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Die ersten 3 Fälle der erfolgreichen Küsten-Krimi-Serie in einer eBox!
Palinghuus in Ostfriesland: Zwischen weitem Land und Wattenmeer lebt Sarah Teufel mit ihrem Ex-Mann James in einer Windmühle. Gemeinsam betreiben sie das einzige Taxiunternehmen weit und breit - mit einem Original New Yorker Yellow Cab! Bei ihren Fahrten bekommt Sarah so einiges mit. Und da die nächste Polizeistation weit weg ist, muss Sarah eben selbst nachforschen, wenn etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.
Folge 1: Es ist kalt und neblig in Palinghuus, als die Taxifahrerin Sarah Teufel frühmorgens am Schiffsanleger auf die Fähre aus Baltrum wartet. Doch der Fahrgast, den sie in Empfang nehmen will, ist tot! Zunächst sieht alles nach Herzversagen aus - aber Sarahs aufmerksamem Auge entgeht nicht, dass es ein paar Ungereimtheiten gibt. Mit ihrer besten Freundin Britta und ihrem Ex-Mann James macht Sarah sich auf die Suche nach dem Mörder - und gerät selbst in tödliche Gefahr.
Folge 2: Bei einer Inspektion von Sarahs Taxi entdeckt James ein rätselhaftes Päckchen unter der Rückbank. Als Sarah und er es öffnen, trauen sie ihren Augen nicht: 100.000 Euro liegen darin! Doch wem gehört das Geld? Und wer hat es in Sarahs Taxi versteckt? Kurz darauf bricht ein Unbekannter nachts in James' Werkstatt ein. Offenbar auf der Suche nach dem Geld. Sarah muss das Rätsel so schnell wie möglich lösen, denn dem Täter ist es ernst!
Folge 3: Wie jedes Jahr im Juni ziehen als Koalas verkleidete Freiwillige durch die Dörfer an der ostfriesischen Küste. Ihr Ziel: Geld und Spielzeug für die Kinderstation des regionalen Krankenhauses sammeln. Doch als einer der Koalas bei Trine Mohnsen klingelt, greift diese kurzerhand zu ihrer Waffe und erschießt ihn! Aus Notwehr, wie Trine steif und fest behauptet! Doch für Sarah Teufel stinkt die ganze Geschichte wie der Fisch vom Vortag. Gemeinsam mit James fängt sie an nachzuforschen. Und Sarah muss erkennen, dass auch die Bewohner von Palinghuus Leichen im Keller haben ...
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Seitenzahl: 633
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Grußwort
Taxi, Tod und Teufel – Die Serie
Über das Buch
Titel
Fährfahrt in den Tod
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Epilog
Schweigegeld mit Inselblick
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Epilog
Bei Ebbe kam der Mörder
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Epilog
Über die Autorin
Weitere Titel der Autorin aus der Serie »Taxi, Tod und Teufel«
Impressum
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Palinghuus in Ostfriesland: Zwischen weitem Land und Wattenmeer lebt Sarah Teufel mit ihrem amerikanischen Ex-Mann James in einer Windmühle. Gemeinsam betreiben sie das einzige Taxiunternehmen weit und breit – mit einem Original New Yorker Yellow Cab! Bei ihren Fahrten bekommt Sarah so einiges mit. Und da die nächste Polizeistation weit weg ist, ist doch klar, dass Sarah selbst nachforscht, wenn etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Denn hier im hohen Norden wird nicht gesabbelt, sondern ermittelt!
Fährfahrt in den Tod
Es ist kalt und neblig in Palinghuus, als die Taxifahrerin Sarah Teufel frühmorgens am Schiffsanleger auf die Fähre aus Baltrum wartet. Doch der Fahrgast, den sie in Empfang nehmen will, ist tot! Zunächst sieht alles nach Herzversagen aus – aber Sarahs aufmerksamem Auge entgeht nicht, dass es ein paar Ungereimtheiten gibt. Warum wären sonst sein Koffer und sein Handy verschwunden, die er beide noch hatte, als er die Fähre betrat? Mit ihrer besten Freundin Britta und ihrem Ex-Mann James macht Sarah sich auf die Suche nach dem Mörder – und gerät selbst in tödliche Gefahr.
Schweigegeld mit Inselblick
Bei einer Inspektion von Sarahs Taxi entdeckt James ein rätselhaftes Päckchen unter der Rückbank. Als Sarah und er es öffnen, trauen sie ihren Augen nicht: 100.000 Euro liegen darin! Doch wem gehört das Geld? Und wer hat es in Sarahs Taxi versteckt? Kurz darauf bricht ein Unbekannter nachts in James' Werkstatt ein. Offenbar auf der Suche nach dem Geld. Sarah muss das Rätsel so schnell wie möglich lösen, denn dem Täter ist es ernst!
Bei Ebbe kam der Mörder
Wie jedes Jahr im Juni ziehen als Koalas verkleidete Freiwillige durch die Dörfer an der ostfriesischen Küste. Ihr Ziel: Geld und Spielzeug für die Kinderstation des regionalen Krankenhauses sammeln. Doch als einer der Koalas bei Trine Mohnsen klingelt, greift diese kurzerhand zu ihrer Waffe und erschießt ihn! Aus Notwehr, wie Trine steif und fest behauptet! Doch für Sarah Teufel stinkt die ganze Geschichte wie der Fisch vom Vortag. Gemeinsam mit James fängt sie an nachzuforschen. Und hinter jedem Geheimnis entdecken die beiden gleich ein weiteres. Sarah muss erkennen, dass auch die Bewohner von Paalinghus Leichen im Keller haben ...
LENA KARMANN
Drei Nordseekrimis in einem Band
LENA KARMANN
»Moin, der Herr! Armin Hoffmann, nehme ich an? Die bestellte Fähre nach Palinghuus?«, fragte der Fährmann ihn. Der stand im Lichtschein einer der Laternen auf dem Kai und nickte ihm zu, als Hoffmann sich ihm näherte.
Er hatte an diesem Morgen den dicken Mantel angezogen und die Pudelmütze aufgesetzt. »Guten Morgen«, sagte er und sah sich um. »Fahren Sie bei dem Nebel überhaupt?«
»Klar doch. Bin ja auch grade eben hergekommen.« Der Fährmann winkte scheinbar gelassen ab. »Das büschen Nebel stört doch nicht. Hab ja immer noch die hier.« Dabei tippte er an seine von der kalten Luft gerötete Nase. »Die sagt mir schon, wo’s langgeht. Außerdem haben Sie mich gebucht, und wer mich bucht, den fahr ich auch.«
Hoffmann nickte stumm und schaute nach links. »Ist das … die Fähre?«, fragte er argwöhnisch.
Die Fähre wirkte mehr wie ein kleines Ausflugsboot mit Bänken für bestenfalls zwanzig Passagiere, eher weniger, wenn sie alle auch noch Gepäck dabeihatten. Die Bänke für die Passagiere befanden sich am Heck, während zum Bug hin eine Kabine aufgesetzt war, in der so gerade eben eine Person stehen konnte, um das Boot zu lenken. Wobei jemand mit dem Bauchumfang, wie ihn der Fährmann aufwies, mehr draußen als drinnen stehen musste.
»Jo.«
»Müsste die nicht etwas größer sein?«
Der Fährmann zuckte mit den Schultern. »Hab se letzte Woche ´n büschen zu heiß gebadet, da is se eingelaufen. Aber nich viel.«
Hoffmann war alles, nur kein Frühaufsteher. Aber um seinen Zug nicht zu verpassen, hatte er die Fähre für kurz nach sieben bestellen müssen, und damit war er gezwungen gewesen, zu einer Uhrzeit aufzustehen, die alles andere als erfreulich war. Er hatte das Gefühl, im Stehen einzuschlafen. Was er in dieser Verfassung gar nicht gebrauchen konnte, war ein Fährmann mit einem Hang zu Kalauern. Nicht, dass er solche Kommentare wie den von der eingelaufenen Fähre nicht vergnüglich fand, aber jetzt und hier konnte er sie gar nicht ausstehen. Und trotzdem musste er den Mund halten, damit der Fährmann nicht auf die Idee kam, ohne ihn abzufahren. »Die Fähre von Norddeich hierher war aber viel größer«, war das einzig halbwegs Neutrale, was ihm in den Sinn kommen wollte.
Der Fährmann nickte, sagte aber nichts.
»Und da war man nicht Wind und Wetter ausgesetzt«, fügte Hoffmann an.
Nach wie vor schwieg der Fährmann und zog sich die Mütze etwas tiefer ins Gesicht.
Schließlich hob Hoffmann resigniert die Schultern. »Na gut, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig.« Nach einem letzten Blick auf die Fähre fragte er: »Wie teuer?«
Der Fährmann nannte den Preis für die Überfahrt ans Festland, daraufhin hielt Hoffmann ihm einen Geldschein hin. »Nich passend?«, gab der zurück.
»Tut mir leid.«
Der Fährmann griff in seine Hosentasche und kramte eine Handvoll Kleingeld heraus, dann zählte er ab: »Zehn … zwanzig … dreißig … vierzig … fünfundvierzig … sechsundvierzig … siebenundvierzig … achtundvierzig … neunundvierzig … fünfzig.« Er legte ihm die Münzen in die Hand, dann stutzte er. »Och nee, ich hätt‹ noch ›nen Fünfziger passend gehabt. Na, egal. Dann bitte ich darum, an Bord zu gehen.« Er machte eine überzogene Geste und deutete eine Verbeugung an.
Hoffmann nahm seinen Rollkoffer, zog ihn bis zum Steg und stellte fest, dass er den Koffer an Bord tragen musste. Die quer auf den Holzlatten angebrachten Leisten sollten wohl verhindern, dass man beim Hinuntergehen wegrutschte. Sie verhinderten jetzt aber vor allem die wesentliche Eigenschaft eines Rollkoffers, nämlich das leichtgängige Rollen. Er mühte sich ab, den Koffer an Bord zu heben, dann ging er auf dem einigermaßen passabel beleuchteten Passagierdeck ganz nach hinten, um dem Motorenlärm zu entkommen. Offenbar fehlte die Abdeckung für den Motor, also würde es laut werden.
Der Fährmann kam an Bord, schob den Steg zur Seite, holte das Tau ein und ließ den wie erwartet dröhnenden Motor an. Die kleine Fähre setzte sich in Richtung Festland in Bewegung, das in der Dunkelheit wegen des Nebels nicht mal zu erahnen war.
Hoffmann saß auf der hintersten Bank und konnte nur hoffen, dass dieser Fährmann wusste, wohin er zu fahren hatte. Er zog den Kopf ein, um den Nacken vor der kalten Luft zu schützen.
Der Fährmann war ganz darauf konzentriert, Kurs auf den Hafen von Palinghuus zu halten.
Als Sarah Teufel ihr Zuhause in der Windmühle verließ und mit zügigen Schritten zu ihrem Taxi ging, das in der Einfahrt parkte, war sie froh, dass sie die dickere Jacke angezogen hatte. Gefroren hatte es in diesem Winter nicht allzu oft, aber diese Suppe, die sich über die ganze Gegend gelegt hatte, war ein Garant dafür, dass es kalt sein würde. Kalt und sehr still, da der Nebel alle Geräusche dämpfte. Nicht, dass es in Palinghuus an einem Freitagmorgen um zwanzig nach sieben sonst laut und hektisch zugegangen wäre. Aber jetzt würde es noch ein bisschen ruhiger sein.
Sie schloss ihr Taxi auf, setzte sich hinein und ließ den Motor an. Obwohl ihr original New Yorker Checker Cab fast vierzig Jahre alt war und über sechshunderttausend Kilometer auf dem Buckel hatte, schnurrte der Motor wie ein Kätzchen. Okay, wie ein lautes Kätzchen. Oder mehr wie ein Kater, ein voller Inbrunst schnurrender Kater.
Zu verdanken hatte sie das ihrem Ex-Mann James, der ihr den Wagen beschafft hatte und sich aufopfernd in seiner Werkstatt vor Ort um ihn kümmerte.
Sie drehte die Heizung hoch, dann schob sie den Wählhebel nach vorn, löste die Handbremse und fuhr los. Sie folgte dem seltsam kurvenreich angelegten Mühlenweg in Richtung Dorf und machte das Radio an. Kaum hatte sie die Melodie erkannt, sang sie lauthals »My Bonnie is over the Ocean« mit. Eigentlich trafen Shantychöre nicht so ganz ihren Geschmack, aber für diese Uhrzeit war es genau das Richtige, um auf Touren zu kommen.
Vor ihr tauchten die ersten reetgedeckten Einfamilienhäuser auf, die erst vor wenigen Jahren auf ehemaligem Weideland errichtet worden waren. Weitere Neubauten sollten in nächster Zeit folgen, was für Palinghuus eigentlich eine gute Entwicklung war, auch wenn es ihr nicht gefiel, dass damit immer ein wenig mehr Grün verschwand.
In Kürze würde hier Trubel herrschen, da in fast allen Häusern Familien mit zwei oder drei Kindern wohnten, die allmählich in die Schule gebracht werden mussten.
Als sie am Ende des Mühlenwegs angekommen war, nahm sie Gas weg und ließ den Wagen auf die Aufpflasterung kurz vor der Kreuzung zurollen. Die Querstraße war die aus südlicher Richtung nach Palinghuus führende Landstraße, die durch den Ort ging und dann in Richtung Norddeich verlief. Deshalb wurde sie von vielen Touristen als Ausweichstrecke benutzt, wenn auf den direkten Routen zu viel los war. Seit Jahren versuchten in den betroffenen Straßen wohnende Palinghuuser, eine Umgehungsstraße durchzusetzen. Das scheiterte aber jedes Mal am erbitterten Widerstand der Geschäftsleute, die über jeden Touristen froh waren, der beim Durchfahren der Ortschaft beschloss, hier noch eine Rast einzulegen, etwas zu essen oder sich im Supermarkt mit Getränken einzudecken.
Beim Überfahren der Aufpflasterung geriet der Wackel-Elvis im berühmten Las-Vegas-Kostüm in Bewegung, der auf dem Armaturenbrett klebte. »Das Glück ist wie ein Stück Zwiebelfleisch zu einer Portion Bratkartoffeln«, verkündete er eine weitere von zahllosen rätselhaften Weisheiten, die er seit seinem ersten Arbeitstag in ihrem Taxi von sich gab. Eigentlich hätte er Heartbreak Hotel oder einen der vielen anderen Hits singen sollen, aber offenbar waren in der chinesischen Fabrik die Chips durcheinandergeraten. Vermutlich stimmte jetzt irgendwo anders auf der Welt ein Buddha auf Knopfdruck In the Ghetto an. Aber das störte sie nicht – ganz im Gegenteil: Ihren weissagenden Buddha-Elvis hätte sie für nichts hergegeben.
Sarah folgte der Hauptstraße, bis sie am Dorfplatz angekommen war, wo das Palinghuuser Leben tobte. Oder das, was man in Palinghuus als tobendes Leben bezeichnen konnte. Um diese Uhrzeit war das denkbar wenig, denn außer dem Supermarkt mit dem angeschlossenen Café/Bistro/Imbiss – das Ganze trug den Namen Schlemmerkörbchen – war noch nichts geöffnet. Und was erst in ein oder zwei Stunden öffnen würde, war auch nicht allzu viel. Aber dafür gab es hier alles, was man für den täglichen Bedarf benötigte. Die umliegenden Ortschaften waren viel stärker auf Souvenirläden und Restaurants aller Art ausgerichtet.
Sie stellte ihren Wagen gegenüber vom Supermarkt ab und betrat gut gelaunt das Geschäft. Es duftete herrlich nach frisch gebackenem Brot, als sie die Tür aufdrückte, und sofort lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Das kleine Ladenlokal war so aufgeteilt, dass die Brotecke sowie die Wurst- und Käsetheke sich zwischen dem Imbiss und dem Supermarkt befanden, damit Antje Reemers und ihre Mutter Heidi auf beiden Seiten Kunden bedienen konnten. Jeder Marketingexperte hätte beim Anblick der Einrichtung wahrscheinlich abfällig vom »Charme der Siebziger« gesprochen und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn er durch die Regalreihen gegangen wäre. Aber die Reemers kümmerte so etwas herzlich wenig. Ein Regal war ein Regal, und solange nichts zusammenbrach, gab es für sie keinen Grund, etliche tausend Euro in eine Modernisierung zu stecken, die so oder so keine neue Kundschaft angelockt hätte. Wer in Palinghuus einkaufen ging, der ging ins Schlemmerkörbchen. Außerdem wusste die Kundschaft der Reemers es zu schätzen, dass man praktisch blind ins Regal greifen konnte und genau das Gesuchte in der Hand hielt, weil eben nicht alle paar Monate der ganze Laden auf den Kopf gestellt wurde.
Dazu passte das zeitlose Erscheinungsbild der Inhaberin und ihrer Tochter. Heidi trug seit eh und je die blonden, aber mittlerweile doch leicht ergrauten Haare glatt nach hinten gekämmt und zum Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihr schmales Gesicht wirkte stets auf die Arbeit konzentriert, ob sie nun Fleischwurst aufschnitt oder Konservendosen auszeichnete. Ihre Tochter Antje war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, allerdings war sie fast einen Kopf größer.
Zufriedene Kunden gingen den beiden über alles, daher blieb kaum ein Sonderwunsch unerfüllt.
In dem Bereich des Marktes, der vom Imbiss beansprucht wurde, gab es eine Kochecke, damit für die Mittags- und die Abendzeit warme Gerichte zubereitet werden konnten.
Das Schlemmerkörbchen war im Dorf die Anlaufstelle schlechthin, wenn man für einen fairen Preis ein leckeres, hausgemachtes Gericht haben wollte. Die Reemers hatten ein breites Angebot, nur eines fehlte im Markt und im Imbiss: Fisch. Für den war Hannes Hansen zuständig, der in der Nähe vom Hafen einen Fischladen mit Imbiss betrieb. Beide Seiten konnten mit der Aufteilung gut leben, soweit Sarah das beurteilen konnte.
»Moin, Sarah«, rief Antje ihr zu, die damit beschäftigt war, frische Brötchen aus dem Ofen zu holen.
»Moin, Antje. Ist heut tote Hose?«, fragte Sarah grinsend.
»Noch, aber nich mehr lang«, sagte die junge Frau, während sie Brötchen vom Blech in den Korb hinter der Theke rutschen ließ. »Ich hab schon die ersten drei Dutzend Vorbestellungen für belegte Brötchen fertig, die gleich auf dem Weg zur Schule abgeholt werden.«
»Dann hat ja alles seine Ordnung«, stellte Sarah lächelnd fest.
»Bist früh dran heute, Sarah. Muss wieder jemand zum Arzt gefahren werden?«
Sarah schüttelte den Kopf. »Nein, Asmussen bringt einen Urlaubsgast von Baltrum an Land, den ich übernehmen soll. Eigentlich will er nur bis nach Norddeich gefahren werden, aber vielleicht kann ich ihn ja davon überzeugen, dass er auch zwei Stationen später in den Zug steigen kann, um etwas länger den Luxus meines Taxis zu genießen.«
»Mich hättest du jetzt schon überredet«, meinte Antje, die Sarahs Taxi durch das Schaufenster betrachtete. Dann wandte sie sich wieder Sarah zu. »Was kann ich dir Gutes verkaufen?«
»Brötchen mit Rührei, wenn du hast.«
»Hab ich. Kaffee dazu?«
Sarah hob bedauernd die Hände. »Keine Zeit.«
»Du kannst ihn zum Mitnehmen haben.«
»Ich hab meinen Kaffee lieber zum Schnacken«, sagte sie grinsend. »Oder zum Kuchen.«
Antje zwinkerte ihr zu. »Kann ich verstehen. Aber wollen halt viele haben.«
Sarah nickte. »Is bloß nicht gut für die Umwelt.«
»Bei uns gibt’s nur Mehrwegbecher, Mehrwegdeckel und drei Euro Pfand.« Antje lächelte triumphierend. »Bislang is noch jeder Becher zurückgekommen. Drei Euro schmeißt keiner freiwillig in den Müll. Jedenfalls hier nich.«
»Gut«, fand Sarah. »Wirklich gut.« Sie nahm das Brötchen entgegen, stellte sich an einen der Stehtische und begann zu essen. »Köstlich«, sagte sie zu Antje, als sie fertig war, und warf die Serviette weg. Sie sah auf die Uhr. Noch fünf Minuten. Das passte gut. Bei dem Nebel würde Asmussen bestimmt etwas langsamer unterwegs sein, und damit würde sie so oder so früh genug an der Fähre sein, um den Gast in Empfang zu nehmen.
»Grüß deine Mutter von mir«, sagte sie auf dem Weg zur Tür.
»Mach ich. Die füllt gerade das Waschmittelregal auf.«
»Dann mal tschüüs, Antje.«
»Tschüüs, Sarah.«
Sie ging zurück zum Wagen und fuhr zum Hafen. Auf dem Marktplatz waren zwei Straßenkehrer unterwegs, die sich wohl wie die meisten hier über den einigermaßen milden und vor allem schneearmen Winter freuten. Auch wenn sie Schnee liebte, hörte der Spaß für Sarah dann auf, wenn Glatteis oder Schneewehen sie dazu zwangen, den Wagen stehen zu lassen, bis einer der wenigen Schneeräumer in der Gegend es bis nach Palinghuus schaffte. Dann konnte sie manchmal tagelang kein Geld verdienen, da es nicht möglich war, überhaupt erst zu den wartenden Kunden durchzukommen.
Vor ihr lag der Hafen, auf dem Weg dorthin kam sie auch an der Werkstatt ihres Ex vorbei. Die Einfahrt stand offen, sie wurde etwas langsamer und hupte einmal kurz, als sie James über den Hof zu einem weißen Transporter gehen sah. Er winkte und lächelte ihr zu.
Er ist dein Ex, meldete sich die Stimme in ihrem Kopf zu Wort, die meinte, ungefragt alles Mögliche kommentieren zu müssen. Du weißt doch, was das Wort »Ex« bedeutet, oder?
»Ach, halt die Klappe.«
Könnte dir so passen.
»Das könntest du laut sagen … wenn du das könntest.« Als ob daran etwas schlimm gewesen wäre, sich von ihrem Ex anlächeln zu lassen. Es war auf jeden Fall besser, als den Wunsch zu verspüren, mit Vollgas auf den Hof fahren und ihn auf die Haube nehmen zu wollen.
Wie du meinst.
»Ja, meine ich«, knurrte sie und bog ins Hafengebiet ein. Dort fuhr sie ganz durch bis zu der Stelle, wo die Hafeneinfahrt den Deich teilte und wo sich die Anlegestelle befand, an der sie ihren Fahrgast abholen sollte. Von hier aus hätte sie bei klarem Wetter die Scheinwerfer und die Positionslichter von Asmussens kleiner Fähre erkennen können, da er sich um diese Zeit bereits kurz vor dem Hafen hätte befinden müssen. Im Nebel dauerte das zwangsläufig etwas länger, aber Asmussen waren die Fahrtrouten über dreißig oder vierzig Jahre hinweg so ins Blut übergegangen, dass er auch mit geschlossenen Augen seinen Weg gefunden hätte.
Sarah stieg aus und atmete die kalte Morgenluft ein. Es regte sich kein Wind, der den Nebel hätte vertreiben können. »Ich muss mal wieder zum Friseur«, murmelte sie.
Das fällt dir ausgerechnet jetzt ein?
Sie musste über den Kommentar in ihrem Kopf grinsen. Tatsächlich war ihr das nur eingefallen, weil kein Wind ging. Es erinnerte sie daran, dass ihre Haare zu lang geworden waren, denn bei Wind wären die ihr jetzt ins Gesicht geweht worden, und das konnte sie nicht ausstehen.
Sarah betrachtete den Hafen, in dem nur ein paar alte Fischerboote lagen, die inzwischen alle mehr Dekoration als Arbeitsgerät waren. Außer Hannes Hansen und seinem Fischladen mitsamt Imbiss – sinnigerweise Hannes Hansens Heringsbood genannt – konnte in Palinghuus niemand mehr vom Fischfang leben, und Hansen machte sein Geschäft vor allem im Sommer, wenn er mit seinem Imbisswagen die umliegenden Ortschaften anfuhr, um bei den Touristen seine Spezialitäten an den Mann zu bringen.
Ein paar der alten Fischerboote wurden inzwischen von Frühling bis Herbst an Touristen als Unterkünfte vermietet, zwei oder drei waren noch seetüchtig und boten Ausflugsfahrten zu den Sandbänken an, auf denen sich die Seehunde tummelten.
Sie drehte sich wieder in Richtung Hafeneinfahrt um, wo das rote und das grüne Licht der Bojen am Ende der Molen leuchtete. Es war nahezu totenstill, da durch den Nebel das Rauschen der Wellen auf der anderen Seite des Deichs fast völlig gedämpft wurde und nur das Plätschern vom Rand des Hafenbeckens zu hören war – abgesehen natürlich von dem aus der Ferne herüberdriftenden Nebelhorn.
Auf einmal zeichnete sich in der Dunkelheit auf dem Meer ein etwas hellerer Fleck ab. Er wurde schnell größer und ließ die Nebelwand aufleuchten. Dann schälten sich aus dem Nebel die Konturen der kleinen Fähre heraus, die auf dem Dach der Führerkabine nur zwei nicht allzu große und auch nicht sonderlich helle Leuchten aufwies, die das Wasser beschienen.
Sarah stieß sich von ihrem Wagen ab und ging zum Steg, an dem die Fähre gleich anlegen würde. Im hellen Lichtschein der Laternen konnte sie sehen, dass Asmussen ihr zuwinkte. Als die Fähre die alten Lkw-Reifen berührte, die als Rammschutz an der Kaimauer hingen, griff Sarah nach dem Tau, das der Fährmann ihr reichte, und machte es fest.
»Moin, Frau Teufel«, sagte er und zwinkerte. »Alles klar?«
»Alles bestens, Herr Asmussen«, erwiderte sie. »Was macht dein Bein?«
»Was Beine so machen: Es geht«, antwortete er und begann zu lachen. »Wartest du schon lange hier, Frau Teufel?«
Sie schüttelte den Kopf. Obwohl sie mit Asmussen per Du war, sprachen sie sich mit Nachnamen an, seit sie sich kannten. Ihre Entscheidung war das nicht gewesen, aber ihm hatte ihr Nachname so gut gefallen, dass er sich nicht mit »Sarah« begnügen wollte. Im Gegenzug hatte sie beschlossen, ihn nur »Herr Asmussen« zu nennen.
Er drehte sich zu seinem Fahrgast um. »Wir sind da, Herr Hoffmann!«, rief er ihm zu.
Der Mann rührte sich nicht.
»Herr Hoffmann!«, wiederholte er etwas lauter.
Der Mann saß zusammengekauert da, der Kopf war ein wenig nach vorn geneigt, so als wäre er auf der Überfahrt eingeschlafen.
»Hoffentlich is er nich erfroren«, murmelte Asmussen.
»Du bist ja nich grade mit ›nem Schnellboot unterwegs«, wandte Sarah ein, kletterte auf die Fähre und ging nach hinten. »Moin, Herr Hoffmann, Ihr Taxi is da«, sagte sie. »Die Heizung läuft auch schon.«
Der Fahrgast blieb stur sitzen, als hätte er sie nicht gehört. Bei ihm angekommen, tippte sie ihm leicht auf die Schulter.
Aber er reagierte nicht, sodass sie ihn etwas fester an der Schulter packte und rüttelte. Plötzlich kippte er nach links auf den freien Teil der Bank und rollte von dort auf den Boden, wo er einfach liegen blieb.
Während sich Sarah neben ihn hockte und an seinem Hals nach dem Puls fühlte, kam Asmussen zu ihr. »Was is los? Was hat er? Is ihm nich gut?«
Sarah sah den Fährmann ernst an. »Er is tot, Herr Asmussen.«
»Tot? Wieso tot?«
»Keine Ahnung, Herr Asmussen«, gab Sarah erschrocken zurück. »Jedenfalls hat er keinen Puls mehr.«
»Ja, aber … aber … wie kann auf meiner Fähre einer tot umfallen?« Der Fährmann betrachtete den Fahrgast, der sich nicht mehr rührte. »Eben hat er noch gelebt!«
Sarah zuckte mit den Schultern. »Womöglich ›n Herzinfarkt.« Sie griff nach ihrem Handy und bestellte einen Rettungswagen. Als sie das Gespräch beendete, murmelte sie: »Das wird dauern, bis der kommt. Irgendwo muss ›ne Bombe entschärft und dafür ›n Krankenhaus evakuiert werden.«
Asmussen bekam von ihren Worten anscheinend nichts mit, sondern sah weiter ungläubig den Toten an. »Sah gar nicht krank aus«, überlegte er.
»Schaut man halt nicht rein«, sagte Sarah, die der Tote zwar nicht kalt ließ, die sich aber nach außen hin gelassen gab, damit Asmussen nicht noch damit anfing, sich irgendwelche Vorwürfe zu machen.
»Nee, tut man nich. Hast recht, Frau Teufel.« Er schüttelte den Kopf. »Hab auch nix mitgekriegt.«
Sie legte eine Hand auf seinen Oberarm. »So laut, wie der Motor is, kannst du ja auch gar nix mitkriegen. Is nich deine Schuld.« Mit der freien Hand machte sie eine vage Geste. »Und selbst wenn du es gemerkt hättest, wär ihm damit wohl auch nicht geholfen gewesen. Bis du mit dem an Land gewesen wärst, hätte man eh nichts mehr tun können. Da machen die paar Minuten auch nichts aus, die du früher hättest anrufen können, wenn du’s noch vor dem Anlegen bemerkt hättest.«
Der Fährmann nickte. »Hast schon recht, Frau Teufel. Warum müssen die auch dauernd irgendwo buddeln und diese schiet Bomben von damals finden?«
»Eben«, stimmte sie ihm zu. »Gib mir mal eine von den Decken.«
»Is dir kalt?«
»Nee, ich will den Toten bloß zudecken, bis ein Arzt kommt«, erklärte sie.
»Ein Arzt?«
Wieder nickte Sarah. »Ja, die Todesursache muss festgestellt werden. Eigentlich müssten wir sogar die Polizei rufen, aber dann würden wir morgen noch hier stehen und warten.« Seit die kleine Wache im Dorf geschlossen worden war und nun die Kollegen im fast vierzig Kilometer entfernten Aurich zuständig waren, bekam man die Polizei in Palinghuus kaum noch zu sehen. Ab und zu ließ sich ein Streifenwagen blicken, der fast schneller durchs Dorf huschte, als man gucken konnte. Eigentlich war das Ganze ein unhaltbarer Zustand, was jeder im Dorf nur bestätigen konnte, andererseits passierte in Palinghuus so selten etwas, dass man die Schließung der Dienststelle durchaus nachvollziehen konnte. Schließlich hatte die Post ihr kleines Amt am Dorfplatz auch zugemacht und das Schlemmerkörbchen einen Schalter eröffnen lassen, der den Ansprüchen der Palinghuuser mehr als gerecht wurde.
»Dann werd ich mal die werte Frau Doktor anrufen«, sagte Asmussen und griff nach seinem Handy.
»Kannst du machen, aber Dr. Jakobi is nich da«, wandte Sarah ein. »Die hab ich gestern nach Bremen zum Bahnhof gefahren, weil sie für ›ne Konferenz nach Stuttgart musste. Vor Montag is sie nich zurück.«
»Und nu?«
»Sie hat gesagt, dass sie einen Bekannten aus dem Krankenhaus in Emden bitten wollte, für sie einzuspringen.« Sarah überlegte einen Moment lang. »Nee, der Name fällt mir nich ein. Aber sie hat gesagt, dass sie die Bandansage auf der Mailbox ändern will, damit jeder weiß, an wen er sich wenden muss.«
»Neumodischer Kram«, murmelte der Fährmann und wählte die Nummer der Ärztin, dann lauschte er eine Weile. »Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt«, sagte er, als die Ansage gelaufen war.
»Was?«
»Rat mal, wer sie vertritt.«
»Bloß nich«, erwiderte Sarah, da sie schon eine Ahnung hatte. »Husen?«
»Dr. med. Husen«, bestätigte Asmussen. »Wie er leibt und lebt.«
Sarah stöhnte auf. Dr. Husen war mit vierundachtzig vermutlich der dienstälteste praktische Arzt der Welt, der es irgendwie geschafft hatte, seine Zulassung nicht abgeben zu müssen. Dr. Jakobi hatte ihr das vor einer Weile mal erklärt, aber die Details hatte Sarah sich nicht merken können. Auf jeden Fall hatte es etwas mit einem regional gültigen Gesetz von achtzehnhundertnochwas zu tun, das man vergessen hatte, rechtzeitig außer Kraft zu setzen. Husen war ziemlich kurzsichtig, aber zu eitel für eine Brille, und er hörte noch viel schlechter, als er sehen konnte. Wenn er schon auf die Brille verzichtete, warum sollte er dann zum Hörgerät greifen? Sein Motto war: Wenn’s wichtig ist, wird man’s mir schon noch mal sagen.
Asmussen hielt ihr sein Handy hin. »Machst du?«
»Was?«
»Husen anrufen.«
Sie sah den Fährmann verständnislos an.
»Meine Stimme is zu tief«, erklärte er. »Deine hellere Stimme kann er besser hören.«
»Hören ja, aber verstehen?« Als Asmussen weiter nichts sagte, zog sie ihr Smartphone aus der Tasche und tippte auf das Namensverzeichnis. Dann ließ sie es klingeln … und klingeln … und klingeln … bis Husen sich endlich meldete. »Guten Morgen, Herr Dr. Husen. Teufel hier … nein, Teufel … nein, Sarah Teufel … Sa-rah Teu-fel. Ja, genau …« Sie erklärte ihm, was vorgefallen war, erklärte es ihm ein zweites Mal, dann bestätigte sie, dass sie ihn gleich abholen werde, um ihn zum Hafen zu fahren.
Nachdem sie aufgelegt hatte, nickte sie Asmussen zu. »Du hast ja alles mitgekriegt. Ich hole Husen ab und komme mit ihm her.«
»Ich lauf nich weg«, versicherte ihr der Fährmann und sah auf die Decke, die über dem Toten ausgebreitet lag. »Und er auch nich.«
»Kommen Sie, Dr. Husen«, sagte Asmussen, als Sarah eine halbe Stunde später mit dem Mann zurückgekehrt war. »Ich halt Sie fest.«
»Danke, junger Mann«, erwiderte der kleine, leicht bucklige Arzt, der wie erwartet keine Brille trug und stattdessen die Augen angestrengt zusammenkniff, um erkennen zu können, wohin er trat. Immerhin war es inzwischen schon um einiges heller, sodass Husen seine Umgebung zumindest halbwegs wahrnehmen konnte. »Oh … wo ist meine Tasche?«
»Die hab ich, Dr. Husen«, rief Sarah ihm zu, obwohl sie dicht hinter ihm war. Sicher hätte er sie bei normaler Lautstärke nicht gehört, zumal der Nebel noch dichter geworden war und jedes Geräusch zu verschlucken schien.
Der Arzt nickte. »Ah, gut … gut.« Schließlich stand er auf der kleinen Fähre, Sarah kam dazu, ging an ihm vorbei und zeigte ihm so die Richtung an, in die er gehen musste.
»Hier hinten, Herr Dr. Husen.«
Asmussen war nun hinter dem Arzt und schob ihn sanft vor sich her. Wenigstens schaukelte die Fähre kaum, sodass keine Gefahr bestand, dass der kleine Mann das Gleichgewicht verlor. Als die beiden bei Sarah angekommen waren, schlug sie die Decke zur Seite.
»Is das der Tote?«, fragte Dr. Husen, der sich die Tasche geben ließ und ein Klemmbrett herausholte, auf dem ein Formular befestigt war.
Vermutlich der Totenschein, auch wenn Sarah es nicht genau erkennen konnte. Sarah musste sich ein Grinsen verkneifen, so unpassend das in dieser Situation auch gewesen wäre, aber Husens Frage klang einfach zu absurd. Sie sah, wie Asmussen die Augen in Richtung Himmel verdrehte. »Ja, genau. Mein erster Gedanke war: Herzinfarkt«, fügte sie hinzu, ohne sich etwas anmerken zu lassen.
»Wie heißt der Mann?«, wollte der Arzt wissen.
Sarah und der Fährmann sahen sich kurz an. »Hoffmann«, sagte der dann.
»Was?«
»Hoffmann. Weiter weiß ich nicht.«
»Sie wissen nicht, wie er heißt, sagen Sie?«, hakte der Arzt nach. »Dann müssen Sie die Polizei rufen. Die muss erst mal herkommen.« Mit diesen Worten wollte er gleich wieder sein Klemmbrett wegpacken.
»Doch, doch, Hoffmann heißt er. Und er hat auch Papiere dabei«, sagte Asmussen hastig. »Richtig, Frau Teufel?«
»Ja, ganz bestimmt«, antwortete sie. »Augenblick.« Sie sah, dass Husen das Klemmbrett schon in die Tasche gesteckt hatte, daraufhin tippte sie ihm auf die Schulter. »Moment, Herr Dr. Husen!« Es kostete sie einige Überwindung, trotzdem hockte sie sich hin und tastete nach der Innentasche der Jacke. Erleichtert atmete sie auf, als ihre Finger etwas berührten, das die Brieftasche des Toten sein musste. Sie zog daran und hielt schließlich ein schwarzes Ledermäppchen in der Hand. Es war seine Brieftasche! Sie klappte sie auf und entdeckte als Erstes den Personalausweis. »Hier ist alles.«
»Was is?«, fragte der Arzt.
»Die Papiere!«, sagte Sarah in einer für sie ungewohnten Lautstärke. Der Doktor war schon ein ganz besonderer Fall, weil er sich gerade als Arzt so sehr dagegen sträubte, zu den zwei denkbar einfachsten Hilfsmitteln zu greifen, um wieder alles um sich herum wahrnehmen zu können.
»Ah.« Husen zog das Klemmbrett ein weiteres Mal aus der Tasche. Dann nahm er den Ausweis des Toten und hielt ihn dicht vor seine Augen. »M-hm.« Auf einmal stutzte er. »Frau Teufel, Sie müssen mir den Ausweis hinhalten, sonst habe ich eine Hand zu wenig, wenn ich das Formular ausfüllen will.«
»Kann ich machen.«
»Über was wollen Sie lachen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich hab gesagt, ich kann das machen.«
Jetzt schüttelte auch der Arzt den Kopf. »Also ich kann darüber nicht lachen.«
Bevor diese Unterhaltung sich noch länger im Kreis drehen konnte, nahm Sarah ihm lächelnd den Ausweis des Toten ab.
»Am besten is, ich setze mich hin«, sagte Dr. Husen als Nächstes. »Im Stehen kann ich nicht mehr so gut schreiben. Da bin ich was zu zittrig geworden.«
»Ja, natürlich«, stimmte sie ihm zu.
Er machte einen Schritt nach vorn, es gab einen dumpfen Knall. »Oh, entschuldigen Sie, Frau Teufel. Ich wollte Sie nich treten.«
»Sie haben mich nich getreten«, erwiderte sie.
»Ich sagte doch, es war keine Absicht!« Husen klang ein wenig verärgert.
Asmussen deutete nach unten auf den Boden und verzog den Mund. Sarah folgte der angezeigten Richtung und musste feststellen, dass der Arzt dem Toten gegen den Kopf getreten hatte und davon überzeugt war, er habe ihren Fuß erwischt.
An Asmussen gewandt zuckte sie mit den Schultern. Wahrscheinlich würde es nur zu noch mehr Missverständnissen führen, wenn sie versuchte, Dr. Husen zu erklären, was tatsächlich passiert war. Also ließ sie ihn in seinem Glauben.
Der Arzt nahm auf der Sitzbank Platz und winkte Sarah zu sich heran, damit sie ihm den Ausweis des Toten hinhielt. Sie beugte sich vor, er korrigierte den Abstand zwischen dem Ausweis und seinen Augen, las ein paar Worte und übertrug sie auf das Formular, das er genauso dicht vor sein Gesicht hielt, um zu sehen, wo er was eintragen musste. Das Spiel wiederholte sich einige Male, bis er alles übertragen hatte, dann kreuzte er auf dem Formular verschiedene Kästchen an, füllte ein Textfeld aus und versah das Ganze mit seiner Unterschrift. Das Formular zog er unter der Metallklemme hervor, trennte den letzten von mehreren Durchschlägen ab und gab ihn Sarah. »Sie wissen ja, was Sie damit machen müssen«, sagte er, lächelte sie an und steckte das Klemmbrett zurück in seine Tasche.
»Ich hab keine Ahnung«, antwortete sie.
»Nein, nein, der bekommt keinen Durchschlag«, erwiderte Husen und hob mahnend den Zeigefinger. »Darum kümmere ich mich schon. Der bekommt erst mal ein Fax. Damit er Bescheid weiß.«
»Wie bitte?« Sarah stand da und wusste nicht, von wem der Arzt redete und was er verstanden hatte.
»Gerne doch«, sagte Husen, stand auf und stolperte so über den Toten, dass er hingefallen wäre, wenn Sarah nicht im Weg gestanden und ihn an den Armen gepackt hätte.
»Sie können mich dann zurückfahren, Frau Teufel«, sagte er, als wäre nichts weiter passiert.
Sarah fuhr sich frustriert durch die Haare und sah auf den Totenschein. »Herr Husen, wieso haben Sie ›Herzinfarkt‹ als Todesursache notiert?«
»Bitte was?« Er drehte den Kopf ein wenig zur Seite.
»Warum steht da ›Herzinfarkt‹?«, fragte sie und zeigte auf das Formular.
»Ein was?«
»Herzinfarkt«, wiederholte sie lauter.
Er nickte freundlich. »So, wie Sie es gesagt haben. Gut, dass Sie das schon festgestellt hatten.« Er zwinkerte ihr zu. »Da konnte ich mir die Untersuchung sparen.«
»Ich habe das nich festgestellt!«, widersprach sie ihm.
»Nein, nein, ich sagte: Gut, dass Sie das schon festgestellt hatten«, entgegnete er und musterte sie einen Moment lang, dann kratzte er sich am Kopf. »Ich bin ja nich Ihr behandelnder Arzt, aber Dr. Jakobi sollte Sie doch besser mal zum Ohrenarzt überweisen.« Dann tätschelte er ihre Hand. »Is nich bös gemeint, Frau Teufel. Aber ich bin schon so lange Landarzt, da erkennt man die Symptome schnell. Fahren Sie mich nach Hause?«
»Ja, natürlich«, sagte sie resigniert und nahm ihm die Tasche ab, dann gingen sie beide hinter Asmussen her bis zum Bootssteg, begleiteten den Arzt bis an Land, wo Sarah ihm half, in ihr Taxi einzusteigen. Nachdem sie die Tasche neben ihm auf den Sitz gelegt und die Tür zugemacht hatte, drehte sie sich zu Asmussen um, der nur den Kopf schütteln konnte.
»Möchte wissen, ob er auch ›vom Trecker überrollt‹ hingeschrieben hätte, wenn du das als Todesursache genannt hättest, Frau Teufel«, sagte der Fährmann leise, obwohl das gar nicht nötig war.
»Ich fürchte, das hätte er.« Sie atmete tief durch. »Wenn ich ihn zu Hause bei seiner Frau abgeliefert hab, komm ich wieder her. Bestell du den Rettungswagen ab, die sollen nich extra noch herkommen, wenn sie woanders dringender gebraucht werden. Und ruf schon mal Kutzelnigg an.«
»Den Bestatter?«
»Eben den.«
»Wieso?«
»Willst du lieber den toten Herrn Hoffmann noch ein paar Tage durch die Gegend schippern?«
Asmussen zog verdutzt die Augenbrauen hoch. »Besser nich. Dürfte nich gut fürs Geschäft sein.«
»Find ich auch.«
»Geht klar«, versicherte er ihr. »Bis gleich.«
Sie sah sich um, der Nebel war noch etwas dichter geworden, womit die Sicht jetzt bei weniger als zwanzig Metern zu liegen schien. »Wird ›n büschen dauern. Bei der Suppe kann ich nur Schritt fahren.«
Asmussen rieb sich übers Gesicht. »Na gut. Ich komm eh nirgendwohin. Ich werd mal die Brieftasche durchsuchen. Vielleicht find ich ja was, wen man im Todesfall anrufen muss.«
Sarah nickte. »Mach das. Und vielleicht gibt sein Handy ja was her.«
Es dauerte fast eine Stunde, um bei der noch schlechter gewordenen Sicht den Arzt nach Hause zu fahren. Dr. Husen war auf der Rückbank eingedöst, und Sarah hatte ihn erst einmal wecken müssen, als sie bei ihm daheim angekommen war. Seine Frau hatte bereits voller Unruhe am Gartentor auf ihn gewartet und war mit ihm sofort nach drinnen gegangen, während Sarah sich auf den Rückweg zum Hafen gemacht hatte.
Als hätte der Nebel nur darauf gewartet, bis Sarah sich zurück zur Anlegestelle von Asmussens Fähre getastet hatte, begann er sich fast schon im Eiltempo aufzulösen, bis nur noch das Meer jenseits der Molen von einem weißen Schleier verdeckt war. Prompt wimmelte es überall im Hafen von Möwen, die offenbar irgendwo gewartet hatten, bis die Sicht wieder gut genug war, um sich in die Lüfte erheben zu können. Von allen Seiten war das laute Kreischen der Vögel zu hören, die sich auf die tägliche Suche nach Futter begaben.
Asmussen empfing sie mit einem Kopfschütteln, als sie über den Steg auf seine Fähre zurückkehrte. »Kein Handy.«
Sie stutzte. »Auch nich im Gepäck?«
»Gepäck?«
»Koffer? Reisetasche? Dieser Hoffmann wollte doch zum Bahnhof gefahren werden.« Sie sah den Fährmann fragend an. »Wenn man nach Hause fährt, nimmt man eigentlich sein Gepäck mit. Machen jedenfalls die meisten Leute so.«
»Verdüvelt. Der Koffer!« Asmussen klatschte die Hand gegen seine Stirn. »Wo is der Koffer? Der Mann hatte ›nen Koffer.«
»Vielleicht irgendwo druntergerutscht?« Sie ging geduckt über die kleine Fähre und suchte unter den Bänken, konnte aber nichts finden.
»Versteh ich nich.«
»Ich auch nich«, sagte Sarah. »Angenommen, Herr Hoffmann hat tatsächlich einen Herzinfarkt erlitten, warum sollte er dann den Koffer und sein Handy über Bord geworfen haben, ehe er zu Boden sank.«
»Hm. Beim Handy könnt ich mir noch vorstellen, dass es ihm aus den Fingern gerutscht ist, als er Schmerzen bekam. Aber der Koffer…?« Der Fährmann zuckte ratlos mit den Schultern. »Der war verdammt schwer, den konnte man nich mal eben hochheben, dass er über die Reling gerutscht wär.«
»Das is gar nich gut.«
»Wieso?«
Sarah kratzte sich am Ohr. »Weil es sein könnte, dass Hoffmann nich einfach tot umgefallen is, sondern dass ihn jemand … umgebracht hat.«
Es war bereits nach zehn Uhr, als endlich der Bestatter eintraf. Kutzelnigg fuhr mit seinem 67er Cadillac Leichenwagen vor, einem schwarzen, reichlich mit Chrom verzierten Monstrum, endlos lang und breit und eigentlich schon ein bisschen kitschig – dafür aber der ganze Stolz des Bestatters, der in jahrelanger und mühevoller Kleinarbeit einen Haufen Rost in ein solches Prachtstück verwandelt hatte. Irgendwie passte es, dass der Wagen jetzt neben Sarahs New Yorker Taxi parkte.
Die Zeit bis zur Ankunft des Bestatters hatten Sarah und Asmussen genutzt, um mit ihren Smartphones im Internet nach weiteren Informationen über den Toten zu suchen. Aber obwohl sie dank seines Personalausweises seine komplette Adresse und das Geburtsdatum kannten, verlief die Suche nach Armin Hoffmann komplett vergebens. Er tauchte in keinem sozialen Netzwerk auf oder besser gesagt: Es tauchten gleich Dutzende Personen mit diesem Namen auf, aber von denen, die sich irgendwo mit Foto präsentierten, war keiner ihr rätselhafter Toter, und bei den übrigen gab es keine weiterführenden Hinweise. Es war fast so, als würde er gar nicht existieren, zumindest nicht in der digitalen Welt.
»Moin zusammen«, sagte Kutzelnigg, der mit einem schweigsamen und betreten dreinschauenden Helfer zu Asmussen und Sarah auf die Fähre kam. Kutzelniggs leuchtend rote Haare, die er streng nach hinten gekämmt trug, wirkten wie ein Lichtpunkt vor dem schwarzen Hintergrund des Leichenwagens und des schwarzen Anzugs. Zudem unterstrichen sie die Blässe seines Gesichts, die ihn immer ein wenig so aussehen ließ, als wäre er selbst eben erst einem Sarg entstiegen.
»Moin, Herr Kutzelnigg«, erwiderten sie und Asmussen beinahe im Chor, während der Mann sich umsah.
»Wo ist der Kunde?«, fragte er. Als er sah, in welche Richtung die beiden zeigten, schüttelte er prompt den Kopf. »Geht nich.« Er drehte sich zu seinem Helfer um. »Hein, wir müssen den Kunden so von Bord tragen. Sarg passt nich auf den Kahn.«
»Alles klar, Chef«, erwiderte der junge Mann. Der trug die pechschwarzen Haare seltsam asymmetrisch geschnitten, am Hemdkragen lugten die Spitzen einer Tätowierung hervor. Beim Anblick eines eintätowierten Stücks Stacheldraht vermutete Sarah, dass die Tätowierung sehr großflächig ausfallen musste, um zum Stil des Mannes zu passen. Und vielleicht auch ein klein wenig satanisch oder dämonisch.
»Wo soll er eigentlich hin?«, fragte Kutzelnigg, während er zum Heck ging.
»Für die nächste Zeit müssten Sie ihn bei sich lagern«, antwortete Sarah, die so wie alle in Palinghuus den Bestatter siezte. Sie wusste, es war eigentlich nur ein dummer Aberglaube, dennoch kam es ihr etwas seltsam vor, mit einem Mann per Du zu sein, dessen Geschäft der Tod war.
»Für die nächste Zeit? Geht das etwas präziser?«
»Wir wissen nichts über ihn«, sagte sie. »In seiner Brieftasche haben wir nichts gefunden, das weiterhelfen würde. Kein Hinweis, mit wem man Kontakt aufnehmen soll, falls ihm etwas zustößt.«
»Klar. Dafür hat man sein Smartphone.«
»Hat er aber nich.«
»Hat er nich? Ohne so’n Ding is man doch gar nich mehr lebensfähig …« Er unterbrach sich, stutzte und meinte dann: »Was damit bewiesen is. Alea … iacta est.«
»Wenn schon, dann Quod erat demonstrandum«, korrigierte sie ihn und musste lachen. »Handy is abhandengekommen. Genau wie der Koffer.«
Kutzelnigg drehte sich um. »Abhandengekommen? Ich dachte, der Mann hatte einen Herzinfarkt. Dr. Husen hat mir das so gefaxt.«
»Wieso hat er das Ihnen auch gefaxt?«
»Hab ihn drum gebeten, weil der Mann auf offener Straße … See … also in der Öffentlichkeit ums Leben gekommen ist. Formsache«, fügte er mit einer angedeuteten entschuldigenden Miene an. »Also kein Herzinfarkt?«
»Wissen wir nich«, sagte Sarah. »Darum ja die Bitte, dass Sie ihn bei sich … lagern.«
»Hat Husen ihn denn nich untersucht?«
Sarah und der Fährmann schüttelten gleichzeitig den Kopf, dann erzählten sie ihm von den Missverständnissen zwischen ihnen und dem Arzt.
Der Bestatter nickte verstehend und musste unwillkürlich grinsen. »Ah, jetzt wird mir klar, warum er dreimal darauf bestanden hat, dass ich ihn mit Herrn Kutzelnigg persönlich verbinden soll, obwohl ich ihm wieder und wieder erklärt hab, dass ich am Apparat bin.«
»Und? Haben Sie ihn denn ›weiterverbunden‹?«, fragte Sarah ein wenig ironisch.
»O ja. So gut, dass er sich bei mir über meine ›unfreundlichen Mitarbeiter‹ beschwert hat, die ihn einfach nicht zu mir durchstellen wollten.« Er hob die Schultern ein wenig frustriert an. »Aber da muss man halt durch, wenn man’s mit Starrköpfen zu tun hat, die einfach kein Hörgerät tragen wollen.« Er deutete auf den Toten. »Also wissen wir nich, was den guten Mann umgebracht hat.«
»Stimmt«, sagte der Fährmann. »Auf jeden Fall wird er nich auf die Idee gekommen sein, seine Sachen über Bord zu werfen, wenn ihm auf einmal schwindlig wurde.«
»Und wenn er was verschwinden lassen wollte?«, gab der Bestatter zu bedenken.
»Sie meinen … Schmuggelware?« Sarah zog die Augenbrauen zusammen und nickte. »Wär auch denkbar. Wenn er merkt, ihm ist nicht gut …«
»… und er müsste ins Krankenhaus«, ergänzte Asmussen, »dann würde vielleicht jemand den Koffer aufmachen und auf ›n paar Kilo Drogen stoßen.«
»Oder Falschgeld«, sagte Sarah. »Könnte auch sein.«
»Jedenfalls stimmt da was nich«, folgerte Kutzelnigg. »Hören Sie, mein Neffe ist Gerichtsmediziner. Drüben in Flensburg. Wenn Sie wollen, ruf ich ihn an. Dann kann er morgen rüberkommen und mal ›nen Blick auf den Toten werfen. Natürlich völlig inoffiziell.«
»Natürlich«, bestätigte Sarah. »Wär gut, wenn das ginge.«
»Wird schon gehen. Ich hab was gut bei ihm. Jede Menge sogar«, meinte der Bestatter und nickte in die Runde. »Also dann, Hein, schaffen wir den Herrn erst mal von Bord, damit wir ihn einsargen können.«
Der junge Mann stieg über den Toten, um seine Beine fassen zu können. »Wenn’s vielleicht doch kein natürlicher Tod war«, gab Hein zu bedenken und brachte zum ersten Mal an diesem Morgen einen Ton heraus, »müssten wir ihn dann nich liegen lassen, bis die Polizei hier gewesen ist und alles aufgenommen hat?«
»Müssten wir. Sollten wir. Tun wir aber nich«, entschied Kutzelnigg. »Weil nichts passieren wird. Die Polizei wird ´nen Arzt anfordern, das is unser lieber Doktor ›Wie bitte?‹ Husen. Der wird der Polizei natürlich direkt sagen, dass er Herzinfarkt als Todesursache notiert hat, und dann hat sich die Sache für die. Husen müsste erst mal die Todesursache ändern. Vielleicht hast du ja die Geduld, um ihm das zu erklären.«
Hein sah seinen Chef sekundenlang an, dann sagte er: »Bin schon bei der Arbeit, Chef.«
Sie trugen den Toten in den Gang zwischen den Sitzen und wollten schon losgehen, da rief Sarah: »Halt, Augenblick. Was is´ das denn?«
»Was is‹ was denn?«, wollte der Bestatter wissen und blieb stehen.
»Hier«, sagte sie, zog ein Taschentuch aus der Jacke und fasste damit nach dem Objekt, das an der Jacke des Toten hing.
»Eine Feder?«, fragte Asmussen verwundert.
»Eine rote Feder«, betonte Sarah, »die aussieht wie maschinell hergestellt.«
»Wo kommt die denn her?«
»Weiß nich. Aber wir sollten sie vorsichtshalber sicherstellen«, empfahl sie und wickelte die flauschige Feder in das Papiertaschentuch.
»Können wir dann weiter?«, drängte Kutzelnigg. »Tote werden nich leichter, je länger man sie hochhebt.«
»Ja, ja, schon okay«, sagte sie. »Sie rufen an, wenn Ihr Vetter herkommt?«
»Aber ja.« Dann trugen er und sein Helfer den Toten von Bord.
Sarah hockte sich dorthin, wo der Tote gelegen hatte, und sah sich genau um, ob es außer der Feder noch irgendetwas Ungewöhnliches zu entdecken gab. »Nichts. Auch kein Handy.«
»Seltsam, das mit der Feder«, murmelte Asmussen. »Wüsste nich, wo die herkommen sollte.«
»Eben, es geht ja auch kein Wind, dass die von irgendwo an Bord geweht worden sein könnte«, stimmte Sarah ihm zu. Eigentlich wollte sie der Feder keine allzu große Bedeutung beimessen, aber sie war nun mal das Einzige, was hier fehl am Platz wirkte. Da sie ohne das Gepäck und das Handy des Toten vorerst keine Möglichkeit hatten, mit jemandem Kontakt aufzunehmen, der ihnen etwas über das Opfer berichten konnte, was sie mit etwas Glück auf eine Spur gebracht hätte, mussten sie versuchen, mit diesem einen möglichen Beweisstück weiterzukommen.
Sie sah sich auf der Fähre um, ob anderswo irgendetwas Verräterisches oder zumindest Auffälliges zu entdecken war. »Möchte wirklich wissen, wo der Koffer hin is«, sagte sie nachdenklich. »Und was drin war.«
»Und nu?«, fragte Asmussen.
»Und nu? Abwarten, was der Vetter vom Bestatter herausfindet.«
»Können wir nicht irgendwas tun?«, beharrte der Fährmann. »Mir passt das gar nich, dass der auf meiner Fähre tot umgefallen is.«
»War ja nich deine Schuld, Herr Asmussen«, beruhigte sie ihn.
»Weißt du was? Ich fahre noch mal rüber zur Insel. Vielleicht entdecke ich unterwegs ja den Koffer«, überlegte er.
»Gute Idee, ich komme mit.« Sarah streckte sich, im nächsten Moment ging eine SMS ein. Sie las sie und verzog den Mund. »Mitkommen is nich. In zwanzig Minuten hab ich ›nen Fahrgast.«
»Kieken kann ich auch allein«, sagte Asmussen und lächelte sie entwaffnend an.
»Aber fall mir ja nicht ins Wasser, wenn du versuchst, den Koffer an Bord zu ziehen«, warnte sie ihn.
»Wird schon nich passieren.«
»Warte lieber auf mich. Ich ruf an, wenn ich den Fahrgast abgesetzt hab.« Sie lächelte ihn an. »Dann können wir gemeinsam suchen. Du weißt ja, wie das mit den vier Augen is.« Sie verabschiedete sich von ihm und verließ die Fähre.
Als sie in ihr Auto stieg und die Fahrertür zuzog, geriet Wackel-Elvis in Bewegung. »Eine geschälte Banane ist nur die Hälfte wert«, verkündete er, während Sarah den Motor anließ. Ein Blick zur Uhr zeigte ihr, dass sie viel zu früh am Ziel sein würde, andererseits reichte die Zeit auch nicht, um noch einmal nach Hause zu fahren.
Sie fuhr gemächlich in Richtung Dorfmitte los und überlegte, ob sie noch mal am Schlemmerkörbchen anhalten sollte, um den Kaffee zu trinken, auf den sie zuvor verzichtet hatte und den sie jetzt gut gebrauchen konnte. Ohne weiter nachzudenken setzte sie den Blinker und bog links ein, aber erst als sie anhielt, wurde ihr bewusst, dass sie nicht in die Straße am Schlemmerkörbchen abgebogen war, sondern viel früher – und nun stand sie auf dem Hof der Werkstatt ihres Ex!
O verdammt! Wie konnte denn so was passieren? Sie wollte ihm doch aus dem Weg gehen, so oft und so lange das möglich war, und hier und jetzt wäre das sogar sehr gut möglich gewesen.
Das Lenkrad macht, was das Herz will, meldete sich die Stimme in ihrem Kopf spöttisch zu Wort.
»Blödsinn, ich war in Gedanken!«, widersprach sie sich selbst.
Das glaubst du doch selbst nicht!
»Wann bin ich denn das letzte Mal auf eine Leiche gestoßen?«, wollte sie wissen.
Lenk nicht ab.
Plötzlich klopfte jemand gegen die Seitenscheibe, woraufhin sie vor Schreck zusammenzuckte. Die Stimme in ihrem Kopf war verstummt, stattdessen hörte sie ihren Ex reden. Sie kurbelte das Fenster runter.
»Probleme mit dem Wagen?«
»Nein, Probleme mit einem Touristen«, gab sie zurück.
»Einem Touristen? Was ist mit ihm?«
»Er ist tot, James.«
»Oh my god«, murmelte er betroffen. »Wie fühlst du dich?«
»Ganz okay dafür, dass ich eben meine erste Leiche gesehen habe.«
»Kaffee? Eine Schulter zum Anlehnen?«
Kaffee! Nur Kaffee!
»Kaffee reicht völlig«, sagte Sarah und zog eine Augenbraue hoch.
Das war knapp.
»Ach, halt die Klappe«, murmelte sie, da sie darauf achten musste, dass ihr Ex von ihren merkwürdigen Zwiegesprächen nichts mitbekam.
Sie betrachtete James von hinten, als er sie in das kleine Büro in der Werkstatt führte. Er sah immer noch gut aus, daran bestand kein Zweifel. Immer noch durchtrainiert, jede Bewegung so elegant und geschmeidig wie bei einer Raubkatze. Ein fast schon klischeehaft kantiges Gesicht mit markantem Kinn, ganz so, wie fast alle Helden in amerikanischen Liebesromanen beschrieben wurden. Das, was ihn von diesen Helden unterschied, war die Frisur, denn während die fiktiven Lover stets der Mode entsprechend frisiert waren, hatte James von Natur aus einen wüsten Lockenkopf in einem undefinierbaren Mittelblondbraungrau, der sein gutes Aussehen unterstrich. Leider hatte er schon immer die Angewohnheit gehabt, den Friseurbesuch so lange vor sich herzuschieben, bis es ihm so sehr auf die Nerven ging, dass ihm die Haare vor die Augen fielen. Dann erfolgte meistens der radikale Schritt hin zum Bürstenhaarschnitt, sodass man ihn für eine Weile für einen Soldaten halten konnte, vielleicht sogar einen Navy Seal, aber in Wahrheit war er nie beim Militär gewesen. Momentan befand sich seine Frisur in einer Zwischenphase, in der der Bürstenhaarschnitt schon wieder rausgewachsen war und im Ansatz die Locken erneut zum Vorschein kamen.
James war ein Kfz-Mechaniker aus Wisconsin, den es nach Deutschland verschlagen hatte, als er ein original New Yorker Taxi an einen reichen Kunden hatte liefern sollen. Allein und von aller Welt – vor allem aber von seinem Kunden – vergessen hatte er in Bremerhaven am Kai gestanden, im »Gepäck« einen Überseecontainer mit einem aufwendig restaurierten Taxi, das alle Voraussetzungen erfüllt hatte, um in Deutschland für den Straßenverkehr zugelassen zu werden, wenn auch eigentlich nicht als Taxi.
Der Zufall oder das Schicksal oder wer auch immer hatte dafür gesorgt, dass Sarah an diesem Tag sich genau in dieser Gegend verfahren hatte und schließlich auf die Idee gekommen war, ausgerechnet James nach dem Weg zu fragen, ohne zu ahnen, dass er von allen Leuten auf dem Hafengelände am wenigsten eine Ahnung hatte, wohin sie fahren musste, um an ihr Ziel zu gelangen. Aber sie kamen ins Gespräch, und während sie noch versuchte, ihren englischen Wortschatz zu aktivieren, der nicht gerade sehr umfangreich war, überraschte er sie mit einem ziemlich akzentfreien und grammatikalisch erstaunlich richtigen Deutsch. Wie sich dann herausstellte, stammte seine Mutter aus München. Sie hatte sich in einen US-Soldaten verliebt und war ihm in die Staaten gefolgt, als seine Zeit in Deutschland vorüber gewesen war. James und seine zwei Brüder waren alle zweisprachig aufgewachsen, und ihre Mutter hatte sie auch nach der Schule dazu angehalten, deutsche Bücher zu lesen und sich im Internet deutsche Filme anzusehen, um das Erlernte nicht wieder zu vergessen.
Da James den Container wieder zurückgeben musste, wenn er nicht weiter Miete dafür zahlen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als das Taxi herauszuholen und darauf zu hoffen, dass der Käufer doch noch auftauchte. Immerhin hatte er sich darauf verlassen, dass er das Geld bekommen würde. Darum war er nur mit ein paar Dollar in der Tasche hergekommen, weil er den Rückflug vom Verkaufspreis locker hätte bezahlen können. Natürlich hätte er sich das Geld über Western Union schicken lassen können, aber er konnte ja nicht sein Taxi in Deutschland zurücklassen.
Selbst jetzt konnte Sarah nicht leugnen, dass der Funke damals zwischen ihnen sofort übergesprungen war. Sie bot ihm an, für eine Weile bei ihr in ihrer Studentenbude in Münster unterzukommen, bis er alles geregelt hatte. Noch bevor sich herausstellen konnte, dass der ursprüngliche Käufer des Taxis wegen Betrugs und Steuerhinterziehung in Haft genommen worden war und James weiterhin ganz ohne Geld dasaß, hatten sie beide beschlossen zu heiraten. Er verkaufte seine florierende Kfz-Werkstatt mitsamt drei Filialen in Wisconsin für einen so guten Preis, dass sie sich in Palinghuus die alte Windmühle kaufen und nach ihren Vorstellungen umbauen konnten. Wie der Zufall es wollte, konnte James dort eine Autowerkstatt übernehmen, die der letzte Eigentümer aus Altersgründen schon fast aufgegeben hatte. Nachdem sich dann auch noch herausgestellt hatte, dass ein Ein-Frau-Taxiunternehmen in dieser Gegend durchaus Gewinne abwerfen konnte, machte Sarah den Taxischein. Nach einer Petition so gut wie aller Palinghuuser lenkte die Verwaltung schließlich ein und genehmigte ausnahmsweise das New Yorker Taxi für den Einsatz im Großraum Palinghuus.
Alles war bestens gelaufen, bis zu dem Tag an …
»Also?«
Sie schreckte hoch und sah, dass er ihr einen Becher Kaffee hinhielt. Himmel, in welche Richtungen waren denn bloß ihre Gedanken abgeschweift, dass sie nichts mehr um sich herum wahrgenommen hatte? »Also was?«
»Wie es aussieht? Mit dem Toten. Was hatte er? Wieso ist er tot?«
Sarah atmete tief ein und stieß die Luft hastig wieder aus. »Das ist nicht sicher«, sagte sie und berichtete, was sie bislang herausgefunden hatten. »Wie du siehst, ist das nicht viel.« Sofort fiel ihr auf, wie sie in James‹ Gegenwart den Hauch von Platt ablegte, der ihr eigentlich von Kindheit an im Blut lag. Aber weil er ein so gutes Deutsch sprach, fühlte sie sich aus einem unerfindlichen Grund dazu angespornt, keine Buchstaben zu verschlucken und in ganzen Sätzen zu reden.
»Aber ihr habt gute Gründe, von einem Mord auszugehen«, meinte James.
»Findest du?«, fragte sie und verspürte mit einem Mal eine völlig widersinnige Hoffnung. Nur weil James ihre Meinung teilte, war das noch lange kein Grund, sich Chancen auszurechnen, dass sie den Fall würden lösen können. Wenn es überhaupt ein Fall war! Vielleicht gab es eine ganz banale Erklärung dafür, dass Koffer und Handy des Mannes verschwunden waren. Ihr wollte zwar beim besten Willen nichts einfallen, womit sich das erklären ließ, was sie auf Asmussens Fähre vorgefunden hatten. Aber das musste nichts bedeuten.
»Yeah. Aber das sollte die Polizei übernehmen«, fand James. »Wenn es Mord war, wisst ihr nicht, wer der Mörder ist. Also wisst ihr auch nicht, wozu er in der Lage ist. Das ist nicht bloß ein Whodunit, sondern mehr als das. Ist der Täter skrupellos? Geht er über noch mehr Leichen, um für die erste Tat nicht belangt zu werden? Ihr wisst auch nichts über das Opfer. Ist das Opfer vielleicht der wahre Täter? Hat ihn jemand getötet, weil er von ihm drangsaliert wurde? Hat er Verbindungen zur Russenmafia und wurde er ausgeschaltet, weil er auspacken wollte? Hat ein Ehemann den Lover seiner Frau aus dem Weg geräumt? Oder der Geliebte den Ehemann? Oder war es die Ehefrau? Oder der Gärtner?« James grinste sie breit an. »Es heißt doch, dass der Mörder immer der Gärtner ist, nicht wahr?«
»Verdammt, James. Seit wann bist du so vernünftig?«, knurrte Sarah und trank einen Schluck Kaffee, natürlich mit einem Stück Zucker und einem kleinen Schuss Milch, also ganz so, wie sie ihn am liebsten hatte, wenn ihr Ex ihn zubereitete.
»Hast du gedacht, ich hätte aus dem Ganzen nichts gelernt?«, fragte er und sah sie ernst an.
Zu ernst, wie sie fand. Das Kapitel war abgeschlossen, es gab nur noch ein Dutzend Kleinigkeiten zu erledigen, die bloß alles andere als Kleinigkeiten waren, sondern Stolpersteine und Hindernisse von der Größe von Felsbrocken, für die man professionelle Bergsteigerausrüstung benötigte, um sie überwinden zu können.
»Vielleicht irrst du dich ja auch«, sagte sie, ohne auf seine Frage einzugehen. »Vielleicht will ich da nur was sehen, was gar nicht da ist.« Sie fuhr sich durchs Haar und zog die Nase kraus. Alles Anzeichen dafür, dass die Nähe zu James sie nervös machte. »Ich werde abwarten, was diese inoffizielle Untersuchung des Leichnams ergibt. Dann sehe ich weiter.«
»Sei vorsichtig, ja?«, sagte er leise. »Und wenn du Hilfe brauchst, bin ich da.«
Sarah nickte und wich seinem Blick aus. »Ja, ich weiß. Danke, James.« Ihr Handy klingelte. »Taxi Tod und Teufel«, meldete sie sich. »Was kann ich für … ach, Frau Groot, Sie sind das … ja … nein … ich musste noch kurz in die Werkstatt … ja, da klapperte was, was nich klappern soll … genau … fünf Minuten, dann bin ich da. Tschüüs.« Sie legte auf und steckte das Telefon ein, dann trank sie den Kaffee aus. Den wirklich köstlichen Kaffee. »Ich muss los, James. Wir sehen uns heute Abend.«
»Spätestens«, sagte er und zwinkerte ihr zu. »Außer es klappert wieder was, was nicht klappern soll.«
Sie zog eine Augenbraue hoch, aber die Warnung kam nicht an, da er sich lachend einem Transporter widmete, der auf der ganz bis nach oben ausgefahrenen Hebebühne stand.
Der Freitagabend war für Sarah so hektisch verlaufen wie üblich. Als würden die Leute nur darauf warten, dass sämtliche Arztpraxen schlossen und in den Krankenhäusern der Region nur noch die Mindestbesetzung anwesend war, war es so wie meistens gegen sechs Uhr am Abend losgegangen, dass jemand ins Krankenhaus gefahren werden wollte, weil ihn irgendetwas plagte.
Der erste Krankenhauspatient war am gestrigen Abend ein Heimwerker gewesen, der mit der Nagelpistole aus irgendwelchen Gründen nicht die Wand, sondern seinen Fuß anvisiert hatte. Dann war da noch die Mutter gewesen, der das Fieber gar nicht gefiel, unter dem ihre Tochter litt, außerdem war auch Pieter Swartmann wieder unter ihren Kunden, der sich mindestens alle zwei Wochen am Freitag bei ihr meldete und dringend ins Krankenhaus musste, obwohl erwiesen war, dass ihn keines der behaupteten Leiden heimgesucht hatte. Auch wenn Sarah davon wusste und von den Ärzten im Krankenhaus dazu angehalten worden war, Swartmann beim nächsten »Notruf« warten zu lassen, bis er sich von selbst wieder besser fühlte, würde sie den Teufel tun, ein solches Risiko einzugehen. Schließlich wollte sie sich keine unterlassene Hilfeleistung vorwerfen lassen, sollte dem Mann ausgerechnet dann tatsächlich etwas fehlen.
So wie jeden Samstag hatte James zum Frühstück Pancakes nach original amerikanischem Rezept gebacken und mit einem Stich Butter und einer großzügigen Portion Ahornsirup serviert. Obwohl Sarah meistens darum bemüht war, sich gesünder zu ernähren als noch vor ein paar Jahren, konnte sie zu dieser süßen Versuchung nicht Nein sagen. Dafür verzichtete sie auch auf ihre morgendliche Joggingrunde, die sie aber ohnehin längst nicht so akribisch nachhielt, wie sie es hätte tun sollen. Vielleicht, wenn sie jemanden gehabt hätte, der mit ihr gejoggt wäre … James hatte das kategorisch abgelehnt, egal wie oft sie einen Anlauf unternommen hatte. Seit ein paar Jahren argumentierte er damit, dass der Erfinder des Joggings beim Jogging gestorben sei und er keine Lust habe, dem Mann nachzueifern.
Allerdings konnte James auch ohne Probleme aufs Joggen verzichten, da er den ganzen Tag über körperlich anstrengende Arbeiten erledigen musste, während sie die meiste Zeit des Tages im Taxi sitzend verbrachte. Es war wie so oft im Leben einfach nur ungerecht verteilt. Aber dann hatte James ihr den Teller mit den Pancakes hingestellt, und prompt waren alle Gedanken an Strapazen und ans Jogging vergessen gewesen.
Später am Morgen saß sie am Esstisch in ihrer im Landhausstil eingerichteten Küche und rechnete die Einnahmen zusammen, als es an der Haustür klingelte. Sie sah zur Wanduhr. Halb elf. Das konnte der Postbote sein, ansonsten erwartete sie niemanden. Selim war zwar gebürtiger Iraner, aber er lebte seit seiner Kindheit hier oben im Norden und beherrschte das ostfriesische Platt fast besser als die Nachbarn, die seit Generationen hinterm Deich zu Hause waren. Als wäre das nicht schon originell genug, hatte er vor Jahren auch noch eine Dorftheatergemeinschaft ins Leben gerufen, deren Aufgabe es war, den Dialekt zu pflegen, damit er nicht in Vergessenheit geriet.
