderheide, die von manchen Romantikern dank ihrer zypressenähnlichen Büsche auch liebevoll als schwäbische Toskana bezeichnet wurde. Uschi erinnerten die vereinzelt wachsenden Wacholderbüsche mit ihren bizarren Wuchsformen gleichwohl mehr an Weihnachtsbäume denn an Zypressen. Eigentlich wirkte die Landschaft mit den geschwungenen Kieswegen beinahe wie ein weitläufiger Park. Die unterschiedlichsten Grüntöne verschmolzen ineinander und schufen ein Bild ländlicher Idylle, durchsetzt von weißen Farbtupfern, die sich äußerst gemächlich fortbewegten und leise vor sich hin blökten.

Schäfchen zur Rechten, mit dem Glück musst du fechten, dachte Uschi beim Anblick der grasenden Schafe. Macht nichts. Auf dem Rückweg verkehrt sich die negative Prognose ins Positive: Schäfchen zur Linken, das Glück wird dir winken. So einfach ist das. Alles nur eine Sache der Perspektive.

Abba. Sie drehte die Musik lauter und sang voller Inbrunst gegen den Lärm des Motors an:

»Gimme, gimme, gimme a man after midnight …«

Der Fahrtwind blies ihr ins Gesicht und verstrubbelte einzelne Haarsträhnen, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst hatten.

Hach, an solchen Tagen liebte sie ihr Cabrio!

Als sie am Wanderparkplatz vorbeikam, drosselte sie das Tempo. Ganz schön viele Autos für diese frühe Uhrzeit. Tübingen, Stuttgart, Reutlingen, Sigmaringen, nochmals Stuttgart. Oh, da war sogar jemand aus der Schweiz angereist. Freiburg und Ulm. Hamburg? Und selbstverständlich jede Menge Fahrzeuge mit Balingen- oder Hechingen-Kennzeichen.

An den Wochenenden überrannten Heerscharen von Touristen die Gegend. Wie die Heuschrecken fielen sie am Samstagmorgen ein, um die viel gepriesenen prämierten Premiumwanderwege der Alb zu erkunden. Am Sonntagabend waren sie dann wieder verschwunden und es kehrte Ruhe ein. Früher war sie Stausteherin, heute ist sie Traufgängerin, stand auf einem Plakat am Straßenrand. Mit solchen flotten Werbesprüchen wollte man die Vorzüge des Kleinstadtlebens hervorheben und frustrierte Großstädter dazu verführen, sich in Schwäbisch-Sibirien dauerhaft niederzulassen. Uschi sah die zunehmende Beliebtheit ihrer Heimat überwiegend positiv, da der Tourismus die Stadt belebte. Sie war stolz darauf, da zu wohnen, wo andere Urlaub machten.

Trotzdem war sie froh, dass sie gerade keinen Ausflügler vor sich hatte. Manche waren von der Landschaft dermaßen entzückt, dass sie das Gaspedal nicht mehr fanden. Als Ortskundige kannte sie die kurvenreiche Stichstraße, die von Albstadt nach Thanheim hinabführte, genau und wusste, wann sie beschleunigen konnte und vor den Haarnadelkurven besser vom Gas ging. Sie befand sich gerade im Scheitelpunkt einer lang gezogenen Rechtskurve, als ihr ein Motorradfahrer frontal entgegengeschossen kam.

»Oh Gott!«

Bevor Uschi auch nur einen Gedanken fassen konnte, hatte sie bereits reagiert. Intuitiv. Sie war auf die Gegenfahrbahn ausgewichen. Es war die einzige Möglichkeit gewesen, die Kollision mit dem Motorrad zu verhindern. Erst nachdem sie auf ihre eigene Fahrbahnseite zurückgelenkt hatte, blickte sie in den Rückspiegel.

Sie zog geräuschvoll die Luft ein. Erstarrte. Den Motorradfahrer hatte es soeben aus der Kurve getragen!

Das Herz pochte so laut und wild in ihrer Brust, dass ihr Verstand für einen Moment aussetzte.

Sie war nur noch Herzschlag. Angsterfüllt. Panisch.

Ihre Finger krallten sich am Lenkrad fest. Auf der verzweifelten Suche nach Halt.

Weg! Nur weg!

Sie trat aufs Gas.

Weg?

Nein! Was machst du da? Du musst zurück! Du musst Erste Hilfe leisten. Sofort! Dreh um. Sofort!

Aber wo?

Es gab keine Parkbucht, nirgends eine Möglichkeit zum Wenden.

Sie fuhr weiter.

Endlich! Ein Wanderparkplatz. Uschi bremste scharf ab, stoppte. Dann stellte sie die Warnblinklichtanlage an.

Und was nun? Sie zögerte. Denk nach, Uschi. Ein Notarzt. Du musst zuallererst einen Notarzt rufen. Es kommt auf jede Sekunde an! Erst den Arzt rufen, dann zurückfahren und Erste Hilfe leisten.

Wo, verflixt noch mal, war das Handy?

Sie wühlte in ihrer Handtasche. Hier musste es doch irgendwo … Da! Da war es. Was muss ich wählen? 110? 112? Sie klappte das Handy auf. Oh nein! Der Akku war leer! Wie so oft. Doch jetzt bedeutete dies eine Katastrophe! Sie hätte sich für ihre Nachlässigkeit ohrfeigen können. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich gut sichtbar an die Straße zu stellen und das nächstbeste Fahrzeug anzuhalten.

Kaum hatte sie sich am Straßenrand positioniert, kam bereits ein Auto um die Kurve gefahren. Sie riss die Arme hoch und winkte hektisch. Das Auto verlangsamte das Tempo. Hinter dem Steuer saß eine junge Frau, die kurz mit Uschi Blickkontakt aufnahm, dann aber abrupt den Kopf abwandte und einen Gang höher schaltete. Uschi schaute dem Auto verblüfft nach. Die fuhr einfach weiter!

Doch bevor sie sich darüber aufregen konnte, kam schon das nächste Fahrzeug angefahren. Uschi schwenkte beide Arme über dem Kopf und machte einen Schritt in die Fahrbahn hinein. Der Fahrer gab vor, sie nicht zu sehen, und fuhr unbeirrt weiter. Uschis Lippen bebten. Das war ungeheuerlich!

Vollends aus dem Konzept brachte sie aber, dass das nachfolgende Auto, ein Sportwagen, aus Richtung Onstmettingen kam. Der muss doch an der Unfallstelle vorbeigekommen sein, dachte Uschi verwirrt. Hatte er den verunglückten Motorradfahrer einfach liegen lassen? Das konnte sie sich nicht vorstellen.

Plötzlich wurde sie unsicher. Hatte sie sich den Unfall womöglich nur eingebildet? Aber nein! Sie hatte ihn im Rückspiegel doch genau gesehen!

Sie startete das Auto, wendete mit quietschenden Reifen und raste, immer noch mit eingeschaltetem Warnblinklicht, an die Unfallstelle zurück.

Ihre Gedanken überschlugen sich. Was erwartet mich da? Ist er tot? Oder schwer verletzt? Vielleicht sieht er grauenvoll aus und ist blutüberströmt. Vor ihrem inneren Auge erschienen schreckliche Bilder von Unfällen.

Eine Welle von Übelkeit stieg in ihr auf. Was würde sie gleich zu sehen bekommen? Würde sie das verkraften? Konnte sie angemessen Hilfe leisten?

Du musst, sagte sie sich und presste die Zähne aufeinander. Du musst.

Um sich zu beruhigen, rief sie sich den Rat ins Gedächtnis, den man ihr im Erste-Hilfe-Kurs gegeben hatte: Du kannst nichts falsch machen. Es ist generell besser, überhaupt etwas zu tun, als aus Angst nichts zu tun.

Noch eine Kurve. Am liebsten hätte sie angehalten, um sich zu übergeben. Gleich würde sie das Ausmaß des Unglücks sehen. Gleich.

Ein lang gezogener, durchdringender Schrei zerriss die Stille. Der Augur zuckte zusammen und blickte auf. Im selben Moment entdeckte er ihn, den Unheilbringer. Der Falke schoss über das tiefblaue Firmament hinweg, stieß nochmals einen Schrei aus und kreiste dann majestätisch über dem Areal der Villa Rustica. Das Gesicht des Auguren verfinsterte sich. Der Vogel war aus Westen gekommen. Der Himmelsrichtung des Todes und der Dunkelheit. Der Vogelseher ließ die erhobenen Arme sinken und wischte sich unwirsch die Schweißtropfen mit dem Ärmel seiner Toga von der Stirn. Das Zeichen war eindeutig: Die Götter waren missgestimmt. Er richtete nochmals den Blick himmelwärts, um sich zu vergewissern, dass er sich nicht getäuscht hatte. Doch der Falke zog nach wie vor über ihren Köpfen seine unheilvollen Kreise. Ein anschwellendes Gemurmel drang an sein Ohr. Die Zuschauer wurden ungeduldig. Zudem war ihnen der plötzliche Gemütswandel des weiß gekleideten Priesters nicht entgangen. Was hatte dies zu bedeuten?

Der Augur schloss die Augen, spreizte die Finger und im selben Augenblick, als sein Arm emporschnellte, stieß er heiser die Worte »Alio die« hervor. Das Fest durfte nicht stattfinden. Nicht heute. Ein anderer Tag musste gewählt werden.

Der Museumsleiter trat an den Augur heran und wisperte:

»Salvatore, was ist los?«

Der Augur streifte seine Kapuze ab und murmelte:

»Die Götter haben ein schlechtes Omen gesandt.«

Der Museumsleiter blinzelte irritiert und wartete auf eine Erläuterung. Als Salvatore nichts hinzufügte, raunte er:

»Und?«

»Porca miseria! Es tut mir leid, Arthuro. Du musst das Fest absagen!«

Arthur stutzte kurz, lachte dann jedoch auf und klopfte dem Augur locker auf die Schulter.

»Ach was, Salvatore! Du machst Witze! Es ist ein traumhafter Morgen. Da lacht das Götterherz bestimmt!«

Salvatore sah ihn streng an.

»Ich mache keine Witze. Hast du den Falken gesehen? Er ist aus Westen gekommen.«

»Es ist mir egal, aus welcher Richtung der Vogel gekommen ist. Wir können doch nicht wegen diesem Vieh das Fest absagen!«, zischte Arthur.

»Mamma mia, wir müssen! Es bringt Unglück, den Willen der Götter zu missachten!«, beharrte Salvatore. Als er Arthurs bohrenden Blick bemerkte, schob er rasch ein »Leider« nach.

Der Museumsleiter schnappte nach Luft. Er musste sich beherrschen, nicht lautstark zu fluchen.

»Das kommt gar nicht in Frage! Vogel hin oder her. Schau mal, um uns herum warten jede Menge Besucher, die Eintritt für dieses Fest bezahlt haben. Und vor diesem Tor«, er deutete auf das Holztor des Eingangsportals, »stehen 200 Akteure und fragen sich, wann sie endlich reingelassen werden! Die Leute denken, wir ticken nicht mehr ganz richtig, wenn wir das Fest ohne Grund absagen.«

Der Augur heftete den Blick eine Weile unentschlossen auf das rote Holztor. Dann drehte er sich langsam um und betrachtete stirnrunzelnd das Feuer, das vor ihm in einer großen gusseisernen Schale loderte.

»Wir können es versuchen«, murmelte er.

»Wie? Was meinst du?«, fragte Arthur und linste nervös zum Eingangsportal.

»Wir können es versuchen«, sagte Salvatore erneut, dieses Mal bestimmter. »Vielleicht lassen sich die Götter durch ein Opfer gnädig stimmen.«

Das Motorrad lag im Gras, ein ganzes Stück weit von der Straße entfernt. Es war vollkommen demoliert.

Doch der Motorradfahrer stand bereits schon wieder auf den Beinen. Er lehnte an der Leitplanke – und rauchte!

Uschi schluckte trocken. Einerseits war sie unendlich erleichtert, dass der Mann noch lebte und allem Anschein nach unverletzt war. Andererseits konnte sie kaum glauben, was sie da sah. Seit dem Unfall waren nur wenige Minuten vergangen.

War er gestürzt, aufgestanden und hatte sich dann postwendend eine Zigarette angezündet? Uschi starrte den jungen Mann mit den langen Haaren, der schwarzen Ledermontur und den Westernstiefeln konsterniert an. Er starrte zurück und zog schweigend an seiner Zigarette. Sie war so verwirrt, dass sie gar nicht mehr wusste, was sie nun denken sollte. Irgendwie stand sie völlig neben sich. Als sie ihre Sprache wiedergefunden hatte, fragte sie:

»Geht es Ihnen gut?«

Er nickte.

Jetzt erst bemerkte Uschi, dass seine Hände zitterten.

»Sie sind mir auf meiner Fahrbahn entgegengekommen«, stellte sie fest.

Der junge Mann sagte nichts und drehte sich stirnrunzelnd zu seinem Motorrad um.

Uschi wartete. Hatte er gehört, was sie gesagt hatte? Das Leder seiner Hose hing in Fetzen herunter. Auch wenn kein Blut zu sehen war, wirkte er gleichwohl wacklig auf den Beinen.

»Haben Sie schon Ihre Beine kontrolliert?«, fragte Uschi etwas lauter.

Der Motorradfahrer schaute an sich herunter.

»Alles okay«, sagte er leise.

Es wäre ein Wunder, wenn nach diesem Sturz alles okay wäre, dachte Uschi. Der Mann hatte Glück gehabt. Exakt an der Stelle, wo es ihn aus der Kurve getragen hatte, befand sich ein Waldweg. Er war über den Kiesweg geschlittert und rechtzeitig zum Halten gekommen. Ein paar Meter weiter wäre er gegen einen Baum geprallt.

Uschi war unentschlossen. Sollte sie vorsorglich einen Krankenwagen rufen? In diesem Moment stoppte ein Geländewagen. Ein Mann mittleren Alters stieg aus.

»Was ist passiert?«, fragte er und zog ein Smartphone aus seiner Hosentasche.

»Er ist gestürzt«, erklärte Uschi. »Ich denke, er braucht einen Krankenwagen.«

Der Mann nickte und wandte sich ab, um zu telefonieren.

Uschi betrachtete prüfend den Motorradfahrer, der inzwischen schon nicht mehr ganz so sicher auf den Beinen stand. Das Zittern seiner Gliedmaßen war in ein Schlottern übergegangen. Die Leitplanke benötigte er jetzt als Stütze.

»Sie müssen die Kleider ausziehen«, versuchte es Uschi erneut.

Keine Reaktion.

Der Ersthelfer kam zurück.

»Die Polizei ist unterwegs«, sagte er.

»Und der Krankenwagen?«, wollte Uschi wissen.

»Weiß nicht. Ich habe bei der Polizei angerufen und gemeldet, dass es einen Unfall gab. Die werden sich schon um alles kümmern.«

Nach einer halben Stunde war die Polizei immer noch nicht da.

»Was haben die denn am Telefon gesagt?«, fragte Uschi nach. »Die müssten doch schon längst hier sein!«

Der Ersthelfer zuckte mit den Schultern.

»Es hieß, sie würden jemanden vorbeischicken«, meinte er lapidar.

Vorbeischicken? Uschi wunderte sich über diese Ausdrucksweise. Es handelte sich hier schließlich nicht um einen kleinen Blechschaden. Wenn sich der Motorradfahrer ernsthaft verletzt hätte, wäre er inzwischen wohl verblutet!

Die beiden Männer inspizierten derweil das Motorrad.

»Deine Reifen sind extrem abgefahren«, raunte der Ersthelfer. »Sollen wir das Ding nicht besser anzünden?«

Uschi dachte sich verhört zu haben. Wollten die beiden Männer allen Ernstes Beweise vernichten? In ihrem Beisein?

Bislang hatte sie sich nur um den Motorradfahrer gesorgt, doch so langsam war sie wieder imstande, ihre wirren Gedanken zu ordnen. Und je mehr sie die Situation reflektierte, desto ärgerlicher wurde sie. Genau genommen war sie selbst ja das Opfer! Der Motorradfahrer war mit überhöhter Geschwindigkeit in die Kurve gefahren und hatte deshalb die Kontrolle über seine Maschine verloren. Er war dabei auf ihre Fahrbahnseite geraten. In der Kurve. Und wenn sie selbst nicht so besonnen reagiert hätte, wären sie nun beide schwer verletzt. Oder tot. In dem offenen Cabrio hätte sie so gut wie keinen Schutz gehabt. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ihr beim Ausweichen ein Auto entgegengekommen wäre!

Dieser Typ mit seiner Zigarette und den schmierigen Haaren hatte sie massiv gefährdet. Und hatte es bislang nicht für nötig gehalten, sich bei ihr zu entschuldigen. Gut, er stand unter Schock. Aber selbst wer unter Schock stand, konnte ein Minimum an Anstand bewahren, oder nicht?

In diesem Augenblick traf die Polizei ein. Ohne Blaulicht.

Als die Beamten näher kamen, staunte Uschi nicht schlecht. In einem der beiden Polizisten erkannte sie den Buckenmaier vom Polizeirevier Hechingen, mit dem sie im vergangenen Jahr mehrfach das Vergnügen gehabt hatte. Den untersetzten Kollegen an seiner Seite hatte Uschi indessen noch nie gesehen.

»Frau Lämmle!«, rief Buckenmaier prompt. »Na, so was! Was machen Sie denn hier?« Er musterte Uschi mit hochgezogenen Augenbrauen und fügte mit einem süffisanten Grinsen hinzu: »Hätte Sie fast gar nicht wiedererkannt …«

Erst jetzt wurde sich Uschi bewusst, dass ihre Aufmachung durchaus Anlass gab, sie zu belächeln. Sie trug die bodenlange Tunika einer römischen Kaiserin. Dies wäre zur Faschingszeit womöglich noch nachvollziehbar gewesen. Nicht hingegen mitten im August. Dergestalt war sie ein gefundenes Fressen für Buckenmaier. Sie konnte im Grunde noch froh sein, dass er sich auf ein Grinsen beschränkte. Trotzdem empfand Uschi sein Feixen angesichts der ernsten Situation, in der sie sich befanden, als absolut deplatziert. Aber so war Buckenmaier eben. Keinerlei Taktgefühl!

Sie hätte natürlich erklären können, dass sie auf dem Weg zu einem Römerfest war. Aber sie hatte keine Lust, sich zu rechtfertigen. Deshalb beschränkte sie sich darauf, ihn böse anzufunkeln. Dies sollte Warnung genug sein.

Buckenmaier setzte zu einem Kommentar an, überlegte es sich dann jedoch anders und konzentrierte sich stattdessen auf den Motorradfahrer. Das Grinsen verschwand jäh aus seinem Gesicht und er schaute so streng drein, wie nur Polizisten oder Lehrer dreinblicken konnten.

»Sind Sie verletzt?«, erkundigte er sich. »Brauchen Sie einen Krankenwagen?«

Der Motorradfahrer schüttelte den Kopf und murmelte:

»Ich will nach Hause.«

Uschi trat an Buckenmaier heran und flüsterte:

»Ich glaube schon, dass er verletzt ist. Er kann sich inzwischen ja kaum noch auf den Beinen halten.«

»Der wird spätestens morgen von ganz alleine ins Krankenhaus gehen. Glauben Sie mir. Wenn der Schock nachlässt und die Schmerzen kommen …«

Uschi sah Buckenmaier ungläubig an. War er denn nicht verpflichtet, einen Krankenwagen zu rufen? Er konnte den verletzten Mann doch nicht einfach so nach Hause gehen lassen!

»Totalschaden«, stellte sein Kollege fest, der das demolierte Fahrzeug begutachtet hatte. »Die Reifen sind extrem abgefahren. Und dieser Helm ist gar nicht zugelassen.«

Er wandte sich Uschi zu, stellte sich knapp mit dem Namen »Raff« vor und raunte dann:

»Wenn er auf das Verkehrsschild gefahren wäre, hätte er sich das Genick brechen können. Wir haben schon die schlimmsten Verletzungen gesehen. Es kann sogar passieren, dass der Kopf abgetrennt wird!«

Uschi verzog angewidert das Gesicht und fragte sich insgeheim, was er mit diesen Horrorgeschichten bei ihr bezwecken wollte. Musste das sein?

»Darf ich mal fragen, weshalb das so lange gedauert hat, bis Sie gekommen sind?«, hakte sie nach und schürzte die Lippen.

»Mit so einer Situation haben wir gar nicht gerechnet!«, sagte Buckenmaier kopfschüttelnd. »Uns sagte man, es würde sich um einen Blechschaden handeln. Aber jetzt sieht die Sachlage ja ganz anders aus.«

»Der Motorradfahrer kam mir auf meiner Fahrbahn entgegen«, beschwerte sich Uschi. »Er ist viel zu schnell gefahren und hat die Kurve nicht mehr gekriegt. Ich konnte in letzter Sekunde noch ausweichen.«

»Wollen Sie damit sagen, dass er Sie gefährdet hat? Möchten Sie das zur Anzeige bringen?«, wollte Buckenmaier wissen und kratzte sich am Kinn.

Uschi überlegte. Wollte sie dieses arme zitternde Würstchen wirklich anzeigen? Der Kerl war nicht viel älter als 20. Welche Konsequenzen würde diese Anzeige mit sich bringen? Andererseits hatte er sie fast umgebracht. Und er hatte in all dieser Zeit keine entschuldigenden Worte gefunden. Das nagte an ihr.

»Ja«, sagte sie mit neuer Entschlossenheit. »Natürlich hat er mich gefährdet. Und ja, ich möchte dies zur Anzeige bringen!«

Buckenmaier nickte und machte sich eine Notiz.

»Sie haben hervorragend reagiert!«, lobte Raff.

»Kann ich den jungen Mann nach Hause fahren?«, fragte der Ersthelfer. »Er hat mich darum gebeten.«

»Sobald wir alle Daten von dem Herrn aufgenommen haben, können Sie gehen«, sagte Raff und nickte.

Und dann war die Sache innerhalb weniger Minuten erledigt. Der Ersthelfer bedankte sich und fuhr mit dem Motorradfahrer davon.

Uschi hatte ein ungutes Gefühl. Sie war gottlob noch nie in einen Unfall verwickelt gewesen, aber irgendwie hatte sie sich die Unfallaufnahme anders vorgestellt. Weshalb wurde der Motorradfahrer eigentlich nicht auf Alkohol oder sonstige Drogen hin überprüft? War schließlich gut möglich, dass er total benebelt oder volltrunken war. Doch Buckenmaier ließ ihn einfach so laufen. Auch das Engagement dieses Ersthelfers kam ihr komisch vor. Vielleicht kannten sich die beiden in Wirklichkeit.

Egal, sie hatte weder Zeit noch Lust, sich weiter mit dieser Sache auseinanderzusetzen. Sie würde eh schon zu spät kommen. Und da ihr Akku leer war, konnte sie ihren Freundinnen nicht mal Bescheid geben. Mist!

»Ich muss auch gehen«, sagte sie bestimmt.

»Denken Sie denn, dass Sie in Ihrem Zustand fahren können?«, fragte Buckenmaiers Kollege.

Uschi sah ihn verwundert an. Was meinte er mit »in Ihrem Zustand«?

»Natürlich«, sagte sie schnell. »Mir geht es gut.«

Sie konnte in der Tat fahren. Aber erst als sie fuhr, bemerkte sie, dass ihre Beine zitterten und ihr Herz viel zu heftig klopfte. Sie versuchte, sich gut zuzureden. Nichtsdestotrotz bekam sie bei jeder Kurve unbändiges Herzrasen, da sie fürchtete, ihr könnte abermals ein Motorradfahrer auf ihrer Fahrbahn entgegenkommen. Auch konnte sie kaum die Tränen unterdrücken, die sich nun, da sie allein war, in ihren Augenwinkeln sammelten.

Du meine Güte! Sie war völlig von der Rolle! Ihr Mund fühlte sich staubtrocken an. Mit einem Schniefen atmete sie tief ein, machte dann das Radio an, hörte ein paar Takte Musik und schaltete es sofort wieder aus. Sie ertrug jetzt keine Musik. Wenn sie daran dachte, wie nah sie dem Tod gerade gewesen war, bekam sie ein ganz flaues Gefühl im Magen. Sie musste einen Schutzengel gehabt haben … oder großes Glück. Wie dem auch sei – sie durfte weiterleben.

Gewissermaßen begann ihr Leben gerade neu. Sie versuchte, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Aber vor ihrem inneren Auge sah sie fortwährend diesen Motorradfahrer auf sich zukommen. Gleichzeitig erinnerte sie sich an das, was sie im Moment der Todesgefahr geflüstert hatte. Das wären also meine letzten Worte gewesen, dachte sie ergriffen.

»Oh Gott!«

Arthur seufzte erleichtert auf. Ein Opfer!

»Super! So machen wir das! Eine Opferzeremonie war eh vorgesehen.« Er sah nervös auf seine Uhr. »Wir sind spät dran. Hast du alles, was du brauchst?«

Salvatore nickte.

»Na, dann leg los!«

Arthur trat einen Schritt zurück und schenkte dem Publikum ein strahlendes Lächeln. Mit seiner aufrechten Haltung, der drahtigen Gestalt und den markanten Gesichtszügen ähnelte er auf verblüffende Weise dem berühmten Kaiser Cäsar. Die kurze Toga und der rote Mantel verstärkten den Eindruck noch. Es fehlte nur der Lorbeerkranz.